1 Vorbemerkungen
Liest man "Evangelium und Gesetz" (Barth, 1935 1 ), bekommt man aufgrund der zahlreichen Pauluszitate den Eindruck, mit Barth der "paulinischen Systematik" sehr nahe zu kommen. Dieses genauer zu untersuchen, soll Ziel dieser Arbeit sein. Vorweg sei bemerkt, daß sich diese Beschreibung der Systematik Barths ausschließlich auf sein Werk Evangelium und Gesetz bezieht. Es kann nicht Anspruch dieser Arbeit sein, die komplette Systematik von Barth zu entfalten. Ebensowenig erhebt diese Arbeit den Anspruch, eine Systematik des Paulus in letzter Konsequenz zu entwickeln.
Das Vorgehen dieser Arbeit gliedert sich in drei Schritte. Zuerst wird eine Sammlung der von Barth verwendeten Bibelzitate aufgestellt um zu zeigen, dass paulinische Zitate den größten Anteil haben. Als nächstes geht es darum, die von Barth in "Evangelium und Gesetz" entwickelte Systematik zu beschreiben. Hierfür werden einzelne Passagen seines Werkes zusammengefasst und im Überblick dargestellt. Ein kurzes Fazit am Ende dieser Darstellung soll die Frage nach Gesetz und Evangelium (oder umgekehrt) zusammenfassen. In einem dritten Teil wird versucht, anhand der Galatertexte eine Systematik des Paulus zu erstellen, die in einem Fazit mit der des Barth verglichen wird.
2 Bibelzitate in "Evangelium und Gesetz"
Tabellarische Aufstellung der Zitate 2 und Verweise (Verweise sind kursiv hervorgehoben 3 ) 4
1 K. BARTH, Evangelium und Gesetz, in: Theologische Existenz heute, Bd. 2, Reprint der Hefte 1 - 77, erschienen 1933 - 1941, K. BARTH und E. THURNEYSEN (Hrsg,) München 1980
2 Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Seitenzahl der in der Literaturliste angegebenen Ausgabe von "Evangelium und Gesetz".
3 Bei Verweisen handelt es sich um Stellen, bei denen sich Barth auf einen biblischen Text bezieht, ohne ihn explizit zu zitieren.
4 Die Aufstellung führt nur die Stellen auf, die explizit im Text als Zitat oder Verweis gekennzeichnet sind.
5 oder deuteropaulinisch.
Eine rein quantitative Untersuchung der verwendeten biblischen Texte in Form von Zitaten und Verweisen ergibt neunundsechzig Fundstellen, von denen alleine vierundvierzig aus jenen paulinischen Briefen stammen, in denen Paulus am deutlichsten seine Theologie ausbreitet. In einem nur dreißig Seiten starken systematischen Aufsatz ist allein die hohe Anzahl der verwendeten Zitate und Verweise schon ein Hinweis darauf, dass der in Evangelium und Gesetz von Barth dargestellte systematische Entwurf als Ergebnis exegetischer Arbeit verstanden werden will.
Bei den verwendeten alttestamentlichen Fundstellen handelt es sich fast ausschließlich um Verweise. Abgesehen von dem Psalmzitat auf Seite acht (Ps 91,1) verwendet Barth kein alttestamentliches Zitat zur Untermauerung seiner Systematik; das ist darin begründet, dass Barths Systematik ausschließlich christozentrisch ist 6 .
Das eben erwähnte Psalmzitat benutzt Barth, um den Gang des Menschen unter der Gnade darzustellen; dass er hierfür - neben einem Zitat aus dem Gala-
6 Vgl. 3.6.1.2
terbrief (Gal 2,19 f, vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 8) - ein alttestamentliches Zitat benutzt, liegt darin begründet, dass Barth zwar vom Verhältnis des Evangeliums zum Gesetz redet, nicht aber vom Verhältnis des ersten Testamentes zum zweiten. Zwischenbilanz:
Barths Werk Evangelium und Gesetz gründet sich auf exegetischer Erarbeitung der nach Barths Verständnis relevanten Bibelstellen. Mit der Untersuchung vom Verhältnis des Evangeliums zum Gesetz ist nicht gleichzusetzen, eine Untersuchung des Verhältnisses vom ersten Testament zum zweiten.
3 Teildarstellung der Schrift Evangelium und Gesetz
Evangelium und Gesetz läßt sich m. E. in drei große Bereiche einteilen: 1. Evangelium 2. Gesetz 3. Wahrheit - Wirklichkeit
3.1 Negativum - Positivum
Die Bereiche Evangelium und Gesetz werden nachfolgend genauer beschrieben. Danach findet sich eine kurze Zwischenbilanz, bevor Wahrheit und Wirklichkeit abgehandelt wird.
3.2 Herkunft des Evangeliums, Verhältnis zum Gesetz
Nach Barth ist die Reihenfolge Evangelium und Gesetz die einzig zulässige. Wer von Gesetz und Evangelium als des Gesetzes Konsequenz spricht, redet nicht vom Gesetz Gottes und somit auch nicht vom Evangelium Gottes. Dies begründet Barth damit, dass das Gesetz der Verheißung erst nach über vierhundert Jahren folgt (vgl. Gal 3,17). Dadurch, dass das Gesetz der Verheißung folgt, folgt dem Gesetz die Erfüllung der Verheißung. In der Erfüllung der Verheißung aber liegt die Erfüllung des Gesetzes. Das Gesetz ist im Evangelium, vom Evangelium her und auf das Evangelium hin (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 3). Aus diesem Grund muss Evangelium vor dem Gesetz erläutert werden.
3.3 Inhalt des Evangeliums
Der Inhalt des Evangeliums ist Gottes Gnade. Das Evangelium selbst istwie das Gesetz - Wort Gottes. Das Wort Gottes hat drei charakteristische Eigenschaften:
1. Das Wort Gottes ist Wort der Wahrheit 7 . Selbst wenn Gesetz und Evangelium als Begrifflichkeit eine Zweiheit darstellt, sind beide doch Wort Gottes und somit Wort der Wahrheit.
2. Die Einheit des Wortes Gottes wird darin erwiesen, "daß es immer Gnade, d. h. freie, unverschuldete und unverdiente göttliche Güte, Barmherzigkeit und Herablassung ist [...]" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 4) 3. Wort Gottes ist auch inhaltlich, unabhängig davon, was es sagt, Gnade. Durch den besonderen Inhalt des Evangeliums, der Gnade, erweist sich dessen Priorität vor dem Gesetz, auch wenn letzteres ebenfalls Wort Gottes und somit, nach 2. ebenfalls Gnade ist.
Der besondere Inhalt des Evangeliums ist also die Gnade. Die Gnade heißt und ist Jesus Christus, da das Wort Gottes in ihm zu Fleisch wurde, nicht, sich zu Fleisch wandelte. Denn dadurch, dass es zu Fleisch wurde und sich nicht wandelte blieb Gott, was er ist und nimmt zusätzlich zu seinem Gottsein hinzu die Eigenschaften des Menschsein.
"Nein, das Wort ward Fleisch, das heißt: ohne aufzuhören, Gott zu sein, nahm es zu seinem Gottsein hinzu und in sich auf zu unauflöslicher, aber auch unvermischter Einheit mit sich selber unser Menschsein und zwar wohlverstanden: Unser Menschsein in seiner durch die Sünde verfinsterten und zerstörten Gestalt [...]. Das ist Gottes Gnade, daß er nicht nur unser aller Menschsein gibt, sondern in Jesus Christus Gottes eigenes Menschsein, das Menschsein seines Wortes und in ihm, in dieser seiner Erniedrigung zu unserer Niedrigkeit die Gegenwart seines Gottseins für uns Andere, unser Anteil an seinem Gottsein, unsere Erhebung zu ihm. (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 5)
Das Fleisch gewordene Wort Gottes, Jesus Christus, hat die Nöte des Fleisches getragen, wie jeder Mensch, auch die Strafe des Fleisches (vgl. S 5). Die Strafe des Fleisches ist der Tod. Die Ursache der Strafe ist die Sünde. Sünde ist Eigenmächtigkeit des Menschen. Eigenmächtigkeit ist Gottlosigkeit. Jesus hat diese Eigenmächtigkeit für uns überwunden. "Er hat ganz einfach geglaubt." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 6). In diesem Glauben trug Jesus Christus unsere Strafe. Indem Christus aber die Strafe annahm und das 'Gerichtet-
7 Barth zitiert an dieser Stelle Jak 1,17 f
sein' des Menschen nicht verleugnete, wurde er von Gott gerechtfertigt. Der reale Vollzug der Rechtfertigung ist Christi Auferstehung. Für uns bedeutet das, dass unser Lebensende, sofern wir von unserem Leben sprechen, den Tod bedeutet; sofern aber wir von Christus in uns sprechen, die Auferstehung.
"Also: Gottes Gnade - seine Gnade für unser Menschsein, die Güte, Barmherzigkeit und Kondeszendenz, in der er unser Gott ist und als solcher sich unserer annimmt - ist Jesus Christus, er selber und ganz allein." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 7)
Somit besteht der Inhalt des Evangelium in der Gnade, die sich darin äußert, dass Christus für uns eintritt. Gnade wird einem Menschen erwiesen, weil Christus für den Menschen eintritt. Die Annahme dieser Gnade bedeutet, dass der Mensch nicht mehr sich selbst zur Gerechtigkeit lebt, sondern mit Christus gekreuzigt wurde und nun Christus in ihm lebt.
3.4 Gesetz
Auch hier spielt Christus eine zentrale Rolle. Christus ist - nach Barth - ge-horsam gegen das Gesetz gewesen. Da Christus die "erschienene Gnade Gottes" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 9 zitiert hier Tit 2,11) war und gleichzeitig das Gesetz gehalten hat, muß nach Barth die Definition von Gesetz diese Aussage als Basis nehmen. Damit ist Gesetz nicht als ein Zweitrangiges zu betrachten, etwa so, dass man auf das Gesetz als etwas sich selbst überworfenes blicken könnte. "Das Gesetz ist der offenbarte Wille Gottes." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 9), nur ist der Mensch nicht in der Lage, mit seiner Erkenntnis die Offenbarung zu verstehen. Das Gesetz ist ebenfalls Wort Gottes. Dieses Wort Gottes aber ist Gnade und in Christus Fleisch geworden. Da Christus den Menschen offenbart worden ist, ist mit Christus das Gesetz offenbart worden, und zwar auf die Weise, dass es mit Christus und in Christus verstanden werden kann; denn, wenn der Mensch Christus kennt, hält er seine Gebote.
"'An dem merken wir, daß wir ihn kennen: so wir seine Gebote halten... (1 Joh 2,4f)'. Ja, und auch die Kirche wäre nicht die Kirche, wenn nicht schon in ihrer Existenz, aber auch in ihrer Lehre und ihrer Haltung das Gesetz Gottes, seine Gebote, seine Fragen, seine Mahnungen, seine Auflagen sichtbar und greifbar würden auch für die Welt, für Staat und Gesellschaft..." BARTH, Evangelium und Gesetz, S 11
Wird die Gnade (in und durch Christus) unter den Menschen kund, wird somit das Gesetz aufgerichtet. Das Gesetz Gottes ist auch im Auftreten der Kir- che, in ihren Sakramenten, ihrer Predigt, ihrem Bekenntnis vertreten. Verkündet
die Kirche die kommende Herrschaft Jesu, verkündet sie die Gehorsamsforderung gegen das Gesetz Jesu. "Wir würden, obwohl das Gesetz nicht das Evangelium ist, ohne das Gesetz tatsächlich auch das Evangelium nicht haben." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 12).
Nach Barth (vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 13) ist das Gesetz die notwendige Form des Evangeliums. Auf die Frage, was Gott denn nun von uns Menschen wolle mit seinem Gesetz, gibt Barth die Antwort: Ihr sollt (werdet) glauben. Gnade ist ein Anspruch an den Menschen, an den kommenden und gekommenen Christus zu glauben. Alle Gebote werden vom Menschen gehalten, wenn sie Glauben an Christus finden. Somit müßte man, auch wenn sich diese Aussage in Evangelium und Gesetz nicht findet, vom Gesetz im Evangelium sprechen.
3.5 Zwischenbilanz
Wer von Evangelium spricht, muß eigentlich eher vom Inhalt des Evangeliums sprechen. Nach Barth ist der Inhalt des Evangeliums die Gnade Gottes, die sich in Christus offenbart. Die Gnade besteht darin, dass Christus für den Menschen eintritt und seine Schuld auf sich nimmt. Wer vom Gesetz spricht, spricht vom geoffenbarten Willen Gottes. Gesetz kann jedoch nicht für sich betrachtet werden, sondern nur im Zusammenhang mit dem Evangelium. Das Gesetz weist auf das Evangelium und somit auf Christus. Das Gesetz ist nicht minder Wort Gottes. Ein Wort Gottes ist aber immer Gnade. Da dieses Wort in Christus Fleisch geworden ist, ist in Christus die Gnade Fleisch und das Gesetz aufgerichtet worden. Die völlige Befolgung des Gesetzes ist in Christus geschehen.
3.6 Wahrheit - Wirklichkeit
In diesem Abschnitt seines Werkes behandelt Barth die Wirklichkeit von Evangelium und Gesetz.
3.6.1 Wirklichkeit des Evangeliums / des Gesetzes
Der Wirklichkeit des Evangeliums und des Gesetzes entspricht es, dass beides in die Hände von sündigen Menschen gegeben ist. Die Sünde des Menschen besteht in der Tatsache, dass er nicht für sich selbst eintreten kann, dieses aber will:
"Ist diese Vergebung darin begründet, daß Gott selbst, an unsere Stelle tretend, für uns tut, was vor ihm recht ist, dann besteht unsere Sünde darin, daß wir für uns selbst zwar nicht eintreten können, wohl aber eintreten wollen." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 16)
Wenn Gott nun - trotzdem wir Sünder sind - seine Gabe (Evangelium und Gesetz) in unsere Hände legt, bedeutet das zweierlei, etwas positives und etwas negatives. Da nach Barth (vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 16) das positive aus dem negativen resultiert, betrachtet er zuerst das negative
3.6.1.1 Negativum
Die Sünde bedient sich des Gesetzes, verkehrt es und macht es sich zu eigen; denn erst durch das Verbot einer Sache, wird das Begehren nach dieser Sache geweckt. Für Barth ist es an dieser Stelle wichtig, daran zu erinnern, dass es sich bei dem Gesetz um ein geistliches Gesetz handelt. Aus diesem Grund geht es, wenn wir von Begehren sprechen, nicht um moralisch verwerfliche Begehren, was die Kirche nach Barth zu oft und zu gerne daraus gemacht hat (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 17), sondern um das geistliche Begehren. Obwohl wir im Gesetz lesen können, erkennen wir unsere Sünde nicht; gerade hierin liegt ein Hauptproblem vor: wir übersehen den geistlichen Charakter des Gesetzes, orientieren uns am Buchstaben und bemühen uns um eine moralisch-ethische Umsetzung des Buchstabens in Taten, anhand derer wir uns selbst bestätigen können.
"Warum ist das so? Warum erkennen wir nicht, was wir doch im Gesetz lesen können? Das eben ist der Betrug der Sünde: von Haus aus beschäftigt damit, uns selbst zu behaupten und zu vertreten, verdecken wir uns selbst das Größte, das entscheidende im Gesetz, den Inhalt, dessen Form es nur ist, die heilende und heiligende Gnade, um unterdessen mit Hilfe seiner Buchstaben, weil sie doch göttliche Buchstaben sind, sie alle zu beachten und ihnen nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden, uns selbst zu stärken, zu bestätigen, zu erhöhen, als würdige Mitarbeiter Gottes darzustellen." BARTH, Evangelium und Gesetz, S 18) Des Menschen Leben in Unkenntnis ("Unwissenheit", vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 19) ist keinesfalls Entschuldigung für Sünde sondern bedeutet Ungehorsam; Ungehorsam, weil Gott die Unterwerfung des Menschen unter seine Gnade, die durch Christus Fleisch wurde (vgl. 3.3) einfordert, diese Unterwerfung aber nicht stattfindet, da der Mensch sich selbst anhand der Buchstaben des Gesetzes aufzurichten versucht. Aus der Zusage "Du wirst" (vgl. Mt 5,48) macht der Mensch ein auf Moral und Ethik reduziertes "Du sollst". Dieses hat Konsequenzen für das Evangelium. Da das Gesetz im Evangeli- um ist und das Gesetz die notwendige Form des Evangelium ist (vgl. 3.4) wird das
Evangelium korrumpiert. Die Gnade, die in Christus ist, wird von uns dazu benutzt, uns bei unseren "Selbstgerechtmachungen" Deckung zu geben.
"Jesus Christus, der große Kreditgeber, der gerade gut genug ist, uns zu unseren eigenen Gerechtigkeitsunternehmungen die nötige Deckung zu geben! Dies ists, was hier aus der Gnade, aus dem Evangelium wird. [...] Hier wird die Gnade weg-geworfen, hier ist Christus umsonst gestorben (Gal 2,21)." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 22)
In dieser "Entstellung" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 22) ist der angebliche Gehorsam gegen das Gesetz, der zur Selbstrechtfertigung führen soll, jeder "Verfälschung" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 22) ausgesetzt. Hier kann man nicht mehr von Glaube an Gott / Jesus Christus sprechen; hier geht es um eine Art Naturrecht, eine abstrakte Vernunft, ein "Volksmonos" (in Anlehnung an "Volksmonoi", BARTH, Evangelium und Gesetz, S 22). 8 Das Resultat ist ein Wandel zwischen Nomismus und Antinomismus, ein Rückfall in den "Elementedienst der Heiden" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 23).
Trotzdem nun der Mensch dem Anspruch Gottes nicht nur nicht gerecht wird, sondern ihm auch noch "spottet", bleibt der Anspruch Gottes bestehen. Die Rechtfertigung durch Gott haben wir abgelehnt und unsere eigene ist uns nicht gelungen (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 24). Das Resultat ist die Anfechtung. Sie entsteht, wenn wir "[...] aus dem Rausch unseres Kraft der Sünde angesichts des Gesetzes aufgeschossenen Begehrens erwachen und sehen müssen, daß sich am Gesetz und seiner Forderung nichts geändert hat." (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 24) Nicht nur die Sünden, sondern auch die guten Werke sind sündig, da sie dem Willen der Selbstrechtfertigung entstammen und somit gegen Gott sind.
3.6.1.2 Positivum
Das Negativum ist entstanden, weil Gott sein Gesetz und sein Evangelium in die Hände von Sündern gegeben hat; doch gerade weil Evangelium und Gesetz in sündige - nämlich unsere - Hände gelegt worden ist, wirkt es nun um so mehr.
8 M. E. spielt Barth auf die Theologie der DEK an. Man beachte hierbei, dass die Abhandlung Evangelium und Gesetz ursprünglich 1935 in Barmen gehalten werden sollte, jener Stadt, wo die Barmer theologischen Erklärungen (1934) klare Stellung gegen die Theologie und Kirchenpolitik der DEK und des sog. geistlichen Vertrauensrates bezogen hat. Vgl. hierzu z.B. BÜLOW, VICCO VON, Otto Weber.
"Siehe, ich mache alles neu" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 27 zitiert hier Off. 21,5) ist der zentrale Satz, mit dem Barth die Begründung seines Positivum einläutet. Vor diesem "Ich" kann sich kein Fleisch rühmen (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 27). Dieses "Neumachen" kommt von Christus und setzt an der Stelle ein, wo der Mensch sich in seinem Ungehorsam vor Gott unmöglich gemacht hat, denn mit Hilfe und zur Ehre Gottes haben wir Christus ans Kreuz geschlagen (BARTH, Evangelium und Gesetz, S26). Die Auferstehung Christi, nachdem wir ihn ans Kreuz genagelt haben, ist der Sieg der Gnade über die Sünde und damit der Sieg des Evangeliums, was ja Gnade ist (vgl. 3.3). Die größte Sünde, der Mißbrauch des Gesetzes, wird beigelegt durch den Sieg des Evangeliums, den Sieg des Kreuzes. Dieser Sieg ist nach Barth (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 27) unter drei Gesichtspunkten zu betrachten: 1. Jesus Christus macht das Gericht, in welches uns das mißbrauchte Gesetz Gottes stellt. Christus offenbart sich als Heiland durch das Gesetz. Hier ist auch die Reihenfolge Gesetz und Evangelium gerechtfertigt, da vor der Erlösung durch das Evangelium das Gesetz den Tod bringt. Wenn uns Christus durch das uns richtende Gesetz offenbar wird und wir an ihn glauben, dann hat unser Glaube die Erkenntnis unserer Sünde und die Gewißheit um deren Vergebung. Dieses führt zur Auferstehung. 2. Die Gnade Gottes macht uns durch und in Christus frei vom Gesetz der Sünde und des Todes. Die Angst, das Gesetz Gottes nicht halten zu können und darum verdammt zu werden, verliert an dieser Stelle an Bedeutung. Die Rechtfertigung muß und kann nicht aus menschlicher Leistung (aus dem Werk) resultieren, sondern entstammt der Gnade Gottes in Jesus Christus; da er uns rechtfertigt, müssen wir nicht unsere Rechtfertigung selbst erwirken, wozu wir nicht in der Lage sind. Durch den Sieg der Gnade, des Evangeliums wird auch das Gesetz aufgerichtet, da es nun nicht mehr den Stachel der Sünde hat und den Tod bringt, sondern das Gesetz ist seinem eigentlichen Ursprung, Offenbarung dessen zu sein, der alles wohl macht, wieder gleich geworden (vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 29).
3. Die Gnade Gottes gibt selbst, was wir brauchen. Der Mensch ist nicht genötigt, der Gnade hinterherzulaufen bzw. sich die Gnade zu verdienen, sondern die Gnade bringt mit, was sie braucht: Den Geist der Kraft, an
ihm zu hängen, den Geist der Liebe, der die Erfüllung des Gesetzes ist und den Geist der Zucht, der uns den Zweifel vergessen läßt (vgl. BARTH, Evangelium und Gesetz, S 30)
4 Fazit zum Verhältnis Evangelium und Gesetz bei Barth
Sowohl Evangelium und Gesetz sind Worte Gottes und somit nach Barth Worte der Gnade. Der Mensch befindet sich jedoch in dem Zwiespalt, einerseits dem Gesetz gerecht werden zu wollen, andererseits sich selbst aufrichten zu wollen. Hier hat die Sünde eine besondere Funktion. Sie bewirkt durch das Wecken von Begehren, dass der Mensch sich des Gesetzes bedient um sich selbst aufzurichten. Durch diese Selbstaufrichtung ist der Mensch jedoch gegen Gott Unge-horsam, denn Gott fordert, dass der Mensch sich der Gnade Gottes unterwirft. Obwohl nun sowohl Gesetz als auch Evangelium Gnade sind, führt das vom Menschen mißverstandene Gesetz zum Tod. Wichtig hierbei ist, dass das Gesetz an sich gut ist und bleibt - schließlich ist es Wort Gottes und somit Gnade - und seine zerstörerische Funktion nur durch die Sünde erhält. Das Evangelium ist in besonderer Weise stark, da es in besonderer Weise die Gnade zum Inhalt hat. Zwischen Gesetz und Evangelium entsteht eine Spannung, da zwar beide Worte Gottes sind, das Gesetz aber vom Menschen zur Selbstrechtfertigung benutzt und somit entehrt wird, während das Evangelium nun in einem besonderen Dienst der Gnade den Menschen, der durch das Gesetz vor dem Gericht steht, vor dem Gericht rechtfertigt. Die Systematik Barths scheint mir in Bezug auf das Verhältnis von Evangelium und Gesetz ein dialektisches zu sein. Beides ist gut, beides ist von Gott aber das eine, das Gesetz, wird vom Menschen falsch verstanden und das andere, das Evangelium, rettet den Menschen nun davor, durch das falsche Verständnis des Gesetzes letztendlich und für alle Zeit gerichtet zu sein. Dadurch nun, dass das Evangelium den Menschen rettet und ihm die Last nimmt, sich selbst durch das Gesetz vor Gott zu rechtfertigen, hat die Sünde keine Macht mehr, das Gesetz zu mißbrauchen. Das Gesetz kehrt somit zu seiner ursprünglichen Bedeutung bzw. seinem ursprünglichen 'gut-sein' zurück.
Der Mensch, der an sich Sünder ist, lebt nun in diesem Spannungsverhältnis von Gesetz und Evangelium. Das halten des Gesetzes ist nun für Barth nicht un- wichtig, beschränkt sich aber nicht auf moralische oder ethische Werte, da es sich
bei dem Gesetz nicht um ein ethisch-irdisches, sondern um ein geistliches handelt. Alle Gebote aber werden vom Menschen gehalten, wenn sie Glauben finden. Die primäre Ausrichtung des Menschen soll und muss das Evangelium sein, denn nur durch die Unterwerfung unter das Wort Gottes, das in Christus Fleisch geworden ist, nur durch die Unterwerfung unter die Gnade hat die Sünde keine Kraft mehr, das Gesetz zu mißbrauchen. Somit ist das Gesetz, das zwar einerseits parallel zum Evangelium Gültigkeit hat, erfüllt erst im Evangelium.
5 Verhältnis Gesetz - Evangelium bei Paulus
Vor der Untersuchung des Verhältnisses von Evangelium und Gesetz ist es sinnvoll, den Begriff des Gesetzes (νοµος) und dessen Verwendung bei Paulus kurz einführend zu untersuchen:
Der Begriff νοµος bietet bei Paulus insgesamt 68 Fundstellen, wovon 13 der genannten Stellen in deuteropaulinischen Briefen zu finden sind (Eph 2,15; 1Ti 1,8; Hb 7,5.12.16.19.28; Hb 8,4.10; 9,19; 10,1.8.28). Von den übrigbleibenden 55 Fundstellen befinden sich 6 nicht im Römer- oder Galaterbrief (Phl 3,5.9; 1Kor 9,8.20; 14,21; 15,56). Die übrigbleibenden 49 Fundstellen verteilen sich auf die beiden Briefe Römer und Galater (29 x Römer, 20 x Galater). Phl 3,5 ist eine Kurzbiographie des Paulus. Er bezeichnet sich dort als untadelig nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert. Phl 3,8 steht in diesem Zusammenhang und erwähnt, dass Paulus nicht seine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, aufrichten will.
1Kor 9,8.20 steht im Zusammenhang der Frage nach dem Recht des Apostels Paulus. Beide Stellen entfalten keine "Systematik" des Gesetzes. 1Kor 14,21 steht im Kontext einer Rede über die verschiedenen Gaben in der Gemeinde und entfaltet ebenfalls keine systematische Betrachtung des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium. 1Kor 15,56 spricht zwar von dem Gesetz als Kraft der Sünde (η δε δυναµις της αρµατιας ο νοµος 15,56b), führt dies aber nicht systematisch aus.
Aufgrund der o. g. Betrachtungen ist es für die Einschätzung des Verhältnisses von Evangelium und Gesetz bei Paulus gerechtfertigt, sich auf die beiden Briefe Römer und Galater zu beschränken, wie es im Seminar geschehen ist. Da
sich diese Hausarbeit 9 als Ausarbeitung meiner beiden Referate versteht, wird sich die Untersuchung im folgenden auf den Galaterbrief beschränken.
Betrachtungen im Galaterbrief 10 5.1
Γνωριζω γαρ υµιν, αδελφοι, το ευαγγελιον το ευαγγελισϑεν υπ'
εµου οτι ουκ εστιν κατα ανϑρωπον. ουδε εγω παρα ανϑρωπου παρεβαλον α υτο ουτε εδιδαχϑην, αλλα δι' αποκαλυψεως Ιησου Χριστου (Gal 1,11f)
Ich lasse euch nämlich wissen, Brüder: Das von mit gepredigte Evangelium ist nicht gemäß einem Menschen. Auch habe ich es nicht von einem Menschen empfangen oder bin es gelehrt worden, sondern aufgrund der Offenbarung Jesu Christi [habe ich es empfangen] 11 .
Dieses Zitat erscheint insbesondere als Anfang der Darstellung des paulinischen Verständnisses von Gesetz und Evangelium wichtig, da es die Grundlage der paulinischen Predigt darstellt. Paulus beruft sich eben nicht auf menschliche Erkenntnis für das folgende, sondern auf eine Offenbarung, die ihm durch Jesus Christus gegeben wurde; eben keine menschliche, sondern eine göttliche Autorität. Die Autorität des Paulus ist unabhängig von den in 2,6 erwähnten δοκουντες. 12
Einen Einstieg in die Problematik Evangelium - Gesetz findet sich bereits in Kapitel zwei, eingeleitet durch den sog. antiochianischen Streit zwischen Petrus und Paulus. Dort greift Paulus das falsche Verhalten Petrus an, der solange mit den Heiden Tischgemeinschaft hatte, bis einige von Jakobus (τινας απο Ιακωβου 2,12) kamen.
Bereits in 2,16 erwähnt Paulus, dass der Mensch nicht aus dem Gesetz gerecht werden kann, ohne dass dies vorher eine systematische Darstellung erführe. Gerade 2,16 ist in der Übersetzung schwierig:
εiδοτες [δε] οτι ου δικαιουται ανϑρωπος εξ εργων νοµου εαν
µη δια πιστεως Ιησου Χριστου και ηµεις εις Χριστον Ιησουν επιστευσαµεν, ινα δικαιωϑωµεν εκ πιστεως Χριστου και ουκ εξ εργων νοµου, οτι εξ εργων νοµου ου δικαιωϑησεται πασα σαρξ.
Indem wir aber wissen, dass ein Mensch nicht gerecht wird aus den Werken des Gesetzes, sondern nur (sondern vielmehr / es sei denn) durch den Glauben an
9 Siehe Vorwort
10 Fundstellen: Gal 2,16.19.21; 3,2.5.10.11.12.13.17.18.19.21.23.24; 4,4.5.21; 5,3.4.14.18.23; 6,2.13
11 In eckige Klammern gesetzte Übersetzungen finden sich nicht im Text und sind von mir nur zur Erläuterung hinzugefügt.
12 Näheres hierzu vgl. LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOU- GA, F., An die Galater, Tübingen 1998.
Jesus Christus, und wir sind in Christus Jesus zum Glauben gekommen, damit wir aus dem Glauben an Christus und nicht aus Werken des Gesetzes gerecht werden, weil aus Werken des Gesetzes nicht gerecht wird alles Fleisch. 13
Hauptproblemstelle ist das εαν µη: Die Übersetzung sondern nur / es sei denn legt nahe, dass aus den Werken des Gesetzes keine Rechtfertigung kommen kann. Diese Übersetzung wird durch den Schlusssatz (οτι εξ εργων νοµου ου δικαωϑησεται µαπα σαρξ) gestützt.
Eine weitere Problemstelle bietet der Genitiv Ιησου Χριστου aus zwei Gründen: Erstens ist die Stelle textkritisch, zweitens stellt sich die Frage, ob der Genitiv als subiectivus (durch den Glauben, den Jesus Christus hatte) oder obiectivus (durch den Glauben an Jesus Christus) zu übersetzen ist. Die gleiche Frage stellt sich in dem mit ινα eingeleiteten Bedingungs- bzw. Folgesatz. Eine im deutschen offene Übersetzung böte die Übernahme des Genitivs, wobei zu beachten ist, dass im allgemeinen Sprachgebrauch m. E. der obiectivus kaum noch gesehen wird. 14
Somit muß die Übersetzung eine Entscheidung treffen, die möglichst durch andere Textstellen gestützt wird. M. E. ist mit Blick auf z. B. Gal 3,24 die Entscheidung pro obiectivus (also den Glauben an Christus) zu treffen. Meinte Paulus den Glauben, den Christus hatte, wäre es sinnvoll gewesen, in der o. g. Stelle in dem mit ινα eingeleiteten Folgesatz hinter das εκ πιστεως ein weiteres Χριστου einzufügen. Beispielhaft seien noch Röm 3,22.28 genannt. Gal 2,16 bietet als Einleitungssatz für die nun folgende tiefere Darstellung des Verhältnisses Gesetz - Evangelium eine Zusammenfassung 15 : 1. Aus den Werken des Gesetzes wird niemand gerecht. 2. Nur der Glaube an Jesus Christus macht gerecht. Für Paulus gilt, dass, wenn man durch den Glauben an Christus nicht gerechtfertigt wird, Christus nicht der Weg zur Rechtfertigung ist, sondern zur Sünde. µη γενοιτο ist die Antwort. Denn wenn man wieder aufbaut (οικοδοµω), was man zerstört (κατελυσα) hat, macht man sich selbst zum Übertreter
13 Die Problemstellen sind kursiv hervorgehoben.
14 "Der Glaube Abrahams" wird wohl allgemein eher als der Glaube verstanden, den Abraham an irgendwen nicht genannten hatte. Konsequenz ist, dass es faktisch im Deutschen keine offene Übersetzung gibt.
15 Eine Erläuterung der Zusammenfassung findet sich in 3,6.9 (in Bezug auf den Glauben), in 3,12; 4.21f (in Bezug auf das Gesetz).
(παραβατην εµαυτον συνιστανω). Nach VOUGA, F. 16 weist Paulus darauf hin, dass er ein Übertreter wäre, wenn er "[...] seine Rechtfertigung und seine Identität εξ εργων νοµου erwarten würde [...].".
5.1.1 Gerechtigkeit aus Glauben oder Gesetz? (Gal 3) Vorbemerkung:
Bei Paulus spielt sich die Behandlung von Evangelium und Gesetz nicht im „luftleeren“ Raum ab. Im Gegensatz zu heutigen Systematikern, die ihre Systematik nicht im Blick auf eine spezielle Gemeinde und deren Probleme entwickeln, hat Paulus die Gemeinde(n) in Galatien vor Augen (vgl. die direkte Anrede in 3,1 Ω ανοητοι Γαλαται). Aus diesem Grund entwickelt er keine theoretische Systematik über das Verhältnis von Gesetz und Evangelium, sondern eine 'konkrete' Systematik in Bezug auf die in Galatien entstandenen Probleme (Rückfall in die Gesetzlichkeit, vgl. Gal 3,1-6; 4,8-12). Hieraus resultiert, dass die Entwicklung der 'Systematik' des Paulus auf dialektische Weise geschieht: einerseits steht das Gesetz, andererseits steht der Glaube.
Gal 3,1-5 ist eine direkte Anfrage an die Galater. Die Abkehr von dem Evangelium, das Paulus gepredigt hat (obwohl selbst Boten Gottes kein richtigeres Evangelium hätten predigen können; vgl. 1,8), kann er sich nur als durch Bezaubern (εβασκανεν) erklären. Die Frage, ob die Galater den Geist durch Werke oder Glauben empfangen haben, ist erstens rhetorisch und setzt zweitens voraus, dass die Galater bereits verstanden hatten, dass Rechtfertigung aus Glauben kommt, bis zum Besuch der Gegner Paulus' (vgl. 1,6 Paulus schreibt, dass sich die Galater abbringen lassen vom Evangelium, das Paulus gepredigt hat. Dieses scheint eine Anspielung auf wahrscheinlich judenchristliche Gruppen zu sein, die im heidnischen Land neben oder nach Paulus missionierten. Dass es sich um 'judenchristliche' Gruppierungen handelt wird dadurch erhärtet, dass Paulus sich genötigt sieht, sowohl seine Anerkennung durch die στυλοι (vgl. 2,6) zu betonen (obwohl er bereits in 1,1f erwähnt, seine Autorität käme nicht von Menschen), als auch auf den Streit mit Petrus in Antiochien hinzuweisen (und damit auf die Ab-gesandten von Jakobus, vgl. 2,11f).
16 LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Gala- ter, Tübingen 1998 S 60f
Ein wichtiger Teil der Auseinandersetzung Gesetz - Evangelium spielt sich in 3,6-14 ab. Abraham, neben Isaak und Jakob Stammvater der Juden, wurde gerecht, weil er Gott glaubte (3,6) 17 . Paulus folgert, dass nun jene, die aus Glauben leben, Abrahams Kinder sind. Diese Folgerung ist insofern besonders, als das dadurch die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk Israel nicht mehr biologisch (wie es z. B. Mt 1,2ff und Lk 3,23ff tun) sondern theologisch begründet wird. Abraham wird mit Verweis auf Gn 12,3 Stammvater aller Menschen (Hebraica: haadama, Paulus: τα εϑνη), nicht nur der Juden. Damit wird das Heilswerk, das der Glaube vollbringt, globalisiert. Alle, die aus Glauben leben, werden mit dem glaubenden Abraham gesegnet sein. 18
Diejenigen, die aus den Werken des Gesetzes leben, stehen auch unter dem Fluch des Gesetzes (Paulus zitiert Dt 27,26) Nach Habakuk 2,4 kann niemand aus den Werken des Gesetzes gerecht werden. Besonders interessant ist die Gegenüberstellung von 11b zu 12:
Mit Blick auf Lv 18,5 weist Paulus darauf hin, dass jener, der das Gesetz tut (und zwar mit Betonung auf dem in 10 genannten πασιν) in ihm leben wird. Paulus macht deutlich, dass der, der das Gesetz hält, zwar in ihm leben kann, die Gerechtigkeit aber nicht durch das Gesetz kommt, sondern durch den Glauben. Zwischenfazit:
17 Paulus zitiert hier Gn 15,6, die Erzählung, in der Abraham Nachkommenschaft verheißen wurde. Diese Stelle spielt eine zentrale Rolle in doppeltem Sinne: erstens wird hier der Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet, zweitens erwähnt Gn 15,4, dass nicht Abrahams Knecht Abrahams Erbe, und damit für Paulus Erbe der Verheißung sein wird (vgl. Gal 3,16), sondern einer aus dem Leib Abrahams.
18 Vgl. hierzu Röm 4. Das Zitat Gn 15,6 findet sich sowohl im Galater- als auch im Römerbrief. Die Argumentation ist - wenn auch nicht gleich - ähnlich. Im Römerbrief findet die Beschneidung eine viel größere Beachtung, da sie im besonderen Maße als unter das Gesetz gestellt betrachtet wird. Es wird - anders als im Galaterbrief - explizit darauf hingewiesen, dass Abraham, als er die Verheißung empfing, diese als Unbeschnittener empfangen hat. Zwar könne sich Abraham seiner Werke rühmen, nicht jedoch vor Gott. Die Rechtfertigung kommt - analog zum Galaterbrief - aus dem Glauben.
Nach 3,6-14 kommt die Gerechtigkeit nicht aus dem Gesetz, sondern aus dem Glauben. Wer das Gesetz hält, kann zwar in ihm leben, steht gleichzeitig unter dem Fluch des Gesetzes, und findet Gerechtigkeit nur aus dem Glauben. Bis dato bleibt die Frage nach der Funktion des Gesetzes. Mit dieser Frage setzt sich Paulus ab Gal 3,15 auseinander.
Gal 3,15ff geht auf die Vorrangstellung des Evangeliums ein. Nach Paulus hat bereits Abraham die Verheißung (επανγελλιον, 3,16) von Gott erhalten. Diese Verheißung galt Abraham und seinem Nachkommen, nicht seinen Nachkommen (ου λεγει και τοις σπερµασιν, ως επι πολλων αλλ' ως εφ' ενος και τω σπερµατι σου, ως εστιν Χριστος). Dieser Nachkomme ist nach Paulus Christus 19 . Wichtig ist hierbei, dass das Gesetz erst 430 Jahre nach der Verheißung dazugekommen ist. Für Paulus gilt, dass das Erscheinen des Gesetzes die Verheißung nicht aufheben kann. Die Erwähnung der 430 20 Jahre expliziert die sachliche Distanz von διαϑηκη und νοµος. Hinge die Gebung des Gesetzes mit dem Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, zusammen, würde das Testament Abrahams aufgehoben. Damit wäre seine Nachkommenschaft unmöglich gemacht, da es nur noch eine Nachkommenschaft zum Gesetz gäbe.
"Das Erbe kommt entweder aus dem Gesetz oder aus der Verheißung. Gott hat aber Abraham die Verheißung gegeben, und nicht das Gesetz, so daß das Erbe vom Gesetz dissoziiert ist." (LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 81) Alle an Christus glaubenden sind Nachkommen Abrahams und Kinder der Verheißung. Da Abraham durch den Glauben gerecht wurde, werden auch die Kinder seiner Verheißung durch den Glauben gerecht, nicht durch ein 430 Jahre später gegebenes Gesetz.
"Was soll nun das Gesetz?" (Gal 3,19), ist die logische Frage. In Gal 3,19-22 betrachtet Paulus im besonderen die Frage nach der Aufgabe des Gesetzes. Hierin wird das Gesetz im Gegensatz zur Verheißung gleich auf vierfache Weise disqualifiziert 21 :
19 Diese Aussage wird konstatiert und nicht weiter begründet. Wer das nicht glaubt, kann mit der gesamten Argumentation wenig anfangen.
20 Zum Verständnis der 430 vgl. LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 die Anmerkungen unter 17 S 80.
21 Vgl. hierzu im besonderen LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 82 - 85
1. Das Gesetz ist funktionalisiert, da es hinzugefügt (προσετεϑη) wurde um der Übertretung (παραβασεων) Willen.
2. Die Funktion des Gesetzes ist zeitlich begrenzt bis der Nachkomme kommt (αρχις ου ελϑη το σπερµα ω επηγγελται). 3. Das Gesetz kommt nicht von Gott, sondern von Engeln (δι' αγγελων). 4. Das Gesetz kam durch die Hand eines Mittlers (εν χειρι µεσιτου) Die Funktionalisierung des Gesetzes geschieht durch das χαριν in 19. Es kann sowohl den Grund als auch den Zweck angeben. 22 Unabhängig davon, ob man sich fragt, ob das Gesetz die Übertretungen als Zweck oder als Grund hat, ist das Gesetz rein an diese gebunden - eben funktionalisiert. Die zeitliche Begrenzung der Gültigkeit des Gesetzes auf einen Nachkommen (auf Christus) hin, nimmt dem Gesetz den Charakter der ewigen Gültigkeit. Im Gegensatz zu der Verheißung, die Gott Abraham gegeben hat und die nicht hinfällig wird (vgl. 3,15), verliert das Gesetz seine Daseinsberechtigung mit dem Eintreffen des einen (!) (vgl. 3,16) Nachkommen Abrahams. Im Gegensatz zur Verheißung, die Abraham von Gott erhält, kommt das Gesetz von Engeln 23 durch einen Mittler. Die Idee, dass ein Mittler das Gesetz mitgeteilt hat,
"[...] disqualifiziert dieses (gemeint ist das Gesetz, Anmerkung. d. Verfassers) deswegen, weil die Idee der Vermittlung eine Pluralität voraussetzt, die dem Bekenntnissatz ο δε ϑεος εις εστιν widerspricht: Der Gott der Verheißung ist einer, und die Verheißung hat im Unterschied zum Gesetz einen unbedingten, absoluten und universalen Charakter [...]" (LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 84) Mit dieser Disqualifizierung des Gesetzes geht einher, dass eine kontradik-torische Betrachtung von Gesetz und Verheißung nicht zulässig sein kann, da man immer nur zwei Sachen miteinander in Konkurrenz setzen kann, die gleichwertig sind. Eine Gleichwertigkeit von Gesetz und Verheißung ist aber aus o. g. Gründen nicht gegeben. Deshalb kann Paulus auch sagen, dass das Gesetz der Verheißung nicht widerspricht. Vielmehr ist die Schrift als Gesetz der Verheißung untergeordnet. Es "[...] bildet insofern keine Alternative zur Verheißung Gottes, als es nicht die Macht hat, lebendig zu machen, und deshalb auch nicht rechtfertigen kann."
22 Eine genauere Ausweitung der Problematik findet sich in Röm 3,20. Dort wird explizit darauf hingewiesen, dass es durch Gesetz zur Erkenntnis der Sünde kommt. 5,13 führt an, dass die Sünde vor dem Gesetz zwar existent, jedoch nicht erkannt war. Die Analogisierung zu Gal 3,19 ist jedoch nur rechtens, wenn man die Bedeutung von αµαρτια der Bedeutung von παραβασις gleichsetzt.
(LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 84). 24
In 22 vollzieht sich ein seltsam anmutender Wandel: plötzlich ist nicht mehr vom Gesetz sondern von der Schrift die Rede, die alle in das Gefängnis der Sünde eingeschlossen hat, damit die Verheißung durch den Glauben an Christus denen gegeben wird, die glauben. Schrift (η γραφη) hat eine doppelte Bedeutung: zum einen wird sie als Verheißung (3,8), zum anderen als Gesetz verstanden 25 . Dass die Schrift den Menschen einschließt wird von der in Christus stattge-fundenen Offenbarung Gottes her ausgelegt. Ziel ist dass das Erbe der Verheißung aus Glauben an Jesus Christus, und nicht funktional - wie beim Gesetz - durch Glauben zu denen kommen soll, die glauben.
Gal 3,23-29 definiert das Gesetz als etwas auf den Glauben zielgerichtetes. Vor dem Dasein des Glaubens gab es das Gesetz unter dem der Mensch stand. Doch bereits mit dem Erscheinen des Gesetzes ist, in Analogie zu der zeitlichen Beschränkung in 3,19, das Gesetz auf den Glauben hin ausgerichtet. Da der Glaube seit Christus in der Welt ist, bedeutet(e) die Rückkehr zu den Werken des Gesetzes per definitionem einen Anachronismus 26 . Das Gesetz wird als παιδαγωγος, als Zuchtmeister 27 betrachtet, ohne näher zu definieren, welche Aufgabe dieser Zuchtmeister in der Zeit seiner Gültigkeit hatte 28 . Nun ist dieser Zuchtmeister
23 Im Gegensatz hierzu steht Röm 7,22; 8,7.
24 Eine derartige Disqualifizierung des Gesetzes findet im Römerbrief nicht statt. Zwar spricht Paulus davon, dass das Gesetz aufgerichtet (ιστανοµεν) wird durch den Glauben (vgl. Röm 3,31); dies heißt jedoch nicht, dass das Gesetz keine Funktion mehr hat, wie es im Galaterbrief mit dem Kommen Christi der Fall ist. Analog ist die Interpretation, dass die Verheißung, Erbe zu sein, aus dem Glauben und nicht aus den Werken des Gesetzes kommt (vgl. Röm 4,13). Hier findet sich allerdings eine andere Begründung: Während der Galaterbrief mit dem Kommen Christi das Gesetz als Zuchtmeister abtut (siehe unten), gewinnt die Verheißung in Röm 4,16f die Qualität, primär für das Erbe Abrahams zuständig zu sein, damit auch die Unbeschnittenen Erben werden können. Auch der Freiheit vom Gesetz wird im Römerbrief ein anderer Ursprung gegeben: nämlich die Taufe auf den gekreuzigten und gestorbenen Christus. Da der Mensch durch die Taufe mit Christus gestorben ist, ist er nach Röm 7,4f durch den Tod dem Gesetz gestorben. Eine Disqualifizierung derart sie der Galaterbrief vornimmt, findet hier nicht statt, obgleich dem Gesetz auch im Römerbrief keine rettenden Eigenschaften zugesprochen werden. Eine tiefere Differenzierung zwischen Galater- und Römerbrief könnte Thema einer eignen Arbeit sein und soll hier nicht weiter geschehen.
25 Vgl. hierzu LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 85.
26 Vgl. hierzu LINDEMANN, A. (Hrsg.), Handbuch zum neuen Testament Bd. 10, VOUGA, F., An die Galater, Tübingen 1998 S 87.
27 Die moderne "Übersetzung", Pädagoge, verschleierte die Sicht auf das antike Verständnis eines Zuchtmeisters.
28 Hier wäre ich Paulus für weitere Ausführungen dankbar gewesen, kann man die Funktion eines Zuchtmeisters nach paulinischem Verständnis nur erraten. In Analogie zu Röm 3,20 kann man zwar vermuten, dass der Zuchtmeister, indem er die Sünde offenbar gemacht hat, diese gleichzei-
nicht mehr nötig. Mit dem Glauben an Christus kam sowohl die Befreiung vom Zuchtmeister als auch die Kindschaft Abrahams für die, die an Christus Glauben. Kinder Abrahams sind aber, in Analogie zu 3,9, Erben der Verheißung und mit Abraham von Gott gesegnet.
6 Fazit Evangelium und Gesetz im Galaterbrief
Betrachtet man den Galaterbrief isoliert, hat nach 3,19ff das Gesetz seine Funktion mit dem Kommen des verheißenen Nachkommen - Christus - verloren. Bis dato galt es dem Menschen als 'Zuchtmeister'. Das Gesetz kann nicht lebendig machen (3,21) und hat somit nicht die Funktion der Rechtfertigung. Diese Funktion hat es auch nie gehabt. Das Gesetz als Rechtfertigung ist ein Mißverständnis des Menschen 29 . Deutlich macht Paulus dieses Mißverständnis insbesondere in 3,6ff mit Hilfe alttestamentlicher Zitate. Hier wird darauf hingewiesen, dass nur derjenige, der das Gesetz tut, in ihm leben wird, der Gerechte aber aus Glauben leben wird.
Glaube ist für Paulus Glaube an Jesus Christus als den gekreuzigten, mit dem der Glaubende gekreuzigt ist (2,19f). Aufgrund dieser Kreuzigung mit Christus kann der Glaubende mit Christus auferstehen und zu einem neuen Menschen werden 30 , in dem dann Christus lebt (2,20). Dies bedeutet für Paulus Befreiung von dem Joch des Gesetzes (5,1) 31 .
Gesetz und Glaube sind nichts Gleichwertiges, sondern voneinander verschieden. Glaube ist Verheißung und kommt von Gott (3,16), Gesetz ist Knechtschaft und kommt durch einen Mittler verordnet / angeordnet von Engeln (3,19). Mit der Rückkehr zum Gesetz begibt sich der Mensch in die Knechtschaft und wirft die Gnade Gottes weg (2,21).
tig einzudämmen versuchte. Dieses entspräche dann in gewissem Sinne dem ethischen Usus des Gesetzes.
29 Hingewiesen sei hier auf 3,2, wo Paulus eindeutig die Frage stellt, wie die Galater το πνευµα empfangen haben. Die Frage ans ich ist rhetorischer Natur. Klar wird die Quelle der Rechtfertigung insbesondere in 2,16.
30 Vgl. hierzu Rö 6,3ff
31 Die Begrifflichkeit des δουλος ist zu verstehen aus dem Zusammenhang von 4,21-31. Dort spricht Paulus von zwei Bundesschließungen und zieht als Bild Hagar (Ismael) und Sarah (Isaak) heran. Ismael ist geboren aus dem Willen des Fleisches (= Gesetz), Isaak ist geboren aufgrund der Verheißung, die Abraham empfangen hat (=Freiheit). Wer sich nun unter das Gesetz stellt, steht in der Nachfolge der Knechtschaft (Ismaels). Die Glaubenden aber sind nicht die Kinder der Magd (τεκνα), sondern der freien (ελευϑερας).
In Bezug auf den Römerbrief scheint eine andere Vorstellung vorzuherrschen: Obwohl im Galaterbrief das Gesetz zwar als 'Zuchtmeister' bezeichnet wird (3,24), ist seine zeitliche Berechtigung bis auf das Kommen des Nachkommen beschränkt. Röm 3,31 legt nahe, dass das Gesetz nicht aufgehoben (καταργουµεν), sondern aufgerichtet (ιστανοµεν) wird. Von einer zeitlichen Begrenzung ist hier nicht die Rede 32 . Zwar kommt auch hier die Rechtfertigung aus dem Glauben (Röm 3,27), eine besondere Disqualifizierung, wie sie in Gal 3,19ff zu finden ist, mag ich im Römerbrief nicht zu entdecken 33 . Röm 7,7-25 erwähnt zwar auch die besondere Fähigkeit des Gesetzes, zu töten, indem das Gesetz von der Sünde zum Anlaß genommen wurde, die Begierde zu wecken (Röm 7,8); allerdings erwähnt Paulus im Römerbrief auch, dass das Gesetz geistlich (πνευµατικος Röm 7,14) und gut (καλος Röm 7,16) ist. In der Bedeutung des Gesetzes existiert ein Unterschied zwischen Galater-und Römerbrief. Vielleicht liegt das an den Adressaten des jeweiligen Briefes. Ich denke, dass der Römerbrief sich an Heidenchristen wendet. Thema des Briefes ist die Vorstellung der paulinischen Theologie. Besonderes Thema ist die Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zum erwählten Volk. Sie ist gleichzeitig für Paulus ein Zeichen, sich unter das Gesetz, nicht unter den Glauben zu stellen (Röm 2,25ff). Im Galaterbrief hingegen erscheint die Beschneidung nur als Randthema. Der Galaterbrief erscheint fast als apologetischer Brief an eine Gemeinde, die im Zwiespalt steckt. Paulus verkündete dort das Evangelium (Gal 1,6). Irgendwann danach treffen (wahrscheinlich) judenchristliche Prediger in Galatien ein und verkünden eine Rechtfertigung aus dem Gesetz (sowohl 1,6ff als auch 3,1ff weist darauf hin). Meines Erachtens liegen also in Intention und Adressat die Begründung für die Unterschiede in der Darstellung von der Bedeutung des Gesetzes.
32 Die zeitliche Begrenzung des Gesetzes wird erst in 7,1-6 expliziert.
33 Rö 5,20 spricht zwar davon, dass das Gesetz dazwischen (παρεισηλϑεν) gekommen ist, erwähnt aber kein zeitliches Ende (siehe Fußnote 32). Bedingt ist auch hier das Gesetz funktionalisiert, da es den Sinn hat, die Übertretung / Verfehlung mächtig zu machen, damit sich die Gnade als noch mächtiger erweisen würde.
7 Versuch einer abschließenden Bewertung
"Wie paulinisch ist Barths Evangelium und Gesetz?", lautete die Eingangsfrage. Hierzu fällt mir auf, dass es einige Überschneidungen, aber auch Differenzen in der Systematik Barths und des Galterbriefes gibt. Vorab sei erwähnt, dass Paulus und Barth eine unterschiedliche Vorstellung davon haben, was überhaupt das Gesetz ist. Sowohl Paulus als auch Barth erwähnen, dass das Gesetz geistlich ist (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 17; Röm 7,14). Konsequenterweise erwähnen ebenfalls beide, dass sich die Sünde nicht auf der Basis von moralisch-ethischen Übertretungen suchen läßt. Was für Paulus aber neben dem noch existiert, ist die Übertretung (παραβασεων). Diese Differenzierung nimmt Barth nicht vor, obwohl sie für Paulus wesentlich zu sein scheint. Erkenntlich wird das daran, dass der Begriff Sünde bei Paulus vielmals einen Seinszustand des Menschen beschreibt 34 . Der Mensch ist von seiner Grundhaltung her Sünder (analog zu Barth) und kann nebenher noch Gesetze übertreten. Nachfolgend weitere Überschneidungen und Differenzen:
34 Eine Untersuchung des Begriffes αµαρτια bei Paulus ergibt im Römer- und Galaterbrief 48 Fundstellen. Die meisten Fundstellen weisen αµαρτια im Singular aus (Ausnahmen: Röm 4,7 (Psalmzitat PS 32,1.2); 7,5 in Verbindung mit dem Begriff τα παϑηµατα, auf dem die Betonung zu liegen scheint; Gal 1,4 im Präfix des Briefes, wofür ich keine Erklärung habe.)
35 Hier ergibt sich m. E. ein Paradoxon, da der Römerbrief das Gesetz als gut bezeichnet, der Gala- terbrief das Gesetz jedoch disqualifiziert (3,19ff).
Obgleich es auf der Basis von Einzeluntersuchungen mehr Übereinstimmungen als Differenzen zu geben scheint, liegt eine grundlegende Differenz in der Integration des Gesetzes in das Evangelium. Für Barth gibt es kein Gesetz außerhalb des Evangeliums, wohingegen Paulus diese Unterscheidung vornimmt. Auch wenn Paulus im Römerbrief das Gesetz als gut bezeichnet, erwähnt er doch im Galaterbrief, dass das Gesetz von Engeln angeordnet durch einen Vermittler gekommen ist. Für Barth sind Evangelium und Gesetz aber beides Worte Gottes. Nach Barth darf man also von Evangelium und Gesetz nicht als von etwas verschiedenem sprechen, wohingegen Paulus hier eine klare Linie zieht. Auch für Paulus wird das Gesetz durch den Glauben aufgerichtet, jedoch ist das Gesetz nicht die "notwendige Form" (BARTH, Evangelium und Gesetz, S 13) des Evangeliums.
Trotz der gehäuften paulinischen Zitate und der oben genannten Überschneidungen ist das grundlegende Verständnis von Evangelium und Gesetz (nach Barth), Verheißung / Glaube und Gesetz (nach Paulus) unterschiedlich. Aus diesem Grund muß die Frage, wie paulinisch die Systematik Barths in Evangelium und Gesetz ist, m. E. wie folgt beantwortet werden: Es gibt zwar in einzelnen Sachpunkten gehäufte Überschneidungen; jedoch ist das grundsätzliche Verständnis des Gesetzes so different, dass die Behauptung, Baths Systematik in Evangelium und Gesetz sei paulinisch, nicht aufrecht zu hal- ten ist.
Literaturverzeichnis
Hilfsmittel:
Biblia Hebraica Stuttgartensia, vierte verbesserte Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1990
Novum Testamentum Graece, 27. revidierte Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1993
Die Bibel, Revidierter Text 1975, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1978 ALFRED SCHMOLLER, Handkonkordanz zum Griechischen Neuen Testament, 8. neubearbeitete Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1989 WILHELM GESENIUS, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch, siebzehnte Auflage unveränderter Neudruck, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1962 HERMANN MENGE, Langenscheidts Grosswörterbuch Altgriechisch - Deutsch, 28. Auflage, Berlin / München / Leipzig / Wien / Zürich / New York 1994
Systematische Literatur:
KARL BARTH, Evangelium und Gesetz in: Barth u. Thurneysen (Hrsg.), Theologische Existenz heute Bd. 2, Reprint der Hefte 32 - 58, erschienen in den Jahren 1933 - 1941, München 1980
Exegetische Literatur:
FRANÇIOS VOUGA, An die Galater, in: ANDREAS LINDEMANN (Hrsg..) Handbuch zum Neuen Testament Bd. 10, Tübingen 1998
Arbeit zitieren:
Alexander Pollhans, 1999, Wie paulinisch ist Barths Systematik in "Evangelium und Gesetz"?, München, GRIN Verlag GmbH
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