Freie Unversität Berlin John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerika-Studien
WS 96 / 97
„Geschäftsmänner Gottes auf Erden: Fundamentalismus und Medien in den USA“
vorgelegt von:
Tanja Hamilton
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. „Spirituelle Hurerei“ oder „Domestizierung“ von Rock-Musik?
Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von CCM 4
3. Die Form: Die Aneignung von Rock-Musik als Mittel jugendlicher Abgren-
zung S. 6
4. Der Inhalt: Die Kanalisierung der Rebellion 8
5. Image und Wirklichkeit - CCM zwischen Missionierung und Anpassung
an den säkularen Musikmarkt 13
6. Schlußbetrachtung 16
7. Literaturverzeichnis S 17
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1. Einleitung
In den Jahren 1995 / 1996 gab es in den Medien eine regelrechte Flut von Artikeln zu einem Thema, das bis dahin niemanden, der nicht christlich war, interessiert hatte: „Contemporary Christian Music (CCM)“, Rockmusik mit christlichen Texten. Quasi unbemerkt von der säkularen Welt, hatte sich die meist geringschätzig belächelte und als marginal angesehene Musikart zu einer Multi-Millionen-Dollar-Industrie entwickelt. ( Vgl. 6FKXOHU'DZLGRII%RHKOHUW) CCM macht derweil einen Umsatz
von 750 Millionen Dollar jährlich, und immer mehr kleine, christliche Plattenlabels wurden in den vergangenen Jahren von großen Firmen wie EMI und BMG aufgekauft. (6FKXOHU; S. VII)
Vor allem aber - und das sorgte für den meisten Wirbel - kam die Musik gar nicht mehr so sakral daher, wie man es bisher von ihr gewohnt war: Die neuen Bands spielten Hip Hop und Grunge, sprangen wild auf der Bühne herum und waren auf den ersten Blick von ihren säkularen Gegenstücken kaum zu unterscheiden. Zwar hatte es in der Vergangenheit auch vereinzelte christliche Heavy-Metal- oder sogar Punk-Bands gegeben, doch die meiste christliche Musik war, wie deren erfolgreichste Vertreterin Amy Grant: kaum „hip“ genug, um auf ein Teenager-Publikum zugeschnitten zu sein.
Die neue Aufmerksamkeit der Medien rührte sicherlich vor allem daher, daß das %LOOERDUG-Magazin (die Bibel der Hitparaden), die rund 2.000 christlichen Buchläden,
in denen 85% dieser Musik verkauft wird, in sein Chart-System aufnahm. Plötzlich kletterte ein christliches Album in die Top Twenty: -HVXV)UHDN von DC Talk erreichte 1995 Platz 16 der Verkaufszahlen. (Vgl. 6FKXOHU; S. VII)
Interessanterweise sind CCM-Bands aber unter nicht-christlichen Jugendlichen weitgehend unbekannt, d.h. es ist anzunehmen, daß es unter amerikanischen Teenagern eine Art Subkultur gibt, die diese Musik hört. Die Vertriebswege von CCM untermauern diese Annahme: Es gibt ca. 500 Radiostationen in Amerika, die nur christliche Rockmusik spielen. Es gibt den Musiksender =0XVLF, der 24 Stunden
lang nur christliche Musikvideos sendet. Es gibt Zeitschriften, die sich auf diese Musik spezialisiert haben, wie &&00DJD]LQH, &DPSXV/LIH oder 5HOHDVH. (Vgl. 'DZLGRII; S. 40ff.)
In dieser Arbeit möchte ich meine These untersuchen, daß diese neue Form von CCM für christliche Jugendliche als Bestätigung ihres von der säkularen Norm
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abweichenden Wertesystems fungiert, und ein starkes Gemeinschaftsgefühl stiftet. Somit kann es als Ausdruck einer Subkultur christlicher Jugendlicher gesehen werden. CCM benutzt die spezifische Sprache von Rock und Pop, um Jugendlichen einen eigenen Raum innerhalb der evangelikalen Gemeinde Amerikas zu bieten, gleichzeitig wird ihnen dieser Raum aber wieder genommen, da er fast vollkommen von den Erwachsenen kontrolliert wird. Ferner erweckt die Verquickung so gegensätzlicher Welten, wie der des Rock und der des Christentums, schwere religiöse Konflikte, die die CCM-Industrie zu beseitigen versucht, indem sie ihre Künstler als Missionare vermarktet.
Leider gibt es kaum wissenschaftliches Material zu diesem Thema, so daß es nicht möglich ist, eine sichere Aussage darüber zu machen, wer genau diese Musik hört. In der Presse und Literatur wird immer allgemein von „Evangelisten“, „Christen“ oder „Fundamentalisten“ gesprochen. Betrachtet man die Texte der Bands, kann man davon ausgehen, daß sie eher konservativere Evangelisten ansprechen. Mangels einer genaueren Datenlage benutze ich in dieser Arbeit die Begriffe „Evangelisten“ und „Christen“ 1 .
2. „Spirituelle Hurerei“ oder „Domestizierung“ von Rockmusik? Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von CCM
„Contemporary Christian Music“ - schon der offizielle Terminus dieser Musikart scheint einen Widerspruch in sich zu bergen. Denn seit der Entstehung von Rock-und Pop-Musik in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts, hatten fundamentalische Christen, besonders in den USA, immer ein schwieriges Verhältnis zu „zeitgenössischer“, populärer Musik. Sie wurde als Teufelsanbetung, als Teil einer kommunistischen Verschwörung und als zerstörerisch für Geist und Moral der Jugend beschimpft. Traditionelle christliche Hymnen oder allenfalls gospel, so lautete lange Zeit die weitgehend einhellige Meinung, waren die einzig für Christen akzeptablen Musikformen. (5RPDQRZVNL, S. 150ff).
Dabei hat es immer auch populäre Musik gegeben, deren Text sich mit christlichen Themen befasste, wie zum Beispiel der Elvis-Hit &U\LQJLQWKH&KDSHO oder 7XUQ
1 Wenn ich von der „evangelikalen Gemeinde“ spreche, so geschieht dies in dem Bewußtsein, daß es keine gecshlossene Gemeinde im herkömmlichen Sinne gibt, sondern daß sie eine große Bandbreite an Glaubensbekenntnissen und Kirchen umfasst, deren Ausdifferenzierung aber den Umfang dieser Arbeit sprengen würde.
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7XUQ7XUQ von den Byrds, beide aus dem Jahre 1965 (+RZDUG, S. 123). Erst Ende
der sechziger Jahre allerdings entstand eine regelrechte Bewegung von christlichen Musikern, die ausschließlich religiöse Texte zu populärer Rockmusik schrieben. Sie waren Teil der sogenannten -HVXV0RYHPHQW, einer Bewegung von jungen Christen,
deren fundamentalistische Grundhaltung stark von der damals allgemein vorherrschenden liberalen Stimmung beeinflußt und aufgelockert wurde. Sie unterschieden sich deutlich von anderen Interpreten, die einzelne Lieder mit christlichen Texten veröffentlichten: Die Text-Inhalt war für sie in erster Linie ein Mittel, die Form der Musik zu legitimieren und Rockmusik auch für christliche Jugendliche salonfähig zu machen. Vor allem aber hatten diese Musiker ein ganz spezifisches christliches Selbstverständnis: Rockmusik war für sie ein Werkzeug für die Verbreitung ihres Glaubens; sie definierten sich selbst weniger als Künstler denn als Missionare. (5RPDQRZVNL, S. 149).
Aus diesen Anfängen des sogenannten -HVXV5RFN entwickelte sich seit den
siebziger Jahren die Musikrichtung CCM (Contemporary Christian Music) und um sie herum eine eigene christliche Musikindustrie mit Umsätzen in Milliardenhöhe (siehe Einleitung). Dabei definiert sich CCM bis heute ausschließlich über den Text, einen ihr eigenen musikalischen Stil hat sie nicht. Sie ist, wie William D. Romanowki es formuliert, „ein Parasit säkularer industrieller und künstlerischer Leistungen.“ (5RPDQRZVNL, S. 150)
Tatsächlich orientieren sich christliche Künstler stets an den jeweils aktuellen musikalischen Trends der säkularen Industrie, die von Pop über Punk bis hin zu modernen Stilen wie Hip Hop und Grunge reichen. Eigene musikalische Innovationen finden sich in der Szene nicht, weshalb Musikkritiker CCM von Anfang an immer wieder wegen angeblicher Belanglosigkeit und Ideenmangel angegriffen haben. (%RHKOHUW, S. 23) Zudem, so heißt es, verwässern christliche Musiker oft an sich interessante Stile, indem sie sie textlich wie musikalisch „domestizieren“ und ihnen damit den Biß nehmen, wie das in den letzten Jahren besonders für Hip Hop und Grunge der Fall war. Die für Außenstehende oft sehr kurios anmutende Kombination von zum Teil sehr aggressiven Musikarten, die sonst eher mit einem verruchten Lebensstil assoziiert werden und der religiösen Texte, die zu Keuschheit und Sittsamkeit aufrufen, gibt der säkularen Musikpresse immer wieder Anlaß, sich über
Arbeit zitieren:
Tanja Hamilton, 1997, Contemporary Christian Music: Eine kontrollierte Jugendrebellion, München, GRIN Verlag GmbH
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