1. Einleitung
1795 wandte sich Schiller wieder der Dichtung zu, nachdem er sich viele Jahre mit Geschichte und Philosophie beschäftigt hatte. Zu jener Zeit arbeitete er zu einer philosophisch durchdrungenen Poesie hin, weg von rethorischer Lehrdichtung. In diesem Jahr schrieb er die ”Elegie”, in der er seine vorhergehenden Arbeiten mit Philosophie und Kulturtheorie verarbeitete. In seiner Versgestalt ist es eine Reihe von Distichen, die als zweizeilige Einheiten aus einem Hexameter und einem Pentameter bestehen. Es war Schillers erster Versuch im größeren Umfang am elegischen Versmaß. Daher nahm er für die zweite Auflage von 1800 einige Änderungen und Kürzungen vor, außerdem änderte er den Titel zu ”Der Spaziergang”. Trotz dieser Korrekturen ist diese Fassung ebenso elegisch im Versmaß wie die erste, auch Inhalt und Aussage haben sich im Ganzen nicht geändert. 1 Inhaltlich ist der ”Spaziergang” keine einfache Darstellung dessen, was der lyrische Wanderer gerade vor Augen hat, vielmehr ist es eine durch Betrachtung vollzogene Reflexion über das Ganze der Natur und der Geschichte. Schiller schrieb selbst an Wilhelm von Humboldt über dieses Gedicht: ”[...] noch in keinem ist der Gedanke selbst so poetisch gewesen und geblieben, in keinem hat das Gemüth so sehr als Eine Kraft gewirkt.” 2 Denn der Wanderer verfällt beim Anblick der abwechslungsreichen Landschaft in ein tiefes Nachsinnen über die Menschheitsgeschichte, angefangen mit der Vision der schönen Vergangenheit bis zur ”alptraumhaften” Gegenwart. Doch schließt das Gedicht nicht mit dieser Klage, sondern mit einem optimistischen Blick in eine bessere Zukunft. Möglich ist, daß Schiller aus diesem Grund den Titel geändert hatte. 3
1 Wolfgang Riedel: Der Spaziergang. Ästhetik der Landschaft und Geschichtsphilosophie der Natur bei Schiller, Würzburg 1989, S. 17; Doris Maurer: Schillers ”Elegie” / ”Der Spaziergang”, in: Edition und Interpretation (Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A, Bd. 11) 1981, S. 255; Klaus Jeziorkowski: Der Textweg, in: Interpretationen: Gedichte von Friedrich Schiller, hrsg. v. Norbert Oellers, Stuttgart 1. Aufl. 1996, S. 161.
2 zitiert nach: Schiller an Wilhelm von Humboldt am 29.11.1795, in: Friedrich Schiller. Von den Anfängen bis 1795, hrsg. v. Bodo Lecke (= Dichter über ihre Dichtungen, hrsgg. v. Rudolf Hirsch und Werner Vordtriede) München 1. Aufl. 1969, S. 737.
3 Wolfgang Riedel: S. 18, 102; Gerhard Kaiser: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur
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2. Naturdarstellungen: ”Poetisches Gemälde” und ”Ideallandschaft”
Folgt man den Wahrnehmungen des Wanderers Schritt für Schritt, so entsteht aus den Versen 1-36 4 ein in sich geschlossenes Naturbild, das man als Leser vor Augen zu sehen glaubt. Schiller hat hier mit seiner Landschaftsbeschreibung ein ”poetisches Gemälde” einer ”Idealen Landschaft” geschaffen.
Schiller will dem Leser eine Landschaft zeigen, die dieser nicht sieht. Daher muß die Einbildungskraft des Lesers durch eine anschauliche Beschreibung der Landschaft angeregt werden, um bei ihm eine bildhafte Vorstellung zu erwecken, gleich so, als ob er die Landschaft selbst vor Augen sieht. Jedoch kann der Leser sich nur das wirklich vorstellen, was er schon einmal gesehen hat. Der Dichter darf daher nicht vergessen, das jede Darstellung auf das Erinnerungsvermögen des Lesers angewiesen ist. Schiller meinte dazu, daß aus der Darstellung der ”allgemeinen Naturwahrheit” poetische Anschaulichkeit entstehen könnte. Das bedeutet, daß im ”Spaziergang” nicht das Bild einer ganz bestimmten Landschaft dargestellt ist, sonders das einer ”idealen”, kunstmäßig stilisierten. 5 Schaut man sich den Natureingang (1-19) genau an, wird dies deutlich. Die Naturobjekte werden konventionell benannt: ”das braune Gebirg” (6), der ”grünende Wald” (6), die ”blühende Au” (11) Das gleiche gilt für die unauffällige und einfache Wahl der Adjektive (”freundliches Grün”, 14), Metaphern (”Teppich [der Wiese]”, 13) und Verben (“summt die [...] Bien”, 15). Die beschriebenen Szenen sind so modellhaft, daß jeder Leser sie auf die eine oder andere Art kennt und sich vorstellen kann. Außerdem soll der Leser nicht durch unerwartetes überrascht werden, sondern wie der Wanderer im Gedicht von der Landschaft geführt werden (”Frei empfängt mich die Wiese”, 13). Zudem beschreibt Schiller hier einen ”Locus amoenus”, indem er sich der sechs
Gegenwart, Bd. 1 (= Von Goethe bis Heine) Frankfurt a.M. u. Leipzig 1996, S. 439.
4 alle Gedichtzitate aus: Friedrich Schiller ”Der Spaziergang”, in: Schiller. Sämtliche Werke in zehn Bänden, Berliner Ausgabe, Bd. 1, hrsg. v. Hans-Günther Thalheim, Berlin und Weimar 1. Aufl. 1980, S. 269ff.
5 Wolfgang Riedel: S. 24ff.
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klassischen Landschaftsreize, die seit der Antike den Lustort als Typus beschreiben, bedient: schattenspendende Bäume (”säuselnde Linden”, 3), Wiese (11f.), blühende Blumen (”röthlicher Klee”, 16), Vogelgesang (”der Lerche Gesang”, 18), Windhauch (”Deiner Lüfte balsamischer Strom”, 9) und Quell oder Bach (hier in der Abwandlung des ”Stroms fließender Spiegel”, 32). 6 Die folgende Waldszene (19-26) ist ein Übergang zwischen zwei verschiedenen Landschaftstypen. Der Eingangsteil ist, wie erwähnt, geprägt von freundlicher und schöner Natur, in der der Spaziergänger mit allen Sinnen das Gefühl von Freiheit erlebt, im Gegensatz zu seinem sonst eingeschränkten Leben (”endlich entflohn des Zimmers Gefängniß”, 7). Nach der Waldszene, in der sich nun erst einmal alles verdunkelt (”In des Waldes Geheimniß entflieht mir auf einmal die Landschaft”, 23), folgt die Darstellung eines ”Locus sublimis”, des erhabenen Ortes (”Aber plötzlich zerreißt der Flor [...]”, 27-34). Auch dieses Landschaftsbild ist modellhaft stilisiert, und zwar zum Eingangsteil gegensätzlich. Schiller benutzt auch hier typische zeitgenössische Motive bei der Beschreibung: die Aussicht ist ”unabsehbar” (29), der Blick nach oben verursacht ”Schwindel” (34), der Blick nach unten ”Schaudern” (34). Schiller beschreibt in seinen ”Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände” 7 das ”Theoretisch-Erhabene”. Darunter versteht er die Objekte, die so unbeschreiblich groß sind, daß sie das Fassungsvermögen der Einbildungskraft übersteigen. Allein die Größenverhältnisse sind hier dafür verantwortlich, daß der Betrachter eine ”negative Lust” der ästhetischen Erfahrung erlebt (im Gegensatz zu der ”positiven” des Schönen im Eingangsteil). Diese Gegenstände sind nicht schön, aber dennoch reizvoll. Das Empfinden bei der Betrachtung ist daher ein gemischtes, ein ”pleasing Astonishment” 8 , also ein angenehmes Erstaunen. 9 Diese Nebeneinanderführung von schönen und erhabenen Motiven verweist auf
6 Wolfgang Riedel: S. 24ff
7 Friedrich Schiller: Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände, in: NA Bd. 20, S. 230ff.
8 nach Joseph Addison, in: Addison & Steele and others: The Spectator, Bd. 3, hrsg. v. Gregory Smith, London 3. Aufl. 1958, S. 279.
9 Wolfgang Riedel: S. 37-44
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Imke Barfknecht, 2001, Friedrich Schiller - Der Spaziergang - Gedichtsinterpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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