2. Gründe für die Flucht nach Italien
War Goethe auf der Flucht, war er von den Erzählungen des Vaters getrieben, von den Kupferstichen und reichhaltigen Bilddarstellungen des alten Roms, die der Vater von seiner Italien- Reise mitbrachte? Oder war er den Weimarer Amtsgeschäften müde geworden nach so vielen Jahren treuer Pflichterfüllung für den Fürsten Carl-August? Was konnte überhaupt das Genie Goethe solange in einem „3000-Seeelen-Nest“ wie Weimar halten, fragt man sich heute? Ein Mann, ein Künstler, ein Universal-Genie, wie es manchmal so schön heißt, fand in Weimar keine Anregungen mehr, sein kreativer Geist verkümmerte und alle wichtigen angefangen Fragmente seiner Arbeit lagen „auf Eis“. Oder wollte dieser Mittdreißiger sich noch einmal die Hörner abstoßen in südlichen Gefilden, in dem Land „wo die Zitronen blühen“?
Wahrscheinlich spielen hier viele Gründe eine Rolle, die Goethe-Forschung ist sich bis heute nicht ganz einig darüber. Vermutet wird auch, daß er dem Einfluß der sehr einnehmenden Frau von Stern entfliehen wollte, weil er ihrer Gesellschaft überdrüssig war und sie ihn unter ihren adeligen Freunden und am Hof vom Weimar als „ihren“ Goethe herumzeigte. Auch die Geschäfte am Weimarer Hof langweilten ihn mehr und mehr, obwohl man in diesen furiosen zehn Jahren, die Goethe dort verweilte, dem Dichter ein Leben in „Saus und Braus“ nachsagte. Mit dem Fürsten auf das Beste verbunden, sollen die zwei Wein, Weib und Gesang keineswegs abgeneigt gewesen sein. Wie es um seine Amtsgeschäfte wirklich stand, vertraute Goethe seinem Freund Knebel in einem vertraulichen Brief vom 17. April 1782 an. Hier schildert er, daß viele seiner Reformprojekte am Widerstand der herrschenden Cliquen gescheitert wären.
Dem Kanzler Friedrich v. Müller erklärte er in einem Brief über seine Zeit in Weimar: „Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines Weimarischen Lebens könnte ich nur im Gewande der Fabel oder des Märchens darstellen; als wirkliche Tatsache würde die Welt es nimmermehr glauben...ich würde vielen weh, vielleicht nur Wenigen wohl, mir selbst niemals Genüge tun; wie es im Einzelnen zugegangen, bleibe mein eigens Geheimnis" 1
Was sagt jedoch der Künstler selbst zu seiner Flucht? Lassen wir an dieser Stelle zu Wort kommen:
„(..)denn ich muss gestehen, da meine Reise eigentlich eine Flucht war vor allen den Unbilden, die ich unter dem einundfünfzigsten Grade erlitten, da ich Hoffnung hatte, unter dem achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu betreten.“ 2
Ein wahres Gosen möchte Goethe unter dem 48sten Breitengrad betreten, der Wetterexperte benutzt die Breitengrade, um seine Position zu bestimmen. Doch nicht nur die örtliche Position ist hier angesprochen, auch die gefühlsmäßige „Lage“ kann mit den Breitengraden symbolisch verbunden werden. Seine Flucht, welche er hier mit dem alttestamentarischen Gosen der Hebräer in das Gelobte Land vergleicht, wird zu einer heiligen Aufgabe für ihn. Um sein Heil zu finden, muß er in südliche Gefilde wandern, nur dort findet er Erlösung.
1 Karl Ipser „Mit Goethe in Italien“ , Türmer Verlag, 1986, S. 12
2 Italienische Reise (IR) , S. 18,19 , 35-1, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
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Die Motivation Goethes wird natürlich um so fraglicher, als daß zwischen Entstehung und Publikation des Werkes an die 30 Jahre liegen. Es handelt sich hierbei also keinesfalls um ein „unmittelbares“ Werk, das Tagebuch-Charakter haben könnte, bei dem die Absichten und innere Welt es Autors sehr viel einfacher abzulesen wäre. Normalerweise wird ein Tagebuch nicht umgeändert, redigiert oder umgeschrieben, es verbleibt in seiner Wahrhaftigkeit.
Gleich am Anfang der Italienischen Reise wird der Verfasser über seine angeblichen Fluchtgründe noch deutlicher. Er muß sich aus Karlsbad „fortstehlen“, da man ihn sonst nicht hätte abreisen lassen. Es sieht fast so aus, als würde ein Schuljunge von seinem Elternhaus ausreißen, ohne auch nur irgendjemandem außer seinem Privatsekretär sein Ziel zu verraten. Wie groß müssen die Hindernisse gewesen sein, wenn sich so ein mächtiger Mann wie Goethe es sich nicht erlauben will - oder kann- jemandem von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen?
Vielleicht bringt uns hier die Frage nach den Motiven der Flucht weiter. Was will Goethe in Italien? Möchte er einfach nur Urlaub machen, hat er keine Lust mehr auf Deutschland oder will er sich nur faul am Strand aalen? Eine Antwort finden wir vielleicht in folgendem Zitat: „Ich mache diese Reise nicht, um mich selbst zu betriegen, sondern mich an den Gegenständen kennen zu lernen; da sage ich mir denn ganz aufrichtig, daß ich von der Kunst, von dem Handwerk des Malers wenig verstehe.“ 3
Er möchte sich an den Gegenständen kennenlernen, was eine Art Lernen oder Weiterbildung bedeuten könnte. Vielleicht auch Selbsterkenntnis oder ein „Zu-sich-kommen“. Weiter Hinweise finden wir bei seiner Ankunft in Rom, seine Äußerungen lassen auf eine Art Erlösung schließen:
„Ja, die letzten Jahre wurde es eine Art von Krankheit, von der mich nur der Anblick und die Gegenwart heilen konnte. Jetzt darf ich es gestehen; zuletzt durft’ ich kein lateinisch Buch mehr ansehen, keine Zeichnung einer italienischen Gegend. Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freude und Vaterland erst wieder echt aus dem Grunde lieb und die Rückkehr wünschenswert....“ 4
Ganz konkret spricht Goethe in einer seiner Schriften 5 über die Gründe der Reise nach Rom. Er zitiert hier den Literaturprofessor Johann Jakob Anton Ampére, welcher die Beobachtung geäußert haben soll, daß Goethe in seinen ersten zehn Jahren in Weimar nichts zustande gebracht haben soll und daß er aus reiner Verzweiflung über das Hof- und Dienstleben geflüchtet sei. Ampére besuchte Goethe im Jahre 1827 in Weimar, beschäftigte sich aber schon lange vorher mit dem Leben und den Werken des Dichters.
Da Goethe ihn an dieser Stelle selber zitiert, also eigentlich mit der Stimme seines eigenen Kritikers spricht, muß man diesen Äußerungen eine große Bedeutung zumessen und wahrscheinlich hier die wahren Beweggründe für seine Italien Reise sehen.
3 IR , S. 45, 18-22, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
4 IR , S. 125 , 16-22 , in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
5 „Goethe erzählt aus seinem Leben“, Gerlach, Hermann Fischer Verlag 1956, vgl. S 126
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3. Goethe erlernt das „Wahrnehmen“ der Dinge wieder
„Seit Sternes unnachahmliche „Sentimentale Reise“ den Ton gegeben und Nachahmer geweckt, waren Reisebeschreibungen fast durchgängig den Gefühlen und Ansichten des Reisenden gewidmet. Ich dagegen hatte die Maxime ergriffen, mich soviel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in mich aufzunehmen“ 6 Schon an diesen zwei Sätzen läßt sich Goethes Vorgehensweise in seinem Reisetagebüchern ableiten. Nicht das Subjekt steht im Vordergrund, also der Beobachter oder der Reisende, sondern das Objekt, daß zu Betrachtende, daß zu erforschende Objekt. Goethe erläutert seine Technik des Beschreibens hier als einen Prozeß des „in-sich-aufnehmen“. Vielleicht könnte man dies als ersten Schritt sehen, dessen Prozeß man auch das „Sehen“ nennen könnte. Goethe befindet sich gerade in Venedig, da spricht er von venezianischen Malern und daß sich deren Augen von Grund auf an andere Eindrücke - schönere- gewöhnen als die unserigen, deutschen:
„Es ist offenbar, daß sich das Auge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend auf erblickt, und so muß der venezianische Maler alles klarer und heiterer sehn als andere Menschen. Wir, die wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen, farblosen, die Widerscheine verdüsternden Boden und vielleicht gar in engen Gemächern leben, können einen solchen Frohsinn auf uns selbst nicht entwickeln.“ 7 Welch ein Vergleich, muß man hier zwangsläufig denken. Deutschland als schmutzig, verdreckt und düster darstellend, hebt Goethe sein geliebtes Italien als Ursprungsort eines „besseren“ oder „schöneren“ Sehens. Seine Theorie sagt aus, daß Menschen, die in einer schönen Umgebung aufgewachsen, mehr Talent, ja sogar mehr Frohsinn entwickeln, diese Schönheit künstlerisch darzustellen. Die äußere Welt beeinflußt somit in einem umfangreichen Masse den Charakter eines Menschen, nicht seine sozialen Fähigkeiten , wohl aber seinen Gemütszustand. Was ist dran an dieser These? Haben wir uns nicht auch schon immer selber ertappt, wir auf Reisen in Europa die verschiedenen „typischen“ Charakterzüge des Spaniers, des Italieners, des Griechen mit denen der Engländer, der Skandinavier oder der des Deutschen verglichen haben? Sicherlich ist Goethes Argumentation stichhaltig, wir alle wissen, daß sich gutes Wetter, ein mildes Klima und eine zauberhafte Landschaft anregend auf unser Gemüt auswirken. Wer fühlt sich nicht wohl im südlichen Flair wohl, wo sich das nahezu das gesamte gesellschaftliche Leben im Freien abspielt? Wir finden in der „Italienischen Reise“ noch viele andere Hinweise auf Goethes sich zurückentwickelnde Sehweise. Man könnte fast behaupten nach dem jahrelangen Weimarer Amtsgeschäften, den Diensten für den Fürsten Carl August und einer Beschäftigung, die sich hauptsächlich um „weltliche“ Dinge kümmerte, war Goethes Sinn für die Kunst zurückgebildet. In Italien entwickeln sich diese Sinne langsam wieder zurück. Beim Besuch des Botanischen Gartens in Padua schreibt Goethe:
„Es ist erfreuend und belehrend, unter einer Vegetation umherzugehen, die uns fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen sowie bei anderen längst bekannten Gegenständen denken wir zuletzt an gar nichts, und was ist Beschauen ohne Denken?“ 8
6 Aus den Tag und Jahresheften des Jahres 1789 aus: Heimböckel, Dieter : „Goethes „Reise-Tagebuch“ für Frau von Stein und die Italienische Reise bis zum ersten römischen Aufenthalt“, Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 1999
7 Johann Wolfgang v. Goethe „Italienische Reise“ S. 1 (Kopie) 35-42
8 Aus den Tag und Jahresheften des Jahres 1789 aus: Heimböckel, Dieter : „Goethes „Reise-Tagebuch“ für Frau von Stein und die Italienische Reise bis zum ersten römischen Aufenthalt“, Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 1999
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Man sieht hier, nicht nur die Kunst, also das von Menschen geschaffene, erfährt seine ganze Aufmerksamkeit, auch die Natur fasziniert ihn- besonders die ihm fremde Vegetation Italiens. Der Naturforscher Goethe kommt hier wieder zum Vorschein. Nach seinem Grundsatz handelnd: „Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.“ ist er beim Anblick der sagenhaften antiken Kunst ganz Auge.
Er verbindet hier das „Schauen“ mit dem „Denken“, was als eine Art von Reflektieren erklärt werden kann. Gerade dieses Reflektieren über die Dinge, die man sieht, macht den Intellekt eines Menschen erst aus. Wer nicht hinterfragt, während er beobachtet, rennt blind durch die Welt. Ein genialer Ausspruch von Goethe, so finde ich: „....und was ist Beschauen ohne Denken?“ Man merkt hier, ein großartiger Denker, der seiner Zeit weit voraus war. Ein anderes Beispiel für das „Beschauen“ oder „Sehen“ in Goethes Sinne erhalten wir, als der Erzähler in Neapel den Vesuv erklimmt und sich das großartige Schauspiel eines Lavaflusses anschaut. Überwältigt von solch einer Naturgewalt, äußert er folgendes: „Man habe tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen.“ 9
Goethe befindet sich in Italien, um wieder zu sich selbst zu finden. Am 12.10.1786 in Venedig schreibt er:
„(..) Die historische Kenntnis förderte mich nicht: die Dinge standen nur eine Handbreit von mir ab, aber durch eine undurchdringliche Mauer geschieden. Es ist mir wirklich auch jetzt nicht etwas zumute, als wenn ich die Sachen zum ersten Mal sähe, sondern als ob ich sie wiedersähe“ 10
Hier erfahren wir, wie es dem Italien-Reisenden in der Heimat erging. Er wußte von der reichen Geschichte Italiens, hat sich Literatur verschafft und diese wahrscheinlich auch verschlungen. Sein Wissen war da, aber die Erkenntnis zu diesem Wissen fehlte. Man kann Dinge erst richtig begreifen, wenn man sie vor sich sieht, ich vermute das ist Goethes’ Aussage hier. In Deutschland war ihm dies lange Zeit nicht möglich, wahrscheinlich meint er mit der „undurchdringlichen Mauer“ seine Amtsgeschäfte, die ihm so gut wie keinen kreativen Freiraum ließen.
Einen weitern Beweis für seinen Gemütszustand in Weimar finden wir u.a. bei seinen Rom-Aufzeichnungen. Am 10. November 1786 schreibt Goethe in der ersten Zeile: „Ich lebe hier nun mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein Gefühl hatte.“ 11 Was ist der Künstler ohne dieses Gefühl? Ein Nichts, mag man hier fast bemerken. Es ist nicht verwunderlich, daß Goethe beim Anschauen der historischen Kunstwerke Italiens wieder aufblüht, denn hier sind eben gerade diese beiden Attribute, Klarheit und Ruhe, in einer äußerst harmonischen Form ausgedrückt. Einfach gesagt, was hier stattfindet, könnte
9 Johann Wolfgang v. Goethe „Italienische Reise“ S.4 (Kopie) 10-12
10 Johann Wolfgang v. Goethe „Italienische Reise“ aus Karl Ipser „Mit Goethe in Italien“ , Türmer Verlag, 1986, S. 13
11 IR , S. 134 , 23-24, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
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man auch „Anregung der Kunst durch die Kunst“ bezeichnen. Indem das Individium Goethe sich den „schönen Dingen“ in Italien aussetzt , nämlich den atemberaubenden Gebäuden, Wandmalereien, Statuen, Fresken, Brunnen, Plätzen und dazu noch das milde Klima genießt, generiert er wieder schaffenden Künstler.
„Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier.“ 12
Besonders das Klima spielt wahrscheinlich in diesem Prozeß der Genesung eine sehr große Rolle und darf hier - neben der Kunsteindrücken- nicht unterschätzt werden. Da Goethe sehr kälteempfindlich war, muß für ihn das mediterrane Klima Italiens ein wahrer Genuß gewesen sein.
12 IR , S. 135, 9-10 , in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
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4. Die drei großen Gegenstände der Italienischen Reise
4.1 Kunst
Wie es sich für ein „Universal-Genie“ wie Goethe gehört, ist er in nahezu allen Kunstrichtungen gebildet. Schon in Deutschland machte er sich durch Museumsbesuche mit antiker Kunst bekannt, jedoch nach dem Besuch im Hause Farsetti (Venedig) scheint er erst die wahre Bestimmung antiker Kunst für ihn gefunden zu haben. Er ist so hingerissen von den Gipsabgüssen im Farsetti Museum, daß sich für ihn neue Wege ergeben, Kunst zu verstehen und zu genießen:
„Es sind Werke, an denen sich die Welt Jahrtausende freuen und bilden kann, ohne den Wert des Künstlers durch Gedanken zu erschöpfen“ 13
Der kopflastige Denker erfreut sich in unglaublichem Maße an den Büsten und Statuen, daß es für eine nahezu sinnliche Erfahrung darstellt, sich diesen Kunstwerken zu nähern. Genuß und Bildung werden für ihn diesen Augenblick eins, sind untrennbar miteinander verbunden. Denn erst durch den Genuß, die Lust am Sehen, kann der Mensch geöffnet werden für den wahren Inhalt der Kunst, wie z.B. die Absichten des Künstlers, die Wirkung oder die Geschichte des Kunstobjekts. Das erfahren wir heutzutage als Museumsbesucher immer wieder. Wie oft sieht man Menschen durch Kunstausstellungen hasten oder sich gelangweilt antike Statuen oder Büsten anschauen (ich möchte mich selber gar nicht davon ausnehmen)? Doch diese Langeweile kommt oft erst durch Unwissen zustande. Wüßten wir um die Entstehungsgeschichte dieser antiken Kunstwerke, wir würden wahrscheinlich gebannt jede Kleinigkeit in uns aufnehmen und uns nicht losreißen können. Der Kontext ist hierbei das wichtigste Element, meine ich. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kunst und Künstler, was steckt dahinter? Genauso ergeht es vielen Menschen mit moderner Kunst, wobei hier die Frage nach „Kunst oder Nicht-Kunst“ oft nicht beantwortet werden kann. Doch erfährt man vom Künstler selbst, was seine Gedanken beim Erschaffen des Kunstwerks waren und darüber hinaus was seine Wirkung auf den Betrachter sein soll, wäre es um ein Vielfaches interessanter für manchen, nicht so kunstbewanderten, Besucher. Womit wir wieder bei Goethe wären. Dieses „Interessante“ an der Kunst, was stellt es eigentlich dar? Wenn uns ein Kunstwerk fesselt, uns nicht losläßt und wir es immer und immer wieder betrachten können und dabei jedes Mal etwas Neues entdecken, dann ist es für uns ein wahrer Genuß. Hier fallen Freude und Bildung zusammen, wie bei Goethe während seines Besuchs im Hause Farsetti.
In Rom angekommen, verändert sich oder besser gesagt, erweitert sich die Herangehensweise an die Kunst. Goethe spricht nun nicht mehr vom großartigen ersten Eindruck, sondern er erwähnt, daß es einer gewissen Vorkenntnis benötige, um den „wahren“ Kunstgenuß empfangen zu können.
Beim Betrachten des Gemäldes von Raffael „Schule von Athen“ ist davon das erste Mal die Rede:
13 IR , S. 88, 5-7, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
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„Das Vergnügen des ersten Eindrucks ist unvollkommen, nur wenn man nach und nach alles recht durchgesehen und studiert hat, wird der Genuß ganz.“ 14
Über diese Veränderung in Goethes Sichtweise zur Kunst erfahren wir noch mehr aus einem Brief an Johann Heinrich Meier vom 20. Mai 1796:
„Als ich zuerst nach Rom kam, bemerkte ich bald daß ich von Kunst eigentlich gar nichts verstand und daß ich bis dahin nur den allgemeinen Abglanz der Natur in den Kunstwerken, bewundert und genossen hatte, hier tat sich eine andere Natur, eine weiteres Feld der Kunst vor mir auf. Ja ein Abgrund der Kunst, in den ich mit desto mehr Freude hineinschaute, als ich meinen Blick an die Abgründe der Natur gewöhnt hatte.“ 15
Ermutigt und angeregt durch die Kunst-Überfülle in Rom, greift Goethe schließlich selbst zu den Handwerksmitteln des bildenden Künstlers. Mithilfe von Tischbein, seinem Reisebegleiter, fängt er das Malen an. Am Freitag, dem 27. Juli notiert er in seinen Aufzeichnungen:
„Übrigens helfen mir alle Künstler, alt und jung, um mein Talentchen zuzustutzen und zu erweitern. In der Perspektiv und Baukunst bin ich vorgerückt, auch in der Komposition der Landschaft. An den lebendigen Kreaturen hängt’s noch, da ist ein Abgrund, doch wäre mit ernst und Applikation auch weiterzukommen.“ 16
Der Dichter und Denker greift also selber zu Pinsel und Farbe und läßt sich vom Licht, den Farben und der Atmosphäre Roms inspirieren. Nebenbei, könnte man beinahe behaupten, schreibt er weiter an den wichtigsten Werken seines Schaffens, bildet sich an antiker Kunst aus, besucht Museen, arbeitet an den Aufzeichnungen über seinen Italien-Aufenthalt, die Sonne Italiens scheint ihm eine unendliche Kraft verliehen zu haben. Es scheint diese gewisse Mischung aus gemäßigtem Klima und allgegenwärtiger Kunst in jeglicher Form zu sein, die ihn zu solchen Leistungen vorantreibt.
4.2 Die Natur
Goethe war ein leidenschaftlicher Naturforscher. Seine Interessensgebiete umspannten Meteorologie, Geologie, Mineralogie und Botanik. Ganze Tagebücher und Briefe zeugen von Goethes Interesse an diesen Forschungsgebieten. Er war ein peinlich genauer Beobachter in natürlichen Vorgängen, sein Motto war stets in das Innerste der Dinge vorzudringen um so aus diesen Erkenntnissen ein allgemeingültiges gesetzt formen zu können.
14 IR , S. 133, 6-8, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
15 Heimböckel, Dieter : „Goethes „Reise-Tagebuch“ für Frau von Stein und die Italienische Reise bis zum ersten römischen Aufenthalt“, Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 1999, S. 137
16 Zweiter Römischer Aufenthalt, S. 372 , 5-10, in : Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967
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Was genau ist die Urpflanze? Ganz genau werden wir es nie erfahren, wir wissen nur,daß Goethe während seiner Italienischen Reise ständig nach ihr auf der Suche war. Am ehesten trifft man wohl diesen Gegenstand seines Interesses, wenn man die „Urpflanze“ nicht als eine gewisse Pflanze oder ein bestimmtes Gewächs ansieht, sondern als eine Idee, der Evolution näher zu kommen.
Schon in den ersten Weimarer Jahren verfolgte ihn der Gedanke nach der Urpflanze, der Pflanze aller Pflanzen, mit der alle angefangen haben soll. Angeregt wurde Goethes Suche durch Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“, in der die Idee geäußert wurde, daß der Mensch aus Tieren und Pflanzen hervorginge. Fasziniert von dieser Idee, stürzt sich Goethe in die Forschung nach dem Ursprung alles Pflanzlichem und verliert diese brennende Frage im Laufe der Jahre nie aus den Augen. In einem Brief an Charlotte v. Stein heißt es:
„Am meisten freut mich ietzo das Pflanzenwesen, das mich verfolgt; und das ists recht wie einem eine Sache zu eigen wird.(...) Und es ist kein Traum keine Phantasie; es ist ein Gefahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt.“ 17
Goethe als Evolutions-Biologe? Es scheint, als ob das Universal-Genie auf der Suche nach dem Keim des Lebens wäre. Er beschreibt seine Forschungen noch genauer in einem weiteren Brief:
„(..) Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt über welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüßel dazu, kann man alsdann noch Pflanzen ins unendliche erfinden, die konsequent sein müßten, das heist: die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa mahlerische oder dichterische Schatten und Schein sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige lebendige anwenden laßen.“ 18 Man merkt, dieser Mann ist seiner Zeit um gut 200 Jahre voraus. Was sich hier zuerst anhört wie eine fixe Idee, ist in unserem Zeitalter schon längst Wirklichkeit geworden: das Klonen von Pflanzen und deren Leistungsoptimierung nach genetischen Gesichtspunkten. Der Naturforscher war auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens, sein Wissensdrang war in dieser Hinsicht einfach unerschöpflich, was auch seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen sowie auch beim Tier erkennen läßt. 1785 erscheint die von ihm verfasste anatomische Abhandlung „Über den Zwischenknochen mehrerer Tiere“ Goethe wähnte sich auf der richtigen Spur, daß nämlich der Mensch vom Tier abstammt. Doch zu seiner Zeit wurden diese Gedanken noch als lächerlich empfunden und waren gerade aus theologischer Sicht nicht gern gesehen., da der das menschliche Wesen ja bekanntlich - im Sinne der Kirche - von Gott abstammt.
Während seines zweiten Aufenthalts in Rom überkommen Goethe plötzlich Zweifel, ob er die Urpflanze jemals finden wird. Er begreift sie fortan mehr als ein Ideal, was in der Realität nicht existiert, aber hätte existieren können
17 Heimböckel, Dieter : „Goethes „Reise-Tagebuch“ für Frau von Stein und die Italienische Reise bis zum ersten römischen Aufenthalt“, Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 1999, S. 119
18 Ebd. S. 121
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4.3 Der Mensch
Goethes Menschenbild leitet sich weder von der Theologie noch von der Geschichte ab, er sucht seinen Ursprung in der Natur. In Italien interessieren außer der Sprache, die er nun endlich anwenden kann, auch die Sitten, Verhaltensweisen und das Wesen der Einwohner. Während seines gesamten Aufenthaltes beobachtet er die italienische Bevölkerung und versucht immer wieder aufs Neue, typische Charakterzüge auszumachen. Den Alltag der Menschen mitzuerleben war ihm sehr wichtig. Da er sich inkognito bewegte, stellte es kein großes Problem dar, sich als normaler Bildungsreisender auszugeben. Goethe besuchte Gerichtsverhandlungen, Theatervorstellungen, Schul- und Akademiesitzungen, ging auf die Höfe, auf den Markt und auch in die Kirche.
Unvergessen bleibt auch die Bekanntschaft Goethes mit einem Straßenhändler in Palermo, der gerade den Gehsteig vor seinem Geschäft reinigte. Durch den aufkommenden Wind wird Schmutz durch die Strassen gewirbelt, dieser Schmutz wird dann von den Bürgern Palermos zusammengekehrt um dann beim nächsten Windstoß sofort wieder in alle Richtungen hinweggeblasen zu werden. Goethe macht sich Gedanken über diesen Umstand, da er in Neapel Zeuge einer sehr fortschrittlichen Müllbeseitigung geworden ist, die sich auch auf Palermo anwenden ließe. Der Kaufmann wird also zur Rede gestellt und der Italien Reisende kriegt eine „typische“ italienische Antwort: Es sei wie es sei und das sei auch gut so. Würde man den Müll entsorgen und zu einer zentralen Müllsammelstelle bewegen, hätte man ja keinen Grund mehr seinen Besen zu schwingen.
Ein ganz besonderen Eindruck auf ihn machte der Besuch des Karnevals in Rom. Er vergleicht dieses Fest mit dem Leben selbst, nicht als ein kulturelles Ereignis, welches seine Ursprünge in der Geschichte Italiens beherbergt, sondern als ein sich stetig wiederholendes Ereignis, wie die Natur selbst.
5. Die Schaffenskrise wird überwunden
Italien hat auf den Dichter Goethe eine heilende Wirkung, sein kreativer Geist bildet sich zurück. Alle seine Sinne werden angeregt, lange liegen gebliebene Werke werden wieder hervorgenommen und der kreativen Kraft Goethes steht nichts mehr im Wege. Tasso, Wilhelm Meister, Iphigenie, Faust- das sind die Hauptwerke, die in Weimar ein Schattendasein fristen mußten und zu neuem Leben erwachen.
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Schon am Gardasee, noch gar nicht richtig in Italien angekommen, nimmt der Künstler die Iphigenie wieder hervor und fängt an, daran zu arbeiten. Eine Gedenktafel in einem Hotel in Torbole erinnert noch heute daran:
„Heute habe ich an der Iphigenie gearbeitet, es ist im Angesicht des Sees gut vonstatten gegangen.“ 19
In Rom wird die Arbeit vorangetrieben und schließlich auch beendet: „Und so hat mich denn diese Arbeit, über die ich bald hinauszukommen dachte, ein volles Vierteljahr unterhalten und aufgehalten, mich beschäftigt und gequält. Es ist nicht das erstemal, daß ich das Wichtigste nebenher tue, und wir wollen darüber auch nicht weiter grillisieren und richten.“
Auch andere bedeutende Werke gedeihen unter der südlichen Sonne Roms. Am 5. Juli 1787 schreibt Goethe in seinem „Zweiten Römischen Aufenthalt“:
„Egmont“ ist in der Arbeit, und ich hoffe, er wird geraten.(..) Es ist recht sonderbar, daß ich so oft bin abgehalten worden, das Stück zu erledigen, und daß es nun in Rom fertig werden soll. (..) Ich habe über allerlei Kunst so viel Gelegenheit zu denken, daß mein „Wilhelm Meister“ recht anschwillt.“
6. Arkadien
„Auch in Arkadien“, so lautet das Motto der Italienischen Reise. Woher stammt es? Es ist die Übersetzung des lateinischen Wortes „Et in Arcadia ego“ und findet sich zuerst auf einem frühen Gemäde Guercinos (1591-1666) in Rom, der Galleria Corsini. Zwei Hirten betrachten ein auf einem Mauerstück platzierten Totenschädel, der von einer Maus (das Symbol der alles vertilgenden Zeit) angenagt wird.
Auf dem Mauerstück befindet sich die Inschrift, man könnte den Spruch als Grabinschrift begreifen.
Die älteste deutsche Übersetzung ist bei J.G. Jacobis „Winterreise“ (1769) zu finden: „Wenn ich auf schönen Fluren einen Leichenstein antreffe mit der Inschrift „Auch ich war in Arkadien“, so zeig ich den Leichenstein meinen Freunden, wir bleiben stehn, drücken uns die Hand und gehen weiter.“ 20
Arkadien steht hier also für einen Ort, an dem der/die Tote einmal in seinem Leben verweilt hat und dort reichlich Glück oder Wohlempfinden genossen hat.
Wann das Wort sich von der Grabinschrift gelöst hat, ist nicht bekannt. In Herders Gedicht „Angedenken an Neapel“ wird Arkadien eindeutig als Italien dargestellt, von einer Grabinschrift ist nichts mehr zu finden.
19 Karl Ipser „Mit Goethe in Italien“ , Türmer Verlag, 1986, S. 40
20 Goethes Werke, Band 11, Wegner Verlag, Hamburg, 1967, S. 596
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7. Interpretation
Die VII. Römische Elegie
O wie fühl’ ich in Rom mich so froh! gedenk’ ich der
Zeiten,
Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing; Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte,
Farb- und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag, Und ich über mein Ich, des unbefriedigten Geistes Düstere Wege zu spähn, still in Betrachtung versank.
In diesem ersten Abschnitt der Römischen Elegie tritt wieder das Wetter-Motiv hervor. Goethe fühlt sich unwohl im grauen, regnerischen Deutschland, das Wetter steht hier symbolhaft für seinen Gemütszustand. Er ist „ermattet“, die Welt um ihn herum ist „farb- und gestaltlos“- schlicht gesagt, das Wetter strahlt auf ihn eine ungeheure Tristesse aus. Der Himmel ist wolkenverhangen, diese grauen Wolken lasten schwer auf seinem Gemüt und sind vielleicht der Anfang einer Melancholie oder völliger Lustlosigkeit, wie sie Menschen oft bei ständigem Regenwetter umfängt. Sein Geist ist „unbefriedigt“, er gerät mit seinen Gedanken in „düstere Wege“ und er ist gelähmt, empfindet nichts als Leere. Nur die Erinnerungen an Rom erhellen seinen Geist. Phöbus rufet, der Gott, Formen und Farben hervor. Sternhell glänzet die nacht, sie klingt von weichen Gesängen, Und mir leuchtet der Mond heller als nordischer Tag. Welche Seligkeit ward mit Sterblichem! Träum’ ich?
Phöbus ist der griechische Beiname des Apoll, der Sohn des Zeus und der Gott des Lichts und der Kunst. Er steht hier wahrscheinlich für das „Kunsterlebnis“, welches Goethe in Italien zuteil wurde. Wie wir wissen, nahm er bei Tischbein Unterricht in der Malerei und versuchte sich auch als Bildhauer.
Wieder finden wir hier eine Beschreibung des Wetters oder des Klimas. Goethe muß sich sehr wohl gefühlt haben unter der italienischen Sonne. Sogar in der Nacht scheint der Mond heller als die Sonne am Tage in Deutschland („nordischer Tag“)
Durch die Nacht hindurch hört er Gesänge, eine unglaubliche harmonische Atmosphäre breitet sich aus. Fast erscheint sie wie ein Traum („Träum ich“)
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Empfänget
Dein ambrosisches Haus, Jupiter Vater, den Gast? Ach, hier lieg’ ich und strecke nach deinen Knieen die Hände
Fliehend aus. O vernimm, Jupiter Xenius mich! Wie ich hereingekommen, ich kann’s nicht sagen: es faßte Hebe den Wanderer und zog mich in die Hallen heran.
Jupiter, auch Jupiter Optimus Maximus genannt (Der Beste und Größte) war der Beschützer Roms. Sein Tempel auf den Hügeln Roms war ein heiliger Ort und diente den Menschen als Gebetsstätte, in denen sie zu den Göttern Kontakt aufnehmen konnten. Das „ambrosische Haus“ stellt demzufolge diesen Tempel dar. Ambrosia galt als „göttliche Speise“. Goethe besucht vermutlich diesen Ort und bittet um Einlaß im symbolischen Sinne. Er sucht wohl eher den längst verloren gegangenen Geist dieser Stätte wiederzubeleben. Wie ist Goethe in diesen Tempel gelangt? Er weiß er selber nicht, sagt er. Die griechische Göttin der Jugendschönheit, Hebe, hat ihn dem Weg gewiesen.
Hast du ihr einen Heroen herauf zu führen geboten?
Irrte die Schöne? Vergib! Laß mir des Irrtums Gewinn! Deine Tochter Fortuna, sie auch! Die herrlichsten Gaben Teilt als ein Mädchen sie aus, wie es die Laune gebeut. Bist du der wirtliche Gott? O dann so verstoße den Gastfreund Nicht von deinem Olymp wieder zur Erde hinab!
Ist der Eindringling des Tempels ein Held oder ein Halbgott? War es eine Befehl Jupiters and die schöne Hebe ihm einen Helden zu bringen? Wir erfahren nur, daß es sich nicht um einen solchen handelt der in den heiligen Hallen umherwandelt („Irrte die Schöne? Vergib!“) Fortuna gilt in der römischen Mythologie als Schicksals- und Glücksgöِ ttin, die der griechischen Gِ öttin Tyche entspricht. Von frühesten Zeiten an wurde sie im ganzen römischen Reich verehrt. Zuerst galt sie als eine Art Fruchtbarkeitsgöِ ttin oder Trägerin von Reichtum; allmählich wurde sie ausschließlich um Glück angefleht. Als Schicksalsgöِ ttin wurde sie in ihren Orakelheiligtümern in Antium und Praeneste (heute Anzio und Palestrina) oft über die Zukunft befragt. Sie gilt als Symbol der Willkür und der Wechselhaftigkeit des Lebens.
Der Besucher der heiligen Halle fleht Jupiter an, ihn nicht wieder in das irdische Leben zurückzustoßen. Falls er der „wirtliche Gott“ sei, könnte er unmöglich den Gast wieder auf die Erde zurückversetzen. Vermutlich ist sinnbildlich Goethes Aufenthalt in Italien gemeint. Die Halle Jupiters ist Italien oder Rom selbst, Jupiter stellt die Kunst und die Schönheit der Stadt sowie die Kreativität dar. Fortuna versteht sich eventuell als den Glücksfall, den Goethe in seinem Aufenthalt sieht und Hebe könnte für eine Liebschaft stehen.
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„Dichter! Wohin versteigst du dich?“- Vergib mir: der hohe
Kapitolinische Berg ist dir ein zweiter Olymp. Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, Cestius’ Mal vorbei, leise zum Orkus hinab.
Jupiter spricht Goethe hier direkt an und mißachtet seinen Hochmut oder tadelt ihn, weil er im heiligen Tempel verweilen möchte. Darauf hin entschuldigt sich der Besucher sofort („Vergib mir“)
Das Kapitol, gelegen auf dem Kapitolinischen Hügel, war das politische Zentrum des alten Roms. Eigentlich spricht man auch vom Kapitol als Regierungsgebäude, in Rom jedoch stellt es einen der sieben Hügel der Stadt dar. Er besitzt zwei Gipfel, zu römischen Zeiten befand sich auf dem südlichen eine Zitadelle und auf dem nördlich der schön erwähnte Tempel oder Pallast des Jupiters.
Goethe schrieb die Elegien im Nachhinein seiner Italienischen Reise in Weimar, so daß man diese Nacht mit seinem kompletten Aufenthalt in Rom gleichsetzen kann, und er bittet in den letzten beiden Versen, sein Leben hier in Rom verbringen zu dürfen, um dann auf dem für ihn zuständigen protestantischen Friedhof außerhalb der Aurelianischen Mauer bestattet zu werden. Dieser Friedhof lag neben der Pyramide des Cestius, einem antiken Bauwerk, so daß Goethe diese für die Wegbeschreibung im letzten Vers benutzt. Ironischerweise wurde 1831, ein Jahr vor Goethes Tod, sein Sohn August, der in Rom an einem Fieberanfall starb, auf eben dem Friedhof beigesetzt, während Goethe schon lange nach Deutschland zurückgekehrt war, um dort seinen Dienst als Minister, Dichter und Naturforscher zu erfüllen.
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8. Zusammenfassung
„In jeder großen Trennung liegt ein keim von Wahnsinn, man muß sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.“
Da sind einige der letzten Worte, die Goethes Abschiedsschmerz charakterisieren, als er Rom verläßt. Was ein wenig pathetisch klingt, Goethe verliert hier nicht sein Leben sondern er verläßt schließlich „nur“ eine italienische Stadt, muß in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Allein die Strapazen, diese Reise auf sich zu nehmen, waren ungeheuerlich. An die 60 Tage war der Reisende unterwegs, durch zahlreiche kleine Fürsten- und Herzogtümer und deren Zollbeschränkungen behindert, die Überwindung der Alpen, die Gefahr eines plötzlichen Wetterumschwungs, die Gefahr eines Überfalls durch Wegelagererall das waren mögliche Hindernisse auf diesem langen beschwerlichem Weg. Für den heutigen Reisenden sind diese beschwerlichen Umstände wohl kaum nachzuvollziehen. Die Bedeutung, die Goethe dieser Reise zumaß, wird in seinen Abschiedworten deutlich. Es kann ganz offensichtlich von einer Liebesbeziehung Goethes zu diesem Land gesprochen werden- Italien wirkte geistig wie auch körperlich in großem Maße auf seine Verfassung ein. Was würde man heutzutage zu einer solchen Reise sagen? Ein Selbstfindungs-Kurs, eine Frischzellenkur, eine Auszeit, um zu sich selber zu finden? Vielleicht trifft die letzte Entsprechung zu. Goethe fand auf dieser Reise zu sich selber zurück. Seine kreativen Kräfte wurden wieder regeneriert, zahlreiche vollendete Werke beweisen das, aber es geschieht noch mehr mit dem „gestreßten“ Weimarer Staatsminister in dieser Zeit. Seine Sichtweise der Dinge verändert sich und wird schließlich vollkommen. Die allseits gegenwärtige Kunst in Italien, vom Kolosseum bis zu den Palästen Palladios, den antiken griechischen Büsten, den Wandmalerein Michelangelos- eine einzige optische Stimulanz für den sehr auf das „Sehen“ fixierten Goethe. Dazu ein mildes Klima, welches die Wetterfühligkeit nahezu in Vergessenheit geraten läßt - ein optimaler Erholungsurlaub und gleichzeitig die Erschließung neuer Ebenen der Wahrnehmung. Goethe sieht und fühlt anders als in Deutschland. Er hat, so könnte man das sagen, das Sehen und verstehen wieder neu erlernt. Getreu seinen eigenen Worten hat sich der Zweck der Reise erfüllt: „Paris sei meine Schule, möge Rom meine Universität sein“
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9. Literaturverzeichnis
Gerlach, Hermann: „Goethe erzählt sein Leben“, Fischer Verlag Frankfurt/M, Hamburg, 1956 Emil Staiger: „Goethe“ Band I , Atlantis Verlag, Zürich, Freiburg, vierte Aufl., 1964 „Goethes Werke“ Band XI, Wegner Verlag, Hamburg, siebente Aufl., 1967 Italo Michele Battafarano: „Die im Chaos blühenden Zitronen“ Identität und Alterität in Goethes Italienischer Reise, Peter Lang Verlag, 1999
Dieter Heimböckel: „Von Karlsbad nach Rom: Goethes „Reise-Tagebuch“ für Frau v. Stein und die „Italienische Reise“ bis zum ersten römischen Aufenthalt“, Aistheseis Verlag, Bielefeld, 1999
Karl Ipser: „ Mit Goethe in Italien“, Türmer Verlag, Berg-Starnberger See, 1986 Knaurs Lexikon A-Z, Droemer Knaur Verlag, 1990
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Arbeit zitieren:
Kai Rühling, 2002, Goethes Italienische Reise, München, GRIN Verlag GmbH
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