EINLEITUNG 1
I. BESCHREIBUNG UND BEGRÜNDUNG DER METHODIK 2
II. ÜBERPRÜFUNG DER METHODIK 5
III. VERFAHREN ZUR GEWINNUNG DES PHONEMINVENTARS EINER SPRACHE 8
IV. VERFAHREN ZUR GEWINNUNG DES MORPHEMINVENTARS EINER SPRACHE 10 ERSTER ANALYSESCHRITT: 11
ZWEITER ANALYSESCHRITT: 11
DRITTER ANALYSESCHRITT: 12
VIERTER ANALYSESCHRITT: 12
FÜNFTER ANALYSESCHRITT: 12
V. STELLENWERT DER SEMANTIK INNERHALB DER LINGUISTIK 13
VI. WAS IST SPRACHE UND WAS MUß DIE LINGUISTIK LEISTEN? 14
ANWENDUNG DER STRUKTURALISTISCHEN METHODIK 14
Einleitung
MARTIN JOOS will, wie der Titel sagt, die Gestalt der Sprache beschreiben. Zunächst versucht er jedoch, wie schon BLOOMFIELD in seinen Postulates 1 , das Arbeitsfeld der Linguistik abzustecken. Dabei stellt er eine obere und eine untere Grenze fest. Die obere Grenze wird durch die Semantik gebildet. Diese gehört, nach JOOS' Meinung, zum Arbeitsgebiet des Soziologen. Die untere Grenze stellt die Phonetik dar. Sie ist Bestandteil der Physik. Die Aufgabe des Linguisten ist es, die Sprachgestalt exakt zu beschreiben und nicht die Begründung für diese Gestalt zu liefern. Die einzige Technik, die nach JOOS Meinung eine präzise Beschreibung der Sprache erlaubt, ist eine mathematische Methodik. Aufgrund der doppelten Begrenzung gegenüber der realen Welt nimmt die Linguistik eine Sonderstellung in der Gesamtheit mathematischer Systeme ein. JOOS setzt diesen Befund gleich mit der Behauptung, daß Sprache ein System von Symbolen, ein Code sei.
Im Gegensatz zum Physiker, der das Phänomen Sprache mit einer kontinuierlichen Mathematik (z.B. FOURIER-Analyse 2 ) beschreibt, versucht der Sprachwissenschaftler, Sprache mit Hilfe einer diskontinuierlichen, diskreten Mathematik zu erfassen. Unter kontinuierliche mathematischen Verfahren fällt z.B. die Analysis, unter diskontinuierliche Verfahren die Algebra. Im folgenden soll JOOS Wahl der "Rechnungsart" begründet werden.
1 Leonard Bloomfield, A set of postulates for the science of language; Language 2.153 - 64 - 1926
2 auch Harmonische Analyse; nach dem franz. Mathematiker J. B. J. Fourier genanntes Verfahren zur Zerlegung von Schallwellen in ihre Bestandteile. Ähnlich der Spektralanalyse von elektromagnetischen Wellen.
1
I. Beschreibung und Begründung der Methodik
Nachdem JOOS den Aufgabenbereich der Linguistik festgelegt hat, geht er zu einer genaueren Beschreibung dessen über, was er unter "mathematischer Methodik" versteht.
Er erkennt zwar das Problem, daß aufgrund verschiedener Axiome (Grundannahmen) verschiedene Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beschreibung ein und derselben Sprache gelangen können, sieht darin aber kein grundsätzliches Argument gegen die Methodik, solange die Logik innerhalb des Systems gewahrt bleibt. Jede Aussage muß entweder wahr oder falsch sein, es darf keine "sowohl als auch" Aussagen geben. Innerhalb der Wissenschaften, die sich mit dem menschlichen Verhalten befassen, ist die Linguistik nach JOOS Meinung dem Ziel, vollständig mathematisch zu sein, am nächsten. Er veranschaulicht die Art und Weise wie die Mathematik die Realität beschreibt anhand des folgenden Beispiels:
Wenn jemand eine Landkarte benutzt, könnte er sagen: "Ich habe das Gefühl, daß das eine Karte dieser Landschaft ist.", aber es gibt keinen Weg, logisch zu beweisen, daß es nicht vielmehr eine Karte von Australien oder von irgendeiner imaginären Schatzinsel ist. Ungeachtet der Unmöglichkeit der logischen Verifizierbarkeit benutzen Entdecker Karten, Naturwissenschaftler die Mathematik und Linguisten benutzen die beschreibende Methode der Linguistik. Alle drei zeigen das selbe Verhalten in Bezug auf die Karte: Man bewegt sich durch ein Gelände und zieht simultan dazu eine Linie durch die Karte; man bemerkt die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen aus der realen Welt und der Karte, bis man in diesen Unterschieden ein Muster erkennt; dann korrigiert man die Karte und beginnt von neuem. Dieses Verhalten ist intuitiv und weder logisch begründbar noch auf irgendeine Weise zu rechtfertigen. Logik ist nicht zwischen dem beschreibenden System und dem beschriebenen Gegenstand erforderlich, sondern das System in sich muß logisch sein. JOOS geht soweit, die Linguistik als Quantenmechanik 3 in ihrer extremsten Form zu bezeichnen. Alle kontinuierlichen Phänomene der Sprache werden entweder der Semantik oder der Phonetik zugewiesen, liegen also außerhalb der Linguistik.
3 Die Quantenmechanik ist eine physikalische Theorie, die im Unterschied zur klassischen Mechanik nicht kontinuierliche Bewegungsabläufe etc., sondern nur eindeutig bestimmbare Zustände und Quantensprünge
beschreibt.
2
Weiter sagt JOOS, daß jede Sprache aus "bedeutungstragenden" Molekülen, den Morphemen, besteht. Diese Morpheme sind kleinste Einheiten, die mit Kategorien der realen Welt korrespondieren.
Hier gibt er erneut ein Beispiel:
Das englische Wort nose besteht aus einem Morphem, das Wort noses aus zwei Morphemen. Das zweite Morphem in noses hat die Bedeutung Mehrzahl und korrespondiert somit mit der Tatsache, daß bestimmte Gegenstände, Körperteile etc. in der Realität mehrfach vorkommen können, d.h. die Sprache trägt unserer Fähigkeit unsere Umwelt zu abstrahieren und zu kategorisieren durch das Vorhandensein eines Pluralmorphems Rechnung. Nimmt man den englischen Satz "The councillors all put their glasses on their noses." und übersetzt ihn ins Deutsche, so erhält man für die Pluralform noses die Singularform Nase und nicht wie zu erwarten wäre die entsprechende Pluralform Nasen. Der Deutsche weiß natürlich, daß eine bestimmte Anzahl von Ratsmitgliedern eine gleiche Anzahl von Nasen besitzt und es existiert ja auch ein entsprechendes Äquivalent für noses aber in diesem Satz benutzt er die Singularform Nase.
Aus dem Beispiel ist ersichtlich, daß man, "linguistisch" gesprochen, lediglich aussagen kann, ob eine Form (Morphem) Singular oder Plural ist. Diese Aussage wird statistisch begründet: Wenn eine Form überwiegend Dinge in der Mehrzahl bezeichnet so wird sie Pluralmorphem genannt. Der Sprachwissenschaftler macht damit aber keine Aussage darüber, ob ein oder mehrere Gegenstände gemeint sind. Weiterhin stellt JOOS fest, daß jede Form bestimmten Kategorien zuzuordnen sind. Diese Kategorien sind eindeutig, d.h. es gibt keine Übergänge zwischen ihnen. So ist, zumindest was das Deutsche und das Englische betrifft, jede Substantivform entweder mit einem Singular- oder Pluralmorphem versehen. Es gibt auf dieser Ebene keine dritte Kategorie. Die strenge Kategorisierung, die jedes Morphem eindeutig bestimmbar macht, gilt für jede Sprache, auch für Dialekte. JOOS postuliert, daß Anzahl und Art der Kategorien einer Sprache begrenzt sind. Die Frage, warum die Sprache trotz dieser Beschränkung kreativ ist, beantwortet er damit, daß sich nicht die Anzahl oder Art der Kategorien ändert sondern diese von den Sprechern nur in neuen, ungewöhnlichen Kombinationen verwendet werden. Eine Sprache besteht aber nicht nur aus Kategorien, (z.B. Singular - Plural), sondern auch aus Klassen. Mit Klassen sind bei JOOS z.B. die Wortarten Substantiv und Verb gemeint. Jede Form ist somit eindeutig einer bestimmten Klasse und diese wiederum bestimmten Kategorien zuzuordnen. Dies bestätigt nach JOOS Meinung die Richtigkeit der Entscheidung für eine diskontinuierliche Mathematik als linguistische Arbeitsweise. Am obigen "Nasenbeispiel" läßt sich zeigen, daß es auch Nullmorpheme gibt. Wenn die Form nose zur Klasse der Substantive und zur Kategorie Singular gehört, und die Form noses ebenfalls zur Klasse der Substantive aber zur Kategorie Plural gehört und /s/ das
3
Pluralmorphem ist, so folgt daraus, daß das Singularmorphem nicht markiert ist. Diese Tatsache widerspricht der von JOOS geforderten Eindeutigkeit. Er umgeht das Problem elegant, indem er die Entscheidung, welche Form gemeint ist, dem Hörer überläßt. Dieser reagiert nur auf eine der zur Wahl stehenden Kategorien, selbst wenn die Äußerung zweideutig ist. Der Terminus 'Reaktion' ist hier wahrscheinlich im Sinne des Behaviorismus verwendet, also als eine für einen Betrachter wahrnehmbare Verhaltensweise.
Ich will zunächst versuchen JOOS Schematisierung mit Hilfe eines Diagramms zu veranschaulichen 4 :
Klasse:
Dimensionen:
Wir sehen also, daß für das englische Substantiv zwei Dimensionen entsprechend der beiden Kategorien (singular/plural; possessive/common) bestehen, für die sich ein Sprecher/Hörer bei jedem Gebrauch eindeutig entscheiden muß. JOOS nennt dies die Tyrannei der Kategorisierung. Er behauptet weiter, daß die Kategorisierung selbst dann vorgenommen wird, wenn der Hörer keine exakte Erinnerung an das Gehörte/Gelesene mehr hat. Als Beispiel benutzt er nochmals den obigen Satz mit den councillors: Würde man den Leser fragen, ob der Beispielsatz im Präsens oder im Präteritum stehe, müßte er sich, da dies eine der Kategorien des Englischen ist, für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden, selbst wenn, wie in diesem Fall, die Entscheidung völlig zufällig wäre. Dieser Entscheidungsprozess findet in jeder Sprache statt, wobei diese sich allerdings in Art und Anzahl der Kategorien unterscheiden. JOOS folgert daraus, daß die linguistischen Kategorien absolute Größen sind, die sich nur mit den logischen Operatoren wahr/falsch beschreiben lassen.
4 für das Englische
4
Wie geht JOOS mit dem Problem um, daß sich Sprache auf Phänomene der realen Welt bezieht? Er geht von der Annahme aus, daß eine Sprachgemeinschaft ihre Umwelt nach den Kategorien ihrer Sprache klassifiziert als umgekehrt. Diskontinuierliche Phänomene der Wirklichkeit, die sich in einer sprachlichen Äußerung z.B. als Prosodie niederschlagen und nicht mit einer endlichen Anzahl absoluter Kategorien beschrieben werden können, werden als nicht-linguistisch klassifiziert und sind somit nicht Gegenstand dieser Wissenschaft. Er zeichnet danach als Gegenbeispiel das Bild einer hypothetischen Sprache, um seine Behauptung zu untermauern:
Vorstellbar ist eine Sprache, in welcher das Wort [kul] eine Temperatur von +10° und das Wort [kold] die Temperatur -10° Celsius bezeichnet, während jede dazwischenliegende Temperatur präzise durch einen Vokal zwischen [u] und [o] und einer bestimmten Intensität der Aussprache von [d] gekennzeichnet wäre, d.h. das kontinuierliche Phänomen Temperatur würde sich in einem kontinuierlichen Sprachverhalten ausdrücken.
Er behauptet, daß bis heute keine derartige Sprache gefunden wurde, die entsprechend der Variabilität der Referenten (Gegenstände, Vorgänge, etc.) eine gleiche Variabilität der Formen (Worte, etc.) aufweisen, weder in der Morphologie noch im Bereich der Semantik.
II. Überprüfung der Methodik
Ist die oben beschriebene Methode der Sprachbeschreibung adäquat? Ist Sprache ohne Einschluß von Phonetik und Semantik überhaupt erfaßbar?
JOOS unterscheidet zwischen Phonetik (besser wäre in diesem Zusammenhang von Phonologie zu sprechen) und Phonemik. Die Erste zählt er zur Physik, die Zweite zur Sprachwissenschaft. Er unterscheidet die beiden folgendermaßen: Die Phonetik befaßt sich mit der Gesamtheit der Sprachsignale, die Phonemik nur mit einer kleinen, begrenzten Zahl von diskreten Signalen, den Phonemen.
Er gibt ein Beispiel:
Das Wort Hotel kann vom Standpunkt des Physikers, der die Phonologie untersucht niemals auf ein und dieselbe Weise ausgesprochen werden, egal ob von ein und derselben Person oder von verschiedenen Personen. Für den Linguisten hat das Wort Hotel in der Mitte immer das Phonem /t/ welches jedesmal identisch ist. Diese Konstanz ist unabhängig von der Phonologie, sie ist absolut. Ein Phonem ist ein linguistisches Atom und läßt sich eindeutig kategorisieren.
5
Dem Einwand, daß auch Phoneme eine gewisse Varianz aufweisen und sich auch mit Hilfe der Infinitesimalrechung 5 auf eine kleine Zahl begrenzen lassen, begegnet JOOS damit, daß er diese Varianten Allophone nennt, die nicht Gegenstand linguistischer, sondern phonetischer Untersuchung sind. Die Entscheidung für eindeutig bestimmte Phoneme läßt sich nicht logisch begründen, da es sich hier wieder um die Schnittstelle zwischen zwei Systemen, der Realität und dem sie beschreibenden System der Sprache, handelt. Logik muß nur innerhalb eines Systems gegeben sein, nicht zwischen verschiedenen Systemen. JOOS versucht, die Existenz von Phonemen und ihre Zugehörigkeit zu absoluten Kategorien durch Analogie zu begründen. Er benutzt das Beispiel der Telegraphie:
Morse 6 - und Baudot 7 -Alphabet benutzen beide den dualen Punkt/Strich-Code. Es ist unwichtig ob der Strich eine andere elektrische Polarität aufweist als der Punkt oder aus einer elektrisch neutralen Periode besteht. Ein Morse-Strich könnte beispielsweise aus drei aufeinanderfolgenden Punkten und ein Trennzeichen zwischen zwei Buchstaben aus drei Strichen bestehen. In diesem Fall unterscheiden sich die Einheiten nur in einer Dimension. Es wäre aber auch vorstellbar, daß Strich und Trennzeichen unabhängige Signale sind. Dann gäbe es vier Signale, die sich in zwei Dimensionen unterschieden: Elektrischer Polarität und Dauer des Signals. Es gibt also mindestens zwei Möglichkeiten den Morse-Code zu erklären. Beide sind mit Hilfe eines diskreten mathematischen Verfahrens erfaßbar, und beide sind korrekt bezüglich ihrer Grundannahme. Sie unterscheiden sich also lediglich in ihrer Grammatik. Die erstgenannte Methode fordert die grammatikalische Regel, daß jedes Auftreten von Punkt nach Strich und Strich nach Punkt immer gefolgt ist von genau zwei weiteren des selben oder ein bzw. drei des anderen Zeichens. Wir haben also folgende Kombinationsmöglichkeiten:
Die zweite Methode fordert, daß jedem Punkt ein Strich und jedem Strich ein Punkt folgen muß, was zu folgenden Kombinationen führt:
5 kontinuierliches mathematisches Verfahren im Gegensatz zu dem diskontinuierlichen Verfahren der mathematischen Logik, das von JOOS gefordert wird.
6 nach S. Morse: Binärer telegraphischer Code aus Punkten und Strichen, mit dessen Hilfe sich Buchstaben, Zahlen und Zeichen darstellen lassen.
7 nach J. Baudot: Telegraphischer Code, der mit fünf Zeichen arbeitet.
6
Ein Morse-S ist , ein Baudot-Y ebenfalls. Kann man deshalb sagen, sie seien
identisch? Nimmt man eine lange Reihe von Signalen, so wird es für den ungeübten Betrachter schwierig, die einzelnen Signale voneinander zu trennen und so die Originalnachricht zu entziffern. Überläßt man diese Aufgabe jedoch einem Morse-Interpreter, so kann dieser das Signal so bearbeiten, daß damit z.B. ein Fernschreiber betrieben werden kann, die Nachricht also wieder lesbar wird. Man kann sich vorstellen, daß bei Codes wie dem Morse- oder Baudot- Alphabet kleinste Störungen die Nachricht völlig verändern können. Weiter ist klar, daß ein Interpreter für den Morse-Code keine Baudot- Signale bearbeiten kann und umgekehrt.
Was würde nun ein Telephoningenieur tun, der nichts von der Existenz der Telegraphie weiß, gäbe man ihm einen langen Telegraphenstreifen (in akustischer Form) zur Untersuchung? Er würde kontinuierliche mathematische Verfahren wie die FOURIER - Analyse etc. anwenden, da es sich bei dem ihm vorgelegten Material augenscheinlich um ein kontinuierliches Phänomen handelt. Solange er auf diese Weise vorgeht, ist es ihm nicht möglich, einen Sinn (Semantik!) zu erkennen. Als Nächstes wird er versuchen, die Ausgangsspannung zu differenzieren, so daß er nun für jedes Ereignis zwei Werte erhält: die Spannung und ihre erste Ableitung. Jetzt bildet er in einem Intervall von 5 Millisekunden von beiden den Mittelwert und überträgt diese beiden Werte auf Millimeterpapier. Wenn er einige tausend Punkte übertragen hat, erhält er eine kontinuierliche Variation der Punktdichte mit einer Anzahl lokaler Maxima. Jedes Maximum etikettiert er nun mit einem Buchstaben oder einer Zahl. Nun kann er dazu übergehen, die Originaldaten nach diesem System zu interpretieren, d.h. jedesmal wenn die Ausgangsspannung oder ihre Ableitung in die Nähe dieser Maxima kommen, werden sie mit dem entsprechenden Etikett versehen, so daß am Ende die Originaldaten durch eine Kette solcher Labels ersetzt ist. Diese Folge könnte er dann einem Kryptologen zur Dechiffrierung geben.
Wäre solch ein Verfahren sinnvoll? Offensichtlich nicht, denn mit diesem Verfahren wäre es allenfalls möglich, die Einheiten des Morse-Alphabets zu isolieren, nicht aber eine sinnvolle Nachricht zu rekonstruieren. Dies wäre nur dann möglich, wenn bekannt wäre, daß eine Nachricht intendiert ist und die Regeln (Grammatik) für die Kombination der Einheiten bekannt sind. Dies gibt JOOS die Berechtigung, Variationen in der Aussprache zu vernachlässigen und jeweils eine gewisse Bandbreite dieser Varianten einem bestimmten Phonem zuzuordnen. Die Varianten selbst erklärt er entweder als geräuschbedingt oder kontextbedingt (d.h. abhängig von der lautlichen Umgebung). Würde man nun dem obigen Telephoningenieur neben den Daten die zusätzliche Information geben, daß es sich um einen Code handelt der aus kleinsten Einheiten besteht, wobei sich jede Einheit eindeutig von der anderen unterscheidet, so wäre seine Vorgehensweise eine andere:
Als erstes würde er nach Wellenzügen Ausschau halten die annähernd gleich sind. Dabei fiele ihm das häufige Auftreten von dreigipfligen Wellensequenzen auf. Weiterhin die Tatsache, daß, wenn der erste peak der Welle niedrig ist, davor ein langes Wellental liegt. Liegt kein langes Wellental vor der isolierten Sequenz, dann ist der erste peak genauso hoch oder etwas höher wie der Zweite. Diese kleine Abweichung ist ein Kontext-Effekt. Wenn diese Effekte erkannt und eliminiert sind, dann lassen sich die verbleibenden Variationen auf Störgeräusche (in diesem Fall elektrischer Art) zurückführen. Auf diese Weise wird es ihm nach und nach gelingen, die Buchstaben des Morse-oder Baudot- Alphabets zu identifizieren.
7
Abschließend wird er die Gestalt des telegraphischen Codes in Form von absolut identischen Rechteckwellen beschreiben, wohl wissend, daß es solche nicht gibt und seine Daten ja eine gewisse Varianz aufweisen. Nicht die Logik seiner Methode überzeugt letztlich, sondern ihre Eleganz.
Die Linguistik ist mit dieser Methode inzwischen so erfolgreich, daß sie begonnen hat ihre beschreibende Technik in den Rang einer Theorie der Sprache überhaupt zu erheben. Linguisten vergleichen die Sprache mit einem telegraphischen Code, bestehend aus molekularen Signalen (Morpheme, Worte oder allgemeiner forms), welche wiederum aus unveränderlichen Atomen (Phoneme) aufgebaut sind. Sprache unterscheidet sich von einem telegraphischen Code aber in zweierlei Hinsicht: Sie besteht aus einer Vielzahl von übereinander gelagerten komplexen Dimensionen (im Unterschied zu den zwei Dimensionen des Morse-Alphabets: Punkt/Strich) und in jeder gibt es strikte Regeln darüber, welche Kombinationen erlaubt sind und welche nicht. Dies haben, soweit bekannt, alle Sprachen gemeinsam. Aber die Einzelsprachen sind genauso unterschiedlich wie das Morse- und Baudot- Alphabet.
III. Verfahren zur Gewinnung des Phoneminventars einer Sprache
Nimmt man die beiden obengenannten Telegraphen-Codes (Morse, Baudot), so läßt sich auf der Ereignisebene feststellen, daß sie beide das Signal besitzen. Nun stelle
man sich vor, man fände dieses Signal in der Ausgabe zweier Telegraphen. Sind die beiden Signale nun identisch oder nicht? Das ist abhängig davon, ob beide Telegraphen das Morse-oder Baudot- Alphabet benutzen. Tun sie dies, so sind die Signale identisch. Dabei spielt es
8
keine Rolle, ob das Signal verrauscht oder der Telegraph schlecht eingestellt ist. Benutzt der Eine aber Morse, der Andere Baudot, so sind die Signale völlig verschieden (S, Y). Ebenso verhält es sich in der Linguistik: Auf die Frage, ob zwei Sprecher ein gegebenes Wort (z.B. das englische father) genau gleich aussprechen, muß der Linguist antworten, daß dies bedeutungslos ist, solange nicht geklärt ist, ob die Übereinstimmung der Aussprache auch auf andere Wörter zutrifft. Findet er, daß dies nicht der Fall ist, so muß er die Frage verneinen, selbst wenn sich ihre Aussprache völlig identisch anhört.
Bisher wurde gezeigt, daß Phoneme entweder absolut gleich oder völlig verschieden sind. Ist es möglich, daß es Phoneme gibt, die teilweise gleich und teilweise verschieden sind? Das könnte dann der Fall sein, wenn sich die Phoneme kategorisieren ließen. Angenommen, ein Phonem /A/ gehöre den drei Kategorien x, y, z an (ähnlich wie noses den Kategorien Substantiv, Gattungsbezeichnung, Plural angehört) und ein Phonem /B/ den Kategorien v, w, z. In diesem Fall kann man sagen, daß /A/ und /B/ ähnlich sind, weil sie beide der Kategorie z angehören. Ähnlichkeit im linguistischen Sinn kann aber nur quantitativ niemals graduell sein. Sie ist als "teilweise identisch" definiert.
Im Gegensatz zum Morse-Code, der aus zwei bis vier Einheiten (je nachdem, ob man die Trennzeichen einbezieht oder nicht) besteht, die wiederum ein oder zwei Dimensionen besitzen, hat jede bekannte Sprache zwischen einem Dutzend und ca. 100 Phonemen, die sich im Durchschnitt in 4-5 Dimensionen unterscheiden. Spanisch z.B. scheint ca. 9 Dimensionen in seinem Phonemsystem zu besitzen. Die sich daraus ergebenden
Kombinationsmöglichkeiten sind so groß, daß ein kompletter Katalog hier nur verwirren würde. Deshalb hier nur eine kleines Beispiel:
Eine der Dimensionen im spanischen Phonemsystem ist Vokal/Konsonant. Innerhalb der spanischen Vokale gibt es zwei weitere Dimensionen. In der Einen werden die Vokale als hoch, mittel, tief, (nach ihrer Stärke) in der Anderen als palatal, Mitte, velar (nach dem Artikulationsort), kategorisiert. So sind /i/ und /u/ stark, /e/ und /o/ mittel und /a/ schwach; /i/ und /e/ werden vorne artikuliert, /u/ und /o/ hinten und /a/ in der Mitte. Man erhält also folgendes Schema:
9
hoch mittel tief
palatal /i/ /e/
Mitte /a/
velar /u/ /o/
Man darf aber nicht den Fehler machen, die genannten Kategorien mit denen der Phonetik (oder besser Phonologie) gleichzusetzen. In der Phonetik entsprechen diese 6 Kategorien Zungenpositionen. Diese störenden Bedeutungen müssen in der Phonemik entfernt werden. Die Bedeutung der Kategorien muß so modifiziert werden, daß sie zur Beschreibung einer Sprache im linguistischen, deskriptiven Sinn geeignet sind. So bedeutet etwa der phonetische Terminus labial "mit den Lippen artikuliert". In der Phonemik hätte der Begriff unterschiedliche Bedeutungen je nach der behandelten Sprache. So wäre der Begriff labial in der Oneida 8 -Sprache bedeutungslos. In der Beschreibung des Englischen allerdings würde labial "verboten nach /aw/ (entsprechend der Schreibung ou in council)" bedeuten; d.h. nach /aw/ folgen niemals die Phoneme / b, f, g, k, m, p, v /. Wir sehen also, daß ein bestimmter Terminus in der deskriptiven Linguistik nur dann gebraucht wird, wenn man mit seiner Hilfe beschreiben kann welche Phänomene vorkommen, oder besser noch, welche Ereignisse nie vorkommen. Da das vorhandene Sprachmaterial meist begrenzt ist und eine beliebige Sprache niemals ihr volles Potential ausschöpft, ist schwer alle möglichen Kombinationen zu ermitteln. Deshalb ist es besser, mit einem Ausschlussverfahren zu arbeiten.
IV. Verfahren zur Gewinnung des Morpheminventars einer Sprache
Ein telegraphischer Punkt an sich hat noch keine Bedeutung. Um ein sinnvolles Signal zu erzeugen, müssen Punkte und Striche nach einer bestimmten Regel zusammengefügt werden. Einzige Ausnahme ist das Morse E, das nur aus einem Punkt besteht.
Dieselbe Regel trifft für Phoneme zu. Linguistische "Signale" bestehen im Allgemeinen nicht aus einem einzigen Phonem, sondern aus mehreren, die zusammen ein Morphem bilden. Erst
8 nordamerikanische Indianersprache (Irokesen)
10
auf dieser Ebene kann man von meaning sprechen. Von der Ebene der Phoneme aus betrachtet, erscheinen die Morpheme als zusammengesetzte Gebilde; von höheren Ebenen aus gesehen, sind sie nicht mehr weiter analysierbare Einheiten 9 . Begibt man sich auf immer höhere Niveaus, so stellt man fest, daß jede Ebene aus Untereinheiten gebildet wird, die aus Elementen des darunterliegenden Niveaus bestehen. Weiterhin nimmt die Komplexität nach oben hin zu. Am oberen Ende der Kombinationskette steht die komplette Äußerung. In dem ziemlich einfachen Beispielsatz "The councillors all put their glasses on their noses." lassen sich mindestens sieben verschiedene Schichten feststellen. Diese sollen hier nur zusammenfassend dargestellt werden:
Beginnt man mit der kompletten Äußerung und zerlegt sie Schritt für Schritt, bis man auf der Phonemebene angelangt ist, so ergibt sich ein spezifisches Analysemuster. Als Ganzes gehört die Äußerung zur Kategorie Satz. Teile davon gehören verschiedenen Klassen an, und diese spalten sich wiederum in verschiedene Kategorien auf. Die Analyse im Einzelnen:
Erster Analyseschritt:
Man teilt die Äußerung in the councillors und all put their glasses on their noses. Die erste Hälfte ist eine Nominalphrase, weil sie durch Substitution mit einem Nomen ersetzbar ist. Diese Behauptung wird dadurch bestärkt, daß die Kombination mit the im allgemeinen Nominalphrasen kennzeichnet. Die Nominalphrase bezeichnet den Aktanten. Ein weiterer Grund ist die Stellung im Satz: Aktanten stehen im Englischen gewöhnlich an erster Stelle. Am Ende des ersten Analyseschritts kommt JOOS zu dem Ergebnis, daß sich der Satzteil the councillors in die (englischen) Kategorien [common] [definite] [plural] [noun-phrase] einordnen läßt, und hier die Funktion eines Aktanten hat. Wichtig bei einer derartigen Analyse ist, daß die Kategorien nicht redundant sind und sich keine Zirkelschlüsse ergeben.
Zweiter Analyseschritt:
Man teilt the councillor in the und councillors.
9 im Sinne der Semantik
11
Man teilt councillors in councillor und s. Nun erscheint councillor als ein Wort. Aber diese Wort erscheint nicht in unserer Äußerung. Wir nennen es deshalb Stamm dem das (Plural-) Morphem /s/ beigefügt ist.
Vierter Analyseschritt:
Man teilt councillor in council 10 und or. Beide sind Morpheme. Auf den ersten Blick scheint es sich hier um das Ein-Wort-Morphem /council/ zu handeln. Dies wäre aber zu weit gegriffen. So kann man lediglich sagen, daß council ein Morphem ist.
Es gehört zu einer Kategorie von Morphemen, die dadurch charakterisiert ist, daß sie mit dem Morphem /or/ kombinierbar ist. Darüber hinaus gehört es zu weiteren Kategorien, die ebenfalls aufgrund ihrer Zulässigkeit/Unzulässigkeit der Kombination definiert sind. Es ist mit gewissen /s/-Morphemen kombinierbar wie z.B. in council's, councils oder councils'. Diese Klassifizierung ist ebenso wichtig wie die im ersten Analyseschritt, nur die Art der Kategorien unterscheidet sich von Ebene zu Ebene.
Fünfter Analyseschritt:
Man könnte nun noch council in zwei Silben zerlegen, aber dies würde (zumindest für das Englische) keine neuen Erkenntnisse erbringen. Also zerlegt man in einem einzigen Schritt council in sieben Phoneme. Die Entsprechung der Zahl der Phoneme und der Anzahl der Buchstaben ist zufällig.
Wir sind nun auf der Phonemebene angelangt, und man könnte nun, wie oben beschrieben, die einzelnen Phoneme in verschiedene Kategorien von Vokalen und Konsonanten klassifizieren. Einige Linguisten tun dies auch. Dieses Verfahren bietet aber selten Erkenntnisse über die höheren Organisationsebenen einer Sprache. Es bietet aber eine Argumentationshilfe für die adäquate Phonemanalyse. Man kann also die Analyse hier beenden und sagen, daß die unterste Ebene erreicht sei.
10 Das zweite l verschwindet, da es sich um ein Reduplikationsphänomen handelt.
12
In diesem Fall haben wir fünf Analyseschritte benötigt. Um die zweite Hälfte unserer Beispieläusserung The councillors all put their glasses on their noses zu analysieren, wären sieben Schritte notwendig. Aus diesem Grund bevorzugt JOOS die Bottom-up Methode. Er bevorzugt den Ausdruck 'sukzessive Synthese' gegenüber dem Begriff 'Analyse'. Ausgehend von der Phonemebene will er Schritt für Schritt eine komplette Äußerung synthetisieren. 11
V. Stellenwert der Semantik innerhalb der Linguistik
Innerhalb eines Morphems des Englischen sind bestimmte Phonemsequenzen verboten. Zum Beispiel folgt auf ein ou (wie in council) niemals unmittelbar eines der Phoneme /b, f, m, p, v/. Wir haben gesehen, daß analoge Restriktionen auf allen Ebenen der Analyse erscheinen bis hin zur kompletten Äußerung. Oberhalb der Phonemebene sind diese Restriktionen durch die Grammatik einer Sprache definiert. Die gesamte bislang beschriebene Methodik kommt ohne die Einbeziehung der Semantik aus. Typischerweise sind die Elemente einer Grammatik dadurch charakterisiert, daß sie Zulässigkeit bzw. Unzulässigkeit (vor allem dies!) des Auftretens von Formen in einer Äußerung bestimmen. Diese Restriktionen, aus denen eine Grammatik besteht, basieren alle auf Beobachtung, nicht auf Logik oder meaning.
Kann die Linguistik den Begriff meaning überhaupt in irgendeiner Weise verwenden? Nur, so JOOS, wenn man scharf zwischen Außen und Innen unterscheidet. Dies kann auf folgende Art geschehen:
Innerhalb erlaubter Morphemkombinationen sind einige häufiger als andere. Es scheinen also Bedingungen zu existieren, welche die Wahrscheinlichkeit des Auftretens jedes Morphems im Zusammenhang mit anderen bestimmen. Die Wahrscheinlichkeit für das "verbotene" Auftreten eines Morphems (oder allgemeiner: einer form) wäre Null, d.h. es tritt nie auf. Findet man aber eine Form, bei der die Wahrscheinlichkeit gleich 1 ist, würde dies bedeuten, daß die Form entweder in allen beobachteten Kontexten erscheinen müßte, oder eine nicht mehr weiter analysierbare Form darstellt.
JOOS definiert die meaning eines Morphems im linguistischen Sinn als ein Set bedingter Wahrscheinlichkeiten seines Auftretens im Kontext mit allen anderen Morphemen. In diesem
11 Hier sind erste Ansätze des Generativismus erkennbar.
13
Set gibt es keine Null-Wahrscheinlichkeiten. Der Grund warum JOOS die meaning gesondert behandelt ist, daß in diesem Feld nicht mehr mit absoluten Größen gerechnet werden kann, sondern mit kontinuierlichen mathematischen Verfahren wie der Stochastik, die er für die Linguistik ablehnt. Es gibt aber Bestrebungen, eine strukturale Semantik zu entwickeln. Ein Linguist 12 ersetzte alle kleinen Wahrscheinlichkeiten durch 0 und alle großen durch 1, um so wieder in den Bereich absoluter mathematischer Verfahren zu gelangen.
VI. Was ist Sprache und was muß die Linguistik leisten?
Die meisten mathematischen Beschreibungen der realen Welt sind mit dieser durch einen einzigen intuitiven Bezug verbunden. Die Linguistik hat zwei Verbindungen zur Wirklichkeit: Sie verknüpft eine Äußerung mit ihrem Referens. Dies verleiht der Sprache Symbolcharakter. Eine sprachliche Äußerung bewirkt eine Verhaltensänderung 13 beim Hörer, somit hat Sprache kommunikative Funktion. Diese Kommunikation verläuft nicht willkürlich, sondern weist geordnete Muster auf, d.h. Sprache ist systematisch. Zusammenfassend kann man also sagen, daß Sprache ein symbolisches Kommunikationssystem ist. Diese Definition ist identisch mit der Definition von Code.
Anwendung der strukturalistischen Methodik
Die strukturalistische Sprachbeschreibung wird heute beispielsweise bei der maschinellen Sprachsynthese angewandt. Dabei wird ein geschriebener Text mit Hilfe einer speziellen Software (und entsprechender Hardware) in gesprochene Sprache umgewandelt. Der Fachterminus für solche Systeme ist TTS (text to speech) 14 .
Das Verfahren besteht aus drei Modulen:
1. Umwandlung des Textes in eine linguistische Repräsentation
12 möglicherweise sind hier HARRIS und CAROLL mit ihrer Arbeit The study of meaning as verbal equivalences, by distributional analysis gemeint.
13 Stimulus-Response
14 aus: Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1996, Maschinelle Sprachsynthese, W. Hess, B. Möbius, R. Sprout, T. Portele, K.J. Kohler
14
2. Umwandlung in Lautsymbole
3. Akustische Sprachsynthese
Der Output der ersten Komponente ist Ausgangsmaterial für das zweite Modul.
Die linguistische Repräsentation eines Textes besteht aus Lautsymbolen und Informationen über die Prosodie. Welche Fähigkeiten muß ein TTS-System besitzen, um einen beliebigen Text korrekt zu sprechen?
Nehmen wir einen Beispielsatz: Bei der letzten Wahl gewann John Major ca. 42% der Wählerstimmen.
Um diesen Satz zu verstehen benötigt der Hörer, bzw. eine Sprachverarbeitende Maschine, unter anderem folgende Informationen:
1. Kenntnis über die Ausspracheregeln. Voraussetzung dafür ist unter anderem das Verständnis der inneren Struktur der Wörter.
Nimmt man z.B. Wählerstimmen, so muß das System das Wort in die Komponenten Wähler und Stimmen zerlegen, um erkennen zu können, daß st als scht und nicht, wie in Erstimpfung, als st zu sprechen ist.
2. Worte aus anderen Sprachen (John Major) im Textfluß erkennen und im Idealfall auch mit den Ausspracheregel der Fremdsprache sprechen.
3. Abkürzungen (ca.; %; 42) erkennen und in reguläre Worte überführen. Eine Besonderheit in diesem Beispiel ist, daß der Punkt sowohl Marker für eine Abkürzung (ca.) als auch für das Satzende ist.
4. Wörter und Silben müssen richtig betont werden, und der Satz muß mit der richtigen Prosodie gesprochen werden.
15
Wie geht nun die linguistische Textanalyse vor? Zunächst muß ein Satz in Wörter zerlegt werden. Normalerweise sind die Wortgrenzen im Deutschen durch Leerzeichen markiert, aber wie man am Beispielsatz sieht gibt es auch Ausnahmen: So besteht die Zeichenfolge 42% aus den beiden getrennten Worten zweiundvierzig und Prozent. Andere Sprachen erschweren die Analyse noch zusätzlich dadurch, daß die Wortgrenzen unmarkiert sind (Chinesisch, Japanisch) oder Abkürzungen wie % mehrdeutig sind (Russisch). Eine Schwierigkeit des Deutschen (für die Analyse) sind die Komposita. Da diese oft nicht als solche im Lexikon zu finden sind, muß das System in der Lage sein, diese in Einheiten zu zerlegen, die in einem internen Wörterbuch verzeichnet sind.
Die linguistische Repräsentation des Wortes Wählerstimmen hat die Form "wähler{substantiv}+stimme{substantiv}+n{plural}". Diese Information bildet den Input für den nächsten Schritt, der Bestimmung der Aussprache. Aufgrund der Ausspracheregeln wird nun eine Kette von Lautsymbolen erzeugt, d.h. eine Symbolkette (linguistische Repräsentation) wird in eine andere (Lautschrift) überführt. Dies geschieht mit Hilfe einer Software, des sogenannten finite state transducer (FST). In dieser abstrakten Maschine wird ein Eingabesymbol über eine Tabelle mit einem Ausgabesymbol verknüpft. Dabei nimmt die Maschine verschiedene diskrete Zustände an (wie JOOS es fordert), d.h. wird ein bestimmter Wert überschritten, geht sie in einen anderen Zustand über. Für eine bestimmte Kombination aus Zustand und Eingabesymbol stehen in einem FST-System mehrere Alternativen offen. Jede trägt ein Art Preisschild, abhängig von ihrer Wahrscheinlichkeit (hoch = billig; niedrig = teuer). Der Übergang in einen anderen Zustand wird also um so teurer, je weniger wahrscheinlich er ist. Bei der Bearbeitung einer Eingabe verfolgt das System mehrere Alternativen parallel und entscheidet sich am Ende für die "billigste" Lösung.
Anwendung finden solche Systeme z.B. bei Computerarbeitsplätzen für Blinde, Telefonierhilfen für Sprechbehinderte, automatischen Auskunftssystemen via Telefon und Übersetzungsprogrammen.
Bei dieser Art der Nutzung kann man die mechanistische Arbeitsweise der Strukturalisten hervorragend anwende, da man die Semantik nicht berücksichtigen muß und Ambivalenzen ausgeschlossen werden. Dies legt aber auch die Grenzen dieser Anwendungen fest. Die Maschine versteht nicht, was sie vorliest, kann nur begrenzt korrigieren und Interaktion wird nur vorgetäuscht. Die strukturalistische Sprachbeschreibung hat zwar nicht zu befriedigenden
16
Arbeit zitieren:
Heinrich Maier, 1997, Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Markante Techniken der Figurencharakterisierung im Lenz-Fragment von G...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Ein Psychogramm des Dichters Lenz & Sozialkritik in Büchners Erzäh...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners Erzählung "Le...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Das Phantastische und Groteske in E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 36 Seiten
Kriterien der Phantastischen Literatur dargestellt an E.T.A. Hoffmanns...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 13 Seiten
Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Computer, Internet und Deutsch. Sprachkritische Äußerungen über den Ei...
Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
"À la folie... pas du tout" als Fallbeispiel für unzuverläss...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit, 20 Seiten
Automaten und Puppen in Büchners Leonce und Lena
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Heinrich Maier's Text Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Heinrich Maier hat den Text Zu: "Description of Language Design" von Martin Joos veröffentlicht
Heinrich Maier hat einen neuen Text hochgeladen
Digital Systems Design and Prototyping: Using Field Programmable Logic...
Zoran Salcic, Asim Smailagic
Architecture Description Languages
IFIP TC-2 Workshop (WADL), Wor...
P. Dissaux, M. Filali Amine, P. Michel, F. Vernadat
Optimized ASIP Synthesis from Architecture Description Language Models
Oliver Schliebusch, Heinrich Meyr, Rainer Leupers
0 Kommentare