Geert von Innstetten
- schon zu Fontanes Zeit empfindet der Leser Innstetten als Ekel
- Pflicht als oberstes Prinzip (Pünktlichkeit, Arbeit, Gesellschaft, Hauswesen) Karrieremensch, kein Zärtlichkeitsmensch, Rücksichtnahme als menschliche Tugend wird von ihm als Störfaktor auf der Karriereleiter angesehen (durch seine häufigen Abberufungen ist Effi oft alleine)
- mehr Erzieher als Ehemann Spukgeschichte
- bekommt menschlichere Züge beim Umzug nach Berlin Wesensänderung
- Verhalten wird bestimmt durch einen fast schon verinnerlichten Anpassungsdruck, der selbstständige Entscheidungen und Handlungsalternativen verhindert
- Verlust der inneren Freiheit
„Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ (im Gespräch über Duell mit Wüllersdorf, S. 268)) Schlüssel zum Verständnis von Innstettens Charakterstruktur
- Innstetten sowohl Garant wie auch Opfer einer gesellschaftlichen Ordnung, die aber sehr zerbrechlich ist und deren Zerbrechlichkeit er selbst erkennt (vgl. Duellentscheidung)
- Zweifel am bestehenden Gesellschaftssystem (Duellentscheidung)
- Gibt trotzdem kein richtiges Feindbild ab gebrochener Charakter Täter und Opfer zugleich
Major von Crampas
Gegenfigur zu Innstetten - Landwehrbezirkskommandeur Kessin - 44Jahre; verheiratet, zwei Kinder - äußerlicheBeschreibung: - • „ein Mann. Ein bißchen zu sicher.“ (S. 188)
• „ganz Beau und halber Barbarossa“ (S. 251) mit seinem „rotblonden Sappeurbart“ (S.184)
„Mann vieler Verhältnisse“, „ein Damenmann“ (S. 116) - er Prinzipienverächter (im Gegensatz zu Innstetten = Prinzipienreiter): - „EinemFreunde helfen und fünf Minuten später ihn betrügen, waren Dinge, die sich mit - seinemEhrbegriffe sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere mit unglaublicher Bonhommie.“ (S. 151)
- Effi:
• sie sieht Crampas wie einem „Trost- und Rettungsbringer“ durch die Winterwochen entgegen (S. 115)
• „Vollkommener Kavalier, ungewöhnlich gewandt.“ (S. 116/117)
• Er kann auch „ausgelassen und übermütig“ sein (S. 116)
• „Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch frei, frei auch im guten...“ (S. 159)
•
„...der Major hat so etwas Gewaltsames, er nimmt einem die Dinge gern über den Kopf fort.“
(S. 161 / 162) Innstetten:
-
•
„Nein,für schlecht
[halte
ich ihn] nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute Seiten. Aber er ist so´n halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich in nichts, am we-
2
• „Kavalier, das ist er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.“ (S. 183)
• „Er ist ein Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge Frauen.“ (S. 184)
• „Indessen, ich weiß schon, Sie haben einen himmlischen Kehrmichnichtdran und denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein, gleich nicht. Aber mal kommt es.“ (S. 144) Wüllersdorf: - • „Wennich ihn richtig beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben. Er nimmt alles mit und weiß doch, dass es nicht viel damit ist.“ (S. 272) Crampas charakterisiert sich selbst und zeigt u.a. darin die Ähnlichkeiten mit Effi: - • „Wergerade gewachsen ist, ist für Leichtsinn. Überhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver wert.“ (S. 144)
• „Abwechslung ist des Lebens Reiz“ (S. 140)
• „Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein? Alle Gesetzlichkeiten sind langweilig.“ (S. 144)
Crampas verschafft Effi durch die Hauptrolle in „Schritt vom Wege“ Ablenkung und ge- - sellschaftlicheAnerkennung
er mindert auf den gemeinsamen Ausritten ihre Ängstlichkeit und verwirrt ihre Gefühls- - welt
Crampas verführt Effi mit Hilfe der poetischen Welt Heinrich Heines, büßt sein Verhalten - jedoch, Normen seiner und Innstettens Gesellschaft entsprechend, mit dem Tod
Herr von Briest
adeliger Grundbesitzer auf Hohen-Cremmen - kann weitgehend selbstständiges Leben führen und ist damit dem Druck gesellschaftli- - cherKonventionen nicht so unmittelbar ausgesetzt wie Innstetten (vgl. S. 18/19) „...Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter Fünfziger von ausgesprochener - Bonhommie...“ (S.15)
Briest spricht oft in anzüglichen, zweideutigen Bemerkungen. Diese Anspielungen schei- - nen unpassend und geschmacklos, sprechen in ihrer Direktheit aber auch Zusammenhänge an, deren Wahrheit sonst niemand erkennen will:
• Zu seiner Frau: „Überhaupt hättest du besser zu Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.“ (S. 38)
• „Briest [...] erklärte, ‚nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die eigene ausgenommen.‘“ (S. 37)
der Leser empfindet Herrn von Briest als sympathischen, nicht immer ernstzunehmenden - Menschen.
im Laufe des Romans tut er sich als einfühlsamer Beobachter und um das Wohl seiner - Tochter Vater hervor:
• „Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, daß er sie mit seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.“ (S. 38)
• „Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte?“ (S. 38)
• „Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte.“ (S. 242)
• „Ist sie glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege?“ (S. 242)
3
Briest ist es auch, der die strenge Haltung gegenüber der dahinsiechenden Effi durchbricht - und Tochter ins Elternhaus zurückholt:
• „...soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen? Ich kann dir sagen, ich hab es lange satt...“ (S. 315)
• „...die ‚Gesellschaft‘, wenn sie nur will, kann auch ein Auge zudrücken.“ (S. 316) Briest Lieblingssatz „Das ist ein weites Feld.“ taucht leitmotivisch immer da auf, wo - Alltagsfragen einen nicht mehr vorhandenen gesellschaftlichen Konsens verweisen. Frau von Briest: - • „Dennmit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte.“ (S. 16)
• „... das hast du von deinem Vater, dem nichts heilig ist ...“ (S. 28)
• „Briest sprich was du willst und formuliere deine Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder, wenn ich dich bitten darf, laß beiseite, das liegt jenseits deiner Sphäre.“ (S. 17)
Frau von Briest
- weiß genau, was in der Gesellschaft zu tun und zu lassen ist Heirat mit Herrn von Briest
- Dominanz und Einfluss (Verlobung der Tochter, Aussteuer, Hochzeitsvorbereitungen etc.)
• bei Einzug in Kessin: verfügt über alle Fragen der praktischen Lebenseinrichtung
• bei Umzug nach Berlin: Dominanz der Mutter wird von Effi bereits kritisch gesehen
- Gespräche mit der Tochter dienen der Erforschung und Beeinflussung von Effis Gefühlswelt
- vertritt Normen ihrer Gesellschaft ungebrochen Brief an Effi nach Ems (hebt aber doch Elternliebe hervor)
- Aufnahme Effis nicht zuletzt deswegen, weil Dr. Rummschüttel die einzige Chance einer Heilung der Krankheit in der Elternliebe sieht
Herr von Briest: „Überhaupt hättest du besser zu Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.“ (S. 38)
Roswitha
Kindermädchen und Dienerin Effis - treu, gut - einfacheHerkunft, niedriger Bildungsstand - hält einzige zu Effi als sie verstoßen wird - SchwereLebensgeschichte spiegelt Lebensgeschichte Effis wider - 2.Motive
a) Effi - „Tochter der Luft“
Frau von Briest: „Immer am Trapez, immer Tochter der Luft“ (S. 5)
spricht Motivbereich des Schaukelns, Kletterns und Fliegens, aber auch des Stolperns und - Versinkensan
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charakterisiert Effis Persönlichkeit: ungezügelte Lebensfreude, Jugendlichkeit, Ungebundenheit
Schaukel - • deutetMöglichkeit einer Crampas-Affaire an
•
luftige Höhe als prickelnder Reiz, aber auch Gefährlichkeit (von Anfang an inne wohnend :
„...die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend.“
(S. 3)
• lustbereitende Angst (vgl. S. 34, 132)
sichts einer äußeren Gefahr (vgl. Michael Balint Psychoanalytiker)
•
Motiv des Schaukelns und damit verbundenes Reden über Gefahr und Lust leisten großen Beitrag zur Charakterisierung Effis
sucht
• Innstetten hat wenig Zugang zu dieser Welt (vgl. S. 34)
Schaukelstuhl - • inKessin geht die Lust Effis am Schaukeln keineswegs verloren, sie wird nur etwas abgeschwächt
• Schaukel wird zum Schaukelstuhl und birgt somit weniger Gefahren in sich
• Motiv verweist auf die Aspekte in Effis Leben, die sie in der Ehe mit Innstetten vermisst : „...ich für meinen Teil find es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß ich nicht aufstehen mag.“ (S. 136)
•
Effi sitzt bei wichtigen Stationen ihrer Ehe im Schaukelstuhl: erste
Begegnung mit Crampas (vgl. S. 137)
liest den Brief der Eltern in Ems (vgl. S. 288)
• in beiden letzteren schwingen Erinnerungen an die erste Begegnung mit Crampas und der Verzicht von Kindheitswünschen mit
• gegen Ende: „Ach, wie schön es war, und wie mir die Luft wohltat; mir war, als flög‘ ich in den Himmel.“ (S. 320) neue, kindlich religiöse Bedeutung Todeserwar- tung und Todessehnsucht
Klettern und Fliegen - • verwandteMotive des Schaukelns
• Effi klettert in ihrer Phantasie auf einen Mastbaum (vgl. S. 12)
• Versteckspiel: „Also nur nicht ängstlich ... rasch, rasch, ich fliege aus...“ (S.13)
• Schlittenfahrt: „Es ist ja himmlisch, so hinzufliegen, und ich fühle ordentlich. Wie mir so frei wird und wie alle Angst von mir abfällt.“ (S. 93)
• bei Rückkehr von Ugvala zu Sidonie von Grasenabb: „Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so etwas Prosaisches. Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär‘ es recht, am liebsten gleich in die Brandung.“ (S. 176)
• schnelles Dahinfliegen und Klettern bergen die Lust des Außergewöhnlichen des Luftigen und Schwindelerregenden und zugleich die Gefahr des Stürzens in sich
Schritt vom Wege und Stolpern - • Kontrast o.a. Motiven
• verweisen auf bevorstehende Gefahren
•
Theaterstück „Der Schritt vom Wege“ Regie
führt Crampas Erzähler:
„‚Der Schritt vom Wege‘ kam wirklich zustande...“
(S. 162)
5
• Innstetten: „...von einem Fauxpas mag ich nicht sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort.“ (S. 183)
• Annie stolpert Unglück nimmt seinen Lauf
Versinken - • Gegenmotiv Fliegen
• Versenken der Stachelbeerschalen im Teich von Hohen-Cremmen (vgl. S. 11)
• Crampas erzählt Effi ein Gedicht von Heinrich Heine über die versunkene Stadt Vineta (S. 152 / 153)
•
Rückfahrt von Ugvala: Sidonie von Grasenabb erklärt Effi, was es mit der Naturerscheinung des Schloons auf sich hat und verwendet in diesem Zusammenhang die Be-
- • verstecktesMotiv
• zum Versenken der Stachelbeerschalen wird ein Stein verwendet taucht von da an immer wieder auf in der Bedeutung eines Stolpersteins, eines Todeszeichens (versteckt oder offen)
• auf dem Chinesengrab liegt ein weißer Stein (vgl. S. 126)
• Rückfahrt von Ugvala: Sidonie von Grasenabb: „Fährt der Schlitten über einen Stein, so fliegen sie hinaus“ (S. 176)
• Opfersteine am Herthasee (vgl. S. 238)
• Effis Grabstätte (vgl. S. 335 / 336)
• Heliotrop: neben Name einer Pflanze auch Name eines Steins (Blutjaspis, Blutstein)
damit schließt sich die Motivkette: vom Schaukeln und Fliegen zum Stolpern und Versinken, von der luftigen Höhe zum erdgebundenen Stein
b) Das Chinesenmotiv / „Innstetten als Erzieher“
Effi erfährt vom Chinesen und dessen Geschichte bei ihrer Ankunft in Kessin - Effi über so etwas Schauerliches nicht weiterreden Vorausdeutung auf die - Handlung
erste Nacht ohne Innstetten Spukerscheinung - Innstettens auf ihre Angst nicht ein, nimmt sie nicht ernst „adeligen Spukstolz“ - CrampasDeutung der Reaktion Innstettens: - • Innstetten das eigentlich kärgliche Haus interessanter machen, es aufwerten
• Innstetten als Erzieher „Angstapparat aus Kalkül“ (S. 150) Effi verliert Angst vor Chinesen Wandel in Erinnerung an schlechtes Gewissen - Bild Chinesen wird von Johanna mit nach Berlin genommen auch hier wird sie an - ihrenEhebruch erinnert
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c) Duell
Das Duell war eine Form der Konfliktaustragung, die dem aristokratisch geprägten Eh- - renkodex liegt. Duellforderungen waren vorgesehen für Beleidigungen, Tätlichkeiten oder für Verführung eines weiblichen Familienmitglieds (= schwerste Form der Ehrverletzung).
Der Ehrbegriff gilt als Wesensmerkmal einer angeborenen und anerzogenen Standesauszeichnung.
Im Duell kämpfte die Person gegen die Gefahr ihres sozialen Todes, gegen die soziale Desintegration. Das Duell stellt die „Mannesehre“ wieder her.
Gesellschaftliche Frage nach der Notwendigkeit des Duells: - • Verjährungstheorie(Wüllersdorf: „...um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen“; S. 266)
• Frage nach dem Maß persönlicher Betroffenheit (Wüllersdorf: „...müssen Sie´s durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß einer weg muß, er oder Sie?“; S. 266)
Aber dem gesellschaftlichen Ritualcharakter des Duells fehlt jede sittliche Rechtfertigung - und Form innerer Überzeugung:
„Also noch einmal, nichts von Haß oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschaft-Etwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muß.“ (S. 267/268)
Fazit Wüllersdorf: „...unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm - unterwerfen, der Götze gilt.“ (S. 269)
d) Weitere Motive
Rondell mit Sonnenuhr - verweist aufEffis glückliche, unbeschwerte Kindheit
wenn Effi zu Hause in Hohen-Cremmen ist, bildet dieses Motiv ein Zentrum der Entspannung und des unbeschwerten Lebens
Heliotrop - symbolisiertEffis Sehnsucht nach Natürlichem, Wärme und Licht
wilder Wein - Ungezwungenheit undNatürlichkeit des Lebens auf Hohen-Cremmen
Fontane lässt in diesem Roman viele Motive auf den Leser einwirken, direkt oder indirekt und erfordert so zu jeder Zeit eine aktive Mitarbeit des Lesers.
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3. Literatur
THEODOR FONTANE: Effi Briest. Stuttgart 1998. (Alle Seitenzahlen beziehen sich auf diese - Ausgabe.)
CHARLOTTE JOLLES: Theodor Fontane. Stuttgart, Weimar 1993 4 .
- NORBERTMECKLENBURG: Theodor Fontane. Romankunst der Vielstimmigkeit. Frankfurt - 1998.
WALTER MÜLLER-SEIDEL: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. 1980 2 .
- HELMUTHNÜRNBERGER: Fontanes Welt. Berlin 1999. - HANNS-PETERREISNER & RAINER SIEGLE: Lektürehilfen Theodor Fontane - Effi Briest. - Stuttgart,Düsseldorf, Leipzig 1999 7 .
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Arbeit zitieren:
Barbara Regina Weng, Silke Neubert, Iris-Juliana Takac, 2000, Fontane, Theodor - Effi Briest - Figurenentwurf, Leitmotivik, Bildlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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