Inhaltsangabe
1. Einleitung
2. Aufbau des Textes (Textelemente)
3. Wer spricht hier mit der Nacht?
4. Aussageinstanz(en)
5. Vers- und Satzstruktur
5.1. Syntaktische Analyse
5.2. Syntaktische Figuren
6. Metrum, Reimschema und Kadenzen
7. Rhetorische Figuren
7.1. Klangfiguren
7.2.1 Wiederholungsfiguren
7.2.2 Das Ichgefühl des Ichs
7.2. Substitutionsfiguren (Tropen)
8. Literaturverzeichnis
Andreas D. Cirikovic
Andreas D. Cirikovic - Blühensdrang
2
Ich werde mich in folgender Arbeit mit dem 1936 erstmals erschienenen Gedicht „O Nacht :-“ 1 von Gottfried Benn 2 beschäftigen. Nachdem ich vor Wochen zum ersten Male etwas von Benn las („Nachtcafe“ 3 ), ließ mir sein Schreibstil, sein Ideenreichtum, seine Schreibgewandtheit keine Ruhe mehr. Wie schafft er es, solche tiefgründigen Charaktere zu Papier zu bringen? Beim erstmaligen Lesen all seiner Werke stellt sich sofort das Gefühl ein, sich in die sprechenden/denkenden Figuren mit Leichtigkeit hineinversetzen zu können - sei es der Sänger in „Der Sänger“ 4 , sei es das Ich in dem Gedicht „O Geist“ 5 . Doch was ist die Ursache für diese leichtfallende Identifikation, für die absolute Glaubwürdigkeit der ungewöhnlichen Figuren? Da ich selber schreibe, liegt mir viel daran herauszufinden, mittels welcher sprachlicher Figuren, mittels welcher Möglichkeiten des Reimschemas, Benn das Gefühlsleben des Ichs in diesem zu analysierenden Gedicht beleuchtet. Dies ist das Ziel folgender Arbeit.
1 Benn, Gottfried: O Nacht, in: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe, Stuttgart 1986, S.46f.
2 Deutscher Arzt und Dichter; geboren am 2.Mai 1886 (Mansfeld), gestorben am 7.Juli 1956 (Berlin)
3 Benn, Gottfried: Nachtcafe, in: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe, Stuttgart 1986, S.19.
4 Benn, Gottfried: Der Sänger, in: Gedichte von Gottfried Benn. Stuttgart 1997, S.87.
5 Benn, Gottfried: O Geist, in: Gedichte von Gottfried Benn. Stuttgart 1997, S.44.
Auf den ersten Blick und auch nach mehrmaligem Lesen des Gedichtes „O Nacht -:“, stellt sich beim Leser das Gefühl einer inneren Geschlossenheit des Textes ein. Dieses Empfinden wird nicht nur durch den Inhalt erzeugt, sondern vor allem durch ganz formale Mittel gelenkt: Das Gedicht setzt sich aus sieben Abschnitten zusammen, dazu die prägnante Überschrift, die sich insgesamt viermal in leicht veränderter Form im eigentlichen Text wiederfindet, dies jeweils zum Beginn einzelner Abschnitte. Der erste Abschnitt besteht aus fünf Zeilen, die restlichen Abschnitte sind vierzeilig. Die drei kürzesten Abschnitte sind Nummer 2, 3 und 4, sie bestehen jeweils aus zwanzig Worten. Der erste Abschnitt ist, natürlich bedingt durch den „Zeilenvorteil“, mit neunundzwanzig Worten der längste Textteil. Somit dient der erste Abschnitt nicht nur als längere Einleitung, sondern nimmt quasi die Zeilenzahl des gesamten Gedichts vorweg, das aus neunundzwanzig Zeilen besteht. So fügt sich auch der erste Abschnitt dem einheitlichen Gesamtbild, wird durch diese auffällige Parallelität zwischen Wort- und Zeilenzahl ein repräsentativer Teil des Ganzen.
Die vierzehnte Zeile hat die wenigsten Buchstaben, die fünfzehnte Zeile beinhaltet die meisten. So bietet genau die Mitte des Gedichtes den größten Unterschied in der Zeilenlänge. Insgesamt sind die Unterschiede jedoch geringfügig - selbst im Falle der vierzehnten und fünfzehnten Zeile, beträgt der Unterschied nur acht Buchstaben.
Jeweils die erste und letzte Zeile der Abschnitte schließen mit einem Satzzeichen, generell gibt es betreffs Anzahl der Sätze und Satzzeichen keine auffälligen Unterschiede zwischen den Abschnitten.
Die Einleitung des Textes besteht aus Überschrift und erster Zeile. Die Überschrift ist ein simpler Vorgriff auf die ersten Worte der ersten Zeile, die Zeile selbst beinhaltet den einzigen im Präteritum verfassten Teilsatz des Textes: „Ich nahm schon Kokain,“. Das ist die Ursache für den später im Präsens ausgelebten Rausch. Schon in dieser kurzen Einleitung wird deutlich, dass das Ich die Nacht anspricht und Kokain genommen hat. Der Mittelteil des Textes verteilt sich auf die Zeilen 2 (hier wird der Schritt in die Gegenwart unternommen) bis 25. In diesem Teil wiederholt das Ich mehrmals spezielle Wünsche an die Nacht und erlebt die Auswirkungen des Rausches. Den letzten Abschnitt würde ich als den Schlussteil klassifizieren, weil das Ich hier seine Rede an die Nacht beendet („O still!“) und nur noch kurz das verlangte und nun aufkeimende Gefühl beschreibt.
Ganz automatisch stellt sich dem Leser bei einem so persönlichen Text wie „O Nacht :-“ die Frage „Wer spricht?“. Ginge es nach Käte Hamburger 6 , müsste man das „Ich“ im Gedicht mit dem realen Autoren gleichsetzen 7 . Hierfür gibt es im Falle von „O Nacht :-“ zweifelsohne einige Anzeichen: Gottfried Benn war selbst bekennender Drogenkonsument, schrieb häufig Prosatexte und Gedichte, die sich mit dem Thema Rausch und Sucht beschäftigten (beispielsweise „Cocain“) 8 . In der zehnten Zeile benutzt das Ich „medizinische“ Begriffe - Gottfried Benn selbst war Mediziner. Es fällt auch auf, dass das „Ich“ in der vorletzten Zeile die Formulierung „mich, einsamen Gott“ benutzt. Erkennt man hier nicht nur eine Beschreibung des Seelenzustandes, sondern auch einen Querverweis auf den Vornamen des Autors (Gottfried) und damit auf den Namen des Ichs, könnte man dies nutzen, um Käthe Hamburger in ihrem
Gedankengang zu bekräftigen.
Nun, dies ist heute aber nicht mehr die gängige Herangehensweise an die Frage „Wer spricht?“. Laut Dieter Burdorf besteht ein kategorialer Unterschied zwischen dem Autor und dem sprachlich konstituierten Ich eines Gedichts, selbst wenn eine große Parallelität zwischen den „Erlebnissen“ eines Ichs im Gedicht und den autobiographischen Erlebnissen seines Autors besteht. 9 Folglich eröffnet das Personalpronomen „ich“ in dem hier zu analysierenden Gedicht auch einen großen Spielraum. Bestimmt ließ auch Goethe nicht persönlich als Zauberlehrling die Besen tanzen 10 - die Frage „Wer spricht?“ hier mit „Der Autor!“ zu beantworten, würde zweifelsohne von einer gewissen Naivität zeugen. Deshalb werde ich auf Formulierungen wie „Benn empfindet.....“ oder „Der Autor möchte damit folgendes ausdrücken.....“ verzichten und entweder von einem „artikulierten Ich“, einem „sprechenden Ich“ oder einfach dem „Ich“ sprechen, wenn es um Textinhalte geht. 11 Folglich möchte ich auch nicht auf die genannten Parallelen zwischen Gottfried Benn und dem artikulierten Ich eingehen. Die Frage „Wer spricht?“ kann nicht klar beantwortet werden, da das Ich laut Kaspar H. Spinner nur so etwas wie eine Leerdeixis 12 ist, d.h. der Leser kann das im Gedicht häufig verwandte Pronomen „Ich“ selber besetzen.
6 Deutsche Literaturwissenschaftlerin und Philosophin; geboren am 21.September 1896 (Hamburg), gestorben am
8.April 1992 (Stuttgart)
7 Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung, München 1987.
8 Benn, Gottfried: Cocain, in: Gesammelte Werke, Wiesbaden 1959.
9 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, Zweite Auflage, Stuttgart u. Weimar 1997, S.188.
10 Goethe, Johann Wolfgang v.: Der Zauberlehrling, München 1992.
11 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, Zweite Auflage, Stuttgart u. Weimar 1997, S.194-195.
12 Spinner, Kaspar H.: Z ur Struktur des lyrischen Ichs, Frankfurt a.M. 1982, S.18.
Arbeit zitieren:
Andreas Cirikovic, 2003, Blühensdrang - Das Ich und der nahende Tod. Analyse des Gedichts 'O Nacht' von Gottfried Benn, München, GRIN Verlag GmbH
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