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1 Einleitung
„Siddhartha - eine indische Dichtung“ wurde seit der Erstveröffentlichung 1922, weltweit millionenfach verkauft, in nahezu vierzig Sprachen übersetzt und wurde sogar verfilmt.
Woher kommt dieser Erfolg, warum ging dieses Buch allein in den Vereinigten Staaten fünf Millionen Mal über den Ladentisch? Was bewegte so viele Menschen aus allen Kulturkreisen die Lebensgeschichte des Siddhartha zu lesen?
Trotz des immensen Erfolges im letzten Jahrhundert, bleibt die Frage, ob die Inhalte immer noch aktuell ansprechend sind und ob die sogenannte „Techno-“, „Computer-“ oder gar „Nullbockgeneration“ noch etwas für die „indische Dichtung“ übrig hat.
2 Siddhartha gestern, heute, morgen
2.1 Mögliche Ursachen für den Erfolg von Siddhartha
im 20. Jahrhundert
Da Hesses Bücher zum grossteil während des Dritten Reiches verboten wurden, und nur noch durch einen kleinen Schweizer Verlag, verbreitet wurden, werde ich zwischen der Vor- und Nachkriegszeit unterscheiden.
2.1.1 Die Welt zwischen den zwei Kriegen
"Ostasien, (wir nennen es heute Südasien) zumal Indien, übt heute auf die wenig Gebildeten eine gewaltige Anziehungskraft aus, es gehen da tiefe geistige Interessen mit jungenhafter Lust am Exotischen und lüsterner Sucht nach Sensationen wunderlich durcheinander." 1
1 Herman Hesse über den Erfolg der „Indiensehnsucht“
3
Hermann Hesse geboren in Calw, sein Vater war evangelischer Missionar in Indien und seine Mutter Indologin. Er wurde dadurch früh mit der fernöstlichen Kultur konfrontiert. Er reiste später auch nach Indien, wo er die Grundlagen für seinen Roman sammelte, und diese nicht nur in Büchern und Reiseberichten fand, wie es damals oft der Fall war 2 . Dadurch wirkte sein Buch lebensnah und somit interessanter. „Siddharta“ wurde Anfang der zwanziger Jahre zum ersten Mal veröffentlicht. Der Krieg hatte vieles verändert, das Flugzeug setzte sich langsam als Verkehrsmittel durch, die Welt wurde kleiner und die Menschen wurden neugierig auf andere Kulturen, welche sie nicht mehr als „Wilde“ oder „Gottlose“ beschimpften. Insbesondere Geschichten aus China, Japan und Indien, die den Menschen mystisch vorkamen - wahrscheinlich wegen den starken Unterschieden zur christlichen Philosophie, zogen die Menschen magisch an. Ein weiterer Punkt, sicherlich von höherer Bedeutung, war die Enttäuschung, welche nach dem verlorenem Krieg entstand. 1914 zogen tausende junge deutschen Soldaten, hochmotiviert, für ihr Vaterland in den Kampf, und kehrten nach vier Jahren Schützengraben als elende Verlierer zurück. Sie hatten ihr Vertrauen in ihre Heimat verloren und sehnten sich nach einer neuen Denkweise. Schriftsteller und Philosophen glaubten dass das abendländische System, mit dessen Kultur zugrunde gehen musste 3 . Auch die katholische Kirche, welche bereits seit Anfang der Industrialisierung stark an Bedeutung verlor, konnte ihre Schäfchen nicht mehr hüten.
Diese allgemeine Hoffnungslosigkeit und das Verlangen nach neuen Idealen, welcher später auch teilweise für den Nationalsozialismus verant-wortlich gemacht wurden, brachte die Menschen auf den fernen Osten, eine noch unbekannte, geheimnisvolle Welt wo alles noch rein zu sein schien. Eine Welt wo man „höhere“ Ziele anpeilte als nur riesige Materialschlachten zu gewinnen.
2.1.2 Die „Hippie“ - Zeit
In den sechziger und siebziger Jahren, bildete sich daraus eine Modeerscheinung, die Tausende junge Menschen zum reisen nach Indien motivierte, um dort zu erfahren was es an sich hat, zumindest kurzweilig, die
2 Z.B. Karl May
3 Siehe z.B. O. Sprenger - Untergang des Abendlandes; H. Hesse - Der Steppenwolf
4
Erleuchtung zu suchen. Die damalige Jugend wollte sich vom Establishment abgrenzen und gegen die Wohlstandsgesellschaft der Eltern ankämpfen.
2.2 Heute und Morgen
Kann die Biographie des Siddhartha die junge Generation von heute noch so begeistern, wie ihre Eltern? Ich meine - noch? - nicht, zumindest nicht im gleichem Umfang und nicht aus den gleichen Gründen.
2.2.1 Der verlorene Glauben an der Religion „Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele, Das Brahman ist des Pfeiles Ziel, Das soll man unentwegt treffen“ 4
Es gibt heute kaum noch jemand der Vertrauen in die Geistlichkeit hat. Die Naturwissenschaft hat dermaßen große Vorschritte gemacht, das es nicht mehr so einfach ist an eine „höhere Macht“ zu glauben wie zum Beispiel an eine Gottheit.
Auch haben die Religionsinstitutionen viel Glaubwürdigkeit verloren. Die heiligen Grundsätzen werden jeden Tag verraten, missinterpretiert, manipuliert und mit Füssen getreten. Man schaue einfach nur auf all diese „Gotteskrieger“ in Kabul, Jerusalem - Texas? - die sich angeblich aus religiösen Gründen gegenseitig bekämpfen.
Anderseits ist auch der Dalai-Lama nicht sehr erfolgreich, da Tibet seit Jahren weiterhin chinesischer Herrschaft unterliegt und sich kaum etwas verändert hat. Doch zumindest überzeugt er durch seine friedliche Art.
2.2.2 Ohne Besitz gegen den Kapitalismus
Zuweilen gingen sie zu zweien durch die Dörfer, um Nahrung für sich und ihre Lehrer zu betteln 5
Wir leben in einer sehr materialistisch orientierten Gesellschaft wo ein Bettler nicht unbedingt der bestangesehenste Beruf ist. Siddhartha lebte während seiner Zeit als Samanamönch, von der Gunst Anderer. Als Sozialhilfeempfänger, stellt sich heute kein Jugendlicher seine Zukunft gerne vor. Die einzige Episode, welche heute wirklich verlockend wäre, ist das Leben als Kaufmann bei den Kindermenschen, das aber im Buch als nicht geistig
4 H. Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 10
5 H. Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 17
5
erfüllend dargestellt wird, was unsere Lebensart, vielleicht nicht zu unrecht, infragestellt. Doch bleibt die Frage wie viele Menschen bereit wären alle schönen, eigentlich überflüssigen, Dinge die sie umgeben, gegen ein „erfüllteres“ Leben einzutauschen, in dem sie absolut nichts Weltliches besitzen.
2.2.3 „Höhere Ebenen“ für die „Fun - Generation“
Dieser Vater hatte nichts, was ihn entzückt, und nichts was er gefürchtet hätte. Er war ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, gütiger, sanfter Mann, vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger - dies alles waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten. langweilig war ihm dieser Vater, der ihn gar in seiner Elenden Hütte gefangen hielt. 6
Probleme die Siddhartas Sohn mit seinem Vater hat. Vermutlich dieselben die nahezu jeder Jugendliche mit einem vergleichbaren Vater hätte. Unsere Generation wird oft als „FUN - Generation“ bezeichnet, also als eine Generation welche nahezu ausschließlich von „...Trieben und Wünschen geleitet...“ 7 wird. Die Unterhaltungsindustrie boomt und wie Siddhartha am Fluss zu sitzen Tag ein Tag aus untersteht, in dieser unterhaltungsgeilen Gesellschaft, dem schnellen „Funfaktor“ des Fernsehens oder einer Nacht in einer Diskothek.
2.2.4 Fasten wird zur Diät
... sehr aber quälte ihn der Hunger, [...] und lange war die Zeit vorüber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. 8
Die europäische Union hat eine sehr hohe Grundnahrungsmittel Überproduktion und man findet an jeder Ecke eine Möglichkeit zum günstigen Kauf von Essen; so muss hier niemand Angst haben zu verhungern. Die Angst ist sogar so niedrig, dass viele zuviel essen und sich dann beklagen Übergewicht zu haben. Dann versuchen sie eine Diät zu machen um wieder in „Fit for Fun“ zu sein. Der Sinn dieser Art des „Nicht-
6 H.Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 99
7 H. Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 104
8 H. Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 78
6
essens“ weicht vollkommen vom der ab, die Siddhartha bei den Samanas betreibt.
Es gibt heute einfach keinen Grund mehr zu fasten, da wir in Deutschland, im Vergleich zu Indien zum Beispiel, zu viel von allem haben.
2.2.5 Indien- immer noch das friedliche Land Siddharthas?
In „Siddhartha“, wird Indien als ein reines, unschuldiges Land dargestellt indem alle miteinander auskommen und ein Friede auf Erden herrscht, wo man bestenfalls an Schlangenbissen sterben kann. Dank unserer weltumspannenden Nachrichtennetzwerke, wissen was überall los ist. Darum wissen wir, dass im heutigen Indien Kinder hungern, unter schweren Krankheiten leiden und durch den - aus religiösen Gründen entstandenen - Krieg mit Pakistan werden jeden Tag Hunderte umgebracht. Nicht wenige Pilger müssen auf ihrem Weg nach Kaba oder auf der Suche nach Buddha auf Tretminen achten - die Idylle verliert ihren Zauber.
2.2.6 Kurznachricht von Govinda
„Noch immer o Siddhartha, liebst du ein wenig den Spott, wie mir scheint.“ 9
Ein Jugendlicher von heute würde einfach, sogar vulgär doch sinngemäß sagen: „Siddhartha (oder eher Kevin), ich glaube du willst mich verarschen?“.
Die Sprache, ob gesprochen oder geschrieben, erlitt seit Erfindung der schnellen Kommunikationsmedien, wie Fax und Email, eine starke Vereinfachung. Der in Hesses Roman verwendete klassischer Sprachstil klingt heute altertümlich, geschwollen und überflüssig kompliziert. In den letzten Jahren, durch die mächtige Konkurrenz von Film, Fernsehen und Videospielen, musste das Buch als Zeitvertrieb viel Boden verlieren. Besonders Bücher die, inhaltlich oder sprachlich, ein wenig schwieriger zu lesen sind haben bei jungen Menschen nur noch selten Erfolg.
2.2.7 D.J. Siddharta 3000
Trotz allem findet die fernöstliche Magie in manchen jungen Szenen noch heute Absatz. Insbesondere Teile der „Technokunst“ verwenden gerne Elemente aus dem Hinduismus.
9 H. Hesse - Siddhartha, eine indische Dichtung. / Seite 113
7
Natürlich werden die Bilder „modernisiert“, doch bleib die Faszination. Auch religiöse Ideen werden gerne übernommen. 10
Doch bleibt der Zweifel ob das Interesse wirklich auf die Lehren beruht, und nicht nur verwendet werden, um aufzufallen; oder sich zu verkaufen...
2.3 Schlussfolgerung und möglicher Blick in die Zukunft
Obwohl ich mich nicht wirklich mit dem Thema anfreunden konnte, glaube ich das Siddhartha nicht „sterben“ wird. Besonders jetzt wo immer mehr Menschen anfangen an unsere westliche Welt zu zweifeln, und nach neuen ethischen Ideen und Regeln zu suchen 11 , wird der Weg Siddharthas vielleicht wieder mehr an Bedeutung gewinnen.
Die Sprache ist zwar teilweise anstrengend, doch fand ich nach einiger Zeit sogar Gefallen an ihr. Auch das wird meiner Meinung nach wiederkommen: die Menschen werden, nach dem Untergang der Sprachkultur, sich wieder mehr um ihre Ausdrucksweise bemühen.
Doch bleibt die Frage wann. Schon in den kommenden Jahren oder erst in der nächsten Generation, welche sich wiedereinmal von den Eltern abgrenzen will...
10 siehe Titelblatt „Reincarnation 2001“
11 siehe „Stern“ 19.12.2001
8
3 Quellen
3.1 Literatur
Hermann Hesse: Siddhartha - Eine Indische Dichtung Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main 2001
-----------------------------------------------------------------------Weltgeschichte Band 11 Diktatoren und Ideologien - herausgegeben von Heinrich Pleticha Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh 1996
-----------------------------------------------------------------------Stern Suche
http://suche.stern.de/?branch=art&art_action=show&q=zehn%20gebote&ar t_id=69845&cobrand= Aufgerufen am 22.03.2002
-----------------------------------------------------------------------HERMANN HESSE -"SIDDHARTHA - Eine indische Dichtung" -Ein Referat von Kathrin Rosi Würtz - DEUTSCH LK13 des Sankt Adelheid Gymnasiums Bonn-Beuel November 1999
http://www.mangosaft.de/deutsch/autoren/wuertz/referat-siddharthakrwuertz.htm Aufgerufen am 21.03.2002
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Arbeit zitieren:
Ford Prefect, 2002, Hesse, Herrman - Siddhartha - Bedeutung Siddharthas in der heutigen Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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