Heinrich Mann Professor Unrat
St. Gallen, März 2002
Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis III
1. Einleitung 3
1.1 allgemeines zur Aufgabenstellung 3
1.2 Formulierung einer These 3
2. Zusammenfassung 3
3. Figuren / Personen 4
3.1 Die Dreiecksbeziehung Unrat - Rosa - Lohmann 4
3.2 Bedeutung von Biografie, Aussehen und Kleidung 7
3.2.1 Unrat 7
3.2.2 Lohmann 8
4. Verwendung von Symbolen 8
5. Bedeutung der örtlichen Gegebenheiten 10
6. Biografie 11
6.1 Allgemeines 11
6.2 Zeittafel zu Leben und Werk 11
7. Literaturgeschichtliche Einordnung aufgrund der Biografie 12
7.1 Zum historischen Hintergrund 12
7.2 Einordnung durch Sprache und Aussehen der Figuren 13
8. Schlussfolgerung 14
Verfasst von: Andreas Kundert 2
Michael Stiefel
Heinrich Mann Professor Unrat
1. Einleitung
1.1 allgemeines zu Aufgabenstellung
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, eine Interpretation über den Roman Professor Unrat in eigenen Worten zu formulieren. Basierend auf Lektüre, eigenen Ideen und Thesen, Interpretationshilfen und Internet muss eine Facharbeit erstellt werden. Dies geschieht vor allem im Hinblick auf das spätere Verfassen einer Maturaarbeit, bei welcher die formalen Gesichtspunkte ebenso bewertet werden. Aus diesem Grunde gilt unser Augenmerk beim Verfassen nicht nur dem Inhalt sondern zu einem grossen Teil auch dem Formalen, Gestalterischen und dem allgemeinen Aussehen der Arbeit.
1.2 Formulierung einer These
Das Ausformulieren einer These betreffend dem Inhalt resp. dem Geschehen, erlangt für uns insofern an Wichtigkeit, dass wir dadurch der gesamten Arbeit einen roten Faden, beziehungsweise einen geordneten Aufbau geben können. Es ist daher gefragt eine einzelne, aber geeignete These zu finden, welche es zu beweisen respektive zu widerlegen gilt. In diese Arbeit haben wir folgende These eingebracht:
Unrat wünscht sich insgeheim so zu sein und zu denken wie sein Schüler Lohmann, welcher durch seine offene und gleichgültige Art den Prototypen des „neuen Stadtmenschen“ darstellt, der in seinem Daherkommen weder spiessig noch konservativ erscheint und genau dem gegenteiligen Wesen des Professors entspricht.
2. Zusammenfassung
Heinrich Mann Professor Unrat
Der Roman handelt vom Gymnasiastenschreck Professor Raat, der von allen nur Unrat genannt wird. Diesen Namen, Professor Unrat, trägt er schon seit vielen Jahren. Leider konnte er bis anhin noch nicht vielen Schülern beweisen, dass sie ihn bei dem „Namen“ genannt haben. Meist sprechen sie ihn nur hinter seinem Rücken aus. Wenn er aber in der Nähe ist, gibt es alleweil solch dreiste Schüler, die sich getrauen zu sagen, „da ist Unrat in der Luft.“ (PU 10) Jeder Schüler den er „fassen“ kann wie er ihn bei seinem Namen nennt, kommt ins Kabuff oder darf direkt beim Rektor vorsprechen. Er unterrichtet seit 25 Jahren an einem Gymnasium, wo er mit einer beängstigenden Zielstrebigkeit und viel Freude das Leben seiner verhassten Schüler erschwert. Er erzieht seine Schüler im kleinbürgerlichen Stil und wacht wie ein drohender Ordnungshüter über die angehenden Universitätsgelehrten, die einst das Gefüge des Staates sichern sollen. Doch eines Tages, während eines Aufsatzes über die Jungfrau von Orléans, bei dem er wieder einmal alle Schüler hat „reinfallen lassen“, sprechen drei Schüler aus Verzweiflung über den Reinfall seinen Namen noch im Schulzimmer aus. Diese drei Schüler Lohmann, Kieselack und von Erztum, sieht er fortan als seine grössten Feinde an. Er folgt ihnen sogar abends, wenn sie sich im Lokal ,,Der Blaue Engel" bei der Künstlerin Rosa Fröhlich aufhalten. Um sich an den Schülern, die für diese Dame schwärmen, zu rächen, erklärt er sich als ihr persönlicher Schutzbeauftragte und findet sich allabendlich bei ihr ein, um die Schüler von ihr fernzuhalten. Die beiden verlieben sich und heiraten schließlich. Durch diese Bindung ist seine bürgerliche Stellung verloren. Als Unrat erkennt, dass er selbst Opfer lebensfeindlicher Zwänge war, beginnt er sich an dieser Gesellschaft, der er diente, zu rächen. Er setzt sich über alle Tabus hinweg, er führt ein Leben ausserhalb der geduldeten Norm, um seine Umwelt zu provozieren. Er verwandelt sein Haus zum Treffpunkt abendlicher Vergnügungen, zum Beispiel Glücksspiele zu denen sich bald die ganze High-Society der Stadt versammelt. Der Roman endet mit Unrats Verhaftung, nachdem er Lohmanns Brieftasche gestohlen hat und gewaltsam gegen seine Frau vorgegangen ist, welche er zusammen mit Lohmann erwischt hatte.
Heinrich Mann Professor Unrat
3. Figuren / Personen
3.1 Die Dreiecksbeziehung Unrat - Rosa - Lohmann
Von dieser Dreiecksbeziehung lebt der Roman, wobei sie für jeden der Beteiligten eine andere Qualität hat. Für Unrat, welcher als Hauptfigur des Romans dargestellt wird, ist Rosa eine ihm gleichgestellte Person, während Lohmann als sein Hauptgegner auszumachen ist.
Lohmann ist der einzige Schüler, dem sich Unrat nicht überlegen und gewachsen fühlt. Dadurch entwickelt sich der grosse Hass Unrats gegenüber Lohmann, welcher im Laufe des Romans anwächst. Vorerst ist Lohmann nur der schlimmste Schüler und Unrat muss sich nur in der Schule mit ihm beschäftigen, später beschäftigt sich Unrat die ganze Zeit mit Lohmann. Aus seinem Ziel Lohmann zu fassen, wachsen wichtigere, grössere Ziele empor. Zum einen bleibt das Ziel ihn zu fassen, hinzu kommt jedoch der Konkurrenzkampf um Rosa Fröhlich, welche Unrat langsam zu lieben beginnt.
Es kommt zu einem ersten scheinbaren Sieg Unrats, als sich dieser in der Künstlergarderobe bestens eingelebt hat und er Rosa so viele Dienste erbringen kann, so dass Unrat unersetzlich wird.
Und er richtete ihren Kopf so vollkommen her, dass sie den Finger in keine Salbe mehr zu
tauchen brauchte. Sie wunderte sich über seine Fertigkeiten und verlangte zu wissen, wie er
sie so rasch erworben habe. Er errötete wolkig und stotterte irgend etwas; aber ihre Neugier
blieb ungestillt.
Unrat erfreute sich der Bedeutung, die er in der Garderobe erobert hatte. Lohmann durfte
nicht mehr hoffen, ihn zu ersetzen. Würde Lohmann etwa behalten haben, dass er der rosa
Bolero dort zum Färber sollte? (PU110)
Doch auf diesen Sieg folgt schnell einmal eine erste Niederlage Unrats. Er benimmt sich beim Hünengrabprozess total daneben und muss dazu noch einige für ihn unerträgliche Neuigkeiten erfahren. Nach dem Prozess leben sich Unrat und Fröhlich kurz auseinander, doch sie finden schnell einmal wieder zusammen. Unrat, der sich völlig in Rosa Fröhlich verliebt hatte, und dessen einziger Wunsch im Leben nur noch das Zusammensein mit Rosa war, macht ihr einen Heiratsantrag. Rosa, die ziemlich überrascht war und Unrat eigentlich gar nicht richtig liebte,
Heinrich Mann Professor Unrat
nahm ihn an. Allein weil Unrat ihr die Sicherheit gab, die sie brauchte. Dies vor allem auch aus finanziellen Hinsichten. Diese Annahme und dass Lohmann die Stadt verlassen hatte, sieht Unrat als seinen endgültigen Sieg über Lohmann an. Wegen Unrats Angstfantasien gegenüber Lohmann, führt Unrat für Rosa nur eine einzige Tabuzone ein, Lohmann als Person selbst. Unrat verbietet ihr also jeglichen Umgang mit seinem Erzfeind.
Zwei Jahre verstreichen ohne dass Unrat und Lohmann in wirklichen Kontakt treten. Einzig Unrats Angstfantasien behalten ihren Bestand. Doch diese gewisse Ruhephase wird durch das zufällige Aufeinandertreffen mit Lohmann und von Erztum auf der Strasse jäh beendet. Unrat vertraut Rosa an, wie es ihm gelungen sei, nach Kieselsack nun endlich auch von Erztum ins Verderben zu führen. Jetzt war also nur noch Lohmann fällig und Unrat wollte das gleich selbst übernehmen und nicht, wie so oft zuvor, Rosa damit beauftragen. Dies nimmt sie mit gemischten Gefühlen auf. Folglich provoziert sie am nächsten Morgen ein Wiedersehen mit Lohmann in der Stadt. Sie unterhalten sich über die beiden vergangenen Jahre. Lohmann bewundert die Werdegänge Unrats und Fröhlichs. Um Rosa zu imponieren erstellt er ihr ein Psychogramm Unrats, von welchem er selbst nicht glaubte Unrat gerecht zu werden. Doch sein Ziel, ihr damit zu imponieren, erreichte er damit. Vollends geblendet ist Rosa dann, als Lohmann ihr Sachkundige Informationen zum letzten Stand der Kleidermode zu geben weiss. Rosa lädt ihn ein, am Nachmittag, wenn sonst niemand zu Hause sei, bei ihr vorbeizuschauen. Voller Stolz über die Einladung erscheint Lohmann am Nachmittag bei Rosa. Als er ihre vielen Schulden sieht, möchte er diese sofort bezahlen, da er sich in der peinlichen Situation sieht, für etwaige Dienste Rosas bezahlt zu haben. Obwohl Rosa ablehnt, weil sie nicht gekauft sein wollte, legt er provozierend seine, mit braunen Scheinen gefüllte, Brieftasche geöffnet auf den Tisch. Weil Lohmann der Einzige war, der ihr verboten wurde, übte er einen speziellen Reiz auf sie aus. So wie auch das Lied vom runden Mond, das einzige war, das sie nicht singen durfte, spürte sie eine riesige Lust es Lohmann vorzusingen. Gerade beim Vorsingen dieses Liedes taucht Unrat auf. Seine Schreckensvision ist nun Tatsache geworden. Unrat sah sein ganzes Vernichtungswerk zerstört. Darum
Heinrich Mann Professor Unrat
verurteilte er gleich alle drei zu Tode. Diesem Grundsatz folgend, begann er Rosa zu würgen. Lohmann schritt zögernd ein und half Rosa, die dadurch in ein Nebenzimmer fliehen konnte. Unrat, völlig ausser sich, schnappte sich die Brieftasche. Dies veranlasste Lohmann zum Alarmieren der Polizei. Unrat und Rosa wurden verhaftet, was nun die endgültige Niederlage Unrats bedeutete.
3.2 Bedeutung von Biografie, Aussehen und Kleidung
3.2.1 Unrat
Unrats Lebensgeschichte bleibt dem Leser weitgehend unbekannt, nicht einmal seinen Vornamen erfährt er. Seine Biographie lässt sich nur teilweise aus Bruchstücken rekonstruieren. Unrat studierte alte Sprachen in der Hauptstadt des grossen Reiches. Dabei wurde er durch eine Witwe finanziell unterstützt, die er vertragsmässig auch heiratete. Aus dieser Ehe wurde ein Sohn geboren von welchem sich Unrat später trennte, da er seine Erwartungen nicht erfüllte. Der 57 jährige Professor lebt nun seit 27 Jahren ohne Familie und Freunde in einer norddeutschen Stadt.
Im Buch wird auch bruchstückhaft auf das Äussere Unrats eingegangen. Er besitzt magere, eingeknickte Beine; graue eckige Hände; ein hölzernes Kinn mit einem graugelben Bärtchen; seine Lippen werden als „hölzerne Mundfalten, aus denen im Zorn Speichel bis auf die vorderste Bank spritzt.“ (PU 13) beschrieben und seine rechte Schulter ist höher als die linke. Seine Physiognomie wirkt folglich geradezu abstossend. Oft wird Unrat auch mit einem Tier verglichen. So sehen ihn die Schüler zum Beispiel als „ein gemeingefährliches Vieh, das man leider nicht totschlagen durfte.“ (PU 11)
Aus seinem äusseren Erscheinungsbild lässt es sich leicht auf sein Inneres schliessen: Seine Bewegungen, er schleicht mit langen Schritten, oder macht manchmal einen eckigen Sprung, sind Ausdruck seiner inneren angespannten Verfassung. Seine eckige und unförmige Gestalt ist sichtbarer Ausdruck einer psychischen De-formation. Seine Verunstaltung durch die in die Höhe gedrängte rechte Schulter,
Heinrich Mann Professor Unrat
ist die Folge der wissenschaftlichen Tätigkeit von 30 Jahren, fernab der Welt an seinem alten Schreibpult.
Was in der Schule vorging hatte für Unrat Ernst und Wirklichkeit des Lebens. Sein ganzes Leben bestand aus der Schule. Unrat ist nur durch seine Stellung als Lehrer und durch sein Wissen den Schülern überlegen. Sozial ist er ihnen jedoch weit unterlegen. Seine hinterhältigen und gemeinen Zwangsmittel sind nichts anderes als die verzweifelte Kompensation seiner inneren Schwäche und Ohnmacht. So lag auch nichts näher als aus seinem Namen Raat, der auf Weisheit und Überlegenheit schliessen lässt, genau das Gegenteil, nämlich Unrat zu machen.
3.2.2 Lohmann
Der 17 - jährige Konsulsohn wird auch in seinem Aussehen klar als Gegenspieler Unrats dargestellt. Er ist sehr modekundig und modebewusst, meistens schwarz angezogen und hat einen schwarzen Hut auf dem Kopf. Auch seine Haare sind schwarz, was einen guten Kontrast zu seinem blassen Gesicht bildet, mit welchem er eine talentvolle Mimik ausübt.
Lohmann entzieht sich „bei verbotenen Freuden der harten Zucht des Lehrers“ und verschafft sich Kenntnisse ausserhalb der Schule. Er besitzt jene geistige Unabhängigkeit und Souveränität, die Unrat nicht besitzt, und stellt so als Vertreter des Geistes die Gegenposition der Macht dar. Er ist nicht nur seinen Mitschülern geistig überlegen sondern auch Unrat, dessen Macht er in Frage stellt. Lohmann tritt gerne in die Rolle des Leidenden, so wird die Liebe für ihn zur masochistischen Leidenschaft. Er liebt die 30 - jährige Dora Breetpoot nicht als Person, sondern weil sie aufgrund der gesellschaftlichen Umstände für ihn unerreichbar ist und seine Liebe unglücklich bleiben muss.
Lohmann ist stets um seine Eigenart bemüht. Er sucht seine Antibürgerlichkeit vor allem gegen gängige Denk- und Fühlweisen und gegen konventionelle Moralvorstellungen zu beweisen. Lohmann kritisiert die Zivilisation mit einer gewissen Sympathie zum Anarchismus, an dem Unrat später auch gefallen finden soll.
Heinrich Mann Professor Unrat
4. Verwendung von Symbolen
Im Roman kommen relativ häufig Symbole vor. Wir haben uns bei der Auswahl auf die wichtigsten, immer wieder vorkommenden Symbole beschränkt. Einerseits wird im Buch eine sehr grosse Anzahl an Farbsymbolen verwendet, andererseits existieren aber auch andere, sehr aussagekräftige Symbole.
Symbole: Grau:
Die farblos, finstere Existenz Unrats wird durch die Farbe Grau gekennzeichnet. Er trägt einen grauen Mantel, sein Gesicht und seine Hände werden ebenfalls als grau und fahl beschrieben.
Rosa:
Der Vorname der Künstlerin Fröhlich bezeichnet die Farbe Rosa, welche den Wunsch nach Leichtigkeit in Liebe und Leidenschaft, Sehnsüchte und kommenden Erfolg symbolisiert.
Blau:
Der Blaue Engel erscheint als Verheissung der lang ersehnten Treue. Unrat wünscht sich Zuneigung und Treue, die er dank Rosa Fröhlich im Blauen Engel findet. Blau ist im allgemeinen Symbol für Glauben und Treue.
Bunt:
Das „bunte Gesicht“ Rosa Fröhlichs steht einerseits für die Künstlerin selbst, andererseits aber auch für die Lebendigkeit, die Unrats graue Existenz zu neuem Leben erweckt.
Schwarz:
Als Farbe des Netzkleides Rosa Fröhlichs ihrer Strümpfe und Unterwäsche wird die Farbe Schwarz zum Symbol sinnlicher Triebhaftigkeit. Lohmann hat schwarze Haare, trägt einen schwarzen Hut und schwarze Kleidung. In der westlichen Welt gilt schwarz als das Symbol von Tod, Trauer und Unterwelt. Lohmann symbolisiert also den Niedergang Unrats.
Heinrich Mann Professor Unrat
Weiss:
Die Familie Unrat erscheint in neuem Glanz: in elegantem und sinnlichem Weiss, der Farbe der Unschuld und Reinheit, aber auch der blendenden Fassade:
„Die Künstlerin Fröhlich trug weisse Schuhe und weisse Federboas zu weissen Voilekleidern. Sie sah frisch und luftig aus mit dem flatternden weissen Schleier an ihrem Crêpelisse - Hut und mit ihrem weissen Kind an der Hand.“ (PU 184) Lohmanns Gesicht ist blass und weisslich. In diesem Zusammenhang symbolisiert Weiss die Totenblässe und somit wiederum den Untergang Unrats.
Barfuss:
Die Barfusstänzerin Rosa Fröhlich. Barfussgehen ist ein Symbol für Sinnliche Freiheit, wobei der Fuss allein für Freiheit und Stabilität steht.
Tanz:
Nach dem östlichen Glauben wird der Mensch durch Rhythmus und Tanz näher an seine Instinkte herangeführt. Der Barfusstanz steht in Kombination beider Symbole demnach für die sinnliche Freiheit der Instinkte!
Ein weiteres ganz auffälliges Symbol ist, dass sich die Annäherung Unrats an die Künstlerin Rosa Fröhlich durch die Nacht zum Licht vollzieht, respektive aus dem dunkeln Hafenlokal in die helle Villa Unrats.
5. Bedeutung der örtlichen Gegebenheiten
Die Schule und der Blaue Engel sind zu Beginn die beiden sehr unterschiedlichen Lebensbereiche Unrats. Die Schule ist Ort, der Erziehung, der Vermittlung von bürgerlichen Tugenden, der ernsten und strengen wissenschaftlichen Schulung, der Disziplin und Ordnung. Hingegen ist der Blaue Engel Ort, des Vergnügens, der Verlockung, der Ablenkung, der sexuellen Freiheiten, des Chaos und der Unordnung. Die Umorientierung Unrats zeigt sich nun deutlich durch die zunehmende
Heinrich Mann Professor Unrat
Verlagerung in den Blauen Engel. Niemals kann Unrat beide Orte gleichzeitig beherrschen. So bedeutet der Sieg an einem Ort gleichzeitig auch die Niederlage am anderen Ort. Anfangs ist Unrat unumstrittener Herrscher im Klassenzimmer und mit der Zeit triumphiert er im blauen Engel. Die Parallelität der beiden Orte zeigt sich auch darin, dass beide jeweils aus zwei Räumen bestehen. Einerseits gibt es das Klassenzimmer und die Kabuff genannte und zur Bestrafung der Schüler verwendete Garderobe und andererseits gibt es im Blauen Engel den Konzertsaal und das als Umkleide- und Aufenthaltsraum benutzte Nebenzimmer, welches von Unrat meist auch als Kabuff bezeichnet wird.
Zu Beginn wurde von Unrat nur die Schule geschätzt und der Blaue Engel ganz klar verachtet. Doch die Trennlinie schmolz langsam dahin. Seine Gegenwelt, der Blaue Engel, wird zuerst zur parallelen und dann zu seiner eigentlichen Welt. Eine weitere Parallelität lässt sich insofern ausmachen, als beides gegen aussen abgeschirmte, nicht öffentliche Räume sind. Unrat kann sich nur in solchen Räumen einigermassen erfolgreich bewegen.
Danach spielt die Handlung ausserhalb von Schule und Blauem Engel. Dies Entspricht der Ausnahme in der privaten Situation Unrats, nämlich seinem glücklichen Zustand.
Weder die Schauplätze noch die Handlung verknüpfen den ersten mit dem zweiten Teil. Diese beiden Teile werden nur durch Unrat und seinen Charakter zusammengehalten. Im zweiten Teil spielt die Handlung im Seebad. Dort beginnt der private Kampf gegen die Schüler, diesmal jedoch ohne Schauplatzwechsel,.
6. Biografie: Heinrich Manns
6.1 Allgemeines
Diese Biographie und Bibliographie konzentriert sich weitgehend auf die Jahre der Jahrhundertwende. Aus diesem Grunde wurde die nachfolgende Zeittafel in einer speziellen Unterteilung gegliedert.
Heinrich Mann Professor Unrat
Vor allem die Zeit seit dem Tod seines Vaters bis hin zum ersten Weltkrieg wird eingehender behandelt. In diesen Jahren (1891-1916) schrieb er seine berühmtesten Werke wie zum Beispiel Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen, Der Untertan und Flöten und Dolche. Bis zu seinem Tode im Jahre 1950 kamen noch zahlreiche Werke hinzu, welche er zum grössten Teil im Exil geschrieben hatte. Während der Nationalsozialistischen Zeit galt Mann als entarteter Schriftsteller und musste deswegen die Flucht nach Frankreich ergreifen. Im selben Jahr (1933) wurde ihm die Deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er starb 1950 in Kalifornien. Seine Urne wurde erst 1961 wieder in das von ihm bis anhin verhasste Vaterland überführt.
6.2 Zeittafel zu Leben und Werk
1871 Heinrich Mann wird in Lübeck als ältester Sohn des Senators Thomas Johann Heinrich Mann geboren 1875 Geburt des Bruders Thomas Mann 1890 erste Veröffentlichung in der Lübeckischen Zeitung
1891 Tod des Vaters 1893 Übersiedlung nach München; Reisen nach Paris, Italien 1894 In einer Familie, Roman 1895 Herausgeber der Monatsschrift Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter
- 1896 für deutsche Art und Wohlfahrt 1900 ohne festen Wohnsitz, Aufenthalt in München, Paris, Berlin und
- 1914 meist in Italien 1900 Schlaraffenland. Roman unter feinen Leuten, Roman 1903 Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy, Roman 1905 Flöten und Dolche, Novelle 1905 Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, Roman 1906 Drei Novellenbände: Schauspielerin, Stürmische Morgen, Mnais und Ginerva 1907 Zwischen den Rassen, Roman
Heinrich Mann Professor Unrat
1908 Gretchen die Böse, Roman 1909 Die kleine Stadt, Roman 1914 Der Untertan, erscheint in der Zeit im Bild 1916 Der Untertan erscheint als Privatdruck
1933 Flucht vor Hitler nach Frankreich 1940 Flucht aus Nizza über Spanien und Portugal in die USA 1940 Wohnsitz in Kalifornien (Los Angeles, Santa Monica)
- 1950 1950 gestorben am 12. März in Kalifornien
7. Literaturgeschichtliche Einordnung aufgrund der Biografie
7.1 Zum historischen Hintergrund
Manns Roman spielt in der traditionsreichen Hansestadt Lübeck, in welcher er selbst geboren wurde. Zu dieser Zeit herrschten allerlei gesellschaftliche Missstände. Es gab kein einheitliches Wahlrecht, die wirtschaftlich arrivierten Kaufleute bestimmten die Politik der Stadt und die Armen hausten meist in Baracken in den Hafenvierteln. Zwischen Arm und Reich klaffte zu jener Zeit eine gewaltige Lücke, die von der Mittelschicht kaum aufgefüllt werden konnte. Genau dieser Mittelschicht entstammt auch Unrat. Er gehört zu der Anzahl Beamten, selbständigen Handwerkern und Gewerbetreibenden welche diese Zwischenschicht darstellten. Gymnasiallehrer bezogen ihr damals, im Vergleich zum Verdienst, hohes Prestige allein aus der Tatsache, dass sie ein Universitätsstudium genossen hatten. Dies war bei Unrat bekanntlich auch nur der Fall, weil er eine reiche Witwe geheiratet hat.
Der Gesellschaftsaufbau ist also hierarchisch und statisch aufgebaut. Es ist kein, oder kaum ein Aufstieg möglich. Das Gegenteil jedoch kann sehr schnell auftreten. Der Abstieg in eine sozial tiefere Schicht aufgrund wirtschaftlichen Niedergangs ist absolut möglich. Die Bildungschancen verteilen sich gemäss der sozialen
Heinrich Mann Professor Unrat
Stellung. Aus finanziellen Gründen war das Gymnasium nur der Ober - und Mittelschicht zugänglich.
In Professor Unrat liefert Heinrich Mann kein klares Panorama der Gesellschaftsstruktur. Er spricht weder das politische System des Kaiserreichs noch das System der Hansestadt Lübeck genauer an. Durch die satirische und bisweilen bissige Art der Personen - und Umstandsschilderung, bringt er indirekt genügend Hinweise darauf wie es wirklich aussieht. Die Mitbürger jener Zeit wussten daher durchaus auf was Heinrich Mann in seinem Professor Unrat und später auch in Der Untertan sichtbar machen wollte.
7.2 Einordnung durch Sprache und Aussehen der Figuren
Bei Literaturgeschichtlichen Einreihungen eignet sich kaum etwas besser als die Sprache. Dialekt, Umgangsprache und das Hochdeutsch Unrats kann man entsprechend der sozialen und regionalen Gegebenheiten einordnen. Auch durch die Orte an denen die Geschichte spielt lassen sich Ableitungen zu den Hintergründen erstellen. So ist zum Beispiel der „Blaue Engel“ sehr wirklichkeitsgetreu und detailhaft gezeichnet. Dies verweist auf den Naturalismus, aber gleichzeitig entfernt sich Mann von diesem, indem er sich durch seine satirisch - überspitzte Darstellungsweise weit von jeder Wirklichkeitstreue entfernt. Die bildreichen und manchmal sehr spitzfindigen Darstellungen des Innenlebens Unrats zeigt Manns expressionistische Art.
Ein letztes Zeichen das durch die Art einer bestimmten Figur auf die Zeit verweist ist die Dekadenz Lohmanns, welche wiederum durch seine Kleidung und sein Auftreten gegenüber den anderen Romanfiguren zur Geltung kommt.
8. Schlussfolgerung
Ist die am Anfang gestellte These nun richtig, oder muss sie als falsch abgetan werden? Wir denken, dass Unrat durch sein verunsichertes Ich und sein unschönes Auftreten durchaus eine Art Komplex ausgebildet hat. Lohmann der als deka-
Heinrich Mann Professor Unrat
denter und verschlagen - intelligenter Jüngling auftritt, entspricht durch und durch dem modernen Erscheinungsbild der damaligen Zeit. Unrat, der ja später immer wieder Empfänge in seinem Haus gibt, vermisst an sich selbst diese Eigenschaften. Er möchte liebend gerne mit der Leichtigkeit seines ärgsten Gegenspielers durchs Leben gehen können, doch dies gelingt ihm aufgrund seines bisherigen Verhaltens und seiner andersartigen Erziehung nicht. Die Sympathie zum Anarchismus übernimmt er dabei von Lohmann, lebt diese jedoch anschliessend voll und ganz aus. Zum Schluss geht er sogar an diesem Hang zum Anarchismus zugrunde. Er hat sich also durch seine Veränderung während des Romans selbst ins Verderben geliefert, während Lohmann immer noch triumphiert und am Schluss trotzdem das bekommt was er haben wollte. Die aufgestellte These hat sich also als richtig erwiesen. Auch wenn Unrat schlussendlich nie so geworden ist, respektive geworden wäre wie Lohmann, versuchte er dennoch alles um mit ihm auf einer Stufe zu stehen.
Heinrich Mann Professor Unrat
Literaturverzeichnis
Primärliteratur: Mann, Heinrich: Professor Unrat, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 53. Auflage Juni 2001
Sekundärliteratur: Oldenburg Interpretationen Band 86, Mann Heinrich, Professor Unrat Fontana David Die verborgene Sprache der Symbole, München 1994, (Englische Erstausgabe 1978)
Computer und Internet:
Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2001 URL :http://www.kosh.de/referate/html/p/professorunrat.htm URL :http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/kunst/unrat/ URL :http://home.t-online.de/home/reetdach/download/unrat.htm URL :http://www.inter-nationes.de/d/frames/gaz/didak1905.html
Arbeit zitieren:
Andreas Kundert, 2002, Mann, Heinrich - Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Thema Großstadt im Expressionismus - Untersucht an vier Gedichten
Städter (Alfred Wolfenstein), ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Studienarbeit, 29 Seiten
Zur Ballade "Der Ring des Polykrates" von Friedrich Schiller...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Deutsche und französische Interessen in der Europäischen Gemeinschaft ...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Der Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Facharbeit (Schule), 28 Seiten
Verweise auf Goethes Faust in ´MEISTER und MARGARITA´ Bulgakows
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Ida Gräfin Hahn-Hahn: „Gräfin Faustine“
Strukturalistische Analyse des...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit, 18 Seiten
Zu: Heinrich Manns Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen
Hausarbeit, 12 Seiten
Schelmenroman - Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Naturdarstellung und Frauendienst bei Konrad von Würzburg
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Die politische Rolle von Frauen in der Französischen Revolution
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Die persönliche Redekunst der Hauptfigur des Romans "Herr Lehmann...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
"Der Menschheit Hälfte blieb noch ohne Recht" - Frauen in de...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 19 Seiten
Analyse der Novelle von Martin Walser: "Ein fliehendes Pferd"...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 28 Seiten
Georg Heym „Der Gott der Stadt“ - eine Gedichtinterpretation
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Referat (Ausarbeitung), 5 Seiten
Rainer Maria Rilke - Sein Leben und seine Gedichte
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Rilke zur Zeit des Symbolismus – am Beispiel von „Der Schwan“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
"Voyage au bout de la nuit" de Louis-Ferdinand Céline: étude...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Andreas Kundert hat den Text Mann, Heinrich - Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen veröffentlicht
Andreas Kundert hat einen neuen Text hochgeladen
hanagnagana hat den Text Mann, Heinrich - Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen kommentiert
Der Untertan. Textanalyse und Interpretation zu Heinrich Mann
Alle erforderlichen Infos für ...
Heinrich Mann
Mann. Abdankung / Der Untertan. Analysen und Reflexionen
Untersuchungen, Anmerkungen un...
Heinrich Mann, Ingeborg Scholz
Mann: Der Untertan. Interpretationen
Mit Unterrichtshilfen
Heinrich Mann, Monika Hummelt-Wittke
weiß nicht
gute interpretation.
vielen dank, dass diese ausarbeitung ins netz gestellt wurde, ich konnte viel davon mit in den unterricht nehmen...
am Thursday, December 06, 2007-
hanagnagana
In der Tat zu weitreichenden Gedankengängen animierend.
Die Novelle spiegelt in der Tat sehr gut die gesellschaftlichen Miss- und Zustände wieder. Einmal in den Teufelskreis des Gesellschaftsstroms gelangt, hat man nur sehr geringe Chancen auf Gottes Gnade. Man muss sich, selbst als Höchstgebildeter und zugegeben etwas engstirniger Mann mit tragischer Vergangenheit solch niederen, fast schon primitiven, aber dennoch angeborenen Instinkten, wie Rache hingeben und seine Seele eben dieser teuflischen Verführung des Triumphs hingeben
am Wednesday, April 16, 2008-