Der missverstandene Film
„Lolita“ aus dem Jahr 1962 ist ein frühes Werk von Stanley Kubrick, entstanden in der Reihenfolge nach „Paths of Glory“ und „Spartacus“ und vor „Dr. Strangelove“ und „2001“. Es wurde vom Publikum gemischt aufgenommen und sorgte als Verfilmung des Skandal-Romans von Vladimir Nabokov selbst für einen Skandal. Das Thema, die Beziehung zwischen einem erheblich älteren Literaturprofessor und einem im Film etwa 15jährigen Mädchen, galt damals, in den frühen Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den Vereinigten Staaten als schändlich. Aus meiner Analyse 1 geht jedoch hervor, dass die dargestellte Beziehung von Kubrick keineswegs verherrlicht oder auch nur gutgeheißen wird. Von daher wurde der Film in meinen Augen völlig zu Unrecht gescholten. Die Empörung sollte sich nicht am Film entzünden, sondern an der dargestellten gesellschaftlichen Realität. Im Gegensatz zu vielen späteren Werken des Regisseurs, v.a. dem visionären „2001“, wird in „Lolita“ die Geschichte weniger über formalisierte und stilisierte Mittel erzählt, sondern in erster Linie über das Verhalten der Personen. Die ästhetische Gestaltung unterstützt die von den Darstellern präsentierte Handlungsebene, erzählt jedoch keine eigene, zusätzliche Geschichte, wie es in anderen Filmen der Fall ist. Deshalb beschränke ich mich in meiner Analyse in erster Linie auf die Darstellung der Charaktere und die Beziehung der Personen zuein-ander. Die auch in diesem Film reichlich vorhandenen gestalterischen Details untersuche ich genau dann, wenn ich sie für besonders aussagekräftig halte.
1 Ich beziehe mich in meiner Analyse auf die deutsche DVD-Version aus der „Stanley Kubrick Collection“. Der Film wurde
gegenüber der Kinoversion um einige Minuten gekürzt.
Aufstieg und Fall: Die Struktur
Der Film „Lolita“ hat eine Länge von 2 Stunden und 27 Minuten. Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von vier Jahren, wobei der wesentliche Teil sich innerhalb eines Jahres ereignet.
Nach dem Vorspann gibt es eine knapp zehnminütige Sequenz, in deren Verlauf Humbert Humbert seinen Gegenspieler Clare Quilty ermordet. Am Ende des Films wird diese Sequenz erneut aufgegriffen, aber dieses Mal nur kurz angedeutet. Dieser Teil umrahmt den eigentlichen Hauptteil des Filmes, der in der zwölften Minute mit dem textlichen Hinweis „4 years earlier“ beginnt.
Der Hauptteil besteht aus einer Vielzahl von kleineren oder größeren Episoden und wird strukturiert durch mehrere Zeitsprünge. Im ersten Teil werden die Hauptfiguren des Films vorgestellt: Humbert Humbert, Charlotte Haze und ihre Tochter Dolores, genannt Lolita, sowie Clare Quilty. Humbert zieht bei Charlotte ein, um Lolita nahe sein zu können. Die Beziehungen dieser drei Personen zueinander werden in unterschiedlichen Situationen vorgestellt. Clare Quilty taucht hier mehrmals kurz auf: sein Name wird in Gesprächen erwähnt, Charlotte trifft ihn auf einem Ball, und schließlich ist sein Foto in Lolitas Zimmer zu sehen. Für Humbert hat jedoch keine dieser Situationen eine Bedeutung.
Dieser Teil endet, als Lolita ins Feriencamp geschickt wird und Charlotte Humbert eine schriftliche Liebeserklärung macht. In der 46. Minute erfährt der Zuschauer, dass die beiden mittlerweile verheiratet sind und dass Lolita immer noch im Camp ist. Es sind also offenbar wenige Wochen vergangen. Als Charlotte berichtet, dass sie Lolita in ein Internat geben will, kommt es zum Streit. Kurz darauf liest sie Humberts Aufzeichnungen und erkennt seine wahren Motive. Sie läuft aus dem Haus und wird von einem Auto getötet. Humbert hat nun das alleinige Sorgerecht für Lolita, holt sie aus dem Camp ab und verbringt mit ihr eine Nacht im Motel. Es wird angedeutet, dass die beiden sich sexuell nähern. Als Lolita erfährt, dass ihre Mutter tot ist, verspricht sie, bei Humbert zu bleiben. Er scheint sein Ziel erreicht zu haben.
Der folgende Teil beginnt mit einem Zeitsprung von sechs Monaten (1:34:00). Es wird deutlich, dass Lolita sich in der Beziehung unwohl fühlt und ausbrechen will. Die beiden streiten sich mehrmals heftig. Schließlich beschließt Humbert, dass sie die Stadt verlassen. trotz anfänglicher Ablehnung stimmt Lolita nach einem Telefonat zu. Im Laufe der mehrtägigen Autofahrt wird Lolita krank und kommt ins Krankenhaus. Als Humbert sie einige Tage später dort abholen will, ist sie verschwunden.
Nach drei Jahren meldet sich Lolita (2:12:00), woraufhin Humbert zu ihr fährt. Sie teilt ihm mit, dass sie ihn nur benutzt und nie geliebt habe und dass Clare Quilty sie damals aus dem Krankenhaus geholt habe. Als Lolita sich weigert, zu ihm zurückzukehren, fährt Humbert zu Quilty und erschießt ihn. Im Epilog erfährt der Zuschauer, dass Humbert für diesen Mord ins Gefängnis kommt und dort an einer Thrombose stirbt.
Kubrick verwendet den klassischen Aufbau einer Tragöde: Nach der Exposition, der Vorstellung der Charaktere und Beziehungen, kommt es mit einigen Verwicklungen zum Höhepunkt – in diesem Fall Lolitas Versprechen, bei Humbert zu bleiben. Doch hieran schließt sich der Fall an, die Abwendung und Flucht Lolitas. Nach einem letzten kurzen Hoffnungsschimmer, dem Besuch bei Lolita, kommt es zum Finale. Humbert hat Lolita endgültig verloren und fühlt sich vor allem von Quilty betrogen und gedemütigt, so dass er beschließt, ihn zu er-morden. Er selbst stirbt im Gefängnis.
Der Aufbau hat starke Parallelen zu „Dr. Strangelove“, den Kubrick drei Jahre später dreht. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass bei Lolita schon zu Beginn das Ende vorweggenommen wird, während bei „Dr. Strangelove“ lange Zeit unklar bleibt, wie der Film enden könnte. Beide Filme bedienen sich jedoch der Komik als prägendem Element, so dass man in beiden Fällen vom Genre einer Tragikomödie sprechen kann.
Aktion und Reaktion: Die Wendepunkte
Humbert Humbert ist ein Mensch, der kühl kalkuliert und gewissenhaft plant, um seine Ziele zu erreichen. Er will die Mitmenschen so manipulieren, dass sie seinen Interessen dienen. Aber genau diese Pläne werden immer wieder durchkreuzt, weil sich seine „Mitspieler“ nicht so verhalten, wie er es erwartet. Dieses Muster zieht sich durch den gesamten Film und zeigt sich besonders deutlich in der Anfangssequenz.
Humbert fährt mit einem Revolver zu Quiltys Haus, findet ihn dort, zieht sich Handschuhe an und will mit ihm reden, „bevor wir anfangen“ (0:03:50). Er lässt ihn einen vorgefertigten Text vorlesen, der seine Anklage enthält. Clare Quilty jedoch lässt sich auf dieses Spiel nicht ein und stellt seine eigenen Regeln auf. Statt auf Humbert einzugehen, fordert er ihn zum Pingpong-Spiel auf. Er ignoriert seine Fragen und bringt ihn schließlich sogar dazu, mitzuspielen. Humbert versucht jedoch weiter, seinen Plan zu verfolgen und holt den Revolver hervor. Quilty lässt sich daraufhin in einen Sessel fallen, wo Humbert ihm den Text gibt. Doch statt ihn einfach vorzulesen, macht sich Quilty lustig. Kurz darauf steht er wieder auf und zieht sich Boxhandschuhe an. Humbert gibt seinen ersten Schuss ab, woraufhin Quilty ihn auffordert, nicht mit Tod und Leben rumzuspielen, sich dann ans Klavier setzt und Musik macht. Als Humbert dann noch mehrmals schießt, flieht Quilty die Treppe hoch, wird dort jedoch endgültig getroffen. Clare Quiltys Verhalten in dieser Situation ist absurd, doch es spiegelt sehr gut das Absurde in Humbert Humberts Verhalten. Durch seine Reaktionen macht er deutlich, dass die Forderungen und Pläne seines Gegners nicht zum gewünschten Ziel führen können. Humbert ist von diesem Verhalten sehr irritiert und verliert zunehmend die Kontrolle. Am Ende wird aus der geplanten inszenierten Hinrichtung ein wildes Abknallen.
Auch in den übrigen Szenen ist immer wieder zu beobachten, dass Humbert sehr planvoll und durchdacht vorgeht, am Ende dann aber die Situation doch nicht nach seinen Wünschen und Überlegungen abläuft.
Immer wieder durchkreuzen die übrigen Personen oder gar der Zufall seine Pläne.
Zu Beginn des Films besichtigt er eine Unterkunft im Haus von Charlotte Haze. Er ist nicht sehr angetan und ist gerade dabei, höflich aber bestimmt den Rückzug anzutreten, als er zufällig Lolita im Garten entdeckt. Um ihr nahe zu sein, zieht er dort ein. In der nächsten Zeit sucht er immer wieder Möglichkeiten, um in ihrer Nähe zu sein, auch gegen Widerstand der übrigen Erwachsenen. Gestört wird die Situation durch den Entschluss der Mutter, Lolita ins Feriencamp zu schicken. Da Humbert kurz darauf seine Arbeit in einer anderen Stadt beginnen will, sieht er keine Möglichkeit mehr, Lolita weiterhin zu sehen. Erst die Liebeserklärung von Charlotte bietet ihm diese Chance.
Durch die Hochzeit kann er nun ganz legal in die Rolle des Stiefvaters schlüpfen, doch auch hier durchkreuzt Charlotte wieder seine Pläne, indem sie nämlich Lolita in ein Internat schicken will, um Humbert für sich allein zu haben. Als kurz darauf Charlotte seine Aufzeichnungen findet, scheint sein Plan vollends gescheitert zu sein. Aber wieder erfolgt die Wendung ohne eigenes Zutun, indem Charlotte (ob von ihr beabsichtigt oder nicht) bei einem Unfall getötet wird. Humbert hat nun das alleinige Sorgerecht für Lolita und bekommt kurz darauf sogar ihr Versprechen, dass sie bei ihm bleiben will. Den Nachsatz, dass dieses besser sei, als in ein Heim oder eine Anstalt zu gehen, überhört er.
Als Lolita ein halbes Jahr später unzufrieden ist und gerne Theater spielen möchte, gibt Humbert die Zustimmung erst, als ihm Clare Quilty in der Rolle des Schulpsychologen Dr. Zempf massiv droht. In dieser Situation wird auch deutlich, dass Lolita sich seiner Kontrolle immer weiter entzieht und mit ihm spielt. Während der Theateraufführung führt sie den „müden Bock“ von der Bühne und fragt Humbert hinterher, ob er sehr gelacht habe. Für sie ist hier schon offensichtlich, dass Humbert sie verloren hat, doch er glaubt auch weiterhin, sie halten zu können.
Während des gesamten Filmes lässt Humbert Humbert sein Ziel, die Beziehung zu Lolita zu sichern, nicht aus den Augen. Auf der einen
In den folgenden Episoden wird deutlich, dass Lolita sich durchaus zu Humbert hingezogen fühlt und umgekehrt dieser ihre Nähe genießt. Im Autokino streichelt er ihre Hand, während er sich vor der Hand ihrer Mutter zurückzieht. Während Lolita im Garten Übungen mit dem Hula-Hoop-Reifen macht, starrt Humbert sie intensiv an. Dabei merkt er nicht einmal, dass Charlotte sich nähert, bis sie plötzlich ein Foto macht mit der Bemerkung: „Sie waren gerade so versunken!“ (0:19:30) Während eines Schachspiels mit Charlotte kommt Lolita im Nachthemd ins Zimmer und gibt ihm einen Gute-Nacht-Kuss, der ihn offenbar stärker interessiert als das Schachspiel.
In diesen kurzen Szenen zeigt Stanley Kubrick sehr plastisch die Dreierbeziehung zwischen Charlotte, Lolita und Humbert. Während Charlotte ihn offen umschwärmt, wendet er sich stark Lolita zu. Diese nimmt die Zuneigung entgegen, erwidert sie auch. Ihre Zuwendung entspricht der eines Teenagers, der froh ist, eine Art von Ersatz-Vater in Humbert gefunden zu haben. Ihre Zuwendung ist in erster Linie kindlich-verspielt, wie sich auch im weiteren Verlauf immer wieder bestätigt.
Zugleich ist ihr aber auch bewusst, dass sie ihre Mutter eifersüchtig machen kann, wenn sie die Humberts Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Deutlich wird dies zum Beispiel, als sie vorzeitig von der Party nach Hause kommt. Humbert kehrt sich sofort von Charlotte ab, wendet sich Lolita zu und macht ihr sogar etwas zum Essen. Lolita genießt es, sich zwischen die beiden zu stellen, wobei dies jedoch stärker ein pubertätstypischer Mutter-Tochter-Konflikt ist, als dass sie wirklich ein Interesse an Humbert hätte.
Humbert sieht in jeder Zuwendung von Lolita ein Zeichen der besonderen Zuneigung. Für ihn die Nettigkeiten Belege dafür, dass Lolita in ihm mehr sieht als den Mitbewohner ihrer Mutter. Eine typische Situation hierfür ist das Frühstück in Humberts Zimmer. Charlotte schickt ihre Tochter, weil sie selbst gerade telefoniert. Lolita hatte gerade mal wieder einen Streit mit ihrer Mutter und kommt nun verärgert und gelangweilt ins Zimmer. Er liest ihr ein Gedicht vor, in dem ein Mädchen wie Lolita beschrieben wird. Sie nimmt es zur Kenntnis, geht
aber nicht weiter darauf ein. Dann nimmt sie ein Spiegelei und hält es
ihm vor den Mund mit der Aufforderung, nicht mehr als einen Bissen zu essen. Humbert jedoch packt ihre Hand und beißt kräftig zu. Die realistische Szene lässt sich auch symbolisch sehen, indem nämlich Humbert mit der einfachen Zuneigung nicht zufrieden ist, sondern gleich die ganze Lolita besitzen will. Die Szene zeigt aber zugleich auch, dass Lolita mit ihm und mit dem Feuer spielt. Denn in ihrer Auf-forderung, nicht mehr als nur einen Bissen zu essen, schwingt die Vorahnung mit, dass er sich nicht daran halten wird. Sie testet aus, wie weit er gehen wird. Dies entspringt ihrer erwachenden Sexualität gepaart mit noch kindlicher Neugier.
Neugier und Spieltrieb spielen auch später eine wichtige Rolle. Nach Charlottes Unfall holt Humbert Lolita im Camp ab, erzählt ihr, dass ihre Mutter im Krankenhaus liege und übernachtet mit ihr im Hotel. Während der Fahrt flirtet sie ein wenig mit ihm und zieht ihn damit auf, dass er sie ja noch gar nicht zur Begrüßung geküsst habe und dass sie ihm im Camp untreu gewesen sei. Ihren Blicken zufolge erkennt sie genau seine heimlichen Wünsche. Im Hotel dann, nachdem Humbert für sie beide ein Doppelbett gebucht hat, entgegnet sie ihm: „Ach, so stellst Du Dir das also vor!“ (1:13:20), worauf Humbert sich entschuldigt, dass kein anderes Zimmer frei gewesen wäre. Lolita schickt ihn dann, sich um ein Klappbett zu kümmern und geht allein ins Bett. Als Humbert nachts zu ihr ins Bett schlüpfen will, weist sie ihn ab. Am nächsten Morgen jedoch nähert sie sich ihm, indem sie ihm von einem „Spiel“ berichtet, das sie im Camp gespielt habe. Später im Auto fragt Lolita Humbert scherzhaft, ob sie ihrer Mutter davon berichten solle. Dieser Abschnitt ist die einzige Stelle im Film, die deutlich erkennen lässt, dass Humbert und Lolita eine sexuelle Beziehung haben. Auch wenn Lolita hier die aktive Rolle spielt und entscheidet, ob etwas passiert oder nicht, geht die eigentliche Initiative von Humbert aus. Lolita gibt zu einem gewissen Zeitpunkt nach und lässt ihn gewähren. Ihre genauen Motive lassen sich hierbei nur ahnen. Ich nehme an, dass Lolita im Feriencamp die Zeit ohne die Bevormundung durch ihre Mutter ausgiebig genossen hat. Sie erzählt, dass sie dort mit Charlie,
dem Sohn einer Aufseherin, sexuelle Erfahrungen gemacht hat. Demzufolge befindet sie sich also gerade in einer Übergangsphase vom eher kindlichen Mädchen hin zu einer aufgeschlossenen und selbstbewussten Jugendlichen. Dieser Wandel lässt sich im Film gut beobachten. Bisher war ihr Verhalten vor allem von zwei Dingen geprägt: kindliche Unbekümmertheit auf der einen Seite und beginnende Auflehnung gegen ihre Mutter auf der anderen Seite. Nun wird deutlich, dass ihre Selbständigkeit nicht nur in der Abgrenzung gegenüber ihrer Mutter liegt, sondern sie zunehmend selbst aktiv wird. Und hier ist die Bestimmung über den eigenen Körper – in Form der Sexualität – ein wichtiger Schritt.
Humbert als ihr Erziehungsberechtigter nimmt seine Erziehungs-verantwortung nicht wahr, sondern denkt allein an die Befriedigung seiner Wünsche und seiner Lust. Er nimmt ihre neugierige Aufgeschlossenheit dankbar an, ohne an Lolitas eigenen Bedürfnisse zu denken.
Im weiteren Verlauf spitzt sich dieses Problem immer weiter zu. Kubrick überspringt die folgenden sechs Monate und setzt den Film mit einem Konflikt zwischen Humbert und Lolita fort. Lolita liegt gelangweilt und Cola trinkend auf dem Bett, während Humbert – wie auch schon im Vorspann – ihre Fußnägel lackiert. Diese Handlung bereitet ihm selbst ein größeres Vergnügen als ihr. Lolita lässt ihn gewähren, zeigt sich aber nicht besonders angetan.
In dieser Situation kommt es zu einem kleinen Streit zwischen beiden. Humbert hat beobachtet, wie sich Lolita mit zwei gleichaltrigen Jungen getroffen hat. Er spricht sie auf Umwegen darauf an und versucht, aus ihr herauszukitzeln, was er ohnehin schon weiß. Dieses Vorgehen zeugt eher von gekränkter Eitelkeit und Eifersucht als von Sorge um Lolitas Wohlergehen. Lolita lügt ihn dann auch an und reagiert selbst dann noch ausweichend und unschuldig, als er ihr die Wahrheit ins Gesicht sagt.
Ihr Verhalten in dieser Situation ist herablassend und stolz. Es wird deutlich, dass Lolita beginnt, sich von seinem Einfluss zu lösen. Zwar ist sie noch auf ihn angewiesen, weil er ihr Erziehungsberechtigter ist
und sie nicht ins Heim oder eine Anstalt gehen möchte (vlg. 1:33:40), aber dennoch reagiert sie zunehmend abweisend. Kennzeichnend ist hier das Trinken aus der Cola-Flasche, und später wird es das Kaugummikauen sein. Beides sind demonstrative Abwehrbekundungen. Humbert ist gefangen in seiner Lust, in seinem Begehren, und ist nicht in der Lage, emotional auf Lolita einzugehen. Er sagt, dass er sie verwöhne, indem er ihr Geschenke kauft. Er erkennt jedoch nicht ihre wahren Bedürfnisse. Vermutlich darf er sie auch gar nicht erkennen können, ohne dabei Gefahr zu laufen, Lolita aus seiner Abhängigkeit in die Selbständigkeit zu entlassen. Als Lolita ihn fragt, ob er sie noch liebe, verwechselt er sein Begehren mit Liebe. Lolita erkennt dies und erklärt ihm, sie wolle, dass er stolz auf sie sei.
In seiner Angst, die Kontrolle über Lolita zu verlieren, verbietet er ihr das Theaterspielen, weil sie dort zu viel mit Gleichaltrigen zusammen wäre. Und noch eine zweite Angst ist zu erkennen: die Angst, Lolita könnte anderen etwas über die familiäre Situation erzählen. An diese Angst knüpft Clare Quilty, der sich als Schulpsychologe verkleidet hat, an. Er droht Humbert damit, die Situation genau untersuchen zu lassen und kann auf diese Weise dessen Zustimmung zum Theaterspielen und zu mehr Freiheit für Lolita erreichen.
Dass dieses Zugeständnis allein auf äußeren Druck hin und ohne Überzeugung gemacht wurde, wird am Tag der Premiere deutlich. Vor allen Leuten zerrt Humbert Lolita von der Feier nach Hause. Dort wirft er ihr dann vor, dass das Theaterspielen sie beide auseinander gebracht hätte – nicht erkennend, dass die Ursachen für die Probleme zwischen beiden viel tiefer liegen.
Spätestens als dann die Nachbarin Miss Le Bone, vom Lärm angelockt, ihm mitteilt, dass in der Nachbarschaft schon über das Verhältnis der Beiden getuschelt werde, beschließt Humbert, mit Lolita die Stadt zu verlassen. Statt sich mit der Situation auseinander zu setzen, wählt er den Weg der Flucht, auch hier wieder, ohne dabei an die Bedürfnisse von Lolita zu denken. Lolita selbst weigert sich zunächst und rennt aus dem Haus. Doch kurz darauf, als sie aus einer Telefonzelle kommt, ist sie bereit, mitzukommen. Offenbar hat sie während des
Telefonats mit der anderen Person einen Plan entwickelt, denn während der Autofahrt durch das Land werden Humbert und Lolita von einem anderen Wagen verfolgt. Der Fahrer des Wagens ist nicht zu erkennen, doch nach drei Jahren erklärt Lolita, dass dies Quilty gewesen sei.
Als Lolita nach einigen Tagen Autofahrt krank wird, kommt sie ins Krankenhaus. Bei Humberts Besuch dort verhält sie sich sehr abweisend und ausweichend. Kurz darauf, als Humbert sie abholen will, muss er feststellen, dass sie verschwunden ist, angeblich abgeholt von ihrem Onkel. Humbert reagiert sehr unruhig und wütend, muss von mehreren Krankenhausmitarbeitern festgehalten werden und beruhigt sich erst, als ihm mit der Polizei gedroht wird. Sein Verhalten ist angesichts der für ihn bedrohlichen Situation nachvollziehbar. Er weiß, dass Lolita keinen Onkel hat und die ihm gegebene Erklärung deshalb nicht stimmen kann. Ihm wird klar, dass er Lolita nun endgültig verloren hat und es für ihn keine Möglichkeit gibt, sie zurückzugewinnen.
Drei Jahre später meldet sich Lolita dann mit einem kurzen Brief bei ihm, teilt ihm mit, dass sie verheiratet und schwanger ist und bittet um Geld. Humbert schöpft neue Hoffnung und fährt zu ihr. Als erstes muss er jedoch feststellen, dass sie sich schon äußerlich stark verändert hat und kaum noch an das begehrte Mädchen erinnert. Dennoch versucht er, sie zu überreden, dass sie zu ihm zurückkommt.
Erneut zeigt sich, dass Humbert Humbert der Situation nicht gewachsen ist und sein ganzes Verhalten, alle seine Gedanken nur darauf gerichtet sind, Lolita wieder bei sich zu haben. Es gelingt ihm nicht – und offenbar macht er nicht einmal den Versuch – Verständnis für Lolitas Situation aufzubringen. Sie erzählt ihm jetzt, dass sie ihn niemals geliebt habe, sondern ihn nur benutzt habe. Sie habe immer nur Clare Quilty geliebt. Dann erklärt sie ihm, dass immer Quilty es war, der ins Leben der beiden eingegriffen habe. Besonders an dieser Situation macht sich stets das Bild der berechnenden, überlegenen Person fest, mit dem der Name „Lolita“ im Allgemeinen verknüpft wird. Mir fällt es jedoch schwer zu glauben, dass die anfangs etwa 15jährige (im Roman sogar erst 12jährige) Lolita tatsächlich vom ersten Augenblick an geplant haben soll, den alternden Professor an
geplant haben soll, den alternden Professor an der Nase herumzuführen. Wenn sie so berechnend gewesen wäre, hätte sie viel früher einen Weg gefunden, die Situation nach ihren Wünschen zu gestalten und zu Clare Quilty zu gelangen. Auf mich wirken diese Aussagen eher wie eine Schutzbehauptung, eine Überlebensstrategie, um für immer aus der ehemals bedrohlichen Situation zu entfliehen. Indem sie sich selbst als bedrohlich, hart und unnahbar darstellt, macht sie sich für den Mann unattraktiv. Sie zeigt, dass sie ihn in der Hand hat und er keine Chance hat, gegen ihren Willen an sie heranzukommen.
Aber noch eine zweite Erklärung halte ich für denkbar. Der Film orientiert sich an der Perspektive von Humbert Humbert. Es wird seine Sicht gezeigt, die unter anderem in Off-Kommentaren deutlich wird. Es gibt einige wenige Szenen, in denen Humbert nicht mitwirkt, wie z.B. der Streit zwischen Charlotte und Lolita in der Küche oder das Treffen von Quilty und Charlotte auf dem Ball. Ansonsten jedoch hält sich der Film sehr eng an seine Sichtweise. Für ihn kommt es am Ende gelegen, sich selbst als Opfer und Lolita als Täterin darzustellen. Lolita habe ihre Sexualität gezielt eingesetzt gegen ihn, den schwachen Mann, der ihren Reizen erlegen sei. Dies entspricht einem typischen Verhalten von Tätern.
Typische Täter- und auch Opferstrategien sind im ganzen Film zu beobachten 2 . Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Humbert sich gezielt den Zugang zu seinem Opfer sucht, zunächst durch seinen Einzug, später sogar durch Heirat der Mutter. Er erkennt und befriedigt das Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung – zumindest soweit wie es ihm dienlich ist. Wirkliche Liebe und Anerkennung gibt er Lolita entgegen seinen Beteuerungen nicht. Besonders nach dem Tod der Mutter hat er leichten Zugriff auf das Mädchen, da dieses Angst vor einem Heim oder einer Anstalt hat. Als sich ihm Lolita spielerisch nähert, handelt er nicht verantwortungsvoll als Erziehungsberechtigter, sondern folgt egoistisch seiner Lust. Er kann bis zu einem gewissen Grad darauf vertrauen, dass Lolita Schuldgefühle hat, da sie selbst bei den
2 Vgl. hierzu z.B. Anita Heiliger: „Täterstrategien und Prävention: sexueller Missbrauch an
Mädchen innerhalb familialer und familienähnlicher Strukturen“ München: Frauenoffensive,
2000
wobei deutlich wird, dass er an ihr durchaus Gefallen findet. Charlotte
reagiert mit der Bemerkung, dass Lolita demnächst die Backenzähne gezogen werden sollen. Damit macht sie ihm gegenüber deutlich, dass Lolita ein ganz profanes Mädchen ist und er sich lieber ihr, der Mutter, zuwenden solle. Mehrmals wird im Gespräch deutlich, dass Quilty ein von seinen Schülerinnen umschwärmter Lehrer ist, auf den auch die erwachsenen Frauen ein Auge geworfen haben. Im Hotel, wo Humbert mit Lolita absteigt, ist zunächst Quilty zu sehen, der sich mit dem Portier unterhält und dann wegdreht, als die beiden eintreten. Während der Theaterpremiere ist Quilty anwesend und fotografiert das Geschehen, ohne dass er von Humbert bemerkt wird.
Die tatsächliche Funktion, die Clare Quilty im Film erfüllt, ist jedoch eine andere. In seinen verschiedenen Rollen, mit denen er Humbert konfrontiert, stellt er das Gewissen dar, das versucht, Humbert zu beeinflussen. Das erste direkte Aufeinandertreffen der beiden findet auf der Hotelterrasse statt. Lolita hat Humbert nach unten geschickt, damit er sich um ein Klappbett kümmern soll. Er fragt an der Information nach, ob seine Frau sich gemeldet habe, und wird dabei von Quilty beobachtet. Als er sich danach auf die Terrasse setzt, kommt Quilty hinzu, dreht ihm den Rücken zu und beginnt, auf ihn einzureden. Er gibt sich als Polizist aus, da im Hotel gerade eine Tagung von Polizisten stattfindet. Er habe Humbert beobachtet und habe den Eindruck bekommen, er wolle sich absichtlich nicht verdächtig machen. Immer wieder erwähnt er dabei den Umstand, dass er, Humbert, ein „süßes, kleines, großes Mädchen“ dabei habe. Indirekt vermittelt er ihm, dass sein Verhalten nicht korrekt sei, und dass er von der Öffentlichkeit beobachtet werde. Humbert weicht aus und tut so, als wisse er nicht, wovon geredet wird. Als er danach zurück ins Zimmer geht, wird ihm das versprochene Klappbett angeboten, welches er zunächst ablehnt und erst dann annimmt, als er erfährt, dass es von einem Polizisten geräumt wurde. Dennoch will er später zu Lolita ins Bett schlüpfen, zeigt also, dass ihn die Warnung von Quilty nicht beeindruckt hat.
Das zweite Aufeinandertreffen der beiden findet ein halbes Jahr später in Humberts Wohnung in Beardsly statt. Humbert hat Lolita
verboten, Theater zu spielen und sich mit gleichaltrigen Jungen zu treffen. Als er abends nach Hause kommt, erwartet ihn ein Quilty in der Wohnung, der sich als Schulpsychologe Dr. Zempf ausgibt. Wieder redet er auf Humbert ein und erklärt ihm, dass Lolita sich sehr auffällig verhalte und offenbar unter der familiären Situation leide. Humbert weicht erneut aus und weist jede Schuld von sich. Erst als ihm Quilty droht, die familiäre Situation untersuchen zu lassen, gibt Humbert widerwillig nach.
Der dritte Kontakt findet auf der Straße statt. Als Humbert mit Lolita nach der Theateraufführung die Stadt verlässt, wird er mehrere Tage lang von einem anderen Wagen verfolgt. Den Fahrer kann er nicht erkennen. Er hat eine Reifenpanne und muss anhalten. Auch der andere Wagen hält in einigem Abstand. Humbert ist sehr beunruhigt, bleibt jedoch im Wagen sitzen und beobachtet den anderen Wagen. Lolitas Kommentar, es könnte die Sittenpolizei sein, wischt er unwirsch beiseite und sagt, er müsse nachdenken. Schließlich wendet der Wagen und fährt weg. Die Bedrohung in dieser Situation wird durch mehrere Symbole unterstrichen: Lolita stellt fest, dass auf dem Tacho nun alles Neunen sind. Sie sitzt hinten und hat sich in eine Jacke eingewickelt, weil sie sich krank fühlt. Sie ist also verhältnismäßig weit von Humbert entfernt, während sie normalerweise direkt neben ihm auf dem Beifahrersitz sitzt. Humbert verspürt plötzlich starke Schmerzen im linken Arm, die sich später als Thrombose herausstellen. Auch wenn alle diese Begebenheiten einen realen Hintergrund haben, deuten sie doch auf einen Wechsel hin, auf etwas Neues. Und tatsächlich wird in dieser Szene die endgültige Trennung der beiden eingeleitet.
Als Lolita im Krankenhaus liegt und Humbert mit der Grippe zuhause ist, erhält er einen Anruf. Dies ist der vierte Kontakt mit Quilty, und wieder erkennt er ihn nicht. Der anonyme Anrufer teilt ihm mit, dass er beobachtet werde und es bereits Akten über ihn gebe. Er solle Auskunft über sein Liebesleben geben, da er mit einem jungen Mädchen herumreise. Humbert geht auf die Aussagen nicht ein und erklärt, dass er sich weigere, das Gespräch fortzusetzen.
Allen vier Situationen ist gemeinsam, dass Humbert Humbert mit einer für ihn nicht greifbaren Bedrohung konfrontiert wird. Er kann seinen Gegner nicht erkennen, weil er ihm entweder den Rücken zukehrt, sich verkleidet hat, nur als schemenhafte Gestalt im anderen Auto wahrnehmbar ist oder aber nur eine anonyme Stimme am Telefon ist. Humbert hat also keine Gelegenheit, sich mit der Person (bzw. wie er vermutet, mit den Personen) auseinander zu setzen. Sehr wohl könnte er sich jedoch mit den Botschaften beschäftigen, die ihm auf diese Weise übermittelt werden. Dies tut er nicht, sondern stets weicht er aus. Aus diesem Grund führen die Konfrontationen auch nicht zu einer Änderung in Humberts Verhalten. Nachdem er vom angeblichen Polizisten auf der Terrasse angesprochen worden ist, will er ohne Vorbehalte zu Lolita ins Bett steigen. Auf die Drohungen von Dr. Zempf reagiert er zwar, doch zeigt sich im Nachhinein, dass er seine Einstellung nicht geändert hat, sondern lediglich dem enormen Druck nachgegeben hat. Auch auf den fremden Wagen, der ihn verfolgt, reagiert er nicht mit einer Verhaltensänderung, sondern lediglich abwartend. Das Telefonat führt dazu, dass er nachts ins Krankenhaus fährt, um Lolita abzuholen. Er will also abermals fliehen.
Es zeigt sich, dass Humbert sich nicht von seiner Lust und seinem Ziel abbringen lässt. Die tatsächlichen Wendepunkte des Filmes werden von außen bestimmt. Er selbst verändert sich von Beginn bis zum Ende nicht.
Ein Kubrick’scher Fehler?
Als Humbert mit Lolita Beardsly verlässt, wird er mehrere Tage lang von einem Wagen verfolgt. Das Auto ist mehrfach schemenhaft zu erkennen. Als es schließlich wendet, ist deutlich zu sehen, dass es sich um eine schwarze Limousine mit weißem Dach handelt.
Kurz vorher, während des Stopps an einer Tankstelle, beobachtet er durch das Toilettenfenster, wie sich Lolita mit dem Fahrer eines Wagens unterhält. Er spricht sie darauf an und erklärt ihr, dass dieser Wagen sie schon seit mehreren Tagen verfolge. Allerdings handelt es sich
bei diesem Wagen um eine weiße Limousine und nicht um eine schwarze mit weißem Dach!
Es ist kaum vorstellbar dass Stanley Kubrick in diesem wichtigen Detail ein Fehler unterlaufen ist, also lässt sich vermuten, dass hier eine Absicht vorliegt und der Fehler eine inhaltliche Bedeutung hat. Welche Bedeutung das sein könnte, ist schwer zu sagen. Es könnte sein, dass sich Humbert getäuscht hat und gar nicht verfolgt wird. Allerdings wird ihm später von Lolita bestätigt, dass es Quilty war, der sie verfolgt hat. Und außerdem hält bei der Reifenpanne das schwarze Auto tatsächlich auf eine ungewöhnliche Weise an. Also ist diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich.
Eine zweite Möglichkeit wäre, dass Humberts angegriffene psychische und körperliche Verfassung demonstriert werden soll. Doch auch dieses halte ich für unwahrscheinlich und durch keine weiteren inhaltlichen Details untermauert.
Leider kann ich keine nachvollziehbare Erklärung liefern, und ich fürchte, dieses wird eines der ewig ungelösten Rätsel der Menschheit bleiben.
Humbert, umschwärmter Mann
Schon als Humbert im Haus der Charlotte Haze ankommt, um sein Zimmer zu besichtigen, setzt diese alles daran, ihn zu beeindrucken. Sie gibt sich gebildet und kultiviert und umgarnt ihn ausdauernd. Humbert geht darauf nicht ein, weicht sogar vor ihr zurück, als sie ihm zu nahe kommt.
Charlotte setzt ihr Werben in den nächsten Wochen intensiv fort. Im Autokino ergreift sie seine Hand, die er jedoch gleich zurückzieht. Sie sucht immer wieder seine Nähe und lässt sich auch nicht zurückweisen. Nach dem Ball verbringt sie mit ihm einen gemeinsamen Abend ohne Lolita, zu dem sie sich extra ein gewagtes, „bequemes“ Kleid anzieht. Sie will mit ihm tanzen und nähert sich sehr offensiv. Stets reagiert er abweisend, ohne dass Charlotte dies als Ablehnung erkennt.
Auch das Ehepaar Farlow macht ihm eindeutige Angebote. Zunächst nähert sich ihm der offenbar bisexuelle John, später auch seine Frau Jean, die beide als sehr aufgeschlossen bezeichnet. Humbert geht auf beide Annäherungsversuche nicht ein und bleibt sehr distanziert. Kurz darauf flieht er sogar vor allen dreien, indem er vorgibt, etwas zum Trinken zu besorgen, sich jedoch tatsächlich zurückzieht, um Lolita in Ruhe beobachten zu können.
Einige Monate später wird er erneut von zwei Frauen am selben Abend umworben. Während der Theaterpremiere spricht ihn Lolitas Klavierlehrerin an und lädt ihn ein, sie zu besuchen. Dabei kommt sie dicht an ihn heran und berührt ihn. Sie lässt erkennen, dass der Mann sie interessiert.
Ähnlich geschieht es kurze Zeit später mit der Nachbarin Miss Le Bone, die vom Streit zwischen Humbert und Lolita angelockt worden ist und ihm mitteilt, dass man den Lärm bis in die Nachbarschaft hören könne. Auch sie zeigt sich sehr angetan von ihm, streicht sich auffällig durchs Haar und lädt ihn zu sich nach Hause ein, was er ablehnt. Humbert hätte jede Menge Gelegenheiten, eine gesellschaftlich akzeptierte und vor allem weniger problematische Beziehung einzugehen. Er gilt als attraktiv und gebildet, ist sehr angesehen und kann rasch die Sympathien anderer Leute auf sich ziehen. Seine Neigung dem jungen Mädchen gegenüber ist also keinesfalls auf eine mögliche gesellschaftliche Außenseiterrolle zurückzuführen. Im Gegenteil: Sein Ansehen hilft ihm, die Beziehung geheim zu halten und so Ärger und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Und selbst wenn einigen Menschen wie der Klavierlehrerin oder der Nachbarin das eigenartige Verhältnis zwischen Lolita und Humbert auffällt, sehen sie keinen Anlass, dagegen vorzugehen.
Keiner hat’s gemerkt? Das Wegschauen...
Wie kann es geschehen, dass eine Missbauchs-Beziehung zwischen einem jungen Mädchen und ihrem Stiefvater über ein Jahr lang unbehelligt bleibt? Hat der Täter die Tat so geschickt geheim gehalten?
Oder haben hier nicht vielmehr die Personen, die es bemerkt haben, einfach weggesehen, statt sich einzumischen? Hätte nicht gerade in einem Land mit einer solch rigiden Moral wie die Vereinigten Staaten zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein Aufschrei des Entsetzens ertönen müssen? Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Wie bereits beschrieben, kommen Humbert sein gesellschaftliches Ansehen und seine persönliche Ausstrahlung zugute. Viele Menschen lassen sich von der Fassade täuschen und vermuten von einem solchen Menschen nicht ein solches Verhalten. Hierzu würde ich das Ehepaar Farlow zählen. Beide sind sehr angetan von Humbert, halten viel von ihm. Als Humbert vorschlägt, bei der Party der Jugendlichen zu helfen, um auf diesem Weg näher bei Lolita zu sein, halten sie ihn davon ab. Jedoch nicht, um ihn von Lolita fernzuhalten, sondern um den Jugendlichen einen ungestörten Abend zu ermöglichen. Später dann, als Charlotte getötet wurde, fahren sie zu Humbert, um ihn zu trösten. Sie entdecken den Revolver und befürchten fälschlicherweise, dass Humbert aus Trauer und Verzweiflung einen Selbstmord plant. Deshalb erklären sie ihm, dass Charlotte ohnehin krank gewesen sei und dass er selbst jetzt die Verantwortung für Lolita habe und wahrnehmen müsse. Dass sie sich unter Verantwortung etwas anderes vorstellen, als Humbert es tut, können sie nicht wissen. Mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Sorge um die Mitmenschen stellen John und Jean Farlow den Gegenpol zum Egoismus des Humbert Humbert dar. In ihrem Glauben an das Gute im Menschen, mag man das nun für naiv halten oder nicht, kommen sie nicht auf die Idee, dass sich hinter der geordneten Fassade ein anderer Mensch verbirgt.
Anders ist die Situation bei Miss Le Bone, der Nachbarin, und auch bei der Klavierlehrerin Mrs. Starch. Beide bemerken zwar durchaus das ungewöhnliche Verhalten des Stiefvaters, die Nachbarin spricht sogar aus, dass schon über das Verhältnis getuschelt werde. Aber dennoch schauen beide nicht genauer hin und lassen ihn gewähren. Mehr noch, sie umwerben ihn und sprechen ihn auf diese Weise von jedweder Schuld frei.
Schwierig ist die Rolle der Mutter. Charlotte Haze fühlt sich stark
zu Humbert hingezogen und möchte ihn für sich gewinnen. Sie hat vor sieben Jahren ihren Mann verloren und fühlt sich seitdem sehr einsam. Deshalb umgarnt sie nicht nur Humbert, sondern auch Clare Quilty sehr offensiv. In beiden Fällen spürt sie durchaus, dass ihr in Lolita eine Konkurrenz erwächst. Als Quilty von Lolita schwärmt, bringt sie die Sprache auf deren Backenzähne und könnte kaum ein weniger erotisches Thema wählen. Auch bei Humbert merkt sie, dass er ihrer Tochter zugetan ist. Im Autokino ertastet sie Lolitas Hand, woraufhin Humbert seine beiden Hände erschrocken zurückzieht und Charlotte beide mit einem seltsamen Blick bedenkt. Später im Garten, als sie das Foto von Humbert macht, kann ihr nicht entgehen, dass er Lolita intensiv anstarrt. Sie geht jedoch nicht darauf ein, sondern meint, er sei gerade so „versunken“ gewesen.
Zum offenen Ausbruch des Konfliktes kommt es nach dem Ball, als Charlotte den Abend mit Humbert verbracht hat und plötzlich Lolita in der Tür steht. Humbert hat nun nur noch Augen für sie, und sie genießt offensichtlich die Situation. Doch statt die Schuld bei ihm zu suchen, macht Charlotte ihrer Tochter Vorwürfe.
Am nächsten Tag verkündet sie dem überraschten Humbert ihren Entschluss, dass Lolita die Sommerferien im Camp verbringen soll. Auf diese Weise will sie verhindern, dass ihre Tochter ihr erneut in die Quere kommt. Da er nur Gast im Haus ist, hat er keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen.
Anders sieht die Situation einige Wochen später aus, als Charlotte und Humbert verheiratet sind. Auf ihre Entscheidung hin, Lolita in ein Internat zu schicken, um mit Humbert ungestört allein sein zu können, wird dieser sehr wütend und hält ihr vor, dass sie solche Dinge nicht alleine entscheiden dürfe.
Charlotte bemerkt zwar Lolitas Wirkung auf Humbert, doch da sie selbst ihn für sich gewinnen möchte, muss sie die Schuld hierfür bei ihrer Tochter suchen. Dies bestätigt sich, als sie schließlich die Aufzeichnungen von Humbert liest und dabei die ganze Wahrheit erfährt. Selbst hier noch macht sie Lolita die stärkeren Vorwürfe, weil sie
Humbert verführt habe. Die Wut gegen Humbert hingegen beruht eher auf den Beleidigungen, die er über sie selbst geschrieben hat. Sie ist also weniger schockiert über die sich anbahnende Beziehung der beiden als vielmehr darüber, dass ihr ihre Tochter den Liebhaber genommen zu haben scheint. Schließlich macht sie sich Selbstvorwürfe, weil sie ihren verstorbenen Mann betrogen habe.
Der einzige, der den wahren Charakter von Humberts Verhalten ausspricht, ist Clare Quilty. Dessen besondere Rolle im Film habe ich bereits dargestellt.
Es zeigt sich, dass Humbert letztendlich nicht an den starren moralischen Vorstellungen seiner Zeit scheitert, sondern an seinem eigenen egoistischen und schädlichen Verhalten. Er ist gefangen in seinem Begehren, sie zu besitzen ist jedoch nicht in der Lage, auf die Bedürfnisse und Ansprüche des Mädchens einzugehen,. Lolita entwickelt zunehmend die Stärke, sich von ihm zu lösen. Glücklich wird sie anschließend allerdings nicht. Das ist anscheinend der Preis, den sie zu zahlen hat. Insofern stellt der Film tatsächlich nicht nur die Tragödie des gescheiterten Mannes dar, sondern zugleich auch die Tragödie des missbrauchten Mädchens, das auf die Hilfe ihrer Umgebung vergeblich wartet und sich von den Erlebnissen niemals wirklich befreien kann.
Der Skandal – Die Wirkung des Films
Der Aufschrei der Gesellschaft, der innerhalb des Filmes nicht statt-fand, traf später den Regisseur und seinen Film. Der Film sorgte für erheblichen Wirbel, weil bei den meisten Zuschauern und Kritikern der Eindruck entstand, Humbert würde hier als Opfer der kalten und berechnenden Lolita dargestellt werden.
In der Tat ist der Film sperrig und verstörend, doch wie ich in meiner Analyse gezeigt habe, nicht etwa deshalb, weil hier Humberts miserables Verhalten entschuldigt und weil das Opfer Lolita als Täterin dargestellt würde. Das Gegenteil ist der Fall. Humbert geht nicht an Lolita zugrunde, sondern an seinem eigenen Charakter. Er nutzt nicht nur das Mädchen für die Befriedigung seiner Lust aus und schlägt alle
Warnung aus dem Mund von Clare Quilty in den Wind, sondern er grenzt sich und Lolita auch gezielt von der Gesellschaft ab. Die Personen in der Umgebung würdigt er allesamt herab, um sich und sein Mädchen in seinen Augen reiner und strahlender dastehen zu lassen. Die Bedürfnisse und Wünsche des ihm anvertrauten heranwachsenden Kindes ignoriert er ebenso wie das Leid, das er Charlotte zufügt, welche für ihn nur ein Mittel ist, um Zugriff zu Lolita zu erlangen.
Verstörend ist der Film also insofern, als er tragisch endet und es für
keine der vier Hauptpersonen ein glückliches Ende gibt. Charlotte Haze und Clare Quilty sterben durch Humberts Verhalten, Humbert selbst stirbt im Gefängnis an einer Thrombose. Lolita überlebt zwar, ist aber weit davon entfernt, glücklich zu sein. Sie hat, wie sie schreibt und erzählt, schwere Zeiten durchgemacht und hat nun einen Mann geheiratet, den sie nicht liebt, der ihr aber anscheinend den Schutz und die Sicherheit bietet, welche ihr Humbert nicht bieten konnte oder wollte.
Daten zum Film Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch und Romanvorlage: Vladimir Nabokov Produzent: James B. Harris
Hauptdarsteller:
Humbert Humbert – [James Mason] Dolores Haze (Lolita) – [Sue Lyon] Charlotte Haze – [Shelley Winters] Clare Quilty – [Peter Sellers]
Arbeit zitieren:
Jan Petersen, 2002, Stanley Kubrick - Lolita, München, GRIN Verlag GmbH
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