2
Deshalb wurde der Vorschlag gemacht, die Ionier ins Mutterland überzusiedeln und damit das Land den Persern preiszugeben. Dazu schrieb Herodot: „In Samos angekommen, verhandelten sie darüber, ob es nicht geraten wäre, die Ionier aus ihrem Land zu versetzen und sie in einem ihnen zur Verfügung stehenden Teile Griechenlands anzusiedeln, Ionien aber den Barbaren zu überlassen. Unmöglich könnten sie ja beständig die schützende Hand über die Ionier halten [...].“ 2 .
In diesem Vorhaben waren die Inselionier, wie z.b. die Chier, Lesbier und Samier nicht einbegriffen. Die Ionier sollten in Gebieten angesiedelt werden, wo Griechen lebten, welche die Perser unterstützt hatten 3 . Unklar ist dabei, laut Smarczyk 4 , ob damit nur diejenigen Griechen gemeint waren, die den Perserboten vor dem Xerxeszug im Jahr 480 v. Chr. Erde und Wasser als Zeichen der Unterwürfigkeit gebracht hatten, oder ob auch Griechen darunter verstanden wurden, die im Verdacht standen, sich perserfreundlich verhalten zu haben.
Der Plan wurde laut Smarczyk 5 vor allem von Mitgliedern des Peloponnesischen Bundes 6 vertreten. Aber warum wollten die Peloponnesier dieses Projekt durchführen?
2.2. Die Gründe für den Planes
Smarczyk 7 sieht folgende Gründe: Die Spartaner lehnten ein langfristiges Engagement in Kleinasien ab. Dieses hätte die Mittel eines Seekrieges erforderlich gemacht, mit denen die Spartaner nicht gut vertraut waren. Ihre Stärke lag bei den Landstreitkräften. Daher konzentrierte man sich auf das Mutterland. Mit der Umsiedlung hätte man das Ionierproblem gelöst, ohne sich auf eine Verwicklung mit den Persern einlassen zu müssen. Außerdem wollte man die Ionier in den Gebieten der Perserfreunde
2 Hdt. 9,106
3 Hdt. 9,106: „ Deshalb schlugen die Beamten der Peloponnesier vor, die Griechen, welche es mit den Persern
gehalten, aus ihren Handelsplätzen zu vertreiben und ihr Land den Ioniern einzuräumen.“
4 Smarczyk, B., Untersuchungen zur Religionspolitik und politischen Propaganda Athens im Delisch-
Attischen Seebund, München 1990, Anm. 53, S. 417
5 Smarczyk, Anm. 69, S. 417
6 Gegründet 546 v. Chr. mit Sparta als Hegemon, separater Bund im 481 v. Chr. gegründeten
Hellenenbund
7 Smarczyk, S. 408
3
ansiedeln, um damit gleichzeitig eine Strafaktion gegen diese durchführen.
Bei der Gründung des Hellenbundes hatten die Bündner nämlich beschlossen, jeden wehrfähigen Griechen zu bestrafen, der die Perser unterstützt 8 .
Smarczyk vermutet auch, dass die Peloponnesier wohl die Mehrheit im Hellenenbund hatten und es für die Betroffenen kaum ein Mitspracherecht gab. Eine Ausnahme stellten eventuell die Inseln, insbes. Samos dar, das bereits zum Hellenbund gehörte, während die waren. 9 Von den übrigen Ionier keine Mitglieder
mitspracheberechtigten Eidgenossen wären anscheinend nur die Athener von Anfang an gegen die Umsiedlung gewesen, hätten aber zunächst nicht genügend Einfluss ausüben können (zur Rolle Athens später Näheres).
2.3. Die Beurteilung des Umsiedlungsplanes durch die Ionier
Man kann davon ausgehen, dass die Ionier selbst nichts von diesem Umsiedlungsplan hielten. Anders sieht das H. D. Meyer 10 , der behauptet, Ionier hätten dem Projekt zugestimmt, nachdem man ihnen das Land der Perserfreunde versprochen hatte. Er bezieht sich dabei auf Diodor, der schreibt: „ Die Aioler und Ionier, die von den Zusagen hörten, beschlossen, dem Rate der Griechen zu folgen, und rüsteten sich schon, mit ihnen zusammen nach Europa zu segeln“ 11 . Die Meinung Smarczyk´s 12 wiederspricht dem genannten, da er nicht von einer zustimmenden Haltung der Ionier ausgeht. Begründend dafür lassen sich verschiedene Argumente anführen. Zum einen hätte die Preisgabe des ionischen Festlandes für die Inseln bedeutet, dass sie künftig zur Frontlinie werden würden. Des weiteren wären für die Betroffenen erhebliche wirtschaftliche Nachteile entstanden, besonders für die Mitglieder der Oberschicht. Diesen gehörte oft ein
8 Dazu auch Herodot 7, 132: „ Ihnen gegenüber schlossen die Griechen einen Bund, die den Kampf
mit den Barbaren aufnehmen wollten, und machten dabei aus, dass alle Griechen, welche im
Stande währen, sich zu wehren, und dennoch aus freien Stücken zu den Persern übergingen, dem
Gott in Delphi den Zehnten abgeben sollten.“
9 Smarczyk, S. 416/17
10 Meyer, H. D., Die Vorgeschichte und Begründung des delisch-attischen Seebundes, in: Historia 12 (1963),
S. 417
11 Diod. 11, 37
12 Smarczyk, S. 415
4
ausgedehnter Agrarbesitz auf dem ionischen Festland, wofür sie im Mutterland kaum einen gleichwertigen Ersatz erwarten konnten.
2.4. Der Einwand und die Rolle Athens
Wie schon erwähnt war Athen von Anfang an gegen den Umsiedlungsplan 13 und hat dann auch während der Verhandlungen Einspruch gegen die Pläne der Peloponnesier erhoben. H.D. Meyer 14 sieht das anders. Er behauptet, die Athener wären davon ausgegangen, die Verhandlungen würden am Widerspruch der Betroffenen scheitern. Erst als sich abzeichnete, dass dies nicht passieren würde, hätten die Athener Einspruch erhoben. Er geht dabei auf die Frage ein, warum die Athener es für so wichtig hielten, den Umsiedlungsplan zu verhindern und begründet es damit, dass sie damit ihr politisches Konzept, welches auf Hegemonie ausgerichtet gewesen wäre, nicht hätten verwirklichen können. Das hätte bedeutet, dass Sparta sich in einem Landkrieg gegen die Perserfreunde hätte profilieren können. Meyer geht deshalb von einem Konzept der Athener aus, mit dem Ziel Sparta die Hegemonie abzunehmen 15 , was in den Quellen aber keinen Rückhalt findet. H. D. Meyer beschreibt auch, dass der Umsiedlungsplan dann fallen gelassen wurde. Dabei bliebe die Frage offen, warum die Spartaner dem nachgegeben haben.
Die Antwort auf diese Frage findet man bei Smarczyk und K.-E. Petzold 16 . Beide schreiben, Athen hätte sich auf seine Metropolisstellung gegenüber den Ioniern berufen 17 , und hätten damit Sparta zu verstehen gegeben, dass man nicht akzeptieren wollte, dass jemand anderes als sie selbst über die Zukunft der Ionier entschieden. Die Behauptung der beiden Historiker findet in den
13 Hdt. 9,106
14 Meyer, H. D., S. 417
15 Es ist zwar richtig, dass Athen, im Gegensatz zu Sparta an einer Weiterführung des Perserkriegen mit Hilfe der
Flotte interessiert war, das bedeutet aber nicht, dass man deshalb den Spartanern die Hegemonie abnehmen
wollte
16 Petzold, K.-E., Die Gründung des Delisch-Attischen Seebundes. Element einer imperialistischen
Politik Athens I., in Historia 42 (1993), S. 418-443
17 Auf den Rückhalt dieser Argumentation möchte ich im Rahmen der Hausarbeit nicht eingehen, da es den
Rahmen der Arbeit sprengen würde. Smarczyk hat diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet (S. 328-378),
aus dem hervorgeht, dass die Behauptung, Athen wäre Metropolis der Ionier in die Zeit der Wanderungen (ca.
1000 v. Chr.) zurückginge. Auch Petzold (S. 429/30) gibt an, es handle sich dabei um eine Sage aus mythischer
Zeit. Er behauptet, dass diese Sage in der behandeltet Zeit noch lebendig gewesen sei und auch als wahr
empfunden wurde, was sehr wahrscheinlich ist. Auch bei Thukydides findet sich ein Hinweis auf die
Metropolisstellung der Athener gegenüber den Ionier. Thuk. 1, 12: „[...] Ionien, wie auch die meisten Inseln
wurden von Athen aus [...] besiedelt.“
5
Quellen Rückhalt, zum Beispiel heißt es bei Diodor 18 : „Die Athener jedoch [...] rieten ihnen, an Ort und Stelle zu bleiben, wobei sie betonten, dass, selbst wenn keiner von den sonstigen Griechen ihnen Hilfe leisten wolle, die Athener unabhängig von diesen als ihre Blutsverwandten sie unterstützen würden.“
Die Athener versprachen allein die Verantwortung für den Schutz der Ionier zu übernehmen. Auch Herodot 19 führt das Argument der Metropolisstellung 20 an: „Die Athener aber waren keineswegs geneigt, Ionien aufzugeben und die Peloponnesier über ihre dortigen Pflanzstädte mitreden zu lassen [...].“ Aber warum legten die Athener darauf so großen Wert? Smarczyk 21 versuchte dafür eine Erklärung zu finden. Eine Mutterstadt konnte Abgaben von ihren Kolonien fordern. Der Umsiedlungsplan hätte den Verlust der Metropolisstellung bedeutet. Außerdem hätte die Konferenz von Samos auch den künftigen außenpolitischen Rahmen Athens bestimmt. Laut Smarczyk betrachteten die Athener ihre Mutterstadtrolle als wesentliche Grundlage für ihren außenpolitischen Handlungsspielraum, so dass sie gegen die Umsiedlung der Ionier stimmen mussten. Er benennt dabei aber nicht, welche Ziele Athen dabei genau verfolgte, und sieht dabei auch nicht, wie H. D. Meyer, ein Konzept der Athener, welches auf Hegemonie ausgerichtet war.
Obwohl der Umsiedlungsplan fallen gelassen wurde, bleibt noch die Frage zu klären, warum Sparta den Athenern nachgegeben hatte. Auch hier findet man die Antwort bei Petzold 22 und Smarczyk 23 , die meinen, die Peloponnesier seien froh gewesen, dass Athen ihnen das Ionierproblem abgenommen hat und damit war ein wesentlicher Grund für die Umsiedlung hinfällig geworden. Laut Smarczyk hätten die Spartaner erst nach der Samoskonferenz erkannt, welche Aufwertung es für die Stellung Athens bedeutete und das damit auch ihre Gesamthegemonie gefährdet war. Außerdem hätten die Spartaner dadurch die Metropolisstellung der Athener anerkannt, wodurch der Metropolis Athen das alleinige Entscheidungsrecht über
18 Diod. 11,37
19 Hdt. 9,106
20 Mutterstadtstellung
21 Smarczyk, S.424
22 Petzold, s. 432
23 Smarczyk, S. 422
6
die jeweilige Kolonie eingeräumt bekam. Keine andere Polis durfte über dieses Recht hinweggehen.
2.5. Ergebnis und Bedeutung der Konferenz von Samos
Als man das Umsiedlungsprojekt fallen gelassen hatte, wurden die Inselionier, wie die Chier und Lesbier, in den Hellenbund aufgenommen. Damit verbunden war die Zusicherung, die Ionier künftig vor Übergriffe durch den persischen Großkönig zu schützen. Für Athen stellte dies ein Teilerfolg dar, es wurden nur die Inselnicht aber die Festlandsionier - in den Hellenbund aufgenommen. So konnten sie den Seekrieg gegen Persien weiterführen. Sie nahmen damit den Spartanern die politische Initiative ab. Für die Athener bedeutete dies außerdem, dass sie nun Verbündete innerhalb des Hellenenbundes auf ihrer Seite hatten 24 , denn durch den Umsiedlungsplan zogen die Peloponnesier die Missgunst der Ionier auf sich und trieben sie geradewegs in die Arme der Athener. Kann man aus den Ereignissen der Samoskonferenz auf ein auf die Erreichung der Hegemonie ausgerichtetes Konzept der Athener schließen? Smarczyk und Petzold verneinen dies. Sie sehen dabei auch kein antidorisches 25 Verhalten der Athener, im Gegensatz zu Meyer, der in dem Auftreten Athens auf der Samoskonferenz eine antispartanische Agitation sieht.
3. Die Belagerung von Sestos
3.1. Der Rückzug der Peloponnesier
Nach der Konferenz von Samos (Herbst 479) fuhren die Angehörigen des Hellenbundes mit ihren neuen Mitgliedern zum Hellespont, um dort die Brücken zwischen Asien und Europa zu zerstören und damit dem persischen Großkönig einen erneuten Einfall in Griechenland zu erschweren. Als man bemerkte, dass die Brücken bereits nicht mehr
24 Das war bisher anders. Athen hatte für seine Pläne bisher keinen Rückhalt im Hellenbund finden können. Das
zeigt sich an den Vorgängen bei der Gründung des Seebundes im Jahre 481. Athen hatte das Flottenkommando
übernehmen wollen, was aus rein taktischen Gründen sinnvoll war (Athen war führende Flottenmacht in
Griechenland). Dabei waren sie auf den heftigen Widerstand der anderen Bündner gestoßen, welche die
Gesamthegemonie Spartas gefährdet sahen. Dazu Meyer, H. D., S. 405-409
25 gegen Sparta gerichtetes
7
existierten, sahen die Spartaner keine Notwendigkeit mehr noch länger in Kleinasien zu bleiben. Sie fuhren mit den Peloponnesiern unter der Führung des Spartanerkönigs Leothychidas in die Heimat zurück 26 . Petzold 27 schließt daraus, dass den Peloponnesiern die Weiterführung des Krieges in Kleinasien nichts bedeutete. Athen blieb mit den Ioniern zurück und man beschloss die Festung Sestos zu belagern 28 , da diese von Persern besetzt war und man von dort aus bei Winteranfang eine Strafaktion es persischen Großkönigs erwartete.
3.2. Die Belagerung von Sestos und dessen Einnahme
Der Athener Xanthippos hatte bei dieser Unternehmung das Oberkommando 29 . Zunächst blieb aber die Belagerung erfolglos. Deshalb drängten die Athener auf eine Rückkehr in die Heimat, was von Xanthippos abgelehnt wurde. Herodot 30 schrieb dazu: „Sie baten also ihre Führer, mit ihnen nach Hause zu fahren; die aber erklärten das könnten sie nicht, bis sie entweder die Stadt genommen hätten oder von der athenischen Regierung abberufen würde; so sicher waren sie ihrer Sache.“ Petzold 31 wertet das so, dass den Athenern eine Belagerung äußerst wichtig war. Man wollte damit gegenüber den Ioniern die Glaubwürdigkeit des Versprechens der Samoskonferenz unter Beweis stellen. Dazu kam der persönliche Ehrgeiz des Xanthippos, der seine Stellung nach dem Ostrakismos sichern wollte 32 .
Die Ausdauer der Athener machte sich bezahlt - die Festung konnte eingenommen werden. Herodot 33 hat diesen Vorgang geschildert. Er schrieb, dass durch die Belagerung Hungersnot in Sestos herrschte, was die persischen Stadtherren Artayktes und Oibazos zur nächtlichen Flucht veranlasste. Am nächsten Tag seien die Athener und ihre Verbündeten von den Bewohnern in die Stadt gelassen
26 Hdt. 9,114: „Nun beschlossen die Peloponnesier unter Leothychidas, wieder nach Hause zu fahren, die
Athener unter Xanthippos dagegen, dazubleiben [...].“
27 Petzold, S. 433
28 Smarczyk (S. 428) behauptet, die Spartaner hätten sich durch den Alleingang der Athener nicht bedroht
gefühlt, sondern vielmehr angenommen, sie würden sich nicht bewehren können.
30 Hdt. 9, 117
31 Petzold, S.435
32 Xanthippos ist 484 v. Chr. ostrakiert worden und wurde 479 v. Chr. zur Abwehr der Persergefahr nach Athen
zurück berufen.
33 Hdt. 9,118
8
worden. Danach wäre ein Teil der Belagerer in der Stadt geblieben, der Rest hätte die Flüchtigen verfolgt. Darauf fuhren die Athener nach Hause zurück.
3.3. Bedeutung
Die Belagerung von Sestos konnten die Athener als vollen Erfolg verbuchen. Man hatte damit die wichtige Getreidestraße zwischen der Ägäis und dem Schwarzen Meer gesichert. Auch rückten die Ionier näher an Athen heran, weil man von ihnen, im Gegensatz zu Sparta, Schutz vor neuen Übergriffen der Perser erwarten konnte. H. D. Meyer und K.-E. Petzold sahen hier schon eine Konstellation von Bündnern, wie sie später bei der Gründung des delisch-attischen Seebundes vorhanden war. An dieser Stelle stellt sich wieder die Frage, welchen Schluss man aus den Ereignissen für ein eventuell existierendes Konzept der Athener schließen kann.
M. Steinbrecher 34 und H. D. Meyer schließen daraus auf ein langfristig ausgerichtetes Konzept und eine auf Hegemonie ausgerichtete Flottenpolitik der Athener. Anders sieht das K.-E. Petzold 35 , der meint, hätten die Athener wirklich auf eine Hegemonialstellung gehofft und hätten sie diese den Spartanern abnehmen wollen, so wäre hier der Zeitpunkt gewesen ein separates Bündnis mit den Ioniern einzugehen. Die Gelegenheit wurde aus der Sicht Petzolds nicht genutzt und zwar deshalb, weil die Vorraussetzungen nicht vorhanden waren. Athen hätte das Oberkommando der Spartaner nie in Frage gestellt. Sie hätten aber gegenüber Gelon geäußert, dass ihnen die Hegemonie zustünde, wenn die Spartaner kein Interesse mehr daran zeigten. Es hatte sich zwar eine Entwicklung in diese Richtung abgezeichnet, da die Peloponnesier durch ihre Heimfahrt Desinteresse an der Weiterführung des Perserkrieges gezeigt hatten. Athen konnte aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht davon ausgehen, dass den Peloponnesiern auch die Führung des Hellenenbundes nicht mehr
34 Steinbrecher, M., Der delisch-attische Seebund und die athenisch-spartanischen Beziehungen in der
kimonischen Ära, Steiner, Stuttgart 1985
35 Petzold, S. 435
9
wichtig war und tasteten deshalb den Führungsanspruch der Spartaner nicht an.
4. Hegemoniewechsel und Gründung des delisch-attischen Seebundes
Die Situation änderte sich im Jahr 478 v. Chr.. Im Jahr 478/77 v. Chr. gründete sich unter dem Oberkommando der Athener der delischattische Seebund. Zu diesem gehörten die Ionier und Hellespontier, also die Griechen, welche bereits bei der Belagerung von Sestos unter attischem Oberkommando gekämpft hatten. Dieser Bund verfolgte das Ziel den Krieg gegen die Perser fortzusetzen, während sich die Spartaner und die anderen Mitglieder des Peloponnesischen Bundes endgültig aus dem Krieg zurückzogen. Es ist im Jahr 478 v. Chr. offensichtlich zu einer Spaltung innerhalb des Hellenbundes gekommen. Nun stellen sich zwei Fragen. Zum einen muss geklärt werden, was der Anlass für die Spaltung in der Hellenensymmachie war, zum anderen, welche Rolle Athen dabei gespielt hatte.
4.1. Der Anlass für den Hegemoniewechsel
Im Jahr 478 v. Chr. führte der spartanische Regent Pausanias eine Unternehmung des Hellenenbundes gegen das von Persern besetzte Zypern und gegen Byzanz. In den Quellen wird beschrieben, dass die Bündner sich über das Verhalten des Pausanias erzürnt hätten, insbesondere die Ionier und Hellespontier. Thukydides 36 schrieb dazu: „Schon während der Führung aber verdroß die Hellenen sein gewaltsames Wesen, vor allem die Ionier und die jüngst vom Großkönig Befreiten.“ Petzold 37 sieht in den „jüngst vom Großkönig Befreiten“ die Hellespontier.
Man beschloss deshalb, sich in Sparta über Pausanias zu beschweren. Dieser wurde auch dorthin abberufen, um sich zu verantworten. Sparta setzte einen neuen Oberkommandeur ein, Dorkis, und schickte diesen mit einem kleinen Aufgebot zu den Verbündeten. In der Zwischenzeit aber war der Hegemoniewechsel erfolgt. Diejenigen, welche sich unter attisches Oberkommando
36 Thuk. I, 95
37 Petzold, S. 437
10
gestellt hatten, die Ionier und Hellespontier, begegneten dem Dorkis mit Ablehnung. Daraufhin kehrte dieser nach Sparta zurück und es wurde auch kein neues Kontingent von Sparta entsandt.
4.2. Die Rolle Athens beim Hegemoniewechsel
Welchen Einfluss hatte Athen beim Hegemoniewechsel? Dies wird in den Quellen unterschiedlich bewertet. Bei Herodot 38 erfährt man über den Vorgang des Hegemoniewechsels nichts Näheres, er schreibt, dass die Athener den Spartanern das Oberkommando „entrissen“ hätten. Er ist also der Meinung, dieser Vorgang wäre allein auf eine aggressive Politik Athens zurückzuführen.
Plutarch 39 führt den Wechsel des Oberkommandos auch auf die Politik der Athener zurück. Bei ihm heißt es, dass die Athener den Spartanern das Oberkommando entzogen hätten, indem sie freundlich mit den Verbündeten umgegangen seien. Durch diese Politik hätten die Athener erreicht, dass sich die Ionier und Hellespontier von den Spartanern abwandten und ihnen das Oberkommando anboten. Bevor die Athener aber dieses Angebot annahmen hätten sie einen Beweis für die Treue der Bündner verlangt. Diese hätten sich dann gegen Pausanias gewandt und wären damit endgültig von Sparta abgefallen. Anders schildert Thukydides die Ereignisse, denn er ist der Meinung, die Ionier und Hellespontier hätten ohne das Zutun Athens diesen das Oberkommando angeboten.
5. Schlussbetrachtung
Petzold 40 schließt aus der Tatsache, dass die Spartaner mit Dorkis nur ein kleines Aufgebot geschickt hatten, dass diese nur noch halbherzig die Weiterführung der Perserkriege anstrebte und das Interessen ganz verloren, als man ihren Feldherren Dorkis ablehnte. Schließlich wäre es das letzte Kontingent gewesen, dass die Spartaner geschickt hätten. Demnach wäre für Athen in diesem
38 Hdt. 8, 3
39 Plut. Arist., 23
40 Petzold, S. 438
11
Moment die Bedingung vorhanden gewesen, das Oberkommando zu übernehmen (siehe Kapitel 3.3.).
Aber ist der Hegemoniewechsel und die damit verbundene Gründung des delisch-attischen Seebundes auf ein Konzept zurückzuführen, welches auf dieses Ergebnis abzielte? Davon ist nicht auszugehen. Der Hegemoniewechsel ist darauf zurückzuführen, dass Sparta sich seit der Konferenz von Samos immer mehr aus dem Krieg zurückzog und schließlich kein Interesse mehr daran zeigte. Es kam schließlich zur Gründung des delisch-attischen Seebundes und das ist verständlich, denn hier fanden sich die Griechen zusammen, welche den Perserkrieg weiterführen wollten. Das Athen das Oberkommando übernahm, überrascht nicht, denn Athen besaß die beste Flotte Griechenlands und nur mit dieser hatte die neue Allianz die Chance, sich gegen den persischen Großkönig zu behaupten. Sicherlich hat Athen danach gestrebt sich eine Stellung in Griechenland zu verschaffen, die der Spartas ebenbürtig war. Auch kann man davon ausgehen, dass Athen die Entwicklungstendenzen für sich genutzt hat. Jedoch ist hinter den Ereignissen der Samoskonferenz bis zum Hegemoniewechsel kein Konzept der Athener erkennbar, welches darauf abzielte, den Spartanern die Hegemonie über die Hellenen abzunehmen.
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Antje Balzer, 2002, Athen und die Gründung des delisch-attischen Seebundes, München, GRIN Verlag GmbH
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