Inhaltsverzeichnis
1 Zielsetzung 2
2 Hintergrund der beiden Dramen 3
2.1 Friedrich Schiller: Die Räuber 3
2.2 Franz Grillparzer: Die Ahnfrau 3
3 Karl Moor 3
3.1 Hintergrund der Figur Karl Moor. 3
3.2 Die Moral der Figur Karl Moor 5
3.2.1 Karl Moor der Gesellschaftskritiker 5
3.2.2 Karl Moor als Räuber mit positiver Moral 7
3.2.3 Karl Moor als Räuber mit negativer Moral 7
3.3 Karl Moors Verhältnis zum Wort. 8
4 Jaromir von Borotin 10
4.1 Hintergrund der Figur Jaromir von Borotin. 10
4.2 Die Moral der Figur Jaromir 11
4.2.1 Jaromir als sensibler Charakter. 12
4.2.2 Jaromir als opportunistischer Charakter 14
4.2.3 Jaromirs Verhältnis zur Schuld. 14
4.3 Jaromirs Verhältnis zum Wort. 17
5 Zusammenfassender Vergleich 18
6 Literaturverzeichnis. 20
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1 Zielsetzung
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die beiden Charaktere Karl Moor aus Schillers “Die Räuber” und Jaromir v. Borotin aus Grillparzers “Die Ahnfrau” in Bezug auf ihr Moralverständnis und ihr Verhältnis zum gegebenen Wort zu vergleichen.
Dazu untersuche ich die Hintergründe der beiden Figuren und leite daraus die Umstände ab, unter denen sie zum Räuberwesen gelangt sind. Ausgehend von diesen unterschiedlichen Wegen zum Räubertum untersuche ich die Art und Weise wie die beiden Figuren das Räuberhandwerk ausüben und welches Moralverständnis sich darin widerspiegelt.
Um zu ermitteln welches Verhältnis die beiden Figuren zu dem von ihnen gegebenen Wort haben, untersuche ich die Stellen an denen explizit Versprechen gegeben werden und leite anhand der Tatsache, ob das Wort gebrochen oder gehalten wurde, das Verhältnis der Figuren zum Wort ab. Die Umstände, unter denen das Wort gegeben wurde, und die Umstände, die ein Halten oder Brechen beeinflussen, werde ich dabei berücksichtigen.
Aus dem individuellen Moralverständnis und Verhältnis zum Wort ergibt sich der individuelle Umgang der beiden Figuren mit ihrer Schuld. Der Umgang mit Schuld ist jedoch nicht das Kernthema dieser Arbeit. Daher beziehe ich den Komplex der Schuldbewältigung nur dann mit ein, wenn er in direktem Verhältnis zur Moral der Figur steht bzw. die Art und Weise wie Schuld bewältigt wird, eine direkte Folge der Moralauffassung ist.
Eine Zusammenfassung meiner Ergebnisse findet sich in Kapitel 5, Zusammenfassender Vergleich, S. 17.
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2 Hintergrund der beiden Dramen
2.1 Friedrich Schiller: Die Räuber
Das Erstlingswerk Schillers “Die Räuber” wurde am 13. Januar 1782 in Mannheim am Nationaltheater uraufgeführt. Dieser Aufführung ging ein anonym erschienener Druck voraus, der 1781 erstmals veröffentlicht wurde (vgl. Friedrich Schiller Werke und Briefe in zwölf Bänden, Bd. 2. S. 883ff).
Die Aufführung dieses Stückes wurde für den bis dahin noch unbekannten Dichter zum großen Erfolg. Es war gleichsam der Grundstein für Schillers Aufstieg zu einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Klassik (vgl. Lorenz, Frieder. S. 79f).
2.2 Franz Grillparzer: Die Ahnfrau
Die Anregung zur Ausführung des Konzepts zur “Ahnfrau” erhielt Grillparzer von seinem damaligen Gönner Joseph Schreyvogel, dem “heimlichen Direktor des Burgtheaters” (s. Lorenz, Frieder. S. 81). Dieser gab ihm den für sein erstes Drama entscheidenden Hinweis, das Schicksalhafte dieser Tragödie stärker herauszuformen und die Gestalt der Ahnfrau stärker in die Familie zu integrieren.
Die Uraufführung der “Ahnfrau” fand am 31. Januar 1817 im Theater an der Wien statt. Diese erfolgreiche Aufführung war der Beginn einer heftigen Kontroverse um die Gattung des Schicksalsdramas (vgl. Franz Grillparzer Werke in sechs Bänden. Bd. 2. S. 703ff).
3 Karl Moor
Karl Moor ist der Sohn des Maximilian Moor, dem regierenden Grafen von Moor. Er hat einen Bruder, Franz, der ihm schaden will und ihn beim Vater verleumdet.
Den Grundstein dafür, daß der Vater Gehör für Franzens Verleumdung findet, hat Karl selbst gelegt. Aus dem verständigen Jungen, der sich in
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die gesellschaftlichen Normen fügen wollte, wurde ein erklärter Gegner der Traditionen und Erwartungen seines Vaterhauses 1 . “Spiegelberg. [zu Karl Moor] Geh, geh! Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch, wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast aufgezogen und gesagt: Er Soll nur drauflos schaben und scharren, du wolltest dir dafür die Gurgel absaufen. - Weißt du noch? he? [...]” (s. I., 2., V. 25 - 29, S. 22)
Während sich Karl Moor dem freien, ausschweifenden Leben hingibt, das er als Opposition zur Verlogenheit der Gesellschaft versteht (vgl. I., 2., S. 20; III., 2., S. 80), bereitet Franz alles vor, um Karl dauerhaft der Vergebung seines Vaters zu entziehen. Die Motivation, seinen Bruder derart hinterlistig von der Familie zu verstoßen, liegt in Rachegefühlen begründet. Der zweitgeborene Franz ist nach seiner Ansicht in seinem sozialen Rang und seinem Äußeren gegenüber Karl zurückgesetzt. “Franz. [...]
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre! ich will sie geltend machen. - Warum bin ich nicht der erste aus dem Mutterleib gekrochen? Warum nich der einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? Gerade mir? [...]” (s. I., 1., V. 29 - 34, S. 16)
Dieses Gefühl scheint teils subjektiv, teils objektiv zu sein. Auch Karl nennt Franz “eine unglückliche Physiognomie” (s. IV., 2., V. 31, S. 91).
Als sich Karl dazu entschließt, der Stimme seines Herzens zu folgen, und den Vater um Verzeihung und um Wiederaufnahme in das soziale Gefüge der Familie bittet, hat Franz seine Stellung bereits so weit untergraben, daß er dem Vater leicht einreden kann, Karl nicht zu verzeihen. Karl gibt sich also in der Runde seiner Freunde einer falschen Hoffnung hin, sein Vergebungsgesuch sei bereits positiv beantwortet auf dem Rückweg zu ihm. “Moor.
[...] Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab ihm nich den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. [...] Die Post ist angelangt.
1 Die Textstellen in diesem Kapitel sind nach folgender Quelle zitiert: Friedrich Schiller: Die Räuber. Stuttgart 1999 (RUB 15)
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Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauern.” (s. I., 2., V. 35 - 42, S. 24)
In der Verzweiflung über den versperrten Weg zurück zur Familie, beschließt Karl Moor, dem Vorschlag seiner Freunde zu folgen, und einer Räuberbande vorzustehen. “Moor.
[...] Mörder, Räuber! - mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt - Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellierte, - Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas teuer war![...]” (s. I., 2., V. 4 - 10, S. 33)
Karl Moor gelangt also aus freiem Entschluss zur Räuberbande. Mit diesem Schritt möchte er das an ihm verübte Unrecht rächen. “Moor.
[...] Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung-Rache ist mein Gewerbe.” (s. II., 3., V. 15 - 16, S. 73)
“Räuber Moor.
[...] - Dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfs nicht des Menschen Hand. [...]” (s. V., 2., V. 1, S. 139)
Diese Einstellung, empfundenes Unrecht an Menschen zu rächen, die nicht daran schuld sind, entspricht der Einstellung seines Bruders Franz. Karls Maßnahme erlittenes Unrecht zu rächen, fällt also ebenso unglücklich aus wie im Falle von Franz.
Als Kind konnte sich Karl Moor mit den Gesetzen der Gesellschaft, die ihn umgab, identifizieren und strebte an, zu einem angesehenen Mitglied dieser Gesellschaft aufzusteigen. “Moor. Da ich noch ein Bube war - wars mein Lieblingsgedanke, wie sie zu leben, zu sterben wie sie. - (Mit verbißnem Schmerz) Es war ein Bubgengedanke!” (s. III.,2., V. 5 - 7, S. 81)
Irgendwann begann Karl Moor, diese Art des Lebens zu hinterfragen und zog für sich den Schluss, daß diese Lebensform für ihn doch nicht die richtige ist.
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“Moor. [...] ich habe die
Menschen gesehen, ihre Bienensorgen, und ihre Riesenprojekte - ihre Götterpläne und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; [...] [...] Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.” (s. III.,2., V. 27 - 37, S. 80)
Nach einer gewissen Zeit des Widerstandes möchte Karl zu seiner Familie zurückkehren und sich in die Gesellschaft integrieren. Dieser Rückweg wird ihm jedoch, wie oben geschildert, von Franz versperrt.
Problematisch für Karl ist, daß er sein Umfeld bewusst verlassen und somit die ablehnende Haltung ihm gegenüber provoziert hat. Somit ist er an dem Unrecht, das an ihm verübt wird, nicht völlig unschuldig. Karl erkennt diesen Umstand durchaus an. “Räuber Moor. [...] Ich habe
nicht gewollt, da er mich suchte, izt, da ich ihn suche, will er nicht, was ist billiger? [...]” (s. V., 2., V. 1ff, S. 137)
Die Konsequenz, die Karl zieht, lässt sich nicht mit dem Moralverständnis der Gesellschaft verbinden, die Karl ablehnt. Der Beitritt zu einer Räuberbande ist somit die gesteigerte Form seines Widerstandes gegen die Gesellschaft.
Innerhalb dieser Räubergesellschaft, die an sich ein amoralisches System darstellt, versucht Karl Moor bürgerliche Wertmaßstäbe zu etablieren. Dieser Versuch wirkt unglaubwürdig. Die Schuld, die sein Bruder Franz auf sich geladen hat, versucht Karl zu vergelten, indem er sich seinerseits Schuld auflädt. Dieses Konstrukt hat etwas Anstößiges.
Im folgenden lege ich dar, welche Moralansprüche Karl Moor an seine Räuberbande stellt.
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3.2.2 Karl Moor als Räuber mit positiver Moral
In seiner Funktion als Räuberhauptmann ist es Karl Moors Anspruch, Personen auszurauben, die ihre Stellung im Staat oder in der Gesellschaft dazu missbrauchen, sich einen ungebührlichen Vorteil zu verschaffen. “Razmann. [...] Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir - [...] Aber soll er dir einen Landjunker schröpfen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einem Schurken mit goldenen Borten unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen vom dem Gelichter - Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haust teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wär.” (s. II., 3., V. 10 - 21, S. 60)
Dieser vergleichsweise edle Ansatz seiner Raubzüge wird dadurch verstärkt, daß er versucht, das Verwerfliche eines Überfalls, zum Beispiel Plünderungen und übertriebene Gewalt, zu unterbinden.
Dieser Anspruch beweist sich beispielsweise in der Szene, in der die Befreiung des Räubers Roller vom Schafott geschildert wird. Diese Befreiungsaktion wurde von der Räuberbande generalsstabsmäßig geplant und mit harter Hand durchgeführt. Auf Seiten der Feinde führte dies zu erheblichen Verlusten und einer starken Zerstörung der Stadt. Dabei kamen auch viele unschuldige Personen ums Leben wie beispielsweise “Kranke [...], Greise und Kinder” (s. II., 3., V. 24f, S. 66). Als offensichtlich wird, daß der Räuber Schufterle besonders brutal vorgegangen war, zieht Karl Moor sofort die Konsequenzen und verstößt Schufterle von der Räuberbande. “Moor. [...] Und diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewigkeit grau wird! - Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen! [...]” (s. II., 3., V 1ff, S. 67)
3.2.3 Karl Moor als Räuber mit negativer Moral
Diese rasche Art, Konsequenzen zu ziehen, ist jedoch für Karl Moor ungewöhnlich. Meiner Ansicht nach hält er sich sehr bedeckt, amoralische Räuber aus der Bande zu entfernen. Diese Behauptung deckt sich mit der Aussage Karl Moors, der seinen Räubern droht: “Moor. [...] es sind noch mehr unter euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich will nächstens unter euch treten, und
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fürchterlich Musterung halten.” (s. II., 3., V. 5 - 9, S. 67)
Das brutale Wesen seiner Räuberbande kommt Karl Moor aber auch gelegen. Insbesondere im Gefecht, wenn Karl Moor in Bedrängnis gerät und nur durch Einsatz von Gewalt überleben kann. “Moor. [...] Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich atemlos und erschöpft von der Arbeit in die Knie gesunken war? [...]” (s. IV., 5., V. 29 - 32, S. 117)
Karl Moor akzeptiert also das Amoralische seiner Räuberbande. Für ihn ist diese Gesellschaft nur Mittel zum Zweck, Rache zu üben. Dabei versucht er seine Person von den schwersten Vorwürfen frei zu halten, duldet aber weitestgehend die Verbrechen seiner Komplizen. “Razmann. [...] Ich habe das Meine getan! rief er, und wandte sich stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache [...]” (s. II., 3., V.10f, S. 61)
Dieses zweischneidige Verhalten spiegelt meiner Ansicht nach das Heuchlerische seines Charakter wider. Die Moral von Karl Moor verliert dadurch insgesamt an Glaubwürdigkeit.
3.3 Karl Moors Verhältnis zum Wort
Im Verlauf der Handlung gibt Karl Moor in seiner Funktion als Räuberhauptmann oft sein Wort. Die beiden wichtigsten Schwüre an seine Räuberbande sind meiner Ansicht nach die folgenden. “Moor. Nun, und bei dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! [...]” (s. I., 2., V. 20ff, S. 33)
“Moor. [...] So wahr meine Seele lebt! Ich will euch niemals verlassen.” (s. III., 2., V. 19f, S. 83)
Bei seiner Räuberbande steht sein Wort hoch im Kurs. Diese Einschätzung wird von den Räubern belegt. “Schwarz.
[...] wenn er sagt: ich wills tun! so ists so viel, als wenns unsereiner getan hat.” (s. II., 3., V. 8f, S. 62)
Bedenklich ist allerdings, daß Karl Moor sein Wort dazu einsetzt, um seine Räuber zu amoralischen Vergehen anzuregen. Seinem Räuber Schweizer
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verkauft er die Aufforderung, Franz zu entführen, als die Einlösung seines Wortes. “Moor. [...] Dazumal verhieß
ich dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen-Schweizer. [...]
Moor. Nein, itzt, will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden wie du! Räche meinen Vater!” (s. IV., 5., V. 30 - 39, S. 117)
Weiterhin ist bedenklich, daß Karl Moor für sich des öfteren beschließt, die Bande in einem unbemerkten Augenblick zu verlassen. Dieser Vorsatz wird aber immer durch das Auftauchen seiner Räuber vereitelt. “Moor. [...] Hier entsag ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgendeine Kluft der Erde zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt. (Er will fliehen.)” (s. II., 3., V. 23ff, S. 67)
Eine weitere Möglichkeit, das Räuberleben zu verlassen, sieht Karl Moor als ihm Amalia vergibt (V., 2., S. 135f). Auch hier wird er durch das Einschreiten der Räuber von seinem Wortbruch abgehalten. Anstatt sein Wort zu brechen, beugt er sich seinen Verpflichtungen, opfert Amalia und beabsichtigt weiterhin in den Diensten der Räuberbande zu bleiben.
Diese letzte Bezeugung seines Ehrenwortes wird jedoch dadurch geschmälert, daß Karl Moor keine echte Alternative mehr hat. Er fühlt sich tief schuldig, dem Vater nicht gegen Franz beigestanden zu haben. Und als gesuchter Verbrecher ist es ihm unmöglich, sein Erbe anzutreten und die Funktion des regierenden Grafen zu übernehmen.
Damit verliert die Räuberbande für ihn ihre Funktion als Mittel zum Zweck. Ein weiterer Verbleib ist für Karl Moor nicht von Nutzen. Sein Vorhaben, Rache zu nehmen, hat er bis in die letzte Konsequenz durchgeführt. Dies ging sogar soweit, daß er an sich selber Rache genommen hat, indem er erkannte, daß sein Trotz Feigheit war. “Moor. [...] Himmel und Hölle! nicht du, Vater! Spitzbübische Künste! Mörder, Räuber durch spitzbübische Künste! [...] voll Liebe sein Vaterherzoh Schelmerei, Schelmerei! Es hätte mich einen Fußfall Gekostet, es hätte mich eine Träne gekostet - oh ich blöder, blöder, blöder Tor![...]” (s. IV., 3., V. 17 - 24, S. 101)
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4 Jaromir von Borotin
Jaromir entstammt der Familie von Borotin. Von dieser Familie sind zur Zeit der Handlung des Dramas noch die Figuren Berta und Graf von Borotin erhalten. Das vierte Familienmitglied, die Ahnfrau, spukt im Schloss der von Borotins seit etlichen Generationen. Das Schicksal der Ahnfrau wurde besiegelt, als sie von ihrem Ehemann beim Eheruch offenbar in flagranti erwischt wurde. Dieser machte daraufhin kurzen Prozess und erdolchte sie auf der Stelle. Da ihr nicht die Zeit zugestanden wurde, ihre Sünden zu bereuen, war ihr auch der Gang in den Himmel versagt. Ihr Schicksal wurde es, so lange ruhelos zu spuken, bis der letzte Nachfahre des Geschlechtes Borotin gestorben sei 2 . “Günther.
[...]Mit der Ahnfrau blut’ger Leiche Ward der Sünde Keim begraben Aber nicht der Sünde Frucht Das Verbrechen, das des Gatten Blut’ger Rachestahl bestraft, War, wie jene Sage spricht, Wohl das Letzte ihres Lebens Aber ach, ihr erstes nicht. Ihres Schoßes einz’ger Sohn, Den Ihr unter Euren Ahnen, Unter Euren Vätern zählt, Der des mächt’gen Borotin Lehen, Gut und Namen erbte Er-” (s. I., V. 537 - 549) Die Generationenlinie der von Borotins ist also nicht die
Fortpflanzungsfamilie des legitimen Ehepaars, sondern ein Abkömmling der Ehefrau und einem ihrer Geliebten. “Günther. Es ist ausgesprochen. Er, dem Vater unbewußt, War ein Pfand geheimer Lust, War ein Denkmal ihrer Sünde! Darum muß sie klagend wallen Durch die weiten, öden Hallen, Die das Werk von Trug und Nacht Auf ein fremd Geschlecht gebracht.
2 Die Textstellen in diesem Kapitel sind nach folgender Quelle zitiert: Franz Grillparzer: Die Ahnfrau. Stuttgart 1997 (RUB 4377)
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[...]” (s. I., V. 549 - 556)
Die Hoffnung des Grafen, seine Linie weiter fortzuführen, war zu Beginn seiner Ehe durchaus begründet. Zusammen mit seiner Frau hatte er zwei Kinder, Jaromir und Berta. Bald jedoch ertrank der Junge Jaromir anscheinend im nahegelegenen Weiher. “Graf. [...] Kaum drei Jahre war der Knabe, Als er in dem Garten spielend Von der Wärterin sich verlief. Offen stand die Gartentüre, Die zum nahen Weiher führt. [...]
Was ist’s weiter? - Er ertrank!” (s. I., V. 139 - 153)
Damit war die Hoffnung des Grafen, sein Geschlecht fortzuführen, gescheitert.
Der Knabe Jaromir war in Wahrheit allerdings nicht ertrunken. Wie zum Ende des Dramas deutlich wird, wurde der Junge damals von Räubern entführt und in deren Obhut aufgezogen (vgl. IV, V. 2436ff).
Jaromir kam also nur durch die hinterhältige Entführung durch den Räuber Hauptmann Boleslav in das Milieu der Räuber. Nach dem Wissen der damaligen Zeit stellt diese nicht von Jaromir beeinflussbare Schicksalswendung einen entscheidenden Punkt dar, ihn zu entschuldigen (vgl. Schiller: Verbrecher aus verlorener Ehre).
4.2 Die Moral der Figur Jaromir
Die Figur Jaromir wird mit einem zerrissenem Charakter dargestellt. Auf der einen Seite ist Jaromir ein gewalttätiger Verbrecher, der Menschenleben wenig achtet. Andererseits verfügt Jaromir über einen sehr sensiblen Charakter. Dies wird insbesondere gegenüber Berta deutlich. Zwischen diesen beiden Polen aus negativer und positiver Moral lässt sich ein opportunistischer Charakterzug von Jaromir feststellen, der sich darin zeigt, daß sich Jaromir seiner Außenwelt gegenüber immer so verstellt, daß er den größten Nutzen damit erzielt.
Diese Thesen sollen im folgenden anhand von Textstellen belegt werden.
Jaromir als Räuber
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Als Mitglied einer Räuberbande hat Jaromir die Greueltaten, die diese verüben, mit zu verantworten. Diese werden vom königlichen Hauptmann, der die Aufgabe hat, die Räuberbande zu fangen, folgendermaßen beschrieben: “Hauptmann.[...] Greise zagend, Weiber klagend, Kinder weinend An erschlagner Mütter Brüsten Durch die leergebrannten Wüsten. Und dazu nun der Gedanke, Daß die Geldgier, daß die Habsucht Wen’ger feiger Bösewichter-” (s. II., V. 1280 - 1286)
4.2.1 Jaromir als sensibler Charakter
Es kann jedoch nicht strikt behauptet werden, daß sich die menschenverachtende Moral, die sich im Kollektiv der Bande zeigt, in der Moral des Jaromir widerspiegelt. Dafür lässt sich insbesondere sein Verhalten gegenüber Berta anführen.
Jaromir hat seine Stellung als ranghoher “Räuberoffizier” dazu genutzt, Berta einen Überfall vorzuspielen, aus dem er sie heroisch retten konnte. Dieses Spiel wurde von Berta nicht durchschaut und erfüllte somit seinen Zweck, nämlich Berta willenlos in die Arme von Jaromir zu spülen. “Berta.[...] Und zwei Männer, angetan, Mit des Mordes blut’ger Farbe, Mit dem Dolch, den Augen dräuend, Seh ich gräßlich neben mir. Schon erheben sie die Dolche, Schon glaub ich die Todeswunde, Schreiend, in der Brust zu fühlen: Da teilt schnell sich das Gebüsche, Reißend springt ein junger Mann, Hoch den Degen in der Rechten, In der linken eine Laute Auf die bleichen Mörder zu.” (s. I., V. 241 - 252)
Die Zerrissenheit von Jaromirs Charakter wird hier besonders deutlich, da er sowohl mit Degen, als auch Laute in Verbindung gebracht wird (s. I., V. 250f).
Der Erfolg dieses gespielten Angriffs wird von Berta weiter unten selbst beschrieben:
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“[...] Wie ein Kind am Mutterbusen Hing ich an des Teuren Lippen Seine heißen Küsse trinkend.” (s. I., V. 261 - 263)
Diese leichte Art und Weise mit der er seine Beute erlangt hat, macht ihm jedoch ein schlechtes Gewissen. Auf der Flucht vor dem Hauptmann und seinem Häschertrupp gelangt Jaromir in das Schloss von Bertas Vater. In dieser ungünstigen Lage stellt nun Berta ihrem Vater ihren geliebten Bräutigamskandidaten vor. Dabei kommt der Graf auf die Rettungsszene zurück und möchte sich bei Jaromir für das Geleistete bedanken. Jaromir schlägt das erhaltende Lob scheinbar bescheiden zurück. “Graf. Komm an meine Brust, du Teurer, Lebensretter, Segensengel! [...] Jaromir. Staunend steh ich und beschämt -Daß es etwas mich gekostet! Daß ich eine Wunde trüge, Eine kleine, kleine Narbe Nur als Denkmal jener Tat! Es kränkt tief das Köstliche Um so schlechten Preis zu kaufen!” (s. I., V. 676 - 690)
Weiterhin wird deutlich, daß Jaromir auch gegenüber Berta gelegentlich sein schlechtes Gewissen nicht verheimlichen kann. Berta sagt im Gespräch mit ihrem Vater und Jaromir: “Berta. [...] Er liebt selber sich zu schmähen, [...]
Und mit schmerzgebrochner Stimme Rief er klagend, weinend aus, Ich verdiene dich nicht Berta! Er nicht mich, er mich nicht! -” (s. I., V. 695 - 702)
Erst der vehemente Hinweis des Grafen auf die Ungebührlichkeit, erhaltenen Dank so entschieden von sich zu weisen, bringt Jaromir dazu, die Geschichte weiterhin für sich zu behalten (vgl. I., V. 713 - 715).
Ein weiterer Hinweis darauf, daß Jaromir zumindest über einen Funken an Moral verfügt, findet sich zu Beginn der Szenen seiner Flucht in das Schloss. Aufgewühlt von den Ereignissen im Wald gelingt es ihm erst
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nach zweimaligem Anlauf, die Lüge, er sei im Wald überfallen worden, auszusprechen (vgl. Lorenz, Frieder. S. 89). “Jaromir. Dort - vom Walde -Wurde - wurde überfallen -” (s. I., V. 602f)
4.2.2 Jaromir als opportunistischer Charakter
Jaromirs opportunistische Charakterzüge lassen sich anhand der Textstellen belegen, an denen Jaromir mit dem Grafen und dem königlichen Hauptmann über die Räuberbande diskutiert. Positiv für seinen Moralanspruch erscheint die Tatsache, daß er inkognito die Räuberbande verteidigt (s. II., V. 1323 - 1339).
Opportunistisch handelt er sofort als er merkt, daß er sich durch diese Verteidigungsrede einem Verdachtsmoment aussetzt. Blitzartig schwenkt er seine Meinung und tritt scheinbar mit Feuer und Flamme für die Verfolgung der Räuber ein. “Jaromir. [...] Mir ein Schwert! Ich will hinaus, Will hinaus auf Menschenleben! [...]
Waffen, Waffen, Gebt mir Waffen! [...] Waffen! Waffen! Heda Waffen!” (s. II., V. 1356 - 1368)
4.2.3 Jaromirs Verhältnis zur Schuld
In den vorangegangenen Kapiteln wurde verdeutlicht, daß Jaromir oft hin und hergerissen ist zwischen dem Moralverständnis eines Räubers und dem eines Adeligen. Von dieser Zerrissenheit gibt er in der Handlung, wie weiter oben gezeigt, etliche Kostproben.
Gemeinsam ist diesen Kostproben unterschiedlicher Moralaufassungen jedoch, daß Jaromir oft fremdgesteuert handelt. Jeder Charakterzug, den er zeigt, ist Ergebnis des Einflusses anderer Figuren auf ihn. Diese Fremdbestimmung wird beispielsweise deutlich vom Räuber Boleslav ausgesprochen, als er die Entführungsgeschichte von vor zwanzig Jahren erzählt:
“Boleslav. [...] Bald vergaß er Euch und sich,
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Und er ehrt als Vater mich.” (s. IV., V. 2482f)
Anstatt die leiblichen Eltern zu vermissen oder eine Frage an den neuen Vater über seine Geschichte zu stellen, fügt er sich lieber still und leise in das neue Umfeld ein.
Jaromirs Moralaufassung, nämlich das zu tun, was von ihm erwartet wird, gerät in Schwierigkeiten als er bemerkt, daß eigentlich sein ganzes Leben auf falschen Prämissen beruht. Dies wird insbesondere deutlich als ihm offenbar wird, daß er seine leibliche Schwester liebt und daß er seinen leiblichen Vater töten muß, um der Räuberhatz zu entkommen. An diesen Punkten entscheidet er sich, die Moralauffassung der Räuber zu vertreten. Gleichzeitig aber meldet sich seine adelige Moralauffassung in Form eines schwer belasteten Gewissens. Dieses Gewissen jedoch versucht er durch Selbstbetrug zu verdrängen.
Im folgenden soll diese These mit Textstellen belegt werden.
Bereits im dritten Aufzug bekommt Jaromir eine Vorstellung davon, daß ihm das vermeintlich fremde Schloss näher steht als er glaubt. Dies wird zum Beispiel an der Stelle deutlich, an der er den Dolch wiedererkennt: “Jaromir:
Laß mich! - Diesen Doch da kenn ich!” (s. III., V. 2100)
Die Anagnorisis, die sich im fünften Aufzug endgültig vollzieht, wird hier also bereits angedeutet. Jaromir hätte also die Chance, das Fatale seiner Tat zu erahnen. Dennoch vollzieht er den Vatermord im vierten Aufzug.
Sein gespaltenes Gewissen zeigt sich dann gleich zu Beginn des fünften Aufzuges in seinem langen Anfangsmonolog (vgl. V., V. 2647 - 2714). Während des fünften Aufzuges versucht Jaromir dann konsequent sein Gewissen zu beruhigen, indem er sich allerhand Ausreden einfallen lässt, sich von seiner Schuld loszusprechen. Den Gipfel des Selbstbetruges und der Verniedlichung erreicht er meiner Ansicht nach in folgender Passage: “Jaromir. [...] Meine Taten, wenn gleich schwarz, Sind ja doch nur Menschentaten, Und ein Teufel würde beben, Gält’ es eines Vaters Leben. Hab ich doch gehört, gelesen Von der Stimme der Natur,
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Wär’ mein Vater es gewesen, Warum schwieg sie damals nur? [...]” (s. V., V. 3121 - 3128)
Jaromirs Moralverständnis nötigt ihn also dazu, sich auch aus einer derart offensichtlichen Situation herauszureden. Jaromir lehnt es ab, die Verantwortung für seine Taten auf sich zu nehmen. Gewohnt, fremdbestimmt zu werden, sucht er statt dessen die Schuld bei anderen. Da er aber von niemandem direkt gedrängt wurde, den Grafen von Borotin zu ermorden, weicht er in den Bereich des Metaphysischen aus und schiebt die Verantwortung für seine Tat auf die “Stimme der Natur” (s. V., V. 3126).
Ebenso verhält er sich, als ihm offenbar wird, daß seine Brautwahl weder mit dem Moralverständnis eines Räubers noch mit dem eines Adeligen vereinbar ist. “Jaromir. [...] Und wenn sie, sie die ich liebe, Liebe? - Nein die ich begehre, Wenn sie meine Schwester wäre, Woher diese heiße Gier, Die mich flammend treibt zu ihr? Schwester? Schwester! Toller Wahn! Zieht es so den Bruder an?” (s. V., V. 3132 - 3138)
Die Konsequenz seines Moralverständnisses ist es also, die Verantwortung für die inzestuöse Verbindung mit Berta an die höheren Mächte abzuschieben. Für ihn besteht daher kein Grund, seine Brautwahl zu überdenken, da es ja nicht seine eigene Entscheidung war sondern die der Natur. Seinen Entschluss, nicht von Berta zu lassen, manifestiert er so: “Jaromir. [...] Sie muß ich, ja sie besitzen, Mag der Himmel Rache blitzen, Mag die Hölle Flammen sprühn Und mit Schrecken sie umziehn. Wie der tolle Wahn sie heiße, Weib und Gattin heißt sie hier Und durch tausend Donner reiße Ich die Teure her zu mir.” (s. V., V. 3151 - 3158)
Mit dieser Entschlusskraft tritt er dann seiner Braut gegenüber und steht, ohne es zu wissen, der Ahnfrau gegenüber, die Berta jedoch zum
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Verwechseln ähnlich sieht (s. I., V.482f). Diese verhält sich zögerlich, sich ihm zu nähern. Im Verlauf dieser Szene steigert sich daher seine Aggression, da nun eine fremde Person seinen Selbstbetrug offensichtlich nicht akzeptiert. Diesmal stellt die Fremdbestimmung ein Problem für Jaromir dar, da es ihn große Anstrengung gekostet hat, seine Handlung zu begründen. Er beschreitet zur Problemlösung daher einen völlig ungewohnten Weg. Er möchte sich der Fremdbestimmung entziehen und stattdessen seine Meinung Berta aufzwingen.
Im ersten Schritt versucht er Bertas mögliche Sorgen in Bezug auf eine Inzest Ehe zu zerstreuen: “Jaromir. [...] Lügen, derbe, arge Lügen, Aber drum grad lächerlich. Sieh sie sagen - Lustig, lustig! Sagen, du seist meine Schwester! Meine Schwester! - Lache Mädchen, Lache, lache sag ich dir!” (V, V. 3118 - 3223)
Als dieser Versuch scheitert, tritt seine Aggression offen zu Tage: “Jaromir. Weib,
Schweig und reiz mich länger nicht! Du hast mich nur mild gesehn, Aber wenn die finstre Macht In der tiefen Brust erwacht Und erschallen lässt die Stimme, Ist ein Leu in seinem Grimme Nur ein Schoßhund gegen mich; [...]” (s. V., V. 3230 - 3227)
Das oben Gesagte lässt also den Schluss zu, daß Jaromir unfähig ist, Verantwortung auf sich zu nehmen. Diese Verweigerungshaltung seiner Verantwortung gegenüber macht ihn auch unfähig, sich Schuld einzugestehen.
4.3 Jaromirs Verhältnis zum Wort
Jaromir ist zwischen den verschiedenartigen Moralauffassungen von Räubern und Adeligen gefangen. Sein gewohnter Problemlösungsprozeß, die Verantwortung an andere, höhere Figuren, zu delegieren, scheitert an der Ahnfrau, da sie ihn in seine Verantwortung zwingt. Zwischen diesen
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beiden harten Fronten eingesperrt, sieht Jaromir als einzigen Ausweg die blinde Gewalt, die auch vor seiner Berta nicht halt macht.
Das oben Gesagte führt zu dem Schluss, daß Jaromir nicht der geeignete Charakter ist, auf dessen Wort man sich verlassen kann. Wer sein Wort gibt, muß in der Lage sein, selbst zu bestimmen, ob er dieses Wort überhaupt geben will und kann. Weiterhin muß er in der Lage sein, für dieses Wort mit ganzer Kraft einzustehen und es gegen Angriffe zu verteidigen. Dies kann Jaromir beides nicht.
So mag es auch nicht verwundern, daß Jaromir das Wort, das er dem Grafen im zweiten Aufzug gibt, schändlich und über alle Maßen bricht. “Jaromir. Möge was da will geschehen, Ich will Euch zur Seite stehn, Muß es, mit Euch untergehn!” (s. II., V. 1011 - 1013)
Dieses Wort drückt nicht Jaromirs Entschlossenheit aus, dem Grafen Borotin gegen die Erfüllung des Schicksals der Ahnfrau und damit gegen die Ausrottung seines Geschlechtes beizustehen, sondern ist bloß Reaktion auf das Verhalten des Grafen, der ihn zu den Seinen zählt (vgl. II, V. 977ff). Gemäß dem Zusammenhang einer Räuberbande fühlt sich Jaromir gleichsam verpflichtet, das vom Grafen ausgedrückte Zugehörigkeitsverhältnis zu erwidern. Das gegebene Wort ist wertlos.
5 Zusammenfassender Vergleich
Durch das oben Gesagte komme ich zu dem Schluss, daß die beiden Räuberfiguren Karl Moor und Jaromir von Borotin zwei grundsätzlich unterschiedliche Charaktere im Hinblick auf ihre Moral und ihr Verhältnis zum Wort sind. Beide sind zwar Räuber, aber die Umstände, unter denen sie zu Räubern wurden und die Art und Weise wie sie dieses Handwerk ausüben, sind grundverschieden.
Die einzige geringfügige Ähnlichkeit zeigen beide Figuren in ihrem Wunsch, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Während Jaromir von Borotin diese Einstellung offen zur Schau stellt (vgl. 4.2 .4
Seite 18
Jaromirs Verhältnis zur Schuld, S. 13), zeigt sich dieser Wunsch bei Karl Moor nur in den versteckten Ansätzen, in denen er die Räuberbande verlassen will (vgl. 3.3 Karl Moors Verhältnis zum Wort, S. 7).
Folgende Tabelle fasst kurz die wichtigsten Wesensmerkmale beider Figuren zusammen. Die Angaben in Klammern verweisen auf das entsprechende Kapitel dieser Arbeit.
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6 Literaturverzeichnis
Primärliteratur
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Friedrich Schiller: Die Räuber. In: Friedrich Schiller Werke und Briefe in zwölf Bänden. Hg. von Klaus-Harro Hilzinger; Rolf-Peter Janz; Gerhard Kluge; u.a. Bd. 2. Dramen I. Frankfurt a. M. 1988, (BdK 29). S. 9 - 311 Friedrich Schiller: Die Räuber. Stuttgart 1999 (RUB 15) Grillparzers Werke in acht Bänden, Hg. von August Sauer. Berlin; Stuttgart o. J., Bd. II Sekundärliteratur
Art. “Grillparzer, Franz”. In: Neue Deutsche Biographie. Hg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften. Bd. 7. Berlin 1953, S. 69ff
Art. “Schiller Johann Christoph Friedrich”. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die historische Kommission bei der königl. Akademie der Wissenschaften. Bd. 31. Berlin 1970, S. 215ff Günther, Hellmuth: Die Gestalt des Räubers in Franz Grillparzers Trauerspiel “Die Ahnfrau”: Beiträge zur historischen Kriminologie.-Freiburg/Br.: Univ. Diss. 1962
Kaiser, Joachim: Grillparzers dramatischer Stil. München o.J. Lorenz, Frieder: Franz Grillparzers “Ahnfrau”: Eine Schicksalstragödie. In: Grillparzer-Forum Forchtenstein. Wien 1969 Paetzke, Iris: Die Tantaliden im Biedermeier - Die Ahnfrau. In: Gerettete Ordnung: Grillparzers Dramen. Hg. von Bernhard Budde; Ulrich Schmidt. Frankfurt a. M. 1987
Pichl, Robert: Dualismus und Ambivalenz: die Dramenschlüsse Schillers und Grillparzers als Indizien individueller Vorgangsgestaltung. Wien, Stuttgart 1972
Stock, Karl F.: Grillparzer-Bibliographien: Selbständige und versteckte Bibliographien und Nachschlagewerke zu Leben und Werk. Graz 1990
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Arbeit zitieren:
Christof Stotko, 2000, Karl Moor (Schiller - Die Räuber) und Jaromir von Borotin (Grillparzer - Die Ahnfrau): Vergleich zweier Räubergestalten im Hinblick auf ihre Moral und ihr Verhältnis zum Wort, München, GRIN Verlag GmbH
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