auch nicht-politische Aspekte einer Betrachtung unterziehen kann, diesen jedoch nie den Status eines Motors der Geschichte zugestehen würde. 3 Und doch kann Ereignisgeschichte nicht zur reinen Chronologie degradiert werden, denn die konkreten Begebenheiten bleiben keineswegs unreflektiert nebeneinander stehen; sie werden zueinander in Beziehung gesetzt und erreichen damit einen Grad des Zusammenhanges, der der Ereignisgeschichte einen spezifischen Erklärungswert verleiht. Chronologien dagegen erklären nichts.
Anders das Vorgehen der Strukturgeschichte; sie hat es auf Strukturen, d.h. auf größere Zusammenhänge abgesehen, und dementsprechend groß ist ihr Erkenntnisgegenstand. Nicht das Handeln einzelner bedeutender Persönlichkeiten, sondern längerfristige Entwicklungen der Gesamtgesellschaft sowie der sie betreffenden Faktoren stehen im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Auch die Srukturgeschichte kann Beliebigkeit als Arbeitsmotiv nicht gutheißen; sie bringt spezifische Dinge wie Geographie, Klima, Religion, Besitz- und Wirtschaftsverhältnisse oder Bräuche zur Sprache. Man könnte nun im Hinblick auf die Merkmale der Ereignisgeschichte versucht sein, die Strukturgeschichte von ihr dadurch zu unterscheiden, dass der Strukturgeschichte das Charakteristikum der bloßen Synchronie zugeschrieben wird, was aber nur zum Teil stimmt. Denn eine der Fragen an die Geschichte lautet, warum etwas geschehen ist, und je nach dem Geschehen kann ein bestimmtes Ereignis (so seitens der Ereignisgeschichte) oder eine gruppenumfassende menschliche Disposition bzw. die Struktur eines gewissen Faktors (so seitens der Strukturgeschichte) als Grund angegeben werden. Nach einem Geschehen oder einer strukturellen Veränderung zu fragen heißt jedoch, sich schon im Rahmen des Zeitlichen zu bewegen. Die Strukturgeschichte stellt somit einerseits Material synchroner Qualität bereit, mit dem Strukturveränderungen erklärt werden können, andererseits sind wir im Zuge ihrer Be-antwortung derartiger Fragen berechtigt, sie mit dem Prädikat „diachron arbeitend“ zu belegen. Und selbst wenn so mancher Historiker seine Arbeit auf sogenannte „Querschnitte“ konzentriert, zwingt uns das noch nicht, ihn des Berufsverrates zu bezichtigen; Geschichte fragt unter anderem, wie eine bestimmte Gesellschaft funktionierte oder unter welchen äußeren Einflüssen sie stand, d.h Fragen, die nur unter Rückgriff auf das Zeitliche beantwortet werden können, fallen mitunter völlig weg.
Ereignisgeschichte operiert, so scheint es, an der Spitze des Eisberges, dessen nicht sichtbarer Teil Schössling der Strukturgeschichte ist. Sie suggeriert das Bild einer Menschheitsentwicklung, während der eine kleine Schar Privilegierter verzwickten und bühnenreifen Diplomatenaktivitäten frönte, während weitab von ihnen ein graues Menschenrudel sich untereinander um ein Stück Brot zankte und glücklicherweise nicht allzu oft eine Ahnung davon bekam, wer Schuld daran sein könnte. Selbstverständlich muss zugestanden werden, dass es Fragen gibt, für die sie allein eine Antwort zu liefern imstande ist. Die Frage nach dem Warum einer Handlung verlangt als Antwort die Angabe eines Motivs oder Auslösers; Strukturgeschichte versagt an dieser Stelle, während Ereignisgeschichte adäquate Erklärungen abgeben kann. Fragen wir aber nach dem Warum einer Struktur oder einer viele Menschen umfassenden Handlung, so können wir eine Antwort nur innerhalb dieser Dimension finden; die Strukturgeschichte meldet sich zu Worte und hat passende Antworten parat, wo die Ereignisgeschichte mit den Schultern zuckt.
3 Wobei sich natürlich dann die Frage stellt, zu welchem Zweck er gesellschaftlichen Faktoren einen Platz in seinen Schriften überhaupt einräumt. Möchte er an ihnen die Folgen der eigentlichen Geschichte, nämlich der Politikgeschichte, deutlich machen?
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Es muss hier bemerkt werden, „dass es sich bei der `Strukturgeschichte` in erster Linie um ein methodisches Prinzip“ 4 handelt, wodurch sie sich von der Ereignisgeschichte grundlegend unterscheidet; diese besitzt einen fest umrissenen Gegenstand und eine Methode, während die Methode der Strukturgeschichte die Untersuchung mehrerer ganz verschiedener Gegenstände erlaubt. 5
Nach anderen Kriterien erfolgt die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makrogeschichte. Während bei der Mikrogeschichte „kleine Gemeinschaften unter das historische Mikroskop gelegt“ 6 werden, richtet sich die Makrogeschichte auf „alles, was Macht hat oder auf der politischen Ebene darum kämpft [...], alles, was sich [...] eine irgend allgemeine Aufmerksamkeit und Einfluss zu verschaffen weiß; alles, was Strukturen von Gesellschaften oder ihren wesentlichen Teilbereichen ausmacht; schliesslich alle Formen des Wandels einer gesellschaftlichen Struktur“ 7 . Ausgehend von dieser Unterscheidung würden Ereignis- und Strukturgeschichte somit zu derselben Kategorie gezählt werden, nämlich zur Makrogeschichte.
Verwirrung stiften die unterschiedlichen Auffassungen der Historiker des Begriffes Mikrogeschichte. Nach Meier lautet „die eigentlich Parole, unter der diese Geschichte in Deutschland angetreten ist, [...] Alltagsgeschichte“
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, in der es sich „um wenig Abstraktes, Abgehobenes, kaum um komplizierte Strukturen [...] handelt.“
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Für Burke hingegen „entspricht sie einfach der Sozialgeschichte“
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, was fraglich ist, da die Sozialgeschichte sehr wohl strukturiert ist. Bei Kocka liest man sogar eine deutliche Kritik seitens der Alltagsgeschichte an der Sozialgeschichte: „immer blieb ihr [...] Blick [...] gerichtet auf übergreifende gesellschaftliche Strukturen und Prozesse. Die Frage, wie denn diese Strukturen und Prozesse von den Menschen erlebt und verarbeitet wurden, wurde fast vollständig ausgeklammert.“
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Da die Alltagsgeschichte immer sehr nahe an den Dingen bleibt, kann man sie meines Erachtens nach als tatsächlich wenig strukturiert bezeichnen. Zwar hat sie dieses Merkmal mit der Ereignisgeschichte gemeinsam, wird von ihr aber trotzdem angegriffen, da sie sich mit kleinen und relativ (in Bezug auf den Fortschritt der Geschichte) unbedeutenden Welten befasst. Bevor wir zurückkommen auf die Eingangsfrage, sollen kurz die Vorzüge und Defizite der jeweiligen Ansätze genannt werden. Strukturgeschichtliche Abfassungen leiden an ihrer geringen Tiefenschärfe; der Mensch als Individuum „geht als anonymer Bestandteil ein in Gruppen, Schichten oder Klassen, verliert sich in langen Zahlenreihen über Mobilität, Migration oder Schülerströme preußischer Gymnasien.“
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Ihre typologisierenden Resultate geben also keine Antwort auf die Frage, warum ein bestimmter Mensch etwas getan hat. Allerdings würde sich die Strukturge-
4 Wehler,H.-U. Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. In: Schieder, Sellin 1986, S. 36
5 (Diese wurden oben kurz genannt. Allerdings wird der Begriff „Strukturgeschichte“ nicht einheitlich gebraucht; Conze beispielsweise verwendet als Synonym den Begriff der Sozialgeschichte, was den Gegenstand der Strukturgeschichte erheblich eingrenzt. Er soll aber hier im erstgenannten Sinne gemeint sein.)
6 Burke, P. Soziologie und Geschichte. Hamburg 1989, S. 154
7 Meier, C. Notizen zum Verhältnis von Makro- und Mikrogeschichte. Was ist Makro-, was Mikrogeschichte? In: Acham, K., Schulze, W. (Hg.) Teil und Ganzes. Zum Verhältnis von Einzel- und Gesamtanalyse in Geschichts- und Sozialwissenschaften (Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik. Band 6). München 1990, S. 112
8 Ebd., S. 112
9 Ebd., S. 116
10 Burke 1989, S. 157
11 Kocka, J. Sozialgeschichte zwischen Strukturgeschichte und Erfahrungsgeschichte. In: Schieder, Sellin 1986, S. 73
12 Langewiesche. In: Schieder, Sellin 1986, S. 21
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schichte auch nie anmaßen, für solche Fragen kompetent zu sein. Vielmehr würde sie die Frage an die Ereignisgeschichte geben und von dieser zu Recht eine stimmige Antwort erhalten. Die Ereignisgeschichte wiederum steht ratlos vor Fragen wie der nach dem sozio-ökonomischen Zusammenhalt einer Gesellschaft; sie reagiert mit dem Weitergeben der Frage. Dabei wird seit geraumer Zeit von Historikern eine fruchtbare Synthese beider Konzeptionen gefordert; beschäftigte man sich ausschließlich mit Strukturgeschichte, würde man „hinter die fundamentale Erkenntnis zurückfallen, dass historische Strukturen vor allem in der Phase ihrer Entstehung aus individuellen und kollektiven, erfahrungsgeleiteten und zielmotivierten Handlungen hervorgehen und von solchen [...] verändert werden“ 13 . Ein integrierendes Verfahren würde darauf hinauslaufen, „den Zusammenhang von Strukturen und Prozessen einerseits, von Handlungen und Erfahrungen andererseits als ein historisch variables Verhältnis der Brechung und Nicht-Kongruenz zu begreifen“ 14 . Ist für den Historiker die Beschäftigung mit sozialen Milieus eine Selbstverständlichkeit? Denn soziale Milieus stellen eigentlich eine Domäne der Soziologie dar; wenn sich ein Historiker mit ihnen beschäftigt, scheint er eine überzeugende Begründung vorausschicken zu müssen. Doch die Öffnung der Geschichtswissenschaft hin zur Soziologie ist schon vor längerem vollzogen worden, und es ergab sich, dass beide Fachwissenschaften eine gemeinsame Schnittmenge aufweisen, in der auch die sozialen Milieus liegen. Eine auf sie gerichtete Analyse hat sowohl Erklärungswert für Soziologen, denn diese beschäftigen sich vorwiegend mit Gesellschaftsstrukturen und interessieren sich von daher mitunter für die Analyse der kleineren Einheiten dieser Gesellschaften, als auch für die Historiker, die die Bedeutung der jeweiligen Gruppe in Bezug auf spezifisch historische Faktoren bestimmen können. Wie es der Titel der Arbeit sagt, wird der Leser auf den folgenden Seiten Bekanntschaft schließen (oder auffrischen?) mit bürgerlichen Milieus in den Phasen 1815 bis 1848/49 und 1871 bis 1914, wobei für die jeweiligen Zeitabschnitte die für eine Milieubeschreibung spezifischen Dimensionen zu Worte kommen sollen. Das endgültige Ziel besteht darin, die Ergebnisse unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu betrachten; unter dem der Modernisierung. Daraus ergibt sich die leitende Frage: Welchen (sowohl aktiven als auch passiven) Anteil hatte das Bürgertum in den betreffenden Zeitabschnitten am Prozess der Modernisierung? Die Phasen sind als mehr oder weniger weit auseinanderliegende gewählt worden, um die Konstanz bzw. Variabilität bestimmter Merkmale eines Milieus zu verdeutlichen.
Vielleicht wundert es den Leser, dass die Formulierung des Ziels dieser Arbeit relativ allgemein gehalten ist; das hängt zusammen mit der Erklärungsbedürftigkeit der Begriffe, die für die Untersuchung von Bedeutung sind. Der Erkenntnisgegenstand des Geschichtswissenschaftlers verlangt mitunter den Rückgriff auf soziologische Begriffe. Diese sollten jedoch aufgrund ihrer Erheblichkeit nicht den Charakter von Präliminarien haben, auch wenn sie streng gesehen Anleihen darstellen. So wie der „klassische“ Historiker seine Fragestellung erst im Zuge seiner Darlegungen konkretisieren kann (und dieser geht immerhin mit fachimmanenten Begriffen um), so kann auch der soziologisch interessierte Hi-storiker bei seinen Lesern weder die vollständige Kenntnis der maßgeblichen Begriffe voraussetzen noch versuchen, sie in der Einleitung umfassend erläutern.
13 Kocka. In: Schieder, Sellin 1986, S. 79
14 Ebd., S. 79
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Die folgenden Seiten beschäftigen sich vorerst mit den für diese Arbeit wichtigsten Begriffen, um anschließend unter ihrer Anleitung der genannten Fragestellung nachzugehen. Besonders den Begriffen Milieu, Habitus und Lebensstil muss hinsichtlich ihrer deflationären Verwendung seitens der Historiker Beachtung geschenkt werden, wobei die Ausführungen zum Habitus und Lebensstil hauptsächlich Bezug auf die Habitustheorie Pierre Bourdieus nehmen. Nach der Behandlung jeder der beiden Phasen wirft der Schlussteil schließlich die oben genannte Frage auf und nennt in diesem Zusammenhang den Sinn des ganzen Unternehmens.
2. Relevante Begriffe
2.1. Milieu, Lebensstil, Habitus
Der Milieubegriff wird schon seit längerem als brauchbarer angesehen als der Klassen-, Stand- oder Schichtbegriff. Unter dem primär mit Karl Marx verbundenen Klassenbegriff versteht man „typischerweise Gruppierungen mit konträren Interessen [...], die auf ungleichen materiellen Lebensbedingungen und Machstellungen beruhen, welche sich [...] im Produktionsprozess ergeben.“ 15 Jegliche Lebensäußerungen sind nach dieser Theorie zurückführbar auf die objektiven sozio-ökonomischen Strukturen. Da es Gruppen gibt, hinsichtlich derer die Frage nach Besitz oder Nicht-Besitz an Produktionsmitteln nicht gestellt werden kann (beispielsweise der Berufsgruppen des „Mittelstandes“), wir also für ihre Lebensäußerungen kein Erklärungsmuster besitzen, und da zudem eine Klasse hinsichtlich signifikanter Merkmale in sich differenziert sein kann, ist Marx` Theorie nur bedingt anwendbar. „Stand“, definiert durch „Herkunftszugehörigkeit, durch gesellschaftliche Funktion, durch spezifische Lebensführung und durch spezifische Rechte (Privilegien) und Pflichten“ 16 , impliziert das Bild einer statischen Gesellschaft, wie es sie heute in Bezug auf alle genannten Merkmale nicht mehr gibt; dieser Begriff ist daher völlig unbrauchbar. Der Schichtbegriff referiert lediglich auf die deskriptiv erfassbaren Unterschiede der Güterverteilung und der damit verbundenen sozio-kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Gruppe; er „beschreibt [...] bestimmte Soziallagen und erklärt sie nicht und macht auch keine Aussagen über deren Entwicklung“ 17 , d.h., er ist für manche Untersuchungen zu sehr bloß zuordnend und zu wenig analytisch.
Als zugleich dynamisch und differenziert angelegt kann hingegen der Milieubegriff bezeichnet werden, da er versucht, zwischen den „objektiven“ Strukturen und den „subjektiven“ Handlungsdispositionen zu vermitteln: „Die sozialen Strukturen sind demnach ebenso Handlungsbedingungen wie die Verhaltensdispositionen oder Mentalitäten“ 18 . Letztgenannte werden nun ihrerseits wieder „relational bzw. aus den historisch praktizierten Beziehungen innerhalb und zwischen den in spezifischen Gesellschaftsstrukturen wirksamen Praxisfeldern“ 19 bestimmt. Menschen mit ähnlichen sozialen Lagen können nicht mehr zu einer Gruppe zusammengefasst werden, da objektive (zum Beispiel Alter, Geschlecht) und subjektive
15 Hradil, S. Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus. Leverkusen 1987, S. 60
16 Hartfiel, G. Soziale Schichtung. 2. Auflage, München 1981, S. 53
17 Hrdail 1987, S. 74
18 Vester, M., von Oertzen, P., u.a. Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Köln 1993, S. 127
19 Ebd., S. 128
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(zum Beispiel politische Präferenzen) intervenierende Faktoren 20 die sozialen Lagen differenzieren und somit ähnliche Lagen keine ähnlichen Faktoren implizieren, die Gruppenmitglieder sich also sehr unterscheiden können. Soziale Ungleichheit realisiert sich durch bestimmte Handlungen, und diese sind den genannten Faktoren unterworfen. Doch darf nicht angenommen werden, dass sich aus den Faktoren beliebig viele Handlungskontexte postulieren lassen, denn sonst wären wir zu keiner Definition des Milieubegriffes mehr fähig. Ausschlaggebendes Moment einer solchen Definition ist der Begriff des Lebensstils; unter einem Milieu versteht man „eine Gruppe von Menschen [...], die solche äußeren Lebensbedingungen und/oder inneren Haltungen aufweisen, aus denen sich gemeinsame Lebensstile herausbilden.“ 21
Mit der Definition wird die kulturgeschichtliche Wende der Sozial- und Humanwissenschaften angezeigt, die sich vor nicht allzu langer Zeit vollzog. Wichtig in unserem Zusammenhang ist die Feststellung, dass Kultur keinen für sich bestehenden Bereich darstellt, sondern „die symbolische Dimension des sozialen Lebens, die auf die Sinn- und Bedeutungsebene sozialen Handelns verweist“ 22 , weil sie „daran erinnert, dass alles Handeln auf der Vorstellung und Deutung von Tatsachen beruht.“ 23 Zu beachten ist dabei, dass das Handeln nicht einem zweckrationalen Vernunftbegriff untergeordnet werden darf; das würde fälschlicherweise die vollständige Kenntnis des Beziehungsgefüges der objektiven Struktur und eine einseitige Bindung der Interessen an materielle Vorteile voraussetzen. In den meisten Fällen wird das Interesse „oberhalb des Sinn-horizontes des handelnden Akteurs liegen“ 24 , denn „Handelnde können nicht alle gesellschaftlichen Ursachen in ihre Beweggründe und nicht alle Folgen in ihre Intentionen einbeziehen.“ 25 Weitgehender Konsens herrscht über die Definition des Lebensstilbegriffes. Mit ihm bezeichnen wir „in erster Linie bestimmte Muster eines in gewisser Weise routinierten und für den Alltag typischen individuellen Handelns“ 26 , welches sich in kulturell-symbolischen Strukturen als ein Zeichen-, Symbol- und Repräsentationssystem manifestiert. Die Debatte um die theoretische Verortung des Begriffes selbst brachte im Großen und Ganzen zwei Ansätze hervor; der erste „sieht die Ausprägung von Lebensstilen und die Milieubildung durch objektive Struktur-vorgaben bedingt“, während der zweite „die Wahl von Lebensstilen hand-lungstheoretisch auf individuelle Entscheidungen zurück[führt]“ 27 und somit den optionalen Charakter des Lebensstils betont. Pierre Bourdieu ist als Vertreter des strukturdeterministischen Konzepts anzusehen, da er „kulturelle Deutungen und Handlungen nicht aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang isoliert, sondern in ihn einbettet und mit ihm verknüpft.“ 28 Er entwarf die sogenannte Habitustheorie, die den Habitus als Vermittlungsinstanz zwischen Struktur und praktischem Handeln konstruiert. Unter Habitus versteht man das „Erzeugungsprinzip
20 (Die Begrifflichkeit wurde Hradil 1987 entnommen.)
21 Hradil 1987, S. 165
22 Reichardt, S. Bourdieu für Historiker? Ein kultursoziologisches Angebot an die Sozialgeschichte. In: Mergel, T., Welskopp, T. (Hg.) Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte. München 1997, S. 72
23 Tenbruck, F. H. Repräsentative Kultur. In: Haferkamp, H. (Hg.) Sozialstruktur und Kultur. Frankfurt/Main 1990, S. 37
24 Reichhardt. In: Mergel, Welskopp 1997, S. 74
25 Hradil 1987, S. 166
26 Zerger, F. Klassen, Milieus und Individualisierung. Eine empirische Untersuchung zum Umbruch der Sozialstruktur. Frankfurt/Main 2000, S. 79
27 Michailow, M. Individualisierung und Lebensstilbildungen. In: Schwenk, O. (Hg.) Lebensstil zwischen Sozialstrukturanalyse und Kulturwissenschaft. Opladen 1996, S. 72f.
28 Reichardt. In: Mergel, Welskopp 1997, S. 73
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objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem“ 29 . Er ist also ein System handlungsbestimmender Dispositionen, „ein Stück verinnerlichter Gesellschaft, deren Strukturen durch die Sozialisation einverleibt werden“ 30 , aber auch „Erzeugungsprinzip von bzw. Ordnungsgrundlage für Wahrnehmung, Denken, Vorstellungen aller [...] Strukturen“ 31 und zeichnet sich dadurch aus, dass er unbewusst ist (obgleich bewusst gemacht werden kann) und nicht in Begriffen der „Befolgung von bewussten Regeln oder Nutzenkalkülen“ 32 beschreibbar ist. Die Lebensstile sozialer Akteure nun sind Produkte des jeweiligen Habitus und werden von anderen sozialen Akteuren entsprechend ihrem Habitus wahrgenommen. Diese produzieren ihrerseits bestimmte Lebensstile, die jedoch nicht als Ableitungen aus der jeweiligen sozialen Lage, sondern vielmehr als Produkt der Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata des Habitus verstanden werden können. Die dem Lebensstil Ausdruck verleihenden Symbole fungieren laut Bourdieu also „nicht allgemein als Zeichen, sondern primär als Unterscheidungs-Zeichen“ 33 . Lebensstile haben mithin Doppelfunktion; „zugleich Signalisierung von Zugehörigkeit wie auch von Distanz zu und zwischen `sozialen Kreisen` und damit Herstellung und Gewährleistung von Identität“ 34 . Erinnern wir uns an die Feststellung, dass Milieus sich durch Lebensstile voneinander unterscheiden, so können wir jetzt sagen, dass Milieus „nicht nur Vermittler mit einer gewissen Eigenständigkeit der Gestaltungskraft, sondern zugleich eigenständige Gestalter [sind]: Produzenten ungleicher Lebensbedingungen für andere Mitglieder der Gesellschaft.“ 35 Die Habitustheorie vermittelt, und das macht ihre Brauchbarkeit für den Historiker aus, zwischen den „objektiven“ Strukturen einer Gesellschaft und den „subjektiven“ Leistungen der Individuen dieser Gesellschaft. Es ergibt sich hiermit die Möglichkeit, den Gegensatz bzw. das bloße Ne-beneinanderbestehen von Struktur- und Ereignisgeschichte zu überwinden; erforderlich ist dafür eine umfassende Kenntnis nicht nur der sozialen Lage des Handelnden, sondern auch der Praxis der ihn umgebenden sozialen Akteure. Von hier aus wird dann auch ersichtlich, warum Menschen entgegen ihren eigenen Interessen handeln; nämlich aufgrund der Tatsache, dass zwar auch ihre soziale Lage Bedingung ihres Handelns ist, sie daneben jedoch der Konfrontation mit der Praxis anderer Gesellschaftsmitglieder ausgesetzt sind, die ihrerseits, indem sie wahrgenommen wird, den Habitus modifiziert.
Bürgerliche Milieus sind, da viele der Mitglieder eines sozialen Milieus sich wahrscheinlich nie begegnen werden, auf der Ebene der Makromilieus anzusiedeln; ihren Lebensstil wird man wegen seiner charakteristischen Nähe zu den Individuen eher auf die Mikroebene einordnen. Die Verbindung zwischen Struktur und Individuum wird komplett, denn „im Ergebnis, d.h. der Kategorisierung von Gruppen, besteht [...] letztlich kaum ein Unterschied zwischen einer Lebensstilgruppe und einer Milieugruppe.“ 36
29 Bourdieu, P. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 4. Auflage, Frankfurt/Main 1987, S. 277
30 Reichardt. In: Mergel, Welskopp 1997, S. 73
31 Fröhlich, G. Kapital, Habitus, Feld, Symbol. Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu. In: Mörth, I., Fröhlich, G. (Hg.) Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu. Frankfurt/Main 1994, S. 38
32 Ebd., S. 43
33 Ebd., S. 48
34 Zerger 2000, S. 76
35 Hradil 1987, S. 167
36 Zerger 2000, S. 82
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2.2. Gibt es „das Bürgertum“?
Der Umgang mit dem Begriff „Bürgertum“ scheint unproblematisch zu sein; bei seiner Verwendung sind wir selbst ziemlich sicher, was wir meinen, und kaum jemand stellt uns die Frage, was genau man unter dem Begriff zu verstehen hat. Die Beantwortung dieser Frage jedoch dürfte sich nicht in jedem Falle durch Höchstgeschwindigkeit auszeichnen. Schnell wird klar, dass wir solche Gruppen als dem Bürgertum zugehörig bezeichnen, die hinsichtlich ihrer einzelnen Merkmale sehr stark voneinander abweichen. Doch etwas, so sagen wir uns, muss ihnen gemeinsam sein, denn sonst würden wir sie nicht mit demselben Begriff belegen. Es ist hier nicht der Ort, die Begriffsgeschichte von „Bürgertum“ detailiert nachzuzeichnen, und auch das jeweilige Selbstverständnis des Bürgertums in den verschiedenen Epochen soll für uns ohne Belang sein. Am Anfang steht die einfach anmutende, aber potentiell zu Verwirrungen führende Aussage, dass das Bürgertum des 19. Jahrhunderts keine homogene Sozialformation ist. Für die frühe Neuzeit setzen wir Bürger mit dem Stadtbürger gleich; es entwickeln sich die Oberschichten (Patriziat bzw. Honoratiorentum) und das Kleinbürgertum (zunftgebundenes Handwerk). Im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert treten zum Bürgertum schon die Wirtschaftsbürger (die eigentliche Bourgeoisie) und das Bildungsbürgertum (Staatsbürger bzw. beamtete Intelligenz und freiberufliche Intelligenz) hinzu, um schließlich den im Laufe des 19. Jahr-hunderts sich herausbildenden neuen Mittelstand (neben dem Kleinbürgertum als altem Mittelstand) als Teil des Bürgertums geltend zu machen. 37 Das zeitgenössische Allgemeine Landrecht gibt im 18. Jahrhundert selbst eine Negativdefinition für das Bürgertum an; demnach gehören diejenigen zum Bürgertum, die weder dem Stand des Adels noch dem Stand der Bauern angehören. Trotzdem kann das Bürgertum nicht über seine rechtliche Lage definiert werden, da die Rechte der einzelnen Bürger-formationen unterschiedlich waren. Auch die Klassenlage kann kein Kriterium gewesen sein, „denn die einen waren selbständig, die anderen beamtet, und wieder andere zählten zu den Privatangestellten“ 38 , ebenso wenig die Bildung; „der Wirtschaftsbürger verfügte im 19. Jahrhundert nicht über jene akademische Bildung, die die Bildungsbürger als solche definierte.“ 39
Annehmbar scheint der Vorschlag, eine spezifische Kultur zum Kriterium der Bürgerlichkeit zu erheben. Da Kultur, verstanden als Leistungen auf der materiellen, sozialen und geistigen Ebene, immer mit einer gewissen Geisteshaltung verbunden ist (diese kann sowohl bewusst als auch unbewußt sein und gehört im Grunde zu den kulturellen Leistungen selbst), soll diese kurz beschrieben werden: Es finden sich „ eine besondere Hochachtung vor individueller Leistung“, „eine positive Grundhaltung gegenüber regelmäßiger Arbeit, eine typische Neigung zu rationaler und methodischer Lebensführung“, „das Streben nach selbständiger Gestaltung individueller und gemeinsamer Aufgaben, auch in Form von Vereinen und Assoziationen“ und „die Betonung von Bildung (statt von Religion)“
40
; außerdem „das Verständnis von Familie als einer privaten Sphäre emotio-
37 DasAb- und Hinzutreten bestimmter Gruppen macht den auf den ersten Blick unüberwindbaren Bruch zwischen diachroner und synchroner Ebene deutlich. Es wird sich zeigen, ob die Habitustheorie Abhilfe zu schaffen vermag.
38 Kocka, J. Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Europäische Entwicklungen und deutsche Eigenarten. In: Kocka, J. (Hg.) Bürgertum im 19. Jahr-hundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Band 1. München 1988, S. 14
39 Ebd., S. 14
40 Ebd., S. 27
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naler Geborgenheit [...], das Bekenntnis zu liberalen Tugenden wie Toleranz, Kompromissfähigkeit und Freiheitsliebe, die Bedeutung `guter` Umgangsformen“ 41 .
Kultur äußert sich in Form bestimmter Symbole, und diese haben der Ha-bitustheorie nach nicht nur Zeichenfunktion, sondern auch Unterscheidungsfunktion. Das Kriterium für Bürgerlichkeit ist demnach das Kriterium der Abgrenzung in verschiedene Richtungen; „im 18. Jahrhundert und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts profilieren sich bürgerliche Kreise zunächst noch stark als Gegenkultur zur feudalen Herrschaftsordnung und adeligen Hofkultur, in ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert [...] dominiert die Abgrenzung `nach unten`, gegenüber der Arbeiterklasse“ 42 . Es kann zudem erklärt werden, warum sich im Rahmen des Zeitlichen der Umfang der dem Begriff „Bürgertum“ unterzuordnenden Personen änderte, ohne dass dabei der Begriff deshalb eine Bedeutungsverschiebung erfahren hat, weil die „objektive“ Lage der hinzu- oder abtretenden Gruppen eine andere war als die der bürgerlichen Gruppen. Erstens könnte selbst auf der synchronen Ebene „Bürgertum“ nicht über die soziale Lage definiert werden, weil sich die einzelnen Gruppen in dieser Hinsicht voneinander unterschieden, und zweitens müsste man aus demselben Grund den Begriff angesichts der sozialen Lagen der hinzu- und abtretenden Gruppen der Sinnlosigkeit bezichtigen. Nun verwenden wir ihn aber sinnvoll. Zurückgreifend auf unser oben genanntes Kriterium von Bürgerlichkeit können wir sagen: Wenn bestimmte Gruppen hinzukamen, so wies ihre Kultur starke Ähnlichkeiten mit der bürgerlichen Kultur auf. Der Grund dafür mag in der vergleichbaren Konfrontation mit anderen Lebensstilen (so des Adels oder des Proletariats) liegen; Konfrontation bedeutet Wahrnehmung und Bewertung sowohl der eigenen als auch der fremden Praktiken, verbunden mit der Abstimmung der eigenen Praktiken auf diese Wahrnehmungs- und Bewertungsakte hin. Somit wird es möglich, dass bestimmte Gruppen sich durch ähnliche Wahrnehmungen und Bewertungen in ihren Praktiken einander nähern und also ähnliche kulturelle Leistungen hervorbringen. Der Begriff der Kultur darf indes, wie oben angedeutet, ausschließlich über materiellen Leistungen definiert werden; es steht nicht in Frage, dass die Zugehörigkeit von Personen zum Bürgertum „sich zwar auch im veräußerlichten Kulturbesitz erkennen lässt [...], dass letztlich aber ein bestimmtes Kulturverhalten [...] sowie eine durch bestimmte kulturelle Werte und Erfahrungen geprägte allgemeine Befindlichkeit die letztlich ausschlaggebenden Faktoren sind. 43 Bürgerlichkeit zeichnet sich also ebenso durch eine gewisse Mentalität aus, deren Begriff es erlaubt, die aufgrund der inneren Differenziertheit des Bürgertums bestehenden „objektiven“ Unterschiede nicht zu Zerstörern des Begriffs des Bürgertums werden zu lassen. Es gibt allerdings eine soziale Gruppe, über deren Zugehörigkeit zum Bürgertum Uneinigkeit herrscht; es handelt sich um das Kleinbürgertum. Zwar „[teilten] Handwerker und Ladenbesitzer [...] mit Kaufleuten und Industriellen den Besitz von Produktionsmitteln und Immobilien“ 44 , doch sollte ja gerade die soziale Lage kein Kriterium der Zuordnung sein. Die der Akkumulation kulturellen Materials dienende Bildung muss als Kandidat ebenfalls abgelehnt werden, da sich die unteren Mittelschichten in dieser Hinsicht oft nicht von der Arbeiterschaft unterschieden. Ihr geringes Einkommen erlaubt sogar für Teile des Kleinbürgertums die
41 Linke, A. Sprachkultur und Bürgertum. Zur Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1996, S. 22
42 Ebd., S. 20
43 Ebd., S. 23
44 Haupt, H.-G. Kleine und große Bürger in Deutschland und Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts. In: Kocka 1988 (Band 2), S. 268
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Bezeichnung als „proletarisierter Gruppe“. Auch ohne einer etwaigen Begriffsverbiegung anheim zu fallen kann das Kriterium „bürgerliche Kultur“ eingeengt werden auf den Begriff des Leistungsgedankens. Auffindbar in allen bürgerlichen Gruppen, funktioniert er jedoch nicht als bloßes Kennzeichen, sondern auch als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Schichten: „Er diente etwa dazu, die Welt der Meister und Ladeninhaber von den unteren Klassen abzugrenzen, die aufgrund ihrer Lebensbedingungen nicht einmal den Schein der Bürgerlichkeit aufrechterhalten konnten.“ 45 Das auf den Punkt gebrachte Kriterium fällt somit im engen Sinne in den Bereich der Mentalitäten und nur im weiteren Sinne in den Bereich der Kultur. 46
2.3. „Modernisierung“
Der Umgang mit diesem Begriff gebietet Vorsicht, denn er ist nicht nur sehr jung, sondern wird auch von den einzelnen Wissenschaftszweigen mit unterschiedlichen Konnotationen gebraucht. Seinen Ursprung verdankt er der US-amerikanischen Soziologie der 50er Jahre, die im Zuge seiner Verwendung auf „die soziale und politische Entwicklung der sogenannten `unterentwickelten` Länder“ 47 referierte und in der Manier ihres Faches auf diesen Vorgang einen synchronen Zugriff suchte, wobei Variablen wie „Alphabetisierungsrate, Wachstumsquoten, Verstädterung, Wahlrecht oder Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen“ 48 über das Vorhandensein von Modernisierungsprozessen entscheiden sollten. Anwendung fanden diese Variablen sowohl auf die politische und ökonomische Struktur als auch auf das kulturelle System und den psychologischen Status. Die Geschichtswissenschaft übernahm den Modernisierungsbegriff mit dem Ziel der „Emanzipation der Sozialgeschichte.“ 49 In Abwendung von einzelnen Personen- oder Staatsaktionen und somit der Ereignisgeschichte, die unter den strukturgeschichtlich orientierten Historikern immer den negativ bewerteten Eindruck des Zufälligen hervorruft, startete man unter Zuhilfenahme sozioökonomischer Kategorien die Erklärung der gravierenden Veränderungen seit dem späten 18. Jahrhundert. Das Hauptaugenmerk lag auf dem Wandel des ökonomischen und politischen Systems, im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte oft „Doppelrevolution“ genannt; andere Faktoren konnten aufgrund des strukturalistischen Ansatzes aber nicht Außen vorgelassen werden. Modernisierung meinte also in erster Linie den Prozess der Industrialisierung, der verbunden war mit dem relativen (!) Rückgang des Agrarsektors gegenüber dem nun anwachsenden Industriesektor, einer mit erhöhter Geschwindigkeit fortschreitenden Arbeitsteilung, der sich ausweitenden Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen, dem Ansteigen der Produktion und des durchschnittlichen Einkommens. Begrifflich getrennt von der Industrialisierung als einem lang andauernden Vorgang ist die industrielle Revolution zu betrachten, die als „take off“ die rasante Umwälzung der Produktionsmethoden sowie deren kurzfristige Wirkungen bezeichnet. Hinsichtlich des politischen Wandels wird einerseits von der Zentralisation der Herrschaft gesprochen; der „Staat“ (bzw. Staatsapparat) eignet sich bestimmte Kompetenzen an und entscheidet über die diesbezügliche Vertei-
45 Ebd.,S. 269
46 Benutzt man den weiten Sinn, fällt das Kleinbürgertum heraus, da es nicht über die Mittel verfügte, ein „bürgerliches“ Leben zu führen.
47 Mergel, T. Geht es weiterhin voran? Die Modernisierungstheorie auf dem Weg zu einer Theorie der Moderne. In: Mergel, Welskopp 1997, S. 204
48 Ebd., S. 205
49 Ebd., S. 209
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lung von Ressourcen. Das wiederum erfordert andererseits den expliziten Nachweis einer Legitimation, die ihre Artikulation im Hinweis auf politische Partizipationsmöglichkeiten findet. Das heißt also auch, dass mit der Modernisierung eine umfassende Politisierung in die Gesellschaft Einzug gehalten hat.
Eher als Wirkungen bzw. Folgen der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen wird dagegen eine Anzahl weiterer Faktoren angesehen; Urbanisierung (vor allem durch den Wegzug der ländlichen Bevölkerung), demographische Revolution (die Urbanisierung verstärkend), verbesserte Hygienebedingungen und Lebensmittelversorgung, Entwicklung der modernen Wissenschaft und spezifischer Organisationsformen, Veränderungen des Schulsystems, Säkularisierung, wachsende Bürokratisierung, Wandel der Lebensformen (Pluralisierung derselben, Individualisierung, Werteumbruch, Aufbrechen des Paternalismus), steigende Interessenkonzentration und -organisation (Parteien, Zeitschriften, Klubs, Gesellschaften). Kritik erfuhren die Modernisierungstheorien hinsichtlich ihrer Implikation, „Modernisierung sei ein revolutionärer, unausweichlicher, irreversibler, globaler, komplexer, systematischer, langwieriger [...], tendenziell homogenisierender und [...] progressiver Prozess.“ 50 Ein solcher Vorwurf zielt ab auf die Erklärungsdefizite aufweisende Vogelperspektive strukturgeschichtlich intendierter Untersuchungen. Dass Strukturgeschichte einem anderen Anspruch verpflichtet ist als die Ereignisgeschichte und Theorien wie Bourdieus Habitustheorie die Kluft zwischen Struktur und Individuum zu überbrücken vermögen, wurde weiter oben bereits angemerkt. Zum Zweiten könne, so die Kritiker, der Unterschied zwischen vorindustriellen und im Modernisierungsprozess begriffenen Gesellschaften nicht auf die universelle Dichotomie Tradition-Modernität reduziert werden. Dieser Einwand ist insofern berechtigt, als Modernität einen Zustand, Modernisierung dagegen einen Prozess bezeichnet; im Modernisierungsprozess selbst sind also immer noch traditionelle Elemente auffindbar. 51 Doch sogar moderne Gesellschaften haben sich die Pfade in ihre Vergangenheit nie ganz verbaut; das Gegenteil zu behaupten hieße zu sagen, die gesamte Gesellschaft hätte Einblick in das Projekt „Modernisierung“ und würde, einer zweckrationalen Vernunft folgend, das angestammte Haus vom Staub der alten Zeit gründlich befreien. Als Hauptkriterium der Modernisierung im geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang gilt der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Blickt man als Historiker dabei auf soziale Milieus, müssen jedoch vor allem die Auswirkungen modernisierender Eingriffe sowie das konkrete Verhalten einer begrenzten Personengruppe einer Untersuchung unterzogen werden.
3. Bürgerliche Milieus im 19. Jahrhundert
3.1. Die Phase von 1815 bis 1848/49
3.1.1. Das Stadtbürgertum
Zwischen dem ausgehenden 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert hatten sich die Verhältnisse der sozialen Rangstufen kaum verändert, was hieß, dass das Stadtbürgertum eine zwar latent schon bedrohte, aber immer noch die mächtigste Gruppe innerhalb des Bürgertums darstellte. Ihr Anteil an der gesamten Stadtbevölkerung machte gerade 1-6% aus, der am
50 Wehler, H.-U. Modernisierungstheorie und Geschichte. Göttingen 1975, S. 16
51 Beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert im Namen der Nationenbildung, und diese war ein signifikanter Aspekt der Modernisierung, auf eine der Domänen der Tradition zurückgegriffen; auf die in Mittelalter und Antike wurzelnden Mythen.
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privaten städtischen Einkommen lag dagegen bei zwei Drittel bis drei Viertel. Die Bindung des städtischen Wahlrechts an ein (entsprechend hoch angesetztes) Einkommen kam sowohl den Wählern als auch den in die Stadtverwaltung Gewählten zugute, darf jedoch nicht insofern missver-standen werden, als mit der Besetzung der Stellen der einen Seite die bloße Beibehaltung ökonomischer und machtpolitischer Standards gewährleistet, der anderen Seite das Instrument der Durchsetzung gruppenspezifischer Interessen in die Hand gegeben wurde. Beide Seiten gehörten einer sozialen Gruppe an, die durch gewisse Praktiken charakterisiert war, und als soziale Praktik ist die Wahl nicht allein Ausdruck der sozialen Lage und Interessen der betreffenden Personen, sondern gibt auch Auskunft über die Beziehung der Gruppenmitglieder zueinander; ihre geringe Anzahl und Überschaubarkeit lässt einen vormodernen, auf persönlicher Bekanntschaft beruhenden Kontakt vermuten, in dessen Rahmen ökokomisches (Geld), soziales (Reputation, Prestige) und kulturelles (Bildung) Kapital zum Einsatz kommt und zur Herausbildung bestimmter Praktiken und eines bestimmten Lebensstils, wovon weiter unten noch die Rede sein wird.
Auf der politisch-rechtlichen Ebene war es erklärtes Ziel dieser Gruppe, die „Dichotomie von Stadtbürgern und Einwohnern“ 52 aufrecht zu erhalten. Eine potentielle Bedrohung ging hier von der staatlichen Bürokratie mit ihrem Streben nach vereinheitlichender Reglementierung und zentralstaatlicher Gesetzgebung aus; der Erfolg dieser Politik wäre gleichbedeutend mit der Ersetzung rechtlicher und sozialer Ungleichheit durch die Stadtgemeinde gleichberechtigter Staatsbürgereinwohner. Ein wahres Horrorszenario für die von verkrusteten Denkmustern geprägte Stadtelite; sie bewies Standesbewusstsein, das durch die Wahrnehmung der konkreten Umwelt, nicht aber durch die Kenntnis der zeitgenössischen Rechtsformalie begründet wurde. Denn de iure gehörten auch Beamte und freiberufliche Akademiker zum negativ definierten Stand des Bürgertums, die trotzdem ohne Bürgerrecht in den Städten lebten. Die identische Rechtsbezeichnung veranlasste das Stadtbürgertum jedoch keineswegs, standesfremde Personen wohlwollend in seine Arme zu schließen, zumal gerade Beamte als Personifizierung des Staates die abstoßende und bedrohliche Aura eines lauernden und die Tradition aushöhlenden Feindesdiplomaten mit sich herumtrugen.
Rechtliche Veränderungen, die die ökonomischen Verhältnisse betrafen, stellten ebenfalls eine Bedrohung der althergebrachten Standesstrukturen dar. Schuld an der Missgeburt der „Gewerbeanarchie“ war die Revision der Städteordnung von 1831, im Zuge derer Auswärtige die Erlaubnis erhielten, ein städtisches Grundstück zu erwerben und einen Gewerbebetrieb zu eröffnen. Die Scheu vor riskanten Neuerungen wie der Gründung, Leitung und Finanzierung moderner, maschinell ausgerüsteter Fabriken zeugen von traditioneller Wirtschaftsmentalität; demonstrativ wurde an der Tradition des Handelskapitalismus festgehalten. Vorläufige Erfolge erzielten die bürgerlichen Schwureinungen mit ihrem Bestreben, Reichtumsmacht nicht in politische Macht umschlagen zu lassen. Gewiss kann man die Frage stellen, warum sich das Stadtbürgertum gegen den Wandel zum Industriesystem sperrte, denn eine Anpassung an dasselbe hätte nicht nur den Gewinn einer zwar neuen, aber genauso rentablen Einkommensquelle nach sich gezogen, sondern auch die Möglichkeit beinhaltet, aktuelle Machtverhältnisse in das neue Wirtschaftssystem selbst hineinzutragen. Es ist wahrscheinlich, dass diese Gruppe sich nicht am
52 Wehler, H-U. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“. 1815-1848/49. (Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 2). München 1987, S. 175
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immer öfter anzufindenden Leistungsgedanken stieß, denn den setzte auch ihre eigene Wirtschaftsaktivität voraus. Vielmehr bangte man um den Verlust der Überschaubarkeit machtpolitischer und ökonomischer Strukturen; die jeweiligen städtischen Bürgergeschlechter kannten sich unter-einander, wussten um ihre eigene und um die fremde Reputation, der ordnungsmäßige Ablauf ökonomischer Prozesse war ihnen gewiss. Folge einer industriekapitalistischen Wirtschaft wäre ein in seinen Folgen unabsehbares Bevölkerungswachstum und die Produktion derartiger sozialer Verhältnisse, die letztlich die politische Machtelite zu unbilligen Konzessionen zwingen oder bei Maßnahmenverweigerung die Ausartung in Gewalt bedeuten würde. Zudem war der Beruf des Unternehmers mit einer hohen Risikobereitschaft verbunden, was außerhalb jedweder Handlungspräferenzen eines Stadtbürgers lag, und selbst das persönliche Fernhalten von unternehmerischen Aktionen schloss nicht die Möglichkeit aus, dass Krisen des Industriekapitalismus auch ihn selbst treffen würden; die Anonymität des neuen Marktes hätte ein Einschreiten von vornherein verhindert.
Noch war die soziale Hierarchie von der anlaufenden Entwicklung kaum berührt. Das Großbürgertum, d.h. Großkaufleute, Bankiers, Verleger, hohe Beamte, bewegten sich in eigene Verkehrs- und Heiratskreisen; das Kleinbürgertum, also selbständige Handwerker und Gewerbetreibende, Kaufleute, Krämer, mittlere Beamte, stellten das „Bollwerk des Traditionalimus“ 53 , verfügten jedoch nicht über das spezifische soziale Kapital, um mit dem Stadtbürgertum eine fruchtbare Bindung einzugehen; die rechtliche Lage der Hintersassen und Schutzverwandten war weiterhin labil; und der großen Mehrheit der Stadtbevölkerung (Handwerksgesellen, Handarbeiter, Tagelöhner, Dienstboten, Gesinde) war ein Leben in Passivität beschieden.
Ganz klar muss die Vorstellung angegriffen werden, nach der das Stadtbürgertum die klassische Trägerschicht des modernen Industriekapitalismus gewesen sei. Im Gegenteil erwies sie sich als mentaler Hemmschuh der Dynamik des ökonomischen Modernisierungsprozesses. Eine zählebige traditionale Mentalität bestimmte jegliche Lebensäußerungen seitens dieser sozialen Gruppe.
3.1.2. Die Bourgeoisie
So wie das Stadtbürgertum die Bourgeoisie bekämpfte, machte die sich konstituierende Bourgeoisie ihrerseits dem Stadtbürgertum keinerlei Avancen. Durch den Vorbildcharakter der industriellen Revolution in England unter immensem Nachahmungsdruck stehend, bildeten die ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts den Beginn der Herausbildung zweier Klassen, die indes nicht sämtliche Gesellschaftsmitglieder umfasste, sondern eben nur bestimmte Personen. Als Besitzklasse verfügte die Bourgeoisie über ökonomische Kapitalien, zeichnete sich durch hohe Leistungsfähigkeit aus, übernahm dementsprechende Leistungsfunktionen und sicherte sich, indem sie diese Faktoren interessengemäß kombinierte, die Marktmacht. Wirtschaftliche Interessen waren beispielsweise Verteidigung von Unternehmerinteressen, Vermehrung der Lebenschancen, Verminderung der Lebensrisiken, Minimierung der Fremdbestimmung und Maximierung der Planungs- und Handlungsautonomie. (Die zweite der beiden Klassen ist die industrielle Lohnarbeiterschaft als Erwerbsklasse, soll hier aber nicht behandelt werden.)
53 Ebd., S. 177
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Doch „ging der wirtschaftliche Aufstieg dieser Klasse nur selten mit einem deutlichen Zugewinn an sozialer Geltung und politischer Macht Hand in Hand.“ 54 Noch begriffen sich die Bürger und Nicht-Bürger dieser Gesellschaft nicht als Angehörige einer Klasse, sondern eines Standes, war das Wirtschaftsbürgertum gerade erst auf dem Weg zu einer Klasse „an sich“, aber weit davon entfernt, eine Klasse „für sich“ zu sein. Zu Recht wird in der Wissenschaft von einer „Feudalisierung“ der Bourgeoisie gesprochen, die sich auf sozialer und kultureller Ebene abzeichnete und wovon weiter unten zu sprechen sein wird. Abgesehen davon lässt ein internationaler Vergleich das deutsche Wirtschaftsbürgertum, gemessen am Westen, insgesamt sogar eher schwach und schwunglos erscheinen. Der politische Kampf wurde einerseits gegen das starrsinnige Stadtbürgertum geführt, welches mit seinen Zünften als Ausdruck handelskapitalistischen Traditionalismus und seinem Festhalten an der Honora-tiorenherrschaft das Freigeben des Weges zu modernem Industriekapitalismus und Kommunalpolitik rigoros verweigerte. Abgemildert wurde ihr Verhältnis zueinander durch zeitweiliges Konnubium (soziales Prestige wog in dieser noch ständisch geprägten Welt zumeist schwerer als die erfolgreiche Suche nach Erfüllungsgehilfen rein wirtschaftlicher Interessen) und die identische Haltung, nämlich Abwehr, dem vierten Stand gegenüber. Von genuin bürgerlicher Mentalität zeugt die Kritik am Adel; sein Müßiggang, die ungerechte Steuerbelastung und die Zurschaustellung des Militärischen passten nicht in die bürgerlichen Vorstellungen von Leistung, pro-forma-Egalität und Emanzipation des Menschen im Sinne der Aufklärung. Auch die eigenen Standesreihen verschonte man nicht; das Verhältnis zum Bildungsbürgertum, besonders zu den Beamten, gestaltete sich ambivalent. Der Druck des Beamtenstaates widersprach gewissen wirtschaftsliberalen Interessen, darf aber nicht dahingehend fehlinterpretiert werden, dass das Wirtschaftsbürgertum die Abschaffung jeglicher Kontrollinstanzen zum Ziel auserkoren hätte: „Extrem antigouvernementale Laissez-faire-Politik wurde von deutschen Unternehmern nur selten gefordert. [...] Kollektive Orientierungen lagen ihnen näher“ 55 . Trotz staatsliberalen und aufklärerischen Gedankenguts insistierte man mit Blick auf die unteren Klassen auf die „natürliche Ungleichheit“ und war voller Furcht vor der Pöbelherrschaft. Das politische Programm beinhaltete zwar die unterschiedlichsten Arten von Freiheiten, sah jedoch nicht die Erringung einer „gleichmacherischen Demokratie“ vor. Sozialer und politischer Radikalismus lag dieser Gruppe sowohl bezüglich der Inhalte als auch der Vorgehensweise fern; nicht mit Revolutionen, sondern maßvollen Reformen sollte der Übergang zum Verfassungsstaat vollzogen werden. Spätestens hier würde man zu „Koalitionen“ mit dem Bildungsbürgertum bereit sein müssen, da höhere Einsicht (bedingt durch Bildung) größere Einsicht und somit verbesserte Handlungsdispositionen versprach.
Innerhalb der Bourgeoisie herrschte ein hohes Maß an Selbstrekrutierung; der größte Teil der Unternehmer stammte aus Familien, in denen schon der Vater Fabrikant, Bankier oder Kaufmann gewesen war. Ein weitaus geringerer Teil hatte einen Pfarrer, Lehrer, Beamten oder Gelehrten zum Vater, ungefähr genauso viele einen Handwerker, Händler oder Gutspächter. Auch ihre Ausbildungslaufbahn hatte sich unterschiedlich gestaltet; etwa die Hälfte nannte sich Bank- oder Kaufmann, ein Drittel war ausgebildeter Handwerker, die restlichen hatten eine Hoch- oder
54 Kocka, J. Stand - Klasse - Organisation. Strukturen sozialer Ungleichheit vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert im Aufriss. In: Wehler, H.-U. (Hg.) Klassen in der europäischen Sozialgeschichte. Göttingen 1979, S. 142
55 Kocka. In: Kocka 1988, S. 71
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Fachhochschule besucht oder arbeiteten vor ihrer Unternehmerkarriere als Beamte oder Freiberufler.
Lokal verwurzelt, war auch das Wirtschaftsbürgertum in seiner Anfangszeit durch Immobilität gekennzeichnet, was aber den Vorteil der vertrauten Umgebung mit sich brachte; ein fremdes Umfeld bedeutete härteren Existenzkampf, schloss jedoch auch den Gewinn unabdingbarer Erfahrungen ein. Die Familienpolitik war auf die langfristige Steigerung des materiellen und sozialen Kapitals ausgerichtet, dementsprechend geschäftsmäßig kalkulierte man Hochzeiten und näherte sich damit adliger Familienpolitik an. Charakteristisch war das adelsgleiche Bestreben, die Ehre der Familie insgesamt zu vermehren, denn nur so konnten sich wahre Unternehmerdynastien herausbilden. Je mehr man versuchte, in Adels- oder bildungsbürgerliche Familien einzuheiraten, um so verpönter wurde das „Heiraten unter dem Stand“. Es entstanden also untereinander vernetzte Heirats- und Verkehrskreise, innerhalb derer die Regeln sozialer Kontrolle strikt eingehalten als auch angewendet wurden. Trotz der Adelskritik seitens des Bürgertums ist eine anhaltende Adelsimitation feststellbar, die nur möglich war aufgrund des erwirtschafteten Profits. Gab man sich als Wirtschaftsbürger früher mit einem bescheidenen Wohngebäude zufrieden und wurde dieses „Verhalten so gerne durch Attribute wie `maßvoll` oder `bescheiden` charakterisiert“ 56 , so wohnte man nun in einer geräumigen, zweckdienlichen Villa und führte einen „grandseigneuralen“ Lebensstil. Ökonomische und Statusziele standen demnach nebeneinander; der Stolz auf die eigenen Leistungen, die Befolgung eines verpflichtenden Arbeitsethos und die rastlose Erfüllung im Berufsleben hinderten nicht daran, ständische Exklusivität für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Im Dienste derselben standen auch der Versuch, Titel bzw. Orden verliehen zu bekommen, und sich in den Stand des Verdienst- oder Geburtsadels zu versetzen. Richtmaß des öffentlichen Umgangs wurde der feudalaristokratische Ehren- und Verhaltenskodex; all das drückt einen Widerspruch aus, der sich selbst durch die Analyse der ökonomischen, sozialen und kulturellen Dimension nicht auflösen lässt. „So passt der liberale politische Standort kaum zu jener willkommenen Nobilitierung [...]. Da erhält der bürgerliche Wertehorizont wiederum sehr pragmatische, oft ambivalente Züge“ 57 . Niederschlag findet diese Ambivalenz beispielsweise im Zuge der „Ausbildung einer bürgerlichen Form von Körper- und Bewegungskultur, die sich einerseits bewusst von adligen Mustern absetzt, andererseits aber auch solche Muster in anver-wandelter Form übernimmt.“ 58 Der Hang zum zeigefreudigen Lebensstil bildete sich allerdings erst im Laufe der Jahrzehnte nach 1820 heraus, vorher „disziplinieren [sie] sich in dieser Hinsicht selbst, bleiben demonstrativem Luxus und Konsum gegenüber meist ebenso reserviert wie etwaigen Bohemien-Moden.“ 59 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Abgrenzung zum Adel hin sogar ausgesprochen stärker als zu den unteren Schichten und im Grunde signifikant für das deutsche Wirtschaftsbürgertum. Das mag unter anderem daran gelegen haben, dass es zwar ein Unterscheidungsmerkmal wie den Leistungsgedanken vorweisen konnte, dieser jedoch noch nicht ausreichte, sich vom Adel, der ja immer noch ein hohes Sozialprestige besaß, markant zu unterscheiden. Eine allzu frühe Übernahme spezifisch adliger Lebensformen wäre wahrscheinlich fast einem Eingeständnis der eigenen Schwäche und Einfallslosigkeit gleichgekommen. Die Überzeugung, „dass Erfolg und Glück keine unerklärlichen
56 Kaschuba, W. Deutsche Bürgerlichkeit nach 1800. Kultur als symbolische Praxis. In: Kocka 1988 (Band 3), S. 39
57 Ebd., S. 39
58 Linke 1996, S. 77
59 Kaschuba. In: Kocka 1988 (Band 3), S. 38
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Geschenke des Zufalls, sondern vorhersehbare Ergebnisse von rationalem Handeln sind“ 60 , musste unter Beweis gestellt werden; war dieser Beweis erbracht, konnte man daran gehen, auch fremde Kulturelemente zu absorbieren, ohne sich des Aufgehens in einer fremden Schicht verdächtig zu machen. Förderung erfuhr typisch kapitalistisches Verhalten durch den vom frühneuzeitlichen Modernisierungsprozess geprägten protestantischen Arbeitsethos; das Ideal der disziplinierten Weltarbeit und des Erfolgstrebens stand Pate bei der Herausbildung wirtschaftsbürgerlicher Arbeitsmentalität.
Sehr viel schwieriger war kulturelles Kapital in Form der Bildung zu erwerben. Die einem solchen Kapital verpflichtete Gruppe des Bildungsbürgertums erhob Anspruch auf die Überlegenheit der Bildung gegenüber der industriellen Leistungsfähigkeit, worauf das Wirtschaftsbürgertum mit dem Verweis auf den Fortschrittsglauben und den ökonomischen Progress der eigenen Klasse antworteten. Es war zudem argumentativ leichter, die Nützlichkeit der ökonomischen Modernisierung im Rahmen der Nationenbildung höher als die der Bildung einzuschätzen. Das bürgerliche Individualitätsideal bedingte allerdings ein gewisses Maß an Bildung, und so „suchen [sie] die Mitgliedschaft in Kunstvereinen, Salons, Zirkeln, in denen diese `feinere` Bildung gepflegt und vermittelt wird“ 61 . Der politischen Zwecken entspringende „Koalitionszwang“ wurde weiter oben schon deutlich gemacht. Es dürfte noch etwas Weiteres gegeben haben, was die beiden Bürgergruppen zusammenrücken ließ. Das war erstens der Stolz auf eigens erbrachte Leistungen, der natürlich beim beamteten Bildungsbürgertum hinsichtlich seiner exekutiven Funktion wesentlich geringer gewesen sein dürfte als beim Wirtschaftsbürgertum; diese Differenz hebt sich aber auf, da das Bildungsbürgertum sich ebenfalls vom „ungebildeten“ Adel abheben wollte und außerdem wie das Wirtschaftsbürgertum in Abgrenzung vom Adel auf seine Nützlichkeit hinweisen konnte; nur dass das Wirtschaftsbürgertum im Dienste der Nation, die Beamten dagegen im Dienste des Staates Leistungen erbrachten. Die Herausbildung verbindender Interessen machte sich bemerkbar am aufblühenden Vereinsleben, durch welches bürgerliche Menschen oft schon in ihrer Studentenzeit Prägung erfuhren; in den studentischen Burschenschaften pflegten sie „demonstrativ `gemeinsames deutsches Wesen` [...], gleichermaßen gerichtet gegen lokalbürgerliches `Philistertum` wie gegen kleinstaatliche Obrigkeiten.“ 62 Ähnlich identitätsstiftend wirkte die Mitgliedschaft in Freimaurerlogen, Wirtschaftsverbänden oder Handelskammern. Als modern sind diese Organisationsformen deshalb zu bezeichnen, „weil sich darin zum ersten Mal in dieser Form und Breite eine Art von politischem `Gesinnungshabitus` manifestiert“ 63 ; gesellschaftspolitische Präferenzen wurden so zu einem von mehreren, vonein-ander nicht unabhängigen Merkmalen, anhand derer die Zugehörigkeit zur Gruppe des Bürgertums bestimmt wurde.
Hinsichtlich des Hauptkriteriums für Modernisierung im geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang kann das Wirtschaftsbürgertum tatsächlich als Hauptinitiator bezeichnet werden, da es den eigentlichen Übergang zur industriekapitalistischen Arbeitsweise nicht nur selbst vollzog, sondern auch die bisher einzige Gruppe war, die an die Fortschrittlichkeit des neuen Wirtschaftssystems glaubte. Neu war der Zusammenschluss zu Organisationen, die spezifische politische und wirtschaftliche Interessen artikulierten und sich darüber hinaus als Instrument der
60 Kondylis, P. Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform. Die liberale Moderne und die massendemokratische Postmoderne. Weinheim 1991, S. 38
61 Kaschuba. In: Kocka 1988 (Band 3), S. 33
62 Ebd., S. 27
63 Ebd., S. 28
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Durchsetzung dieser Interessen verstanden; Ausdruck für die Auffassung, der Mensch hätte das Recht und die Möglichkeit, die durch rationale Einsicht gewonnenen Handlungsmaximen in die Tat umzusetzen. Der Tradition war man insofern noch verhaftet, als man sich Gruppen gegenüber, die als nicht standesgemäß galten, verschloss. Das gilt sowohl für die unteren Schichten als auch für den Adel, auch wenn man von ihm gewisse Verhaltensweisen übernahm. Diese verstärkten im Grunde die Abgrenzung, da sie in der eigenen Wahrnehmung in einem anderen Kontext standen; zwar erwarb man beispielsweise Villen, die den adligen Wohngebäuden in nichts nachstanden, diese sollten jedoch den Stolz auf die persönlich erbrachten Leistungen (und nur durch den damit erzielten Profit konnte man sich Luxus leisten) ausdrücken. Das Wirtschaftsbürgertum folgte keinem Denken, das sich dadurch auszeichnete, dass man in opportunistischer und rein berechnender Manier nach jeder Möglichkeit griff, die die Steigerung der ökonomischen Handlungsfähigkeit versprach. Es stellte auch noch keine überragende Mehrheit der Bevölkerung dar, sondern war ein „in sich geschlossener [...] und sowohl gegenüber dem Bildungsbürgertum wie gegenüber dem Adel abgegrenzter“ 64 Teil der Gesellschaft.
3.1.3. Das Bildungsbürgertum
Das Bildungsbürgertum stellt neben der Bourgeoisie die das gesamte Bürgertum prägendste Gruppe dar, hatte jedoch genau wie dieses vorerst einen recht kleinen Umfang. Zu ihr gehörten die verschiedensten Berufsgruppen; Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Gymnasiallehrer, Professoren, höhere Verwaltungsbeamte, Naturwissenschaftler, Ingenieure, Schriftsteller, Journalisten, Apotheker, Architekten, Pfarrer. Sie wiesen in der Regel eine hohe soziale Herkunft und einen hohen Grad an Selbstrekrutierung auf.
Ihr ursprünglicher Schwerpunkt lag in der Bürokratie, der Geistlichkeit, dem Medizinal- und Universitätswesen, bis zu Beginn des 19. Jahr-hunderts die freien akademischen Berufe vordrangen. Bislang bestand aufgrund der hohen Alimentierung der Beamten das höchste Ziel darin, in den Staatsdienst einzutreten, da sich aber die Aufnahmefähigkeit hier in den 20er Jahren erschöpfte, strömte man nun vermehrt in die freien Berufe.
Es findet sich in diesem Zusammenhang eine Spaltung innerhalb des Bildungsbürgertums selbst. Denn im Zuge der Ausbreitung kapitalistischer Marktbeziehungen wuchs der Bedarf an immer spezialisierteren Arbeitskräften, die ihre jeweiligen Leistungen auf dem sich konstituierenden Markt anboten. Hieraus entsprang ihr Interesse an der Maximierung ihrer Autonomie gegenüber Laien und Konkurrenten, der Steigerung der Marktmacht und einem höheren, den Leistungen angepasstes Einkommen. Die staatliche Reglementierung der akademischen Ausbildung hielt jedoch an und wurde zudem von Personen durchgeführt, die aus den zu kontrollierenden Berufen selbst stammten. Seit dem Vormärz gab es auffällige Spannungen zwischen der beamteten Intelligenz und gebildeten Bürgerlichen; erstere leistete trotz der Verteidigung des Wirtschaftsliberalismus aus Angst vor einer „Expertenautonomie“ Widerstand gegen das Freigeben mancher Berufe, letztere riefen nach der Privatisierung von bisher staatlichen Tätigkeitsfeldern und begannen, die bürokratische Herrschaft überhaupt in Frage zu stellen. Dieses Problem ist Ausdruck einer der Widersprüche, die aus bürgerlichen Auffassungen folgten; Bürokratie impliziert anonyme und rationale Bewältigung von Angelegenheiten der
64 Kocka. In: Kocka 1988 (Band 1), S. 59
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verschiedensten Lebensbereiche und wurde als säkulares und somit modernes Element begrüßt, andererseits befürchtete man eine dem Individualitäts- und Selbstverantwortungsstreben entgegenstehende „Gängelei von oben“. Da man aber auch an die Vernunftbegabtheit des Menschen glaubte, fand man einen Kompromiss, der dem Staat, was die Kontrolle der Berufe anging, Einfluss in formaler Hinsicht gewährte, den Berufsangehörigen dagegen die jeweiligen inhaltlichen Bestimmungen überließ. Die wachsende Spezialisierung der Berufe ist nun ein charakteristisches Merkmal des Bildungsbürgertums und hilft bei der Erklärung der immer stärkeren Fragmentierung dieser Gruppe. Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Besitzklasse, sondern „eher ihre Zugehörigkeit zu einer spezifischen Leistungsklasse [...] [wurde] zur Basis der kollektiven Identität“
65
. Da es dieser viele gab, erscheint das Bildungsbürgertum als zersplittert, was aber nicht über einigende Momente hinwegtäuschen sollte, zum Beispiel den Leistungsgedanken. Anders als beim Wirtschaftsbürgertum setzte hier das Verhältnis zwischen Leistungsanbieter und -abnehmer ein gewisses Vertrauen voraus, welches nur durch die Akzeptanz des Expertenwissens seitens der Abnehmer gewährleistet wurde. Das Wirtschaftsbürgertum hätte in den Personen, die die Freiheit bestimmter Berufe von staatlicher Kontrolle erreichen wollten, Verbündete finden können, da auch sie, wenngleich nicht in radikalster Form, das Zurückziehen des Staates aus manchen Bereichen forderten. Gerade das tat es nicht; Bildung war besonders in der Anfangszeit für die Bourgeoisie insofern interessant, als es dem Fortkommen im Beruf diente, während unter den Bildungsbürgern das Ideal der umfassenden Allgemeinbildung sehr viel höher stand und der Erwerb von Wissen nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit bewertet wurde. Eine Annäherung zwischen beiden Gruppen fand mit dem Eindringen von Freiberuflern in die freie Wirtschaft statt; die Heirats- und Verkehrskreise öffneten sich langsam dem Unternehmertum, auch wenn dieses somit einem „manchmal etwas antikapitalistisch gestimmten Bildungsbürgertum konfrontiert war“
66
. Es verband sie neben dem Stolz auf die eigene Leistung eine quasi-aristokratische Geisteshaltung, wobei das Bildungsbürgertum sogar auf eine längere und gefestigtere Tradition zurückblicken konnte. Auch das Bildungsbürgertum glich sich in ihrem Verhalten aristokratischen Machteliten an und ist durch seine starken ständischen Züge sowie seine Exklusivitätspflege charakterisiert. Der ganze Vorgang mag sich folgendermaßen abgespielt haben: Während der Reformepoche hatte sich das Prestige der Beamtenschaft dermaßen erhöht, dass die Zahl der Immatrikulationen an den Universitäten sprunghaft anstieg. Noch war der Zugang zum relativ billigen Studium einfach, der Andrang dementsprechend hoch. Das Einschreiten des Staates in Form höherer Anforderungen führte in den 30er Jahren zu einem Einbruch bei der Zahl der Immatrikulationen; das Bildungsbürgertum wurde so mit dem von ihnen selbst vertretenen Leistungsprinzip immens konfrontiert. Das wiederum festigte bei denen, die eine beamtete Stellung erlangt hatten, die elitäre Grundhaltung. Angesichts des gestiegenen Leistungsdrucks nimmt es nicht Wunder, dass die wechselseitige Attraktivität von Wirtschafts-und Bildungsbürgertum stieg; ihre Synthese ließ den eigentlich bürgerlichen Wertekanon erwachsen, in den nun vor allem die Bildung integriert wurde, doch der Voraussetzung eines Mindesteinkommens nicht den Rang ablaufen konnte: „Wem es zwar nicht an Bildung, jedoch an Existenzmitteln fehlte, um sich jener `bürgerlichen Gesellschaft` der Teenachmittage, der Ausflüge, der Bälle, der Essenseinladungen, der Ver-
65 Kocka.Ungleichheit. In: Wehler 1979, S. 151
66 Kocka. In: Kocka 1988 (Band 1), S. 59
18
einsmitgliedschaften mehr oder weniger regelmäßig anzuschließen, der schließt sich auf Dauer selbst aus.“ 67
Voraussetzung für derartige Aktivitäten ist ein gewisses Maß an Freizeit, gemeinhin auch „Muße“ genannt. Ein Widerspruch mit dem geforderten Leistungsprinzip ergibt sich daraus nicht, denn Arbeits- und Freizeitwelt traten allmählich immer mehr auseinander; nur der Arbeitsbereich unterstand dem Primat der Leistung, während der Freizeitbereich Dingen wie bürgerlichen (Bildungs-)Reisen, der Bildung überhaupt sowie anderen standesgemäßen Beschäftigungen, die der Verwertung und Erhöhung sozialen und kulturellen Kapitals zugute kamen, vorbehalten war. Wie schon angedeutet. Gab es hinsichtlich der Bildung Unterschiede zwischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertum. Letzteres favorisierte das neuhumanistische Bildungsideal, das „auf jener formalen, am fremden Gegenstand gewonnenen Bildung [beharrt]“ 68 und an einem unmittelbaren Nutzen für das Berufsleben nicht interessiert ist, während Bildungserwerb unter Wirtschaftsbürgern zumeist den Ansprüchen der späteren Karriere gerecht zu werden hatte.
Vormodern und teilweise widersprüchlich in seinem sozialen und kulturellen Verhalten (ständische Abschottung vor allem nach unten, obwohl de iure alle Menschen zu Bildung und Einsicht befähigt sein sollen), trug das Bildungsbürgertum doch insofern zur Modernisierung bei, als es durch sein Streben nach beruflicher Unabhängigkeit vom Staat den Weg zur „Professionalisierung“ einschlug, mit den Zug auf den sich entfaltenden Markt marktwirtschaftliche Tendenzen forcierte und aufgrund seiner fortschreitende Spezialisierung das Prinzip der Arbeitsteilung förderte.
3.2. Die Phase von 1871 bis 1914
3.2.1. Die Bourgeoisie
Die Zeit nach der Reichsgründung war gekennzeichnet von der trotz Krisen weiterhin anhaltenden Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Prinzipien und dem fortgesetzten industriellen Wachstum. Erstaunlich ist auf den ersten Blick, dass der „allmähliche [...] Übergang zum Interventionsstaat seit den 1870er Jahren [...] auf wenig Widerstand seitens der sich etablierenden großen Unternehmerverbände [stieß].“ 69 In der wissenschaftlichen Literatur findet man fast gegensätzliche Behauptungen, was das Verhältnis der Unternehmer zu Beamten betrifft, doch angesichts der Fixierung des Unternehmertums und der bei beiden Gruppen vorhandenen Leistungsorientierung kann man davon ausgehen, dass „der typische Unterschied zwischen Unternehmern und Beamten [...] an Prägnanz [verlor]“ 70 . Ein solches Sicherheits- und Ordnungsbedürfnis hing mit der sozialen Unsicherheit zusammen; erstens war die Gruppe der Wirtschaftsbürger relativ klein, so dass ihre Ausstrahlungskraft nicht zur umfassenden gesellschaftlichen Anerkennung hinreichte, zweitens konnte es sich „in Deutschland viel weniger als in Frankreich auf das beruhigende Sicherheitspolster eines breiten Kleinbürgertums stützen“ 71 und sah sich einer breiteren Arbeiterbewegung gegenüber als in anderen europäischen Ländern.
67 Kaschuba. In: Kocka (Band3), S. 25
68 Ebd., S. 49
69 Kocka. In: Kocka 1988 (Band 1), S. 72
70 Ebd., S. 72
71 Kaelble, H. Französisches und deutsches Bürgertum 1870-1914. In: Kocka, J. (Hg.) Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich (Band 1). München 1988, S. 134
19
Seit den 70er Jahren ist ein zunehmender Wechsel aus bürokratischen Karrieren in die Unternehmertätigkeit feststellbar; in diese Zeit fällt das Aufkommen des Managerberufs, in den vor allem Personen aus Beamten-oder höheren Angestelltenfamilien strömten und der die zunehmende Trennung von unternehmerischen Eigentums- und Kontrollfunktionen förderte. Ein weiteres Merkmal innerer Fragmentierung ist die von den klassischen Unternehmern zu unterscheidende Entwicklung der Großunternehmer, die ihre Abgehobenheit sowohl vom Adel als auch vom gesamten restlichen Bürgertum durch einen luxusdemonstrierenden Lebensstil zu betonen versuchte und für die akademische Bildung kein notwendiges Statussymbol darstellte.
Klassische Unternehmer dagegen weisen nun auch ein durchweg höheres Bildungsniveau auf als zu Beginn des 19. Jahrhunderts; „der alte Bil-dungsvorsprung der akademischen Beamtem, der freien Berufe, der Hochschul- und Oberschullehrer schmolz immer mehr dahin.“ 72 Unternehmertum und Bildungsbürgertum näherten sich so einander an, ohne jedoch inein-ander aufzugehen. Zwar stieg der Prozentsatz der Unternehmersöhne, die eine bildungsbürgerliche Laufbahn einschlugen, aber umgekehrt stieg nicht der Satz der in die Wirtschaft drängenden Bildungsbürger, und auch die Heiratskreise zwischen beiden Gruppen waren nur begrenzt mit-einander vernetzt. Bezeichnend für diese Zeit ist sogar die fortschreitende Zersplitterung des Bürgertums, die auf der Ebene des sozialen Kapitals seitens des Staates dadurch forciert wurde, dass er ein kompliziertes System von Orden und Titeln sowie von Ehrungen entwarf und so die Konkurrenz um persönliches soziales Prestige heraufbeschwor. Eine Mentalitätskonstante stellte die Orientierung an einer starken und bürokratisierten Monarchie dar, was dem Wirtschaftsbürgertum den Vorwurf des Defizits an liberaler Bürgerlichkeit einbrachte. Dieser Mangel äußerte sich auf sozialer und kultureller Ebene. Erstanwärter der Verkehrs- und Heiratskreise war die Unternehmerwelt, doch hinter ihr rangierte schon das Beamtenmilieu. Starke Attraktion ging besonders seit den 60er Jahren vom Militär aus; mit diesem wurden Dinge wie Autorität des Offiziers, Disziplin und Mannschaftsgehorsam assoziiert. Die damit verbundenen Verhaltensweisen finden sich in Form eines vormodernen Paternalismus sowohl in der Arbeits- als auch Familienwelt wieder. Die Übernahme spezifisch militärischer Eigenschaften war gleichbedeutend mit der Übernahme adlig geprägten Verhaltens, da der Adel die Spitzenpositionen der Armeen dominierte.
Doch nicht nur in der Armee, auch in der Verwaltung und Politik teilte sich das Bürgertum die Macht mit dem Adel. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch die Abschottung des Bürgertums zum Adel hin Sammelpunkt bürgerlichen Gestus` war, setzte jetzt verstärkt eine Abgrenzung nach unten ein, verbunden mit der Anpassung bürgerlicher Lebensweisen an den adligen Lebensstil. Im Zuge dieser „Aristokratisierung“ 73 bauten sich Bürger schlossartige Villen, erwarben Rittergüter, waren die Söhne Mitglieder adliger studentischer Corps, wurden die Kinder auf vom übrigen Bürgertum getrennten Schulen ausgebildet, gierte man nach der Nobilitierung. Eine Verschmelzung der bürgerlichen und adligen Gruppe fand jedoch nicht statt. Ein solches Leben, das nun von „der älteren, einfachen, an bürgerlichen Werten der Sparsamkeit und Solidität orientierten Lebensform“ 74 abwich, erforderte beträchtliches
72 Ebd., S. 120
73 Der Begriff „Feudalisierung“ sollte nicht auf die Imitation adligen Lebensstils seitens des Bürgertums angewendet werden, da er auf die soziale Schichtung einer Gesellschaft referiert, „Aristokratisierung“ dagegen sich auf den Lebensstil bezieht; soziale Schichtung und Lebensstil verhalten sich jedoch nicht kongruent zueinander.
74 Ebd., S. 118
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finanzielles Kapital, welches nur mittels intensiver Wirtschaftsaktivität angesammelt wurde, wodurch wiederum die Betonung des Leistungsprinzips bewirkt und die Abgrenzung zum Adel hin beibehalten wurde. Die Paarung des hohen Maßes an Innovationsbereitschaft und Fähigkeiten im ökonomischen Bereich mit der Unfähigkeit, den sich daraus erwachsenen sozialen Konflikten zu stellen, führte zur Rechtfertigung des unternehmerischen Wettbewerbs anhand des sozialdarwinistischen Konfliktmodells; im Gesamtrahmen ein weiteres Merkmal bürgerlichen Konservatismus, der den Widerspruch zwischen deklariertem Ideal und tatsächlichem Verhalten demonstriert, wenn einerseits das Modell einer bürgerlichen Gesellschaft mit dem Anspruch auf Allgemeinheit auftritt, andererseits die Bürger „diese Demokratisierung als zweischneidiges Schwert und potentielle Bedrohung erkannten“ 75 .
Während also die ökonomische Modernisierung durch das Wirtschaftsbürgertum rasche Fortschritte erleben durfte, traten auf der sozialen Ebene Rückschritte in Form einer „Aristokratisierung“ und „sozialen Militarisierung“ ein. Mit verschiedenen Widersprüchen war man konfrontiert; das Ideal der Selbstbestimmung jenseits stattlicher Autorität lief der Anhänglichkeit zu staatlicher Intervention zuwider, und kulturelles Kapital war de iure leider auch bürgerfeindlichen Kräften zugänglich, konnte aber „weder abgeschafft noch entscheidend eingegrenzt werden, ohne Struktur und Funktionsweise eben jener Gesellschaft zu beeinträchtigen, die weitgehend auf bürgerlichen Werten und bürgerlichem Kulturgut beruhte.“ 76 Die Abgrenzung zu Bildungsbürgertum und Adel hin nahm ab, die zu den unteren Schichten dagegen zu.
3.2.2. Das Bildungsbürgertum
Der bisher recht kleinen und nur gemächlich wachsenden Gruppe des Bildungebürgertums bot sich die mit der Reichsgründung einhergehende Planstellenerweiterung in der Verwaltung als Expansionschance; zwischen 1870 und 1914 stieg die Zahl der Studenten vehement an. Die Arbeitsmarkterweiterung erlaubte aber auch das weitere Vordringen der freien Berufe. Charakteristisch für die soziale Gruppe des Bildungsbürgertums war nun die innere Fragmentierung, ausgelöst durch die Aufsplitterung des Generalistenideals des Gelehrten zugunsten des Spezialwissens von Fachexperten. Fortschritte in der Wissenschaft, d.h. also auch quantitatives Anwachsen des benötigten Wissens, und die natürliche Zeitbegrenzung ließen den einst als so wertvoll erachteten neuhumanistischen Bildungsanspruch immer mehr in den Hintergrund treten; was sich jetzt zu den Prämissen eines bildungsbürgerlichen Lebens drängte, war der Primat der Karriere. In seiner Eigenschaft als bedeutende Machtressource wurde Spezialwissen für die nichtbeamteten Akademiker zum Anlass, auf die rechtliche Autonomie ihrer Berufe zu drängen; zumindest weitgehende Teilautonomien konnte sie als Erfolg für sich verbuchen. Die beamtete Intelligenz dagegen gebärdete sich in ihrer Klammerung an den Staat wie die Bourgeoisie; hinsichtlich der zunehmenden Zahl der Studenten, die eine Expertenausbildung anstrebten, „fußte die Professionalisierung solcher Berufe viel eindeutiger als anderswo auf staatlich bereitgestellter und staatlich normierter Universitätsbildung.“ 77 Sowohl die beamteten als auch die freien Berufe zeichneten sich durch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Abneigung gegen das industrielle System und seine Wirkungen auf die Gesellschaft. Sie beharrten auf
75 Kocka. In: Kocka 1988 (Band 1), S. 53
76 Kondylis 1991, S. 52
77 Kocka. In: Kocka 1988 (Band 1), S. 73
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dem althergebrachten und prestigebehangenen Bildungsideal und demonstrierten dies „durch Abschottung, durch eine Verweigerung neuer Bildungsinhalte an den Oberschulen und Hochschulen, durch zähes Festhalten an der klassischen, humanistischen Bildung, auf der ihr Prestige aufbaute“ 78 . Das Dilemma des Bildungsbürgertums bestand darin, dass die Verflechtung zwischen Bildungssektoren und Wirtschaft schon zu weit fortgeschritten war, als dass man dieser Entwicklung etwas Andersartiges hätte entgegensetzen können; daher rührt einerseits das teilweise Anstreben von Karrieren, da nur so eine gewisse (wenn nun auch stark spezialisierte) Bildung zur Geltung zu bringen war, andererseits der oft als Verstocktheit erscheinende Habitus des Bildungsbürgertums. Einst stellte Bildung die Ersatzreligion in einer sich säkularisierenden Gesellschaft dar, war sie umfassende und verbindliche Lebensorientierung, in deren Mittelpunkt die jeglichen pragmatische Zwecken eine Absage erteilende allgemeine Bildung der Persönlichkeit stand. Ihr Anspruch war es, „Gott einerseits an die wissenschaftlich ermittelte Naturgesetzmäßigkeit, andererseits an die Postulate der neuen antiasketisch-säkularen Moral zu binden.“ 79 Es begannen sich jetzt mehrere andere Säkularreligionen zu bilden, die sich oft als der Bildungsreligion überlegen erwiesen. Einige seien hier aufgezählt: Nationalismus, Sozialdarwinismus, Antisemitismus, Naturwissenschaftsgläubigkeit, Lebensre-form- und Jugendbewegung, Imperialismus; alle sind sie Ausdruck eines allgemeinen Krisenbewusstseins, spezieller einer „Kulturkrise“. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Der Sozialdarwinismus (eher ein Merkmal des Wirtschaftsbürgertums) sollte, wie schon gesagt, die Ungleichheit zwischen reicher Bourgeoisie und armen Unterschichten rechtfertigen; der Antisemitismus brandmarkte das „jüdische Großkapital“; der Nationalismus stellte eine Kompensation für die gescheiterte 48er-Revolution und die konservative Reichsgründung dar. (Natur-)wissenschaftlicher Fanatismus war der Griff nach dem sicheren Strohhalm, denn man war der „Überzeugung, Harmonie der Welt und Gesetzmäßigkeit des Weltgeschehens heiße eo ipso Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Natur, was wiederum ein Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen gerade im schwierigen Augenblick gab“ 80 . Die hierzu gegenläufige Tendenz der Lebensreform- und Jungendbewegung prangerte nackte materialistische Gesinnung und Spießertum an organisierte sich in Bünden, einer vorindustriellen Assoziationsform, statt in Vereinen. Sie kritisierte typisch bürgerliche Werte wie Liberalismus, Aufklärung und neuhumanistischer Bildung, und forderte in ihrer verklärten Rückbesinnung auf nationale Kulturwerte eine neue Innerlichkeit. Angesichts dieser (im Bürgertum selbst sich herausbildenden!) antimodernistischen Subkultur ist die Aussage, das Bürgertum sei Vorreiter und Träger der Modernisierung gewesen, in Zweifel zu ziehen. Mit dem Aufkommen antikapitalistischer und antidemokratischer Stoßrichtungen spaltete sich das Bildungsbürgertum immer mehr auf; gleichzeitig wurde es mit dem Erstarken des Wirtschaftsbürgertums konfrontiert. Die Zeit des Kaiserreichs dürfte ein Kampf um alte Werte gewesen sein, ohne dass das Hinwenden von Personen aus der eigenen Reihe zu neuen Säkularreligionen verhindert werden konnte. Ob jedoch an der alten Bildungsidee festgehalten wurde oder nicht, charakteristisch für das gesamte Bil-
78 Kaelble.In: Kocka 1988 (Band 1), S. 123
79 Kondylis 1991, S. 26
Nicht enthaltsam zu leben wurde allerdings erst mit der sich abschwächenden Abgrenzung zum Adel hin Verhaltensnorm und bedeutete auch dann nicht werteverachtende und bohemienhafte Ausschweifung. Antiasketisches Leben hieß, in den Genuss der wohlverdienten Belohnung zu kommen.
80 Ebd., S. 27
22
dungsbürgertum (auch für die, die auf der Karriereleiter emporkletterten, denn es blieb ihnen, um gewisse Werte aufrechtzuerhalten, oft nichts anderes übrig) war die Modernisierungsfeindschaft.
3.2.3. Alter und neuer Mittelstand
Der alte Mittelstand, auch Kleinbürgertum genannt, das waren die zahlreichen Handwerker, Kleinhändler, Gastwirte und Spediteure, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Stadtbürgertum hervorgegangen waren. Zwar verfügten sie wie das restliche Bürgertum über Produktionsmittel, konnte jedoch kein so hohes Besitzniveau vorweisen, hatten kleinere Betriebe, die zudem vorwiegend nicht maschinell, sondern handwerklich arbeiteten. Bezüglich der Arbeitszeit, des Einkommens und der Labilität der Lebenslage näherten sie sich den Standards eines ungelernten Arbeiters an; zahlreiche Kleinbürger lebten so unter quasi-proletarischen Verhältnissen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nun nahm die Binnendifferenzierung innerhalb dieser sozialen Gruppe zu. Einerseits setzte eine Entwicklung hin zu Großbetrieben ein, andrerseits vergrößerte sich die Zahl derer, die in proletarischen Verhältnissen lebten, während gleichzeitig eine Verschlechterung der ohnehin unter derartigen Umständen lebenden Kleinbürger eintrat.
Politisch rechneten sie sich zum Lager der Arbeitgeber und wurden somit interessant für die bürgerlichen Parteien, die in ihnen ein wirksames Instrument gegen die Sozialdemokratie sahen. Tatsächlich versuchte das Kleinbürgertum sich nach unten hin abzugrenzen und in einen höheren sozialen Rang aufzusteigen. Es agierte im Rahmen einer bürgerlichen, spezieller einer kleinbürgerlichen Sozialmentalität und wies daneben Züge auf, die auch denen anderer bürgerlicher Gruppen widersprachen; „das Lob der Arbeit stand gegen die Faulheit, die Sparsamkeit stach von der Verschwendungssucht ab, [...] das Eigentum leuchtete gegenüber der Besitzlosigkeit.“ 81 Obwohl also ihre soziale Lage denjenigen ähnelte, die für sozialdemokratische sozialistische Parteien optierten, nahmen sie sich selbst nicht als Angehörige dieser Gruppen wahr. Mitunter schwenkten zwar Kleinbürger zur SPD-Wählerschaft über, doch im Allgemeinen war es so, „dass die soziale Frage, die das bürgerliche Bewusstsein beschäftigte und erschütterte, in den Veröffentlichungen des Kleinbürgertums wenig Resonanz fand.“ 82 Umgekehrt stellte der Aufstieg in das Kleinbürgertum ein erstrebenswertes Ziel für die sozial Höherrangigen der unteren Schichten dar; die unterschiedliche soziale Lage implizierte also nicht unbedingt unterschiedliche politische und soziale Interessen.
Obwohl das Kleinbürgertum zum Bürgertum gezählt wird, hatten die anderen bürgerlichen Gruppen doch Vorbehalte ihm gegenüber. Persönlicher Kontakt wurde nicht oder kaum gepflegt; oft kannten Wirtschafts- und Bildungsbürgertum diese Gruppe lediglich aus der Literatur. Als Träger eines relativ hohen sozialen, ökonomische und kulturellen Kapitals verachteten sie die Borniertheit und Begrenztheit der „kleinen Bürger“, was diese wiederum nicht daran hindern sollte, eine höhere Bildung ihrer Kinder anzustreben, um ihnen somit die Chance des Aufstiegs in der sozialen Hierarchie zu ermöglichen. Die Erfolge waren aufgrund der Ab-
81 Haupt,H.-G. Kleine und große Bürger in Deutschland und Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts. In: Kocka 1988 (Band 2), S. 269
82 Ebd., S. 269
23
schottungstendenzen seitens Bourgeoisie und Bildungsbürgertum bescheiden, der Aufstieg ins Bürgertum also nicht nur durch Bildung und Leistung bedingt und dementsprechend steinig. Die Gier nach einem höheren bürgerlichen Rang zog eine gewisse Fluktuation innerhalb dieser Gruppe nach sich, so dass sich genuin bürgerliche Werte und Normen hier kaum zu Konstanten entwickeln konnten. Insgesamt gesehen gab es zwischen Kleinbürgertum und dem restlichen Bürgertum mehr Unterschiede und Trenn linien als Gemeinsamkeiten und Verbindungslinien. Während der 70er und prägnant während der 80er Jahre bildete sich eine neue Sozialfigur heraus; die des Angestellten. Die Angestellten rekrutierten sich vornehmlich aus den Unterschichten und aus dem Kleinbürgertum und gehörten zur Arbeitnehmerschaft. Was früher die Aufgaben von Unternehmern und gehobenen Bürokraten waren, fiel nun in ihren Arbeitsbereich; sie übernahmen arbeitsvorbereitende, kontrollierende, koordinierende, kaufmännische und verwaltungsmäßige Funktionen. Von den gelernten Arbeitern, die ebenso zur Arbeitnehmerschaft gehörten, unterschied sie die größere Sicherheit am Arbeitsplatz, eine kürzere Arbeitszeit, und der höhere Lohn. Indem ihnen häufig Anordnungsbefugnisse übertragen wurden, partizipierten sie am Herrschafts- und Informationssystem der Betriebsleitung.
Politisch verhielt sich die Gruppe der Angestellten uneindeutig; als Arbeitnehmer wiesen sie Streikbereitschaft auf und waren von daher teilweise der SPD gegenüber nicht abgeneigt, aber genauso gehörten sie zur Wählerschaft liberaler und konservativer Parteien. Ein Grund dafür könnte ihre recht unterschiedliche Herkunft gewesen sein. Wer beispielsweise aus den unteren Schichten stammte, dürfte „von Haus aus“ gewisse Tendenzen zur Sozialdemokratie gehabt haben, Angestellte mit einem kleinbürgerlichem Herkunftsmilieu werden eher spezifisch bürgerliche Parteien bevorzugt haben.
In der Selbsteinschätzung rechneten sie sich zum Kleinbürgertum, zeichneten sich aber durch eine ambivalente ideologische Grundhaltung aus. Denn einerseits, zurückführbar auf ihre Herkunft, waren sie mental in vorindustriellen Traditionen verwurzelt, hatten meist eine Aversion gegen radikale sozialistische Bewegungen und die proletarische Lebenswelt, folgten in ihrem Lebensstil dem bürgerlichen Modell und hielten sich in eigenen Verkehrs- und Heiratskreisen auf. Andererseits war die Bürowelt der Angestellten der ökonomische Bereich, in den nun vor allem Frauen einzudringen begannen und damit einen Schritt in Richtung der Emanzipation machten. Auch das Konsumverhalten war nicht spezifisch bürgerlich; mit dem spontanen Erwerb modischer Gebrauchsgüter und dem Ausnutzen von Freizeit verzichtete man auf das alte Wertemuster der aufgeschobenen Befriedigung und gerechtfertigten Belohnung. Zudem waren sie zukunftsorientiert und innovationsbereit, bejahten den technischindustriellen Fortschritt und suchten aufgrund ihrer Traditionslosigkeit nach einer modernen Kollektividentität.
Die Gruppe der Angestellten ist also nicht selbst Initiator, dafür aber Befürworter und Förderer der ökonomischen Modernisierung gewesen. Auf der Ebene des sozialen Verhaltens ist eine vormoderne Verwurzelung feststellbar, d.h. dass kein Zugang zu egalitären Gedanken gefunden wurde. Der Lebensstil hingegen setzte sich durch Ausschaltung des bloß belohnenden Konsums vom Bürgertum ab. Trotz ihres anfänglich kleinen Umfangs und späten Entstehens waren die Angestellten insofern Träger der Modernisierung, als sie mit der Funktionsdifferenzierung die Expansion der kleinbürgerlichen Berufsklassen vorantrieben. Die Frage nach der Form des gesamten „Überbaus“ zieht ihre Antwort nicht aus der Entscheidung, die Zugehörigkeit zu einer Besitz- oder zu einer Leistungsklasse als bestimmenden Faktor anzuerkennen; man gehört immer zugleich
24
beiden Klassen an, nur ihre jeweilige Gewichtung ist unterschiedlich. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde besonders hinsichtlich der Angestellten und Bildungsbürger die Zugehörigkeit zu einer Leistungsklasse mehr und mehr zum Kriterium sozialen, kulturellen und politischen Verhaltens, daneben existierten aber auch noch vorindustrielle ständische Muster, die weder von Besitz- noch Leistungsklassen nahtlos abgelöst wurden. Ergebnis der Bildung von Leistungsklassen ist, „dass die Basis, auf der Personen gleiche marktbedingte Chancen und Interessen teilten, sich als zusammengehörig verstanden und gemeinsam handelten, spezialisierter und spezifischer, die resultierende Gesamtstruktur im Endeffekt fragmentarisierter wurde.“ 83 Diese Klassen waren jedoch von „zutiefst [...] ständischen Rudimenten geprägt. Diese förderten die Entstehung umfassender, eben berufsständischer statt berufsspezifischer Einheiten mit entsprechend traditionell eingefärbten Ansprüchen und wirkten damit der sozialen Spezifizierung entgegen.“ 84
4. Wie modern war das Bürgertum des 19. Jahrhunderts?
Das im 19. Jahrhundert sich herausbildende Bürgertum fällt zuweilen in zweifacher Hinsicht einer falschen Betrachtungsweise anheim. Erstens wird der monolithische Charakter des Bürgertums, unter dem Zugeständnis einiger weniger, aber eher unbedeutender Unterschiede zwischen den jeweiligen Gruppen, postuliert. Der eine verdiente zwar mehr, der andere weniger, aber im großen und ganzen war man brüderlich befreundet und sich einig darüber, dass verschwenderischer Adel und dumpfer Pöbel angesichts des bevorstehenden Generalfrühjahrsputzes in Deutschland wohl ihre Koffer packen müssen, es sein denn, sie würden ordentlich mit zufassen. Und hier kommt der zweite Griff in die verstaubte Kiste der Allgemeinplätze; sowohl große als auch kleine Bürger waren hocherfreut, als sie erfuhren, dass nun so manche Hände erfordernde Arbeit mit Maschinen betrieben werden könne, und als man begriff, dass man das wunderbar mit Kapitalismus mischen kann und sich damit seine privaten Goldesel züchtet, fasste man sich an die Stirn und fragte sich, warum man darauf eigentlich nicht schon früher gekommen war. So war es eben nicht. Weder war das Bürgertum eine Einheit, noch war es eo ipso Träger der industriellen und politischen Modernisierung. Ini-tiator des wirtschaftlichen Fortschrittes war tatsächlich, zumindest zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einzig das Wirtschaftsbürgertum. Das Tempo des Prozesses der Entstehung spezifisch wirtschaftskapitalistischer Interessen und Marktstrukturen sollte dabei nicht überschätzt werden, und im Zusammenhang damit auch nicht die Rolle der Mentalitäten; denn eine Überschätzung würde heißen, der Geschichte einen teleologischen Charakter zu unterstellen, was aber nicht bestätigt werden kann. Es würde auch bedeuten, den Menschen als ein nach bloß nach ökonomischen Vorteilen strebendes Wesen anzusehen. Die Ableitung jeglichen Verhaltens aus ökonomischen Interessen hätte es dann zum Beispiel der Bourgeoisie verbieten müssen, Kontakte mit dem Adel zu pflegen. Eine Betrachtung der Verkehrs- und Heiratskreise belehrt uns eines Besseren; mit der fortschreitenden ökonomischen Modernisierung nahm die am Anfang durchaus vorhandene Abgrenzung zum Adel hin sogar ab. Ziel war (ebenfalls erst später) die Repräsentation des Stolzes auf die eigens erbrachten Leistungen. Der Adel hatte stets einen zeigefreudigen Habitus vorgelebt und übernahm somit Vorbildfunktion für das Unternehmertum. Der Schritt
83 Kocka. In: Wehler 1979, S. 153
84 Ebd., S. 155
25
Richtung Moderne durch Ablegen ständischer Muster wurde vom Wirtschaftsbürgertum nicht vollzogen; „gerade in Deutschland blieben bekanntlich das Prestige-Status-System und das kulturelle Leben bis ins Dritte Reich hinein durch vorkapitalistisch-ständische Elemente zutiefst geprägt.“ 85 Auch neigte man immer noch der Staatsautorität zu, was dem modernen Ideal der Selbstbestimmung zuwiderläuft; Ausdruck dafür ist die bedeutende Rolle konservativer, bürgerlicher Parteien. Das Bildungsbürgertum steht im Grunde für die „ideologische“ Modernisierung, indem sie die Theologie durch die säkularisierte Form der Bildungsreligion ersetzt. Doch der Besitz wichtigen kulturellen Kapitals führte bei ihr nicht, wie auf dem Papier deklariert, zur Förderung einer nach humanistischen und demokratischen Prinzipien aufgebauten Gesellschaft, sondern zur elitären Selbstabgrenzung. Über Jahrzehnte hinweg hielt man am alten Bildungsideal fest und sträubte man sich gegen den Erwerb eingegrenzter Bildung zum Zwecke der beruflichen Ausbildung. Staatsgläubigkeit war auch hier vielfach anzutreffen, trotz des aufklärerischen Rufs nach Eigenverantwortung.
Das alte Stadtbürgertum, besonders die Schicht der Honoratioren, hatte viel von seinem Prestige zu verlieren, da genau das, was ihren hohen gesellschaftlichen Rang sicherte, ihnen streitig gemacht werden sollte, im Besonderen die Rechte in der Stadtverwaltung. Von dieser Gruppe, die in traditioneller Ständementalität erstarrt war, war kaum ein Schritt hin zu wirtschaftlicher oder politischer Modernisierung zu erwarten. Ähnlich verhielt es sich mit dem Kleinbürgertum, aus welchem einzelne Personen den Aufstieg ins Wirtschaftsbürgertum schafften, das aber insgesamt durch den unübersichtlichen und Risikofreudigkeit voraussetzenden Industriekapitalismus seine Existenz bedroht sah. Die Abneigung gegen „jüdischen Großkapitalismus“ bildete einen fruchtbaren Boden für antisemitische Tendenzen. Schutz suchte man in den Armen des Staates, dementsprechend unliberal war die Mentalität und politische Präferenz dieser Gruppe.
Die Angestellten stellen sich hinsichtlich des Modernisierungsaspektes als mehr oder weniger ambivalent heraus. Zwangloser im Konsumverhalten, die Arbeitswelt den Frauen öffnend, wichtige Funktionen wahrnehmend und den Prozess der Arbeitsteilung fördernd, neigten sie dennoch zu ständischer Selbstabgrenzung.
Auch wenn das allgemeine Urteil, das Bürgertum sei schlechthin Träger der Modernisierung gewesen, revidiert werden muss, sei darauf hingewiesen, dass wir trotzdem zu Recht vom 19. Jahrhundert als einer Zeit des Fortschritts reden. Man sollte sich jedoch einer differenzierten Analyse bedienen, um etwaigen Pauschalurteilen Einhalt zu gebieten und sich daneben in wissenschaftlichen Methoden zu üben. Bei der Betrachtung historischer Phänomene ist also davon abzuraten, entweder bloß die großen objektiven Strukturen oder bloß die handelnden Personen mitsamt aktueller politischer Gegebenheiten zur Erklärung heranzuziehen, denn die Menschen sind weder in ihren sozialen Lagen gefangen noch in ihren Entscheidungen frei von sozialer Herkunft. Sie werden geprägt sowohl durch ihre materiellen Ressourcen, ihren Rang in der sozialen Hierarchie und den Besitz kultureller Güter als auch durch die Wahrnehmung anderer gesellschaftlicher Gruppen, die wiederum einen wesentlichen Faktor der eigenen Lebensgestaltung darstellt und nicht gewissen Interessen, die wir den jeweiligen Gruppen unterstellen würden, entsprechen muss. Eine Analyse milieuspezifischer Aspekte bringt in der Vermittlung zwischen sozialer Strukturen und gesellschaftlichen Verhaltens meines Erachtens nach Licht ins Dunkel so mancher Probleme.
85 Ebd., S. 148
26
Inhaltsverzeichnis
1. Die Beschäftigung der Geschichtswissenschaft
mit sozialen Milieus: Selbstverständlichkeit
oder unrechtmäßige Kompetenzerweiterung? 1
2. Relevante Begriffe
2.1. Milieu, Lebensstil, Habitus 5
2.2. Gibt es das Bürgertum ? 7
2.3. „Modernisierung“ 10
3. Bürgerliche Milieus im 19. Jahrhundert
3.1. Die Phase von 1815 bis 1848/49
3.1.1. Das Stadtbürgertum 11
3.1.2. Die Bourgeoisie 13
3.1.3. Das Bildungsbürgertum 17
3.2. Die Phase von 1871 bis 1914
3.2.1. Die Bourgeoisie 19
3.2.2. Das Bildungsbürgertum 21
3.2.3. Alter und neuer Mittelstand 23
4. Wie modern war das Bürgertum des 19. Jahr-
hunderts ? 25
Literaturverzeichnis S. 27
27
Arbeit zitieren:
Grit Wagner, 2001, Bürgerliche Milieus im 19. Jahrhundert. Eine Nachzeichnung der Phasen 1815-1848/49 und 1871-1914., München, GRIN Verlag GmbH
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