Freie Universität Berlin Osteuropa-Institut / FB Politik Sommersemester 2000
GK II 15.092 Einführung in die Politikwissenschaft am Beispiel Osteuropas
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Gesamtwörterzahl: 3722
eingereicht von: Uwe Krzewina Studiengang: Osteuropastudien
2
,QKDOWVYHU HLFKQLV
1. Einleitung. 3
2. Der theoretische Ansatz der “Pfadabhängigkeit 4
2.1. Allgemeine Definition pfadabhängiger Prozesse. 4
2.2. Eigenschaften pfadabhängiger Prozesse. 5
2.3. Pfadabhängigkeit und Institutionen. 7
2.3.1. Zum Institutionenbegriff 7
2.3.2. Rückkopplungen in Institutionen. 8
3. Pfadabhängigkeit im Privatisierungsprozess von SOEs in der CSFR. 10
3.1. Vorüberlegung. 10
3.2. Märkte in der Planwirtschaft. 11
3.3. Akteure und ineffiziente informelle Institutionen 12
3.4. Institutionenreform 14
3.4.1. Zum Mechanismus. 14
3.4.2. Kleine Privatisierung 15
3.4.3. Große Privatisierung 16
3.4.4. Flankierende Maßnahmen 17
4. Auswertung. 18
Verwendete Literatur: 20
3
(LQOHLWXQJ
Parlament und Regierung der CSFR 1 entschieden sich 1990 für die Privatisierung von staatlichen Unternehmen (SOE) 2 , verbunden mit einer Demokratisierung, um die tschechische Gesellschaft ‚gesunden’ zu lassen von den Auswirkungen des bisherigen politischen und vor allem des wirtschaftlichen Systems. Beachtenswert dabei ist, dass Finanzminister Klaus, zuständig für die Privatisierung in der CSFR, zwar erklärtermaßen das Ziel einer “Marktwirtschaft ohne Attribute” 3 verfolgte und als neo-liberaler Politiker bekannt war und ist 4 , die verfolgte Privatisierungsstrategie jedoch nicht unbedingt neo-liberale Züge aufweist. Sie wird eher als beispielsweise “negotiated economy” 5 oder “strange mix of neo-conservative-corporatist strategy” 6 bezeichnet. Dieser besondere Weg des Umbaus der tschechoslowakischen Wirtschaft berücksichtigte auch Prozesse, die man als ‚pfadabhängige Prozesse’ bezeichnen kann. Auf die Wichtigkeit des Aspektes der ‚Pfadabhängigkeit’ 7 in gesellschaftlichen Transformationen machten verschiedene sozialwissenschaftliche Aufsätze aufmerksam 8 , wobei selten auf das Konzept der Pfadabhängigkeit eingegangen wurde.
Diese Arbeit soll deshalb einen Überblick über das Konzept der Pfadabhängigkeit geben. Dabei soll es im wesentlichen darum gehen, den Begriff ‚Pfadabhängigkeit’ zu klären, der
1 Nur einige Worte zum Staatsnamen: Der Name der sozialistischen Tschechoslowakei war ab 1960:
“ Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR)” (+RHQVFK S. 143). Am 20.04.1990 wurde er geändert in; “ Tschechische und Slowakische Föderative Republik (CSFR)” mit den föderativen Subjekten
“ Tschechische Republik (CR)” und “ Slowakische Republik” (ebd., S. 223). Am 1.1.1993 wurden die beiden
Teilrepubliken selbständige Staaten mit den gleichen Namen, CR und SR, womit die CSFR nicht weiter
existierte. (6FKZDU] S. 226)
2 SOE=state-owned-enterprises
3 Siehe .ODXV, S. 88-95; Die Übersetzung des Titels “ Plädoyer für eine Marktwirtschaft ohne Adjektive” ist wohl etwas unglücklich gewählt. In der Forschungsliteratur findet man häufig die Version der
“ Marktwirtschaft ohne Attribute” , die linguistisch raffinierter ist.
4 So nennt Klaus in einem Interview auf die Frage, wer ihn konkret beeinflusst hat in seinem ökonomischen
Denken neben Hayek, Mises, Buchanan, Brunner, Stigler und Milton Friedman (sic!). siehe .ODXV , S.
183. Weiterhin: $GDP S. 209. Diese Quellen sollen aus Platz- und Prioritätsgründen genügen.
5\FKHWQLNS. 233ff. 5
%UXV]WS. 72 6
7 Im gesellschaftlichen Kontext ist von einer LQVWLWXWLRQHOOHQPfadabhängigkeit auszugehen.
8 Als Auswahl sollen folgende Titel genügen: %D\HU , Insb.: S. 21-24; +DXVQHUHW DO ; 6LHKO
6WDUN
4
schon länger in der Wirtschaftswissenschaft bekannt ist 9 . Darauf aufbauend soll dargestellt werden, wie pfadabhängige Prozesse in gesellschaftlichem Kontext zu beschreiben sind. Anschließend soll anhand der Strategie bei der Privatisierung von SOEs in der CSFR/CR ab 1990 skizzenhaft nachgewiesen werden, inwiefern ineffiziente institutionelle Pfade vorhanden waren 10 und in den Privatisierungsmaßnahmen auf welche Weise zu Veränderungen ‚provoziert’ wurden. Dabei wird aus Gründen der Themeneingrenzung bewusst davon abgesehen, konkrete Ergebnisse des Transformationsprozesses in der Wirtschaft darzulegen.
'HUWKHRUHWLVFKH$QVDW]GHU³3IDGDEKlQJLJNHLW´
Mit seiner Dissertation “ Pfadabhängigkeit, Institutionen und Regelreform” legte 1999 Rolf Ackermann eine Arbeit vor 11 , die verschiedene Ansichten zum Begriff der Pfadabhängigkeit zusammenfasst 12 . Darin entwickelt er einen relativ umfassenden Ansatz, insbesondere in Bezug auf Institutionen, der hier zur Anwendung kommen soll.
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Ohne hier weiter auf den Diskurs über ‚pfadabhängige Prozesse’ in der Wirtschaft eingehen zu wollen 13 , soll hier lediglich aus den vorhandenen Überlegungen das Wesen der ‚Pfadabhängigkeit’ dargestellt werden.
Mit einem kleinen Modell kann das grundsätzliche Prinzip eines pfadabhängigen Prozesses illustriert werden. Es wird das “ Urnenmodell” oder auch “ Standard-Polya-Prozess” genannt 14 . Man stelle sich eine Urne vor, in der sich eine rote und eine weiße Kugel befinden. Die Wahrscheinlichkeit, beim Hineingreifen die rote oder die weiße Kugel zu ziehen, ist jeweils 0,5. Nun kommt die Bedingung dazu, nach dem Ziehen einer der beiden Kugeln eine Kugel
9 Dieser Begriff wurde geprägt durch $UWKXU
10 Dabei werden die für das Pfadabhängigkeitskonzept relevanteren ‚informellen Institutionen’ untersucht.
$FNHUPDQQ. 11
12 Die Idee pfadabhängiger Prozesse ist ab den 80er Jahren entwickelt worden. Im wesentlichen ausschlaggebend
war der Artikel von 'DYLG Untersuchungsschwerpunkt waren zunächst neue technologische Entwicklungen und ihre Durchsetzung am Markt. Einen kurzen Überblick über weitere Literatur zu dem Thema
bietet $FNHUPDQQ auf Seite 46f.
13 Es sei hier auf einige Aufsätze bzw. Bücher verwiesen zur Thematik der ‚Pfadabhängigkeit’ : $UWKXU
1RUWK'DYLG
14 Siehe $FNHUPDQQ, S. 9ff.
5
derselben Farbe, zusätzlich zu der gezogenen, in die Urne zurückzulegen. Nehmen wir an, die erste Kugel sei rot. Bei dem nächsten Versuch ist die Wahrscheinlichkeit Rot zu ziehen höher als beim ersten, nämlich 2:3. Die Wahrscheinlichkeit, dass die vorher gezogene Kugel nochmals gegriffen wird, steigt immer weiter an, je öfter in Folge dieselbe Farbe aus der Urne genommen wird.
Allgemeiner gefasst: Es sei eine Situation vorausgesetzt, die verändert werden soll. Diese Veränderung ist nicht Ergebnis einer rationalen Überlegung, sondern wird durch eine mehr oder weniger ‚zufällige’ Entscheidung herbeigeführt. Identische Entscheidungen, die an nachfolgenden Bifurkationspunkten 15 getroffen werden, nennt man “ positive Rückkopplungen” . Der eingeschlagene Pfad, der von Bifurkation zu Bifurkation führt, erhält einen selbstverstärkenden Charakter. Die positive Rückkopplung bezieht sich also auf den Selbstverstärkungseffekt des Entscheidungspfades 16 . Bifurkation bedeutet nicht, dass nur zwei mögliche Ergebnisse denkbar sind, sondern auch mehrere verschiedene. “ Und das Ergebnis, welches sich einstellt, [ergibt] sich daraus .. , welche zeitliche Entwicklung der Prozeß nimmt.” 17 Da Zeit irreversibel ist und sich einstellende Ergebnisse eine jeweils neue Ausgangssituation für weitere Entwicklungen schaffen, ist ein pfadabhängiger Prozess nicht ex post veränderbar. Es ist jedoch die Möglichkeit gegeben, aufgrund einer Analyse des bisher ‚beschrittenen Pfades’ Bedingungen zu schaffen, vor anstehenden nächsten Bifurkationspunkten das Ergebnis ex ante zu beeinflussen. Wie das geschehen kann, soll im weiteren beschrieben werden.
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Drei wesentliche Eigenschaften sind der Definition pfadabhängiger Prozesse implizit:
1LFKWYRUKHUVDJEDUNHLW, ,QIOH[LELOLWlW und SRWHQ]LHOOH,QHIIL]LHQ] 18 .
Zur 1LFKWYRUKHUVDJEDUNHLW ist anzumerken, dass nicht von vornherein bestimmt werden kann,
15 Ort einer Gabelung; Mit den Begriffen “ Bifurkationspunkt” und “ Bifurkation” bediene ich mich am Vokabular
von $FNHUPDQQ, S. 30f.
16 siehe ebd., S. 13
17 ebd., S. 8 18 ebd., S. 15f.
Arbeit zitieren:
Uwe Krzewina, 2000, Warum sind pfadabhängige Prozesse in informellen Institutionen von Relevanz für die Durchführung von Reformen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen?, München, GRIN Verlag GmbH
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