Gehirnchen [wundert]“ 1 darüber, dass die Gräfin am Lustschlosse des Prinzen für Marinelli überraschend auftaucht. Die Intelligenz der Gräfin geht so weit, dass sie durch Kombinieren der Tatsachen von selbst darauf kommt, dass „der Prinz ... ein Mörder“ 2 ist.
Aber auch Lady Milford in Schillers „Kabale und Liebe“ ist durchaus eine intelligente, aber ebenso arrogante Frau, was sich dadurch ausdrückt, dass sie beim Gespräch mit dem Gefolge des Fürsten schon im „voraus weiß, was sie [ihr] antworten werden“ 3 oder indem sie Luise hochnäsig fragt, ob ihre „Finger zur Arbeit zu niedlich“ 4 seien. Die Intelligenz der beiden Damen zeigt sich aber vor allem in der intriganten Art und Weise, in der sie in der Handlung auftreten. Die Intrige Gräfin Orsinas auf der einen Seite, durch clevere Manipulation und gezielte Aufstachelung Odoardo Galotti, den Vater von Emilia dazu zu bringen den „Räuber“ 5 ihrer Tochter, den Fürsten nämlich, umzubringen. Auf der anderen Seite das clevere Werk Lady Milfords, „die Welt“ 6 glauben zu machen, die Heirat zwischen ihr und Prinz Ferdi-nand von Walter, dem Sohn des Präsidenten, „sei eine Hofkabale“ 7 , dabei ist sie in Wirklichkeit reines Kalkül der Lady, die in den Prinzen verliebt ist.
Die eben genannten Intrigen sind es, die eine weitere Analogie der beiden Damen darstellen, denn man gewinnt bei der Lektüre der beiden Stücke unweigerlich den Eindruck, beides Mal sei es eine Frau durch die die ausweglos tragischen Situationen erst zu Stande kommen. Und tatsächlich stellt ihre intrigante Art und Weise, die an der Tragik des jeweiligen Stückes einen solch großen Anteil tragen, ja geradezu zwingend dazu führen, eine weitere Ähnlichkeit der beiden Frauen dar, auch wenn es im Fall der Orsina mehr der Hass auf den „Verführer“ ist, der sie so beleidigt hat 8 , welcher ihr den Ansporn dazu gibt und nicht die Liebe, wie es bei Lady Milford der Fall ist. Aber dennoch sind die Intrigen weitgehend von dem Unmut über den Adel geprägt, der ja bei beiden vorhanden ist, bei Lady Milford insofern, dass sie des Le-
1 E.G.Seite 59, Zeile 32
2 a.a.O. Seite 65, Zeile 36 bis Seite 66, Zeile 1
3 Schiller, Friedrich, Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel, Husum o.J., Seite 21,
Zeilen 21, 22 (K.L.)
4 a.a.O. Seite 66, Zeile 22
5 E.G. Seite 70, Zeile 21
6 K.L. vgl. Seite 23, Zeile 16
7 a.a.O. Seite 23, Zeile 17
8 a.a.O. vgl. Seite 71, Zeilen 5 bis 11
bens am Hofe des Herzogs überdrüssig ist 1 und diesem „gute Nacht“ 2 sagen möchte und bei der Gräfin die Tatsache, dass sie vorhat, sich an dem Prinzen zu rächen.
Diese Haltung gegenüber dem Hof und dem Standeswesen im Allgemeinen ist ein weiterer Aspekt, in dem sich die beiden Frauen ähneln. Beide sind sich der Tatsache bewusst, dass sie eine gewisse Stellung im Adel haben, die sie nicht an Wohlwollen diesem gegenüber bindet, weswegen sie Kritik üben können. So nimmt weder Lady Milford ein Blatt vor den Mund, als sie das Gefolge des Fürsten als „schlechte erbärmliche Menschen, die ... Sklaven eines einzigen Marionettendrahts [sind]“ 3 tituliert, noch geniert sich Gräfin Orsina über das „Hofgeschmeiß“ 4 zu fluchen, wo es „so viel Worte, so viel Lügen“ 4 gibt. Da sie beide Geliebte eines Fürsten sind, welche laut Orsina nur dazu dienen den Fürsten bei Laune zu halten 5 , können sie, natürlich nicht vordergründig, aber dafür viel mehr hintergründig Kritik an der höfischen Gesellschaft üben. So kritisiert die Gräfin, dass der Adel „immer ... Höflichkeit zur Schuldigkeit mach[t], um was eigentlich ihre Schuldigkeit wäre, als die Nebensache betreiben zu dürfen“ 6 , womit sie ausdrücken will, dass die Adligen immer jenes tun, was niemandem hilft und das vernachlässigen, was eigentlich gebraucht würde. Bei der Lady findet solche Kritik ebenfalls hintergründig Platz, meist im Gespräch mit ihrer Kammerjungfer Sophie.
In der Weise in der Kritik geübt wird, zeigt sich auch der erste Unterschied zwischen den beiden Charakteren auf. Obgleich die Lady, wie Gräfin Orsina auch, ihre Kritik meist im Geheimen vollzieht, hat sie doch eine ganz andere, um nicht zu sagen harte Art, ihren Unmut dem Adel gegenüber zu äußern. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, dem Herzog solche Tribute wie „armselig“ 7 oder „schwach“ 8 zuzuweisen oder ihn als „fürstliche Drahtpuppe“ 9 zu bezeichnen. Ebenso wenig kommt der Hofmarschall ungeschoren davon, diesen bezeichnet sie in ihrer Aufgebrachtheit nach dem Gespräch mit Luise als die „Sorte von Geschöpfen [die] zum Sacktragen auf der
1 a.a.O. vgl. Seite 23, Zeilen 25 bis 29
2 a.a.O. Seite, Zeile 28
3 K.L. Seite 21, Zeilen 19 bis 22
4 E.G. Seite 60, Zeile 9
5 a.a.O. vgl. Seite 61, Zeilen 25 bis 29
6 a.a.O. Seite 67, Zeilen 30 bis 33
7 K.L. Seite 22, Zeilen 25, 26
8 a.a.O. Seite 23, Zeile 20
9 a.a.O. Seite 71, Zeile 20
Welt [ist]“ 1 und im gleichen Atemzug indirekt als Zuhälter 2 . Auch dass er, sowie der Präsident und der Marschall die Heirat zwischen ihr und Ferdinand als ihren Plan, den Präsidenten dem Herzog „unentbehrlich“ zu machen 3 ansehen, kann sie nur entgegnen, dass sie „belogene Lügner“ 4 seien, die „von einem schwachen Weibe überlistet“ 4 wurden, und wenn sie ihren Plan erst einmal durchgesetzt hätte, würde sie der „abscheuliche[n] Herrlichkeit“ 4 „gute Nacht“ 4 sagen. All diese Kraftausdrücke, wie sie eine Gräfin Orsina, deren soziale Stellung und vor allem auch ihr Lebenswandel immer noch von der Gunst ihres Prinzen abhängen 5 , wohl nicht in den Mund nehmen würde, zeigen, dass Lady Milford eine andere Ausdrucksweise pflegt als Gräfin Orsina.
Diese andere Ausdrucksweise zeigt sich aber nicht nur in der Weise in der die Lady Kritik übt, sondern vielmehr darin, wie sie es vermag, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie redet viel poetischer, sowohl über ihre Liebe zu dem Prinzen, als auch über Dinge, die sie melancholisch stimmen. Im Prinzip zeigt auch Gräfin Orsina durchaus was sie fühlt. Sie ist direkt sehr betroffen, als sie erfährt, dass der Prinz ihren Brief nicht gelesen hat 6 , wobei man dieses bisschen Betroffenheit nicht mit der Empörung der Lady vergleichen kann, als der Prinz behauptet, er könne nicht glauben, dass sie eine Britin sei, da er sich nicht vorstellen kann, dass eine solche „sich ... an fremdes Laster verding[t]“ 7 . Diese ist, weil zum „erste[n] Mal ... solche Reden an [sie] gewagt werden“ 8 , so aufgebracht, dass sie dem Prinzen als ersten Menschen überhaupt ihre Lebensgeschichte erzählt, um sich zur Wehr gegenüber dessen Anschuldigungen zu setzen 9 . Später in jenem Gespräch, nachdem ihr geliebter Ferdi-nand, den sie „mit brennender Sehnsucht im Traum schon umfass[t]e“ 10 ihr beichtet, er liebe eine andere, ist sie zutiefst betroffen und gibt die Hoffnung auf die Erwiderung ihrer Liebe schon fast auf 11 . Den Mann an sich scheint sie jedoch nie ganz aufgeben zu wollen, denn später in dem Stück führt sie ein sehr hitziges Gespräch mit
1 a.a.O. Seite 71, Zeilen 25, 26
2 a.a.O. vgl. Seite 72, Zeilen 22, 23
3 a.a.O. vgl. Seite 13, Zeile 40 bis Seite 14, Zeile 9
4 a.a.O. Seite 23, Zeilen 25 bis 29
5 E.G. vgl. Seite 13, Zeilen 6 bis 18
6 a.a.O. vgl. Seite 60, Zeilen 25 bis 27
7 K.L. Seite 27, Zeilen 36, 37
8 a.a.O. Seite 28, Zeilen 7, 8
9 a.a.O. vgl. Seite 28, Zeile 21 bis Seite 30, Zeile 1
10 a.a.O. Seite 30, Zeile 15
11 a.a.O. vgl. Seite 31, Zeilen 25 bis 33
Luise, in dem sie dieser fast schon furios droht, sie wird „Felsen und Abgründe ... zwischen [sie] werfen“ 1 , falls sie es „wag[e] ... ihn jetzt noch zu lieben oder von ihm geliebt zu werden ... , an ihn zu denken oder einer von seinen Gedanken zu sein“ 2 , worin sich die Gefühlsbetontheit der Lady zeigt.
Durch das eben erwähnte Gespräch, das ihr so zu Herzen geht, fasst sie den Entschluss mit dem höfischen Leben abzurechnen und über die Grenze zu fliehen. Daraus ergibt sich, dass sie unabhängig dem Herzog gegenüber sein will, was eigentlich nur mit einem großen Selbstbewusstsein zu erklären ist, weil sie, nur um ihre Ehre zu behaupten 3 , auf die Gunst des Herzogs und natürlich auf ihr Leben, wie sie es gewohnt ist, verzichtet. Sie ist so aufgerüttelt durch die Tatsache „dass das prahlende Gebäude [ihrer] Ehre neben der höheren Tugend einer verwahrlosten Bürgerdirne versinken soll“ 4 , dass sie in der Flucht aus dem Herzogtum die einzige Möglichkeit sieht ihre angeschlagene Ehre zu retten. 5 Ihr Selbstbewusstsein macht sie selbst noch deutlicher mit dem Brief, den sie in ihrer Rage an den Fürsten verfasst und dessen Übergabe an den Hofmarschall. Diesen beachtet sie in der Hitze des Schreibens 6 zunächst gar nicht, um sich dessen dann nur mit ironischen und abfälligen Bemerkungen zu kümmern, als sie ihn als „Engel“ 7 , „Goldmann“ 8 oder „Kuppler“ 9 bezeichnet. Selbstbewusst zeigt sie sich auch, als sie bei der Übergabe des Briefes anmerkt, es sei „[ihr] Wille, dass der Inhalt nicht unter vier Augen bleibe“ 10 , damit die Brisanz des Briefes, in dem sie heftige Kritik an der Art wie der Herzog sein Volk zu behandeln pflegt, äußert. Dieser solle „die Liebe, die [sie ihm] ... nicht mehr erwidern kann, [seinem] ... weinenden Lande [schenken]“ 11 , und dass „die Glückseligkeit [dieses] Landes ... Bedingung [ihrer] Liebe“ 12 war. Was sie damit an die Öffentlichkeit bringen will, ist kundzutun, was der Herzog seinem Volk für „abscheulich[e]“ 13 ,
1 a.a.O. Seite 69, Zeilen 14, 15
2 a.a.O. Seite 69, Zeilen 5 bis 7
3 a.a.O. vgl. Seite 72, Zeilen 30 bis 38
4 a.a.O. Seite 70, Zeilen 29 bis 31
5 a.a.O. vgl. Seite 70, Zeile 16 bis Seite 71, Zeile 15
6 a.a.O. vgl. Seite 71, Zeile 34 bis Seite 72, Zeile 11
7 a.a.O. Seite 72, Zeile 14
8 a.a.O. Seite 73, Zeile 1
9 a.a.O. Seite 72, Zeile 23
10 a.a.O. Seite 72, Zeilen 25, 26
11 a.a.O. Seite 72, Zeilen 34 bis 36
12 a.a.O. Seite 72, Zeilen 31, 32
13 a.a.O. Seite 25, Zeilen 1, 2
„fürchterlich[e]“ 12 Dinge antut, die wohl in der berühmt gewordenen Kammerdienerszene 1 am deutlichsten im ganzen Stück zum Ausdruck kommen. In dieser Szene berichtet ein Kammerdiener, als er Lady Milford Brillanten des Fürsten überbringt, dass diese durch den Verkauf von „Landskinder[n]“ 2 finanziert wurden, die in Amerika als Söldner für die Engländer gegen die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg kämpfen mussten, wobei man erwähnen muss, dass diese in den Menschenhandel gezwungenen meist nie zurückkehrten. Man muss sagen, dass die Lady auch mit den einfachen Bürgern sehr mitfühlend ist, denn sie „habe Kerker gesprengt, habe Todesurteile zerrissen und so manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt“ 3 , indem sie ihren Einfluss auf den Herzog habe wirken lassen. So lässt sie auch dieses Mal, als sie von Gräueltaten gegenüber dem Volk hört, die Brillanten, die der Herzog ihr eben geschenkt hat, versetzen und unter den Leuten verteilen, die vor kurzem „der Brand ruiniert hat“ 4 . Das alles tut sie, weil sie eine mit dem Bürgertum mitfühlende Person des Hofes ist, was sich vom normalen Bild des Adels zu dieser Zeit deutlich abhebt.
Der eben dargestellte Wandel in der Rolle der Frau von Gräfin Orsina in Lessings „Emilia Galotti“ nach Lady Milford in Schillers „Kabale und Liebe“, die ja grundsätzliche Ähnlichkeiten von Intelligenz bis hin zu einer unerwiderten Liebe aufweisen, ist eigentlich hauptsächlich durch die unterschiedlichen literarischen Epochen, in denen die beiden Werke entstanden, zu erklären.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ 5 wie es der berühmte Philosoph jener Zeit, Immanuel Kant, einst definierte. In diese Definition der Aufklärung passt auch die Rolle der Gräfin Orsina gut hinein, die sich als „Frauenzimmer, das denket“ 6 ja von dem Vorwurf der selbstverschuldeten Unmündigkeit durchaus befreien kann. Sie hat den Mut sich ihres eigenen Ver-standes zu bedienen, um damit die Intrige des Prinzen zum Platzen zu bringen, was ja eine weitere Definition von Aufklärung darstellt. Sie ist also eine Person, die voll und ganz in die Aufklärung passt.
1 a.a.O. vgl. Seite 23, Zeile 30 bis Seite26, Zeile 36
2 a.a.O. Seite 24, Zeile 4
3 a.a.O. Seite 30, Zeilen 5 bis 7
4 a.a.O. Seite 25, Zeile 23
5 Bahr, Ehrhard, Was ist Aufklärung. Thesen und Definitionen, Stuttgart 1976, Seite 9
6 E.G. Seite 61, Zeile 26
Analog dazu entspricht Lady Milford, die ja ins Zeitalter des Sturm und Drang ein-geordnet werden muss, genau dem Bild einer Geliebten zu dieser Zeit. Der immer lauter werdende Ruf nach Auflehnung gegenüber dem Absolutismus, die Kritik am Standeswesen, die überschwängliche und auf Gefühle mehr und mehr Bezug nehmende Sprache, all das sind Zeichen, die in der Aufklärung zwar schon vorhanden waren, die aber der Sturm und Drang in punkto Intensität bei Weitem übertraf. So lässt sich schlussendlich sagen, dass der Wandel der Frau in den beiden Stücken dem Wandel der Frau während der zwei literarischen Epochen entspricht.
Arbeit zitieren:
Dominic Eskofier, 2002, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Zeigen sie den Wandel in der Rolle der Frau am Beispiel der Gräfin Orsina aus Emilia Galotti und der Lady Milford aus Kabale und Liebe auf, München, GRIN Verlag GmbH
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