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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zum Text 5
2.1. Entstehungszeit und Überlieferung 5
2.2. Literarische Form 5
3. Das Leidmotiv im Text - eine Skizze 7
4. Ein Erzählmodell mit zwei Perspektiven 12
4.1. „Heilsgeschichte eines Kranken“ 12
4.2. „Hohelied eines Opferbereiten“ 13
4.3. Heilsgeschichte oder Opferlegende? 14
4.4. Bedeutung für die Interpretation in der Gegenwart 14
5. Sünde - Aussatz - Leiden. Der Symbolwert einer Krankheit 15
6. „der maget herzebluot“ Die Magie des Blutopfers 16
7. Die Schuldfrage. Zusammenhang von Leid und Sünde. 17
7.1. Vergleich mit Hiob 18
7.2. Schuldig oder sündig? 19
8. Der „Wandlungsprozess“ 21
8.1. Analogien zum Sakrament der Buße 22
8.2. Heinrichs Weg 23
8.3. Rolle des Mädchens - Vermischung von moralisch-religiöser Motivierung
und Minnemotiv 24
9. niuwe güete
Schlusspunkt der Wandlung und Voraussetzung für den Gnadenakt 26
10. Zusammenfassung 29
Literaturverzeichnis 31
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1. Einleitung
Die Geschichte des herre Heinrich (v 48), wie sie Hartmann von Aue vor ca. 800 Jahren geschriben vant (v 17) und seinem Publikum vortrug, vermag auch den modernen Leser zu fesseln - mit lediglich 1520 Versen ein mære, das sich zudem hervorragend modernem Zeitmanagement fügt. Wer heute auf die stilistisch herausragende Erzählung 1 des vermutlich schwäbischen Dichters Hartmann von Aue 2 stößt, ist vielleicht so wie ich erstaunt, dass ein Werk der hochhöfischen Literaturepoche (1180 - 1250) immer noch „fruchtbare erzählerische Spannung“ 3 schafft und Inhalte bietet, die berühren. Vielleicht liegt es an der Unglaublichkeit der Problematik, die Hartmann im „Armen Heinrich“ zeichnet, dem Leidensweg eines plötzlich vom Aussatz befallenen Edelmannes, dem ein opferwilliges Mädchen ihr Herzblut zur Heilung anbietet. Oder die Faszination geht (wohl im Mittelalter ebenso wie heute) davon aus, dass mehr als eine Handlung das „[...] innere Geschehen, die Reflexion und das Gespräch über den Zustand“ 4 im Vordergrund stehen. „Subjektive Reaktion, die sonst nur bruchstückhaft als Motivation des Handelns thematisch wird, rückt hier in den Mittelpunkt.“ 5 Auch der heutige Leser kann sich vorstellen, dass ein Schicksal, wie es Heinrich ereilt, zum Umdenken führt. Denken wir nur an die weitreichenden persönlichen Entwicklungsprozesse, wie sie z.B. Krebspatienten erleben und schildern.
Eine Besonderheit des „Armen Heinrich“ liegt darin, dass es eben nicht „nur“ um die im Titel genannte Figur des armen Heinrich geht: „Der AH darf nicht [...] einseitig als Geschichte des Edelfreien Heinrich verstanden werden. Hartmanns gemischter Typus als solcher sagt aus, daß die Krankheits- und Heilsgeschichte Heinrichs die Erzählung von einem opferwilligen Mädchen mit umfaßt.“ 6 Der Blick auf die Figur des Bauernmädchens, das ihr Leben opfern will, um einen anderen zu retten, fängt den Leser in einer Art „zweiten Geschichte“.
Ein wesentlicher inhaltlicher Aspekt, der Handlungsschema, Figurencharakterisierung und -entwicklung bestimmt, ist das Thema „Leid“. Dieser emotionalen Dimension, wie sie in der Erzählung und ihren Figuren ausgeführt wird, will sich diese Arbeit widmen. Dabei soll Leid einerseits in Zusammenhang mit dem Thema Sünde und Strafe erörtert werden, andererseits
Siegfried Grosse. Hrsg. v. Ursula Rautenberg. Stuttgart: Reclam, 1993. (=Universal-Bibliothek; 456). S. 111. Besonderes Dichterlob erfährt Hartmann in Gottfrieds Tristan (um 1210). Gottfried lobt Hartmanns vollendeten höfischen Stil und seine Erzähltechnik.
Festschrift für Helmut de Boor zum 80. Geburtstag. Hrsg. v. Ursula Hennig und Herbert Kolb. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 1971. S. 328
1985. (= Beck’sche Elementarbücher; Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte). S. 144
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wird der Themenkreis „Leiderfahrung“ in seiner Funktion als Auslöser für einen „Läuterungsprozess“ der Hauptcharaktere untersucht.
Entlang des Textes wird zunächst gezeigt, wo und wie sich das Thema Leid in der Erzählung manifestiert. Kurt Ruh folgend, wird dann die Besonderheit des Erzählmodells vorgestellt, aus dem heraus sich zentrale Fragestellungen ableiten. 7 Dabei gilt den Motivkreisen „mittelalterliche Aussatzsage“ 8 und „Blutmagie“ 9 besonderes Augenmerk. Im Gegensatz zum rein typologischen Interpretationsansatz gibt die Herausarbeitung theologischer Implikationen (Vergleich mit der biblischen Figur Hiob 10 , Vergleich von Heinrichs Leiderfahrung mit dem Sakrament der Buße 11 ) Einblick in das Verständnis der Geschichte als religiöse Erzählung. 12
Untersucht man den „Armen Heinrich“ hinsichtlich des Leidmotives, dann sind es dieselben zentralen Stellen der Erzählung, wie sie Kurt Ruh als „Cruces der Forschung“ ausgemacht hat, die auch in dieser Arbeit immer wieder Betonung erfahren: 13
- „Verständnis der Krankheit“: Ist Heinrichs Leiden als Strafe oder Prüfung Gottes zu verstehen?
- „Annahme des Opfers“: Wie geht Heinrich mit seinem Leiden um? Inwieweit vergrößert er es durch die Annahme des Opfers?
- „das Blutopfermotiv“: Worin besteht das Leiden des Mädchens? Warum ist sie bereit, größtes Leiden auf sich zu nehmen, um Heinrich von seinem Leiden zu erlösen?
- „der Verzicht auf das Opfer“: Das eigene Leiden zu akzeptieren und das Leiden eines anderen zu verhindern als Voraussetzung für die eigentliche Heilung?
Aue. Göppingen: Kümmerle, 1973. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik; 108). S. 217ff
Aue. Hrsg. v. Hugo Kuhn und Christoph Cormeau. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973. (= Wege der Forschung, Bd. CCCLIX). S. 257ff
Nachwort zu Hartmann von Aue, Der arme Heinrich. S. 116
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2. Zum Text
2.1. Entstehungszeit und Überlieferung
Die Entstehung des „Armen Heinrich“ wird in zeitlicher Nähe zum „Iwein“ vermutet und im Spätwerk Hartmanns angesiedelt. Somit dürfte die Erzählung um 1200 entstanden sein. Die Forschung grenzt Hartmanns Schaffensperiode zwischen 1180 und 1200, bzw. zwischen 1190 und 1205 ein. 14
Neben dem „Erec“ gilt „Der arme Heinrich“ als das am schlechtesten überlieferte Werk Hartmanns. Überliefert sind drei vollständige Handschriften, die zwei Redaktionen A und B vertreten. „Die für die Textherstellung maßgebliche Heidelberger Handschrift A ist 1870 verbrannt;“ 15 Neben den Handschriften sind noch drei Fragmente (C, D und E) bekannt.
2.2. Literarische Form
Über die literarische Gattung des „Armen Heinrich“ wurde viel diskutiert, vor allem weil sie nicht unerheblich für die Interpretation der Erzählung ist. Eindeutig bestimmen lässt sich die Gattung jedoch nicht. Cormeau fasst die Möglichkeiten zusammen 16 : Wenig ausgeschmückte Szenen, „gerafft erzählende Partien“, „genrehaft realistische Züge“ und lehrhafter Charakter der Erzählung zeigen eine Verwandtschaft zum Märe, das jedoch zur Zeit Hartmanns noch keine eingeführte literarische Form hat. „Wunderbare Heilung und religiöse Wertung lassen an das Legendenmuster denken.“ 17 Was dem „Armen Heinrich“ aber fehlt, ist eine wirkliche Heiligenfigur. Auch das Wunder der Heilung steht nicht im Zentrum, sondern tritt mehr „nebenbei“ auf der Rückreise von Salerno ein. „Solche abgelöste Wunderwirkung und die ihr zugehörige Gläubigkeit ist Kennzeichen eines anderen, auch altfranzösisch verbreiteten Typs, der Mirakelerzählung“ 18 . Als analoge Form dazu nennt Cormeau das „Erlösungsmärchen“, das zum Teil zutreffend scheine, sofern man vom religiösen Gehalt des „Armen Heinrich“ absehe.
Eine genauere Untersuchung der märchenhaften Elemente im „Armen Heinrich“ nahm Leslie Seiffert vor. Sie bezieht die Motivkreise von Legende und Märchen gleichermaßen in ihre Interpretation ein und stellt fest, dass Hartmann Elemente beider Gattungen verbunden hat. Im
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„Armen Heinrich“ bilde das Märchen mit dem Motiv der „bedingten Erlösung“ den Rahmen und die Legende den religiösen Kern der Erzählung. 19
Das Rahmenwerk erzählt, wie der vom Aussatz Befallene durch den „Zauber“ des Herzblutes eines Mädchens gerettet werden kann „[...] und wie er, wenn solch ein Mädchen gefunden ist, geheilt und mit ihr in der Ehe vereint wird.“ 20 Dem Märchen ordnet Seiffert die Rolle des Mädchens, ihre Opferwilligkeit und die erotische Komponente am Wendepunkt der Geschichte zu. Die Figur des Mädchens passe „[...] in das dem Märchen eigene Motiv der ‚bedingten Erlösung‘. Der Zauber kann nur gebrochen werden, wenn jemand kommt.“ 21 Damit erinnere die Rollenverteilung an den Märchenkomplex „La belle et la bête“: Heinrich erhält durch seinen Aussatz die märchenhafte Rolle des Ungeheuers, das Mädchen die Rolle der Schönen, die imstande ist, den „Zauber“ zu brechen. 22
Das Kernstück der Erzählung ist religiöser Natur und der Legende zuzuordnen: Der Arzt in Salerno nennt auch eine zweite Möglichkeit der Heilung, die von Gott kommt - des sît ir iemer ungenesen, / got enwelle der arzât wesen (v 203f). „Wunder“ oder „Zauber“ - damit sind für beide Gattungen die Voraussetzungen geschaffen. 23 Im Kern des „Armen Heinrich“, geht es um den Wandlungsprozess Heinrichs, der zur „Einsicht“ führt und Voraussetzung für einen göttlichen Gnadenakt ist: „Der Aussatz als Krankheit ist Teil eines Prozesses, in dem Gott offenbart, welche Absichten er mit Heinrich und dem Mädchen verfolgt; und Heilung und Erlösung sind, wie bei vielen Wundern Christi, eng miteinander verknüpft.“ 24 Märchenhafte Rahmenerzählung und legendenhafter Kern sind mehrfach verwoben und motivieren sich gegenseitig. So ist z.B. „[...] das Moment der Einsicht, das den Angelpunkt der Legende bildet, zugleich das Zentrum des Märchens.“ 25
Im Gegensatz zu Leslie Seiffert sprechen Verweyen und H. de Boor der Erzählung märchenhafte Elemente ab. H. de Boor warnt, „[...] den Schluß des ‚mære‘ nicht mit einem ‚Märchenschluß‘ zu verwechseln, an dem ‚das treue Mädchen ... seinen Prinzen bekommt‘“ 26
Interpretation. München: Wilhelm Fink, 1970. S. 83
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3. Das Leidmotiv im Text - eine Skizze
Im Text sollen zunächst die Stellen ausfindig gemacht werden, an denen sich das Leidmotiv entfaltet. Anhand der Szenen werde ich aufzeigen, wie Hartmann das Leiden seiner Figuren darstellt und wie sich dieses Leiden auswirkt. Die Wortwahl gibt dabei Ansatzpunkte für die spätere Deutung.
V Schicksalsschlag:
Den an Besitz, Ansehen und Tugenden überreichen herre Heinrich ereilt ein schrecklicher Schicksalsschlag und das ideale Dasein, die werltlîche wünne (v 79), gerät in die Krise: in ergreif diu miselsuht (v 119). Der Erzähler führt, noch bevor er das Übel beim Namen nennt, in einer Analogiereihe die Dimension des Leidens aus, nicht aber ihren Grund. 27 In Bezug auf den biblischen Absalon verwendet er das Bild des Falls, der Sturz herab von der Höhe des Glücks: daz diu üppige krône / werltlîcher süeze / vellet under vüeze / ab ir besten werdekeit (v 86 - 89). In der Antithesenreihe von Vers 106 - 111 wird dieser Fall „[...] in die Erfahrung irdischer Instabilität und Vergänglichkeit eingeordnet.“ 28
Die Frage nach der Ursache des Leidens bleibt in einem vagen Sinnzusammenhang. Eindeutig ist nur, dass die Krankheit Gottes Verfügung ist: er viel von sînem gebote / ab sîner besten werdekeit / in ein smæhlîchez leit (v 116 - 118). „diu swære gotes zuht (v 120) benennt einen Rahmen zwischen unverschuldeter Prüfung und verdienter Strafe, der nicht weiter ausgefüllt ist.“ 29
V Die Folgen der Krankheit:
dô man die swæren gotes zuht / ersach an sînem lîbe, / manne unde wîbe / wart er dô widerzæme. (v 120 - 124). Die Welt, in der er einst angesehen war, stellt sich gegen Heinrich und schließt ihn aus. Man ekelt sich vor seinem Leiden.
V Leiderfahrung Heinrichs:
v 127 - 162: Die Leiderfahrung Heinrichs wird in Bezug zur biblischen Gestalt Hiob gesetzt: Während Hiob sein Leiden geduldig erträgt und Gott dafür dankt, gibt es für Heinrich nur noch Traurigkeit und Schmerz. Er verflucht und verwünscht sein Schicksal: vervluochet und verwâzen / wart vil dicke der tac, dâ sîn geburt ane lac. (v 160 - 163)
V Leid und Hoffnung:
Heinrich klammert sich an die Hoffnung, bei irgendeinem Arzt Heilung zu finden. Doch die Ärzte können ihm nicht helfen. Erst ein Arzt in Salerno macht Heinrich seine Situation begreiflich und nimmt ihm die letzte Hoffnung: Er deutet die Möglichkeit einer Arznei an, die
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gleichzeitig eine Unmöglichkeit ist, denn: nu enist aber nieman sô rîch / noch von sô starken sinnen, / der sî müge gewinnen. / des sît ir iemer ungenesen, got enwelle der arzât wesen (v 200 - 204). Schließlich nennt der Arzt das nicht zu beschaffende Heilmittel: so enhœrt ouch anders niht dar zuo / niuwan der maget herzebluot: / daz wære vür iuwer suht guot. (v 230 -233). Bei Heinrichs hoffender Suche nach Heilung stellt sich dem Leser die Frage, warum er zum Arzt geht, wenn die Ursache des Unglücks im Religiösen zu finden ist.
V Hoffnungslosigkeit führt Heinrich in die Resignation:
Die Hoffnungslosigkeit vergrößert Heinrichs Leiden, sodass er am liebsten nicht mehr leben möchte: des wart sîn herzesêre / alsô kreftic unde grôz, / daz in des aller meist verdrôz, / ob er langer solde leben. (v 242 - 245). Er resigniert und zieht sich vor den Menschen zurück. Seinen Besitz verschenkt er an Verwandte, Arme und die Gotteshäuser. Nun denkt er zum ersten Mal daran, dass sich Gott seiner erbarmen müsse: daz sich got erbarmen / geruochte über der sêle heil (v 254f).
Heinrich sucht Zuflucht auf einem Meierhof, den er nicht verschenkt hatte. Dort nimmt ihn die rechtschaffene Bauersfamilie auf und vergilt die Milde, die ihr Herr früher an ihnen walten lies, mit aufopfernder Pflege. Heinrich hatte den freien Bauern vor Leid bewahrt, nun hilft der Meier ihm in seiner Not.
V Mitleid - das Leid zieht Kreise:
Besonders liebevoll kümmert sich die 8jährige Tochter des Bauern um Heinrich. sô rehte güetlîchen (v 305) weicht sie nicht von ihrem Herrn und dient ihm allein umbe sîn hulde und sînen gruoz (v 308).
Als Heinrich bereits 3 Jahre auf dem Hof lebt und von großen Schmerzen gequält wird, klagt die Bauersfamilie mit ihm. Sie haben großes Mitleid mit ihrem Herrn aber auch eigenen Grund zur Klage: wan sî vorhten, daz sîn tôt / si sêre sollte letzen / und vil gar entsetzen / êren unde guotes (v 360 - 364). Die Krankheit Heinrichs zieht das Leid anderer mit sich.
V Tiefstes Leid und Schuldbekenntnis:
Als der Bauer Heinrich nach den Heilungsmöglichkeiten fragt, bekennt der Herr aus tiefstem Leid heraus ein erstes Mal, dass er sein Leiden wohl verdient habe. mit solher riuwe er dô sprach, / daz im der sûft daz wort zebrach (v 381f). Heinrich gesteht, dass er zu wenig auf Gott geachtet habe, der ihm daz selbe wunschleben (v 393) ermöglichte. Heinrich nennt sich einen werlttôren (v396), der die falschen Ziele verfolgte, nämlich Ansehen und Besitz ohne Gott zu erwerben. Er sieht seine Krankheit nun als Strafe, dô des hôchmuotes / den hôhen portenære verdrôz (v 404f). Schließlich erzählt Heinrich von dem nicht zu beschaffenden Heilmittel und erkennt, dass er die Qual bis zum Ende ertragen muss. Um dieses Ende bittet er, daz mirz got schiere sende! (458)
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V Das Mädchen leidet mit Heinrich:
Das Mädchen mit ir kintlich gemüete / hin zuo der engel güete (v465f) hatte die Rede Heinrichs mitgehört und leidet großen Kummer: umbe ir herren smerzen / wart ir riuwe alsô grôz, / daz ir ougen regen begôz / der slâfenden vüeze. (v 476 - 479). Die Eltern, die ihr Klagen vernehmen, verweisen sie darauf, dass Heinrichs Tod Gottes Wille sei und bringen sie zum Schweigen. Doch das Mädchen ist ob des großen Leidens Tag und Nacht traurig. In ihrer aller meisten güete (v 522) fasst sie nachts den Enschluss, dass sie ihr Leben für den Herrn opfern wolle, sollte sie den nächsten Morgen noch erleben. Ihr Mitleid gipfelt im Willen zur Selbstaufopferung. Der Entschluss aber macht sie vil ringes muotes unde vrô (v 530).
V Bittrede des Mädchens - Leid und Hoffnung:
Als die Eltern vom Entschluss ihrer Tochter hören, werden sie trûrec und unvrô (v 566) und meinen, ihre Treue sei zu groß, sie solle schweigen. Das Mädchen verteidigt ihren Entschluss mit dem Argument, dass nicht nur der Tod, sondern auch das Leben Leid und Not bedeute: swer joch danne die lenge / mit arbeiten leben sol, dem ist ouch niht ze wol (v 598 - 600). Sie möchte ihre Eltern bewarn vor schaden und vor leide (v 615), indem sie Heinrich rettet und sie dankt Gott für die Aufgabe, sich in jungen Jahren dem ewigen Leben hinzugeben. Die Mutter erinnert sie an das 4. Gebot, denn mit ihrem Tod würde das Mädchen den Eltern nicht Freude, sondern Leid bringen: dû wilt iedoch uns beiden / daz leben vaste leiden (v 649f). Gegen den Vorwurf der Mutter führt sie gerade diese Liebe ins Feld. Umso bestimmter müsse sie rasch ins ewige Leben gehen, um von den „scheinhaften Werten dieser vergänglichen Welt“ unbescholten zu bleiben. 30 Sie dankt ihren Eltern für Schönheit und auch den Verstand, der ihr die Erkenntnis gebe daz ich ûf diz brœde leben / ahte harte kleine. (v 696f) Leib und Seele will sie dem Teufel vorenthalten, indem sie sich Gott übergibt. Die Eltern sollten ihr das Glück wünschen, denn bliebe sie auf der Welt, hätten sie nur kurze Zeit Freude mit ihr. Sie schildert einen Lebensentwurf, in dem sie immer nur leiden müsse: sô hân ich iemer leit (v. 767). Die Liebe der Eltern zum Kind dürfe nicht ins Gegenteil umschlagen. Sie wolle das 4. Gebot nicht brechen, noch weniger aber dürfe sie die Treue zu sich selbst brechen. Ihr Entschluss steht fest: mir mac daz nieman erwern / zewâre, ich enwelle ernern / mînen herren unde mich. (v 841 - 843). Ihr Tod sei Rettung für sie alle: des tôdes genese wir / und ich verre baz dan ir (v 853f).
V Die Eltern akzeptieren, aber leiden:
Da ein Kind niemals eine solche Rede halten könne, ist die einzige Erklärung für die Eltern, daz der heilic geist / der rede wære ir volleist (v 863f). Unter großem Leid und Schmerzen - vonjâmer erkaltet in der lîp (v 875) - akzeptieren sie den Entschluss des Mädchens, da es ja letztlich Gottes Wille sein müsse.
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V Entscheidungsproblematik:
Als das Mädchen Heinrich mitteilt, dass sie sich für ihn opfern will, ervolleten im diu ougen / von jâmer alsô tougen (v 929f). Er dankt ihr, würdigt ihren Willen als reine unde guot (v 938), wertet ihn aber als den eines Kindes: gemahel, dû tuost als diu kint (v 949). Heinrich erklärt, er dürfe nichts verlangen, das denen Leiden bringt, die ihm Gutes tun: ich ensol ouch niht ir leides gern, / die mir ie gnâde tâten (v 964f). Damit verweist er das Mädchen an ihre Eltern. Als diese aber versichern, dass sie das Opfer erlauben, erfasst alle Beteiligten Schmerz, Kummer und Trauer: ir vater und ir muoter, die / huoben michel weinen hie (v 995f); Heinrich muss nun tatsächlich selbst die Entscheidung treffen, das Opfer anzunehmen oder nicht, was zum persönlichen Problem wird. 31 nu begunde ouch der herre / gedenken alsô verre / an des kindes triuwe, / und begreif in ouch ein riuwe, / daz er sêre weinen began, / und zwîvelte vaste dar an, / weder ez bezzer getân / möhte sîn ode verlân. (v 999 - 1006). Dann gibt der Erzähler keine Innenschau Heinrichs mehr 32 , in der der Entscheidungsprozess thematisiert wird, sondern es folgt eine geraffte Szene: Heinrich fasst sich, bedankt sich und die Handlung wird mit den Vorbereitungen für die Reise nach Salerno fortgesetzt.
V Abschiedsschmerz kehrt sich in Freude:
Als die Eltern ihre gesunde Tochter in den Tod ziehen sehen, leiden sie sehr: Nû wer möhte vol gesagen / die herzeriuwe und daz klagen / und ir muoter grimmez leit / und ouch des vater arbeit? (v 1027 - 1030) Doch sie besinnen sich darauf, dass all das von Gott gelenkt sei. diu reine gotes güete (v 1037) kehrt ihr Leid in Freude.
V Die Schrecken des Todes als Prüfung für den freien Willen:
Der Arzt in Salerno prüft den freien Entschluss des Mädchens und erklärt im Detail, wie ihr geschiht (v 1084). Der Arzt schildert die Gewaltsamkeit des Todes, der sie erwartet. Das Mädchen wird zunächst große Scham empfinden müssen: und wirt dîn schame harte grôz, / die dû von schulden danne hâst, / sô dû nacket vor mir stâst (v 1086 - 1088). Sie würde gefesselt werden und der Arzt verlangt, dass sie sich vorstelle, was dann passiert: ob dich dîn lîp erbarme, / so bedenke disen smerzen: / ich snîde dich zem herzen / und brichez lebende ûz dir (v 1090 - 1093). Seine Darstellung des Schreckens gipfelt in dem Satz ezn geschach nie kinde alsô wê, / als dir muoz von mir geschehen. (v 1096f). Doch nur der Arzt hat Angst vor dem grausamen Leiden, das er dem Mädchen zufügen wird. Das Mädchen selbst lachende sprach (1107), ir hülfe des tages der tôt / ûz werltlîcher nôt (v 1109f).
Cormeau, Hartmann von Aue. S. 155
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V Neuerliches Leiden an der Entscheidung - Wendepunkt:
Nun erfährt die Erzählung ihren Wendepunkt. Die Szenerie wird aus der Perspektive des Arztes und Heinrichs entwickelt. 33 Als der Arzt das Mädchen entkleidet sieht, verlässt ihn fast der Mut: sô gar erbarmete sî in, / daz im daz herze und der sin / vil nâch was dar an verzaget (1201 - 1203). Heinrich steht vor der Tür und hört den Arzt die Messer wetzen, da erfasst auch ihn wieder das Mitleid: und erbarmete in vil sêre, / daz er sî niemer mêre / lebende solde gesehen (v 1225 - 1227). Dem Wortlaut nach tut Heinrich nicht nur das Mädchen leid, sondern vor allem er sich selbst, denn er würde sie nie mehr sehen. 34 Erst als er durch eine Ritze in der Wand das Mädchen erblickt - nacket und gebunden. / ir lîp der was vil minneclich (v 1232f) - wird er erneut und endgültig vor das Entscheidungsproblem gestellt. Kein langes Hadern wird berichtet, sondern die Wahrnehmung nû sach er si an unde sich (v 1234) bewirkt eine radikale Umbesinnung (niuwen muot v 1235) und ein sofortiges Revidieren der Entscheidung (niht guot v 1236). 35 Heinrich gelangt zur Einsicht, dass er sein Leiden bereitwillig tragen müsse, weil Gott es ihm gegeben hat: swaz dir got hât beschert, / daz lâ allez geschehen (v 1254f). Er erlöst das Mädchen von dem Opferleid: ich enwil des kindes tôt niht sehen (v 1256).
V Das Leiden am Leben:
Das Mädchen aber verliert die Fassung, schreit, weint und fleht, „da die absolute Hingabe ins Leere geht“. 36 sî hete leides genuoc (v 1284a) und meint, nun sei sie alrêst tôt (v 1296). Die himmelkrône habe sie verloren und weder sie noch Heinrich hätten die ihnen zugedachte Ehre erlangt. Sus bat sî gnuoc umbe den tôt (v 1305). So sehr leidet das Mädchen daran, dass sie ob der zageheit (v1311) ihres Herrn am Leben bleiben musste, dass sie vor Kummer fast stirbt: Nû hete sich diu guote maget / sô gar verweinet und verklaget, / vil nâch unz an den tôt (v 1353 - 1355).
V Erlösung von allem Leiden - Gnadenakt Gottes:
Das nachfolgende Wunder Gottes auf der Heimreise liegt für den Erzähler in der Opferbereitschaft und nachfolgendem Leid des Mädchens (ir triuwe und ir nôt v 1356) und in beider triuwe und bärmde (v 1366) begründet: 37 dô erzeicte der heilic Krist, / wie liep im triuwe und bärmde ist, / und schiet sî dô beide / von allem ir leide (v 1365 - 1368).
War bisher die gesamte Erzählung vom Motiv des Leidens geprägt, so entfaltet sich nun umso reicher das Glück: Ansehen und Besitz Heinrichs werden sogar noch vermehrt, Verwandte
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und Freunde sind mit der nicht standesgemäßen Heirat einverstanden, Heinrich und das Mädchen erlangen nach einem glücklichen, langen irdischen Leben das Ewige Leben.
4. Ein Erzählmodell mit zwei Perspektiven
Die bestimmenden Figuren im „Armen Heinrich“ sind Heinrich und das Bauersmädchen, die Geschichte muss aus diesen beiden Rollenperspektiven gelesen werden: „Da beide Akteure abwechselnd den Gang der Erzählung bestimmen, stehen sie einander selbständiger gegenüber“. 38 Das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren macht die Erzählung aus, denn „[...] wie der Erzähler die Rollen beider Figuren zu einem Ausgleich bringt, ist für Form und Inhalt die entscheidende Frage.“ 39 Nur ein Erzählmodell, das beiden „Geschichten“ Raum bietet, kann dem Leser die subjektive Leiderfahrung des Aussätzigen u n d der Opferwilligen vorführen.
Kurt Ruh zeigt die Besonderheit des Erzählmodells im „Armen Heinrich“ auf, das zwei Ausprägungen der „mittelalterlichen Aussatzlegende mit der Thematik >Heilung vom Aussatz durch das Blut unschuldiger Kinder oder reiner Jungfrauen<“ 40 verbindet. Erst durch die Verknüpfung dieser beiden Formen der mittelalterlichen Aussatzsage kann im „Armen Heinrich“ die „Heilsgeschichte eines Kranken“ und eine Opfergeschichte gleichermaßen thematisiert werden.
4.1. „Heilsgeschichte eines Kranken“ 41
Eine feste Form der mittelalterlichen Aussatzsage führt uns die „Silvesterlegende“ vor. Sie erzählt die Geschichte des haidnischen Kaisers Konstantin, der vom Aussatz befallen wird und durch das Blut unschuldiger Kinder geheilt werden soll. Im Gegensatz zum „Armen Heinrich“ erfolgt hier das Opfer unfreiwillig und „[...] der Jammer der betroffenen Mütter bewegt den Kranken zum Verzicht auf das grausame Blutopfer.“ 42 Der Verzicht auf das Opfer wiederum ist Voraussetzung für den Gnadenakt Gottes, in dem Konstantin durch die Taufe geheilt wird: „Das Blutbad ist ersetzt durch das bat (Tr. Silv. 150) der Taufe.“ 43 Inhaltlich geht es hier jedoch allein um Konstantin, „[...] die kleinen Kinder fallen kaum in den Blick, es
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sei denn unter dem Aspekt der klagenden Mütter.“ 44 Ebensowenig wird abgewogen, ob das Opfer als solches moralisch gut oder schlecht ist, die Magie des Blutopfers wird als „Faktum“ genommen. Entscheidend ist nur der Verzicht des Kaisers, durch den er „seiner Gesinnung nach reif für die Bekehrung zum rechten Glauben“ 45 ist.
4.2. „Hohelied eines Opferbereiten“ 46
Eine zweite typische Ausprägung der Aussatzlegende demonstriert die Freundschaftssage von „Amicus und Amelius“. Amicus wird ohne besonderen Anlass von Gott mit der fürchterlichen Krankheit geschlagen. Über das Warum wird nicht weiter nachgedacht, denn „[...] die miselsuht genügt als bloßes Faktum, da sie der Bewährung eines anderen Menschen zu dienen hat, nicht dem Heil des Kranken.“ 47 Das Blut der beiden Söhne von Amelius soll laut „himmlischer Botschaft“ Heilung bringen. Somit entfaltet sich die Geschichte rund um das „Freundesopfer aus Treue“. Amelius erweist Amicus den Freundschaftsdienst und opfert seine Söhne, Amicus wird dadurch geheilt. Gott erweckt schließlich die Knaben wiederum zum Leben.
Seltener gibt es Beispiele für eine „Selbstaufopferung“ wie im altfranzösischen Prosaroman „La Queste del Saint Graal“: Eine Schlossherrin ist vom Aussatz befallen. Auch hier kommt die Krankheit unmotiviert von Gott. Percevals Schwester will sich „aus lauter Caritas“ opfern „[...] und zwar, was ihren Wert erhöht, für einen beliebigen, durch keine persönliche Bindung an die Opferbringende ausgezeichneten, mutmaßlich sogar schuldbeladenen Menschen.“ 48 Das Blut der Opferbereiten heilt die Schlossherrin zwar, doch eine „Korrektur“ erfolgt insofern, als ein „himmlischer Blitzstrahl“ die Burg der Aussätzigen zerstört. In der „Queste“-Episode wird der Gipfel der Opferbereitschaft in Form der vollzogenen Selbstopferung erreicht. Wie im „Armen Heinrich“ wird die Opfertat als bewusste Handlung abgebildet und „Mitleid und Hingabe der sich Erbarmenden werden als höchste und reinste Liebe gewürdigt.“ 49
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4.3. Heilsgeschichte oder Opferlegende?
„Heilung vom Aussatz durch Blutopfer“ ist auch im „Armen Heinrich“ das Thema. Doch wie fügt sich Hartmanns Erzählung in die beiden für dieses Thema reservierten mittelalterlichen Erzählmodelle ein? Ich möchte hier die Skizze wiedergeben, an der Kurt Ruh zeigt, wie Hartmann Heilsgeschichte und Opfergeschichte verbindet. Die relevanten Momente für eine Zuordnung sind die Fragen nach
Die Eckpunkte der Struktur im „Armen Heinrich“ sind in der folgenden Darstellung fett gedruckt.
I AMICUS UND aus Treue Opfer AMELIUS von Gott durch das Opfer freiwillig angenommen QUESTE und vollzogen aus Caritas
II SILVESTER unfreiwillig von Gott Verzicht durch Gnade
4.4. Bedeutung für die Interpretation in der Gegenwart
Hartmann konnte davon ausgehen, dass seine Hörer bestimmte Deutungen mit den Motiven „Aussatz“ und „Blutopfer“ verbanden und deren Bedeutung in den mittelalterlichen Sagen und Legenden kannten. Durch die Zusammenführung der bekannten Erzählformen, konnte es ihm nun gelingen, neue Akzente einzubringen und damit eine Exempeldichtung in seinem Sinne zu verfassen. „Für die Interpretation kann als Voraussetzung gelten, daß mit den Motivreihen bestimmte Themen und Begründungen vorgegeben sind, die Akzentsetzung und
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Gewichtung variabel bleibt, zumal in der Zusammenfügung der Modelle, die eine neue Konsequenz verlangt.“ 51
5. Sünde - Aussatz - Leiden. Der Symbolwert einer Krankheit
Günther Datz weist in seiner Dissertation darauf hin, dass es kaum Interpretationsspielraum gibt, wenn es um die Frage geht, wie der mittelalterliche Mensch Krankheit gesehen hat. Während Cormeau versuche, den Sinn von Heinrichs Leiden außerhalb eines Schuld-Strafe-Zusammenhangs zu klären 52 , zweifelt Datz daran, dass auch der mittelalterliche Hörer außerhalb dieses Zusammenhangs denken konnte: „‘Schicksalsschläge‘ sind für den mittelalterlichen Gläubigen weder Schläge eines blinden Fatums, noch die Zusammenstöße des Menschen mit einer widerständigen und eigengesetzlichen Natur, sondern sie haben mit Gott zu tun, sie sind ‚Schickungen‘. Das ist nicht eine besonders fromme Interpretation, sondern die damals übliche Welterklärung.“ 53
Besonders eindeutig ist für den mittelalterlichen Menschen der göttliche Einfluss im Falle der gefürchteten miselsuht: „Der Aussatz kommt von Gott [...], ein Zug, der zum mittelalterlichen Verständnis der Krankheit gehört und für alle christlichen Aussatzerzählungen konstitutiv ist, und er dient einer höheren Zweckbestimmung: Bekehrung zum Christentum und damit Beginn des Heiligen Römischen Reiches.“ 54 Aussatz wurde im Mittelalter nicht gleichwertig mit anderen Krankheiten gesehen, er zog soziale Isolierung mit sich und „[...] ist im Mittelalter eine tabuisierte Krankheit.“ 55
In mittelalterlichen Predigten findet sich die Allegorie „die Sünde als Aussatz der Seele“ wieder. Im Umkehrschluss erhält dadurch der körperliche Aussatz den „Anschein der Sündhaftigkeit“ 56 und „[...] die Vergiftung des Fleisches wurde begriffen als Zeichen der seelischen Vergiftung, [...] mit der Gott den Bösen strafte.“ 57 Dass Aussatz als Strafe oder Geißel Gottes zu sehen ist, wird in mehreren Bibelstellen exerziert (Lv 14; Nm 12,13; im NT: Mt 8,2-4; Mc. 1, 40-44; Lc 5, 12-14) 58
Realien zur Literatur, Abt. D, Literaturgeschichte). S. 110f
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6. „der maget herzebluot“. Die Magie des Blutopfers
Das mittelalterliche Patentrezept gegen die gefürchtete Krankheit ist „Teil einer weitverbreiteten Blutmagie“. Seit der Antike gibt es den magischen Glauben an „Waschung in Menschenblut, vor allem dem von unschuldigen Kindern“. 59 Therapierezepte gegen den Aussatz, die auf Blutmagie beruhen, finden sich bereits bei Plinius und Paracelsus. Dass die Christen diesen Gedanken gerne aufgegriffen haben liegt ob des Blutopfers Christi nahe. 60 Von dieser Blutmagie ging eine eigene Faszination aus, man glaubte an die Wirksamkeit und sie fand Eingang in viele Erzählungen. 61
Die Grausamkeit der Krankheit bedingt ein ebenso grausames Opfer. Der Gedanke, dass nur menschliches Leben menschliches Leben zurückgewinnen kann, findet sich „in gewisser Verengung“ auch „[...] in dem Gebot der Gottheit an den Menschen, sein Liebstes zu opfern“ 62 . Sobald sich der Mensch demütig und ergeben zum Opfer überwindet, wird es ihm aber von Gott erlassen, der „den Willen für die Tat“ nimmt. Bespiele dafür geben Abraham und Isaak, Agamemnon und Iphigenie, Alkestis und Admetos. 63
Grundsätzlich gilt im „Armen Heinrich“ wie in allen motivverwandten Geschichten der Glaube an die Wirksamkeit der „Arznei“. Für die Wirksamkeit des Blutopfers führt Hartmann jedoch im „Armen Heinrich“ eine weitere Bedingung ein - die Voraussetzung der Selbsthingabe. Da nun eine Jungfrau die Entscheidung zum Opfer selbst treffen muss, kann Heinrich nichts dazutun, das Heilmittel zu gewinnen. Somit ist laut Cormeau „der Raum für eine zweite Hauptfigur abgesteckt“. 64
Am Wendepunkt der Erzählung, als Heinrich sich im letzten Augenblick entschließt, das Opfer doch nicht anzunehmen, wird jedoch auch der Glaube an die Wirksamkeit in Frage gestellt: und ouch dar zuo niene weist, / ob dich des kindes tôt ernert (v 1252-1253).
Leslie Seiffert weist auf die komplexe Symbolik hin, die mit dem Wort herze verbunden ist. der maget herzebluot wird als einziges Heilmittel für Heinrichs Leiden genannt, es ist aber nicht bekannt, „in welcher Weise es verwendet werden sollte.“ 65 Vom „Besprengen“ und „Bestreichen“ bis hin zu „Bädern“ und dem „Trinken des Blutes“ sind alle Möglichkeiten vorstellbar. Alle Anwendungsmethoden stehen „für einen bedeutenden Vorgang“, der ein „Mysterium“ ausdrückt. So gilt „das Opfer, das Christus dargebracht hat, als einmaliger Akt
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für alle Zeit.“ 66 Auch das Opfer des Mädchens soll ein „Mysterium“ ausdrücken, wobei es nur um die „Anspielung“ auf ein Ritual geht: „Alle denkbaren Methoden der Anwendung von Blut sind in der Phantasie zulässig, weil sie alle in der Praxis grundsätzlich unzulässig sind. Alle sind gleichermaßen wahr, weil sie alle, da sie die Fülle des Mysteriums doch nicht fassen, gleichermaßen falsch sind.“ 67 Behält das Opfer diesen Anspielungscharakter, dann kann es sowohl Arznei gegen eine Krankheit, als auch „stellvertretende Sühne“ 68 sein. herze bezieht sich auf das ganze innere Sein, so opfert sich das Mädchen „ganz und gar für den Ritter“. 69
Während wir im „Armen Heinrich“ nichts von der Anwendung des Mittels erfahren, wird dafür umso genauer beschrieben, wie dem Mädchen das Herz entnommen werden soll und welches Leid ihm dadurch geschieht. 70
7. Die Schuldfrage. Zusammenhang von Leid und Sünde.
Die zentrale Frage im „Armen Heinrich“ lautet: Hat sich Heinrich in irgendeiner Form schuldig gemacht, sodass der Aussatz als gotes zuht (v 120) dem mittelalterlichen Verständnis nach gerechtfertigt ist? Oder muss im „Armen Heinrich“ ein Unschuldiger leiden und wie Hiob eine „Prüfung“ Gottes bestehen?
Die miselsuht befällt Heinrich so unvermittelt wie einst Hiob. Der Erzähler gibt für das Leiden zunächst auch keine erkennbare Ursache an, erwähnt aber die Analogie zu Hiob: als ouch Jôbe geschach, / dem edeln und dem rîchen, / der ouch vil jæmerlîchen / dem miste wart ze teile / iemitten in sînem heile. (v 128 -132). Meiner Meinung nach zeigt der Erzähler jedoch nur, dass die Ausgangssituation Heinrichs und Hiobs die gleiche ist. Er stellt den Anfang seiner Erzählung in einen vertrauten Rahmen, in dem der Hörer die Geschichte Heinrichs einordnen und vergleichen kann. Die Geschichte selbst ist eine andere und es bleibt trotz der Erwähnung Hiobs offen, welche Funktion Heinrichs Leiden erfüllt und weshalb Gott ihm sein Leiden geschickt hat. Die Ähnlichkeit besteht darin, dass beide Werke „das elementare Problem des Stellenwertes von Leiden in einem Universum unter Gottes Obhut“ 71 behandeln.
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7.1. Vergleich mit Hiob
Günther Datz hat sich eingehend mit dem Vergleich „Hiob und Heinrich“ auseinandergesetzt und aus meiner Sicht einen wertvollen Beitrag zur Interpretation der „Schuldfrage“ im „Armen Heinrich“ geleistet.
Er trifft eine erste wichtige Unterscheidung im Falle der Fragestellung, die sich beiden Figuren im Laufe ihres Leidens aufdrängt. Dabei haben wir es mit zwei unterschiedlichen Einzelschicksalen zu tun: „Bei Hiob hatte die Frage geheißen: ‚Hier ist Leid. Was ergibt sich daraus für Gott, da ich doch gerecht war?‘ Beim ‚Armen Heinrich‘ heißt sie: ‚Hier ist Leid. Was ergibt sich daraus für meinen Status vor Gott, da e r doch gerecht ist und zudem mein Heil will?“ 72 Bei Hiob geht es also um die Suche eines Gottesbildes, das „Ringen um und mit Gott“. Bei Heinrich geht es um die Reflexion des eigenen Ichs. Heinrich muss erst erkennen, ob er vor Gott richtig oder falsch gehandelt hat. Diese Frage steht für Hiob außer Zweifel. „Im einen Fall mußte sich das Bild ändern, das der Mensch von Gott hatte, im andern Fall ändert sich das Bild, das der Mensch von sich selber hat. Die Antwort ist bei Hiob: Hiob ist kein Vorwurf zu machen, wenn er sich gegen das Leid auflehnt. Aber Jahwe ist ihm dafür keine Rechenschaft schuldig. Bei Hartmann: Heinrich ist im Unrecht, wenn er darüber auch nur klagt. Denn der Mensch ist Sünder, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Außerdem meint Gott es ihm nur gut.“ 73
Im Gegensatz zu Hiob, der erkennt, dass er Gott suchen muss, um sein Unglück zu verstehen, denkt Heinrich gar nicht an diese Möglichkeit. Eigentlich hatte der Arzt nicht zwei „gleichberechtigte Heilmittel“ genannt, denn als erstes verweist er Heinrich an Gott, da das andere Heilmittel nicht zu finden sei: 74 nu enist aber nieman sô rîch / noch von sô starken sinnen, / der sî müge gewinnen. / des sît ir iemer ungenesen, / got enwelle der arzât wesen. (v 200 - 204). Ich stimme Datz zu, dass in der Reihenfolge der Repliken eine Wertung vorliegt. „Warum versucht Heinrich es nicht damit, ob Gott ihm nicht am Ende doch der Arzt sein wolle?“ 75
Datz verweist darauf, dass Heinrich nicht mit jener Idealität zu messen sei wie Hiob. 76 Ich sehe das in dem Sinne, dass es bei Hiob darum ging, durch eine Prüfung zu zeigen, wie vorbildlich seine Gottesfürchtigkeit ist. Heinrich aber ist kein biblisches Vorbild, er handelt und leidet wie jeder Mensch und gelangt durch einen langen Leidensprozess hindurch zur Einsicht. Mit der Figur Heinrichs, dem durchaus in vielen Punkten vorbildlichen
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mittelalterlichen herre, kann Hartmann jedoch einen Teil der Lehre aus dem Buch Hiob veranschaulichen. Auch Cormeau sieht den Kontrast zwischen Hiob und Heinrich nicht in den Personen, sondern in der Figur des legendenhaften, objektivierten Hiobs. „Der Erzähler setzt hier ein Signal, daß sein Interesse nicht einem anerkannt vorgegebenen Weg zum Heil gilt, sondern der ganz persönlichen Auseinandersetzung eines einzelnen, die mit einer Woge schmerzhafter und empörter Gefühle beginnt.“ 77
Dennoch bleibt fragwürdig, dass Heinrich dem biblischen Hiob derart negativ gegenübergestellt wird. „Ein Blick in die Bibel bestätigte, daß Hiob ja genauso geflucht hatte, ja mehr noch: Hiob war, im Unterschied zu Heinrich, über eine lange Strecke hin eine ausgesprochene Rebellengestalt, freilich, und dies wieder im Unterschied zu Heinrich, ein frommer Rebell und ein rebellischer Frommer.“ 78 Die Interpretation Hiobs hatte zur Folge, dass jeder Leidende, der mit ihm verglichen wurde, letztlich unvollkommen sein musste. 79
7.2. Schuldig oder sündig?
Als Heinrich auf die Fragen des Bauern hin zum ersten Mal einen möglichen Grund für seine Krankheit ausmacht und sich einen werlttôren (396) nennt, geht es nicht darum „[...] ob Heinrich mit seiner Selbstbezichtigung o b j e k t i v recht oder unrecht hat.“ 80 Er sucht nach einer Schuld, weil das im Selbstverständnis des mittelalterlichen Menschen liegt. „Leiden ist eine Frage an die Schuldeinsicht des Menschen“, denn der Mensch ist nach christlichem Verständnis vom Tage seiner Geburt an ein Sünder. 81 Damit bringt Datz einen Aspekt in die „Schuldfrage“ im „Armen Heinrich“ ein, der - liest man die Erzählung mit dieser theologischen Implikation - die Frage nach Prüfung oder Strafe erübrigt. „Nicht weil Heinrich also ein besonderer Sünder wäre, ereilt ihn die Krankheit, sondern weil er ein Sünder ist wie jeder andere: Heinrich trifft das Leid, weil es jeden treffen könnte.“ 82
Während Cormeau keine schwere Sünde bei Heinrich aufzudecken vermag 83 und ihm deshalb „einen moralischen Freibrief ausstellt“, weist Datz auf das Sündenverständnis in der Theologie des Mittelalters hin. Neben der konkreten und massiven Tatsünde, wie Cormeau sie natürlich vergeblich sucht, kennt die Theologie des Mittelalters auch eine „Sünde der Gesinnung“ - „[...] die sogenannten ‚läßlichen‘ Sünden, von denen keine so ‚großartig‘ ist,
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daß man mit dem Finger darauf hinzeigen würde, deren aber jede einzelne eine innere Fehlhaltung verraten.“ 84
Außerdem gibt Datz zu bedenken, dass die mittelalterliche Theologie nicht den Anspruch erhob, eindeutig zu wissen „[...] welche Strafe welcher Sünde von Gott her angemessen sei.“ 85
Einen weiteren interessanten Aspekt in der „Sünde-Leid-Frage“ bringt Datz mit dem Hinweis ein, dass auch das Fegefeuer in seiner mittelalterlichen Bedeutung nicht außer Acht gelassen werden darf. „Es wäre also möglich, daß Heinrich sich durch sein schweres Leiden ein schwereres erspart hat: Leiden mithin als ‚heilsame Strafe‘“. 86 Seine dadurch zu Lebzeiten gewonnene Erkenntnis, dass nur ein gottesfürchtiges Leben ein gutes Leben sei, bewahrte ihn vor einer Sühne nach dem Tod.
Während in Heinrichs Leben vor der Krankheit eine Sünde nicht eindeutig auszumachen ist 87 , sieht es in der Situation der „Opferannahme“ möglicherweise anders aus: Für Cormeau liegt in dieser Szene zumindest eine „schwere Versuchung“ vor, für Datz die Sünde selbst. Seit der Arzt das Blutopfer als Therapierezept nannte, liege die Sünde in der „[...] latenten Bereitschaft Heinrichs, es damit zu versuchen.“ 88 Bereits bis hierher habe Heinrich als Sünder gelebt. Im Gegensatz zu K. Ruh 89 spielt es für Datz im Augenblick der tatsächlichen Opferannahme keine Rolle, dass das Mädchen ihr Opferangebot von sich aus macht. In dieser Situation werde Heinrichs „Selbstüberschätzung“ deutlich, die eigene Gesundung vor das Leben eines anderen zu stellen. Datz sieht diese „Selbstüberschätzung“ grundlegend in Heinrichs Charakter angelegt und darin auch die Funktion seiner Krankheit. Die Krankheit wird ihm zeigen, wer er ist, denn die Opferannahme ist nur eine Ausprägung seiner grundlegend falschen Gesinnung. „[...] sein Verhalten war s i g n i f i k a n t! Die Krise bringt es an den Tag, wessen er bei aller Vorbildlichkeit fähig ist, und wessen er eben nicht fähig ist.“ 90
Betrachtet man Heinrichs Leiden unter diesen von Datz aufgezeigten Aspekten, dann wird immer offensichtlicher, dass einzig das Leiden - die Krise, die damit ausgelöst wird - zu einem Läuterungsprozess führen kann. Und damit ist die Krankheit Sündenstrafe im mittelalterlichem Verständnis und Prüfung zugleich. Seine Sünde ist die
Cormeau schlüssig aus dem Sünde-Leid-Zusammenhang verwiesen. vgl. Cormeau, Hartmann von Aue. S. 151
Schuldzusammenhangs. Sie erklärt sich allein aus den Voraussetzungen des Erzählmodells. Die Annahme des Opfers ist nötig, um die Geschichte des Mädchens zu entfalten und wird durch die betonte Freiwilligkeit des Opfers motiviert. Die theologisch-ethische Implikation ergibt sich für Ruh erst in der Verzichtsszene.
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„Selbstüberschätzung“ 91 , seine Prüfung ist der Wandlungsprozess in Form eines Leidensweges.
Es wäre auch von der Intention Hartmanns her falsch, Sünde bzw. Möglichkeit einer Sünde im „Armen Heinrich“ auszuschalten. Vers 10f - dâ mite er swære stunde / möhte senfter machen - meint wohl auch, dass das Buch „Trostbuch“ sein soll. Trost jedoch nicht für alle Gesunden, die plötzlich krank werden und damit Hoffnung haben, gesund zu werden, sondern Trost, „[...] daß für den Menschen, der Sünder ist, gleichwohl Hoffnung besteht.“ 92
Ich habe diesen Abschnitt der Arbeit mit der Frage „schuldig oder sündig?“ überschrieben, da ich Datz‘ Interpretation der „Schuldfrage“ im „Armen Heinrich“ zustimme. Es geht nicht so sehr darum, Heinrichs Leiden auf eine exakt im Text festzumachende Tatsünde zurückzuführen, auf eine exemplarische S c h u l d, sondern es geht um den s ü n d i g e n Menschen Heinrich, der durch sein Leiden auf sein Leben zurück schaut und darin Gottes Wirken erkennt.
8. Der „Wandlungsprozess“
Bereits mehrfach wurde in dieser Arbeit erwähnt, dass im „Armen Heinrich“ eine „Innenschau“ Heinrichs und des Bauernmädchens gegeben wird und dass es um die Persönlichkeitsentwicklung zweier Einzelpersonen geht. Am Ende der Erzählung findet der Leser beide Figuren verändert vor, wobei die Entwicklung in entgegengesetzter Richtung erfolgt und das Hauptaugenmerk sicherlich Heinrich gilt. „Die beiden Handlungsstränge bilden einen Chiasmus“ 93 , in dem der Prozess der Wandlung vorgeführt wird. Heinrich gelangt von seiner Fixiertheit auf bloße Lebenswerte hin zu einem Selbstverständnis, das Gottes Wirken mit einbezieht. Das Mädchen, das alles Irdische verwirft und ausschließlich Heil im Jenseits erwartet, wird zum Leben gezwungen - das, was Heinrich am Anfang eisern festhält, wird letztlich vom Mädchen verlangt; das, was das Mädchen verzweifelt sucht, muss Heinrich für sich akzeptieren. 94 Bei beiden kommt es erst nach vorausgegangener
„Daseinsschuld“, die sich für Ruh aber nicht explizit in der Situation der Opferannahme, sondern am Beginn der Erzählung zeigt. Auch Ruh geht davon aus, dass es im „Armen Heinrich“ nicht um eine bestimmte Sünde als solche, sondern um das „Sündenbewußtsein“ geht. Für Ruh ist „Der Arme Heinrich“ durch die Analogie zu Hiob als „Heilsgeschichte“ zu lesen, Heinrichs Krankheit ist Prüfung, die ihn zur „Leidbejahung“ führt. vgl. Verweyen, Der Arme Heinrich. S. 34: Auch er sieht keine konkrete Verfehlung, sondern Heinrichs Bekenntnis beziehe sich auf „Grundsätzliches“.
vgl. Wapnewski, Hartmann von Aue. S. 116: Wapnewski dagegen sieht in Heinrich die Sünde der „Selbstgerechtigkeit“ aufgezeigt, was mehr oder weniger der „Ursünde superbia“ gleichkomme.
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Leiderfahrung zu einer Neuorientierung. In diesem Abschnitt sollen die Stufen dieses Wandlungsprozesses - vor allem der Wandlung Heinrichs - genauer aufgezeigt werden.
8.1. Analogien zum Sakrament der Buße
Leslie Seiffert versucht am „Armen Heinrich“ ein Interpretationsmuster, das aus einer „sakramentalen Psychologie“ heraus gewonnen wird, „[...] deren Schlüsselwörter contritio, confessio und satisfactio heißen;“ 95 Damit soll der Text nicht in eine liturgische Form gezwängt, sondern lediglich eine Analogie zum Sakrament der Buße aufgezeigt werden, die bei einer religiösen Interpretation von Heinrichs Wandlungsprozess naheliegt. 96
In einem ersten Schritt legt Heinrich eine Art Schuldbekenntnis (confessio) ab, als er der Bauersfamilie seine Deutung der Krankheit mitteilt, die Strafe für eine Sünde sein müsse: Ich hân den schemelîchen spot / vil wol gedienet umbe got (v 383f). Er gesteht sich ein, dass er seine weltlichen Ziele mit vrevil (v 391) verfolgte, als alle werlttôren tuont (v 396). Heinrich begibt sich damit erst einmal auf die Suche nach möglichen Verfehlungen in seinem Leben und akzeptiert Gottes Recht auf Strafe. Die Krankheit sieht er zunächst nur als Strafe, von der ganzen Wahrheit ist er jedoch noch weit entfernt. Auch hat er nur ein Gottesurteil in seine Betrachtungen einbezogen, nicht aber die Gnade und Liebe Gottes und seine Bereitwilligkeit, zu heilen. Es handelt sich also nicht um eine echte „Beichte“, doch die Szene kann „literarische Analogie“ dazu sein. 97
Heinrichs contritio nimmt die Form des Verzichts an. Er zieht sich zurück, gibt die höfische Stellung auf, „[...] worauf seine Ehre und sein Stolz sich gegründet hatten“ 98 und lebt in relativer Armut. Diese Haltung könnte als die eines reuigen Sünders angesehen werden. Aber eher ist es wohl eine Flucht vor den nun widrigen Umfeldbedingungen, denn wie genæme / er ê der werlte wære, / und wart nû als unmære (v 124 - 126).
Heinrichs Buße, die satisfactio wird ihm nicht durch einen Priester auferlegt, sondern er macht seine Sünde durch eine endgültige „[...] innere Umkehr und eine vollständig Hingabe an Gottes Willen“ 99 wieder gut: gotes wille müeze an mir geschehen! (v 1276) „Indem er seine tumpheit und sein unreht einsieht, verläßt er den Weg, den er bisher verfolgt hatte, und demütigt sich vor Gott in vollkommener Reue.“ 100 Ebenso die Struktur einer satisfactio hat das Angebot des Mädchens, sich für Heinrich zu opfern. Die „stellvertretende
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Wiedergutmachung“ und das stellvertretende Leiden haben im christlichen Glauben einen „definierten Stellenwert“. Eine solche satisfactio ist einer normalen Beichte natürlich nicht angemessen. 101
Das Schema einer Beichte mit den Elementen confessio, contritio und satisfactio ist im „Armen Heinrich“ durchaus vorhanden, wenngleich es sich keineswegs um eine echte Beichte handelt. Doch das Muster des sakramentalen Aktes kann den Wandlungsprozess verdeutlichen. Seiffert glaubt, dass dieses dreiteilige Schema doppelt vorkommt: Bis hin zur ersten satisfactio, dem Opferangebot des Mädchens, hat Heinrich Gottes Plan nicht erkannt. Nimmt er das Opfer an, würde er nur die Chance auf „irdische Heilung“ wahrnehmen und „Gottes Strafe umgehen“. Sowohl Heinrich als auch das Mädchen befinden sich im Irrtum, denn „[...] wie dieser noch lernen muß, worin seine wahre Erlösung besteht, muß das Mädchen noch lernen, welche Stelle Gott in seinem Heilsplan auch ihr zugewiesen hat.“ 102 Das Mädchen aber bildet schließlich den Schlüssel, damit Heinrich einen „Augenblick der Offenbarung“ erfährt und „[...] diesmal fähig ist, eine echte contritio zu empfinden, eine echte confessio abzulegen und eine echte satisfactio anzubieten,“ 103 wie wir in den folgenden Versen lesen:
dû hâst einen tumben gedanc, / daz dû sunder sînen danc / gerst ze lebenne einen tac, / wider den nieman niht enmac. / du enweist ouch rehte, waz dû tuost, / sît dû benamen ersterben muost, / daz dû diz lasterlîche leben, / daz dir got hât gegeben, niht vil willeclîchen treist ... swaz dir got hât beschert, daz lâ allez geschehen. / ich enwil des kindes tôt niht sehen. (v 1243 - 1256)
8.2. Heinrichs Weg
Als Heinrich der Schicksalsschlag ereilt, hätte er „[...] die Gelegenheit gehabt, sich zu bewähren und seinen Tugenden die Krone aufzusetzen.“ 104 Diese erste „Chance“ nimmt er nicht wahr, sondern versucht sich sogar mit dem Leben eines anderen die Gesundheit zu „erkaufen“. 105 Als Heinrich das Opfer zunächst annimmt, hat er noch einen langen Weg vor sich. Für Kurt Ruh ist es ein Weg, der hin zum endgültigen Verzicht auf das Opfer führt und damit zur „Bejahung des Leidens“. Eine Etappe bildet dabei die „Schuldbejahung“, die Voraussetzung für die Annahme des Leidens ist. Dabei geht es nicht um eine „objektive Schuld“, sondern um die persönliche Einsicht. 106
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triuwe und bärmde (v. 1366) sind es, die am Ende den göttlichen Gnadenakt ermöglichen. Für Wapnewski ist deshalb Heinrichs Leidensweg eine „vertiefte Form der Bewährung“, wobei es nicht um eine Bewährung in der Welt, sondern vor Gott geht. Wapnewski sieht in dem vom Mädchen freiwillig dargebotenen Blutopfer und dem Verzicht Heinrichs eine „Doppelung“ der Bewährung. Bis zum endgültigen Verzicht auf das Opfer durchläuft Heinrich einen Prozess, der die Stufen „Mildtätigkeit“ (das Verschenken des Besitzes), „Einsicht“ (v. 383 -416) und schließlich die Schicksalsbereitschaft in Gottes Namen erfordert. 107 „Dreigliedrig wie der Prozeß der Läuterung ist die ganze Erzählung komponiert: der erste Teil gilt dem weltlichen herren Heinrich, der zweite dem armen Heinrich, der dritte dem guoten herren Heinrich.“ 108
Der Punkt, an dem Heinrich einsichtig wird, wird kurz vor der totalen Eskalation erreicht, als die Opferung des Mädchen unmittelbar bevorsteht. Da erfasst den geplagten Ritter beim Anblick des Mädchens Mitleid. Für Datz ist der Wendepunkt in Heinrichs Heilsgeschichte jetzt erreicht, wo „Selbstliebe in Liebe“ umschlägt. 109 nû sach er sî unde sich / und gewan einen niuwen muot: / in dûhte dô daz niht guot, / des er ê gedâht hâte / und verkêrte vil drâte / sîn altez gemüete / in eine niuwe güete. (v 1234 - 1240)
In jedem Fall ist es die gefürchtete Krankheit, die die geschilderten Prozesse in Gang bringt. „Sie erweist sich als das Mittel, Heinrich all das einzubringen, was ihm früher abging.“ 110 Durch die Krankheit verliert er seinen Stolz; „w e i l er die Krankheit hat“, findet er auch ein Mädchen, das den Wendepunkt in seinem Leben herbeiführt; das „scheinbare Herausfallen aus der Gnade“ erweist sich schließlich als „das eigentliche Mittel seiner Erlösung“. 111
8.3. Rolle des Mädchens - Vermischung von moralisch-religiöser Motivierung
und Minnemotiv
Die 8jährige Tochter des Meiers wird zur zweiten Hauptfigur in der Erzählung. Ihre reine kindes güete (v. 322) wird in erster Linie als gottgegebene Liebesfähigkeit (vgl. v 348) gedeutet. Zugleich aber schwingt im Umgang zwischen Heinrich und dem Mädchen eindeutig das Minnemotiv und eine erotische Komponente mit: Der Platz des Mädchens zu Füßen Heinrichs (v. 324f.), die Ansprache mit gemahel, Heinrichs kleine Geschenke wie gürtel, vingerlîn, spiegel, die den Charakter von Werbungsgeschenken im Sinne der Aventiureritter und Minnesänger haben. 112
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Am Wendepunkt der Erzählung erfolgt Heinrichs Sinneswandel just beim Anblick der Schönheit des Mädchens: ir lîp der was vil minneclich / nû sach er sî an unde sich / und gewan einen niuwen muot (v 1233 - 1235). Für Ruh bedeutet dieser Höhepunkt der Erzählung eine „Konfrontation zwischen der Schönheit des Mädchens und seiner eigenen Häßlichkeit, und das heißt auf der Sinnebene: zwischen Reinheit, güete, Charisma und Beflecktheit, Gnadenlosigkeit, Sündenzeichen.“ 113 Dieser „Kontrast“ motiviere den „Sinneswandel“. Die Nacktheit und fehlende Scham des Mädchens - das Entkleiden beim Arzt widerspricht mittelalterlichen Gepflogenheiten - sei Symbol für die „Reinheit“ und „Unschuld“ der Opferwilligen in einem religiösen Sinn. 114
Leslie Seiffert warnt vor einer „Verabsolutierung“ des Mädchens und nimmt ihre nackte Schönheit als Tatsache, wie sie im Text geschildert wird. Die erotische Komponente sei vielmehr Teil der Liebesgeschichte im „Armen Heinrich“, Teil der Märchenstruktur, die sich mit der Legendenstruktur verbindet. 115 Obwohl die triuwe die bedeutsame Tugend des Mädchens ist, so bewirkt doch der Anblick ihrer Schönheit Heinrichs Sinneswandel. Die Szene ist durch die „Wertschätzung der Schönheit“ getragen und enthält „ein Element würdigender Liebe“. In der Entdeckung der Schönheit des Mädchens entdeckt Heinrich auch ihre triuwe und bärmde. Dass er diese Eigenschaften im Verhalten eines anderen würdigt und ihren Wert richtig einschätzt, sei seine eigentliche Erkenntnis. 116
Für Wapnewski scheint die Figur des Mädchens die einzige Unbekannte in einer Gleichung zu sein, die ansonsten keine Schwierigkeiten bietet. Für ihn gibt „Der arme Heinrich“ bis auf die Person des Mädchens „keine Rätsel auf“. Entsprechend scharf zeichnet er ihre Rolle: Ist sie zunächst Kind, so möchte sie zur Märthyrerin werden und ist ergriffen von einem „religiös-mythischen Wahnsinn“. Betrachte man die Figur vom Standpunkt der Psychopathologie her - so Wapnewski - dann sei sie gewiss eine „Hysterica“. 117 Das Mädchen sei als konsequenter Gegenentwurf zu Heinrich konzipiert: „Ist er besessen von Ich-Liebe, so sie von dem Drang zur Ich-Entäußerung; er von Weltlust, so sie von Jenseitslust; er von Selbstsucht, so sie von Selbstaufgabe; er von Wehleidigkeit, so sie von lachendem Todesmut.“ 118 Dieser Entwurf mag sich zum Teil im Text bestätigen. Meiner Ansicht nach mangelt es aber Heinrich an derartigen Extrempositionen. Wäre Heinrich als selbstsüchtiger Ich-Fanatiker gezeichnet, würden die Verse 31 - 74 anders ausfallen. Nicht anzuzweifeln ist jedoch die Tatsache, dass auch das Mädchen von großem Leid geschlagen war - „[...] gewiß nicht nur insofern, als ihr der Opfertod verwehrt wurde, denn solches Leid würde ja nicht aufgehoben durch die Heilung dessen, durch den sie sterben will. Ihr Leid ist vielmehr längst
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absolut geworden, ist der fanatische Drang, dieses Leben um des ewigen willen so bald als möglich zu verlassen.“ 119
Dass die Opferwilligkeit des Mädchens zum Teil auf ihrem eigenen Leiden an der Welt und ihrer persönlichen Beziehung zu Heinrich beruht, bestätigt die Rede, mit der sie ihre Eltern überzeugt. Die Rede gleicht in ihrem Pathos einer „Predigt über die Hinfälligkeit der Welt und das leuchtende jenseitige Paradies.“ 120 Innerhalb der realistischen Szenerie fügt sie sich nicht ohne Schwierigkeiten ein. Sie ist etwas „[...] zu sehr zweckbestimmt, den eigenen Willen (v. 830) zu begründen.“ 121 Hier spart die Rede die ganze Wahrheit aus, hinterlässt aber den Eindruck, dass die Beziehung zu Heinrich nicht unwesentlich ist. Cormeau sieht die Rede auch nicht als eine „[...] Mahnpredigt des Erzählers an sein Publikum, weil sie trotz des Umfangs in die Handlungskonstellation eingeschlossen bleibt, als in jeder Weise außerordentlich und zweckbestimmt gekennzeichnet ist.“ 122
9. niuwe güete: Schlusspunkt der Wandlung und Voraussetzung für den Gnadenakt
und verkêrte vil drâte dô erzeicte der heilic Krist, sîn altez gemüete wie liep im triuwe und bärmde ist, in eine niuwe güete. (v 1238 - 1240) und schiet sî dô beide von allem ir leide (v 1365 - 1368)
Der lange Entwicklungsprozess Heinrichs, getragen von schwerem Leiden, mündet im entscheidenden Augenblick in einer radikalen Umkehrung der Gesinnung. Heinrich findet im Moment der endgültigen Entscheidung zu niuwer güete (v. 1240) und verhindert so, dass das Mädchen seinetwegen stirbt. Dieser Entschluss steht für ihn nun im Einklang mit Gottes Willen (v. 1276). Das Opfer selbst erscheint in einem anderen Licht: Positiv für die sich Opfernde, aber ethisch nicht vertretbar durch den Annehmenden. 123 Einmal mehr geht es im „Armen Heinrich“ um die „personale Entscheidung“ und die Motivationen, die hinter den Entscheidungen stehen. Nachdem er auf seinem Leidensweg den verschiedensten Pfaden gefolgt ist, trifft Heinrich nun die richtige Entscheidung - er entscheidet sich für triuwe und bärmde. Damit erwirkt er Gottes Gnade und wird geheilt. Das Mädchen hatte diese Tugenden bereits durch ihre Opferbereitschaft unter Beweis gestellt. Das Wunder Gottes gilt deshalb auch ihr, die jetzt leidet, weil ihr das ewige Leben vorerst versagt bleibt. 124 Was in der
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Erzählung ausgespart bleibt, ist die Einsicht, die das Mädchen durch ihr Leiden gewinnen müsste - die Erkenntnis, dass triuwe und bärmde auch auf das Leben im Diesseits ausgerichtet sind.
Wie bereits angesprochen, geht Wapnewski von groben Verfehlungen Heinrichs und des Mädchens im Leben aus. 125 Am dramatischen Wendepunkt der Erzählung, als beide ihre bis dahin verfolgten Ziele aufgeben müssen, ist für Wapnewski ihre Schuld getilgt: „So ist der Akt doppelter Opferung (das Mädchen opfert sich für den Herrn, er opfert sichindem er die Annahme des Opfers verweigert - für sie) auch ein Akt doppelter Reinigung, der beide heilt von ihrer Krankheit, der beide nun recht in das Leben stellt, das beide verfehlt hatten, die sie beide die extremen Möglichkeiten solchen Verfehlens lebten: gänzliche Verweltlichung und gänzliche Entweltlichung.“ 126
Verweyen geht in seiner Interpretation über die Wandlung Heinrichs und des Mädchens hinaus und überträgt den Begriff der Wandlung auf die Welt. Diese stelle sich, wie sie am Anfang und Ende des ‚mære‘ gezeigt wird, grundlegend verwandelt dar. Eine sündige Welt wird einer einsichtigen gegenübergestellt. Für Verweyen kann damit des Mädchens Jenseitsbezug legitimiert und aufrecht erhalten bleiben.
„Die Verwandlung der Welt stellt den im sanctum desiderium des Mädchens implizit enthaltenen contemptus mundi auf ‚neue‘ Voraussetzungen. Folglich bricht das Ende des ‚mære‘ nicht mit der Weltsicht der ‚maget‘, sondern erfüllt sie. Solange der theologische Begriff der sündigen Welt in Geltung ist, ist die Himmelssehnsucht die einzig legitime Antwort. Erst die Erneuerung von Grund auf ermöglicht schweigende Annahme.“ 127
Verweyen stellt damit den Exempelcharakter der Erzählung in den Mittelpunkt (an im wart erzeiget, v 84); eine mystische Sicht auf die Wandlung einer einzelnen Seele würde den Blick auf den Wandel der Welt verschließen. 128
Die Deutung Verweyens geht mir hier zu weit. „Der Arme Heinrich“ ist zweifellos Exempeldichtung - doch nicht in jenem ausschließlichen Sinn. So fehlen z.B. zahlreiche belehrende Kommentare des Erzählers, wie sie ansonsten in reinen Exempeldichtungen üblich sind. Im Mittelpunkt bleibt vielmehr die „persönliche Haltung“ und „personale Entscheidung“, wie sie Cormeau in seinen Ausführungen betont. 129 Auf die „personale Entscheidung“ kommt es an, sie kann zur „Grundlage für das Heil in der Welt“ 130 werden. „Der Arme Heinrich“ zeigt einen Erkenntnis- und Wandlungsprozess, an dessen Ende die
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Einsicht steht. „Insofern wird das höfische Kulturmuster durch eine dezidiert religiöse Fundierung der personalen Verantwortung ergänzt.“ 131
In der Eheschließung am Ende des mære wird der „Lohn der rechten persönlichen Haltung“ vorgeführt, auch wenn die Heirat im mittelalterlichen Verständnis rein formal Mésalliance bleibt - denn „das innere Geschehen zwischen Heinrich und dem Mädchen duldet nur eine Lösung, die Eheschließung in herzlicher Zuneigung.“ 132 Beide stehen in der Gnade Gottes, da sie sich in seinen Willen gefügt und zu einer neuen Denkweise gefunden haben. Heinrichs Behauptung nû ist si vrî als ich dâ bin (v. 1497) meint Freiheit vor Gott: Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit. (2 Kor. 3,17). Die Wende in ihrem Leben führte sie dahin, anzunehmen, was ihnen bestimmt ist. Dadurch erlangen sie ihre Freiheit, die auch eine Heirat am Ende zulässt. 133
In: Medium aevum deutsch. Beiträge zur deutschen Literatur des hohen und späten Mittelalters. Festschrift für Kurt Ruh zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Dietrich Huschenbett u.a. Tübingen: Niemeyer, 1979. S. 45
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10. Zusammenfassung
Das Leidensmotiv spielt im „Armen Heinrich“ Hartmanns von Aue die zentrale Rolle. In erster Linie ist es Heinrich, der aufgrund seiner Krankheit einen neuen Lebensweg gehen muss. Die Motivsuche anhand einer Inhaltsskizze zeigte, dass Heinrich als Leidender nicht alleine von zentraler Bedeutung ist. 134 Die Leidenswege Heinrichs und des Bauernmädchens, das sich für ihn opfern will, kreuzen sich. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklungsprozesse zweier Individuen, der Leser folgt dem Einzelschicksal Heinrichs und des Mädchens.
Hartmann bleibt mit seinem „armen Heinrich“ in der Tradition der mittelalterlichen Aussatzsagen und schafft eine erzähltechnische Verbindung von „Heilsgeschichte“ und „Opferlegende“. 135 So entsteht ein Rahmen, der der „persönlichen Entscheidungsproblematik“ Raum bietet, der die Sicht auf inneres Geschehen zulässt und das Leidmotiv aus zwei Perspektiven heraus entwickeln kann.
Für die Interpretation müssen Symbolwert der Krankheit miselsuht und Mystik des Blutopfers berücksichtigt werden. Der mittelalterliche Mensch begreift den Aussatz ausschließlich in einem Schuld-Strafe-Zusammenhang. Dass dabei nicht unbedingt von einer groben Tatsünde ausgegangen werden muss, sondern der sündige Mensch als solcher Gottes Urteil unterliegt, wurde in Abschnitt 7.2. gezeigt.
Der Glaube an das Blutopfer hat einen haidnischen Ursprung und fand vielfach Eingang in die mittelalterliche Aussatzsage. Im „armen Heinrich“ verkörpert das Mädchen den mystischen Part in der vordergründig religiös motivierten Erzählung. Damit wurde ihre Rolle zum zentralen Streitpunkt zahlreicher Interpreten. Dass märchenhafte Elemente und Minnemotiv in die Erzählung einfließen, wurde in Abschnitt 2.2. und 8.3. dargestellt.
Ein Vergleich mit der biblischen Gestalt Hiob richtet sich vor allem auf die Unterschiedlichkeit von Heinrich und Hiob und weist bereits auf den Weg hin, den Heinrich gehen muss. Während Hiob sein Gottesbild suchte, da er ja richtig gehandelt hatte, muss Heinrich erst erkennen, ob er vor Gott richtig oder falsch gehandelt hat. Sein Leidensweg bringt ihn dazu, auf sein Leben zu reflektieren, das zwar tugendhaft war, doch Gott ausschloss. 136
Heinrichs allmählicher Wandlungsprozess führt durch mehrere „Etappen“ hin zu einer vollkommenen „Leidbejahung“ und Fügung in Gottes Willen. Erst die Opferbereitschaft des Mädchens eröffnet ihm diesen Erkenntnisweg. Während sie ihm die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit des Diesseits vorlebt, hält Heinrich immer noch an diesem Leben fest
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und nimmt ihr Opferangebot an. Erst als er triuwe und bärmde in einem anderen Menschen erkennt, als er das Leiden eines anderen über sein eigenes stellt, ist er zu einem neuen Lebensentwurf fähig. Hatte Heinrich am Anfang nur das Urteil Gottes anerkannt, so kann er jetzt auch Liebe und Güte Gottes erkennen. Der Gnadenakt gilt beiden - Heinrich hat durch sein Leiden zu einem gottbewussten Leben gefunden, das Mädchen muss ein Leben im Diesseits akzeptieren. 137
In jedem Fall ist Hartmanns „armer Heinrich“ ein „Bekenntnis zur Welt“ 138 - einer Welt jedoch, in der die Diesseitsfreude reflektiert werden muss. Darin unterscheidet sich Heinrichs Dasein am Ende der Erzählung von seiner „naiven“ Weltsicht am Anfang.
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Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
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Die Bibel in der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Vollständige Schulausgabe. Hrs. v. Interdiözesanen katechetischen Fonds. Klosterneuburg, 1980. (= Schulbuch-Nr. 4124)
Sekundärliteratur:
BORCK, Karl Heinz: Nû ist si vrî als ich dâ bin. Bemerkungen zu Hartmanns >Armen Heinrich<, v. 1497. In: Medium aevum deutsch. Beiträge zur deutschen Literatur des hohen und späten Mittelalters. Festschrift für Kurt Ruh zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Dietrich Huschenbett u.a. Tübingen: Niemeyer, 1979.
BORRIES, Ernst und Erika von: Deutsche Literaturgeschichte Band 1. Mittelalter, Humanismus, Reformationszeit, Barock. München: dtv, 1991. (= dtv 3341)
CORMEAU, Christoph; STÖRMER, Wilhelm: Hartmann von Aue: Epoche - Werk -Wirkung. München: Beck, 1985. (= Beck’sche Elementarbücher; Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte)
DATZ, Günther: Die Gestalt Hiobs in der kirchlichen Exegese und der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Göppingen: Kümmerle, 1973. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik; 108)
RUH, Kurt: Hartmanns ‚Armer Heinrich‘. Erzählmodell und theologische Implikation. In: Mediævalia litteraria. Festschrift für Helmut de Boor zum 80. Geburtstag. Hrsg. v. Ursula Hennig und Herbert Kolb. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 1971.
RUH, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Erster Teil: Von den Anfängen bis zu Hartmann von Aue. Berlin: Schmidt, 1977. (= Grundlagen der Gemanistik; 7)
SEIFFERT, Leslie: Das Herz der Jungfrau. Legende und Märchen im >Armen Heinrich<. In: Hartmann von Aue. Hrsg. v. Hugo Kuhn und Christoph Cormeau. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973. (= Wege der Forschung, Bd. CCCLIX).
VERWEYEN, Theodor: Der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Studien und Interpretation. München: Wilhelm Fink, 1970.
WAPNEWSKI, Peter: Hartmann von Aue. 7., erg. Aufl., Stuttgart: Metzler, 1979. (= Sammlung Metzler; 17: Realien zur Literatur, Abt. D, Literaturgeschichte)
Arbeit zitieren:
Sonja Schett, 2001, Über Krankheit und Leid vom *naiven Weltleben* zu *gottbewusstem Dasein*: Hartmann von der Aue, >Der arme Heinrich<, München, GRIN Verlag GmbH
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