II
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Der Friedensprozess in Nahost
1
1.1. Einleitung 1
1.2. Begriffsbestimmung 1
1.3. Abgrenzung des Themas 2
2. Innerlibanesische Betrachtungen
3
2.1. Historischer Abriss 3
2.2. Die Libanesische Gesellschaft 5
3. Einbindung des Libanon in den Friedensprozess 6
3.1. Die Internationalisierung des Libanonkonflikts 6
3.2. Tendenzen seit Oslo 1993 8
4. Ausblick
9
5. Anhang
11
5.1. Anmerkungen 11
5.2. Literaturverzeichnis 13
5.3. Anlage 16
III
1. Der Friedensprozess in Nahost
1.1. Einleitung
Frieden ist mehr als Nicht-Krieg. Dieser "so scheinbar einfache(n) wie richtige(n) Einsicht 1 " und dem Ende des Kalten Krieges ist ein weltweit einsetzendes Interesse zur Konfliktbewältigung zu verdanken. "Sobald nicht mehr geschossen wurde, also nach landläufiger Meinung "Frieden" herrschte, nahm das öffentliche Interesse rapide ab. 2 " Anders entwickelte es sich in den 90-er Jahren, dem Jahrzehnt der verstärkten Konfliktbewältigung durch vielfältigste
Friedensinitiativen. Der dazu ins Leben gerufene Friedensprozess ist der Versuch der Lösung eines Konfliktes, welcher in Abhängigkeit seines Ausmaßes, der Betroffenheit der Weltöffentlichkeit und des resultierenden Elends
wahrgenommen wird. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des Ostblocks trat ein Krisenherd aus dem Schatten, der jahrzehntelang vom Ost- West- Gegensatz nicht nur ausschließlich finanziell gelebt hat.
Krisenherd Nahost - kaum eine Gegend der Welt umfasst ein so zahlreiches wie schillerndes Konfliktmuster. Dieses Konfliktmuster ist ein kompliziertes Geflecht aus unterschiedlichsten Beziehungen von mehreren zusammenhängenden Konflikten, welche eine eigene Geschichte besitzen, eigenständige Dynamik entfalten und spezifische Interferenzen aufweisen. 3 Eine friedliche Konfliktlösung, beginnend mit dem Aufbruch von Israelis und Palästinensern zur Lösung des sich nachhaltig über nun schon mehrere Jahrzehnte auswirkenden und dermaßen kontrovers diskutierten Palästinenserkonflikts, kann n icht losgelöst von der übrigen arabischen Welt betrachtet werden. Insbesondere die nicht minder nachhaltige Auseinandersetzung im Rahmen des Libanonkonflikts und seine Auswirkungen spielen eine nicht unwesentliche Rolle im laufenden Friedensprozess.
1.2. Begriffsbestimmung
Unter dem Libanonkonflikt ist zum einen der innerlibanesische Bürgerkrieg in der Abhängigkeit vieler verschiedener Faktoren, die diesen Konflikt ausmachen, wie soziale Spannungen, regionale Gegensätze, politische und religiöse Differenzen, äußere Einflüsse und die Präsenz der Palästinenser zu sehen. Diese Elemente
IV
dürfen nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Die innerlibanesische
Auseinandersetzung war zwar nicht ausschlaggebend, hat aber nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass der Libanon zum Schlachtfeld wurde. Zum anderen ist der Libanonkonflikt aber auch ein israelisch-palästinensischer Krieg, welcher auf dem libanesischen Territorium ausgetragen wurde und zu einer mehrjährigen israelischen Besatzungszeit führte.
Unter dem Libanon ist der Staat in seinen von den Vereinten Nationen 2000 festgelegten Grenzen, einschließlich des 1951 durch Syrien per Handschlag zugesprochenen strittigen Gebietes der Shebaa- Farmen 4 zu verstehen. Die einzelnen libanesischen Volksgruppen als Hauptakteure zur besseren Verdeutlichung des innerlibanesischen Konfliktes werden in einer eigenen Anlage näher betrachtet.
1.3. Abgrenzung des Themas
Gegenstand dieser Seminararbeit ist die nähere Betrachtung der Einbindung eines arabischen Nachbarstaates in den Nahostkonflikt und dem daraus folgenden Friedensprozess. Dabei soll die politische und gesellschaftliche Situation im Libanon, der vor seinem 15 Jahre andauernden (Bürger-)Krieg drei Jahrzehnte lang "als ein Beispiel erfolgreicher, friedlicher und demokratischer Koexistenz, als einer der wenigen gelungenen Fälle einer Konkordanzdemokratie außerhalb Europas" galt 5 , untersucht werden.
"Es hat im Libanon keinen Bürgerkrieg gegeben, sondern nur einen Krieg anderer auf unserem Territorium" 6 . Diese 1993 von Staatspräsident Elias Hrawi vorgetragene Sichtweise illustriert die Meinung, der Krieg sei vor allem ein Ersatzkrieg für den Palästinakonflikt sowie für die syrisch-israelischen Auseinandersetzungen gewesen. Um die Stellung des Libanon im Nahostfriedensprozess zu verstehen, müssen innerlibanesische Konfliktpunkte betrachtet werden. Dazu ist eine historisch hergeleitete Betrachtung der libanesischen Gesellschaft notwendig. Weiterhin werden Problemfelder der 90-er Jahre aufzeigt, welche im Rahmen des Friedensprozesses Einfluss haben. Im Rahmen der Erstellung der Seminararbeit konnte mit Masse nur auf Schriften und Aufsätze bis Ende der 90-er Jahre zurückgegriffen werden, wobei die Schriften fast immer im unmittelbaren Zusammenhang in der Betrachtung mit
V
Syrien stehen. Trotz einer nicht unwesentlichen Schlüsselrolle wird Syriens nicht betrachtet und analysiert, da dies in einer eigenständigen Arbeit behandelt wird.
2. Innerlibanesische Betrachtung
2.1. Historischer Abriss
Die vorchristliche Zeit ist gekennzeichnet durch eine häufig wechselnde Herrschaft über das Gebiet des heutigen Libanon. Seine territoriale Bedeutung für Händler und Armeen war begründet im Küstenpfad und der anschließenden Bekaa- Senke als Durchzugsland. Diese spielt noch heute in der militärstrategischen Risikobewertung eine nicht zu verachtende Rolle. 636 n. Chr. brachten die arabischen Eroberer in die inzwischen christianisierten Küstenstädte den Islam mit. Seit dieser Zeit wanderten vor allem Angehörige verfolgter Minderheiten in die libanesischen Berge. Diese Abwanderung stellte den ersten Schritt zur Teilung der Gesellschaft mit stark differenzierter Wirtschaftskraft und daraus resultierendem sozialen Unfrieden dar. Aus Stämmen und Volksgruppen bildeten sich im Laufe der Zeit ethno- religiös definierte Gemeinschaften. Eine tragende Rolle wuchs seit der Jahrtausendwende den mit Rom unierten Maroniten im Norden, den Drusen und den Schiiten im Süden zu. Diese Volksgruppen errichteten allmählich ein eigenständiges soziales und politisches System hierarchisch gegliederter Schichten und sich gegenseitig kontrollierender, patriarchalisch strukturierter Familienverbände. Die
entscheidenden sozialen und politischen Weichenstellungen zur Entstehung des modernen Libanon fanden im 19. Jahrhundert statt. Die demographischen und ökonomischen Expansionen der Maroniten nach Süden (in das Gebiet der Drusen hinein) und die Außenorientierung dieser Gemeinschaft in Richtung altes Europa führten zu einem Antagonismus, der sich 1841-1845 und 1860 in Bürgerkriegen entlud. 7 Dies begünstigte Einmischungsversuche von europäischer Seite und Interventionen, vor allem seitens Frankreichs. Diese Interventionen, der erwähnte Antagonismus und eine gewisse außenpolitische Schwäche führten nach dem Bürgerkrieg v on 1860 zur Etablierung der autonomen Provinz Mont Liban. Das nun herrschende politische System war durch einen Konfessionsproporz gekennzeichnet, der die religiösen Gemeinschaften administrativ separieren und ihnen eine angemessene politische Repräsentation ermöglichen sollte. 8 Diese
VI
Koexistenz wurde durch den institutionellen Rahmen nahezu erzwungen. An der Spitze des Systems stand ein vom türkischen Sultan mit der Zustimmung der europäischen Großmächte ernannter christlicher, aber nicht- libanesischer Osmane. Ihm stand ein Verwaltungsrat zur Seite, der nach Konfessionsproporz zusammengesetzt war. Dieser Rat setzte sich aus sieben Christen und fünf Nicht-Christen zusammen. Trotz der Integration und Beteiligung aller Volksgruppen wurden schon in dieser Phase vorherrschende demographische Faktoren nicht berücksichtigt und weiteres Konfliktpotential begründet. Die damalige, dominierende politische, weil auch ökonomisch stärkste Gemeinschaft waren die Maroniten 9 .
Als ein Ergebnis des 1. Weltkrieges schufen die Alliierten unter Ablösung der repressiven türkischen Militärverwaltung den Großlibanon in seinen heutigen Grenzen und erklärten ihn ebenso wie Syrien zum französischen Mandatsgebiet. 10 Hier ist weiteres Potential für zukünftige Konflikte zu sehen, da auch der Libanon kein historisch gewachsenes Staatsgebilde ist. Später wurde der Großlibanon durch die Verfassung von 1927 in Libanesische Republik umbenannt. Bis auf wenige Änderungen hat diese Verfassung noch heute Bestand. Der
angesprochene libanesische Konfessionsproporz ist in Artikel 95 festgeschrieben und legt fest, dass die verschiedenen Gemeinschaften ,,vorübergehend 11 " bei der Besetzung öffentlicher Ämter vertreten sein müssen. Der Grund war neben der Beteiligung und Integration der Muslime, die A nzahl der Christen im neuen Staat zu erhalten. Mit zunehmenden Fortbestand des Staates, entwickelten mehr und mehr Muslime, mit Masse Angehörige der Oberschicht, ein politisches und ökonomische Interesse am Fortbestand des Libanon. Bereits Ende der 30er Jahre verfügte der Libanon über eine breite Masse an politisch aktiven Muslimen, die für einen unabhängigen Libanon mit arabischem Charakter eintraten. 12 In dieser Zeit beginnend kam die einhellige Forderung zur Aufhebung des französischen Mandats auf. 1943 erlangte der Libanon seine formale Unabhängigkeit. Es war möglich, außen- und innenpolitische Formeln zu finden, die verhinderten, dass der auf sich gestellte Staat an den divergierenden Loyalitäten seiner Bewohner zerbrach. Dies gelang, indem 1943 der m aronitische Präsident und der sunnitische Ministerpräsident den Nationalpakt begründeten. Dieser bestand im Wesentlichen in dem Verzicht der muslimischen Seite auf eine Vereinigung mit Syrien und durch die Anerkennung der Christen bezüglich der arabischen Bindungen.
VII
Unverändert wurde an der bisherigen Regelung des Konfessionsproporzes und der Verfassung von 1927 festgehalten. 1946 schließlich kam es auch zur Souveränität von Frankreich und alle Mandatsartikel wurden aus der Verfassung gestrichen 13 . Hier sind erste Ursachen für einen beginnenden innerlibanesischen Konflikt zu finden, da der Konfessionsproporz die demographischen Entwicklungen weiterhin nicht berücksichtigte. Aus machtpolitischen Interessen lag keine Bereitschaft zur Änderung der Verfassung vor. Als ein weiterer, wesentlicher Aspekt ist eine gemeinsame Fremdherrschaft unter französischem Protektorat zu nennen, da dieses zwar ungewollte, aber erneute Miteinander als eine Begründung für heute herrschende politische Abhängigkeiten seitens der Syrer genutzt wird.
2.2. Die Libanesische Gesellschaft
Kennzeichnend für das Zusammenleben der Konfessionen im Libanon ist eine starke Identifikation des einzelnen Bürgers mit seiner Konfessionsgruppe, die im allgemeinen durch keine andere politische Loyalität aufgewogen wird. Ursache hierfür ist zum einen, dass mit dem Libanon kein historisch begründeter Staat gewachsen ist. Zum anderen versteht sich der Libanon als arabischer Staat, welcher sich wie die Masse der arabischen Staaten als eine Gemeinschaft der Gläubigen definiert und nicht territorial. Begünstigt wird dieses zudem durch den Umstand, dass der Libanon keine homogene Gesellschaft besitzt. Der libanesische Staatsangehörige ist in erster Linie nicht Libanese, sondern definiert sich über seine Religionszugehörigkeit. Er ist Schiit, Maronit, Sunnit etc. Dies bedeutet, dass der Libanese in seiner Religionsgemeinschaft seinen Bezugsrahmen und seine Identität begründet. 14
Somit ergibt sich eine relativ rechtlose, im größten Elend lebende Gruppe der Nicht-Libanesen ohne Arbeitserlaubnis, wie die Palästina-Flüchtlinge, Syrer und Kurden, die Saison- und Gelegenheitsarbeiter. Hauptproblem sind dabei die ungeliebten, palästinensischen Flüchtlinge, die zwar mit Mehrheit Sunniten sind und etwa 10% der Einwohner L ibanons ausmachen. Sie sind der Nährboden für die Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung mit den erklärten Hauptschuldigen, den Israelis und anderen nicht- arabischen Volksgruppen. Insbesondere die Nichteingliederung in die libanesische Gesellschaft u nd ein Gerücht der Ausbürgerung nach dem Irak im Falle eines Friedens zwischen Israel
VIII
einerseits sowie Syrien und dem Libanon sind dem Friedensprozess nicht unbedingt zuträglich. 15
Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus abhängigen Landarbeitern, die teils aufgrund der schlechten Lebensbedingungen, teils wegen israelischer Angriffe auf ihre Dörfer zunehmend in die Stadt abgewandert sind. Diese Binnenflüchtlinge, mit Masse arabischer Abstammung sind ein weiterer nicht unwesentlicher Faktor, welcher destabilisierend und konfliktfördernd wirken kann. Im Rahmen des Friedensprozesses kann hier entgegengewirkt werden, wenn es gelingt, Binnenflüchtlinge aus dem Südlibanon zurückzusiedeln. 16 Abschließend ist noch die derzeitige Bevölkerungszusammensetzungunterschieden in Ethnien und Religion - anzuführen. Derzeit leben etwa 80% Libanesen, etwa 10% Palästinenser und weitere 10% Armenier, Syrer und Kurden im Libanon. Diese sind nach Religionen in 60% Muslime (Schiiten, Sunniten, Drusen) und 40% Christen (Maroniten, Griechisch- Orthodoxe, etc.) zu unterscheiden.
3. Einbindung des LIBANON in den Friedensprozess
3.1. Internationalisierung des Libanonkonflikts
Bevor die Einbindung des Libanon in den aktuellen Friedensprozess behandelt wird, sind zuerst Verbindungen mit dem Palästinenserkonflikt darzustellen. Dabei sind 4 entscheidende Phasen zu betrachten.
Die erste Phase steht im engen Zusammenhang mit der Gründung Israels sowie dem ersten israelisch- arabischen Krieg 1948 und den daraus resultierenden etwa 130000 palästinensischen Flüchtlingen. 17 Neben dem immer vorhandenen sozialen Unfrieden durch Ungleichbehandlung begannen die Libanonübergreifenden Probleme mit dem Sechs-Tage-Krieg 1967, dem Zeitpunkt des Beginns der zweite Phase. In dieser Phase begannen die Palästinenser sich politisch und militärisch zu organisieren und ihre Aktivitäten mehr und mehr nach Libanon verlagern, da insbesondere in den Flüchtlingslagern unbegrenztes menschliches Potential für die Verwirklichung palästinensischer Ziele vorhanden war. Für viele einheimische, libanesische muslimische Einwohner war die Unterstützung, nicht Integration der arabischen Brüder selbstverständlich und sie nutzten die palästinensische Präsenz als Ausgleich zu der politischen
IX
Vormachtstellung der Christen. Daraus resultierend sahen die ansässigen Christen hingegen ihre Vormachtstellung im Land und den Libanon an sich durch die immer unkontrollierbareren Palästinenser (Südlibanon wurde in der Tat zur Front gegenüber Israel) bedroht. Trotzdem erhielten die Palästinenser im Einvernehmen mit der arabischen Liga 1969 durch das Kairoer Abkommen offiziell die Anerkennung der libanesischen Führung, Südlibanon als Operationsbasis gegen Israel zu nutzen. ,,So war es kein Wunder, dass Libanon schließlich an der Divergenz über die Palästinenserfrage zerbrach." 18
Dies führte unmittelbar in eine dritte entscheidende Phase, dem libanesischen Bürgerkrieg, der sich durch gegenseitigen Massaker der Maroniten und Palästinenser im Frühjahr 1975 auszeichnete. Dies war Anlass zur Besetzung weiter Teile des Libanons im Jahr 1976 durch syrische Truppen. Dieser Bürgerkrieg hatte in Syrien Besorgnis erregt, nicht zuletzt, weil libanesische Entwicklungen aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit Syriens und Libanons 19 und ähnlichem soziokulturellem Milieu auf den Nachbarstaat hätten übergreifen können. Auch die zunehmende Involvierung Libanons in den israelischpalästinensischen Konflikt provozierte Syrien zum Eingreifen. Durch die Intervention konnte Syrien ein Überhandnehmen radikaler l inksmuslimischer Kräfte in Libanon verhindern.
Als vierte Phase ist der Einmarsch israelischer Truppen 1978 und 1982 in den Libanon zu benennen. Insbesondere letzterer Einmarsch war verbunden mit schweren Verlusten für die dort stationierten syrischen Streitkräfte. Nachdem Israel die Palästinenser stark geschwächt und die syrischen Truppen zurückgedrängt hatte, wurde eine Chance für eine Restauration, die fälschlicherweise für einen Neubeginn gehalten wurde, im Libanon für realistisch gehalten. Die westlichen Mächte mussten jedoch ihre Fehleinschätzung der Verhältnisse im Libanon eingestehen. 20 Zum einen blieben wesentliche Ursachen, wie das palästinensische Flüchtlingsproblem und der Konfessionsproporz ungelöst. Zum anderen wurde sehr deutlich, dass sowohl die libanesische
Regierung als auch die einzelnen Milizen auf die Unterstützung und Regulierung durch Syrien angewiesen waren. Die scheinbar nicht zu überwindenden Gegensätze und Spannungen in der Region förderten den syrischen Einfluss. Syriens Präsenz w urde vom Westen und von Israel stillschweigend akzeptiert. Es wurde erkannt, dass sie nicht völlig negativ zu werten war, denn Syrien galt als
X
ein Ordnungsfaktor in dem zur Anarchie neigenden libanesischen Konflikt. Die Regierung Libanons konnte kein Interesse am Überhandnehmen radikaler Kräfte haben und Syrien war hingegen immer auf einen Augleich bedacht und hat auch bis dahin immer einem Zerfall des kleinen Staates entgegengewirkt.
3.2. Tendenzen seit Oslo 1993
Aus der bisherigen Betrachtung wird ersichtlich, dass der Libanon eng verbunden mit dem bisherigen Nahostkonflikt und zwangsläufig dem daraus resultierenden Friedensprozess ist. Der Umstand, dass insbesondere der Südlibanon ein höchst gefährlicher Krisenherd war und hier zudem die Frontlinie zwischen den nicht verhandlungsbereiten Syrern und Israel verlief, hatten Einfluss auf den Palästinenserkonflikt. Potenziert durch islamischen Fundamentalismus, die Instabilität und syrische Abhängigkeit des libanesischen Systems ist hier ein wichtiger Eckpfeiler für einen dauerhaften Frieden in Nahost zu sehen. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch die Anerkennung Israels und die Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems als Herd für palästinensischen und libanesischen Fundamentalismus. Als Vasall Syriens kann der Libanon ohne Zustimmung Syriens weder Verhandlungen mit Israel führen noch dieses anerkennen. Der Libanon mit derzeitig etwa 30000 syrischen Soldaten ist praktisch syrischer Machtbereich, so dass ein libanesisch- israelischer Frieden eine syrische Entscheidung geworden ist. Diese Entscheidung wird aber, ohne dieses näher beleuchten zu wollen, nicht vor Klärung der Golan- Problematik machbar sein. 21 Diese syrische Abhängigkeit führte letztendlich dazu, dass anfängliche Kontakte im Rahmen der Washingtoner Gespräche seit Februar 1994 eingestellt und alle weiteren Verhandlungen eingefroren wurden. Selbst die Erklärung Israels, dass es weder an libanesischem Territorium noch an Ressourcen Libanons interessiert sei , sondern nur die primäre Sorge um seine nördliche Landesgrenze habe, bewirkte ein Aufeinanderzugehen aus schon bisher genannten Gründen. 22 Bis heute hat Libanon auch nichts unternommen, um etwaige Bedrohungen Israels seitens der Hisbollah oder anderer
fundamentalistischer Gruppen zu verurteilen, geschweige denn zu unterbinden. Weiterhin lehnen Syrien, Libanon und die Hisbollah die durch die Vereinten Nationen im Mai 2000 festgelegte libanesisch- israelische Grenze wegen des strittigen Gebietes der Shebaa- Farmen ab. 23 Dies muss mit einer fortwährenden
XI
Bedrohung der nördlichen Grenze Israels gleichgesetzt werden und erschwert immens den Friedensprozess.
Ein weiterer, der wichtigste Gesichtspunkt, die Flüchtlingsproblematik, wird weder durch die Oslo- Verträge, noch durch die Bereitschaft zur Integration 24 bzw. des Integrierenswollens abgedeckt. 25 Seitens des Libanon ist dabei nicht nur die allgemeine Befürchtung, bereits bestehende Konfessionsprobleme zwischen Araber und Christen durch einen weiteren demographischen Schub seitens der Araber z u erhöhen. Auch die potentielle Gefahr für den sozialen Frieden, ca. 60% der palästinensischen Flüchtlinge leben heute in tiefster Armut 26 , und die schlechte aktuelle Wirtschaftskraft Libanons spielen eine nicht unwesentliche Rolle.
Abschließend soll noch der nicht zu unterschätzende Aspekt des Fundamentalismus (hier nur der arabische, obwohl es gleichermaßen auch den jüdischen Fundamentalismus betrifft) angesprochen werden. Ungelöst und unverändert läuft die Auseinandersetzung um arabisches Territorium. Durch gezielte Terroraktionen, sei es mittels Selbstmordattentätern 27 , als auch durch Katjuscha- Raketen soll der Friedensprozess zum Stillstand gebracht werden. Ein erfolgreicher Friedensprozesses und die damit verbundenen Anerkennung Israels ist gleichzusetzen mit dem Verlust arabischen Bodens. Ohne die Entmachtung der Fundamentalisten und der Auflösung bzw. der Versuch einer politischen Integration der verschiedenen Ströme (Hamas, Hisbollah etc.) wird ein erfolgreicher Friedensprozess nur schwer fortsetzbar sein. 28
4. Ausblick
Der Nahostkonflikt und die Einbindung der Anrainerstaaten in den Konflikt und Friedensprozess umfasst viele Ursachen und Abhängigkeiten, die nur gemeinsam unter gleichzeitiger Neutralisation der Gefühle der arabischen Völker und d es jüdischen Volkes beseitigt und die Glut des Konfliktherdes für einen dauerhaften Frieden gelöscht werden kann. 29 Insbesondere der Libanon mit seinen historisch vorhandenen Möglichkeiten als Handels-, Finanz- und intellektuelles Zentrum zu einer offenen und pluralistischen Gesellschaft unter Beachtung gegenwärtiger Verhältnisse und Erfordernisse trägt nicht unwesentlich zum Gelingen des laufenden Friedensprozesses bei. Mit dem Besinnen auf ehemalige Tugenden, wie
XII
bereits erwähnt, kann der Libanon wieder an wirtschaftlicher Stärke als einzige wirkliche Konkurrenz zu Israel 30 auferstehen und ein wesentlicher Garant für dauerhaften Frieden und Stabilität sein. Obwohl Proporzkonflikte wieder deutlicher werden und innenpolitische Spannungen steigen, der Staat an sich Bankrott ist, stehen die Zeichen der Zeit günstig. Mit dem Tod des ehemals sehr machtbesessenen syrischen Führers Assad und einem nun eher liberaleren Führer Bashar al- Assad ist ein langsames Lösen aus der syrischen Vormundschaft denkbar. Dies begünstigte den Umstand, dass bei der Wahl im September 2000 der Milliardär Rafiq Hariri als Ministerpräsident gewählt werden konnte. Bereits von 1992 bis 1998 regierte er den libanesischen Staat. Hariri ist ein bei den Syrern - die seit drei Jahrzehnten de facto den Libanon regieren - in Ungnade gefallener Politiker. Er steht für wirtschaftliche Förderung und Entwicklung mit all seinen Nachteilen, lösgelöst von einer syrischen Vormundschaft. Der Prozess wird zudem durch den vollzogenen israelischen Truppenabzug begünstigt. 31 Dieser Truppenabzug hat zudem noch zwei weitere positive Aspekte. Zum einen ist er Grundlage für die Beendigung eines destabilisierenden Kleinkrieges im Südlibanon, welcher eine vermutlich widerstandslose Entwaffnung der antiisraelisch libanesischen Resistanze insbesondere der Hisbollah fördern wird. Die Wahlbeteiligung der Hisbollah im Jahre 2000 mit dem Anspruch auf politische Beteiligung im Libanon spricht für diese These. Zum anderen stellt sich nun die Frage der Notwendigkeit der P räsenz von syrischen Truppen im Libanon. Ein Abzug dieser Truppen entschärft nicht nur die unmittelbare Frontlinie im Nahostkonflikt, sie ist zudem gleichbedeutend mit dem Lösen von syrischer Vormundschaft. 32
Der Libanon ist ausgeblutet und hat sein Interesse am Krieg verloren. Es liegt nun in den Händen der amtierenden Regierungen, die trotz verstärkter Übergriffe und der durch die Intifada 2 hervorgerufene Verhärtung der Positionen die günstigen Bedingungen als Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten zu nutzen und den Friedensprozess weiter fortzusetzen. Der Libanon wird bei einer positiver Entwicklung, nicht bei einem Rückfall auf Glaubensfragen, auch beispielgebend im Zusammenleben von arabischen- und nichtarabischen Volkgruppen, damit stabilisierend und entwicklungsfördernd in dieser Region sein.
XIII
5. Anhang
5.1. Anmerkungen
2
3
4
Israels mit dem Libanon“ in Die Welt vom 16.12.2000 S. 9
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
13
5.2. Literaturverzeichnis
Aina, Kassim „Die Organisationen der Palästinenser und Entwicklungen
Dachs, Giesela „Wächter der Wunde“ in Die Zeit 37/ 2000 vom 07.09.2000
14
Matthies, Volker „Der Transformationsprozess vom Krieg zum Frieden -
STEINBACH, U./ Politische Lexikon Nahost und Nordafrika HOFMEIER R./ München 1994 SCHÖNBORN M.,
15
Tophoven, Rolf „Israels Kampf mit den Palästinensern“
Yediot Ahronot, Haaretz „Vergeltung gegen syrische Ziele “
16
5.3. Anlage
Die Religionsgemeinschaften (Übersicht)
Christliche Gemeinschaften
die unter der Autorität des Papstes stehen:
Maroniten Griechisch-Katholiken (Melkiten), Armenisch-Katholiken, Syrisch-Katholiken , Chaldäer , Römisch-Katholiken (Römisch-Katholische Kirche, auch Latiner oder Lateiner genannt)
welche die Autorität der römischen Kirche nicht anerkennen:
Griechisch-Orthodoxe, Armenisch-Orthodoxe (Gregorianer), Syrisch-Orthodoxe (Jakobiten), Kopten
Assyrisch-Chaldäer (Assyrische Kirche des Ostens oder Nestorianer), Protestanten (Evangelische Kirche)
Muslimische Gemeinschaften
Schiiten , Ismailiten , Alawiten , Drusen , Sunniten , Juden,
Religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung: (lt. Fischer Weltalmanach 9/98) 25,03 % Maroniten 6 % Griechisch-Katholiken (Melkiten) 0,58 % Armenisch-Katholiken (keine Angabe) Syrisch-Katholiken (keine Angabe) Chaldäer 0,25 % Römisch-Katholiken (Lateiner) 9,2 % Griechisch-Orthodoxe 3,25 % Armenisch-Orthodoxe (Gregorianer) (keine Angabe) Syrisch-Orthodoxe (Jakobiten) (keine Angabe) Kopten (2001: ca. 2000 Personen) (keine Angabe) Assyrisch-Chaldäer (Nestorianer) 0,36 % Protestanten (Evangelische Kirche) 25,08 % Schiiten (keine Angabe) Ismailiten 0,63 % Alawiten
17
5,43 % Drusen 22, 75 % Sunniten (keine Angabe) Juden (2001, ca. 50 Personen)
Die Maroniten
Die Maroniten gehören zu den ältesten der im Libanon ansässigen religiösen Gemeinschaften. Es handelt sich bei Ihnen um Christen syrischen Ursprungs. Sie sind eine christliche Sekte der Ost-Kirche, die sich von einer anderen monotheistischen Kirche, der Melchite-Kirche von Antiochien, im siebten Jahrhundert nach Christus abspaltete. Ihren Namen leiten sie vom heiligen Maron (Marun, lateinisch Marco, syrisch Muran), einem syrischen Mönch ab, der um die Wende des fünften Jahrhunderts lebte und unter dessen geistlicher Führung sie sich bereits vor der Entstehung des Islam im Tal des Nahr al Asi im heutigen Syrien aufhielten. Seit dem achten Jahrhundert werden sie Maroniten genannt. Durch den Patriarchen Johannes Maron (s.Hermel - Höhle des heiligen Maroun) wurden sie angesichts der muslimischen Bedrohung und der Zerstörung des Klosters des heiligen Maron in die unzulänglichen Bergregionen des Libanon geführt.
Die Maroniten banden sich schon im 12. Jahrhundert an die Katholische Kirche in Rom; besiegelt wurde der Zusammenschluss jedoch erst im 16. Jahrhundert. Sie gaben ihre eigene Liturgie in arabischer, syrischer und aramäischer Sprache trotzdem nie auf. Das Zölibat ist keine Voraussetzung für Priester; vielmehr können Verheiratete Priester werden; hingegen kann ein Priester nicht heiraten. Sie behielten auch ihr Oberhaupt, den Patriarchen Antiochiens und des gesamten Orients, dessen Sitz im Libanon liegt. Die maronitische Kirche ist die größte und wichtigste mit Rom unierte Kirche des Orients. Die maronitische Kirche im Libanon hat vier Erzdiözesen (Antelias, Beirut, Tripoli(s), Tyros (Tyr, Sour) und sechs Diözesen.
Die Maroniten lebten in ihrem Siedlungsgebiet viele Jahrhunderte mit den übrigen Religionsgemeinschaften, vor allem mit den Drusen, friedlich zusammen. Schwierigkeiten entstanden zwischen den Christen, Drusen und den islamischen Gemeinschaften mit dem Anbruch des Kolonialzeitalters, als die Vorstellungen und Ideale der Französischen Revolution in den Orient gelangten und dort von den Christen im Gegensatz zu den Muslimen, die keine Ideen der „Ungläubigen“ übernehmen wollten, aufgegriffen wurden. Auch nachdem der Libanon französisches Mandatsgebiet geworden war, stützte sich Frankreich auf die westlich orientierten Maroniten und nicht auf die muslimischen religiösen Gemeinschaften. Die Maroniten gelten als das „Kernvolk“ Libanons. Mit französischer Hilfe
18
wurde unter Machtbeteiligung der sunnitischen Elite ein konfessionelles politisches System mit maronitisch-christlicher Dominanz etabliert, während Schiiten und kleinere konfessionelle Gruppen von den wichtigsten Machtpositionen weitgehend ausgeschlossen blieben. Die Maroniten stellten bei der letzten statistischen Erfassung der Religionszugehörigkeit der libanesischen Bevölkerung im Jahr 1932 noch die größte religiöse Gemeinschaft. Sie, die vor dem Bürgerkrieg nicht nur im Mount Libanon, ihrem Mittelpunkt, sondern überall im Libanon gelebt hatten, litten sehr stark unter den Vertreibungen und Auswanderungen ihrer Angehörigen und leben jetzt konzentriert im nördlichen Teil des Mount Lebanon. Die während des Bürgerkrieges aus dem Choufgebirge vertriebenen Maroniten sind erst zu 15 % in die vorher von Drusen und Maroniten bewohnten Dörfer zurückgekehrt. Momentan soll es 775 000 bis 1,8 Millionen Maroniten im Libanon geben.
Die Macht der Maroniten ist jedoch nach wie vor groß. Ihnen steht traditionsgemäß die Position des Staatspräsidenten zu, auch wenn er nach dem Abkommen von Taef nur noch über eine symbolische Macht verfügt. Durch den christlichen Wahlboykott 1992 und auch 1996 unterstrichen vor allem die Maroniten ihre Kritik daran, dass freie Wahlen stattfanden, solange das Land noch von syrischen Truppen besetzt war, und daran, dass die Provinz Lebanon (Mont Liban) bei der Wahlauszählung eine ungünstige Sonderbehandlung erfuhr.
Griechisch-Katholiken (Melkiten)
Ein kleiner Teil der Griechisch-Orthodoxen blieb katholisch oder vereinigte sich wieder mit Rom. Diese Personen bilden die griechischen Katholiken oder die griechisch unierte Kirche. Der Name Melkiten (syrisch malka, arabisch malik) bedeutet Anhänger des Königs. Er wurde den Anhängern der Konzilslehre (Konzil von Chalkedon 451) von Anhängern einer anderen Lehre gegeben, um ihre Haltung weniger als Treue zur Orthodoxie, denn als Ergebenheit gegenüber dem byzantischen Kaiser zu diffamieren. Seit dem Jahr 1724 gibt es die syrische Kirche der griechischen Katholiken oder Melkiten, die sich, ebenso wie die griechisch-orthodoxen Christen sehr stark zur arabischen Kultur hingezogen fühlen. Die Melkiten lebten in den Patriarchaten von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem; heute vor allem im Patriarchat von Antiochien, das auch die Patriarchate von Alexandrien und Jerusalem verwaltet. Die melkitische Kirche bemüht sich bemüht sich darum, außer der Seelsorge und der Pflege der eigenen orientalischen Tradition (Kirchenrecht, Institutionen, weitgehende eigene Jurisdiktion, Liturgie, Sakramentesritus, usw.) verankerte und zugleich katholische, mit Rom unierte und im Katholizismus beheimatete Kirche zu erfüllen.
19
Etwa 300 000 Melkiten, die zahlenmäßig zweitstärkste christliche Gruppe, lebte im Libanon. Viele von ihnen haben jedoch aufgrund der Bürgerkriegswirren das Land verlassen. Die melkitische Kirche im Libanon hat sieben Erzdiözesen (Baalbek, Baniyas, Beirut und Jbail (Byblos), Sidon (Saida), Tripoli, Tyr (Sur, Tyros), Zahle und Furzul.
Armenisch-Katholiken
Die Kirche entstand 1740 mit der Wahl des armenischen Bischofs von Aleppo zum ersten mit Rom unierten armenischen Patriarchen, Patriarchatsitz ist seit 1928 Beirut. Im Libanon sollen sich ungefähr 12 000 Anhänger dieser Glaubensrichtung aufhalten.
Syrische -Katholiken
Die Gemeinde der syrischen Katholiken umfasst im Nahen Osten etwa 100 000 Personen, davon ca. 10000 im Libanon. Syrische-Katholiken sind vom Ursprung her monophysitische Orthodoxe, die infolge des Konzils von Chalkedon (451) entstanden und ursprünglich zu der Gruppe der Syrisch-Orthodoxen gehörten. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts gelang es der katholischen Kirche eine Anzahl von Orthodoxen zum Katholizismus zu bekehren, diese sind die syrischen Katholiken. Die syrisch-katholische Kirche wurde 1760 gegründet, als sich Orthodoxe mit Rom verbanden. Sie taten dies, um besser geschützt zu sein. Der Sitz des Patriarchats ist Beirut; er musste während der Kämpfe im libanesischen Bürgerkrieg mehrfach verlegt werden.
Chaldäer
Die Chaldäer waren ursprünglich Nestorianer, die sich aber im Jahr 1515 der römischen Kirche anschlossen. Die chaldäische Kirche ist nach Chaldea benannt, dem Ort, an dem die Nestorianer ihren wichtigsten Sitz hatten. Nach dem ersten Weltkrieg suchten Chaldäer aus der Osttürkei im Libanon Zuflucht. In Ost-Beirut und Umgebung leben etwa 5 000 Chaldäer. Insgesamt hat diese Kirche ca. 10 000 Anhänger.
Römisch-Katholiken (Römisch-Katholische Kirche, auch Lateiner, Latiner genannt) Die Katholiken des römischen Ritus werden im Libanon, wie in anderen Ländern des Nahen Ostens ebenfalls, „Lateiner“ genannt und die römisch-katholische Kirche als lateinische Kirche bezeichnet. Die heutige lateinische Gemeinschaft geht auf die Gründung von Ordensniederlassungen im Libanon seit dem 14. Jahrhundert zurück. Die Kontakte mit dem örtlichen Klerus der verschiedenen Ostkirchen waren häufig, vor allem mit den Melkiten; so
20
dass sich innerhalb der örtlichen Kirchen immer mehr katholische Kerngruppen bildeten, aus denen mit Rom verbundene „unierte“ Kirchen entstanden wie die griechisch- melkitische 1724, die armenische 1740, die syro-antiochenische 1780, etc. In der Folgezeit widmeten sich die Ordensleute besonders der medizinischen Versorgung und dem Schulwesen. Es gibt ungefähr 20000 Mitglieder dieser Kirche.
Orthodoxen allgemein:
Sie sehen sich als Nachfolger der "Alten Kirche" und betrachten Christus als Gründer der Kirche. "Mystischsakramental" ist er in ihr anwesend und stellt sich in der Liturgie, in den Mysterien (Sakramenten), in den Bildern und den Heiligen dar. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass Christus, der Gottmensch, Tod und Vergänglichkeit überwunden habe. Hohe Verehrung erfährt Maria. In den Ikonen und Bildern eröffnet sich den Gläubigen ein Bild in die himmlische Welt. Unterschiede sind u.a. auch die Weihnachtszeit. Bei den Orthodoxen richtet sich Weihnachten nach dem Gregorianischen Kalender begangen und wird demzufolge am 06. Januar gefeiert.
Griechisch-Orthodoxe
Diese Kirche trennte sich im byzantischen Reich im Jahr 1045 von der römischen Einheit unter dem Patriarchen von Konstantinopel. Sie folgt dem reinen byzantinischen Ritus. Im ganzen arabischen Raum gibt es drei griechisch-orthodoxe Patriarchate (in Alexandria, Jerusalem und Antiochia), wobei die griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochia ihren Sitz in Damaskus hat. Die drei Patriarchate haben gemeinsam, dass ihre Gemeinden seit über tausend Jahren arabischsprachig und Erben einer byzantischen, ursprünglich griechischsprachigen Liturgie sind. Die Orthodoxen im Libanon gehörten dem antiochenischen Patriarchat an, sie werden deshalb als „Antiochenische Orthodoxe“ bezeichnet. Die zum Patriarchen von Antiochien gehörenden Orthodoxen kommen ungefähr zur Hälfte aus dem Libanon, weitere Herkunftsländer sind Syrien, Irak, Iran, Kuwait, (und durch Auswanderer) Nord- und Südamerika und Australien. Die orthodoxe Kirche im Libanon besteht aus sechs Diözesen (Akkar, Tripoli, Elkoura, Djabal Lubnan (Berg Libanon), Beirut, Südlibanon, El Bika). Die Orthodoxen litten im osmanischen Reich. Während dessen Herrschaft war ihnen zwar erlaubt, ihre religiösen Riten auszuüben, sie wurden aber wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Diese Leiden der Orthodoxen war für Russland der Anlass, das Recht auf deren Verteidigung zu beanspruchen und sie versuchten so, wie andere europäische Mächte auch, im Vorderen Orient Fuß zu fassen.
21
Die Griechisch-Orthodoxen werden häufig als die „arabischsten“ Christen im Vorderen Orient bezeichnet, da sie an keine nichtarabische Ethnie oder Kirchensprache mehr gebunden sind wie Syrisch- und Armenisch-Orthodoxe. Die Ostkirche hat zwar mit der römischen viel gemein, lehnt jedoch ab, dass der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn ausgeht. Sie verwirft die Lehre vom Fegefeuer, der unbefleckten Empfängnis Marias, die Besprengungstaufe, die Verwendung ungesäuerten Brotes bei der Eucharistie (Abendmahl) und die Unfehlbarkeit und die Herrschaftsansprüche des Papstes. Nach Schätzungen wurde die Anzahl der Orthodoxen vor dem Bürgerkrieg mit 250 000 bis 300 000 beziffert. Viel von ihnen wanderten jedoch aufgrund der Bürgerkriegswirren aus. Der Krieg bewirkte auch eine Verarmung der Mittelschicht, zu der die meisten Griechisch-Orthodoxen gehören. Viele libanesische griechisch-orthodoxe Familien nehmen hohe Positionen in der Wirtschaft und in der Kultur ein. Nach dem 1943 abgesprochenen Nationalpakt fällt den Griechisch-Orthodoxen stets der Posten des stellvertretenden Parlamentspräsidenten zu.
Syrisch-Orthodoxe (Jakobiten)
Es handelt sich um die jakobitische Kirche oder westsyrisch-monophysitische Kirche, die auf das Patriarchat von Antiochia zurückgeht. Die syrisch-orthodoxe Kirche basiert auf der Doktrin, die Jacobus Baradeus (500-578) im sechsten Jahrhundert aufstellte. Seine Anhänger, die hauptsächlich in Syrien wohnten, wurden nach dem Begründer der Doktrin Jakobiten genannt. Der berühmte Heilige Simeon, der sein Leben auf einem Säulenstumpf verbracht haben soll, gehörte dieser Kirche an. Auf dem Konzil von Chalkedon 451 wurden die monophysitischen Anschauungen über Jesus verurteilt. Seit dieser Zeit herrschte ein unerklärter Krieg zwischen der byzantischen Reichskirche und den Monophysiten, zu denen auch die Syrisch-Orthodoxen gehörten.
Ihr Oberhaupt ist der Patriarch von Antiochia, der allerdings seit längerer Zeit in einem Kloster bei Diarbekir am oberen Tigris oder im Markuskloster in Jerusalem residiert. Sie sind die einzigen, dis bis heute noch die syrisch-aramäische Liturgie Liturgie bewahrt haben. Vor dem Bürgerkrieg lebten ca. 350 000 Syrisch-Orthodoxe in Syrien, dem Irak, in der Türkei, dem Libanon und in der westlichen Diaspora, ca. 250 000 davon im Nahen Osten. Etwa die Hälfte der Syrisch-Orthodoxen aus dem Libanon ist während des Bürgerkrieges nach Europa, Kanada, in die USA und nach Australien ausgewandert. Jetzt sollen ca. 20 000 Gläubige im Libanon leben.
22
Kopten
Die größte christliche Gemeinschaft im heutigen Orient bilden die Kopten, von denen einige im Libanon leben. Diese Gemeinschaft von ca. 2000 Anhängern im Libanon wird offiziell durch die syrisch-orthodoxe Kirche vertreten. Die Koptisch-Orthodoxe Kirche leitet sich vom Patriarchat von Alexandria ab. Ihre Anhänger sehen sich als Nachfahren der Pharaonen, die sich der Islamisierung Ägyptens widersetzt hatten. Im Jahr 42 ließ Markus, der Evangelist, die erste Kirche in Alexandria bauen. Die koptische Kirche entstand aus den blutigen Streitigkeiten bezüglich der Natur und des Wesens von Christus. Die ägyptische Kirche war der Ansicht, dass die menschliche von Christus so in seiner göttlichen aufgegangen sei und man nur von einer Natur sprechen könne. Im 3. Jahrhundert erreichte die Verfolgung der Kopten ihren Höhepunkt als unter Kaiser Diokletian etwa 800 000 Menschen für ihren Glauben sterben mussten. Durch diese Verfolgungen gingen aus der Koptischen Kirche auch eine große Zahl von Märtyrern hervor. Deshalb wird sie auch als Mutterkirche der Märtyrer bezeichnet. Die koptische Sprache, die heute nur noch im Gottesdienst benutzt wird, hat ein erweitertes, leicht abgewandeltes griechisches Alphabet.
Armenisch-Orthodoxe (Gregorianer)
Die nach Gregor, dem damaligen König, dem die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion zu verdanken war, genannte gregorianische Kirche hatte großen Einfluss auf die Geschichte des armenischen Volkes, vor allem durch die Entwicklung des armenischen Alphabets. Während in den orientalischen Kirchen die Patriarchen die höchste Autorität innehaben, stehen in der armenisch-orthodoxen Kirche die sogenannten Katholikate über den Patriarchen. Nur der Katholikos hat das Recht zur Bischofsweihe, wobei die Katholikatswürde nicht an einen bestimmten Ort gebunden war, so dass deren Sitz mehrfach wechselte. Sitz des Katholikos ist Edschmiadsin. Neben dem Katholikat gibt es zwei Patriarchate. Diese sind Istanbul und Jerusalem. Die Armenier aus dem Libanon unterstehen dem Katholikat von Sis, das sich 1930 in Antelias, nördlich von Beirut, ansiedelte. Momentan sollen sich ca. 150 000 Gläubige im Libanon aufhalten.
Assyrisch-Chaldäer (Assyrische Kirche des Ostens oder Nestorianer) Während des Konzils von Ephesos im Jahr 431 hingen die Anhänger des Bischofs Nestorius dem Dogma an, dass Christus aus zwei verschiedenen „Personen“ bestand, einer göttlichen und einer menschlichen. Diese Lehre wurde von der damaligen byzantischen Kirche
23
verworfen. Später wurde Nestorius selbst verbannt, vor allem als er verkündete, dass Gott/Christus weder geboren wurde, noch gelitten habe.
Etwa 30 000 Nestorianer flohen seit dem ersten Weltkrieg aus ihrer Heimat in der Osttürkei und im Nordirak nach Syrien und Libanon. Etwa 8000 Nestorianer leben in der Umgebung von Ost-Beirut, insgesamt ca. 10 000 im Libanon.
Protestanten (Evangelische Kirche)
Die Mission, die Neuengland (die späteren USA) im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in den Libanon schickte, war das Ergebnis der vielen Erweckungsbewegungen, die im vorhergehenden Jahrhundert überall dort entstanden waren. Es gibt etwa zwölf protestantische Kirchen im Libanon mit ca. 40000 Anhängern.
Schiiten
Die Schiiten stellen insgesamt zehn bis 12 Prozent der Muslime; als Minderheit wurden sie von der Mehrheitsfraktion im Islam, den Sunniten, unterdrückt. Der Zwist zwischen Schiiten und Sunniten entstand nach dem Tod des Propheten im Jahr 632. Der Begriff „Schiismus“ kommt vom arabischen „schiat Ali“, Partei des Ali, und bezieht sich auf den Vetter und Schwiegersohns Mohammeds, den Mann seiner Tochter Fatima, Ali Ibn Abi Talib. Dieser beherrschte von 656 bis zu seiner Ermordung 661 die islamische Welt. In der Tradition des Islam gehört Ali zu den vier „rechtgeleiteten Kalifen“, wobei seine Anhänger, die Schiiten genannt werden, die Meinung vertreten, dass er als leiblicher Nachkomme des Prophet sofort nach dessen Tod die Führung des Islam hätte übernehmen müssen, an der durch Machenschaften seiner Konkurrenten gehindert worden sei. Die Schiiten akzeptieren im Gegensatz zu den Sunniten die Geschichte des Islams und die Abfolge der Kalifen-Herrschaft nicht so, wie sie sich historisch abspielte. Insbesondere sind sie der Meinung, dass nach Alis Tod seine leiblichen Nachfahren, vor allem seine beiden Söhne Heussein (al-Husain) und Hassan (al-Hassan) und deren direkte Nachkommen zur Führung der Umma berufen gewesen seien und alle anderen Herrscher Usurpatoren gewesen seien. Das Martyrium Husseins, der an der Seite von siebzig seiner Anhänger in der Schlacht von Karbala im Irak niedergemetzelt wurde, ist eines der zentralen Ereignisse im Schiismus, dessen mit Prozessionen (s. Aschura, Aschurarituale) gedacht wird. Im Laufe der Jahrhunderte schufen sich die Schiiten, um ihren Anspruch auf das Kalifat zu untermauern, eine spezielle Eschatologie, die sich in manchem von den Vorstellungen der Sunniten, insbesondere bei der Lehre von den Imamen,
24
unterscheidet. Mehr als im Sunnitentum müssen sich die Gläubigen der Autorität der Mullahs unterordnen. Ali gilt als der erste rechtmäßige Nachfolger Mohammeds. Die Zwölferschia ist die mit Abstand größte unter den schiitischen Gemeinden. Neben Ali;Hassan (al-Hasan ibn Ali); Hussein (al-Husain ibn Ali; Ali Zain al-Abidin; Muhammad al-Baqira; Dschaafar al-Sadiq (Jafar as-Sadiq); Musa al-Kazim; Ali ar-Rida; Muhammad al-Jawad at-Taqi; Ali al-Naqi (Ali al-Hadi an-Naqi); Nasan al Askari (al-Hasan az-Zaki al Askari); Muhammad al-Mahdi
Ein entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit ist die Anerkennung der Imame, das Bekenntnis zu der absoluten Autorität der Imame für das wahre Verständnis des Islam. Eines der wichtigsten Glaubensmerkmale ist das "ghaiba-Modell". Danach glauben die Schiiten, dass der 12. Imam seit 873/874 in der Verborgenheit lebt (ghaiba), d.h. abwesend ist. Sein Vater, so die schiitische Überlieferung, hatte ihn als Kind verborgen, um ihm den Zugriff der abbasidischen Kalifen zu entziehen. Diese Vorstellung führt letztendlich dazu, dass sie auf die Rückkehr des 12. verborgenen Imams warten. Die Wiederkehr des "Rechtgeleiteten" (Mahdi) - wie sie ihn bezeichnen - wird die Spaltung der Muslime beenden, den ursprünglichen Islam des Propheten wiederherstellen und ein paradiesisches Reich der Gerechtigkeit auf Erden errichten. Erst dann wird es auf der Welt einen legitimen Herrscher geben. Die schiitische Bevölkerung kam zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in verschiedenen Wellen aus dem Irak und Iran in den Libanon. Auch bei schiitischen Minderheiten führten deren nicht mit dem offiziellen Islam übereinstimmende Lehren dazu, dass sie in den vergangenen Jahrhunderten ein bedrängtes und zurückgezogenes Leben führen mussten.
Der Libanon, vor allem die Gegend um den Dschebel (Berg) Amil im Süden des Landes, ist schon seit langer Zeit eine Region, in der auch schiitische Flüchtlinge überlebt haben. Ein weiterer Schwerpunkt des Schiismus lag von je her in der Bekaa-Ebene im Ostlibanon. Obwohl die Schiiten im Libanon die zahlenmäßig größte Religionsgruppe darstellen, waren sie lange Zeit weitgehend machtlos und traten kaum in Erscheinung. Sie gehörten sozial, wirtschaftlich und politisch zur Unterschicht. Wie die Sunniten waren auch die Schiiten anfangs nicht mit ihrer Eingliederung in den neuen Staat Groß-Libanon einverstanden. Sie erkannten jedoch bald die Vorteile, die der Status einer großen Minderheit im Libanon im Verhältnis zu dem einer kleinen Minderheit im sunnitisch dominierten Syrien mit sich brachte. Hinzu kam, dass die Schiiten 1926 offiziell als eigene Religionsgemeinschaft anerkannt wurden und ihnen damit eine selbständige Gerichtsbarkeit im Personenstandsrecht zugebilligt wurde. Da die libanesische Bevölkerung in der ehemaligen „Sicherheitszone“ Israels vor allem aus Schiiten bestand, litt sie mit am meisten unter den israelischen
25
Angriffen. Tausende waren dazu gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen, um vorübergehend Zuflucht in den südlichen Vororten Beiruts zu nehmen, wo sie bis heute geblieben sind. Seit den 70er Jahren diesen Jahrhunderts spielen die Schiiten eine wichtige Rolle im Libanon. Sie sind als einer der Gewinner des Bürgerkrieges anzusehen, da sie im Vergleich zu den Zeiten vor dem Bürgerkrieg ihre politische Macht ausbauen konnten. Das Amt des Parlamentspräsidenten wird traditionsgemäß von einem Schiiten ausgeübt.
Ismailiten
Bei den Ismailiten oder Siebener-Schiiten handelt es sich um eine der Gruppierungen des Schiismus. Sie sind nach Ismail (gestorben 765) benannt, dem Sohn des sechsten Imam der Schiiten, den sie als siebten und letzten Imam betrachten, der in der Verborgenheit lebt, bis er eines Tages wiederkehrt. Die meisten Ismailiten glauben, dass Ismail oder dessen Sohn Mohammed verborgen hat. Die Ismailiten sind wiederum in eine Vielzahl von Sekten aufgeteilt. Im Libanon leben zw. 20-30000 „Siebener“
Drusen
Die Entstehung des Drusenglaubens reicht fast tausend Jahre zurück und führt in das Ägypten der Fatimiden, einer Dynastie, die sich nach Fatima, einer der Töchter des Propheten Mohammed nannte. Die Fatimiden waren Siebener Schiiten oder Ismailiten. Sie sahen in Ismail, einem der Söhne des sechsten Imam ihren Erlöser.
Die Religion der Drusen, aus der ismailitischen Schia hervorgegangen, wurde 1010 vom ägyptischen Sultan al-Hakim Biamrillah (bi Amrillah) gegründet, der verkündete, dass Gott in ihm Fleisch geworden sei. Im Jahre 1021 fand die Herrschaft al-Hakims ihr Ende, da der Kalif nach Angaben der Drusen in die “Verborgenheit“ („Ära der Enthüllung“) entrückt wurde. Wahrscheinlich wurde er jedoch ermordet. Er soll am tausendsten Geburtstag seines Verschwindens zurückkehren, um über ein goldenes Zeitalter zu herrschen. Die seitdem andauernde Ära der Verhüllung ist eine Prüfung für alle Gläubige. Nach seinem Verschwinden schufen zwei extreme schiitische Schriftgelehrte, Hamza ibn-Ali und Mohammed al-Darazi, ein religiös-theosophisches System, in dem der Kalif al-Hakim als direkte Inkarnation Gottes bezeichnet wurde. Es wird angenommen, dass der Name Drusen entweder von dem Gelehrten Darazi (die arabische Bezeichnung „Druz“ bedeutet Anhänger des Darazi) oder von „daraza“ (arabisches Wort für studieren, Studium der heiligen Bücher) abgeleitet wird. Der Glaube der Drusen basiert auf der Ismaili-Tradition innerhalb des Islam. Der Offizielle Name der Drusen lautet „Din al-Tawhid“ (die Religion der göttlichen Einheit).
26
Dennoch weicht der drusische Glaube stark vom islamischen ab. In ihm mischen sich Elemente des Platonismus und Neuplatonismus mit denen der islamischen Ismailiten. Weil der drusische Glaube in Ägypten verfolgt wurde, bereitete sich die Lehre im Libanon aus. Für die Drusen ist Mohammed jedoch nicht ihr eigentlicher Prophet, der Koran nicht die verbindliche Offenbarung. Auch der Glaube an die Selenwanderung ist mit dem Islam nicht vereinbar, er spielt in den Schriften der Drusen jedoch eine wichtige Rolle. Stirbt ein Mensch, so tritt seine Seele sofort in einen Neugeborenen über. Die Seele strebt nach Vollkommenheit, vollkommener Erkenntnis und Wahrheit und wandert so lange von Körper zu Körper, bis sie dieses Ziel erreicht hat. Auf der höchsten Ebene angelangt, trennt sie sich dann vom Körper und vereinigt sich mit dem Imam Hamza und mit al-Hakim. Die sieben heiligen Bücher der Drusen, al-Hikma (die Weisheit), erläutern diesen wichtigen Punkt der Seelenwanderung in aller Ausführlichkeit. Hüter des Wissens und der letzten Geheimnisse der Drusenreligion sind die Eingeweihten ("Uqqal") oder Weisen, denen die große Masse der in religiösem Sinne Unwissenden gegenübersteht. Auch Frauen haben Zugang zu den Geheimnissen der Eingeweihten. Die Drusen Libanons bezeichnen sich lieber als Bekenner der göttlichen Einheit oder Unitarier, denn als Drusen. Um der Feindschaft der islamischen Welt zu entkommen, verschloss sich die Glaubensgemeinschaft gegenüber Fremden so gut, dass bis zum heutigen Tag Außenstehende nur ein begrenztes Wissen über den Glauben und die Gebräuche der Anhänger dieser Lehre haben. Zu den Grundprinzipien des Glaubens gehören Verschwiegenheit, Verantwortungsbewusstsein und Treue. Da die Missionstätigkeit der Drusen nur kurz andauerte und nicht zu den religiösen Aufgaben der Gemeinschaft gehört, kann man nur als Druse geboren werden, nicht jedoch zum Drusentum übertreten. Vom offiziellen Islam wurden die Drusen häufig als Abtrünnige verfolgt. Sie lebten meist mit den christlichen Maroniten friedlich zusammen, vermischten sich jedoch nicht mit der christlichen Bevölkerung.
Im Libanon erlebt diese Religionsgemeinschaft ihre größte Machtentfaltung. Das Gebirge des Chouf und des Metn sind seit dem elften Jahrhundert das traditionelle Siedlungsgebiet der Drusen im Libanon. Das jahrhundertlange freundschaftliche und kooperative Verhältnis zwischen Drusen und Maroniten dort schlug während des Bürgerkrieges in einen unversöhnlichen Streit zwischen ihnen um. Der Grund liegt in der Mitte des vorherigen Jahrhunderts, als Drusenkrieger im Dienst der Hohen Pforte die Maroniten im Libanon und in Syrien angriffen. Es kam zu Massakern, in deren Verlauf ganze Dörfer bis auf die Grundmauern zerstört wurden. Die Drusen des Libanon setzten sich (vor allem in der Progressiven Sozialistischen Partei), wie andere ehemalige Bürgerkriegsparteien auch, für
27
eine Veränderung oder Abschaffung des im Nationalpakt niedergelegten politisch religiösen Proporz ein. Man nimmt an, dass etwa 400 000 Drusen im Libanon leben. Die Drusen fühlen sich auch heute noch benachteiligt; sie fordern die gleichen Rechte im Staat wie die christlichen oder muslimischen Gruppierungen. Es kommt regelmäßig zu Treffen der Notablen der Drusengemeinde im Libanon unter dem Vorsitz von Scheich Akl, dem geistigen Führer dieser Gemeinde. Innerhalb dieser Versammlungen werden Fragen, die die Drusengemeinde im Libanon betreffen, besprochen.
Alawiten
Bei den Alawiten handelt es sich um eine religiöse Strömung innerhalb des Islams, die Parallelen mit dem schiitischen Islam aufweist, jedoch eigene Glaubensvorstellungen, Rituale und Normen hat. Weder Schiiten noch Sunniten erkennen die Alawiten als Muslime an. Die Alawiten werden durch eine Kaste von Eingeweihten geführt. Zwischen 20-30000 Alawiten leben im Libanon.
Sunniten
Die sunnitischen Muslime stellen die Mehrheit innerhalb des Islams. Innerhalb von dreißig Jahren nach dem Tod des Propheten kam es zur Auseinandersetzungen darüber, wie der Nachfolger des Propheten, der Kalif, bestimmt werden sollte. Eine große Mehrheit schlug vor, dass die „Ältesten“ ihn nach einer Wahl und der Zustimmung innerhalb der Gemeinschaft, wie dies in der Wüste Tradition war, ernennen sollten, Sunnah (Sunna) bedeutet Tradition, Brauch oder Übung und wird im Sinne der Sunnah des Propheten Mohammed, in seinem Sprechen, Tun oder in seiner stillschweigenden Zustimmung benutzt. Die Personen, die dieser Ansicht folgten, wurden Sunniten genannt. Die Anhänger der Sunnah lehnten im siebten Jahrhundert den dynastischen Machtanspruch der Nachkommen von Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali auf die Leitung der Gemeinde ab. Die Islamisierung des Libanon begann kurz nach dem Tod des Propheten im Jahr 632. Während die gebirgige Topographie des Libanon dafür sorgte, dass auch kleine Religionsgemeinschaften überleben konnten, traten die meisten Bewohner der Küstenebene zur neuen Religion über. Auch heute noch sind die Küstenstädte Tripoli, Saida (Sidon) und Beirut sunnitische Hochburgen. Aufgrund ihres gemeinsamen sunnitischen Glaubens gab es immer Möglichkeiten der Zusammenarbeit der Sunniten mit Invasionstruppen, angefangen von den Zeiten der Mamelucken / Türken im 12. Jahrhundert bis in den Bürgerkrieg. Die Sunniten verloren 1920 mit der Einrichtung des Groß-Libanon ihre Funktion als staatstragende Gruppe. Sie waren zwar numerisch die
28
zweitstärkste Bevölkerungsgruppe, jedoch unzufrieden mit der Loslösung von Syrien und der Eingliederung in den künstlich geschaffenen, maronitisch-französisch dominierten Staat, da sie die Gefahr der Beherrschung durch Nichtmuslime und die permanente Trennung von der arabisch-muslimischen Welt fürchteten. Durch die Fortsetzung des Konfessionalismus sollten die Befürchtungen der Muslime -und vor allem der Sunniten- in einem christlich dominierten Staat leben zu müssen, zerstreut werden. Deshalb wurde in Artikel 95 der Verfassung eine angemessene Berücksichtigung der verschiedenen Religionsgemeinschaften bei der Besetzung politischer und administrativer Ämter entsprechend der jeweiligen Bevölkerungsgröße als vorläufige Maßnahme festgelegt. Dadurch wuchs die Bereitschaft den Staat zu akzeptieren. Nach der formalen Unabhängigkeit des Landes 1943 wurde in einem ungeschriebenen Abkommen (dem Nationalpakt) zwischen dem maronitischen Staatspräsidenten und dem sunnitischen Premierminister vereinbart, sowohl den arabischen Charakter des Landes als auch die Offenheit gegenüber dem Westen beizubehalten. Diese Festschreibung der politischen Machtverhältnisse, die die Bevölkerungsentwicklung und damit die Verschiebung der Anteile der einzelnen Religionsgemeinschaften innerhalb der Bevölkerung nicht berücksichtigte, trug dazu bei, dass sich kein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl bei allen Bewohnern des Landes entwickelte. Im Ergebnis zogen sich die Sunniten, wie auch andere Gemeinschaften, in ihre eigene Religionsgemeinschaft zurück. Dieses Phänomen ist auch heute noch in der libanesischen Politik zu beobachten. So sind die Ausrichtungen der Parteien oder die Auswahl und Wahl der Parlamentarier nicht ausschließlich von politisch unterschiedlichen Gesichtspunkten, sondern weitgehend von religiösen oder ethnischen Vorstellungen geprägt. Die Macht der Sunniten ist nach wie vor groß, dies zeigt sich auch daran, dass der Premierminister traditionsgemäß immer noch ein sunnitischer Muslim sein muss.
Juden
Im Libanon als Religionsgemeinschaft offiziell anerkannt. Zur Zeit leben ca. 50 Juden im Libanon.
Quellen:
Libanon von Laila Atrache und Margit Brenner Elias der Reiseführer aus der Serie "Reise Know How"
29
Lexikon "Arabische Welt" Günther Barthel, Kristina Stok, Klaus Kreiser, Rotraud Wielandt
Halbmond, Kreuz und Davidstern Wolfgang Günter Lerch
Koexistenz im Krieg Theodor Hanf
Die Palästinenser Graham - Sarah Brown
Fischer Weltalmanach 1999
Christliche Gruppen im Libanon Michael Kuderna
Die Christen im Libanon Katholische Akademie Hamburg
Kopten http://www.kopten.de/
Bem:: Diese Anlage basiert auf den Ausführungen der privaten Homepage
Die Anrainerstaaten im OSLO-
Prozess
Ralf H. Mayer
Gliederung
1. Einleitung
2. Innerlibanesische Betrachtungen
3. Einbindung des LIBANON
4. Ausblick
1
Arbeit zitieren:
Ralf Mayer, 2001, Die Anrainerstaaten Israels im OSLO - Prozess, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Ralf Mayer's Text Die Anrainerstaaten Israels im OSLO - Prozess ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ralf Mayer hat den Text Die Anrainerstaaten Israels im OSLO - Prozess veröffentlicht
Ralf Mayer hat einen neuen Text hochgeladen
Co-Opting the PLO: A Critical Reconstruction of the Oslo Accords, 1993...
Peter Ezra Weinberger
Die Nürnberger Prozesse: Völkerstrafrecht seit 1945 / The Nuremberg Tr...
Internationale Konferenz zum 6...
Herbert R. Reginbogin, Christoph J. Safferling
Informe sobre el conflicto de Palestina : de los acuerdos de Oslo a la...
Isaías Barreñada, Khaled Hroub, Ignacio Álvarez-Ossorio, Lourdes López Ropero, Laura Mijares Molina
Malerei: Prozess und Expansion. Painting: Process and Expansion
Process and Expansion
Rainer Fuchs, Gabriel Hubmann, Edelbert Köb, Christoph Bruckner, Ines Gebetsroither
Prozession und Medien/La procession et les media
Texte und Bilder ritueller Bew...
Hans Rudolf Velten, Katja Gvozdeva
0 Kommentare