Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für deutsche Sprache und Literatur WS 2001/02 Februar 2002 52064 HS Novalis Studentin: Daniela Engelhardt
Hausarbeit zum Thema:
Novalis als Zeuge Christi
und Verehrer Marias Die Geistlichen Lieder von 1799-1800
3
Inhalt:
1. Die Geistlichen Lieder als Ausdruck persönlicher Ergriffenheit. 4
1.1 Zur Entstehung und Bedeutung 4
1.2 Persönliche Ergriffenheit am Beispiel des ersten Liedes 8
2. Die Marienlieder. 11
2.1 Das Marienbild des Novalis. 11
2.2 Lied 12: Das kleine Marienlied 14
2.3 Lied 13: Das große Marienlied. 15
Literatur 18
4
1. Die Geistlichen Lieder als Ausdruck persönlicher Er-
griffenheit
1.1 Zur Entstehung und Bedeutung
Warum wohl hat Karl Otto Conrady in seinem "... große(n) deutsche(n) Gedicht- 1 nebendem "Lied der Toten" gerade die "Geistlichen Lieder" zum Druck buch"
ausgewählt und damit als repräsentativstes Stück der Lyrik Novalis´ empfunden? Warum nicht eine Auswahl seiner zahlreichen Gedichte oder gar die "Hymnen an die Nacht", die doch den Ruhm des romantischen Dichters erst begründet haben und vielfach interpretiert wurden.
Wohl, um diese Zeugnisse eines besonderen, aber frommen und festen Glaubens als etwas "Exquisites", Auserwähltes zu präsentieren. Denn es handelt sich nicht nur um ein vielfach ausformuliertes poetisches Glaubensbekenntnis, vielmehr kommt ein "Hardenberg´scher Einschlag" hinzu, der sie abhebt von all den anderen Liedern der Kirchengesangbücher. Carl Busse geht sogar so weit, dass er behauptet: "Die ganze erste Romantik hat ausser diesen frommen Liedern nichts ge- schaffen,was in das Allgemeinleben der Nation aufgegangen wäre" (Busse 1898, S. 45).
Die Überlieferung der 1802 im "Musen-Almanach" (Lieder 1-6) und in den "Schriften" gesammelt erschienenen "Geistlichen Lieder" ist in einigen wichtigen Punkten bisher ungeklärt. Sie stehen offensichtlich in engem Zusammenhang mit den "Hymnen an die Nacht" (1797), in denen der Sehnsucht nach einer höheren Welt, nach der Ewigkeit und schließlich der Preisung der Nacht des Todes als das wirkliche Sein in einer überaus eigentümlichen und zugleich einzigartigen Weise Ausdruck verliehen wird. Bereits dort beginnt eine Zuwendung zu Christus, der erst im Tod das ewige Leben erschließt. Jedoch erreichen sie für Busse niemals die Qualität der Lieder, "die Hymnen sind im Guten und im Schlechten eine romantische Dichtung....Ein Lied aber wie das innige "Wenn ich ihn nur habe,..." wird niemand speziell romantisch nennen. Deshalb sind auch die geistlichen Lieder mit denen keines Mitgliedes der Litteratursippe zu vergleichen. Sie stehen ü- 1 KarlOtto Conrady: „Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch.“ -Patmos-Verlag, Düsseldorf / Zürich: 2000. S. 356-358
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ber der Schule." (Busse 1898, S. 46) Es sind die "...innigsten Jesuslieder, die wir besitzen" (ebd., S. 49).
Religiöse Gedichte hatte Novalis bereits als Schüler und Student verfasst, zum Beispiel "Auferstehung". Als junger Mann stand er unter den aufklärerischrationalistischen Einflüssen Klopstocks und war vom Elternhaus her mit der "Herrnhuter Brüdergemeine" Graf von Zinzendorfs (1700-1760) bekannt. Dieser hat über 2000 oft improvisierte und sprachlich bizarre pietistische Lieder verfasst und das geistliche Singen als emotionale und gemeinschaftsbildende Glaubensäußerung verstanden.
Keinesfalls soll aber die Annahme entstehen, dass Hardenberg die formalen und inhaltlichen Elemente seiner Vorbilder einfach übernommen hätte. Vielmehr ist es seine eigene religiöse Erfahrung, die zum Tragen kommt, die ihn zum Dichter der "Geistlichen Lieder" erst reifen ließ. Carl Busse hatte sich vergeblich bemüht, "...in dem alten Gesangbuch der Brüdergemeine, das dem Dichter vorlag, Vorbilder und unzweifelhafte Parallelstellen zu den Geistlichen Liedern zu entdecken" (Busse 1898, S. 72). Bei Gerhard Schulz findet sich ein ähnlicher Hinweis: "Die Frage nach Vorbildern ist deshalb wenig von Belang" (2001, S. 641). Über die Entstehung der "Geistlichen Lieder" gibt es nur wenige Quellen und Zeugnisse, man geht davon aus, dass die ersten 8 ins Jahr 1799 gehören und bezieht sich dabei auf die Handschrift Hardenbergs, die Lieder 9 bis 14 2 sind vermutlich aus dem Frühjahr 1800.
Es gibt nach Schulz einige Anhaltspunkte, aus denen sich die ursprüngliche Zielsetzung schließen läßt, dass Novalis die Absicht hatte, ein "...neues geistliches Gesangbuch" zu schaffen (S. 642). Das Erscheinen der "Reden über Religion" von Schleiermacher im Jahre 1798 war von Novalis mit Spannung erwartet worden und wird oft als ursprüngliche Veranlassung zu den Geistlichen Liedern gesehen. Novalis zeigte sich begeistert und fasste den Plan, zusammen mit Tieck ein Ge-
2 DieZählung in dieser Hausarbeit bezieht sich auf die Studienausgabe von Gerhard Schulz. In der Historisch-Kritischen Ausgabe von Paul Kluckhohn und Richard Samuel (1977, 3. Auflage) erscheint die sog. Abendmahlshymne als 7. Lied, somit existieren dort 15 Lieder. Mittlerweile wird die Hymne aber aufgrund zeitlicher, formaler und inhaltlicher Hinweise nicht mehr zu den Geistlichen Liedern gezählt. Auch in der benutzten Sekundärliteratur befinden sich die Lieder noch in einer anderen Anordnung. Daher wurden die Titelnummern von mir an die neue Zählung von Schulz angepasst. (vgl. Schulz 2001, S. 644)
Arbeit zitieren:
Daniela Engelhardt, 2002, Novalis als Zeuge Christi und Verehrer Marias, München, GRIN Verlag GmbH
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