1. Der Künstler
1.1. Werk
Öyvind Fahlström, der seit Beginn der 60er Jahre bis zu seinem Tod 1976 im Umfeld der New Yorker Pop Art Künstler Oldenburg, Johns und Rauschenberg lebte, gehörte lange zu den “schattenhaften Gestalten” der Kunstgeschichte. Doch für viele Künstler war er “einer der wichtigsten und komplexesten Künstler der 60er Jahre,...eine völlig originäre Erscheinung” (Mike Kelley). Fahlström entwickelte zu Beginn der 60er Jahre die Vorstellung des offenen Kunstwerks, dessen Beziehungsvielfalt der Bild- und Zeichenelemente untereinander prinzipiell unendlich veränderbar ist und damit die Sprachlichkeit der Kunst unterstreicht. Seine Installationen wenden verschiedene Strategien der Variabilität an und arbeiten jeweils mit anderen Quellen: mit der Bilderwelt der Cartoons, mit dokumentarischem und fiktionalem Bildmaterial der Massenmedien, mit politischen Fakten. Der Verzicht auf die einmalige Vollendung des Werks durch den Autor macht das Kunstwerk zum Spiel und den Betrachter zum Mitspieler. Fahlströms Werkkonzeption möchte normative Bedingungen brechen und die Möglichkeit der experimentellen Veränderung der Realität in Aussicht stellen. Dies bindet seine Position zwar in die Aufbruchsstimmung der 60er Jahre, hat aber gleichzeitig eine überraschende Aktualität.
Fahlström hat ein Werk geschaffen, dessen Vielschichtigkeit und Internationalität beeindruckend ist. Es umfaßt nicht nur Malerei, Assemblage, Installation, Zeichnung und Druckgraphik, sondern auch regelmäßige Beiträge für Zeitungen und Kunstzeitschriften, dokumentarische Berichte fürs Fernsehen, Filme, experimentelle Theater- und Hörstücke sowie Performances.
1.2. Biographie
Öyvind Axel Christian Fahlström wurde am 28. Dezember 1928 in Sao Paulo, Brasilien, geboren. Er war der einzige Sohn von Frithjof Fahlström, geboren 1886 in Trondheim, Norwegen, und Karin Fahlström, geborene Kronvall, geboren 1900 in Stockholm.
Fahlström verbrachte seine Kindheit in Sao Paulo und Rio de Janeiro und wurde
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brasilianischer Staatsbürger.
1939 wurde er nach Schweden geschickt, um dort den Sommer bei seinem Großvater und seiner Tante zu verbringen. Der Ausbruch des Krieges hält ihn dort fest, und so besuchte er die Schule in Schweden. 1948 trifft Fahlström, mittlerweile erwachsen, in Schweden wieder mit seinen Eltern zusammen.
Als er vor die Wahl zwischen schwedischem und brasilianischem Militärdienst gestellt wird, entscheidet er sich, schwedischer Staatsbürger zu werden. Von 1949 bis 1952 studierte er Klassische Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität von Stockholm. Darüber hinaus unternahm er Reisen nach Italien und Paris. Dort traf er andere Dichter und Maler.
Von 1950 bis 1961 arbeitete Fahlström als Schriftsteller, er schrieb Gedichte, Kunstkritiken und Übersetzungen. In der schwedischen Presse erschienen regelmäßig Beiträge Fahlströms über kulturelle Themen auf lokaler und internationaler Ebene - eine Arbeit, die er sein ganzes Leben lang fortführte. In dieser Zeit lebte er in Stockholm, Paris und Rom. 1952 entstand Opera, eine raumfüllende Filzstiftzeichnung. Im selben Jahr heiratete Fahlström Brigitta Tamm.
1953 fand eine Einzelausstellung in der Galleria Numero in Florenz statt, in der Opera gezeigt wird.
Außerdem schrieb Fahlström Hätila ragulpr på fåtskliaben, manifest för konkret poesi (Manifest für konkrete Poesie), das 1954 publiziert wird. Zwischen 1955 und 1957 entstanden Ade- Ledic- Nander I und II als Teil einer geplanten Serie von “Zeichen- Form”- Gemälden. Für das Bild Ade- Ledic-Nander II schreibt er ein 27- seitiges Szenario. 1955 schloß Fahlström sich der Phases- Bewegung an. Opera wurde in der Galerie Creuze in Paris ausgestellt. Weiterhin fand eine Einzelausstellung in der Galerie Aesthetica in Stockholm statt. Darüber hinaus öffnete er jeden zweiten Samstag sein Atelier für interessierte Besucher. 1957 trennte Fahlström sich von Brigitta Tamm. 1958 erhielt er einen Vertrag mit der Galerie Daniel Cordier in Paris. Des weiteren nahm Fahlström an der Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture im Carnegie Institute of Art teil. Im gleichen Jahr erhielt er ein Stipendium für Studien in Italien. 1959 fanden Einzelausstellungen in der Galerie Daniel Cordier in Paris und in der Galerie Blanche in Stockholm statt.
Daneben gewann er den Preis der Bienal de Sao Paulo für Ade- Ledic- Nander II. 1960 erhielt Fahlström ein Stipendium für Studien in Frankreich. In diesem Jahr heiratete er seine zweite Frau Barbro Östlihn.
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Ein Jahr später bekam er ein Stipendium der Swedish- American Foundation für Studien in den USA. Fahlström zog in die 128 Front Street, in das frühere Atelier Robert Rauschenbergs. Jasper Johns lebte im selben Haus.
Seither arbeitete und lebte Fahlström in New York und verbrachte die Sommer in Schweden, Frankreich und Italien. Zu dieser Zeit entwickelte er den Comic- Strip-Style seiner Bilder mit Elementen und Bruchstücken aus verschiedenen Bereichen der massenproduzierten Kultur, teilweise Skulpturelemente wie als Souvenirs einbeziehend.
Weiterhin beginnt er mit der Arbeit an der Sitting...- Serie. 1962 entstand das erste variable Bild: Sitting...Six months later. Wiederum fand eine Einzelausstellung in der Galerie Daniel Cordier in Paris statt. In diesem Jahr nahm er seine literarischen Aktivitäten wieder auf und nahm an mehreren Performances und Happenings mit verschiedenen New Yorker Künstlern teil, zum Beispiel an der Ausstellung New Realists in der Sidney Janis Gallery in New York.
Von nun an gab er seinen Arbeiten den Charakter von veränderlichen Collagen, variablen Bildern, dessen lose Komponenten mit Gelenken ausgestattet waren und vom Betrachter über die Bildoberfläche mittels Magneten bewegt werden konnten.
Von 1962 bis 1964 fanden mehrere Happenings im Moderna Museet in Stockholm und im schwedischen Fernsehen statt.
Überdies hinaus veröffentlichte Fahlström das Wort- Spiel Minnelista för Dr. Schweitzer´s sista uppdrag (Checklist für Dr. Schweitzers Letzte Mission) sowie schrieb das Hörspiel Fåglar i Sverige (Vögel in Schweden) für das schwedische Radio.
1964 stellte Fahlström bei der Biennale di Venezia aus, daneben fand eine Einzelausstellung bei Cordier & Ekstrom Inc. In New York statt. Im darauffolgenden Jahr schrieb er die Theaterstücke Hammarskjöld om Gud (Hammarskjold über Gott), das 1966 im Pistolteatern in Stockholm unter der Regie von Sören Brunes aufgeführt wurde, und Bröderna Strindberg (Die Gebrüder Strindberg).
Ebenfalls 1966 wurde die fünfstündige Klangnovelle Den helige Torsten Nilsson (Der heilige Torsten Nilsson) vom schwedischen Radio gesendet. Auf der XXXIII Biennale di Venezia repräsentierte er Schweden (die wichtigste Arbeit ist hier Dr. Schweitzer´s Last Mission, 1964- 66). Weiterhin erfolgte die Aufführung von Kisses Sweeter Than Wine im Rahmen der 9 Evenings: Theatre and Engeneering, organisiert von Experiments in Art and
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Technology in der 26th Street Armory, New York.
Im gleichen Jahr wurde Roulette, das erste Gemälde in der Technik Öl- auf-Photopapier, in der Ausstellung Erotic Art in der Sidney Janis Gallery in New York gezeigt. Außerdem erschien Bord- dikter 1952- 55 (Gedichte 1952- 55) im Verlag Bonniers in Stockholm.
1967 wurde unter Verwendung von Teilen von Kisses Sweeter Than Wine der Film Mao- Hope- March gedreht.
Fahlström schrieb das Stück Oswald kommer tillbaka (Oswald kehrt zurück) und es fand eine Einzelausstellung in der Sidney Janis Gallery in New York statt. In diesem Jahr produzierte Fahlström die erste Arbeit, in der Elemente in der Technik Öl- auf- Photopapier- auf- Vinyl im Wasser schwimmen (Parkland Memorial). Es folgte nun eine Fassung von Kisses Sweeter Than Wine für das schwedische Radio, und bei Bonniers erschien eine Monographie. Darüber hinaus nahm Fahlström an den Ausstellungen towards a cold poetic image der Galleria Schwarz in Mailand und Pictures to be Read / Poetry to be Seen im Museum of Contemporary Art in Chicago teil. Im darauffolgenden Jahr entstanden zwei Dokumentarfilme für das schwedische Fernsehen in New York, unter anderem über die Antikriegsbewegung. Der Verlag Bonniers in Stockholm publizierte Den helige Torsten Nilsson (Der heilige Torsten Nilsson) als Buch.
Weiterhin fand 1968 eine retrospektive Ausstellung in Pentacle, Museé des Arts Décoratifs in Paris statt, die unter anderem The Little General (Pinball Machine) zeigt.
Fahlström beendete außerdem das Stück Förlåt Hitler (Vergebt Hitler), und Eddie (Sylvie’s brother) in the Desert...Collage wird The Museum of Modern Art in New York für die Sammlung Sidney und Harriet Janis gestiftet. Daneben nahm Fahlström an der documenta IV in Kassel teil und drehte den 30minütigen Film U- Barn (Dritte- Welt- Kinder). In New York wurde zudem The Strindberg Brothers unter der Regie von Michael Abrams am Gotham Art Theatre inszeniert.
1969 fanden Einzelausstellungen in der Sidney Janis Gallery in New York und in der Galerie Rudolf Zwirner in Köln sowie eine Wanderausstellung, organisiert durch The Museum of Modern Art in New York statt. Fahlström verfaßte ein Drehbuch für einen Spielfilm (eine Liebesgeschichte zwischen älteren Menschen und Revolte in einem psychiatrischen Krankenhaus). Meatball Curtain (for R. Crumb) wurde in der Ausstellung Art and Technology im Los Angeles County Museum of Art gezeigt. Des weiteren beginnt Fahlström den Film Du Gamla Du Fria.
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Beate Braun, 1997, Öyvind Fahlström - 2 Installationen auf der Documenta X, Munich, GRIN Publishing GmbH
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