Die beiden führenden Köpfe der „Endlösung“ waren Heinrich Himmler, Reichsführer SS und oberster Dienstherr der deutschen Polizei, und der Chef des 1939 gegründeten Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich sowie sein Nachfolger Ernst Kaltenbrunner, anzusehen (Heydrich starb bei einem Attentat 1943). Zusammen mit Adolf Eichmann, dem Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), organisierten sie den Massenmord an den europäischen Juden. Mit den Vorbereitungen zur Deportation der Juden dominierte das Reichssicherheitshauptamt die Verfolgungspolitik im Dritten Reich. Das RSHA war ein Hauptamt der SS, dem die Polizei und der Sicherheitsdienst (SD) unterstanden. Die vier Einsatzgruppen A-D von SS und SD waren für die Ermordung der Juden im eroberten Gebiet sowie für die Bewachung der Konzentrationslager zuständig. 2.2 Gestapo
Die geheime Staatspolizei wurde zunächst 1933 in Bayern und Preußen von Hermann Göring und Heinrich Himmler aufgebaut. Ihre Aufgabe bestand in der Aufdeckung und Verfolgung aller Handlungen, die das NS-Regime als politisches Vergehen oder Verbrechen erachtete. Sie war dabei keiner Kontrollinstanz unterworfen.
Die Gestapo trieb den Aufbau kontrollierter jüdischer Organisationen außerhalb der „deutschen“ Gesellschaft voran. Außerdem regelte sie zusammen mit der Kriminal- und Schutzpolizei die Deportationen. In Konflikt geriet sie dabei mit der Rüstungsindustrie, die rund 10.000 Berliner Juden als Zwangsarbeiter beschäftigte. Die ersten Juden, die deportiert wurden, waren auf Anweisung der Gestapo aus ökonomischen Gründen Menschen, die Kosten verursachten, also z.B. Sozialhilfe bekamen oder Insassen eines Alters- oder Waisenheims waren. Ihre Aufgaben setzte die Gestapo mit großer Brutalität um. Als beispielsweise einige Mitglieder der Berliner „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ flüchteten, erschoß sie deren Repräsentanten. Ihre Methoden beinhalteten umfangreiche Bespitzelungen, Massenverhaftungen, Folter und Hinrichtungen. 2.3 Stadtverwaltung 2
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Wie jüngere Forschungen der Sozialgeschichte ergaben, spielte die Berliner Stadtverwaltung bei der systematischen Verfolgung von Juden eine bedeutende Rolle. Ihre Maßnahmen kamen oftmals Beschlüssen und Regelungen auf Reichsebene zuvor. So „zeigt sich deutlich die aktive und ideenreiche Beteiligung städtischer Behörden an der Unterdrückung und Ausgrenzung jüdischer Berliner seit 1933. Städtische Initiativen beeinflußten gerade in der Reichshauptstadt die Planung zentraler
Diskriminierungsmaßnahmen der NS-Führung oder motivierten solche erst.“ 3 Die erlassenen Gesetze und Anordnungen hatten einerseits die systematische Erfassung der Juden und ihrer Vermögen zum Ziel, andererseits sollten Juden in der Öffentlichkeit kenntlich gemacht und die Bevölkerung gegen sie aufgehetzt werden. Die angelegten Namenslisten waren so Grundlage für die von den Nationalsozialisten sogenannte „Reichskristallnacht“. Dieser von Joseph Goebbels initiierte Pogrom fand in der Nacht vom 8. Zum 9. November 1938 statt. Angeblich handelte es sich dabei um spontane Volksaufsstände gegen die Juden. Dabei wurden 91 Juden in ganz Deutschland ermordet, 30.000 verhaftet und mehr als 7000 Geschäfte zerstört. Unmittelbarer Anlaß war die Ermordung eines Botschaftsbeamten in Paris durch einen jungen deutschen Juden am Tag zuvor. Die Nationalsozialisten nutzen diesen Mord, um durch eine Welle der Gewalt die Juden zur Auswanderung zu bewegen. Eine Sondersteuer für Juden in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark ergänzte die Maßnahmen. In Berlin verwüsteten marodierende SA-Horden und Hitlerjungen vor allem Geschäfte am Kurfürstendamm, in der Potsdamer Straße, Unter den Linden und Königstraße. Auch die Bevölkerung nahm daran teil.
3. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland
Xxx Es mag merkwürdig erscheinen, die Reichsvereinigung an dieser Stelle zu erwähnen, so als stünde sie in einer Reihe mit den Behörden und der Gestapo. Tatsächlich kam der Reichsvereinigung eine Sonderrolle zu, die ihr von der Gestapo - wie oben bereits erwähnt - zugewiesen wurde. Als letzte
3 Gruner, Wolf: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in
der Reichshauptstadt. Berlin 1996, S. 7.
3
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jüdische Organisation war sie - von den Nazis gegründet - ein Werkzeug zur „Lösung der Judenfrage“. Nur waren es hier im Gegensatz zu Gestapo und SS Juden und nicht Nazis, die sich gezwungenermaßen instrumentalisieren ließen, Namenslisten für die Transporte erstellten und die Berliner Juden ruhig hielten.
Im Juli 1939 gegründet, stellte sie unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Leo Baeck die Nachfolgeorganisation der Reichsvertretung der Juden dar. Im Gegensatz zur vorherigen Organisation war sie eine Zwangsvereinigung im Sinne der Nürnberger Gesetze und regelte u.a. das Schul- und Wohlfahrtswesen. Ihre primäre Aufgabe lag jedoch in der Beschleunigung der Auswanderung. 4 Weiterhin halfen sie „entmieteten“ Juden bei der Beschaffung einer neuen Unterkunft, in der Regel bei einem anderen Juden, wie es die NS-Führung wünschte. 4. Verfolgung und Ausgrenzung in Alltag und Beruf Am 20. Juli 1938 erließ Polizeipräsident Helldorf die „Richtlinien zur Behandlung von Juden und Judenangelegenheiten“. 5 Sie waren eine Anweisung für die Berliner Polizei, die Judenverfolgung mit allen bestehenden Mitteln durchzuführen. Bis zum Herbst 1938 waren die Berliner Behörden in der Durchführung solcher Maßnahmen dem gesamten Reich voraus. Dann nahm die Reichsregierung die Führungsrolle in diesen Belangen ein. Vor dem Hintergrund eines näher rückenden Krieges - die Sudetenkrise bahnte sich an - wurden im Oktober 1938 Tausende polnische Juden ausgewiesen und der berüchtigte Pogrom „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 organisiert.
Diskriminierung und angedrohte wie ausgeführte Gewalt kannten die Berliner Juden schon lange, auch vor 1933. Doch noch bis 1938 führten sie ein weitgehend „normales“ Leben, auch wenn neue Gesetze gegen sie in kraft traten. Das Jahr 1938 stellt in der Leidensgeschichte der Juden, zumal in Berlin, eine Zäsur dar. Der im Dezember von Helldorf verhängte Judenbann untersagte Berliner Juden den Besuch aller öffentlichen kulturellen und
4 Vgl. Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden.
Berlin 1993, S, 24.
5 Vgl. Gruner, Wolf: „Lesen brauchen sie nicht zu können...“ Die „Denkschrift über die Behandlung
der Juden in der Reichshauptstadt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens“ vom Mai 1938. In:
Jahrbuch für Antisemitismusforschung 4 (1995), S. 305-341.
4
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sportlichen Veranstaltungen. Das Ziel dieses Banns war die Isolation der Juden, die noch nicht emigriert waren. Nach dem Pogrom vom November flüchteten rund 16.000 Juden aus der Hauptstadt. Mit Beginn des Krieges änderten die Nazis ihre Taktik: Statt zielloser Vertreibung wollten sie die Juden nun genau erfassen und verschleppen. Im Jahr 1939 waren Juden im gesamten Reich in sämtlichen Lebensbereichen - Wohnung, Arbeit, Kultur, Versorgung und Ausbildungvom Rest der Bevölkerung abgetrennt. Juden konnten jederzeit aus ihren Wohnungen vertrieben werden. So wurden Berliner Juden beispielsweise im Rahmen der „Neugestaltung der Reichshauptstadt“ durch Hitlers Architekt Albert Speer „entmietet“ und in anderen Wohngegenden konzentriert. Die Juden lebten fortan in einer Zwangsgemeinschaft. Nach der weitgehenden Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft waren sie als Zwangsarbeiter lediglich billige Arbeitskräfte. Selbständig durften sie nicht mehr arbeiten, die meisten Angestellten wurden entlassen. Die Bezahlung in der Kriegsindustrie als Zwangsarbeiter betrug dabei etwa 30-50% des Durchschnittslohnes. Im Jahr 1939 waren nur noch 16% der Juden in einem regulären Arbeitsverhältnis beschäftigt. Arbeitslose Juden lebten von ihren Ersparnissen, Renten oder der Unterstützung durch das Jüdische Winterhilfswerk. Für Juden gab es spezielle Lebensmittelmarken, mit denen sie weder Milch noch Obst, Fleisch oder Fisch erwerben konnten. Am 4. Juli 1940 wurde auf Anordnung von Helldorf und Goebbels die Einkaufszeit für Juden auf eine Stunde am Nachmittag begrenzt. Im Herbst wurden alle arbeitstauglichen Juden für die Kriegsindustrie rekrutiert. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 radikalisierten die Nationalsozialisten ihre Verfolgungsmaßnahmen: Das Tragen des Judensterns wurde Pflicht. Juden waren fortan eindeutig als solche zu erkennen. Gleichzeitig durften sie ihren Wohnort nicht mehr verlassen. Bislang waren die Juden „nur“ verarmt und ausgegrenzt; nun bereiteten die Nationalssozialisten ihre physische Vernichtung vor. 5. Deportation und Vernichtung
Im Herbst 1941 begannen die Massendeportationen aus Deutschland. Ziele waren die Ghettos in Lodz, Riga, Minsk, Kowno und Lublin, 1942 begannen 5
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die Transporte nach Auschwitz und Theresienstadt. Die Jüdische Gemeinde mußte auf Befehl der Staatspolizei diese „Umsiedlung“ als Wohnungstausch tarnen und mehrere tausend Berliner Juden auswählen. Am 15. Oktober holten jeweils zwei Gestapo-Beamte die Menschen aus ihren Wohnungen ab und fuhren sie mit LKW zu einem Sammellager. Der Weg zum Bahnhof Grunewald mußte zu Fuß zurückgelegt werden, schwache Menschen wurden per Lastwagen gefahren.
Am 18. Oktober 1941 fuhr der erste Personenzug mit deportierten Berliner Juden vom Bahnhof Grunewald nach Lodz ab. Im dortigen Ghetto arbeiteten die Juden in ghettoeigenen Textilfirmen, bis sie ab 1943 nach Auschwitz gebracht wurden. In nur einem Monat wurden 5000 Berliner Juden deportiert, reichsweit waren es fast 20.000. Dieser rapide Abtransport brachte die Kriegsindustrie in Schwierigkeiten. Im Einzelfall wurden durch ihre Einwände Deportationen verzögert. Zu weiteren Verzögerungen kam es durch die riesigen Truppentransporte im Frühjahr 1942.
Im November begann die zweite Phase der Deportationen. Zielgebiete waren Minsk, Riga und Kowno. Die Insassen der dortigen Ghettos wurden vor der Ankunft der Juden umgebracht. Die Menschen aus zwei Berliner Zügen wurden sofort bei ihrer Ankunft erschossen. Nach Aufzeichnungen ihres Führers erschoß das Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A am 25. November 1159 Männer, 1600 Frauen und 175 Kinder aus Berlin. Das Prinzip des Massenmordes und der „Vernichtung durch Arbeit“ setzte sich durch.
Die Deportationen verliefen zunächst nach demselben Prinzip: Die Jüdische Gemeinde erhielt eine Liste mit ca. 1000 Namen und verschickte daraufhin Aufforderungen, sich auf die Abfahrt vorzubereiten sowie Merkblätter, auf denen erklärt wurde, welches Gepäck und wieviel Geld erlaubt war (zunächst 100, später 50 Reichsmark). Am Zielort wurden ihnen jedoch alle Wertgegenstände weggenommen. Nachdem anfangs noch Personenzüge eingesetzt wurden, wechselte das RSHA zu Güterwagen über. In diesen Waggons gab es keine Toiletten und kaum Wasser. Bereits an diesen Bedingungen starben etliche Juden.
Im Januar 1942 fand am Berliner Wannsee die Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ statt. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch rund 58.000 Juden in der 6
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Reichshauptstadt. Bereits im Mai 1942 forderte Hitler die Deportation aller Juden, auch der Zwangsarbeiter. In Berlin wurden dafür meist zusätzliche Waggons an öffentliche Züge angehängt. Auf diese für jedermann sichtbare Weise wurden insgesamt 15.000 Juden aus Berlin transportiert. Für die Zusammenstellung solcher Transporte wurden ganze Straßenzüge ohne Ankündigung durchsucht. Die leeren Wohnungen und das Eigentum der Juden gingen in den Besitz der Stadt Berlin über. Das Inventar wurde an Möbelhändler und Gebrauchtwarenhändler verkauft. Die letzte Deportationsphase dauerte vom Dezember 1942 bis zum Frühjahr 1943. In dieser Zeit wurden auch die letzten Zwangsarbeiter im Rahmen der sogenannten „Fabrik-Aktion“ verschleppt. In Betrieben und Wohnungen, aber auch auf offener Straße wurden allein in Berlin innerhalb von zwei Tagen 11.000 Juden verhaftet. Die dabei angewandte Brutalität stieß sogar bei der SS auf Kritik, freilich nur wegen der negativen öffentlichen Wirkung. Die Gefangenen wurden in Zwischenlager gebracht, 7.000 von ihnen kamen anschließend nach Auschwitz. In diesen Zusammenhang fällt auch der beinahe einzige Protest einer breiten Öffentlichkeit gegen Aktionen der Reichsregierung. Tagelang demonstrierten hunderte nicht-jüdische Frauen gegen die Verhaftung ihrer Ehemänner. Immerhin 300 von ihnen wurden daraufhin wieder freigelassen. Sie wurden allerdings zu demütigenden Arbeiten herangezogen (Müllsammler usw.) und mußten bei dem geringsten Vergehen mit einer erneuten Festnahme rechnen.
Erwähnenswert ist auch der Aspekt des Freitodes. Jeder Transport erhöhte die Selbstmordrate unter Berliner Juden. Der Versuch, sich das Leben zu nehmen, stellte eine Straftat dar und wurde geahndet. Als sich beispielsweise zwei verhaftete Mitglieder der Gruppe Baum im Gefängnis umbringen wollten, wurden sie zunächst gerettet und im Jüdischen Krankenhaus kuriert, dann jedoch von der Gestapo hingerichtet. Für die Deportationen war die Kooperation der Reichsbahn von hoher Bedeutung. Ohne sie wäre der umfassende Transport von Menschen unmöglich gewesen. Mit aller unkritischen Routine planten die Reichsbahn-Mitarbeiter die Deportationszüge in ihr System ein und lösten technische Probleme. Für jeden Juden wurde der normale Fahrpreis für die 3. Klasse entrichtet; er lag bei 4 Pfennigen pro Kilometer. Bei über 400 Personen 7
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gewährte die Reichsbahn dem RSHA die normale Gruppenermäßigung von 50%. 6 Nach Möglichkeit mußten die Juden die Kosten ihrer Verschleppung selbst bezahlen. Was nicht aus den geraubten Vermögen finanziert werden konnte, wurde über Sonderfonds beglichen. Durch Transporte, Pogrome und Selbstmorde kamen insgesamt 55.600 Berliner Juden ums Leben. 7 „Die Deportation nach Auschwitz überlebten 178 Menschen, das Ghetto Lodz 20, das Ghetto in Riga 31, das in Minsk 7, die Verschleppung nach Reval 11 Personen“ (Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden. Berlin 1993, S. 42). Trotz mehrfacher Anklagen wurde niemand der Berliner Verantwortlichen verurteilt. Führungskräfte der Berliner Finanzdirektion, der Berliner Reichsbahndirektion und anderer Verwaltungen, die für die Ausraubung und Deportation zuständig waren, arbeiteten nach dem Krieg ungestraft weiter. 6. Judenverfolgung in Lichtenberg
Im folgenden soll der Terror gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung an einem lokalen Beispiel veranschaulicht werden. Dabei werden einige Besonderheiten bei der Verfolgung deutlich.
Der Berliner Bezirk Lichtenberg wurde bei der behördlichen Einteilung im Dritten Reich dem Bezirk Friedrichshain zugewiesen, den die Nationalsozialisten nach dem SA-Schläger „Horst-Wessel-Stadt“ nannten. Sogenannte Sturmlokale waren für Juden und politische Gegner Bruttstätten der Bedrohung. Dort trafen sich SA-Sturmgruppen, aber auch SS-Standarten und Kameradschaften ehemaliger Frontkämpfer. Nicht selten kannten sich Jäger und Gejagte aus unmittelbarer Nachbarschaft. 8 Wie die Tabelle im Anhang zeigt, überlebten nur wenige Lichtenberger Juden die Verfolgungen durch das NS-Regime. Einige wurden verschont, weil sie mit Nicht-Juden verheiratet waren, andere versteckten sich in Laubenkolonien. 9
6 Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden.
Berlin 1993, S. 29.
7 Vgl. Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung im Auftrag des Senators für Kulturelle
Angelegenheiten: Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Berlin 1995.
8 Kaulen, Alois und Joachim Pohl: Juden in Spandau vom Mittelalter bis 1945. Berlin 1988, S. 78.
9 Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden.
Berlin 1993, S, 16.
8
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7. Jüdischer Widerstand 7.1 Die Gruppe Baum
Eine Gruppe Baum hat es nie gegeben. Vielmehr hat die Gestapo unter diesem Begriff alle Menschen zusammengefaßt, die mehr oder weniger an einem Brandanschlag auf die antibolschewistische Propaganda-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ beteiligt waren. 10 In Berlin gab es vielmehr eine ganze Reihe von Widerstandsgruppen, von denen die meisten in Kontakt zu dem jungen Juden Herbert Baum standen. Diese politisch interessierten Freundeskreise existierten schon vor 1933 als sozialistische oder jüdische Jugendgruppen. Nach der Machtergreifung der Nazis versuchte Baum, ein Netz aus Widerstandsgruppen aufzubauen. Die Basis dafür war zunächst die noch legale Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschaft, später „Ring-Bund“ genannt. Weiterhin war er aktives Mitglied des verbotenen Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands. Von Herbert Baum selbst sind keine Primär-Quellen erhalten, es gibt lediglich Fotos, einige schriftlichen Berichte sowie Erzählungen über ihn.
Die Jugendlichen erstellten, ähnlich der Weißen Rose, Flugblätter und sogar eine alle 14 Tage erscheinende Zeitung, die Junge Garde Süd-Ost. An Wochenenden trafen sich die Gruppen in den Wäldern um Berlin und diskutierten über die marxistische Theorie und die gegenwärtige politische Lage. Seine Gruppe unterrichtete Baum i n kommunistischen Lehren. Weiterhin verhalf er einigen Juden, die als Zwangsarbeiter bei Siemens gearbeitet hatten, zur Flucht. Die spektakulärste Aktion der Gruppen um Baum war zugleich ihre letzte. In der Nacht zum 18. Mai 1942 legten sie in der Propaganda-Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ im Berliner Lustgarten Feuer. Kurz danach wurden sie vermutlich durch einen Spitzel enttarnt. Die Gestapo nahm für den Anschlag blutige Rache, obwohl nur geringer Sachschaden entstanden war. Sie verhaftete 154 jüdische Männer und brachte sie ins KZ Sachsenhausen, wo sie zusammen mit 96 anderen Häftlingen exekutiert wurden. Ihre Angehörigen sowie 250 weitere Berliner
10 Löhken, Wilfried und Werner Vathke (Hg.): Juden im Widerstand. Drei Gruppen zwischen
Überlebenskampf und politischer Aktion, Berlin 1939-1945. Berlin 1993, S. 83ff. 9
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Geiseln wurden nach Theresienstadt transportiert, wo die meisten von ihnen zu Tode gefoltert wurden.
Die v erhafteten Jugendlichen der Baum-Gruppe wurden wegen „Hochverrats“ angeklagt. Einige wurden im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet, andere in Konzentrationslagern ermordet. Herbert Baum starb am 11. Juni 1942 im Alter von 30 Jahren in Untersuchungshaft. Sein Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Dort steht ebenfalls ein schlichter Grabstein, der an die hingerichteten Mitglieder erinnern soll. Herbert Baum war nur „Jude per Dekret“, er war nicht gläubig und es verband ihn auch nichts mit jüdischen Traditionen. Seine Aktivitäten hatten keinen Einfluß auf das NS-Regime; wohl aber stärkte er den gemeinsamen Widerstandswillen einiger Dutzend Berliner Jugendlicher. 7.2 Die jüdische Jugendgruppe Chug Chaluzi
In den letzten beiden Kriegsjahren leistete eine Berliner Jugendgruppe mit dem Namen „Chug Chaluzi“ (Kreis der Pioniere) den Nazis Widerstand. Am 27. Februar 1943, dem Tag der sogenannten „Fabrikaktion“, versammelten sich in der Wohnung der zum Judentum konvertierten Edith Wolff ca. 40 Jugendliche der Alija-Schule, die dem Abtransport entkommen waren. Die Jugendlichen schlossen sich zur Chug Chaluzi zusammen, angeführt von Edith Wolff und ihrem Lehrer Jizchak Schwersenz. Sie gehörten zu den wenigen Berliner Juden, die sich erfolgreich den Deportationen entziehen konnten. Dieser Umstand ist aber wohl eher durch großes Glück als durch den Zusammenschluß der Gruppe zu begründen. Dennoch: Die Mitglieder hatten gute Kontakte zu nicht-jüdischen Helfern, außerdem erhielten sie große materielle Unterstützung durch die Zentrale der „Hechaluz“ (Der Pionier) in der Schweiz. Die Hechaluz war eine seit 1917 bestehende zionistische Weltorganisation, die die Einwanderung nach Palästina vorbereitete.
Chug Chaluzi stand in und außerhalb Berlins in Kontakt zu anderen Juden im Untergrund und in Sammellagern. Edith Wolff half Untergetauchten, indem sie Lebensmittelkarten und Ausweise beschaffte. Während ihrer Treffen wurde weiterhin Hebräisch, Palästinakunde und Religion unterrichtet, außerdem fanden religiöse Feiern statt. Edith Wolff wurde bereits 1943 10
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verhaftet, die Gruppe konnte dadurch aber nicht enttarnt werden. Sie kam wegen „Judenbegünstigung“ bis zu ihrer Befreiung 1945 ins Gefängnis. Edith Wolff über ihre Ziele: „Von Anfang an war es unser Ziel, nicht nur das Leben dieser Menschen durchzubringen, sondern auch ... sie geistig und menschlich zu stärken und sie im Sinne unserer zionistischen Ideen auch weiter zu bilden. Wir wollten unsere Erziehungsarbeit, so wie wir sie vorher verstanden hatten, auch unter den schwierigsten Bedingungen weiterführen, mit allem, was uns immer wichtig gewesen war: das Bewußtsein für die jüdische Tradition und die jüdische Gemeinschaft, die Kameradschaft untereinander, und nicht zuletzt auch das Interesse an Kultur und Literatur.“ Schon vor ihrer Chug Chaluzi-Zeit leistete Edith Wolff Widerstand, indem sie sich ihre Wut von der Seele schrieb. Nach den November-Pogromen schickte sie regelmäßig anonyme Zettel an NS-Verwaltungsstellen in Berlin, auf denen Sätze standen wie: „Der Nationalsozialismus ist die größte Kulturschande der Weltgeschichte - gez. der ewige Jude“ oder „Deutschland heißt jetzt Braunschweig. Die eine Hälfte ist braun und die andere Hälfte schweigt“ - ein damals kursierender Flüsterwitz. 7.3 Das Jüdische Krankenhaus
In Berlin existierte eine Art Ghetto, in dem 800 Juden lebten - Ärzte, medizinisches Personal, Verwaltungsangestellte und Patienten des Jüdischen Krankenhauses.
Das Krankenhaus hatte eine lange Tradition. Die damaligen Gebäude in der heutigen Iranischen Straße 2- 4 wurden 1913 gebaut. Sie ersetzten die älteren Häuser aus dem 18. Jahrhundert an der Oranienburger Straße und an der Auguststraße. Das Vorgänger-Hospital war eines der ersten in Berlin. Das Jüdische Krankenhaus galt damals als eines der besten Krankenhäuser Deutschlands. 11 Bis 1938 wurden dort auch nicht-jüdische Patienten behandelt. Ab diesem Jahr hatten die Gesetzte zur „Rassentrennung“ auch in Krankenhäusern Gültigkeit. Die damit verbundenen schwindenden Patientenzahlen brachten die Institution in große finanzielle Schwierigkeiten. Während der November-Pogrome blieb das Krankenhaus unbeschädigt, es wurden auch bis 1943 keine Patienten verschleppt - anders als in
11
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vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Die Sonderrolle des Berliner Jüdischen Krankenhaus wird noch an einem anderen Punkt deutlich. Während nämlich in ganz Deutschland alle medizinische jüdische Einrichtungen aufgelöst wurden, blieb das Krankenhaus bis Kriegsende bestehen, obwohl Berlin zur „judenreinen“ Stadt erklärt worden war. Die Ursache darin ist im Widerstand der Abteilung des Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt zu sehen. Offenbar diente das Krankenhaus als jüdische Institution den Zielen der Behörden gegen Juden solange, bis diese erreicht waren. Über die Hintergründe darüber, warum das Krankenhaus nicht im Rahmen der „Umgestaltung der Hauptstadt“ umgesiedelt wurde, kann die Forschung bislang nur Spekulationen anstellen. So werden Rivalitäten um geraubten jüdischen Besitz bei den NS-Größen vermutet. 12 Bei der Deportation der Berliner Juden spielte das Jüdische Krankenhaus eine besondere Rolle, die ihm von der Gestapo zugedacht worden war. Hier mußten die Anträge der Betroffenen bearbeitet werden, die versuchten, aus gesundheitlichen Gründen von den Transporten ausgeschlossen zu werden. Das jüdische Krankenhaus als letzte jüdische Institution in Berlin war also mehr Sammellager als Hospital. Es war keineswegs eine Schutzburg vor den Fängen der Nazis. Während der letzten Deportations-Phase verhaftete die Gestapo nämlich auch Patienten und Krankenhausangestellte. Eine zusätzliche Aufgabe bestand für das Krankenhaus-Personal in der Leistung von Erster Hilfe auf den Bahnhöfen, von denen aus die Transportzüge abfuhren. Es ist anzunehmen, dass sie damit auch zur seelischen Beruhigung der B etroffenen beitrugen - der Anschein einer gewissen Normalität blieb gewährleistet.
Literaturverzeichnis
Deutschkron, Inge: Berliner Juden im Untergrund. Berlin 1980.
11 Vgl. Elkin, Rivka: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Berlin 1993, S.
20.
12 Ebd., S. 24.
12
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Elkin, Rivka: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Berlin 1993.
Gruner, Wolf: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt. Berlin 1996. Kaulen, Alois und Joachim Pohl: Juden in Spandau vom Mittelalter bis 1945. Berlin 1988.
Koberstein, Thea und Norbert Stein: Juden in Lichtenberg mit den früheren Ortsteilen Friedrichshain, Hellersdorf und Marzahn. Berlin 1995. Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden. Berlin 1993.
Löhken, Wilfried und Werner Vathke (Hg.): Juden im Widerstand. Drei Gruppen zwischen Überlebenskampf und politischer Aktion, Berlin 1939-1945. Berlin 1993.
Meyer, Beate und Hermann Simon (Hg.): Juden in Berlin 1938-1945, Ausstellungskatalog. Berlin 2000.
Bibliographie
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Pätzold, Kurt und Erika Schwarz: Tagesordnung: Judenmord. Die Wannsee -Konferenz am 20. Januar 1942. Berlin 1992. Tetzlaff, Walter: 2000 Kurzbiographien bedeutender Juden.
13
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Wolbe, Eugen: Geschichte der Juden in Berlin und in der Mark Brandenburg. Berlin 1937.
14
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