Inhalt:
1. Einleitung. 3
2. Was ist Realität wirklich? 4
3. Die Rolle der Realität im Fernsehen 5
4. Informationssendungen 6
5. Reality-TV. 8
5.1. Begrifflichkeit und Definition. 8
5.2. Formate. 10
„Augenzeugen-Video“........................................................................................ 10
„Notruf“ 11
„Nur die Liebe zählt“ 11
„Bitte melde Dich“ 12
5.3. Rezipienten 13
6. Big Brother. 16
6.1. Das Format 16
6.2. Rezipienten 17
6.3. „Big Brother“ und die Realität. 18
7. Schlussbetrachtung und Ausblick. 21
8. Literatur: 22
2
1. Einleitung
Seit Beginn der Neunziger Jahre hat sich mit der Einführung des dualen Rundfunksystems ein neues Genre im deutschen Fernsehen ausgebreitet und etabliert: Das sogenannte Reality-TV. Nicht mehr nur die Nachrichten, auch Infotainment-Magazine, Talkshows, Doku-Soaps und die von Kritikern als „Voyeur-Sendungen“ betitelten Formate beanspruchen für sich einen Realitätsbezug. Auf Grund des großen Erfolgs von Unterhaltungssendungen, die das Etikett „Realität“ tragen, scheint es sinnvoll, sich einige dieser Formate genauer anzuschauen und auf ihren Realitätsbezug zu untersuchen.
Die vorliegende Arbeit möchte sich mit dem Verhältnis von Realität auf der einen und Reality-TV auf der anderen Seite beschäftigen. Hierzu möchte ich zunächst auf die Begrifflichkeit von „Realität“ und auf ihre Rolle im System der Massenmedien eingehen und beschreiben, was im Folgenden darunter verstanden werden soll. Anschließend möchte ich drei Formate bzw. Genres des heutigen Fernsehens vorstellen, in denen dem Realitätsbezug eine besondere Bedeutung zukommt: Informationssendungen, Reality-TV und die Sendung „Big Brother“. Vor allem die beiden letztgenannten sollen in ihrer Eigenschaft als Unterhaltungsformate bezüglich ihres Inhalts und ihrer Rezipienten betrachtet werden, um an Hand der gewonnenen Erkenntnisse folgende Fragen zu reflektieren: Welche Rolle spielt die Realitätsdarstellung in den Sendungen? Wie lässt sich der Erfolg solcher Sendungen erklären? Und: Inwieweit tragen diese Sendungen zur gesellschaftlichen Konstruktion von Realität bei?
3
2. Was ist Realität wirklich?
Bevor wir uns mit der Frage nach der Realitätsdarstellung im Fernsehen beschäftigen können, bedarf es zunächst einer begrifflichen Reflexion des Wortes „Realität“ 1 : Was ist überhaupt „die Realität“? 2
Im wissenschaftlichen und philosophischen Diskurs ist man sich mittlerweile einig, dass es eine Realität im objektiven Sinne nicht gibt, bzw., was dem gleich kommt, sie für uns nicht erkennbar ist. Die wahrgenommene Realität ist also immer eine subjektive. Das erste Mal wurde diese Überlegung in Platons Höhlengleichnis formuliert. Es beschreibt die Menschen als Bewohner einer Höhle, die die Schatten an der Höhlenwand für ihre primäre Wirklichkeit halten. Diese Schatten sind jedoch nur die Abbilder dessen, was sie eigentlich sind, nämlich Ideen. Auch der radikale Konstruktivismus vertritt die Ansicht, dass Realität kognitiv konstruiert wird und somit zu einer Stütze für die Gesellschaft wird, die diese Realitätsauffassung teilt. Die Wissenssoziologie trennt „Realität“ in drei Bereiche, die Wegener wie folgt darstellt:
• „Die objektive soziale Realität: die Realität, die außerhalb des Individuums existiert und mit der es konfrontiert wird.
• Die symbolische soziale Realität: die Realität, die eine symbolische Umsetzung der objektiven sozialen Realität in Kunst, Literatur und in den Medien darstellt.
• Die subjektive soziale Realität: die Form der Realität, in der die individuellen Realitätsvorstellungen und -erfahrungen zusammengefaßt sind, die Individuen der objektiven Welt und ihrer symbolischen Repräsentation entnehmen.“ 3 Diese drei Realitätsdimensionen sind jeweils nochmal in die Distanzen „nah“ und „entfernt“ unterteilt (gemessen am Grad der jeweiligen Geläufigkeit bzw. Abstraktheit) und stehen miteinander in Wechselwirkung. Weitere vier
Differenzierungsmöglichkeiten der Wirklichkeit formuliert Wegener in Anlehnung an Schneider:
• Die Realität der jeweiligen biologischen Art (d.h. das Weltbild eines Menschen unterscheidet sich von dem einer Hummel)
1 Ich setze in der folgenden Arbeit die Begriffe „Realität“ und „Wirklichkeit“ gleich
2 Die nachfolgenden Überlegungen folgen der Darstellung von Wegener 1994, S.31ff.
3 ebd., S.32; die alte Rechtschreibung wird hier wie in der gesamten Arbeit in Zitaten von der Vorlage
übernommen
4
• Die subjektive Realität eines Kulturkreises (z.B. ist es eine subjektive Realität der Amerikaner, geprägt durch Erziehung und Tradition, dass die USA das tollste Land der Welt sind, der andere Nationen so sicherlich nicht zustimmen würden)
• Die subjektive Realität einer sozialen Gruppe (Kinder haben ein anderes Bild von der Wirklichkeit als Erwachsene, Arbeiter ein anderes als Wirtschaftsbosse)
• Die vorgetäuschte Realität, die von denen geschaffen wird, die ein Interesse daran haben, den Menschen eine fiktive Wirklichkeit zu vermitteln (z.B. Werbemacher, Politiker, z.T. auch Journalisten)
Es erweist sich also als schwierig, eine allgemein gültige Definition des Begriffs „Realität“ zu finden. Wichtig scheint mir festzuhalten, dass wir eine objektive Wirklichkeit, so es sie denn überhaupt gibt, nicht wahrnehmen können und diese deswegen in der folgenden Arbeit nicht diskutiert wird.
3. Die Rolle der Realität im Fernsehen
Was die Untersuchung des Verhältnisses von Realität und Massenmedien zueinander anbelangt, kommt man seit einigen Jahren an dem Konstruktivisten und Systemtheoretiker Luhmann nicht mehr vorbei. Auch er vertritt die Auffassung, dass kognitive Systeme (z.B. der Mensch) keinen erkenntnisunabhängigen Zugang zur Realität haben, eine Erkenntnis der Dinge an sich sei unmöglich. Er formuliert das folgendermaßen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ 4 Wahrgenommene Realität ist also immer konstruierte Realität. Die Massenmedien und somit auch das Fernsehen sind die Bedingung für die Möglichkeit die Wirklichkeit zu beobachten, ohne sie gibt es laut Luhmann keine Realitätsbeobachtung. Die „Realität der Massenmedien“, so der Titel seines Buches, ist für ihn doppelsinnig. Die eine Realität besteht für ihn in der objektiven Existenz der Medien und ihrer Operationen: Es wird gedruckt, gefunkt, gesendet. Die andere Realität, von der das Buch in der Hauptsache handelt, ist die beobachtbare Realität: „Man kann aber noch in einem zweiten Sinne von der Realität der Massenmedien sprechen, nämlich im Sinne dessen, was für sie oder durch sie für andere als Realität erscheint.“ 5 Es geht Luhmann also nicht um die Verzerrung einer objektiven Realität durch die Massenmedien, wie dies oft Inhalt
4 Luhmann 1996, S.9
5 ebd., S.14
5
des öffentlichen Diskurses ist, sondern ihn interessiert vielmehr, wie Massenmedien die Realität konstruieren und was für eine Gesellschaft entsteht, wenn sie sich ständig durch Fernsehen, Radio und Zeitung selbst beobachtet. Die folgenden Kapitel zu Informationssendungen, Reality TV und Big Brother sollen diesem Ansatz folgen und dabei zwei für Luhmann wichtige Themen reflektieren: Auf welche Art und Weise stellt das Fernsehen in den genannten Sendungen gesellschaftliches Hintergrundwissen bereit? Und welche Konsequenzen könnten diese Sendungen für unsere Gesellschaft haben?
4. Informationssendungen
„Medien helfen beim Erschließen der Welt. Sie bieten in verschiedenen, für unser Leben relevanten Bereichen die einzige Möglichkeit der Exploration der Wirklichkeit, man denke nur an politische, z.B. bundespolitische Information und alle Ereignisse außerhalb des persönlichen Erfahrungsraumes.“ 6 Diese Informationsvermittlung ist die Domäne des Medienbereichs „Nachrichten und Berichte“, wie Luhmann Sendungen mit informativem Charakter kategorisiert 7 . Anders als beispielsweise Werbung oder Spielfilme sind die dargestellten Inhalte nicht fiktiv oder manipuliert, sondern erheben den Anspruch, wahre Begebenheiten darzustellen bzw. über sie zu berichten. Weist eine Fernsehsendung sich als Informationssendung aus (z.B. Nachrichten, politische Magazine, aber auch Formate wie „Explosiv“, „exklusiv - die reportage“ oder „Brisant“), so rezipiert der Zuschauer die dargebotenen Inhalte anders, als er dies im Falle eines Science-Fiction-Films oder eines Werbespots tun würde. Da diese Programmform auch hauptsächlich zur politischen Meinungsbildung der Zuschauer beiträgt und damit eine konkrete Auswirkung auf die gesellschaftliche Realität hat, gebührt ihrem Umgang mit der Realität besondere Aufmerksamkeit: „Medien zeigen in Informationssendungen ausgewählte Ausschnitte der Realität, die verkürzt, verdichtet, zusammengefaßt, aufeinander bezogen und kommentiert werden. Diese zweifelsohne zunächst einmal sehr trivial aussehende Feststellunges kann nicht weltweit jeder Vorgang in Echtzeit gesendet werden - bekommt insofern Relevanz, wenn man bedenkt, daß Medien und insbesondere das
6 Eberle 2000, S.251
7 vgl. Luhmann 1996, S.53 ff.
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Arbeit zitieren:
M. A. Nikola Weiß, 2002, Realität und "Realität" im Fernsehen: Informationssendungen, Reality TV, Big Brother, München, GRIN Verlag GmbH
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