Nadine Kinne
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Entwicklung der Scheidungshäufigkeit
4
3 Ursachen zunehmender Eheinstabilität und
Scheidungsh äufigkeit 7
3.1 Austauschtheoretische Perspektive 7
3.2 Ökonomischer Erklärungsansatz 8
3.3 Modernisierung und Strukturwandel der Ehe 9
3.4 Ursachen zunehmender Eheinstabilität 9
4 Soziodemografische Einflüsse 12
4.1 Heiratsalter 12
4.2 Altersunterschied 13
4.3 Ehedauer 13
4.4 Wohnort 14
4.5 Konfessionszugehörigkeit 14
4.6 Elternschaft 15
4.7 Frauenerwerbstätigkeit 15
4.8 Bildungsniveau 16
4.9 Wohneigentum 16
5 Schlussbetrachtung
17
Literatur 18
2
1 Einleitung
Während die Zahl der Eheschließungen in Deutschland seit Jahren stagniert, nimmt die Scheidungshäufigkeit stetig zu. Durchschnittlich wird jede dritte Ehe, in Großstädten sogar jede zweite, aufgelöst. Im Jahr 2000 standen den 419.505 Trauungen 194.408 Scheidungen gegenüber, davon 164.971 in Westdeutschland und 29.437 in Ostdeutsch-land (Statistisches Bundesamt 2002). Die Lebensformen haben sich pluralisiert, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften und Singlehaushalte an Attraktivität gewonnen.
Die Gründe dafür sind vielfältig. So haben sich im Zuge des seit den 1960er Jahren stattfindenden Wertewandels die Ansprüche an den Partner gravierend geändert; die traditionelle Eheauffassung verlor ihre universelle Gültigkeit. Bis dahin geltende Normen wie Treue und das Einhalten traditioneller Geschlechterrollen wurden durch individuelle Selbstentfaltungsbestrebungen und damit verbundene höhere emotionale und sexuelle Bedürfnisse abgelöst. Frauenbewegungen, Bildungsexpansion sowie zunehmende Frauenerwerbstätigkeit waren wesentliche Auslöser dieser Tendenzen (Scheller 1992, S. 15). Die vorliegende Arbeit gibt zunächst einen Überblick über die Entwicklung der Scheidungshäufigkeit seit 1945. Anschließend werden die Ursachen von Scheidungen und soziodemografische Faktoren, die das Trennungsrisiko beeinflussen, dargelegt. Den Ausgangspunkt bilden verschiedene theoretische Erklärungsmodelle wie die Austauschtheorie, der ökonomische und der Modernisierungsansatz. Zugrunde liegt aktu-
3
elle Sekundärliteratur aus der Familiensoziologie, vor allem Ausführungen von Schmidt (2002), Peuckert (1999) und Wagner (1997).
2 Entwicklung der Scheidungshäufigkeit
Seit 1888 existieren für Deutschland zuverlässige statistische Daten über die Scheidungshäufigkeit. Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt jedoch auf der Entwicklung in der Bundesrepublik nach 1945. Die Zeit davor sowie Zahlen aus der DDR (bis 1989) werden vernachlässigt 1 . Betrachtet man die Angaben in Tabelle 1 und Abbildung 1 (S. 5), so ist festzustellen, dass, abgesehen von kurzfristigen Trendbrüchen, die Scheidungsrate bis heute ansteigt. Bereits nach dem 2. Weltkrieg be-fand sie sich auf relativ hohem Niveau, was in erster Linie als Reaktion auf die spezielle Nachkriegssituation interpretiert wird 2 . Die Familien waren durch die meist jahrelange Abwesenheit des Mannes mutterzentriert. Der Ehemann wurde nach seiner Rückkehr oft als fremd empfunden, weshalb seine (Re-)Integration in die Familie scheiterte (Rottleuthner-Lutter 1992, S. 57).
1 Einen ausführlichen geschichtlichen Überblick zum Thema „Familienbildung in Deutschland“ sowie Ab-
handlungen zu Ehescheidungen in der DDR bietet Cromm (1998).
2 Die Gründe für das Scheitern von Ehegemeinschaften in dieser Zeit sind nicht abschließend geklärt.
Thurnwald (1948) beschäftigte sich in einer Studie (siehe Literaturverzeichnis) mit diesem Thema einge-
hend.
4
Tabelle 1: Die statistische Entwicklung von Eheschließungen und -scheidungen 1890-
2000,
Quelle: o. V, O.J., zit. n.
Ab 1950 war die Anzahl von Ehescheidungen rückläufig. Seit Mitte der sechziger Jahre findet jedoch ein kontinuierliches Wachstum statt. Dies liegt mitunter, wie einleitend erwähnt, an der Bildungsexpansion und der steigenden Frauenerwerbstätigkeit 3 . Die gute wirtschaftliche Entwicklung beendete den Kampf ums Überleben; es boten sich neue materielle Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Durch die Modernisierung wurden Partnerschaft, Ehe und Familie sozial entreglementiert, die subjektiven Wünsche der Individuen traten in den Vordergrund. Die Beschränkung der Frau auf das Familienleben wurde nach und nach aufgehoben (Kopp 1994, S. 33). Dass diese Situation ein hohes Maß an Problemen verursachen kann, vermutet auch die Soziologin Beck-Gernsheim (1986, S. 215). Sie konstatiert: „Je höher die Komplexität im Entscheidungsfeld, desto höher das Konfliktpotential in der Ehe.“ Vorübergehend gesunken sind die Scheidungszahlen in den Jahren 1977 und 1978 durch den rechtlichen Übergang vom Verschuldungszum Zerrüttungsprinzip, wodurch sich die Scheidungsverfahren zum Teil erheblich verzögerten (Peuckert 1999, S. 144f). Heute wird durchschnittlich ungefähr ein Drittel aller Ehen, in Großstädten sogar die Hälfte, geschieden. Die Tendenz ist steigend. Für das Jahr 2000 sind 194.408 Scheidungen zu notieren, davon 164.971 in
3 Vgl. auch Kapitel 3 und 4.7.
5
Westdeutschland und 29.437 in Ostdeutschland (Statistisches Bundesamt 2002).
Abbildung 1: Anzahl der Ehescheidungen je 10.000 bestehende Ehen (ehemaliges
Bundesgebiet), Quelle: Cambeis 2002, S. 2
Eingereicht wurden die Scheidungsanträge im früheren Bundesgebiet zu 60 Prozent, in Ostdeutschland zu 72 Prozent von Frauen (Daten von 1997, vgl. Peuckert 1999, S. 144). Im früheren Bundesgebiet waren in 54 Prozent der Scheidungen minderjährige Kinder betroffen, in den neuen Bundesländern 69 Prozent (Peuckert 1999, S. 144). Die meisten Paare trennen sich bereits nach zwei bis drei Ehejahren. Durch das gesetzlich vorgeschriebene Trennungsjahr und langwierige Verfahren wird die Scheidung jedoch oft erst im fünften oder sechsten Jahr ausgesprochen. Auffällig ist, dass der Anteil an Spätscheidungen zugenommen hat. So wurden 1992 20 Prozent aller geschiedenen Ehen nach dem 20. Ehejahr aufgelöst (Geißler 1996, S. 314f) 4 . Die DDR gehörte vor der politischen Wende zu den Ländern mit der höchsten Scheidungsneigung. Nach 1989 gingen die Scheidungszahlen in den neuen Bundesländern jedoch rapide zurück. Der Tiefpunkt wurde 1991 mit einem Wert von 6,4 Prozent erreicht. Dies lag zum einen an der Übertragung bundesdeutscher Gesetze, insbesondere an der Einführung des Trennungsjahrs; zum anderen am sozialen Umbruch, der zu Unsicherheit führte und das Hinausschieben beabsichtigter Schei-
4 Vgl.ausführlicher Kapitel 4.3.
6
dungen zur Folge hatte. Die Scheidungszahlen steigen seitdem wieder kontinuierlich, haben westdeutsches Niveau aber noch nicht erreicht (Peuckert 1999, S. 144-147).
Man kann zusammenfassend sagen, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Eheauflösung von 1950 bis heute ungefähr verdreifacht hat. Im internationalen Vergleich nimmt die Bundesrepublik aber keinen Spitzenplatz ein. In den USA z. B. wird bereits jede zweite Ehe durch Scheidung beendet.
3 Ursachen zunehmender Eheinstabilität und
Scheidungshäufigkeit
In der familiensoziologischen Forschungsliteratur existiert heute 5 eine Vielzahl theoretischer Konzepte zur Erklärung von Ehestabilität bzw.instabilität. Da die Darstellung aller Ansätze den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, beschränkt sich das folgende Kapitel auf die wichtigsten. Dazu gehören die Austauschtheorie, die mikroökonomische Perspektive und das Wertewandelkonzept. Anschließend werden verschiedene Ursachen für das gestiegene Scheidungsniveau zusammengefasst.
5.1 Austauschtheoretische Perspektive 6
5 Lange galt die Scheidungsforschung als „Stiefkind“ der Soziologie. Erst in den letzten Jahren wurde dieses
Thema zunehmend behandelt.
6 Neben der Austauschtheorie existieren auch andere social bzw. rational choice-theories. Gemeinsamer
Nenner dieser Konzepte ist, dass individuelle Handlungen auf der Basis von Kosten-Nutzen-Abwägungen
erklärt werden können. Für diese Hausarbeit ist es nicht notwendig, alle Theorien im Einzelnen zu behan-
deln, daher beschränkt sie sich im Folgenden auf die genannte und die ökonomische Perspektive.
7
Grundlage dieses Modells bildet die Annahme, dass Menschen rational handeln und ihr Verhalten als Resultat von Kosten-Nutzen-Erwägungen erklärt werden kann (Nye 1979, zit. n. Scheller 1992, S. 40). Ziel ist die Nutzenmaximierung bei gleichzeitiger Minimierung der Kosten. Soziales Handeln ist hier ein ständiger Austausch von materiellen, aber auch immateriellen sozialen Ressourcen. Dieser findet in der Ehe nur statt, solange er Vorteile, d. h. Gewinn, für beide Partner bringt. Nach Levinger (1976) ist eine Ehe umso stabiler,
1. je stärker die Attraktion zwischen den Partnern ist
(z. B. sexuelle Erfüllung, Einkommen, Prestige), 2. je schwächer die Attraktion von Alternativen ist und 3. je stärker die Barrieren sind (Kinder, Gerichtskosten, Stigmatisierung).
In der Praxis gehen einer Scheidung immer Überlegungen dahingehend voraus, was der Partner bietet und inwiefern man selbst davon profitieren kann. Möglichkeiten, die sich nach einer Ehe eröffnen, sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Barrieren werden abgewogen.
3.2 Ökonomischer Erklärungsansatz 7
Dass ein Haushalt nicht nur Güter konsumiert, sondern auch produziert, ist Ausgangspunkt dieser Theorie. Zu den Gütern 8 gehören u. a. Kinder, Ansehen und Gesundheit. Sie werden mit Investitionen unter bestimmten Randbedingungen erzeugt. Beteiligt sind
1. am Markt erhältliche Güter,
2. die zur Produktion der Haushaltsgüter erforderliche Zeit und
7 Peter H. Hartmann (1989) hat auf der Grundlage der Aggregatdaten der amtlichen Statistik 1982 für die
BRD untersucht, warum Ehen nicht halten. Der theoretische Ansatz der „New Home Economics“, deren
wichtigster Vertreter Gary Becker ist, bildet die Ausgangsbasis seiner Darlegungen.
8 Hier werden Güter als Dinge verstanden, denen ein Wert zukommt, für die wir also bereit sind etwas zu
geben bzw. aufzuwenden (vgl. Hartmann 1989, S. 95)
8
3. Fähigkeiten und Kenntnisse der Haushaltsmitglieder (z. B. Kochkenntnisse).
Jedes Individuum strebt ideale Produktionsbedingungen an, um eine Nutzenmaximierung für den Haushalt (ähnlich wie bei der Austausch-theorie) zu erzielen. Familie interpretiert man demnach als eine Art Firma oder Produktionsgemeinschaft. Dabei unterliegt die Produktion der Haushaltsgüter Restriktionen. Dazu zählen u. a. Einkommen, Zeitressourcen sowie Humankapital der Mitglieder. Scheidung wird dann thematisiert, wenn sich bestimmte Bedingungen negativ auf die Produktion auswirken. Erhoffen sich die Partner nach der Trennung bessere Produktionsbedingungen, werden sie sich wahrscheinlich scheiden lassen (Hartmann 1989, S. 95f).
3.3 Modernisierung und Strukturwandel der Ehe
Mit abnehmendem Einfluss traditioneller Vorgaben ist, so Kernaussage der Theorie, die Zahl der Handlungsoptionen gestiegen und die individuelle Lebensplanung in zunehmendem Maße zur Disposition gestellt worden. Zudem verfügen wir heute über umfassende Möglichkeiten, Entscheidungen zu revidieren. Dies bringt Chancen, aber auch neue Verpflichtungen, Risiken und Verantwortungen mit sich. So ist die Ehe heute als enge Lebensgemeinschaft zweier Menschen mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Während zu früheren Zeiten die Meinung der Frau bedeutungslos war, ist sie jetzt gleichwertig mit der des Mannes. Aufgrund fehlender geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen kommt es ständig wieder zu Neuverhandlungen und Auseinandersetzungen unter den Partnern, die bei fehlender Kompromissbereitschaft zur Scheidung führen können.
9
Überdies hat die Institution Ehe an Eigenwert verloren, ihre gesellschaftlichen Funktionen sind geringer. Gleichzeitig gewann die Beziehungsebene an Bedeutung. Emotionen und Intimität besitzen einen höheren Stellenwert (Nave-Herz et al. 1990). Nave-Herz et. al konstatieren in diesem Zusammenhang, dass „Enttäuschungen über den Partner die Auflösung der Ehe begünstigen, da keine weiteren wesentlichen Funktionen der Ehe die auftretenden Deprivationen kompensieren könnten.“ (ebd., S. 65).
3.4 Ursachen zunehmender Eheinstabilität
Scheidungsgründe wie Gewalt, Untreue, Alkoholismus oder Finanzen, welche bis in die 60er Jahre bestimmend waren, haben massiv an Bedeutung verloren. An ihre Stelle sind andere Ursachen getreten. Diese sollen an dieser Stelle zusammenfassend dargelegt werden.
Ein erhöhtes Ehescheidungsrisiko ist, wie eingangs erwähnt, seit dem Wandel der Rolle der Frau zu verzeichnen. Ebenso gut gebildet wie Männer besitzen Frauen heute im Vergleich zur klassisch-bürgerlichen Gesellschaft bessere Chancen, einen guten Arbeitsplatz zu bekommen und unabhängig vom Mann zu leben. Die Anzahl ökonomischer, aber auch sozialer Alternativen hat sich gravierend erhöht. Singlehaushalte z. B. bieten heute eine wesentlich höhere Attraktivität als früher. Wenn sich allein stehende Frauen auch ohne Mann „über Wasser halten“ können und damit günstige „Produktionsbedingungen“ und einen höheren Nutzen haben, werden sie sich eher trennen, als wenn sie finanziell abhängig sind und sich in traditionelle Rollenmuster fügen. Außerdem fördert die Antizipation von Scheidungsrisiken, so Diekmann und Engelhardt (1995, S. 216, zit. n. Peuckert 1999, S. 150) „nachweisbar die Neigung verheirateter Frauen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, ein Umstand, der wiederum das Scheidungsrisiko mutmaßlich ansteigen
10
lässt.“ Man kann zudem davon ausgehen, dass Partnerschaften, in denen der Mann beruflich stärker aufstiegsorientiert ist als die Frau, stabiler sind, als solche, in denen die Frau gleichermaßen oder mehr Karriere anstrebt 9 .
Insgesamt ist bei Geschiedenen eine schwächere Familienorientierung zu verzeichnen. Sie verbinden Kinder häufig mit Sorgen und Problemen. Eine Untersuchung ergab, dass geschiedene Männer freizeitorientierter, geschiedene Frauen konsumorientierter als die Partner in einer stabilen Ehe sind.
Ferner besitzt die Wahrnehmung steigender Scheidungszahlen durch Medien und privates Umfeld den Charakter einer „Self Fullfilling Prophecy“. Die damit verbundene Skepsis schlägt sich in einer Verringerung ehespezifischer Institutionen nieder, u. a. im Verzicht auf Wohneigentum, was wiederum ein erhöhtes Scheidungsrisiko birgt 10 . Auch die Aussicht auf Wiederheirat begünstigt das Auflösen einer unbefriedigenden Beziehung. Die Stigmatisierung Geschiedener hat sich verringert; Scheidung wird heute auch als eheliche Konfliktlösung, nicht mehr nur als moralisches Versagen angesehen. Wie bereits angeführt, ist die fortschreitende Individualisierung ein weiterer Einflussfaktor hinsichtlich der Instabilität von Zweierbeziehungen. Die Ansprüche an ein selbstbestimmtes Leben sind gestiegen, Männer wie Frauen haben höhere persönliche Glückserwartungen. Insgesamt betrifft der Wertewandel aber eher die Frauen, z. B. im Bereich der Sexualität. Früher bedeutete Geschlechtsverkehr eine eheliche Verpflichtung, heute streben vor allem jüngere Frauen eine befriedigende sexuelle Beziehung an. Weil viele Männer noch in ihrer traditionellen Rolle verhaftet geblieben sind, kommt es häufig zu Diskrepanzen beim Aushandeln der Geschlechterrollen. Durch den Wandel der subjektiven Sinnzuschreibung an die Ehe haben sich außerdem die affektivemotionalen Ansprüche verändert. Heute löst man eine Partnerschaft
9 Vgl. auch Kapitel 4.7 und 4.8.
10 Vgl. dazu weiterführend Kapitel 4.9.
11
bei nicht mehr vorhandener Liebe schneller auf. Nave-Herz et al. (1990, S. 65) bekräftigen dies wie folgt:
„Gerade weil die Beziehung zum Partner so bedeutsam für den einzelnen geworden ist und gerade weil man die Hoffnung auf Erfüllung einer idealen Partnerschaft nicht aufgibt, löst man die gegebene Beziehung - wenn sie konfliktreich und unharmonisch ist - auf. Der zeitgeschichtliche Anstieg der Ehescheidungen ist also kein Zeichen für einen „Verfall“ oder für eine „Krise“ der Ehe, sondern für ihre enorme psychische Bedeutung für den einzelnen.“
Da sich die Famileinsoziologie zunehmend mit der intergenerationalen Scheidungstradierung befasst, muss an dieser Stelle kurz darauf eingegangen werden. Danach ist die Gefahr geschieden zu werden ungefähr doppelt so hoch, wenn man „Scheidungswaise“ ist, als wenn man aus einer „vollständigen“ Familie kommt. Das höchste Risiko tragen Kinder, deren Eltern sich scheiden ließen, als sie noch klein waren. Wahrscheinliche Gründe sind ökonomische Deprivation in der Kindheit und ein für die Ehestabilität disfunktionaler Kommunikationsstil der Eltern, welcher übernommen wird. Daneben kann Stiefelternschaft eine Verstärkung defizitärer Sozialisationsbedingungen hervorrufen. Auch das Kennen einer Lösungsmöglichkeit bei ehelichen Konflikten birgt ein erhöhtes Scheidungsrisiko (Peuckert 1999, S. 151).
6 Soziodemografische Einflüsse
Die Scheidungsforschung beschäftigt sich gegenwärtig neben den Ursachen und Folgen von Eheauflösungen auch mit bestimmten Gesetzmäßigkeiten und Korrelationen, die als Indiz für Scheidungsrisiken bestimmter Gruppen verwendet werden können. Dabei bedient sie sich amtlicher Statistiken. Untersucht werden insbesondere nominale Fakto-
12
ren wie Heiratsalter, Ehedauer und die regionale Verteilung sowie religiöse Einstellungen und Bildungsdeterminanten. Wie im vorangegangenen Kapitel schon erwähnt, spielt die Erwerbstätigkeit der Frau auch eine wesentliche Rolle (Schmidt 2002, S. 324). Im folgenden Abschnitt werden die genannten und andere Bestimmungsgrößen aufgezeigt. Dabei muss man grundsätzlich beachten, dass viele der Faktoren ineinander greifen und somit Scheidungsrisiken erhöhen bzw. senken können.
6.1 Heiratsalter
In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Frühehen besonders scheidungsgefährdet sind. Die höchste Scheidungsrate tritt bei Ehen auf, in denen beide Partner zum Zeitpunkt der Heirat unter 21 Jahre alt sind. Das zweithöchste Scheidungsrisiko tragen Ehen, bei denen das Alter der Frau unter 21 und das des Mannes zwischen 21 und 25 Jahren liegt. Begründet werden kann diese Tatsache dadurch, dass das Wissen über die eigene Person, den Partner und den Heiratsmarkt in diesem Alter noch begrenzt ist und sich später bessere Beziehungsalternativen ergeben können.
Zudem weisen verschiedene Studien darauf hin, dass die Belastungen, welche sich aus der frühen Ablösung vom Elternhaus ergeben, ehegefährdend wirken. Oft verweigern die Ursprungsfamilien jungen Paaren die Unterstützungsleistungen, was angesichts der Tatsache, dass diese meist über ein geringes Einkommen verfügen, Konflikte auslösen kann. Veränderungen in der Ausbildung und im Berufsleben, welche besonders in jungen Jahren auftreten, wirken häufig problemverstärkend.
6.2 Altersunterschied
13
Die Wahrscheinlichkeit für eine geringe Stabilität der Ehe ist relativ hoch, wenn die Frau älter ist als ihr Mann. Besonders günstig ist die Konstellation, wenn die Frau 21-25 Jahre alt und der Mann 26-30 Jahre alt ist oder wenn beide Ehepartner sich zum Zeitpunkt der Eheschließung in ihren späten 20er Jahren befinden. Instabil sind außerdem Ehen, in denen der Mann mehr als fünf Jahre älter ist (Wagner 1997).
6.3 Ehedauer
Betrachtet man die Ehedauer, so liegt der höchste Anteil an Scheidungen zwischen dem vierten und sechsten Ehejahr. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Ehen zwischen dem zweiten und vierten Ehejahr aufgelöst. Diese Veränderung lässt sich auf die Neuregelung des Scheidungsrechts und die damit verbundenen längeren Scheidungsverfahren zurückführen (Einführung des Trennungsjahrs etc.) (Schmidt 2002, S. 325f) 11 .
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Anteil an Spätscheidungen seit den 1980er Jahren deutlich gestiegen ist. Erklärbar ist dies laut Schütze (1994, S. 98) damit, dass „die starke Konzentration auf die Elternrollen die Paarbeziehung gleichsam ausgehöhlt hat.“ Die Partnerschaft kann sich nach dem Auszug der Kinder nicht mehr sinnvoll konstituieren (Schmidt 2002, S. 326). Die gestiegene Lebenserwartung sowie die Erwerbstätigkeit von Frauen im mittleren Lebensalter sind weitere Ursachen (Peuckert 1999, S. 152).
6.4 Wohnort
Eine wichtige Determinante des Scheidungsrisikos stellt der Wohnort dar. So sind die Scheidungsziffern in Großstädten fast doppelt so hoch
11 Man geht davon aus, dass sich die meisten Paare auch heute bereits nach 2-3 Ehejahren trennen. In der
mir vorliegenden Literatur habe ich keine explizite Begründung für diese Phänomen gefunden. Denkbar ist,
dass die Erwartungen an die Ehe zu hoch gestellt waren. Die Enttäuschung über den Realzustand könnte
so groß sein, dass man schon nach kurzer Ehedauer die Konsequenzen in Form einer Scheidung zieht.
14
wie auf dem Land. Die norddeutschen „Stadtstaaten“ Berlin, Hamburg und Bremen weisen die höchsten Raten auf. Zurückführen kann man diese Tatsache u. a. darauf, dass in Süddeutschland ein höherer Anteil an Katholiken lebt (Schmidt 2002, S. 327). Zudem sind die Verwandtschaftsbeziehungen auf dem Land intensiver, die soziale Kontrolle durch die Nachbarschaft höher. Geschiedene werden in der Stadt weniger stigmatisiert. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass in Großstädten weniger traditionelle Einstellungen hinsichtlich Scheidung vertreten werden (Wagner 1997, S. 298).
Vermuten kann man bzgl. des Risikos einer Trennung sogar, dass es nicht darauf ankommt, ob man zum Zeitpunkt der Heirat in einer Großstadt gewohnt hat, sondern ob man jemals in einer Großstadt gelebt hat. Laut Wagner (1997, S. 298) vermindert großstädtische Sozialisation die Stabilität von Partnerschaften.
6.5 Konfessionszugehörigkeit
Auch die Religionszugehörigkeit beeinflusst die Scheidungswahrscheinlichkeit. Laut Wagner (1997, S. 297) zeigt die Zunahme der Konfessionslosigkeit in Ost- und Westdeutschland eine abnehmende gesellschaftliche Verbindlichkeit von Ehenormen an. Ein hohes Scheidungsrisiko der konfessionslosen Männer und Frauen aller westdeutschen Jahrgänge ist zu verzeichnen - dies gilt sowohl für kinderlose Ehen als auch für Verbindungen mit Kindern. Je nach Ehejahrgang liegt das Risiko einer Scheidung um das zwei- bis fünffache höher als bei Angehörigen der evangelischen Kirche. Das Scheidungsrisiko der Katholiken gegenüber den Protestanten ist, so Wagner, nur bei den Ehen niedriger, die zwischen 1936 und 1948 geschlossen wurden.
6.6 Elternschaft
15
Eine negative Korrelation besteht laut Schmidt (2002) zwischen Elternschaft und Scheidungsrisiko. Kinderlose Paare weisen eine ungefähr 50 Prozent höhere Scheidungsrate auf. Ein Grund dafür ist, dass in einem Haushalt mit Kindern die Arbeitsteilung erhöht und damit die gegenseitige Abhängigkeit der Ehepartner verstärkt wird 12 . Dies stellt vor allem für Frauen eine Scheidungsbarriere dar (Wagner 1997, S. 320). Ein stabilisierender Einfluss geht dabei insbesondere von nicht-schulpflichtigen Kindern aus. Die Scheidungshäufigkeit bei Eltern mit älteren Kindern steigt hingegen wieder an. Man kann also die These, Elternschaft würde das Scheidungsrisiko mindern, so nicht aufrechterhalten. Vielmehr sollte von einem Aufschub gesprochen werden, solange die Kinder im gleichen Haushalt leben (Schmidt 2002, S. 328). Einen anderen Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und erhöhtem Scheidungsrisiko liefert Schneider (1990). Danach scheitern Paare ohne Nachwuchs meist an der Routinisierung der Beziehung und sexuellen Problemen. Sie verarmen emotional und büßen an Attraktivität für den Partner ein, so dass eine neue Partnerschaft oder das Alleinleben die scheinbar bessere Alternative darstellt. Häufiger als Eltern sprechen sie von innerer Leere, Langeweile und fehlenden Zukunftsperspektiven.
6.7 Frauenerwerbstätigkeit
Ehen, in denen beide Partner erwerbstätig sind, werden signifikant häufiger geschieden als Ehen, in denen die Frau zu Hause bleibt. Zurückzuführen ist diese Tatsache darauf, dass für Frauen, die ihrem Beruf nachgehen, keine wirtschaftliche Notwendigkeit besteht, in einer unbefriedigenden Beziehung zu verbleiben (Peuckert 1999, S. 152f). Neben der gestiegenen Unabhängigkeit und der meist aufgeschobenen Elternschaft ist die Berufstätigkeit der Frau auch dahingehend scheidungsfördernd, dass die Arbeitsteilung innerhalb der Familie grundsätzlich zur
12 Die Frau kümmert sich dort meistens verstärkt um Haushalt und Kinder, der Mann um den Job, d. h. das
Haushaltseinkommen.
16
Disposition steht, was wiederum partnerschaftliche Probleme zur Folge hat (Schmidt 2002, S. 331).
4.8 Bildungsniveau
Nach Peuckert (1999, S. 153) hat das Bildungsniveau von Männern keinen nennenswerten Einfluss auf das Ehescheidungsrisiko. Während in der Vergangenheit das Scheidungsrisiko von Frauen mit mittleren und höheren Bildungsabschlüssen extrem hoch war, sind nun Ehen, in denen die Frau über einen niedrigen Bildungsabschluss verfügt, am stärksten gefährdet.
Weist die Frau ein höheres Bildungsniveau auf als der Mann, so ist die Ehe einem höheren Scheidungsrisiko ausgesetzt als wenn der Mann eine mindestens gleichwertige Bildung hat. Erklärt werden kann dies dadurch, dass Frauen mit höherem Bildungsniveau ökonomisch unabhängig sind und vielfach bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt besitzen als ihr Mann. Sie fügen sich oft nicht in traditionelle Geschlechterrollen (zumindest bevor Kinder geboren sind) und verkehren teilweise in höheren sozialen Kreisen, in denen sich nach der Kosten-Nutzen-Rechnung bessere Beziehungsalternativen anbieten. Dies führt zu unauflöslichen Konflikten, die eine Scheidung nach sich ziehen können.
4.9 Wohneigentum
Wohneigentum als ehespezifisches Kapital korrespondiert mit niedrigen Scheidungsraten, da beide Partner einen erheblichen Investitionsauf-wand geleistet haben. Die Schaffung und Existenz eines gemeinsamen Vermögens erhöht den Nutzen der Partnerschaft. Scheidung würde für beide Partner einen finanziellen Verlust bedeuten (Wagner 1997, S.
17
299f). Heute verzichten viele Leute aus Angst vor Scheidung auf Wohneigentum, setzen sich also einem erhöhten Scheidungsrisiko aus.
5 Schlussbetrachtung
Die vorliegende Arbeit hat im ersten Abschnitt die Entwicklung der Scheidungszahlen in Deutschland seit 1945 dargelegt. Dabei wurde festgestellt, dass seit den 1960er Jahren ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen ist. Nach Vorstellung der drei bekanntesten theoretischen Modelle untersuchte Kapitel 3 die wesentlichen Gründe dafür. Als Hauptursachen kristallisierten sich der Wertewandel im Zuge von Modernisierung und Individualisierung, die gewachsenen emotionalen Ansprüche sowie die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit heraus. Zusätzlich haben soziodemografische Faktoren wie Heiratsalter, Religion und Bildung einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Scheidungsrisiko. Es wurde überdies gezeigt, dass Kinder und Wohneigentum Scheidungsbarrieren darstellen.
Als Folge ergeben sich pluralisierte Lebensformen in Form von Alleinerziehenden, Stieffamilien und Singlehaushalten. In diesem Zusammenhang müssen die daraus resultierenden tief greifenden Veränderungen für die Kinder betrachtet werden. Darunter fällt u. a. der Wohnungs- und Schulwechsel. Weil Frauen im Vergleich zu Männern durchschnittlich ein niedrigeres Gehalt erhalten, ihnen aber meistens die Kinder zugesprochen werden, sinkt der Lebensstandard der Kinder mehrheitlich.
Abschließend ist zu sagen, dass die hohen Scheidungsraten Heiratswilige nicht unbedingt von einer Ehe abhalten. Scheinbar rufen diese sogar den gegenteiligen Effekt hervor: Eben weil die Möglichkeit einer Trennung besteht, wird die Entscheidung zu heiraten begünstigt.
18
Literatur
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19
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Peuckert, R. 1999: Familienformen im sozialen Wandel, 3. Auflage, Opladen: Leske und Budrich.
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Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport, WWW-Dokument, http://www.destatis.de (01.08.02).
Thurnwald, H. 1948: Gegenwartsprobleme Berliner Familien. Eine soziologische Untersuchung an 498 Familien, Berlin.
Wagner, W. 1997: Scheidung in Ost- und Westdeutschland, Frankfurt/Main.
20
Arbeit zitieren:
Nadine Kinne, 2002, Eheinstabilität und Scheidung heute: Eine Analyse möglicher Ursachen unter Berücksichtigung soziodemografischer Faktoren, München, GRIN Verlag GmbH
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