II. Chronik des Streits zwischen Baumgarten und Treitschke
1. Treitschkes „Deutsche Geschichte“
Die „Deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts“ war das Lebenswerk von Heinrich von Treitschke, an dem er bis zu seinem Tod arbeitete. Ziel war es eine umfassende nationale Geschichtsschreibung zu schaffen, die sich vom westfälischen Frieden bis zur Reichsgründung erstrecken sollte. Der fünfte und letzte Band im Jahre 1894 endete allerdings mit dem Vorabend der Revolution von 1848.
Mit seiner Darstellung des neunzehnten Jahrhunderts konnte sich Treitschke kaum auf Vorgänger berufen. Als richtungsweisendes Werk galt hier einzig Gervinus` 3 „Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts seit den Wiener Verträgen“ 4 , geschrieben in den Jahren 1855-1866. Der Rahmen der Darstellung bildete Europa und hatte als Grundlage den Wandel von der Monarchie zur Demokratie. Treitschke jedoch war in seiner langen Bearbeitungszeit von 1864 an immer stärker von den Erfolgen Bismarcks beeinflusst worden und symbolisierte den
3 Georg Gottfried Gervinus wurde am 20.05.1805 in Darmstadt geboren und verstarb am 18.03.1871 in Heidelberg. Er studierte in Heidelberg Geschichte und wurde dort 1835 Professor. 1836 wurde er zum Prof. für Geschichte und Literaturgeschichte nach Göttingen berufen. Gervinus schaltete sich mit den Grundzügen der Historik in die theoretische Debatte um Ästhetik und politische Urteilskraft der Historiographie ein. Als Mitglied der „Göttinger Sieben“ wurde er 1837 des Landes verwiesen und ging als Honorarprofessor wieder zurück nach Heidelberg. Seine politische Publizistik machten ihn zu einem der führenden liberalkonstitutionellen Gelehrtenpolitiker im Vormärz und während der Revolution 1848. Als Reaktion auf die Revolutionsniederlage erschien die Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, in der ein föderalistisches Staats- und demokratisches Gesellschaftsprinzip von Gervinus als gesetzmäßigen Emanzipationsprozess betrachtet wurde. Die hier enthaltene Kritik am monarchischen Verfassungstyp brachten ihm 1853 einen Hochverratsprozess und den Entzug seiner Professur. Von 1855 bis 1866 schrieb er dann an den acht Bänden der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Im Jahr des innerdeutschen Staatenkrieges 1866 wurde Gervinus zu einem der schärfsten Bismarckkritiker. Walther Killy, Deutsche Biographische Enzyklopädie, München, 1996.
4 Georg Gottfried Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts seit den Wiener Verträgen. 8 Bde. Leipzig 1855-1866.
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Rechtsruck der Nationalliberalen hin zu konservativen Idealen 5 . Die deutsche Einigung unter der Vormachtstellung Preußens wurde die zentrale Grundlage der „Deutsche Geschichte“.
Dies war konträr mit der Auffassung Gervinus, was Treitschke nicht verleugnete, sondern als Ziel seiner Arbeit sah.
„Wenn ich nicht vorher gewusst hätte, dass meine Deutsche Geschichte die Schüler Gervinus bis aufs Blut ärgern würde, hätte ich sie gar nicht geschrieben.“ 6
Treitschke galt als exzellenter Redner und so waren auch die Bücher der „Deutsche Geschichte“ in einer „erzählenden Art“ geschrieben worden. Er verzichtete auf Quellen- und Literaturangaben und auf eine explizite Auseinandersetzung mit der Wissenschaft.
Dies war sicherlich vorteilhaft für die außerordentlichen Verkaufserfolge des Werkes. Bis zum Jahr 1906 wurden 21000 Exemplare in sechs Auflagen abgesetzt. 7 Vom zweite Band der „Deutschen Geschichte“ erschienen im November 1882 6000 Exemplare als erste Auflage und waren bereits im März 1883 verkauft. Dies hing sicherlich auch mit dem öffentlich geführten Streit zwischen Baumgarten und Treitschke zusammen.
2. Kritik und Erwiderung
Schon kurz nach dem Erscheinen des zweiten Bandes von Treitschkes „Deutsche Geschichte“ verfasst Hermann Baumgarten 8 eine Kritik. Drei ausführliche Aufsätze vom 6., 9. und 12. Dezember 1882 erscheinen in den Beilagen der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
Heinrich von Treitschke reagierte auf diese Kritik am 15. Dezember mit einer Erwiderung in den preußischen Jahrbüchern 9 .
5 Vgl. Anhang 1.
6 Treitschke an Erdmannsdörffer, 12. Dezember 1882, in: Cornicelius Briefe, Bd. 3, S.545 f..
7 Vgl. Biefang, 1996, S.397.
8 Vgl. Anhang 2.
9 Die preuß. Jbb. galten als liberales Organ der konstitutionell-nationalen Partei von Akademikern und waren inhaltlich für eine Einheit Deutschlands unter der Führung Preußens und Ausschluss Österreichs. Treitschke war von 1858-63 und von 1866-89 Redakteur. „...Treitschkes literarische und politische Tätigkeit war eng mit den Jahrbüchern verbunden“. - Vgl. Georg Iggers, Heinrich von Treitschke, in: Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Historiker Bd.2, Göttingen 1981, S.176.
3
Inhaltlich geht Baumgarten in seinem ersten Aufsatz vom 6. Dezember vor allem
auf die Herkunft der Quellen ein, aus denen Treitschke Rückschlüsse auf die
deutsche Geschichte zieht.
„Treitschke hat schon darin einen schwer begreiflichen Fehler begangen,
dass er geglaubt hat, eine deutsche Geschichte der Jahre 1816-19 allein
auf die preußischen Archive gründen zu können denn die wenigen
Notizen aus dem Karlsruher Archiv, welche er gelegentlich einstreut,
kommen kaum in Betracht.“ 10
Um eine gesamtdeutsche Geschichte für die Jahre 1816-1819 zu schreiben, ist es
f ür Baumgarten unumgänglich sich mit den Münchener und Stuttgarter Archiven
und vor allem mit dem Wiener Archiv zu befassen, um die damalige Zeit
historisch -objektiv und wissenschaftlich betrachten zu können.
Treitschke geht direkt in seiner Erwiderung vom 15. Dezember auf diesem Punkt
ein. Er macht Baumgarten darauf aufmerksam, dass „die Benutzung des Wiener
Archivs , nach den dort geltenden Vorschriften, nur für die Zeit bis zum Jahre 1815
gestattet wird“ 11 und die preußischen Archive hunderte, bisher unausgewertete,
österreichische Dokumente enthält.
Zum Karlsruher Archiv schreibt er:
„Ich kann darauf nur trocken erwidern, dass grade diese Papiere die
Karlsruher Akten mir besonders lehrreich gewesen sind, weil der
badische Hof aus Wien eine Menge vertraulicher Mittheilungen erhielt,
welche sich in Berlin nicht vorfinden.“ 12
Den Vorwurf der Einseitigkeit zu Gunsten Preußens spricht er in diesem
Zusammenhang nur mit den Worten ab „Mein ganzes Leben, mit Ausnahme von
elf Jahren, habe ich in Mittel- und Süddeutschland zugebracht die oberländischen
Zust ände sind mir von Kindesbeinen an vertraut, “ 13
Es zeigt sich, dass die Kritik Baumgartens teilweise auf mangelnder Recherche
beruhte , der Vorwurf der Einseitigkeit von Treitschke aber nicht zurückgewiesen
wurde. Es muss allerdings beachtet werden, dass er in diesem Kritikpunkt nicht als
Fehler ansah. Er äußert diese Überzeugung im Vorwort seines dritten Bandes der
„Deutschen Geschichte“:
„Noch deutlicher als sein Vorgänger zeigt der vorliegende Band, dass die
politische Geschichte des Deutschen Bundes nur vom preußischen
Standpunkt aus betrachtet werden kann denn nur wer selber fest steht,
vermag den Wandel der Dinge zu beurtheilen. Die Macht Preußens in
10 Hermann Baumgarten, Anmerkungen zu Treitschkes „Deutsche Geschichte - 2.Band“, 1883, S.3.
11 Heinrich von Treitschke, Erwiderung an H. Baumgarten, in: Preuß. Jbb., Bd.51, 1883, S.611.
12 Treitschke, Erwiderung, S.612.
13 Treitschke, Erwiderung, S.611.
4
unserem neuen Reiche ist von langer Hand her durch redliche stille Arbeit vorbereitet; darum wird sie dauern.“ 14
Am 9. Dezember 1882 erscheint der zweite Teil der Kritik. Baumgarten versucht anhand von Beispielen die grundlegend-verzerrende Darstellungsweise Treitschkes zu belegen. Im Abschnitt „Schmalz und Rotteck“ bezieht er sich auf zwei Ereignisse in Treitschkes 2.Band der „Deutschen Geschichte“. Zum einen ist dies die Beendigung des sogenannten Tugendbundstreits von 1815/16 von Friedrich Wilhelm III durch die Verleihung des rothen Adlerordens an Prof. Schmalz
15
.
„Was er
„...aber Jedermann fühlte, dass die arge Saat des Anklägers
Da Treitschke die Folgen nicht bzw. nur andeutend (siehe Zitat) erwähnte, wirft Baumgarten ihm vor, ein einseitiges Handel des Königs bewusst verschwiegen zu haben. Baumgarten will darauf hinaus, dass die gewählte Beendigung des Tugendbundstreites schwere Konsequenzen für das politische Selbstbewusstsein der Liberalen hatte und das Schweigen Treitschkes hier zu einer Beschönigung des königlichen Handelns führte.
14 Heinrich von Treitschke, Vorwort zur Deutschen Geschichte des neunzehnten Jahrhundert, Bd. 3, Leipzig, 1885, S.VI.
15 Theodor Anton Heinrich Schmalz (1760-1831) ging 1789 als Ordinarius an die Albertus-Universität zu Königsberg. Hier verfasste er seine ersten Schriften zum Naturrecht, die ihn bekannt machten. Er wechselte nach Berlin und machte sich als Gründungsrektor der Friedrich- Wilhelms-Universität einen Namen als Reformer. 1815 verfasste er eine Broschüre gegen die deutsch-patriotischen Strömungen, welche zum sog. Tugendbundstreit führte. Vgl. http://www.mpier.uni-frankfurt.de/Publikationen/Neuerscheinungen/ICS-124.htm.
16 Baumgarten, Anmerkungen, S.10.
17 Baumgarten, Anmerkungen, S.15.
18 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.117.
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Als zweites Ereignis führt Baumgarten Karl Rotteck 19 auf, einen Verfechter des Liberalismus. Treitschke nimmt ihn als Beispiel für die „Verblendung und Selbstüberhebung des kleinstaatlichen Liberalismus“ 20 . Rotteck hatte sich in seiner Schrift „über stehende Heere und Nationalmiliz“ gegen das preußische Wehrgesetz gewendet und „im Frieden“ für „eine kleine geworbene Truppe“ 21 ausgesprochen. Wie Treitschke, so ist auch Baumgarten der Auffassung, dass solche Vorstellungen in der politischen Situation von 1883 nicht mehr vertreten werden können. Die Folgerung daraus, diese Fehleinschätzung von Rotteck dem Liberalismus zuzuschreiben, war für Baumgarten jedoch unakzeptabel, da auch preußische Beamte die Vorstellungen Rottecks vertraten 22 und dieser Gedankengang somit eine Erscheinung der Zeit darstellte.
Für Baumgarten war die Kritik am Liberalismus berechtigt 23 , aber er sah sie in Treitschkes „Deutsche Geschichte“ zu einseitig ausgelegt. Positive Erscheinungen des Liberalismus dieser Zeit, wie der politische Schriftsteller Haller 24 , der „... in höchst einflussreichen Kreisen dieses Staates die lebhafte Zustimmung fand.“ 25 wurden für Baumgarten zu wenig behandelt.
Treitschke geht direkt auf die unterschiedliche, quantitative Behandlung der beiden politisch-aktiven Personen Rotteck und Haller ein. Der Einfluss von Haller sei in den Jahren von 1815-19 noch sehr gering gewesen. Erst mit dem
19 Karl von Rotteck wurde am 18.07.1775 in Freiburg geboren. Hier fing er auch an im Alter von 15 Jahren Philosophie und Rechtswissenschaft zu studieren. Nach seiner juristischen Pomotion wurde Rotteck in Freiburg zum Professor für „Weltgeschichte“ ernannt. Im Jahre 1818 tauschte Rotteck die Professur für jene der „Staatswissenschaften, des natürlichen Privat-, Staats- und Völkerrechts“. Durch die allgemeine Politisierung der Aufklärung und vor allem durch französische Revolution und deren Folgen wurde Rotteck politisch aktiv. Als im Jahre 1818 das Großherzogtum Baden den Übergang zum Verfassungsstaat vollzog, wurde Rotteck als Abgeordneter der Universität Freiburg in die erste Kammer des badischen Landtages gewählt. Sein Landtagsmandat behielt er bis zu seinem Tod 1840 und er setzte sich in seiner politischen Tätigkeit für den Ausbau der konstitutionellen Verfassung, die Aufhebung aller Frondienste und die gesetzlich garantierte Pressefreiheit ein. Im Jahre 1832 fallen Schriften und sein Lehramt den reaktionären Bundestagsbeschlüssen zum Opfer. Karl von Rotteck wurde als Wortführer des südwestdeutschen Liberalismus bekannt. Er stirbt am 26.11.1840 in seiner Geburtsstadt Freiburg. In der Zeit der Weimarer Republik ehrt man Rotteck nachträglich. So wird z.B. am 17.12.1920 im Freiburger Stadtrat beschlossen, dass die alte Oberrealschule in der Werderstraße nach ihm benannt werden soll (Ratsprotokoll 1920, S.881). Vgl.: Walther Killy, Deutsche Biographische Enzyklopädie, München, 1996, S.425/426. http://www.rg.fr.bw.schule.de/stewe/schule/karlrotteck.htm
20 Baumgarten, Anmerkungen, S.17.
21 Karl von Rotteck, Über stehende Heere und Nationalmiliz, Freiburg, 1816.
22 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.225.
23 Baumgarten hatte sich ausführlich mit der Geschichte des Liberalismus beschäftigt. Vgl.: Hermann Baumgarten, Der deutsche Liberalismus - Eine Selbstkritik, Berlin, 1866.
24 Carl Ludwig von Haller, schweiz. Staatstheoretiker, Publizist, Politiker, 1.8.1768-20.5.1854 Vgl.: Walther Killy, Enzyklopädie, S.
25 Baumgarten, Anmerkungen, S.17.
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Erscheinen des letzten Bandes des Werkes „Restauration und
Staatswissenschaften“ im Jahre 1825 nahm die Bedeutung der Ideen Hallers zu. Rotteck jedoch wurde schon auf den ersten Landtagen des Südens beredet. 26 Den Vorwurf der Einseitigkeit weist Treitschke von sich, insofern er auch auf die Lehren Hallers in seinem nächsten Band ausführlich eingehen werde.
Ausführlicher geht Treitschke auf Schmalz ein. Er geht argumentativ so vor, dass er in Frage stellt, ob Schmalz den Orden wirklich für seine Denunziation politischen Verbindungen erhalten habe. Er stellt ausführlich da, dass es mehrere Quellen gibt, aus denen hervorgeht, dass sich Schmalz für den Staat durchaus verdient gemacht hat, allerdings keine, die einen Grund der Vergabe in der Denunziation erkennen lassen. Treitschke hält sich in diesem Punkt also lieber zurück, da nicht ausreichend Material zu finden ist, welches hier eine Vermutung zuließe.
Treitschke entkräftet mit seiner logischen Argumentation 27 viele Einwände Baumgartens. Allerdings nicht entkräftet, sondern verstärkt wird die Ambivalenz seiner Arbeitsweise, mit der Treitschke sowohl in seiner Erwiderung, als auch in der „Deutschen Geschichte“ eine Beeinflussung des Lesers zu Gunsten seiner politischen Vorstellungen bewirkt.
Treitschke bezog bisher zu jeder Frage eine klare Position, nicht aber in diesem Punkt, wie es auch von Baumgarten abschließend zu Schmalz bemerkt wird 28 . Die nachvollziehbaren Überlegungen, mit denen Treitschke in seiner Erwiderung logisch für seine Darstellung argumentiert hat, wurden dem Leser in der „Deutschen Geschichte“ vorenthalten, wodurch die Objektivität der Darstellung verloren geht.
Deutlich wird in diesem Teil des literarischen Streits, dass beide Seiten versuchen dem anderen Fehler im Inhalt und in der wissenschaftlichen Arbeitsweise vorzuwerfen, doch im Kern der Auseinandersetzung immer wieder die unterschiedlichen politischen Auffassungen zum Vorschein kommen.
26 Treitschke, Erwiderung, S.612.
27 Vgl. Treitschke, Erwiderung S.612.
28 Vgl. Baumgarten, Anmerkungen, S.14/15.
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Sehr deutlich wird der politische Hintergrund in der Kritik vom 12. Dezember, in der Baumgarten näher auf die Rolle der Burschenschaften, Fürst Metternich und die Karlsbader Beschlüsse eingeht.
Nach Baumgartens Auffassung habe sich in dem „studentischen Treiben“ der Burschenschaften „neben vielen vortrefflichen Bestrebungen ein vielfach unreifes und ungesundes, aber politisch harmloses Wesen entfaltet,...“
29
. Von diesem Ausgangspunkt geht auch Treitschke aus, doch kommt er im Laufe seines Kapitels auf radikale Formen der politisch aktiv gewordenen Studenten zu sprechen. Im Mittelpunkt steht der Mord an August von Kotzebue
30
, der von den Unbedingten, einem politisch motivierten Studentenkreis, begangen worden sein soll, deren größter Agitator Karl Follen
31
war. Hier beruft sich Treitschke auf Aufzeichnungen Münchs, eines Jugendfreundes Follens, die allerdings erst 50 Jahre nach dem Ereignis verfasst wurden, wodurch Baumgarten die Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Eine zweite Quelle war die bekannte Aufzeichnung von H. Leo. Ingesamt fällt die Beurteilung Karl Follen negativ aus, was nach Baumgarten auch mit einer verfälschenden Kombination der Quellen zusammenhängt: „...und diese beiden an sich bedenklichen Quellen
29 Baumgarten, Anmerkungen, S.18.
30 August von Kotzebue war Dichter, Schriftsteller und pol. Publizist. Er lebte lange Zeit in Russland und war ab 1813 russischer Staatsrat und Generalkonsul in Königsberg. Aus Weimar sandte er geheime Berichte an den Zaren und geriet in den Ruf Spion der russischen Monarchie zu sein. Vgl. http://www.preussenchronik.de/cache/person_c23227.html
31 Karl Follen wurde 1796 in Romrod (Nordhessen) als Sohn eines Giessener Landrichter geboren. Er studierte Theologie in Gießen und nahm dann als Freiwilliger an den Befreiungskriegen teil. Nach seiner Rückkehr studierte er Rechtswissenschaften in Gießen und wurde Anführer [...] der Giessener „Schwarzen“, einer Burschenschaft, welche die Errichtung eines christlich-deutschen Staates auf republikanischer Grundlage propagierte. Wegen „demagogischer Umtriebe“ musste er seine Lehrtätigkeit, der er nach seiner Promotion 1818 aufgenommen hatte, aufgeben. An der Universität Jena ereilte ihn das gleiche Schicksal. Nach der Ermordung August von Kotzebues durch Follens guten Freund Karl Ludwig Sand musste Follen Deutschland verlassen [...]. Er ging in die Schweiz, wo er Anstellung als Schul- und Universitätslehrer fand, bis er auf Druck der preußischen Regierung ausgewiesen wurde. So wurde Amerika sein nächstes Ziel, wo er zunächst juristische Vorlesungen hielt und sich als Prediger betätigt, bis er einen Ruf an die Universität Harvard erhielt. Dort übte er einen bedeutenden Einfluss aus, indem er erstmals die deutsche akademische Tradition an den amerikanischen Hochschulen bekannt machte. Sein Auftreten für die Befreiung von Sklaven führte zum Verlust seines Lehrstuhls, so dass er sich wieder der Seelsorge zuwandte. Gerade als Follen nach einer schwierigen Phase eine Anstellung als Pastor erhalten hatte, fand er am 13.01.1840 bei einem Dampferunglück auf dem Eriesee den Tod. - http://www.preussenchronik.de/cache/person_c20737.html, 07.07.02.
32 Baumgarten, Anmerkungen, S.20.
8
Verdienste für die in Amerika lebenden Deutschen 33 erworben hatte und es werden falsche Vorstellungen von Burschenschaften vermittelt, die konträr zu den Bisherigen sind 34 .
Treitschke lässt das Argument nicht gelten, dass die späteren Verdienste Karl Follen in Amerika bei der Betrachtung der Zeit 1814-1819 eine Rolle spielen. Er wehrt sich gegen die Behauptung, sich bei seinem Urteil über Karl Follen und die Gruppe der Unbedingten nur auf die Literatur von Münch und Leo gestützt zu haben. Er erwähnt weitere Quellen zu diesem Thema, Schriften zum Prozess Sands, dem Mörder Kotzebues und eigene Schriften der Unbedingten. So führt er in seiner Erwiderung nochmals das „Große Lied“ von Karl Follen auf, welches schon in der „Deutschen Geschichte“ als Beweis dienen sollte, dem er noch eine Strophe hinzufügt. Er schreibt explizit, „der Leser“ solle anhand des Liedes „urteilen“ 35 und tut dies selbst mit den Worten: „Wenn das nicht heißt Mord und Aufruhr zu predigen, dann hat die deutsche Sprache keinen Sinn mehr“ 36 . Seinen Abschnitt zu Follen beendet Treitschke aber mit einem Widerspruch. So schreibt er: „Wenn es galt Karl Follen zu decken, dann scheute Sand keine Mittel der Lüge, dann klagte er sogar seinen Herzensfreund Asimis fälschlich an.“ 37 Treitschke argumentiert hier gegen sich selbst, indem er festhält, dass Follen nie im Zusammenhang mit dem Mord an Kotzebue erwähnt wurde und stellt sein eigenes Urteil in Frage.
Im zweiten Abschnitt bezieht sich Baumgarten auf Metternich, der den Mord an Kotzebue nutzt um den König von Preußen auf die innenpolitischen Gefahren seines Landes hinzuweisen. Er trifft sich vor den Karlsbader Konferenzen zu einer vertraulichen Besprechung mit Friedrich Wilhelm in Teplitz. Als Quellen hierzu sind Berichte Metternichs vorhanden, die er aus Teplitz am 30. Juli und am 1. August an den österreichischen Kaiser schickt.
Aus diesen Quellen zitiert Treitschke den Satz:
33 Als Quelle gibt Baumgarten hier eine Gedächtnisrede von Channing an, die nicht weiter erläutert wird und aufgrund der Quellart Einseitigkeiten erwarten lässt. Vgl. Baumgarten, Anmerkungen, S.19/20.
34 Vgl. Zitat 29.
35 Treitschke, Erwiderung, S.617.
36 Treitschke, Erwiderung, S.618.
37 Treitschke, Erwiderung, S.618.
9
„... noch alles gerettet werden könne, wenn die
Baumgarten macht in seiner Kritik darauf aufmerksam, dass der kursiv gedruckte Teil des Zitats von Treitschke hinzugefügt wurde. Baumgarten unterstellt Treitschke diese falsche Zitierweise absichtlich benutzt zu haben, um wie folgt fortzufahren:
„Die Zustimmung des Königs zu diesem Vorschlage verstand sich fast von
selbst, da Hardenbergs Verfassungspläne selbst immer nur eine Vertretung der drei Stände, nicht eine des Volkes als einer ungeschiedenen Masse, bezweckt hatten.“ 39
Auffällig ist hier, wie Treitschkes „Deutsche Geschichte“ für die ständische und gegen die demokratische Volksvertretung meinungsbildend wirkt. Auf diesen Punkt geht Baumgarten gar nicht explizit ein, sondern er verweist noch auf einen zweiten Punkt der Darstellungsweise Treitschkes, in der dieser von der „schimpflichsten Demütigung“ spricht, „die Hardenberg jemals über Preußen gebracht hat“, da „einer fremden Macht die Zusage über innere Angelegenheiten“ 40 gegeben wurde. Baumgarten spricht von einem „ungerechten Urteil“ 41 , welches König Friedrich Wilhelm in Schutz nimmt und Hardenberg zur Verantwortung zieht.
Baumgarten beendet den letzten Teil mit einer Beschreibung Treitschkes Arbeitsweise. So schreibt er, dass die notwendigen Fähigkeiten eines Historikers, wie „unbefangene Wahrheitsliebe, Sorgfalt, ruhige Untersuchung und Gerechtigkeit des Urteils“, welches durch „keinen Glanz der Diktion“ und „keinen Schwung der Beredsamkeit“ ersetzt werden kann, ihm völlig fehlen. 42
Treitschke leugnet in seiner Erwiderung nicht, das von Baumgarten erwähnte Zitat manipuliert zu haben. Vielmehr rechtfertigt er seinen „Fehler“, indem er darauf verweist, dass der österreichische Hof „keine demokratische Volksvertretung
38 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.550.
39 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.550.
40 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.550.
41 Baumgarten, Anmerkungen, S.28.
42 Baumgarten, Anmerkungen, S.29.
10
sondern Landstände“ befürwortet, was „im achten und neunten Abschnitte des 2.Bandes nachgewiesen“ 43 ist.
Baumgarten wirft er vor, nur den ersten Bericht vom 30. Juli und nicht den Bericht vom 1. August gelesen zu haben. Dieser erläutert und ergänzt den ersten Bericht und er macht auf seine Erwähnung der „Teplitzer Denkschrift“
Metternichs aufmerksam, die zwar nicht vorhanden ist, aber in ihren Inhalten der „Aachener Denkschrift“ gleichen soll, die vor einer Volksvertretung bayrischer Art warnt. Diese Punkte führen zusätzlich, nach Treitschke, dazu, dass er sich „korrekt und nach allen Regeln der historischen Kritik ausgedrückt“ und „den Inhalt des Gesprächs mit den Worten - keine Volksvertretung in dem modernen demokratischen Sinne zu geben, sondern sich mit Ständen zu begnügen“ zusammengefasst hat.
Als zweiten Punkt erwähnt Treitschke die Problematik anhand von zwei einseitigen Quellen „den Tatbestand einer unter vier Augen abgehaltenen Unterredung festzustellen“ 44 . Zu den Briefen schreibt er:
„Seit dem Erscheinen von Metternichs „Nachgelassenen Papieren“ sind
alle freimüthigen Historiker einig in dem Urtheil, dass Metternich und Napoleon I. die beiden größten - oder doch beinahe die größten -Lügner des neunzehnten Jahrhunderts waren; daher wird auch, [...], jene berühmte Unterredung, [...], immer ein Lieblingsthema für unlösbare historische Controversen bleiben.“ 45
Es zeigt sich, wie Treitschke problematische Quellen unkommentiert in sein Werk aufgenommen hat. Mit der Form seiner Rechtfertigung bestätigt er Baumgartens Kritik.
Die Verantwortung für das Ergebnis der Karlsbader Beschlüsse, die eine äußerlich dominierende Rolle Österreichs zur Folge hatte, gibt Treitschke weiterhin dem Staatskanzler Hardenberg. So führte nicht der Inhalt, der von beiden Mächten als notwendig anerkannt waren, sondern die Ausarbeitung und die formalen Ausführungen, die im Aufgabengebiet Hardenbergs lagen, zu der Schmach Preußens.
43 Treitschke, Erwiderung, S.619.
44 Treitschke, Erwiderung, S.619.
45 Treitschke, Erwiderung, S.619.
11
Den Abschluss seiner Erwiderung gestaltet Treitschke geschickt. Er leitet ihn ein, indem er Friedrich Wilhelm eine „schwere Mitschuld“ zugesteht und die Tage der Karlsbader Beschlüsse als „die schwersten seines Lebens“ bezeichnet 46 . Er geht hier zum ersten Mal auf Baumgarten zu und erweckt so den Eindruck einer objektiven Arbeitsweise, die seinem Werk zu Grunde liegt, die aber im nächsten Abschnitt schon wieder verworfen wird, da er hier seine Vorstellungen äußert, auf die das Werk zielen soll.
Er möchte Friedrich Wilhelm und Hardenberg, als Repräsentanten des preußischen Staates, nicht „auf eine Linie“ mit Metternich „stellen“, da „der dauernde historische Erfolg bereits entschieden“ hat und „Metternichs Werke tot und abgetan“ sind. 47 Er argumentiert hier aus seiner gegenwärtigen Sicht 48 , die er als Beweis für den Verlauf der Geschichte zu Gunsten Preußen benutzt und zieht daraus Schlüsse auf seine Geschichtsschreibung.
„...die hypochondrischen Geschichtsphantasien der liberalisierenden
Gervinus´schen Schule 49 zu zerstören, die Deutschen für eine dankbarere und darum freiere Auffassung ihrer herrlichen Geschichte zu gewinnen,...“ 50
Dieser letzte Satz macht deutlich, dass Treitschke andere Geschichtsauffassungen als nichtig erklärt und seine Leser mit der „Deutschen Geschichte“ für die gegenwärtigen, politischen Verhältnisse zu gewinnen versucht.
3. Antwort und zweite Erwiderung
In einer Beilage der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 6. Januar erscheint eine Antwort auf die Erwiderung Treitschkes. Dieser kommentiert Baumgartens Äußerungen wiederum in den Preußischen Jahrbüchern vom 10. Januar.
Baumgarten bedauert einleitend, dass Treitschkes Erwiderung auf einer
politischen Ebene basiert. Er nimmt sich das Recht heraus nun auch seinerseits,
46 Treitschke, Erwiderung, S.622.
47 Treitschke, Erwiderung, S.623.
48 Vgl. Zitat 14.
49 Vgl. Zitat 3.
50 Treitschke, Erwiderung, S.623.
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neben den einzelnen von Treitschke aufgegriffenen Punkten, auf die politische Bedeutung der „Deutschen Geschichte“ eingehen.
Der Vorwurf Baumgartens, die „Deutsche Geschichte“ würde nicht auf das Wiener Archiv zurückgreifen, führte dazu, dass Treitschke und seine Fürsprecher ihm „böswillige Verleumdung“ 51 unterstellten, da allgemein bekannt sei, dass die Benutzung des Wiener Archivs nur bis 1815 möglich sei.
In seiner Antwort ändert Baumgarten darauf seine Kritik und fragt sich, warum Treitschke, wenn er die Nichtverwendung des Wiener Archivs „als schweren Mangel empfand“, dies nicht wenigstens in seinem Vorwort erwähnt. Dass Treitschke allerdings nicht mit dem Münchener und Stuttgarter Archiv arbeitet und dies vom ihm auch in seiner Erwiderung nicht erläutert wird, macht Baumgarten nochmals deutlich und betont, dass dies gerade bei Nichtverwendung des Wiener Archivs besonders wichtig gewesen wäre.
Die Punkte, in denen sich Treitschke „am glücklichsten behauptet zu haben“ 52 scheint, greift Baumgarten als zentrale Punkte in seiner Antwort auf. Zum einen ist dies die Ordensverleihung Friedrich Wilhelms III an Prof. Schmalz. Baumgarten macht hier auf den Widerspruch aufmerksam, dass Treitschke in seiner Erwiderung Erläuterungen hervorgebracht hat, die in seinem Werk aber nicht vorkommen und damit durch das Schweigen ein klarer einseitiger Eindruck vermittelt wird.
Zum anderen bezieht sich Baumgarten auf die Teplitzer Zusammenkunft, die den Hauptteil der Antwort einnimmt. Kern des Streitpunkts war der Satz in Treitschkes „Deutsche Geschichte“:
„Doch könne noch alles gerettet werden, wenn die Krone sich
entschließe, ihrem Staate keine Volksvertretung in dem modernen demokratischen Sinne zu geben, sondern sich mit Ständen zu begnügen. Die Zustimmung [...] verstand sich fast von selbst,...“ 53 und die Aussage:
51 Biefang, Der Streit um Treitschkes „Deutsche Geschichte“, S.402. Vgl. hierzu auch den Brief Treitschkes an Friedrich von Weech, in: Willy Andreas, Briefe von Heinrich von Treitschke an Historiker und Politiker vom Oberrhein, in: Preuß. Jbb., Bd.34, 1934 und in: Bernhard Erdmannsdörffer, Die Grenzboten 41/1, 1883, S.235.
52 Hermann Baumgarten, Meine Antwort, S.33.
53 Treitschke, „Deutsche Geschichte“ - 2.Bd., S.550. Vgl.: Zitat 38 und 39.
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„... sind alle freimüthigen Historiker einig in dem Urtheile, dass Metternich und Napoleon I die beiden größten oder doch beinahe größten Lügner des 19. Jahrhunderts waren.“ 54
Des weiteren stellte Treitschke die Vermutung auf, Baumgarten hätte nicht beide Berichte Metternichs über die Teplitzer Zusammenkunft gelesen, welches Baumgarten für Hochmut hält, der nicht Treitschkes wissenschaftlicher Leistung entspricht. Die Frage, ob Treitschke Metternichs Vorstellungen mit den Worten keine Volksvertretung im modernen demokratischen Sinne zu geben, sondern sich mit Ständen zu begnügen richtig wiedergegeben hat, bestreitet Baumgarten. Folgt man der Annahme Treitschkes der zweite Bericht Metternichs sei mit der Aachener Denkschrift zu vergleichen, so sieht man hier, dass nur von „Provinzialständen“ die Rede war, die Metternich selbst für sein Land in Erwägung zog. Nachdem aber die Teplitzer Zusammenkunft als tragischen Anlass die Ermordung Kotzebues hatte, kann man nicht damit rechnen, dass Metternich in seiner Meinung liberaler geworden ist und nun sogar von „Landständen“ spricht.
Er kommt am Schluss zu der politischen Bedeutung des Buches. So ist es Treitschke um ein „liebevolles Verstehen und Erklären der vaterländischen Vergangenheit“ gelegen und die „hypochondrischen Geschichtsphantasien der Gervinus`schen Schule“ zu beseitigen 55 . Hierin sieht Baumgarten seinerseits eine Hypochondrie, da es diese Gervinus`sche Schule gar nicht gibt. Seine Beurteilung über Treitschkes Buch, welches Preußen zu stark einseitig in den Vordergrund stellt, habe er bewusst so rasch nach dem Erscheinen des Werkes verfasst 56 , um Gründe, die eine ultramontane und partikularistische Überzeugung nähren könnten, nichtig zu machen. „Als maßvoller Freund Preußens gegen die maßlose Verherrlichung Preußens“ 57 möchte Baumgarten gegen ein Wiederaufkeimen des Nord-Süd-Konflikts zum einen und gegen eine verherrlichende nationale Geschichtsschreibung zum anderen arbeiten. Andere Beispiele wie der französische Geschichteschreiber Thiers oder der englische Macaulay 58 haben die negativen Folgen, einer solchen Art Geschichte zu schreiben, gezeigt.
54 Treitschke, Erwiderung, S.619. Vgl.: Zitat 45.
55 Vgl.: Zitat 51.
56 Kritik wurde von Erdmannsdörffer geäußert, in: Die Grenzboten, S.235.
57 Baumgarten, Anmerkungen, S.41.
58 Macaulay wird von Treitschkes Freunden als positives Beispiel seiner Geschichtsschreibung genommen. Vgl. Paul Wentze, Über Treitschkes Deutsche Geschichte - Urteile von Freunden und Fachgenossen, in: Arch. für Politik und Geschichte, 1924, S.255.
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In einem Abschnitt „Zusätze“ behandelt Baumgarten die weiteren Punkte der Streitfrage. Bei dem Thema Rotteck spricht Baumgarten an, dass Treitschke nur auf die Ausführlichkeit der Darstellung eingeht, nicht aber darauf, dass er Rotteck 1816 Vorwürfe macht, die er erst 1826 ausgesprochen hat. Zu Haller werden Punkte in der Erwiderung verschwiegen, die für eine ausführlichere Behandlung sprächen, wie das Erscheinen „eines Teiles des Haller`schen Werkes“ schon 1818, das „Verbrennen seiner Schriften“ auf dem Wartburgfest und „die Verwendung Haller`scher Sätze in der von Gentz für die Karlsbader Konferenzen ausgearbeiteten Denkschrift“ 59 . Hier zitiert Baumgarten aus der Rezension von Prof. Bulle, der in der Weser-Zeitung einen vierteiligen Artikel über Treitschkes „Deutsche Geschichte“ geschrieben hatte, in denen er besonders im Fall „Rotteck“ versucht Baumgartens Ansichten zu belegen 60 . Über Bulle merkt Baumgarten in einer Fußnote an:
„...
um ein gründliches Urtheil über Treitschkes Geschichtsschreibung zu thun ist. Namentlich was Bulle über die Misshandlung Rottecks durch Treitschke quellenmäßig nachweist, ist so vernichtend, dass ich begierig bin, was Treitschke darauf erwidern wird. Ich hätte ihm, aufrichtig gesagt, derartiges nicht zugetraut.“ 61
Im zweiten Punkt seiner Zusätze bedauert Baumgarten, dass Treitschke nicht auf die konkrete Kritik eingegangen ist, dass im Zusammenhang mit Karl Follen und den Unbedingten aus zwei Quellen immer die jeweils negativen Aspekte herausgenommen worden seinen.
Des weiteren spricht Baumgarten das Problem von Quellen mit „tendenziösem Charakter“ an und verwaist nochmals auf Konstantin Bulle, der diese Quellen Treitschkes analysiert hat.
Die Auseinandersetzung ist auf beiden Seiten stark emotional. Baumgarten spricht dies im dritten Kapitel seiner Zusätze mit der Überschrift „Treitschke´s Polemik“ an.
Er nutzt dieses Kapitel um alle Vorwürfe zu widerlegen, die ihm einen persönlichen oder politischen Hintergrund unterstellen. Denn gerade dies ist es,
59 Baumgarten, Anmerkungen, S.45.
60 Konstantin Bulle, Baumgarten und Treitschke, in: Weser-Zeitung, Nr. 12928-12930, 29.-31. Dezember 1882.
61 Baumgarten, Anmerkungen, S.33.
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was Baumgarten zwar nie explizit ausspricht, was er aber als zentrales Problem in Treitschkes Geschichtslehre und in seiner Geschichtsschreibung sieht.
So geht Baumgarten in seinem letzten Kapitel auf einen Kritikpunkt von Erdmannsdörffer ein, der sich hauptsächlich mit dem Punkt „Teplitz“ befasst hat und ausdrücklich die frühe Erscheinung der Kritik Baumgartens an dem zweiten Teil der „Deutschen Geschichte“ verurteilt.
Hier äußert sich Baumgarten nochmals, dass er nicht Rücksicht nehmen konnte in Bezug auf den Zeitpunkt seiner Kritik an einem Mann, „welcher immer gegen alle anders Denkenden die vollendete Rücksichtslosigkeit gewesen ist.“ 62 Er beendet seine Kritik mit einer Einschätzung Treitschkes Wirken für die Entwicklung der Wissenschaften mit den Worten:
„Ich glaube, unseren Universitäten, unserer ganzen Bildung könnte gar
nichts schlimmeres begegnen, als wenn sich diese Manier, die studierende Jugend in die Parteikämpfe des Tages zu ziehen, verallgemeinerte.“ 63
Am 10. Januar erscheint der Kommentar zu Baumgartens „Antwort“. In dem zweiseitigen Artikel betont Treitschke, dass seiner Meinung nach die Verleihung des Ordens an Prof. Schmalz falsch war und dies „einen üblen Eindruck auf die verleumdeten Patrioten“ 64 machen musste.
Hinsichtlich der Teplitzer Schrift bemerkt Treitschke, dass nun auch Baumgarten zu dem Urteil gekommen ist, dass sie der Aachener ähnelte, nur dass sie schärfer und eindringlicher sein musste.
Auf alle weiteren Kritikpunkte geht Treitschke nicht ein, sondern stellt heraus, dass die Gründe Baumgartens Kritik auf „politischen Hintergedanken“ basieren. Treitschke versteht sein Werk als ein Versuch die Geschichte „unbefangen zu verstehen, bei dem er manchen irrigen Überlieferungen der liberalen Partei entgegentreten musste.“ 65
4. Umfeld und Ausgang der Kontroverse
62 Baumgarten, Anmerkungen, S.59.
63 Baumgarten, Anmerkungen, S.59.
64 Heinrich von Treitschke, Noch einmal die Kritik Baumgartens, in: Preuß. Jbb., Bd.50, 1882, S.115.
65 Treitschke, Noch einmal... Baumgarten, S.116.
16
Kurz nach der Kritik Baumgartens in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, die weit verbreitet und eine hohe Anzahl von Lesern hatte, war der zweiten Band der „Deutschen Geschichte“ Thema der gesamten Reichspresse. Diese, für Baumgarten, positive Situation fiel auch Heinrich von Sybel auf, einem engen Freund Treitschkes und Gründer der Historischen Zeitschrift 66 - „... ich kann nur bedauern, dass die Augsburger Allgemeine Zeitung einen größeren Lesekreis hat als die Jahrbücher.“ 67
Anfangs äußerten sich vornehmlich liberale Autoren. Die zwei engsten Mitstreiter Baumgartens waren der Bremer Gymnasiallehrer Prof. Bulle in der Bremer Weserzeitung, auf den er sich immer wieder beruft 68 und der jüdische Historiker Alfred Stern, der in der Berliner Tageszeitung „Die Tribüne“ eine Rezension verfasste. Auch andere große Tageszeitungen, wie die Frankfurter Zeitung oder auch die Berliner „National-Zeitung“, wandten sich gegen Treitschke.
Nur langsam kam es zu positiven Besprechungen Treitschkes Werk. Den Anfang machte eine Rezension im „Grenzboten“, die sich in den meisten Streitpunkten auf Treitschke Seite stellte, aber sofort von der Augsburger Allgemeine Zeitung, wie auch von der Berliner National-Zeitung scharf kritisiert wurde. Die größte Unterstützung fand Treitschke in einer Rezension von Gottlob Egelhaaf im „Schwäbischen Merkur“, da dies der erste Zuspruch im süddeutschen Raum war.
Richtungsweisend war allerdings der Kommentar von Bernhard Erdmannsdörffer im „Grenzboten“, der sich in allen Kritikpunkten hinter Treitschke stellt. Wissenschaftlich unterstützt wurde Treitschke von Paul Bailleu, der Mitarbeiter Sybels im Berliner Staatsarchiv war und in der „Deutschen Rundschau“ eine
66 Heinrich von Sybel gründete im Jahr 1859 die „Historische Zeitschrift“. Er trat 1886 an die Spitze der „Münchener Historischen Kommission“. In der Zeit des Streits über Treitschkes „Deutsche Geschichte“ war Sybel Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, des Geheimen Staatsarchivs und Herausgeber der „Publikationen aus den Preußischen Archiven“. Zugleich saß er als Begründer und Herausgeber in der Redaktion der „Historischen Zeitschrift“. Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Historiker, Bd.2 - Heinrich von Sybel von Hellmut Seier, Göttingen, 1981, S.133/141 und Wolfgang Weber, Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Lehrstuhlinhaber für Geschichte von den Anfängen des Faches bis 1970. 2. Aufl. Frankfurt am Main, 1987, S.595.
67 Heinrich von Sybel an Heinrich von Treitschke, in: Paul Wentze, Über Treitschkes Deutsche Geschichte -Urteile von Freunden und Fachgenossen, in: Archiv für Politik und Geschichte, 1924.
68 Vgl. Zitat 61.
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Denkschrift Metternichs zu den Teplitzer Gesprächen veröffentlichte, die Treitschkes Position stärken sollte.
Mit großer Spannung wurde von der Fachwelt die Rezension der Historischen Zeitschrift erwartet, die als richtungsweisend für den historischen Fachbereich galt. Den Auftrag für die Buchbesprechung bekam Theodor Flathe, ein Gymnasialprofessor aus Meißen, der selbst an einem Band über das Zeitalter der Restauration und Revolution arbeitete. Im Frühjahr 1883 erschien diese dann in der HZ 49. Flathe ging direkt am Anfang auf den doch starken Unterschied des ersten Bandes hinsichtlich der Auffassung Treitschkes gegenüber dem zweiten Band ein, durch den die starken Proteste zu erklären seien.
Auch bei dem zentralen Streitpunkt über den „Deutschen Liberalismus“ kritisiert Flathe die radikale Verurteilung Treitschkes und nimmt so eine neutrale Stellung ein, die eher noch die bis dahin vorherrschende liberale Meinung bestärkt.
Entscheidend für den Ausgang des Streites war nicht die Rezension, sondern Fußnoten seitens der Redaktion, in denen die neutrale Fassung des Referenten zu Gunsten Treitschke revidiert wurde. So merkt sie an, dass „sämtliche Proteste der sachlichen Begründung entbehren“ und dass „eine Verurteilung des Deutschen Liberalismus nicht vorliegt“. 69
Diese Anmerkungen waren ein großer Schock für Baumgarten. Er reagiert mit einem Nachtrag in der 3. Auflage seiner „Anmerkungen zu Treitschke“, in dem er versucht sich in der Sache den Inhalt der Fußnoten zu untersuchen.
Als Reaktion darauf spricht sich die Redaktion in der folgenden Ausgabe der Historischen Zeitschrift 70 nochmals gegen die Kritik Hermann Baumgartens aus. Im Oktober 1883 kam es dann zu der Vergabe des Verdun-Preises an Heinrich von Treitschke für seinen zweiten Band der „Deutschen Geschichte“, mit dem alle fünf Jahre das beste Werk für die vaterländischen Geschichte ausgezeichnet wird.
69 Theodor Flathe, Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd.2, in: HZ, Bd.49, 1883, S.512 und S.515.
70 Die Redaktion der Historischen Zeitschrift, Erklärung der Redaktion gegen Hermann Baumgarten, in: HZ, Bd.50, Berlin, 1883, S.556-561.
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Damit war Hermann Baumgarten in der Fachwelt isoliert und die Geschichtsschreibung Treitschkes legalisiert und öffentlich populär gemacht worden.
III. Schlussbetrachtung
Die inhaltliche Analyse hat gezeigt, dass der Umfang wesentlich größer ist als dies in Biefangs Zusammenfassung erscheint. Die Kritik Baumgartens legt großen Wert auf die wissenschaftliche Betrachtung von einzelnen Punkten innerhalb der „Deutschen Geschichte“.
Es zeigt sich jedoch auch, dass die Auseinandersetzung im Schatten der politischen Verhältnisse geführt wird und diese durch unterschiedliche politische Auffassungen immer mehr polarisiert. Biefang kommt zu demselben Ergebnis und setzt an dieser Stelle mit der Spaltung des Nationalliberalismus und der Etablierung des national-konservativen Geschichtsbildes ein. Was die rein wissenschaftliche Betrachtung angeht, so wäre ich gerne noch auf die Ausführungen von Theodor Flathe in der Historischen Zeitschrift näher eingegangen, dessen Ausführung hervorragend objektiv auf die inhaltliche Problematik der Kontroverse eingeht, aber den Umfang dieser Hausarbeit sprengen würde. Abschließend kann man sagen, dass der Streit durch das Eingreifen der Redaktion der HZ und der Vergabe des Verdun-Preises entschieden wurde und keinesfalls aus der inhaltlichen Debatte heraus. Der Ausgang des Streits war eine schwere Niederlage für den Liberalismus und führte zu einem veränderten Politikverständnis im Deutschen Kaiserreich.
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IV. Literaturverzeichnis
Monographien:
Killy, Walther, Deutsche Biographische Enzyklopädie, München, 1996.
Langer, Ulrich, Heinrich von Treitschke - Politische Biographie eines deutschen Nationalisten, 1999.
Stark, Wolfgang H., Hermann Baumgarten - Ein biographischer Beitrag zur Klärung der Ideenwelt des deutsche Liberalismus im 19. Jahrhundert, Dissertation der Friedrich-Alexander-Universität zu Erlangen, 1973.
Weber, Wolfgang, Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Die Lehrstuhlinhaber für Geschichte von den Anfängen des Faches bis 1970. Frankfurt am Main, 1970.
Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Historiker, Bd.2 - Heinrich von Treitschke von Georg Iggers, Heinrich von Sybel von Hellmut Seier, Leopold von Ranke von Helmut Berding, Göttingen, 1981.
20
Aufsätze:
• Biefang, Andreas, Der Streit um Treitschkes „Deutsche Geschichte“, in: HZ, Bd.262, 1996, S. 391-422.
• Bußmann, Walter, Treitschke als Politiker, in: HZ, Bd.177, 1954, S.249-279. • Koch, Hansjoachim W., Heinrich von Treitschke, in: criticon, conservativ heute, Bd.94, 1986.
• Haltern, U., Geschichte und Bürgertum, in: HZ, Bd.259, 1994, S.89-107. • Müller, Karl Alexander V., Treitschke als Journalist, in: HZ, Bd.135, 1927, S.382-412.
• Wentze, Paul, Über Treitschkes Deutsche Geschichte - Urteile von Freunden und Fachgenossen, in: Arch. für Politik und Geschichte, 1924.
Internet:
vom Bruch, Rüdiger, Liberaler Staatswissenschaftler und chauvinistischer Historiker - Zum 100. Todestag Heinrich von Treitschkes, Humboldt-Universität zu Berlin 1996.
http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/treitsc2.htm
Frenken, Ansgar, Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, 1999. http://www.bautz.de/bbkl/t/treitschke_h.shtml
Preußen, Chronik eines deutschen Staates.
http://www.preussenchronik.de
Die Karlsbader Beschlüsse (1819).
http://www.members.aol.com/gy95c/griebau/beschl.htm
21
Unser Namenspatron Karl von Rotteck. http://www.rg.fr.bw.schule.de/stewe/schule/karlrotteck.htm
Christian Vollradt, Attentat: Am 23. März 1819 ermordete der Burschenschafter Karl Sand den Dichter August von Kotzebue - Ein Verhängnis auf Leidenschaft und Hass, 26.03.99.
http://www.jf-archiv.de/archiv99/139aa36.htm
Hans-Christof Kraus, Theodor Anton Heinrich Schmalz (1760-1831). http://www.mpier.uni-frankfurt.de/Publikationen/Neuerscheinungen/ICS-124.htm
V. Quellenverzeichnis
Monographien:
Baumgarten, Hermann, Anmerkungen zu Treitschkes „Deutsche Geschichte, 2.Band“, 1883.
Baumgarten, Hermann, Der deutsche Liberalismus - Eine Selbstkritik, Berlin, 1866.
Cornicelius, Max, Heinrich von Treitschkes Briefe, Bd.3, Leipzig, 1920.
Königliche Akademie der Wissenschaften, Allgemeine deutsche Biographie, Bd. 55, Leipzig, 1910.
Treitschke, H. v., Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, Bd.1, Leipzig, 1879.
22
Treitschke, H. v., Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, Bd.2, Leipzig, 1882.
Treitschke, H. v., Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, Bd.3, Leipzig, 1885.
Treitschke, H. v., Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, Bd.4, Leipzig, 1889.
Treitschke, H. v., Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, Bd.5, Leipzig, 1894.
Aufsätze:
• Andreas, Willy, Briefe von Heinrich von Treitschke an Historiker und Politiker vom Oberrhein, in: Preuß Jbb., Bd.34, 1934. • Erdmannsdörffer, Bernhard, Treitschkes Deutsche Geschichte, in: Die Grenzboten 41/1, 1883, S.232-250.
• Flathe, Theodor, Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd.2, in: HZ, Bd.49, 1883, S.512-518. • Treitschke, H. v., Eine Erwiderung an H. Baumgarten, in: Preuß. Jbb., Bd.51, 1883, S.611-623.
• Treitschke, H. v., Noch einmal die Kritik Baumgartens, in: Preuß. Jbb., Bd.50, 1882, S.115 f.
• Die Redaktion der Historischen Zeitschrift, Erklärung der Redaktion gegen Hermann Baumgarten, in: HZ, Bd.50, Berlin, 1883, S.556-561.
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Robert Westermann, 2002, Hermann Baumgarten contra Heinrich von Treitschke - Analyse der Kontroverse im Rahmen des Historikerstreits um die Deutsche Geschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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