1. Einleitung
„Mehr der konigk konde Knipperdollinnck nicht entberen; hei was ime ein guit blat in der karten, na dem mail als Knipperdollinck dat regiment hatt, und was des konnigs stathelder. Hei was der irst und der lest.“ 1
Schreinermeister Heinrich Gressbeck, Verfasser der einzigen überlieferten Geschichte eines Augenzeuges der Täuferherrschaft, hat hier das versucht zu beantworten, was auch diese Arbeit thematisiert: Es geht um die Frage, welche Rolle Bernd Knipperdollinck, Wandtschneider aus Münster, im Königreich Johann Bockelsons oder Jans von Leiden spielte.
Mit der Gründung des Königtums bricht in der Täuferherrschaft in Münster eine neue Epoche an: Viele der eigentlichen puritanischen „Gründerideale“ müssen über Bord geworfen werden, um eine zentralistische Regierung nach dem Vorbild der eigentlich verhassten „gotlosen“ zu errichten, wie es mit der Monarchie des Schneiders geschah. Wie Johann Bockelson dazu im einzelnen vorging, ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Fest steht jedoch, dass Knipperdollinck, ebenso wie andere aus der ehemaligen Führungsschicht der Zwölf Ältesten, auch während der Monarchie machtvolle Positionen behielten. Gressbeck führt das, zumindest im Fall Knipperdollinck, darauf zurück, dass er auf diesen einfach nicht verzichten konnte, und hat damit auch Recht: Der Auswärtige Schneider Bockelson konnte sicherlich nicht ohne eine starke Lobby regieren.
Wie wir wissen, war Knipperdollinck von Beginn der Bewegung einer der führenden Personen. Er war bereits zu den Anfängen ein Freund Rothmanns, 2 genoss aber auch Sympathien unter den Bürgern Münsters. Sein Haus, das am Prinzipalmarkt sehr zentral lag, zeugt ebenfalls davon, dass er zu den einflussreichen Personen Münsters gehörte. Im Königtum wurde er dann als Statthalter zum Stellvertreter des Königs ernannt. Jedoch bleiben einige Fragen zur Person des Knipperdollinck offen, vor allem im Bezug auf den in die Geschichte als „Knipperdollinckputsch“ eingegangen Vorfall. Ich werde versuchen zu beantworten, welche Intention Knipperdollinck mit
1 Von der Wiedertaufe in Münster. Meister Heinrich Gresbeck´s Bericht, in: C. A. Cornelius (Hrsg.), Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, Münster ²1985 (Nachdruck der ersten Auflage), S. 110
2 Gerd Dethlefs, Das Wiedertäuferreich in Münster 1534/35, in: Die Wiedertäufer in Münster. Katalog zur Eröffnungsausstellung, S. 31
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seinem Verhalten verfolgte, warum er scheiterte und welchen Stellenwert diese „Episode“ für die Machtstabilisierung Jan Bockelsons hatte.
Als Grundlage für die Beantwortung dieser Fragen habe ich folgende Quellen zu Rate gezogen: An erster Stelle stehen die Darstellungen Gressbecks 3 (s. o.), der als unmittelbarer Augenzeuge die Geschehnisse schon kurze Zeit später schriftlich festhielt.
Die Datierung der Schrift ist ungewiss, da sie uns im Original nicht mehr erhalten ist. Wahrscheinlich wurde sie in den frühen 1540er Jahren verfasst, vielleicht sogar schon in den späten 1530er Jahren. Dafür spricht die detailgetreue Wiedergabe der einzelnen Geschehnisse. Cornelius gibt das Jahr 1534 als letztmöglichen Termin an, mit der Begründung, dass zu dieser Zeit der Streit zwischen dem Katholizismus und dem Protestantismus wieder in den Vordergrund tritt und der Protestantismus in den Darstellungen keine Rolle spielt. 4 Heute geht man davon aus, dass die Schrift wesentlich früher verfasst wurde, jedoch nicht unmittelbar nach dem Ende der Täuferherrschaft, da Gressbeck bereits davon schreibt, dass er mit einzelnen Leuten aus der Zeit wieder in Berührung gekommen ist.
Überliefert ist uns die Geschichte durch zwei verschiedene Handschriften, die auch Cornelius vorlagen, die auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zu datieren sind und auf Grund von synchronen Fehlern wohl von der Selben Ursprungshandschrift abgeschrieben wurden.
Bei dieser Quelle handelt es sich also um einen echten, unverfälschten Augenzeugenbericht, dessen Glaubwürdigkeit bis heute unumstritten ist. Dennoch muss man bei der Interpretation die sozialen Hintergründe der Person Gressbecks beachten. Gressbeck ist ein einfacher Handwerker, „ein Mann aus dem Volke, ungebildet, aber verständig“ 5 . Von ihm erfahren wir die Ereignisse in einer oberflächlichen, aber gerade deshalb zumeist recht objektiven Art, aber wir erfahren meist wenig über die theologischen Hintergründe, die Zusammenhänge, die Vorgänge innerhalb der Führungsschicht, die nicht an die Öffentlichkeit geraten. Denn der Schreinermeister Gressbeck erzählt eben nur dass, was er gesehen und
3 Veröffentlich in: Carl Adolph Cornelius, Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, fototechnischer Neudruck der Ausgabe Münster 1853, Münster 1965
4 Cornelius, LXXII, Anm. 28
5 ebd., LXXIII
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erlebt hat. Außerdem ist deutlich die Tendenz zu erkennen, dass Gressbeck als alteingesessener Münsteraner versucht, die Holländer und Friesen für die Missetaten verantwortlich zu machen. Ebenso häufig versucht er, seine eigene Position im Täuferreich zu erklären und damit auch viele andere Anhänger zu rehabilitieren, die nur auf Grund materieller Zwänge sich dem Täufertum anschlossen. Dennoch ist insgesamt keine Intention zu erkennen, warum er das Werk verfasst haben sollte, abgesehen davon, seine Erlebnisse Anderen zugänglich zu machen. Somit bleibt Gressbeck eine der wichtigsten und authentischen Quellen zur Täuferherrschaft in Münster.
Zum anderen liegt mir die Wiedertäufergeschichte Kerssenbrocks 6 vor, der auf Grund von Quellen und Augenzeugenberichten die Vorfälle rund 30 Jahre später aufschreibt.
Anders als Gressbeck handelt es sich bei Kerssenbrock um einen gebildeten Mann, einen Gymnasialprofessor in Münster, der jedoch als Basis für die Aufarbeitung der Geschichte weniger seine eigenen Erlebnisse, als vielmehr Schriftquellen, Augenzeugenberichte und Akten zur Verfügung hat. Kerssenbrock selbst musste im Februar 1534 aus Münster fliehen, und war zu diesem Zeitpunkt noch ein Junge (geb. um 1519 7 ), so dass seine Beobachtungen nicht sehr tiefgründig waren.
Das Besondere seines Werkes sind jedoch die Quellen auf die er zugriff hatte, die uns heute teilweise nur noch von ihm überliefert sind. Er wurde während seiner Arbeit sowohl von kirchlichen als auch weltlichen Behörden unterstützt, die ihm die Archive zur Verfügung stellten. Dennoch tun sich auch bei Kerssenbrocks Darstellung Lücken auf, die bei der Interpretation beachtet werden müssen. Zwar ist heute nicht mehr nachvollziehbar, welche Quellen Kerssenbrock vorgelegen haben, aber dennoch kann man davon ausgehen, dass er bewusst einige Tatsachen verschwiegen hat. Sein gesamtes Werk ist ideologisch stark eingefärbt, er versucht, die Täufer nicht als Bewegung zu verstehen, sondern als Sekte zu denunzieren. Der
6 Das lateinische Original ist herausgegeben von H. Detmer, Hermanni a Kerssenbroch, Anabaptisici furoris Monasterium inclitam Westphaliae metropolim evertentis historica narratio, Münster 1900 (Geschichtsquellen des Bisthums Münster Bd. 5, Teil 1 und 2), außerdem lag die Übertsetzung von P. D. Widmann, Geschichte der Wiedertäufer zu Münster in Westfalen. Aus einer lateinischen Handschrift des Herrmann von Kerssenbrock übersetzt, Münster 3 1929, vor.
7 Kerssenbrock, Bd. 1 S. 289
3
Wert der Quelle liegt also weniger in einer objektiven Beurteilung der Lage, als vielmehr in der reichhaltigen Quellengrundlage, auf der das Werk entstandenen ist.
Außerdem werde ich noch die Protokolle der Gerichtsverhandlungen hinzuziehen, die bei den Verhören von Jan Bockelson und Bernd Knipperdollinck entstanden sind. 8 Sie sind datiert auf den 25. Juli 1535 sowie den 20. und 21. Januar 1536. Es handelt sich um offizielle Protokolle der Verhöre, die teils freiwillig, teils unter Androhung oder sogar unter Folter erfolgten. Sie sind uns im Original bis heute erhalten. Ihre Glaubwürdigkeit wird heute kaum angezweifelt, da das Todesurteil für die Verhörten schon fest stand, sie also nichts mehr zu verlieren hatten. Sie bieten einen Einblick in die Denkweise der führenden Täuferschicht, ihrer Pläne, Ziele und Ideale.
8 Diese sind wie Meister Heinrich Gressbecks Bericht editiert in Carl Adolph Cornelius, Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, fototechnischer Neudruck der Ausgabe Münster 1853, Münster 1965
4
2. Welche Rolle spielt Knipperdollinck im Königtum?
2.1. Ausgangsposition: Politische Funktionen Knipperdollincks
Wie oben bereits angesprochen, handelte es sich bei Knipperdollinck sowohl um einen angesehenen, wohlhabenden Bürger Münsters als auch um einen Täufer der „ersten Stunde“. Er schloss sich bereits früh dem Prediger Rothmann an, stellte für die aus den Niederlanden angereisten Prediger, unter ihnen Johann Bockelson, sein Haus zur Verfügung. Bei den letzten freien Ratswahlen im Februar 1534 wurde er zum Bürgermeister, und ebnete so den Weg für die Täufergemeinde in Münster. 9 Von Jan van Leiden wurde er dann allerdings unter dem Rat der zwölf Ältesten zum Henker degradiert, 10 führte auch einige Todesurteile aus. 11 Unter dem Königtum Jans van Leiden wird er dann jedoch als Statthalter Stellvertreter des Königs, wobei es sich hier nicht nur um eine nominelle Funktion handelt, sondern er tatsächlich auch Rechte gegenüber dem König und den anderen Regierenden wahrnehmen konnte. 12
2.2. Der „Knipperdollinckputsch“
Abgesehen von diesen rein politischen Ämtern bleibt die Frage offen, welche Rolle Knipperdollinck konkret im Königtum Jans von Leiden spielte. Die Beurteilung dieser Frage führt nicht an der Szene vorbei, die sowohl von Gressbeck als auch Kerssenbrock relativ umfangreich beschrieben wird: Knipperdollincks Machtanspruch auf dem Marktplatz in Münster. Datiert ist dies Geschehen bis heute nicht einwandfrei, fest steht jedoch, dass eine unmittelbare Verknüpfung an das große Abendmahl, wie Kerssenbrock sie beschreibt, falsch ist. 13
9 Robert Stupperich, Knipperdollinck, Artikel in Neue Deutsche Biografie, S. 187
10 ebd.
11 van Dülmen, S. 271
12 Jan van Leiden schreibt in seinem Brief an Knipperdollinck, (van Dülmen, S. 166), er habe seinen Dienern mit Knipperdollinck „...einen übergeordnet, der sie, wenn sie in irgendeiner Frage uneinig sind, mit Autorität wieder zur Einigkeit bringen soll...“
13 Widmann, S. 86. Kerssenbrock gibt, wohl aus Versehen, für das Abendmahl das selbe Datum an wie für die Geschehnisse auf dem Marktplatz, nämlich den 12. Oktober. Dieses Datum kann also nicht für beide Ereignisse stimmen. Wahrscheinlich spielte sich die Marktplatzszene bereits früher ab. Dies stellt bereits Detmer bei der Edition der lateinischen Handschrift fest.(Kerssenbrock, S. 691 Bd. 1). Der zeitliche und ursächliche Zusammenhang zwischen dem Abendmahl und des Putschversuchs Knipperdollings „...wäre in den zahlreichen gleichen Nachrichten, die wir über das Abendmahl besitzen, gewiss nicht verschwiegen.“
5
2.2.1. Kurze inhaltliche Wiedergabe der Quellen
Im groben Hergang der Dinge sind sich Kerssenbrock und Gressbeck einig, wenn auch im Detail wichtige Unterschiede zwischen den beiden Quellen herrschen. Kerssenbrocks Geschichte fällt wesentlich kürzer aus, er fasst den Hergang folgendermaßen zusammen: Knipperdollinck tritt in der Stadt und auf dem Marktplatz auf und stellt sich rasend. Er zieht durch die Menge, wild tanzend, gestikulierend, heiligt Menschen, versucht Blinde zu heilen und fordert schließlich den König heraus, in dem er sich auf seinen Platz setzt. Dies missfällt dem König, er wirft Knipperdollinck von seinem Platz und lässt ihn einsperren. Knipperdollinck kommt zu Sinnen, tut Buße und bereut seine Taten, woraufhin er freigelassen wird.
Gressbeck schildert die Szenerie viel detailreicher, er unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Tagen, berichtet von wesentlich mehr Einzelheiten. Bei Kerssenbrock folgt dann noch ein Brief, den Jan van Leiden Knipperdollinck schrieb, um ihn wieder zur Mitarbeit am Hof des Königs zu überreden.
2.2.2. Das Verhalten Knipperdollincks
Viele Fragen tun sich auf, wenn man den Hergang anhand der Quellen studiert, insbesondere im Hinblick auf die Person Knipperdollincks. Die wichtigste, und wohl auch am schwersten zu beantwortende Frage lautet, welche Intention Knipperdollinck mit seinem Begehren verfolgte. Bei der Betrachtung der Mittel, mit der er dieses Ziel erreichen wollte, drängt sich dann die Frage auf, wie er sein Handeln rechtfertigt und theologisch begründet und ob er selbst von der „Eingebung“ überzeugt war. Denkbar wäre auch, dass Knipperdollinck alles von vornherein geplant, und rationell umgesetzt hat.
Vieles spricht dafür, dass Knipperdollinck mit der Tat seinen eigenen Machtbereich vergrößern wollte. Zwar gibt er im peinlichen Verhör lediglich an, er habe die falsche Schriftauslegung des Jan van Leiden anprangern wollen, 14 jedoch berichten sowohl Kerssenbrock 15 , als auch Gressbeck 16 von einem konkreten
14 Corneliu,s S. 409: “…Dewil nun van Davitz und Salomonis temple die schrift vermelt, und disser ir Tempel noch koestlicher sin sol, und nit dar van in der Schrift nit ussdrucklich geschreven, so war sulchs neben der Schrift her.“
15 Widmann, S. 146: „...Johann Bockelson sei ein König nach dem Fleische[secundum carnem], er aber werde ein geistiger [vero spiritualem] sein.“
16 Cornelius, S. 149: Ick solt von rechten ein koningh sein. Ick hebbe dy tho einem koningk gemacket.“
6
Herrschaftsanspruch Knipperdollincks. Doch wie versucht Knipperdollinck, diesen Anspruch zu begründen? Kerssenbrock unterstellt Knipperdollinck schon zu Beginn, er habe durchschaut, dass ein Anspruch auf Herrschaft allein durch eine „göttliche Schickung“ 17 begründbar sei, und habe sich daher verzückt gestellt und dann den Anspruch als von Gott gewollt präsentiert. Vieles spricht jedoch dafür, dass das Verhalten, das Knipperdollinck am ersten Tag (nach Gressbeck) zeigt, mit dem König abgesprochen ist. Gressbeck erzählt von einem Gerücht, dass schon vor der Versammlung im Umlauf gewesen ist, dass an diesem Tag auf dem Marktplatz ein Wunder geschehen sollte. 18 Die Art und Weise, wie sich dann der Hergang entwickelt, untermauert diese These weiter: Jan van Leiden greift nicht etwa ein und bringt Knipperdollinck zum Schweigen, wie er es am nächsten Tag sofort tut. 19 Er spielt das Spiel mit, 20 lässt sich von Knipperdollinck als König bestätigen und wieder auf seinen Thron setzen, 21 und nutzt die Gelegenheit, um seinen Anspruch auf Weltherrschaft geltend zu machen. 22 Denkbar wäre, dass diese Szene inszeniert wurde, um die Aussendung der Aposteln vorzubereiten. Angesichts der kriegerisch schlechten Lage musste es den Predigern klar sein, dass sie sich bei der Aussendung in Lebensgefahr begeben würden. Mit dieser Inszenierung hätte man dann die Einschwörung auf das „Reich Christi“ verstärken können. Die Person, die vom König den „Geist“ eingehaucht bekommt, 23 könnte ebenfalls in das Spiel eingeweiht worden sein, sonst muss man es für relativ unwahrscheinlich halten, dass er sich ebenso gebärdete, wie vorher Knipperdollinck und der König. 24
Dann entgleist die Szenerie jedoch, als Knipperdollinck noch seine ehemaligen Mitgefangenen herbeiführt, um auch ihnen den Geist einzublasen. Denn hier scheitert der Versuch, die Personen spielen nicht mit, sie werden vom Geist nicht
17 Widmann, S. 145.
18 Cornelius, S. 142.
19 Cornelius, S. 149: Der König verlässt zwar zunächst seinen Platz, kommt aber bereits kurze Zeit später wieder, (Laubach vermutet, um zu prüfen, wie groß die Anhängerschaft Knipperdollincks war), und geht dann offensiv gegen Knipperdollinck vor: er verscheucht ihn von seinem Platz und bringt ihn zum Schweigen.
20 Er fällt von seinem Sitz und bleibt schweigend liegen, Cornelius, S. 145.
21 ebd. S. 146.
22 „Sehet, lieven broeders und susters, dat huiss kompt herwert, die stat gehet noch runt umb. Dat bedeutet so viel und iss ein tiecken von Got, dat wy noch sollen runt umb die werlt trecken, und dat ick sal ein koningh over die gantze werlt, und sal darover herssen.“ (Cornelius, S. 146)
23 Der Knecht mit der „graen kappen“, ebd., S. 146 f.
24 „Und heft up gesprungen und heft gedantzet und heft sick an gestalt glick als der koningk und Knipperdollinck.“ Ebd. S. 147.
7
berührt. 25 Diese Szene ist der Wendepunkt des Geschehens, der König wird plötzlich abweisend, will alle nach Hause schicken. Knipperdollinck wiederspricht ihm zum ersten mal grob, weist ihn zurecht, erst die Männer und dann die Frauen anzusprechen und greift so die Autorität des Königs an. 26
Am zweiten Tag des Geschehens proklamiert Knipperdollinck bei Gressbeck erstmals seinen Anspruch auf den Königsthron, (s. o.).
Es sprechen also viele Indizien dafür, dass Knipperdollinck seinen Putschversuch nicht unmittelbar alleine geplant hat, sondern vielleicht erst durch die Aktion, die gemeinsam mit dem König durchgeführt wurde, auf die Idee gekommen ist, weil er gemerkt hat, wie leicht das Volk mit spiritualistischen Mitteln zu beeinflussen ist. Dennoch wäre es zu einfach, zu sagen, Knipperdollinck wollte einfach eine machtvollere Position, Kirchhoff stellt richtig fest, dass neben dem Ausbau der Machtposition Knipperdollinck auch theologische Ziele damit verknüpft. 27 In wie weit er diese jedoch für seinen Machtanspruch instrumentalisiert, ist schwer festzustellen. Kerssenbrock beschreibt, dass Knipperdollinck fordert, die Bibel abzuschaffen und allein nach der Eingebung von Natur und Geist zu leben. Diese Prämisse ermöglicht natürlich den Machtanspruch Knipperdollincks, er hat keine Schwierigkeiten, ihn dann zu legitimieren. Das Problem ist jedoch, dass Knipperdollinck keine Beweise in der Bibel für seine Theorien hat, und daher von der Gemeinschaft nicht akzeptiert wird. Darum scheitert sein Machtanspruch und wird von niemandem unterstützt.
Wolgast und Brendler untermauern beide die These, Knipperdollinck habe versucht, sich selbst als zweiten Messias darzustellen, als „Christus redivivus“ 28 . Dafür gibt es auch zahlreiche Hinweise in den Quellen: Die Heilung der Blinden 29 , die Ankündigung seines eigenen Todes und der Wiederauferstehung 30 , die Verleihung von Apostelnamen an seine „Jünger“ 31 , das Einblasen des Geistes 32 . All diese
25 Cornelius, S. 147 f. Knipperdollinck en konde innen den geist nicht inblasen.
26 Cornelius, S. 148: „... so en heb ick dir nicht gelert.“ Mit dieser Formulierung gibt Knipperdollinck vor, den König in Benehmen unterwiesen zu haben, ein Angriff auf die Stellung des Königs.
27 Kirchhoff, Täuferreich zu Münster, S. 396 f.
28 Brendler, S. 152
29 Widmann, S. 82
30 ebd.
31 Cornelius, S. 148
32 Widmann, S. 82, Cornelius S. 144 ff.
8
Indizien können die These, Knipperdollinck habe sich in Tradition Christus gesehen und somit Platz Johann van Leidens einnehmen wollen, untermauern.
Gressbecks bemerkt ganz zum Schluss der Erzählung, dass es in Münster Holländer und Friesen gegeben hätten, die den Anspruch auf eine doppelte Königsherrschaft auch weiterhin vertreten hätten, und sie vom König ins Gefängnis gesteckt worden sind. 33 Dies löste in der Wissenschaft die Diskussion aus, ob Knipperdollinck vielleicht der Kopf einer Verschwörung von Holländern und Friesen war, welche die Alleinherrschaft des Königs nicht dulden wollten. Plausibel argumentiert Brendler 34 zwar, dass die Friesen und Holländer für einen Gesellschaftsumbruch am ehesten bereit gewesen seien, da sie für die Reise nach Münster all ihr Hab und Gut verlassen hätten und somit für gesellschaftliche Umbrüche wie auch die Gütergemeinschaft offener wären, jedoch glaube ich nicht, dass man auf eine Parteibildung aus den Sätzen Gressbecks schließen kann, wie Brendler das ebenfalls tut. Dies ist eine Überbewertung der Passage bei Gressbeck. Hätte es eine größere Gruppe gegeben, die hinter Knipperdollincks Machtanspruch gestanden hätte, dann wäre Knipperdollinck nach seiner Niederklage gegen den König auf dem Marktplatz nicht so schnell in der Versenkung verschwunden. Es hätte eine Erhebung geben müssen. Da dies aber nicht der Fall ist, konnte es mit der Verschwörung wohl nicht so weit her sein. Vielleicht gab es einfach einige Holländer und Friesen, die die Idee Knipperdollincks aufgriffen und dafür ins Gefängnis mussten.
2.2.3. Bewertung
Der Knipperdollinckputsch wird in der Literatur einhellig als einzige wirkliche Autoritätsstreitigkeit im Königtum der Täuferherrschaft in Münster angesehen. Doch wie ernst war diese Bedrohung für den König? Angesichts des unspektakulären Endes und der souveränen Art, wie Johann van Leiden sich gegen seinen Konkurrenten durchsetzt, könnte man vorschnell zu dem Ergebnis kommen, dass Knipperdollinck nie eine reale Chance besessen hat, dem König die Macht streitig zu machen. Sein Fehler war, darin ist sich die Wissenschaft ebenfalls einig, sein Vorgehen nicht mit den Predigern vor Ort abzusprechen und seinen Anspruch mit Bibelstellen belegen zu können, wobei letzteres natürlich seinem Anspruch, das
33 Cornelius, S. 150
34 Brendler, S. 150 f.
9
sogenannte „Buchstabenchristentum“ abzuschaffen, entgegen stand. Hätte er diese Dinge beachtet, wären seine Chancen wahrscheinlich gar nicht so schlecht gewesen: Den Absolutheitsanspruch des Königs hatte die Bevölkerung sowieso nur wiederwillig akzeptiert, Knipperdollinck war ein angesehener Mensch in Münster und hatte als „Eingeborener“ sicher vor allem bei den anderen ursprünglichen Münsteranern Vorteile vor dem eingewanderten Johann van Leiden. Die Massen der Bevölkerung waren dank der theologischen Arbeit der Prediger hochgradig sensibilisiert für Erscheinungen des Geistes, sodass die Glaubwürdigkeit der Handlungsweise Knipperdollincks für einen Großteil der Bevölkerung sicherlich sehr groß war. Bedenkt man dann noch die Einschätzung Gressbecks, es habe eine Fraktion von Holländern und Friesen gegeben, die die Tendenz einer doppelten Königsherrschaft unterstützen, so muss man zu dem Ergebnis kommen, dass das Anliegen Knipperdollincks sicherlich kein völlig Utopisches war. Dass Knipperdollinck dennoch scheiterte, bedeutete für den König eine enorme Bestätigung seiner Position und Macht.
2.3. Die Situation nach Ende der Auseinandersetzung
Knipperdollinck wird in Folge des Vergehens inhaftiert. Im Gefängnis bleibt er jedoch nur für drei Tage 35 . Er wiederruft seinen Anspruch auf das geistliche Königtum und wird dafür aus der Haft entlassen.
Anscheinend gab es jedoch nach der Entlassung aus der Haft disziplinarische Probleme: Kerssenbrock schreibt davon, dass Knipperdollinck die Haft nicht verschmerzen kann und versucht, Handlungen des Königs zu boykottieren. 36 Woher Kerssenbrock diese Informationen hat, ist nicht bekannt, es gibt dafür keine Quellenbelege. 37 Ableiten lässt sich dieses Verhalten jedoch aus einem Brief, der ebenfalls nur über Kerssenbrock erhalten ist. In diesem Brief fordert der König Knipperdollinck auf, dass er „sein Amt getreulich verrichten möge[st]“ 38 und hält eine leidenschaftliche Lobrede auf die Fähigkeiten Knipperdollincks. Er schwört ihn auf die Gemeinschaft ein und erinnert an das große gemeinsame Ziel, die Erlösung durch Gott. Dieser Brief kann also somit als ein Indiz gewertet werden, dass
35 Widmann, S. 83
36 Widmann, S. 83
37 Kerssenbroch, S. 695, Anm. 2
38 Widmann, S. 84
10
Knipperdollinck nach seiner Freilassung die Arbeit als Statthalter für den König verweigerte. Ebenso wäre es allerdings denkbar, dass dieser Brief noch in das Gefängnis gecshickt worden ist, und Knipperdollinck von seinem falschen Weg überzeugen soll. Auch hierfür gibt es im Text zahlreiche Anhaltspunkte, beispielsweise die Formulierung: „Ich ermahne dich deswegen, dass du der ersten Liebe nicht vergisset, noch dich mir entzweiest...“ 39 . Dennoch kommt man in der Literatur zu dem Ergebnis, dass nach dem Putschversuch die Zeit für Knipperdollinck abgelaufen ist. Laubach fasst zusammen, dass er nach dieser Tat bis zur Verhaftung in den Quellen nicht mehr in Erscheinung tritt. 40 Klötzer hält fest, dass die Bestrafung Knipperdollincks erst später erfolgt, wohl aus der Verpflichtung Jans van Leiden zu hartem Durchgreifen aus theologischen Gründen. 41
Erwähnenswert erscheint noch, dass Knipperdollinck anscheinend tatsächlich von der Falschheit seiner Aktion überzeugt ist, in den Vernehmungsprotokollen spricht er nämlich von „...eine boese driwungh und infal...“ 42 Unter Berücksichtigung dieser Selbsteinschätzung erscheint die Interpretation Kerssenbrocks, Knipperdollinck handelt „...offenbar den königlichen Befehlen entgegen...“ 43 fragwürdig, oder müsste umgedeutet werden in eine Resignation, die sich nach der Einsicht, falsch gehandelt zu haben, einstellt.
39 Widmann, S. 84
40 Laubach, S. 206
41 Klötzer, S. 118
42 Cornelius, S. 409
43 Widmann, S. 83
11
3. Fazit
Um Knipperdollincks Rolle im Königtum abschließend zu bewerten, ist folgendes zu sagen: Unterscheiden muss man zwischen der nominellen Funktion, die Knipperdollinck ausübt, den Handlungen, die er im Zuge seines Machtanspruch verübt, und dem, was er konstruktiv während der Königsherrschaft leistet. Die Wirkung, die sein Auftreten im Königreich hat, ist sicherlich eine völlig andere, als man auf Grund des Amtes denken könnte: Knipperdollinck hat mit seinem Wirken nicht etwa den König in seiner Machtausübung unterstützt, sondern ihm seinen Thron streitig gemacht. Letztendlich hat er aber durch das Scheitern dieser Tat dem König nicht oder kaum geschadet, im Gegenteil: Er hat die Machtposition des Königs gefestigt. Da Knipperdollinck nach dieser Tat kaum noch in Erscheinung tritt, bleibt sein Wirken also auf eben diesen Vorfall beschränkt. Auch durch diese Passivität erweitert er den Machtbereich des Königs, da nun noch eine weitere Kontrollinstanz faktisch wegfällt. Dennoch muss man davon ausgehen, dass der König den Vorfall als bemerkenswert eingestuft hat, denn im einzigen uns erhaltenen legislativen Akt des Königs, dem „Artikelbrief“ 44 , nehmen diejenigen Positionen, die eine ähnliche Tat im Keim ersticken, nämlich Verbot falscher Bibelauslegungen, falscher Prophetie, etc. einen überdurchschnittlichen Platz ein. Man darf also davon ausgehen, dass dieser Artikelbrief als eine Reaktion des Königs auf den Knipperdollinckputsch anzusehen ist.
44 Laubach,. S. 206
12
4. Bibliografie:
(Die unterstrichenen Teile geben an, wie die Werke in der Hausarbeit zitiert wurden) Quellen:
Von der Wiedertaufe in Münster. Meister Heinrich Gresbeck´s Bericht, in: C. A. Cornelius (Hrsg.), Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, Münster ²1985 (Nachdruck der ersten Auflage)
Bekenntniss Johanns von Leiden, in: C. A. Cornelius (Hrsg.), Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, Münster ²1985 (Nachdruck der ersten Ausgabe 1853) Bekenntniss Bernt Knipperdollings, in: C. A. Cornelius (Hrsg.), Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich, Münster ²1985 (Nachdruck der ersten Auflage) P. D. Widmann, Geschichte der Wiedertäufer zu Münster in Westfalen. Aus einer lateinischen Handschrift des Herrmann von Kerssenbrock übersetzt, Münster 3 1929 Hermanni a Kerssenbroch, Anabaptisici furoris Monasterium inclitam Westphaliae metropolim evertentis historica narratio, Hrsg. von H. Detmer, Münster 1900 (Geschichtsquellen des Bisthums Münster Bd. 5, Teil 1 und 2)
Klemens Löffler(Hrsg.), Die Wiedertäufer zu Münster 1534/35. Berichte, Aussagen und Aktenstücke von Augenzeugen und Zeitgenossen, ausgewertet und übersetzt von Klemens Löffler, Jena 1923 Richard van Dülmen, Das Täuferreich zu Münster 1534-1535. Berichte und Dokumente, Herausgegeben von Richard van Dülmen, München 1974 Literatur:
Gerhard Brendler, das Täuferreich zu Münster, Berlin 1966
Gerd Dethleffs, Das Widertäuferreich in Münster 1534/35, in: Die Wiedertäufer in Münster, Katalog zur Ausstellung der Eröffnungsausstellung, Münster 5 1986
Karl-Heinz Kirchhoff, Gab es eine friedliche Täufergemeinde in Münster 1534?, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte, Bd. 55/56, 1962/63
Karl-Heinz Kirchhoff, Die Endzeiterwartung der Täufergemeinde zu Münster 1534/35. Gemeindebildung unter dem Eindruck biblischer Verheißungen, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte, Bd. 78, 1985
Karl-Heinz Kirchhoff, Das Phänomen des Täuferreiches zu Münster 1534/35, in: Franz Petri u. a. (Hrsg.), Der Raum Westfalen. Fortschritte der Forschung Schlussbilanz (Bd. 6.1), Münster 1989 Ralf Klötzer, Die Täuferherrschaft von Münster. Stadtreformation und Welterneuerung, Münster 1992 Ernst Laubach, Reformation und Täuferherrschaft, in: Geschichte der Stadt Münster, Hrsg. von Franz Josef Jakobi, Münster 2 1993, Bd. 1
Franz Petri, Das Reich der Wiedertäufer zu Münster. Ein frühbürgerlicher Vorläufer der proletarischen Revolution des 20. Jahrhunderts?, in: Werner Besch u. a. (Hrsg.), Die Stadt in der Europäischen Geschichte. Festschrift für Edith Ennen, Bonn 1972, S. 623-673 Joseph Prinz, Bernd Knipperdollinck und seine Sippe, in: Westfalen 40, 1962 Eike Wolgast, Herrschaftsorganisation und Herrschaftskrisen im Täuferreich zu Münster 1534/35, in: Archiv für Reformationsgeschichte 67, 1976, S. 179-201 Robert Stupperich, Knipperdollinck, in: Neue Deutsche Biografie, Bd. 19
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