Inhalt
I. Einleitung 3
II. Anmerkungen zur sogenannten
sino -malaiischen Sprache 7
1. Zur Abgrenzung zwischen Sino-Malaiisch (Melayu Tionghoa)
und dem Niederen Malaiisch (Melayu Rendah) 7
2. Lie Kim Hok, „der Vater des Sino-Malaiischen“ 10
III. Die historische Entwicklung der sino-malaiischen
Literatur , ihre wesentlichen Inhalte und Charakteristika
sowie ihre herausragenden Vertreter 11
1. Übersetzungen aus der chinesischen Literatur 11
Sam Kok 12
Sam Pek - Eng Tai 13
Kung Fu-Geschichten (cerita silat) 15
2. Das Pressewesen und die ersten authentischen Werke
der Peranakan 16
Soewatoe tjerita jang betoel soeda terdjadi di 17
Syair 18
Groschenromane (roman picisan) 20
3. Das nationale Erwachen Chinas in der Literatur 21
4. Herausragende Vertreter der sino-malaiischen Literatur 22
Kwee Tek Hoay 22
Njoo Cheong Seng 24
Liem Khing Hoo 26
5. Die Literatur der Peranakan seit Indonesiens Unabhängigkeit
1945-1965 27
1965-heute 28
IV. Zusammenfassung 30
V. Bibliographie 31
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I. Einleitung
Die ethnischen Chinesen in Indonesien verfügen über ein reichhaltiges literarisches Erbe, das für lange Zeit in Vergessenheit geraten und gar verleugnet worden ist. Erst in diesen Jahren wird es allmählich wieder entdeckt. Während der Blütezeit dieser sogenannten sino-malaiischen Literatur zwischen etwa 1870 bis 1960 entstand ein eindrucksvoller Korpus von mindestens 3000 Werken aus der Hand von rund 800 Autoren - wesentlich mehr, als die „moderne indonesische Literatur“ hervorgebracht hat.
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Doch selbst viele der monumentalsten Werke ethnischer Chinesen - einer Minderheit, die nicht in der Standardsprache schrieb und in der späten Kolonialzeit, während der japanischen Besatzung und seit der Unabhängigkeit Indonesiens ideologisch und kulturell zeitweise an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde - blieben aus dem Kanon der indonesischen Literatur ausgeschlossen und finden sich heute in nur vielleicht noch ein, zwei Bibliotheken in der Welt.
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Trotz (oder gerade wegen) dieser Marginalisierung der sino-malaiischen Literatur stellt sich die Frage: Wie gross war der kulturelle Einfluss aus China auf die werdende indonesische Nation und ihre Literatur? Seit sich Immigranten aus China, meist Hokkien aus der südchinesischen Provinz Fujian, ab etwa dem 15. Jahrhundert im indonesischen Archipel und besonders in Java in grösserer Zahl niederliessen, heirateten sie einheimische Frauen und erzogen ihre Kinder als Chinesen. Aus diesen Verbindungen gingen die sogenannten
Peranakan-Chinesen
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hervor, während frisch angekommene Einwanderer
Totok
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genannt werden. Schon nach wenigen Generationen waren die
Peranakan
des Chinesischen nicht mehr mächtig und sprachen die Lokalsprachen ihrer neuen Umgebung, später auch das sogenannte Sino-Malaiisch (Melayu
Tionghoa).
Die
lingua franca
in den Hafenstädten der malaiischen Inselwelt - von Aceh über die Küstenstädte rings um die Java-See bis hin zu den ostindonesischen Häfen war das relativ konventionslose Basar-
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Salmon(1981), i. Die klassische Studie der „modernen indonesischen Literatur,“ auf die Salmon sich bezieht, ist Teeuw (1967). Teeuw hat bis dahin 175 indonesische Schriftsteller identifiziert, die rund 400 Werke hervorgebracht haben (ausgenommen Übersetzungen). 2 Maier (1993), 284.
3 Das Wort Peranakan bedeutet soviel wie Mischling; Kind (anak) eines Ausländers mit einer indonesischen Mutter. Auch Mischlinge arabischen oder indischen Ursprungs werden Peranakan genannt. Unter den Peranakan-Chinesen wird der Begriff aber hauptsächlich als Abgrenzung zu den Totok verstanden. Es soll hier daher ausreichen, wenn wir von Peranakan sprechen, nicht von Peranakan-Chinesen.
4 Totok heisst „vollblütig“ und meint hier die erste Generation von chinesischen Einwanderern, die noch in China geboren und der Chinesischen Sprache mächtig sind sowie ihre „vollblütigen“ Nachkommen.
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Malaiisch oder Niedere Malaiisch (Melayu Rendah). Das Sino-Malaiische unterschied sich kaum von dieser urbanen lingua franca (siehe II). In der zweiten Hälte des 19. Jahrhunderts begannen die Peranakan, althergebrachte chinesische Geschichten in der romanisierten Form des Sino-Malaiisch niederzuschreiben. 5 Diese frühe Peranakan-Literatur basierte auf mündlichen Überlieferungen oder Übersetzungen von chinesischen Klassikern und Kurzgeschichten wie etwa Sam Kok (ein Zyklus aus der Zeit der drei Königreiche) oder Sam Pek - Eng Tai (einer klassischen chinesischen Liebesgeschichte). Auch Adaptationen der traditionellen malaiischen Versform syair waren häufig. Etwa ab dem frühen 20. Jahrhundert schrieben die Peranakan selbst zahlreiche kreative Werke, die Themen aus ihrem unmittelbaren Umfeld aufgriffen. Mit dem Erwachen des chinesischen Nationalismus und der Pan-Chinesischen Bewegung seit der Revolution Sun Yat-Sens 1911 drückten viele Peranakan-Autoren in Kurzgeschichten und Romanen ihr neues Selbstverständnis als überseeische Angehörige der chinesischen Nation aus, ihrer „imagined community.“ 6 Ferner machten sich europäische Einflüsse bemerkbar, indem Peranakan Romane aus dem Niederländischen, Englischen und Französischen ins Melayu Tionghoa übersetzten.
Die Presse der Peranakan sowie vielfältige literarische Zeitschriften boten ihnen ein lebhaftes Forum. Kosmopolitische Peranakan waren die ersten Nicht-Niederländer, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Autoren, Zeitungs- und Buchverleger in malaiischer Sprache auftraten. Sie gehörten daher zu den Pionieren einer landesübergreifenden Sprache und Literatur in Niederländisch-Indien und halfen mit, die spätere indonesische Nation zu „schreiben.“ 7 Sie taten dies jedoch im volksnahen Melayu Rendah, nicht in der standardisierten Hochsprache Melayu Tinggi, wie sie die niederländische Kolonialregierung ab 1901 durch Van Ophuysens Rechtschreibung, über die Schulen und ab 1908 durch den staatlichen Verlag Kantoor voor de Volkslectuur (Balai Pustaka) propagierte. Obschon auch bekannte einheimische, nationalistische Autoren wie Raden Mas Tirto Adhi Soerjo, Mas Marco und Semaun Melayu Rendah benutzen, erlangte Balai Pustaka spätestens ab den 1920er Jahren die Hegemonie über die Standards der Bahasa Indonesia mit der
5 Die klassische malaiische Literatur wurde bis hinein ins 19. Jahrhundert in arabischen Schriftzeichen geschrieben (Jawi).
6 Der Begriff stammt von Anderson (1983).
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Veröffentlichung der Gedichte Muhammad Yamins und der ersten Romane von Autoren aus Minangkabau in Sumatra, wie Merari Siregar’s Azab dan sengsara (1920), Marah Roesli’s Sitti Noerbaja (1922) oder Noer St. Iskandar’s Karena mentoea (1932). 8 Nach dem Diktat des Balai Pustaka galt Melayu Rendah als drittklassig und subversiv, die sino-malaiische Literatur damit als nicht lesenswert. 9 Als Indonesien nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit erlangte, gaben sich indonesische Schriftsteller und Intellektuelle, selbst aus Kreisen der Peranakan, gegenüber dem literarischen Erbe der Peranakan verschlossen. Die Ansicht, sämtliche Werke in Melayu Rendah seien von schlechter Qualität, hatte sich unter ihnen durchgesetzt. 10 Ausnahmen bildeten Pramoedya Ananta Toer, ein führender indonesischer Schriftsteller, der mehrere Artikel über den Übergang der indonesischen Literatur aus dem Melayu Rendah ins Indonesische schrieb, 11 sowie Nio Joe Lan, der 1962 eine allgemeine Einführung in die Peranakan- Literaturder Kolonialzeit veröffentlichte. 12 Nio gab einen Überblick über die verschiedenen Genres der sino-malaiischen Literatur und fasste die wichtigsten Werke zusammen. Seine Ansicht jedoch, die Peranakan-Literatur sei mit der Unabhängigkeit Indonesiens an ihrem Endpunkt angelangt, 13 ist vielfach kritisiert worden. Das Niedere Malaiisch kam auch unter dem Druck des indonesischen Nationalismus nur allmählich aus dem Gebrauch. Die Peranakan-Autoren verloren mit der Annahme der indonesischen Staatsbürgerschaft nicht über Nacht ihre Eigenheiten. Der Übergang war vielmehr fliessend. 14 Später haben C.W. Watson (1971), John B. Kwee (1977) und Jakob Sumardjo (1983) anhand gemeinsamer Themen und Handlungsstränge gezeigt, wie sehr die indonesische Literatur von der sino-malaiischen Literatur beeinflusst worden ist. Ein Beispiel von vielen sind die beliebten Kung Fu-Geschichten, die seit den 1950er Jahren nicht mehr allein von Peranakan-Autoren verfasst werden und auch heute noch in ganz Indonesien ein grosses Publikum finden.
7 Der Begriff von „writing the nation“ geht zurück auf Homi K. Bhaba (1990b). Siehe auch Rieger (1996b), 154.
8 Maier (1993), 284.
9 Maier (1991), 75.
10 Suryadinata (1995b), 262.
11 Toer (1982), 1-16; siehe auch Salmon (1981), i; Suryadinata (1995b), 261-262.
12 Nio Joe Lan (1962).
13 „Setelah Indonesia merebut kembali kedaulatan pada 17 Agustus 1945, sejarah sastera Indonesia-Tionghoa ini dengan resmi tiba pada akhirnya. Pencipta dan pendukungnya telah menjadi orang Indonesia. (...) Dan perbendaharaan sastera Indonesia-Tionghoa kini beralih menjadi sastera umum Indonesia,“ Nio Joe Lan (1962), 4. [„Nachdem Indonesien am 17. August 1945 die Unabhängigkeit zurück erlangte, gelangte die Indonesisch-Chinesische Literatur offiziell an ihr Ende. Ihre Schöpfer und Liebhaber waren zu Indonesiern geworden. (...) Und der Schatz der Indonesich-Chinesischen Literatur ist in der allgemeinen Indonesischen Literatur aufgegangen,“ Übersetzung des Autors.]
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Die bisher umfassendste Arbeit über die sino-malaiische Literatur hat Claudine Salmon (1981) vorgelegt. In dieser Bibliographie hat sie 3005 bis dahin schwer zugängliche Titel (73 Theaterstücke, 183 Gedichte, 233 Übersetzungen westlicher Titel, 759 Übersetzungen chinesischer Titel und 1.398 authentische Romane und Kurzgeschichten) 15 aus der Feder von Peranakan-Autoren in Bibliotheken weltweit lokalisiert und in ihren historischen Kontext seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gestellt. Sie hat damit gezeigt, dass die Ursprünge der indonesischen Literatur weit vor Balai Pustaka anzusetzen sind 16 und der Schatz an sino-malaiischer Literatur zu reichhaltig ist, um ihn weiterhin zu ignorieren. 17 Den „kritischen Wendepunkt“ der sino-malaiischen Literatur hat Salmon auf die frühen 1960er Jahre datiert, als die Peranakan weitgehend in der indonesischen Gesellschaft aufgegangen seien. Suryadinata (1995b) indes sieht ihr Ende in der Assimilationspolitik der Neuen Ordnung unter General Suharto seit Mitte der 1960er Jahre. Seit Salmon’s Buch erschienen ist, haben sich einige weitere Forscher der sino-malaiischen Literatur angenommen, so unter anderen Dede Oetomo und Leo Suryadinata (siehe Bibliographie). Myra Sidharta gab 1989 einen Sammelband über Kwee Tek Hoay heraus, einen der profiliertesten Peranakan-Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. Von Kwee Tek Hoay wird auch in dieser Arbeit noch ausführlicher die Rede sein. Thomas Rieger, ein deutscher Literaturwissenschaftler, hat zu diesem Sammelband eine Besprechung von Kwee Tek Hoay’s Drama di Boven Digoel beigetragen, seiner Meinung nach ein „monumentales Werk“ vergleichbar mit Pramoedya’s Roman Bumi Manusia. 18 Doch der Versuch, das literarische Erbe der Peranakan einer breiten indonesischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, konnte erst mit dem Widerruf des Präsidialdekrets von General Suharto von 1967 (Inpres 14/1967) durch die Regierung Abdurrahman Wahid Anfang 2000 beginnen. Seither dürfen die Peranakan-Chinesen in Indonesien ihre Kultur und Religion wieder frei ausüben. Kurz darauf ist der erste Band einer Anthologie sino-malaiischer Literatur
14 Siehe Kratz (1992); Suryadinata (1995b), 263-264.
15 Salmon (1981), i.
16 Salmon (1981), 94.
17 Suryadinata (1995b), 268.
18 „ ... Drama di Boven Digoel harus dianggap sebagai karya penting dalam kancah sastra Indonesia. Dengan panjang sebanyak 718 halaman dan cara penggarapannya yang sangat teliti roman itu dapat dikatakan salah satu karya monumental dalam sastra Indonesia yang baru tertandingi oleh serangkaian roman Bumi Manusia oleh Pramoedya Ananta Toer setengah abad kemudian,“ Rieger (1989), 123. [„ ... Drama di Boven Digoel has to be considered as an important work in the Indonesian literary field. With the length of 718 pages and a detailed and meticulous writing style,
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erschienen, die einmal 25 Bände umfassen soll, um die Rolle der Peranakan- Chinesenim Prozess der Entwicklung des indonesischen Volkes aufzuzeigen. 19 Schöpfend aus dem Fundus der oben genannten Primär- und Sekundärliteratur versucht diese Arbeit, die historische Entwicklung der sinomalaiischen Literatur, ihre wesentlichen Inhalte und Charakteristika sowie einige ihrer herausragenden Vertreter zu skizzieren. Im letzten Teil wird die Entwicklung der Peranakan-Literatur seit der Indonesischen Unabhängigkeit kurz umrissen, bevor die wesentlichen Fragestellungen zur sino-malaiischen Literatur aus literaturgeschichtlicher Perspektive in einer kurzen Zusammenfassung noch einmal zur Sprache kommen. Im Mittelpunkt steht dabei die Eingangsfrage: Wie gross war der kulturelle Einfluss aus China auf die werdende indonesische Nation und ihre Literatur? Einige Anmerkungen zur sogenannten sino-malaiischen Sprache (Melayu Tionghoa) seien vorangestellt.
II. Anmerkungen zur sogenannten sino-malaiischen Sprache
1. Zur Abgrenzung zwischen Sino-Malaiisch (Melayu Tionghoa) und dem Niederen Malaiisch (Melayu Rendah)
Der Begriff der sino-malaiischen Sprache ist ungenau. Das Melayu Tionghoa ist lediglich eine mit Hokkien-Vokabeln gespickte Variation des Melayu Rendah, das vor allem unter der Bourgeoisie nicht nur der Peranakan-Chinesen, sondern vieler ethnischer Gruppen in den Städten Niederländisch-Indiens in kreolischen Dialekten gebräuchlich war, besonders ab dem 19. Jahrhundert. 20 Es diente in den urbanen Zentren der gesamten malaiischen Welt (alam Melayu) als lingua franca (bahasa perhubungan) und galt als fortschrittlich und modern im Gegensatz zu den Regionalsprachen wie etwa Acehnesisch, Javanisch oder Makassarisch. 21 Einen enormen Beitrag zur Verbreitung und Vereinheitlichung dieses Melayu Rendah leistete die sino-malaiische Presse, die sich nicht nur an die Peranakan
the novel can be said to be a monumental work which can only be compared with the series of novels such as Pramoedya Ananta Toer’s Bumi Manusia half a century later,“ Übersetzung von Suryadinata (1995b), 267-268.]
19 „Setiap tulisan yang dipilih dinilai dapat menunjukkan peranan masyarakat Peranakan Tionghoa dalam proses terbentuknya kebangsaan Indonesia,“ Pengantar Redaksi in A.S., Marcus und Pax Benedanto, Hrsg. (2000), xi. [„Jede Schrift, die ausgewählt wurde, soll dazu dienen, die Rolle der Peranakan-Chinesen im Prozess der Entwicklung des indonesischen Volkes aufzuzeigen,“ freie Übersetzung des Autors.]
20 Oetomo (1991), 64.
21 Maier (1993), 275.
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richtete, sondern an alle Menschen in Niederländisch-Indien, die Malaiisch verstanden - unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. 22 Bis in die 1920er Jahre war das in der Presse Javas gebräuchliche Malaiisch ihren niederländischen, eurasischen, javanischen und chinesischen Lesern gleichermassen verständlich. Von einer sino-malaiischen Sprache, die von den gebräuchlichen Varianten des Melayu Rendah klar abgrenzbar ist, kann nur in den Übersetzungen aus traditioneller chinesischer Literatur die Rede sein, in denen ihre Peranakan-Übersetzer viele chinesische Wörter übernahmen. 23 Der Ursprung des Begriffs einer sino-malaiischen Sprache ist vielmehr in der Sprachpolitik der niederländischen Kolonialregierung zu suchen, die das Riau-Malaiisch aus Sumatra propagierte und im Gegensatz dazu alles, was ausserhalb ihrer Kontrolle, vor allem eben von Peranakan-Chinesen publiziert wurde, als „wilde Presse“ und „Schundliteratur“ abstempelte. 24 Einheimische und niederländische Autoren, die sich anfangs durchaus an der Entwicklung einer Literatur in Melayu Rendah beteiligt hatten, 25 neigten fortan eher dazu, das durch die Kolonialregierung standardisierte Melayu Tinggi zu übernehmen als die Peranakan, die das Melayu Rendah länger beibehielten. 26 Dabei war das Melayu Rendah im frühen 20. Jahrhundert wesentlich weiter verbreitet als das standardisierte Melayu Tinggi. So begrüsste Raden Mas Tirto Adhi Soerjo im Jahre 1910 das Erscheinen einer neuen chinesischen Zeitung namens Pembrita Tjoeng Wa, die vielerlei Informationen über Ereignisse in China und Niederländisch-Indien in Melayu Rendah bot, mit den Worten, diese Sprache werde „leicht verstanden“ und sei „die Sprache eines Grossteils der Bevölkerung Niederländisch-Indiens“ („itoe semoea orang nanti dapet taoe dengan membatja soerat kabar Pembrita Tjoeng Wa sebab ini soerat kabar ada pake bahasa Melajoe rendah, soeatoe bahasa jang gampang orang mengerti dan jang djadi bahasanja sebagian besar pendoedoek di Hindia Nederland.“) 27
22 Salmon (1981), 115.
23 Salmon (1981), 120; Oetomo (1991), 64.
24 Maier (1991), 75. G.W.J. Drewes, langjähriger Direktor des Balai Pustaka, hob in einem zeitgenössischen Artikel die „Erfolge“ der Sprachpolitik der Kolonialregierung hervor: „It would be hard indeed to underestimate the important role that the Administration plays in keeping control over the development of good taste in this time of transition (...) it succeeded in pushing back the usually expensive Schund literatur that those Chinese publishers are trying to sell,“ zitiert in Maier (1991), 79.
25 Sumardjo (1989), 90.
26 Oetomo (1991), 64-65.
27 Zitiert in Salmon (1981), 115.
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Um die Besonderheiten zu illustrieren, die das Melayu Rendah vom standardisierten Melayu Tinggi unterschied, aus dem später die Nationalsprache Bahasa Indonesia hervorgehen sollte, lässt sich aus diesem Zitat beispielsweise die unorthodoxe Benutzung des Wortes ada heranziehen, wie in dem Satz ini soerat kabar ada pake bahasa Melajoe rendah (diese Zeitung benutzt Niederes Malaiisch). Im damaligen Standard-Malaiisch würde es heissen: soerat kabar ini memakai bahasa Melajoe rendah. Typisch ist auch das Vorziehen von itu (das, jenes) und ini (dies, dieses) vor das Nomen, hier ini soerat kabar (diese Zeitung) oder etwa itoe toewan (dieser Herr, Standard-Malaiisch: toean itoe). 28 Hier einige weitere typische Unterschiede zwischen Standard-Malaiisch und Melayu Rendah, die unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit eines Autors auftraten: 29
28 Oetomo (1991), 62-63.
29 Beispiele nach Kwee (1977), 4 und Oetomo (1991), 56-57.
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2. Lie Kim Hok, „der Vater des Sino-Malaiischen“
Es war nicht allein die niederländische Kolonialregierung, die sich darum bemühte, die malaiische Sprache in eine einheitliche Form zu bringen. Schon vor dem Erscheinen der ersten malaiischen Grammatik-Bücher durch niederländische Autoren veröffentlichte der in Bogor gebürtige
Peranakan-Chinese
Lie Kim Hok im Jahre 1884 eine Grammatik des
Melajoe Betawi,
die nicht allein an die
Peranakan
gerichtet war, sondern eine allgemeingültige Kodifizierung des in Batavia gebräuchlichen
Melayu Rendah
anstrebte. Lie Kim Hok war der Erste, der Methoden der westlichen Linguistik auf die
gesprochene Sprache anwendete und sich um Sprachdisziplin kümmerte, etwa Interpunktion oder die Übersetzung Malaiische. 30 Lie Kim Hok hatte eine niederländische Ausbildung in einer Missionsschule genossen und war einer der ersten Peranakan-Publizisten, die ihre eigene Druckerei einrichteten. Er vertrieb auch
seine literarischen Werke selbst, die zu den ersten hochgelobten Titeln der Peranakan-Literatur gezählt werden, so etwa der in Gedichtform geschriebenen Epos Siti Akbari (1884). Kwee schrieb darüber: „Siti Akbari is an epic, a story in rhyme, consisting of 1594 four-line stanzas. It is more romantic than realistic, created out of a very strong imagination. Lie Kim Hok depicted the characters in this epic vividly, intertwined with a sense of humour. The language is rich, flowing, fresh and animated. Unlike other Chinese Malay poems in which non-Malay words are used, the vocabulary in Lie Kim Hok’s Siti Akbari is almost completely Malay. Later Peranakan poets copied Lie Kim Hok’s poetical style, known as Liekimhoksch!” 31 Dank seiner Verdienste um die malaiische Sprache wurde Lie Kim Hok als „Vater des Sino-Malaiischen“ (Bapak Melayu-Tionghoa) bekannt. 32
30 Zu Lie Kim Hok, siehe Salmon (1981), 115-116, 224; Kwee (1977), 57-63 und Liaw (1997). Das Foto ist entnommen aus Kwee (1977), 52.
31 Kwee (1977), 62-63.
32 Nio Joe Lan und andere Peranakan-Journalisten nahmen in ihren Artikeln wiederholt auf Lie Kim Hok Bezug als Bapak Melayu-Tionghoa, siehe Salmon (1981), 116; Liaw (1997), 290. Lie Kim Hok’s Kitab Eja (Das Buch von der Rechtschreibung) ist in A.S. und Benedanto (2000), 59-88, erneut erschienen und bietet ein unterhaltsames Beispiel seiner experimentellen Ergründung der malaiischen Sprache.
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III. Die historische Entwicklung der sino-malaiischen Literatur ihre wesentlichen Inhalte und Charakteristika sowie ihre herausragenden Vertreter
1. Übersetzungen aus der chinesischen Literatur
Während es also unangebracht erscheint, vorbehaltlos von einer sinomalaiischen Sprache zu sprechen, gibt es durchaus eine sino-malaiische Literatur. Über Generationen war chinesisches Kulturgut unter den Peranakan in Niederländisch-Indien oral tradiert worden. Wo auch immer sich Peranakan in grösserer Zahl niedergelassen hatten, versammelten sie sich beim wayang cina (chinesisches Theater) und liessen sich traditionelle chinesische Geschichten in Tanz und Gesang erzählen. An Feiertagen wurde das potehi (Puppenspiel) aufgeführt, in dem das Leben am Hofe des imperialen China dargestellt wurde. Tukang cerita (Geschichtenerzähler) wanderten durch die Wohngebiete der Peranakan, die damals Pecinan genannt wurden, und zogen ihre Zuhörer mit Legenden aus dem Land ihrer Väter in ihren Bann. 33 Besonders in den Städten Palembang und Batavia, wo es grössere Gemeinschaften islamisierter Peranakan gab, suchte man auch in der klassischen malaiischen Literatur Inspiration. Dort waren im 19. Jahrhundert taman bacaan (Leihbibliotheken) verbreitet, in denen man gegen einen geringen Obolus Manuskripte mit klassischer malaiischer Literatur in Jawi-Schrift ausleihen konnte. 34 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde unter dem Druck der Holländer das Jawi allmählich durch die romanisierte Form des Malaiischen verdrängt. 35 Etwa gleichzeitig begannen die Peranakan, sich vermehrt der chinesischen Literatur zuzuwenden. Einige Autoren schrieben das zuvor oral tradierte Erbe chinesischer Geschichten in Malaiisch auf. Die ersten Übersetzungen chinesischer Originale erschienen in Malaiisch, da die meisten Peranakan des Chinesischen nicht mächtig waren. Es handelte sich dabei um historische Romane, Kung Fu-Geschichten, Balladen und seit den 1880er Jahren - dank der Verbreitung der Bewegung zur Neubelebung des Konfuzianismus unter den Peranakan - auch religiöse und didaktische Werke aus China. 36
33 Kwee (1977), ii-iii; Salmon (1987a), 33.
34 Salmon (1981), 16; Salmon (1987b), 398-399.
35 Salmon (1987b), 401.
36 Salmon (1981), 30.
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Nio Joe Lan hat darauf hingewiesen, dass die ersten Übersetzungen chinesischer Literatur ins Malaiische nicht etwa von Männern angefertigt wurden, die Chinesisch sprechen und schreiben konnten, sondern von Peranakan, die kaum Chinesisch verstanden (so etwa auch Lie Kim Hok). Sie baten chinesische Literati, ihnen aus den chinesischen Originalen vorzulesen und ihren Inhalt zu schildern. Daraus machten sie sich ihren eigenen Reim und schrieben dann ihre malaiische Version. Folglich sind die Originale darin häufig kaum mehr wiederzuerkennen. 37 Zuweilen setzten die Übersetzer Passagen aus dem Original auch in traditionellen Versformen wie syair und pantun um, die den Lesern in der malaiischen Welt vertraut waren. 38
Sam Kok
Zu den bedeutendsten Genres der chinesischen Literatur, die zuerst ins Malaiische übersetzt wurden, gehörten historische Romane (jiang shi), die verschiedene Episoden der chinesischen Geschichte schildern. Unter ihnen sticht der Zyklus Sanguo zhi yanyi („Die Geschichte der drei Königreiche“) heraus, der in der malaiischen Welt unter dem Namen Sam Kok bekannt geworden ist. Sam Kok ist nicht nur in China sehr beliebt, sondern hat vielerorts als Vehikel der Sinisierung gedient und sich in ganz Ost- und Südostasien verbreitet. Die ersten Übersetzungen ins Malaiische erschienen in Batavia und Surabaya gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 39
Das Epos, von dem zahllose Versionen existieren, handelt von mehreren Jahrzehnten interdynastischer Kriege bis zur Vereinigung im Staate Qin im Jahre 265. Es geht um grosse Schlachten, konspirative Pläne genialer Generäle und grauenhafte Taten blutrünstiger Kriegsherren. Die Charaktere decken die ganze Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen ab: „The Sam Kok characters portray trustworthiness, loyalty, and grace under pressure, but they are also capable of blind ambition, abject weakness, and betrayal,“ schreibt Reynolds (1996). 40 Das
37 Nio Joe Lan (1962); Kwee (1977), 30.
38 Salmon (1981), 26; Salmon(1987a), 30.
39 Salmon (1981), 23. Diese Übersetzungen boten jedoch nur Fragmente verschiedener Originalversionen des Sam Kok. Die erste vollständige Übersetzung veröffentlichte Tjie Tjin Koeij aus Sukabumi zwischen 1910 und 1913 in 62 Ausgaben mit einem Gesamtvolumen von 4.655 Seiten, Salmon (1987b), 414.
40 Reynolds (1996), 118. Reynolds hat die Verbreitung von Sam Kok im Thailand der Gegenwart untersucht und festgestellt: „... It could be said that Sanguo in its manifold versions upholds an ethic of business and politics and articulates a culture of strategy for public life. [...] Sam Kok’s putative wisdom about war strategy, battle tactics, and strategic deception is useful in politics, diplomacy, and business“, 116-118. Im heutigen Malaysia und Indonesien ist der Zyklus allerdings nicht so allgegenwärtig wie in Thailand. Siehe dazu Salmon (1992b).
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Verlangen nach solchen Geschichten unter den Peranakan in Niederländisch-Indien muss jenerzeit sehr gross gewesen sein. Zwischen 1883 und 1886, also innerhalb von nur drei Jahren, erschienen mehr als vierzig davon. 41 Ein anderes Beispiel aus diesem Genre - teils historisch, teils mythologisch -, ist der Roman mit dem langen Titel Boekoe Sam Po Toa Lang Tjerita waktoe djeman Keizer poenja Tjap Karadjahan ilang dibawa lari oleh seekor Gadja Poeti, lantaran itoe diprentah pada Sam Po Kong (Sam Po Taydjin) aken pergi ka sabla See Jo boeat tjari itoe. (Sam Po Toa Lang und die Geschichte aus der Zeit, als das kaiserliche Siegel verloren gegangen war, von einem weissen Elefanten weggetragen. Deshalb wurde Sam Po Kong (Sam Po Taydjin) befohlen, nach dem Westen zu gehen, um es zu suchen.) Der Roman handelt von folgender Begebenheit: Kaiser Eng Lok Koen war seines kaiserlichen Siegels verlustig gegangen, indem ein weisser Elefant es weggetragen hatte und damit in den Ozean entschwunden war. Der Kaiser liess eine Flotte bauen, um es zu suchen. Die Flotte stach unter dem Kommando von Sam Po Taydjin in See und erlebte dabei allerhand Abenteuer. Kwee bemerkt hierzu, dass Sam Po Taydjin das indonesische Archipel um 1406 besucht haben soll und ihm zu Ehren ein klenteng (Tempel) in Semarang erbaut worden ist, wo seine Statue bis heute verehrt wird. 42
Sam Pek - Eng Tai
Während die historischen Romane seinerzeit hauptsächlich ein Peranakan- Publikumfanden, hat das in China weit verbreitete Volksmärchen von Liang Shanbo yu Zhu Yingtai (Liang Shanbo und Zhu Yingtai), eine Liebesgeschichte, Javaner und Balinesen mindestens ebenso inspiriert wie die Peranakan, seit es erstmals 1873, zehn Jahre vor der ersten Übersetzung ins Malaiische, unter dem Titel Sam Pek - Eng Tai in javanischer Sprache erschien. 43 Dies ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass - damals wie heute - chinesische Geschichten gemeinhin als Kulturgut der Peranakan allein und nicht etwa aller indonesischen Ethnien gelten. 44 Die Popularität, die dieses Volksmärchen in Indonesien erlangt hat, stellt daher eine bemerkenswerte Ausnahme dar und sei hier kurz dargelegt.
41 Salmon (1981), 22.
42 Kwee (1977), 42.
43 Quinn (1987), 534. Zu chinesischer Literatur, die ins Sundanesische übersetzt wurde, siehe Liang (1987).
44 Kwee (1977) begründet dies damit, dass die chinesische Literatur nie so ausführlich von einheimischen Indonesiern studiert worden sei wie die indische, persische oder arabische. Der Grund dafür habe darin gelegen, dass einheimische Indonesier nie eine Religionsgemeinschaft mit den chinesischen Einwanderern geteilt haben, wohl aber mit Indern und Arabern. Die chinesische Literatur habe damit einen sehr viel geringeren Status gehabt, Kwee (1977), 224.
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Die Geschichte von Sam Pek - Eng Tai spielt in der Zeit der Östlichen Jin-Dynastie (317-420) und war bereits während der Tang-Dynastie (618-906) in ganz China bekannt. Der Kern der in Indonesien verbreiteten Versionen des Märchens lässt sich auf folgende Handlung reduzieren: Das Mädchen Eng Tai verkleidet sich als Junge und geht in die Schule, wo sie Sam Pek kennenlernt. Nach zwei Jahren kehrt sie nach Hause zurück. Erst als Sam Pek sie dort besucht, stellt er fest, dass Eng Tai ein Mädchen ist. Gebrochenen Herzens bittet er um ihre Hand an, erfährt jedoch, dass Eng Tai bereits in eine andere Familie verheiratet worden ist, die ihrer sozialen Klasse entspricht. Später wird Sam Pek Distriktvorsteher in der Provinz Zheijiang. Er wird krank, stirbt und wird dort begraben. Eines Tages kommt Eng Tai an seinem Grab vorbei. Ein Sturm zieht auf und hindert sie, sich dem Grab anzunähern. Als sie es letztlich schafft und bitterlich weint, öffnet sich das Grab und verschlingt sie. Nach einem Moment der Stille entschweben die beiden Verliebten aus dem Grab, zu zwei Schmetterlingen verwandelt. 45 Das Märchen enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der balinesischen Jayaprana-Layonsari-Geschichte und dem javanischen Panji-Zyklus. Es wird bis heute von balinesischen und javanischen Theatergruppen aufgeführt und ist stets ein grosser Publikumsmagnet. 46 Kwee (1977) begründet die Popularität der Geschichte damit, dass das Thema einer unerschütterlichen Liebe über Klassengrenzen hinweg besonders den einfachen Bauern in den Dörfern gefalle. Die possenhaften Begegnungen von Sam Pek und Eng Tai in der Schule sowie ihre grotesken sexuellen Annäherungsversuche, da sie beide als Jungen in einem Bett schlafen, böten den Regisseuren ferner zahllose Gelegenheiten für humoreske Szenen. 47 Die Theatergruppen behalten übrigens stets die chinesischen Merkmale des Märchens bei, die Charaktere tragen also chinesische Namen und Kleider. Dies hat Quinn (1987) im Kontext anti-chinesischer Stimmungen im zeitgenössischen Indonesien zu interessanten Beobachtungen geführt: „Some of the farce in Liang-Zhu [Sam Pek - Eng Tai, R.S.H.] performances is undoubted directed critically, even maliciously, at Chinese. What are perceived as typically Chinese
45 Nach Quinn (1987), 531 und Kwee (1977), 227.
46 Quinn (1987) beschreibt solche Aufführungen, denen er beigewohnt hat.
47 Kwee (1977), 226-227. Quinn schildert andere Szenen: „In one episode, Ingtai spatters the school walls with ink ... and reports to the teacher that the wall has been fouled by pupils urinating against it while standing up. At her suggestion the teacher instructs the boys to squat while urinating. In this way they must urinate as girls do and Ingtai will not be seen to be different. In ... two early Javanese texts, Ingtai travels alone (until she meets Sampik) for several days through rugged country to reach Hangzhou, the city where she is to study. But in the Balinese text, this episode acquires a touch of
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mannerisms, such as speaking at the top of the voice, walking with a swagger, lolling inelegantly in chairs, slurping, sucking the teeth and burping while eating, mispronouncing the “r” sound, and so on, may be (but are not necessarily) pilloried and sometimes squeezed for every suggestion of sarcastic humour they contain. That all figures, including the good and noble, are capable of farcical behaviour possibly expresses a reluctance on the part of actors and audience to accord any unconditional respect or dignity to Chinese.“ 48
Kung Fu-Geschichten (cerita silat)
Ein weiteres Genre chinesischer Literatur, das ins Malaiische übersetzt wurde, waren die Kung Fu-Geschichten (wuxia xiashuo, Malaiisch: cerita silat), in denen gerechte Helden das Böse bekämpfen. Frühe Übersetzungen, die Ende des 19. Jahrhunderts erschienen, waren etwa Shuihu zhuan (The Romance of the Water Margin), worin es um eine tapfere Räuberbande im Marschland der Provinz Shandong geht, oder Wagangzhai yanyi (Heroes of the Wagang Palisade), worin eine Revolte unter den Sui beschrieben wird, als einige Männer Widerstand gegen Zwangsarbeit organisierten und sich als Banden in die Berge zurückzogen. 49 Die Geschichte mit dem malaiischen Titel Pendekar Merah (der rote Meister) erzählt von den Abenteuern und guten Taten zweier junger Männer während der Qing-Dynastie. In den malaiischen Übersetzungen lässt sich das Genre der Kung Fu-Geschichten leicht daran erkennen, wenn etwa das Wort pendekar (Kämpfer, Meister) oder das Hokkien-Wort giap (Kampf) im Titel erscheint. 50
typically Balinese humour. Ingtai goes to Hangzhou at the wheel of a motorcar, and after picking up Sampik along the way as if he were a hitchhiker, she speeds on to the city, arriving there in half an hour!“ Quinn (1987), 536.
48 Quinn (1987), 547.
49 Salmon (1981), 24.
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Die Kung Fu-Kämpfer sind stets Volkshelden in der traditionellen chinesischen Kultur gewesen. Sie bekämpfen das Böse, helfen den Schwachen und bedienen sich dabei bizarrer Mittel. Man schreibt ihnen nicht nur die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste zu, sondern viele andere kulturelle Neuerungen in Religion, Philosophie, Chemie und Technik. Über tausende von Jahren waren sie eine wichtige kulturformende Kraft im chinesischen Leben und Denken. 51 Auch dieser Kulturimport aus China, vermittelt durch die Übersetzungen der Peranakan, sollte im 20. Jahrhundert noch eine erstaunliche Eigendynamik in Indonesien entwickeln (siehe Abschnitt 2 und IV).
Neben den historischen Romanen, Volksmärchen, religiösen Texten und Kung Fu-Geschichten aus China übersetzten die Peranakan auch westliche Literatur ins Niedermalaiische. Während die Übersetzung von Daniel Defoes Robinson Crusoe und einigen anderen Romanen auf niederländische Autoren zurückgeht, erschienen in den 1890er Jahren die Übersetzungen von Jules Vernes Le Tour du monde en quatre-vingt jours und Alexandre Dumas’ Comte de Monte Cristo aus der Feder von Übersetzern aus den Reihen der Peranakan. 52
2. Das Pressewesen und die ersten authentischen Werke der Peranakan
Es waren Verleger aus den Kreisen der Peranakan, die seit den 1880er Jahren Übersetzungen aus der chinesischen Literatur auf den Markt brachten - teils mit der Unterstützung niederländischer Kaufleute, teils auch in direkter Konkurrenz zu ihnen. 53 Sie bedienten sich dabei innovativer Methoden. In China war es üblich, Bücher in mehreren Teilen von jeweils ein paar Seiten zu veröffentlichen. Die Verleger in Niederländisch-Indien taten das Gleiche. So konnten die Leser für jeweils wenige Cents nach und nach Teile des Romans kaufen, anstelle gleich mehrere Gulden für, sagen wir, ein 500seitiges Buch hinzulegen. 54 Gleichzeitig erschienen in den Städten die ersten Zeitungen in Nieder-Malaiisch. Die Peranakan engagierten sich wenig später ebenso stark wie Niederländer im Pressewesen der Kolonie. Die erste Peranakan-Zeitung auf Java war Li Po, veröffentlicht in Sukabumi seit 1901. Es folgten Pewarta Soerabaia
50 Kwee (1977), 29. Die Abbildung stammt aus Kwee (1977), 200.
51 Kwee (1977), 202.
52 Salmon (1981), 31.
53 Salmon (1981), 95.
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(Surabaya, 1902), Warna Warta (Semarang, 1902), Chabar Perniagaan (Batavia, 1903), Ik Po (Surakarta, 1904), Djawa Tengah (Semarang, 1909), Sin Po (Batavia, 1910), Tjahaja Timoer (Malang, 1914), und Tjhoen Tjhioe (Surabaya, 1914). 55 Das Pressewesen ermöglichte ebenso wie die gleichzeitig einsetzende, wenn auch mässige Expansion des Bildungswesens, die Menschen in der Kolonie in einer gemeinsamen Sprache zu verbinden und Ideen untereinander auszutauschen - eine wesentliche Vorraussetzung für die spätere Entwicklung des indonesischen Nationalismus. Auch für die Peranakan war die Presse ein wichtiges Forum, um die wesentlichen Probleme ihrer Zeit zu debattieren, unter anderem eigene Identitätsfragen: Durch das gedruckte Wort traten ethnische Chinesen aus dem weiten Inselreich miteinander in Kontakt und führten implizit einen Diskurs darüber, was es bedeutete, Foreign Orientals, also ‚the other’ zu sein. Um die Zeitungen in den Städten entwickelte sich ein lebhaftes literarisches Kulturschaffen. Peranakan zählten bald zu den führenden Journalisten in der Kolonie. 56
Soewatoe tjerita jang betoel soeda terdjadi di…
Die oben erwähnten Übersetzungen aus der chinesischen Literatur, in Serien veröffentlicht, waren die Zugpferde dieser Zeitungen. Doch auch Lokalnachrichten über Unfälle, Überfälle und Kriminalität wurden von den Lesern geradezu verschlungen. Peranakan-Journalisten, die an einem Nebenverdienst interessiert waren, formulierten eine wahre Begebenheit zu einem kleinen Kriminalroman aus, in denen sie die harschen Realitäten der Kolonie und auch scharfe Kritik an den sozialen Strukturen der Peranakan-Gesellschaft zur Sprache brachten. Diese seinerzeit zahlreich erschienenen Geschichten trugen meist den Untertitel Soewatoe tjerita jang betoel soeda terdjadi di… (Eine Geschichte, die sich tatsächlich einmal begab in...) und zählen zu den ersten authentischen Werken ethnischer Chinesen in Niederländisch-Indien. 57 Ein lesenswertes Beispiel davon ist die 1903 erschienene, in der in der Einleitung erwähnten Anthologie (A.S. und Benedanto 2000) neu aufgelegte Erzählung von Gouw Peng Liang über die intriganten Machenschaften des Opium-Pächters Lo Fen Koei, in der Gouw die Auswüchse des Steuerpachtsystems in der
54 Kwee (1977), 13.
55 Kwee (1977), 67.
56 Maier (1993), 278-281.
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Kolonie anschaulich schildert (Cerita yang betul suda kejadian di pulo Jawa dari halnya satu tuan tana dan pachter opium di Res. Benawan, bernama Lo Fen Koei). Unter der Protektion der Niederländer beherrschten die chinesischen Opium-Pächter regelrechte Fürstentümer mit informellen Netzwerken aus Gewalt und ökonomischer Macht, häufig in Personalunion mit den von den Niederländern ernannten Peranakan-Verwaltern Kaptein oder Majoor. 58
Syair
Wenn solche Opium-Pachtlizenzen unter den Hammer kamen, sprachen die Peranakan seinerzeit von einer „Schlacht der Könige“, was die Macht der Pächter unterstreicht. 59 Salmon (1991) hat ein in der malaiischen Versform syair verfassten zeitgenössischen Bericht über eine solche Auktion untersucht, der dem heutigen Leser den Lesegenuss einer pointierten Satire von hohem literarischen Wert und Einblicke in die sozialen Strukturen der damaligen Peranakan-Gesellschaft bietet (Boen Sing Hoo: „Sair Sindiran“ tatkala lelang restantnja pacht madat tahon 1889 diantara meninggalnja Pachter „Hoo Ijam Lo“ di Semarang. Tjerita „Gadjah poetih Radja di Oetan“ - Satirical poem about the auction of the remnants of the opium farms after the death of the farmer Hoo Ijam Lo in Semarang. Story of the white elephant, king of the forest). 60
Die Peranakan hatten um die Jahrhundertwende einen ausgeprägten Geschmack für diese traditionelle malaiische Dichtung. 61 Zwischen 1880 und 1910 erschienen über vierzig syair, teils in Zeitungen, teils als Einzelausgaben. 62 Die syair waren zum Teil Adaptationen chinesischer Literatur, meist aber Parodien über das Leben in der Kolonie selbst. Grosse Ereignisse wurden damals in syair dokumentiert und vermitteln heute einen Eindruck, wie die Menschen damals mit einer Naturkatastrophe fertig wurden (zum Beispiel Ang Siong Tiauw: Der Ausbruch des Semeru 1895), 63 technische Neuerungen wie die ersten Eisenbahnen annahmen (Tan Teng Kie: Sya’ir Jalanan Kreta Api, 1890) 64 und
57 Zahlreiche Beispiele davon sind aufgeführt in Kwee (1977), 67-70. Siehe auch Salmon (1981), 35.
58 Zu den Opium-Farmen siehe Rush (1990).
59 Rush (1991), 19.
60 Salmon (1991), 27.
61 Salmon (1981), 20. Ein syair besteht aus vierzeiligen Strophen mit einem a-a-a-a-Reim, in der der Autor sich meist zunächst vorstellt und dann die Begebenheit in all ihren Facetten erzählt.
62 Salmon (1981), 25.
63 Siehe Salmon (1981), 27.
64 Tan Teng Kie (1890/2000).
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politische Ereignisse erlebten wie den Besuch des siamesischen Königs Chulalongkorn in Batavia (N.N.: Sair Kadatangan Sri Maharaja Siam di Betawi). 65 Um die Jahrhundertwende war unter den Peranakan also ein lebhaftes literarisches Leben entstanden, das ihren eigenen Identitätssinn schärfte. Dazu trug ferner die Gründung der Tiong Hoa Hwee Koan im Jahre 1900 in Batavia bei, meist abgekürzt als T.H.H.K.. Die T.H.H.K. war die erste pan-chinesische Organisation in Niederländisch-Indien, die sich als Bildungs-Stiftung verstand und die Peranakan Indonesiens als Teil der chinesischen Nation ansah. 66 In den Schulen der T.H.H.K. wurde in Mandarin unterrichtet. Zum fünften Jahrestag der Gründung der T.H.H.K. schrieb Tjia Ki Siang ein 104strophiges syair, in dem er die Organisation, ihr Bildungssystem und die Feierlichkeiten zu ihrem Gründungstag ausführlich lobte: Boekoe sair Tiong-hwa-hwe-kwan koetika boekanja passar derma (A poetry Book of Tiong Hwa Hwe Kwan on the Opening of the Fair). 67
Über die Gründung der T.H.H.K. heisst es in der dritten Strophe:
Koetika Hwe Kwan Hari boekanja,
Brapa bangsawan tjape atinja, Bikin koempoelan tida brentinja, Sampe sekarang ka-lima tahonnja.
In der sechsten Strophe heisst es stolz, dass die Schulen der T.H.H.K. in keiner Weise den niederländischen unterlegen seien:
Semoea orang dateng membela, Hendak adaken roema sekola, Sama holan tramaoe kala.
Über den Erfolg der Feierlichkeiten steht in der 43. Strophe zu lesen:
65 N.N. (1870/2000).
66 Suryadinata (1971), 83. Kwee (1977) betont die Bedeutung der T.H.H.K. für das politische Leben der Peranakan bis 1942 und verweist auf die Studie von Nio Joe Lan (1940), Kwee (1977), 88.
67 Die Zitate und Übersetzungen aus diesem syair sind entnommen aus Kwee (1977), 89-90. Siehe auch Lombard-Salmon (1972a).
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Der Bildungseifer der Peranakan und der sich verbreitende chinesische Nationalismus bereitete der Kolonialregierung Kopfzerbrechen, weshalb sie ab 1908 in den grösseren Städten niederländische Schulen für die Peranakan öffnete (Hollandsch-Chineesche Schools, H.C.S.), die sie besser kontrollieren konnte als die Schulen der T.H.H.K. Vielfach nahmen die Peranakan dieses Angebot an. Sie hofften, ihre Kinder würden durch westliche Bildung pinter (clever) werden. Damit ging aber auch die Sorge um den Verlust tradierter chinesischer Werte einher, wie etwa oehauw (der treue Gehorsam der Kinder gegenüber ihren Eltern). Dies wurde ein häufig bearbeitetes Thema in der sino-malaiischen Literatur jener Jahre. 68
Groschenromane (roman picisan)
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
wurden neben den syair Groschenromane populär, die in ihrer Form eher an die westliche Literatur angelehnt waren. Die Autoren stammten aus dem Milieu der Peranakan-Presse und bearbeiteten meist Themen, die mit den Wertekonflikten der Peranakan-Gesellschaft im Angesicht der Moderne zu tun hatten. Die Geschichten erschienen in Zeitschriften wie Penghidoepan oder Tjerita Roman (siehe Bild rechts). 69 Es ging beispielsweise um arrangierte Heirat, die Emanzipation der Frau oder das Thema der nyai, einheimischen Frauen als Lebenspartnern von Europäern oder Peranakan.
68 Ein Beispiel dafür ist Kho Tjoen Thians Sepasang Roos dari Pekalongan dari Boeahnja Pendidikan (Die zwei Rosen von Pekalongan, der Einfluss der Bildung, 1929). Der Autor schreibt über die beiden Schwestern Tan Sek Lian Nio und Tan Giok Lian Nio, die Töchter des reichen Händlers Tan Goan Hin. Der Händler schickt auf Anraten eines Freundes seine älteste Tochter in die holländische Schule, wo man sie Nellie Tan nennt. Giok Lian indes geht in eine T.H.H.K -Schule. Die beiden hübschen Schwestern gelten als die Rosen von Pekalongan. Nellie hat Freude an Tanzveranstaltungen und Parties und entfremdet sich von ihrer Familie. Der Autor beendet die Geschichte mit dem moralinsauren Satz: „As this world is full of meanness and deceit it would be good if you, readers, be careful in educating your children so that no incidents may occur that might harm the reputation of our Chinese decency,“ Kwee (1977), 90-93. Eine derartige „Moral von der Geschicht’“ ist typisch für die Groschenromane der Peranakan jener Zeit.
69 Salmon (1981), 36-38. Die Illustration stammt aus Kwee (1977), 168. Eine solche Zeitschrift namens Penghibur Virgin, die hauptsächlich cerita silat enthielt, wurde von der Gesichtspuder-Firma Chun Lim & Co. in Batavia für Kundinnen ihres Virgin Powder herausgegeben. Man konnte Etiketten von den Puderdosen gegen solche Groschenromane eintauschen, Kwee (1977), 14.
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3. Das nationale Erwachen Chinas in der Literatur
Die nationalen Gefühle der Peranakan in Niederländisch-Indien wurden erstmals durch den Krieg zwischen China und Japan 1894-95 angeheizt. Japans Sieg über Russland 1905 löste unter Chinesen inner- und ausserhalb des Mutterlandes scharfe Debatten über nationale Stärke aus, die man durch innere Reformen erreichen wollte. Die nationale Revolution Sun Yat Sens im Jahre 1911 und der japanische Angriff auf die Mandschurei 1931, der zu einem zweiten Krieg zwischen China und Japan führte (1937-1942), wurden von den ethnischen Chinesen in der Kolonie aufmerksam beobachtet. Sun Yat Sens Buch über Chinas Freiheit wurde übersetzt und erschien mit dem Titel Djalan ka Kamerdikahan! (Der Weg zur Unabhängigkeit). Vielerorts schnitt man sich die Zöpfe ab. 70 Peranakan-Autoren waren bestrebt, ihre nationalistischen Gefühle in Worte zu fassen. Die Zeitungen, besonders Sin Po, waren voll von Kurzgeschichten über tapfere Generäle, die sich im Kampf gegen die Japaner ausgezeichnet hatten. Kwee Tek Hoay schrieb 1932 die insgesamt 896 Seiten lange Serie Pendekar dari Chapei (Der Kämpfer von Chapei), die von einem Peranakan-Arzt handelt, der nach Schanghai ging, um Verwundete zu behandeln. Im Jahr darauf publizierte Tjie Tek Goan den Roman Shanghai...!, worin er die gleiche Schlacht und die heldenhaften Verteidiger der Stadt beschreibt, eingebettet in eine Liebesgeschichte. Generell erschienen zahlreiche Geschichten, die von Chinesen in China handeln. Keiner ihrer Autoren war jedoch selbst in China gewesen. Sie waren auf Informationen aus der Presse angewiesen. 71 Wenn auch die moralische und finanzielle Unterstützung für das Mutterland gross war, schlossen sich damals nur etwa 150 Freiwillige aus Niederländisch-Indien tatsächlich der nationalistischen Armee in China an. Sie wurden in den Kriegswirren aufgerieben. 72 In den literarischen Schilderungen übrigens blieben diese patriotischen Protagonisten meist unter sich und hatten kaum Kontakt mit Chinesen in China. Bei aller Sympathie schwand allmählich das „Wir“-Gefühl der Peranakan, das sie anfangs gegenüber dem Mutterland gehegt hatten. 73
70 Kwee (1977), 193-196. Es war es eine populäre Geste unter chinesischen Reformern, ihre Zöpfe (thauwtjang) abzuschneiden. In der Kolonie war das brisant, weil den ethnischen Chinesen das Tragen der Tracht verordnet war.
71 Salmon (1981), 58-59; Sumardjo (1989), 96.
72 Salmon (1981), 46.
73 Kwee (1977), 196.
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4. Herausragende Vertreter der sino-malaiischen Literatur
Die eigentliche „goldene Zeit“ (Masa keemasan) der sino-malaiischen Literatur fiel nach Sumardjo (1989) etwa zwischen die Jahre 1925 und 1942. Die literarische Produktion in Melayu Rendah erlebte einen Boom und war nun fast ausschliesslich von Peranakan-Autoren getragen. 74 Gleichzeitig vollzog sich eine Rückbesinnung der Peranakan hin zu einer Identität, die sich weniger an China und wieder mehr an Niederländisch-Indien orientierte. Man war desillusioniert, da Chinas Reformbewegung kaum Fortschritte machte und wenig Aussicht bestand, dass sich ein erstarktes China einmal wirklich um die Übersee-Chinesen kümmern würde. Gleichzeitig hatte die Kolonialverwaltung besonders diskriminierende Vorschriften nach und nach aufgehoben - so stand es den Peranakan nun frei, ob sie den Zopf und welche Kleidung sie tragen würden, und auch die Reisebeschränkungen und die starke Rassentrennung in den Städten wurden gelockert. Die niederländische Bildung +machte sich ebenfalls unter den Peranakan bemerkbar. 75 Zu den profiliertesten Autoren dieser Blütezeit der sinomalaiischen Literatur zählten Kwee Tek Hoay, Njoo Cheong Seng und Liem Khing Hoo. Ihr Leben und Werk sei im Folgenden exemplarisch herausgegriffen.
Kwee Tek Hoay
Kwee Tek Hoay (1880-1952) war Schriftsteller, Journalist und Philosoph in einem. Mit starken Neigungen zur Mystik, aber auch einer scharfen Beobachtungsgabe ausgestattet schuf er in seinen produktiven Schaffensjahren einen eindrucksvollen Korpus an visionärer Literatur, die damals am Puls der Zeit war. Kwee Tek Hoay dürfte heute, soweit man von Bekanntheit reden kann, als der bekannteste, zumindest aber als der bedeutendste Vertreter der sinomalaiischen Literatur gelten.
Geboren als Sohn eines Totok in Bogor begann Kwee Tek Hoay schon in jungen Jahren zu schreiben. Er war in Malaiisch und Englisch unterrichtet worden und eignete sich als Autodidakt ein breites Wissen sowohl über den westlichen, malaiischen als auch den chinesischen Orbit an. In den 1920er Jahren war er als Journalist für die Peranakan-Presse tätig und gründete schliesslich seinen eigenen Verlag. Kwee Tek Hoay interessierte sich stark für Religion und Mystik.
74 Sumardjo (1989), 91.
75 Rieger (1996), 163.
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1932 gründete er in Batavia den theosophischen Verein
Tridharma.
Darüber hinaus war Kwee Tek Hoay ein Idealist und begründete ein Internat, in dem er sein Bildungsideal umsetzen wollte, wie er es in seiner Schrift
Roemah Sekolah Jang Saja Impiken
(Die Schule, von der ich geträumt habe) dargelegt hatte -
allerdings ohne nennenswerten Erfolg.
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Ein durchgehendes Thema seiner Werke war die
Peranakan-Gesellschaft
selbst. In dem Drama
Allah jang Palsoe
(Der falsche Gott, 1919) kritisierte er die Raffgier einiger seiner Zeitgenossen, die ihren Reichtum mit allen Mitteln erheischten. Das Stück
Koerbannja Kong Ek
(Das Opfer sozialen Engagements, 1925) hatte das Missmanagement chinesischer Organisationen zum Thema. In dem heiteren Roman
Nonton Tjapgome
(Eine Capgome-Aufführung, 1930) beschrieb er die ungelenken Versuche einer konservativen Elterngeneration, die jungen
Peranakan
von einem modernen Lebensstil abzuhalten. Kwees Perspektiven waren also durchaus progressiv.
77
Meist reichten die Schauplätze seiner Werke über den engen Kontext der
Peranakan
hinaus. Mit dem Roman
Boenga Roos dari Tjikembang
(Die Rose von Cikembang, 1927), der das Verhältnis von
Peranakan
und einheimischen Indonesiern
(Pribumi)
thematisiert, wurde Kwee Tek Hoay bekannt. Es folgten
Drama dari Krakatau
(Das Drama vom Krakatau, 1929) und
Drama dari Merapi
(Das Drama vom Merapi, 1931), beides mystische Erzählungen, deren teils verworrene Handlung sich jeweils um einen Vulkanausbruch rankt. Auch hier setzte er
Peranakan-
und
Pribumi-Protagonisten
in eine harmonische Beziehung und griff damit Visionen von einer „indonesischen“ Gesellschaft vor.
78
Das
opus magnum
Kwee Tek Hoays trägt den Titel
Drama dari Boven Digoel
(Das Drama von Boven Digul, in Buchform 1938, 718 Seiten) und erschien erstmals als Serie zwischen 1929 und 1932. Die Handlung spielt in den Folgejahren der kommunistischen Aufstände von 1926-1927 und beschreibt die Liebesgeschichte von Moestari und Noerani im Gefangenenlager Boven Digul auf
76 Kwee (1980), 81-83. Die Abbildung ist entnommen aus Kwee (1977), 52.
77 Sumardjo (1989), 119; Rieger (1996), 164.
78 Kwee (1980), 83-84; Sumardjo (1989), 92-93. Bei beiden Autoren finden sich auch Beschreibungen der Handlungen.
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Neuguinea, wo sie mit ihren Mitgefangenen ein neues Leben in Glück und Zufriedenheit unter den -so sah es Kwee- von der Zivilisation noch unverdorbenen Papuas aufbauen. Die Beschreibung des Gefangenenlagers ist sehr idealisiert, doch die Hauptfiguren im Lager, Moestari, Noerani und Tjoe Tat Mo als gebildete, integre Protagonisten, Subaidah als selbstbewusste, moderne Frau und den Antagonisten Radeko als ungeduldigen, raubeinigen Kommunisten hat Kwee Tek Hoay durchaus nuanciert entwickelt. Der Roman leidet allerdings unter ausschweifenden Belehrungen durch den Autor zu allen möglichen Fragen seiner Zeit und nicht zuletzt unter dem eitlen Eigenlob, das Kwee Tek Hoay hier und da der Figur Tjoe Tat Mo in den Mund legt. Es ist jedoch das einzige literarische Zeugnis der bewegten Jahre um die kommunistischen Aufstände, Javas age in motion (Shiraishi), an das sich einheimische Autoren in der repressiven Atmosphäre damals nicht heranwagten. Zudem entwirft Drama dari Boven Digoel eine Utopie von einer indonesischen Gesellschaft, die ihrer Zeit voraus war. Unter dem Strich wird es als das Monumentalwerk der sino-malaiischen Literatur gewertet. 79
Njoo Cheong Seng
Njoo Cheong Seng (1902-1962) war mit rund 200 Romanen und längeren Artikeln der wohl produktivste Peranakan-Autor seiner Zeit. Als Drehbuchautor und Regisseur prägte er das Vorkriegs-Theater und -Kino in Niederländisch-Indien, unter anderem mit seinem Drehbuch für den Film Keris Mataram (Das Keris von Mataram). Mit seiner Frau Fifi Young, einer damals bekannten Schauspielerin und Tänzerin, bereiste er weite Teile des indonesischen Archipels und andere asiatische Länder wie die malaiische Halbinsel, Indien und Birma. Seine Reisen verwertete er in zahlreichen Erzählungen, in denen er sein Publikum mit fernen Ländern bekannt machte. Njoo Cheong Seng schrieb ausserdem für die Peranakan-Presse, zuweilen unter dem Pseudonym Monsieur d’Amour, Essays, Gedichte und zahlreiche biografische Aufsätze über Zeitgenossen. Besonders populär wurde er durch seine Serie von Geschichten über den gerechten Helden Gagaklodra, die den cerita silat ähneln und die er über einen Zeitraum von 22 Jahren veröffentlichte. 80
79 Rieger (1989), 123; siehe auch Kwee (1980), 85; Sumardjo (1989), 108-117 und Rieger (1996), 168-169.
80 Sidharta (1995), 273.
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Geboren 1902 auf Madura begann Njoo Cheong Seng seine Karriere als Journalist sowie Schauspieler und Drehbuchautor verschiedener Theatergruppen, mit denen er durch Java, Sumatra und die malaiische Halbinsel reiste. Zunächst spezialisierte er sich auf tragische und melodramatische Geschichten, etwa Nona Olanda s’bagai istri Tionghoa (Ein holländisches Fräulein als Frau eines Chinesen, 1925), die von einer Heirat zwischen einer Holländerin und einem Chinesen handelt. Njoo beschrieb die Ehe so, wie eine gute Peranakan-Ehe eben sein sollte und nahm auch in anderen Erzählungen eine moralisierende Position ein, etwa wenn es um vorehelichen Sex oder die Rolle der Frau ging. 81 In den 1930er Jahren war er Redakteur der literarischen Zeitschriften Liberty und Tjerita Roman und veröffentlichte Erzählungen, deren Schauplätze und Handlungen von den vielen Orten inspiriert waren, die er besucht hatte, so etwa Balas Membalas (Rache, Aceh), Bertjerai Kasih (Geschiedene Liebe, Ost-Sumatra), Siraga dari Telaga Toba (Sirada und der Toba-See, Batak), Rahasia Danau Singkarak (Das Geheimnis des Singkarak-Sees, Minangkabau), Sio Sayang (Gegenseitige Liebe, Makassar), Kembang Mendoeroe dari Minahasa (Die Menduru-Blume aus Minahasa), Oleesio (Ambon), Gagaklodra beli Singapore (Gagaklodra kauft Singapur, Malaya), Bida Burma (Rangun), Nala Tini (Kalkutta), Lala (Bombay), Algodjo (Der Henker, Mandalay), Shanghai Lily (Schanghai), Tinang (Manila), Moetiara dari Camboedja (Die Perle Kambodschas), Ratoe Ajoe dari Tibet (Die schöne Königin von Tibet), Sibongkok dari Bangkok (Der Bucklige von Bangkok). Die Gagaklodra-Serie schrieb Njoo seit 1931. Während der Kolonialzeit hatte der Rüpel Gagaklodra Spass daran, die Menschen aufzuwiegeln und sich über die Polizei lustig zu machen. Nach Indonesiens Unabhängigkeit vertauschte Njoo die Rollen - Gagaklodra wurde der Held, der mit der Polizei die Aufwiegler stellte. 82
81 Sidharta (1995), 286.
82 Kwee (1977), 143-144.
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Liem Khing Hoo
Zwischen 1929 und 1940 schrieb Liem Khing Hoo, auch bekannt unter dem Pseudonym Romano, zahlreiche Kurzgeschichten und Romane für die Zeitschrift Tjerita Roman. Besonders interessant und hier herausgegriffen sei die Geschichte Berdjoeang (Kampf), die 1934 erschien und wohl von Kwee Tek Hoays Drama dari Boven Digoel inspiriert war. Die Erzählung handelt von einer Gruppe arbeitsloser Peranakan-Jugendlicher, die zur Zeit der grossen Wirtschaftskrise (zaman malaise) ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und sich in Kalimantan eine neue Existenz aufbauen.
Angeführt von dem jungen Ing Yong macht sich die Gruppe aus Surabaya auf den Weg nach Kalimantan und fährt den Kahayan flussaufwärts, rodet eine Waldfläche und begründet mitten im Dschungel das Dorf Soekakerdja (der Name ist Programm: Liebe zur Arbeit). Das Dorf wächst zu einer kleinen Stadt und nimmt stetig neue Siedler auf, die vom Reis- und Maisanbau leben. Ing Yong wird zum Bürgermeister gewählt. Neue Strassen werden nach den Pionieren benannt, beispielsweise Ing Yong-Strasse und Tik Siang-Strasse. Der Kolonialbeamte aus Banjarmasin besucht die Stadt und ist beeindruckt. Ein altes Dampfschiff wird angeschafft, mit dem die Produkte aus Soekakerdja flussabwärts über den Kahayan nach Surabaya verfrachtet werden. Mit der Zeit reichen die Handelsbeziehungen von Soekakerdja bis nach Singapur, Penang, Hong Kong, Amoy, Schanghai und sogar Japan. 83
Liem Khing Hoo schilderte eine Utopie. 84 Er begründete ein Szenario, in dem er die Zukunft der Peranakan in Niederländisch-Indien sah (das seine Protagonisten übrigens durchweg Indonesien nennen). China schilderte er als fernes Ausland, von dem keine Hilfe zu erwarten sei. Liem war mit dem nationalistischen Diskurs vertraut und lokalisierte die Peranakan eindeutig im Kontext der indonesischen Geschichte. 85
Doch der zukunftsgerichtete Optimismus der Peranakan-Autoren jener Zeit sollte bald ein Ende haben. Als die Japaner 1942 in Niederländisch-Indien einmarschierten, wurde die Peranakan-Presse verboten. Die Japaner wussten, dass sie das Sprachrohr gewesen war, worin die Peranakan ihren Patriotismus und ihre Unterstützung für den Widerstandskampf Chinas gegen Japans
83 Nach Kwee (1977), 156.
84 Zu einer Studie über utopische Ideen der Peranakan siehe Lombard-Salmon (1972).
85 Rieger (1996), 167-168.
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Expansion kundgetan hatten. Viele Peranakan-Journalisten und Schriftsteller verlebten die Kriegsjahre in Angst und Schrecken, etliche landeten im Gefängnis und mussten schlimmste Folterungen erdulden, so auch Liem Khing Hoo. 86 1946, ein Jahr nach der Kapitulation der Japaner und der indonesischen Unabhängigkeitserklärung, erschien darüber ein bitterer, bewegender Erfahrungsbericht von Pouw Kioe An, 196 Hari Dalam Kungkunan Kenpeitai (196 Tage im Kerker der Kenpeitai). 87
5. Die Literatur der Peranakan seit Indonesiens Unabhängigkeit 1945-1965
In den unruhigen Jahren nach Indonesiens Unabhängigkeit wuchs der Assimilationsdruck auf die ethnischen Chinesen stetig. Die Frage ihrer Staatsangehörigkeit blieb über viele Jahre ungeklärt. Auch in anderen Bereichen waren sie staatlicher Diskriminierung ausgesetzt, so etwa mit dem Siedlungsverbot in ländlichen Gebieten von 1959. Mit der Einführung eines einheitlichen indonesischen Bildungssystems setzte sich Standard-Indonesisch gegenüber dem Melayu Rendah allmählich durch. Auch Peranakan-Autoren und die Peranakan-Presse schrieben zunehmend in der Standardsprache. In den 1950er Jahren spalteten sich die Peranakan in zwei Lager, zum einen diejenigen, die eine vollständige Assimilation in eine indonesische Kultur befürworteten und auf der anderen Seite diejenigen, die darauf bestanden, eine gewisse chinesische Identität zu bewahren. 88
Einige Autoren wie Njoo Cheong Seng setzten ihre schriftstellerische Karriere in Indonesien fort. Andere verstummten. Auf jeden Fall war die sino-malaiische Literatur als Teil der Mestizo-Kultur mit niederländischen, chinesischen, eurasischen, arabischen und einheimischen Elementen, wie es die Kultur Niederländisch-Indiens gewesen war, an einem Wendepunkt angelangt. Peranakan-Autoren schrieben nun zunehmend für den indonesischen Mainstream. Das literarische Erbe aus der Kolonialzeit geriet in Literaturkreisen in die Diskussion. Nicht wenige Peranakan selbst waren der Auffassung, des handele sich dabei um sentimentale Trivialliteratur, die man getrost vergessen könne. 89
86 Salmon (1981), 79.
87 Kwee (1977), 153. Die Kenpeitai war die Geheimpolizei der japanischen Besatzer.
88 Salmon (1981), 80-81; Kratz (1992), 133.
89 So zum Beispiel ein Peranakan-Autor namens T.J.K., zitiert Kratz (1992), 135.
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Andere wiederum hofften, die sino-malaiische Literatur aus der Kolonialzeit werde ihr ethnisches Etikett „chinesisch“ verlieren und bald als frühe indonesische Literatur anerkannt werden. 90 Leider aber war das Gegenteil der Fall. Sie geriet zunehmend in Vergessenheit.
Nichtsdestotrotz blieben Peranakan-Autoren in den 1950er und frühen 1960er Jahren in der Literaturszene Indonesiens präsent, allerdings nicht als Romanautoren, sondern als Verfasser von populären Detektiv- und realistischen Kurzgeschichten, die sowohl indonesische als auch spezielle Peranakan-Themen aufgriffen. Ihr Medium waren die Tagespresse und Zeitschriften wie Star (später Star Weekly), Pantja Warna und Liberal (später Liberty). 91 Ferner erfreuten sich die Übersetzungen der Kung Fu-Geschichten von Starautoren aus Hong Kong wie Jing Yong und Liang Yusheng ins Indonesische grosser Beliebtheit auch beim einheimischen Publikum. Peranakan-Autoren selbst schrieben authentische cerita silat, die bis in die 1960er Jahre vielfach ein Refugium der niedermalaiischen Sprache blieben. Wenn auch die literarische Qualität dieser Geschichten zweifelhaft ist, bleibt doch festzuhalten, dass sie dank ihrer Lebhaftigkeit gerne gelesen wurden und werden. Auch einheimische Autoren haben sich später in diesem Genre etabliert. 92 Eine interessanter Autor in diesem Zusammenhang ist Kho Ping Hoo (nach 1966: Asmaraman S. Kho Ping Hoo, 1926-1994). Er schrieb mehr als 100 solcher Geschichten, die in Form und Inhalt stark an die chinesischen Vorlagen angelehnt sind, ihre Schauplätze aber nicht nur in China, sondern auch in der indonesischen Geschichte haben. Kho Ping Hoo schrieb übrigens durchgängig in Standard-Indonesisch. 93
1965 bis heute
Nach der Machtübernahme durch das Militär um General Suharto wuchs der Druck auf die ethnischen Chinesen, sich völlig in die indonesischen Gesellschaft zu integrieren. Es wurde immer schwieriger, eine chinesische Identität öffentlich zur Schau zu stellen. Entsprechend sind Autoren aus den Reihen der Peranakan in der indonesischen Literaturszene aufgegangen, auch wenn es niemandem von ihnen gelang, in das Pantheon der gefeierten Schriftsteller aufzusteigen, da die nationalistische Literaturkritik seit Indonesiens Unabhängigkeit die Sinophobie der
90 Lie Tie Gwan, zitiert in Kratz (1992), 137. Auch Pramoedya Ananta Toer war bekanntlich dieser Auffassung.
91 Salmon (1981), 82-83; Suryadinata (1993b), 107.
92 Suryadinata (1997b), 225.
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kolonialen Kulturpolitik übernommen hat. Es bleibt dabei aber anzumerken, dass Peranakan-Autoren in der marginalisierten Populärliteratur, die ausserhalb der offiziell legitimierten Literatur fortlebt, weiterhin vertreten sind. Interessant daran ist, dass die offiziell legitimierte Literatur in Indonesien weit weniger Leser hat als eben diese marginalisierte Populärliteratur. 94
Ein Beispiel für diese Populärliteratur sind die cerita silat, deren Beliebtheit bis heute nicht abgenommen hat. Ein weiteres Beispiel sind die Peranakan- AutorinnenMarga T. (Tjoa) und Mira W. (Wijaya oder Wong), die sich auf populäre Literatur für junge, urbane Leser spezialisiert haben. Beide sind Medizinerinnen von Beruf. Sie geniessen nicht den Ruf, über eine eindrucksvolle Sprachgewalt zu verfügen oder die Charaktere ihrer Romane besonders raffiniert zu entwickeln. 95 Doch wie Sidharta (1992) gezeigt hat, greifen sie in scheinbar trivialen Liebesgeschichten auch kontroverse Themen der indonesischen Gesellschaft auf und liefern Vorlagen für erfolgreiche Verfilmungen. Mit Ausnahme von Margas Roman Gema Sebuah Hati (Das Echo eines Herzens, 1974), der die Diskriminierung von Peranakan-Studenten in den 1960er Jahren thematisiert, sind ihre Themen in der Regel nicht als Peranakan-spezifisch zu erkennen. Die Autorinnen scheuen die Öffentlichkeit und weite Teile ihres Publikums wissen wahrscheinlich nichts von dem ethnischen Hintergrund der beiden Autorinnen. 96 Es bleibt abzuwarten, ob der Öffnungsprozess seit dem Sturz Suhartos 1998, der den ethnischen Chinesen in Indonesien wieder die Möglichkeit gibt, sich freier und selbstbewusster im Kulturbetrieb zu betätigen, zu einem Revival einer spezifischen Peranakan-Literatur führen wird. Vielleicht kann die derzeitige, wenn auch noch zaghafte Wiederentdeckung des Erbes der sino-malaiischen Literatur in Indonesien den heute aktiven Peranakan-Autoren ein ermutigendes Zeichen sein.
93 Salmon (1981), 86; Suryadinata (1993b), 113.
94 Oetomo (1990); siehe auch Salmon (1981), 91.
95 Teeuw (1979) schrieb folgenden Verriss über Margas Roman Gema Sebuah Hati: „It is boring by its purely descriptive character, totally lacking in creative imagination as it is, with its innumerable irrelevant and uninteresting details, its empty dialogues and its host of characters who seemingly lack any function in the plot - if there is question of anything like a plot,“ Teeuw (1979), 162, zitiert in Sidharta (1992), 168.
96 Sidharta (1992).
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IV. Zusammenfassung
Die sino-malaiische Literatur in niedermalaiischer Sprache florierte zwischen etwa 1870 bis 1960. Ihre Anfänge lagen in Übersetzungen aus der klassischen chinesischen Literatur und aus chinesischem Volksgut im späten 19. Jahrhundert. Später kamen Jahr um Jahr neue Übersetzungen hinzu. Besonders das Volksmärchen Sam Pek - Eng Tai und das Genre der Kung Fu-Geschichten sind seither auch in das indonesische Kulturgut übergegangen. Seit dem frühen 20. Jahrhundert spielten die Peranakan eine bedeutende Rolle im Pressewesen Niederländisch-Indiens und brachten zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und Romane hervor, die nicht nur Themen aus China oder aus dem Umfeld der Peranakan aufgriffen, sondern auch für das einheimische Publikum von Interesse waren. Zu den profiliertesten Peranakan-Schriftstellern zählten Kwee Tek Hoay und Njoo Cheong Seng. Gleichfalls machten sich die Peranakan, unter anderen der Linguist und Schriftsteller Lie Kim Hok, um die Fortentwicklung der niedermalaiischen Sprache verdient. Insgesamt leisteten die ethnischen Chinesen, bewusst oder unbewusst, einen beachtlichen Beitrag in dem Prozess, die werdende indonesische Nation zu „schreiben“. Die Anfänge der indonesischen Literatur werden auf die frühen 1920er Jahre datiert, als die sino-malaiische Literatur schon ihre Blütezeit erlebte. Kwee (1977) hat gezeigt, dass frühe indonesische Autoren wie Marah Roesli und Armijn Pane mit der sino-malaiischen Literatur vertraut waren und die Peranakan-Presse lasen. Sie kannten die sino-malaiische Literatur nicht nur, sondern wurden bei der Wahl ihrer Themen und zuweilen auch im Stil von ihr beeinflusst. Die Kulturpolitik der Kolonialmacht mit ihren antichinesischen Tendenzen hat die sino-malaiische Literatur als „Schundliteratur“ und die niedermalaiische Sprache als minderwertig abgestempelt. Diese Auffassungen hat auch die nationalistische indonesische Literaturkritik übernommen. Die sino-malaiische Literatur geriet somit in Vergessenheit. In der Literaturszene des unabhängigen Indonesien haben die Peranakan nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Erst seit den letzten Jahren wird die sino-malaiische Literatur allmählich wiederentdeckt und als indonesisches Kulturerbe anerkannt. Ob mit der derzeitigen Demokratisierung Indonesiens allerdings auch ein Revival einer spezifischen Peranakan-Literatur einhergehen wird, bleibt abzuwarten.
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