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„Manchmal denke ich, ich hätte nun eigentlich mein Leben mehr oder weniger hinter mir und müßte nur noch meine Ethik fertigmachen“. 1
Es wird ersichtlich, daß dieser Mann, Dietrich Bonhoeffer, der Ethik eine ganz spezielle und gesonderte Bedeutung in seinem Leben beigemessen hat. Er hat, so scheint es, alles erreicht, geschafft, vollendet, was ihm möglich war, eines jedoch fehlte noch: eine konkrete Abhandlung über eine „rechte“ 2 Ethik. Dies war seine „Lebensaufgabe“ 3 , eine geistige Arbeit, die ihm äußerst am Herzen lag. Was machte die Ethik für Bonhoeffer so bedeutsam? Warum hat ihn die Fragestellung nach angemessenem, „richtigen“ Handeln so umgetrieben? Was veranlaßte diesen Menschen, sogar noch im Gefängnis, trotz aller Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt wurden, 4 mit ganzer Kraft ein eigenes Ethikkonzept zu entwerfen und zu versuchen, es zum Abschluß zu bringen?
In der Überschrift klingen „die Wirren der Zeit“ schon an. Was war das für eine merkwürdige und schreckliche Zeit, in der Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die ihr Vaterland liebten, zu Verschwörern wurden, eine Zeit, die Christen zu Attentätern machte, eine Zeit, in der die Kirche an den ärgsten Bedrohungen und Menschenrechtsverletzungen durch den Nationalsozialismus scheiterte? Kurzum, es war eine Zeit, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Sämtliche Grundüberzeugungen, Wertesysteme, Ethiken und Lebenseinstellungen griffen nicht mehr. Alle Grundsätze der „aufgeklärten westlichen Zivilisation und des Christentums waren augenscheinlich vom Nationalsozialismus bedroht“. 5 Bonhoeffer registrierte, daß „es keine ethisch neutrale Zone mehr gibt“ 6 . Er sah die Welt um sich herum wanken, die Ideale, die Tugenden, die Ethik, sie alle schienen auf den Kopf gestellt. Sie versagten kläglich.
Bonhoeffer sah sich herausgefordert, eigene, manchmal vollkommen neue Ansätze einer „konkreten“, „rechten“ christlichen Ethik zu entwickeln. Er rang um diese Att- 1 Briefan E. Bethge vom 15. Dezember 1943, in: Widerstand 90. Es scheint ein aussagekräftiges Zitat zu sein, so ist es u.a. auch bei E. Bethge, Biographie, 805; U. Stölting, Tradition, 304 oder im Vorwort der Herausgeber des 6. Bandes der Edition der DBW, „Ethik“, 8, aufgeführt.
2 R. Mayer, Christuswirklichkeit, 167.
3 E. Bethge, Biographie, 804.
4 So wurde Bonhoeffer am 4. September 1940 Redeverbot erteilt und ihm polizeiliche Meldungspflicht befohlen. Am 27. März 1941 erhielt er Druck- und Veröffentlichungsverbote, bis es schließlich zur Verhaftung und Einlieferung in das Gefängnis Tegel kam (5. April 1943). Eine kurze, komprimierte Darstellung zu Bonhoeffers Lebensstationen findet sich in der Zeittafel in E. Bethge, Biographie, 1098f.
5 U. Stölting, Tradition, 305.
6 Ebd.
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ribute, er spürte, mit den alten Systemen, die sich durchaus an anderer Stelle bewährt hatten, kam man nun nicht mehr weiter. 7
Doch schon Jahre vorher setzte sich Bonhoeffer mit ethischen Grundfragen und deren problematischen Ansätzen auseinander. 8 Andere Ethikkonzepte, so von Paul Althaus, Friedrich Gogarten und Emil Brunner, befriedigten ihn nicht. 9 Man kann eine stetige Entwicklung der Brisanz für eine eigene protestantische Ethik bei Bonhoeffer erkennen. Sein Wille, etwas Neues in dieser Hinsicht zu schaffen, geht von den Grundproblemen althergebrachter Ethikansätze aus und nimmt seinen Höhepunkt in den schrecklichen und zerstörerischen Wirren des Nationalsozialismus. Nun kann Bonhoeffer nicht anders. Er versucht, seine Gedanken hinsichtlich eines konkreten Handelns in der Welt zu ordnen und schreibt sie nieder, wann immer er Zeit dazu findet.
2.) Die Besonderheit und die Probleme der Ethik Dietrich Bonhoeffers
Hält man nun die „Ethik“ Bonhoeffers, wie sie heute als 6. Band der Edition der Dietrich Bonhoeffer Werke vorliegt, in Händen, muß sich der Leser bewußt sein, daß sämtliche enthaltene Schriften unvollendet sind und fragmentarischen Charakter haben. Es war Bonhoeffer nicht vergönnt, eine vollständige, zusammenhängende christliche Ethik auszuformulieren, zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Dies ist stets zu bedenken.
Auch bei der zeitlichen Einordnung der einzelnen Manuskripte gab es Schwierigkeiten. Bonhoeffer setzte sich intensiv mit ethischen Problemen und Fragen in der kurzen Zeit zwischen 1940 und 1943 auseinander mit dem Ziel, eine eigene Ethik in den Wirren seiner Zeit zu entwerfen. Wie dem Vorwort der heutigen „Ethik“-Ausgabe zu entnehmen ist, wurden als Indizien für die Entstehungszeit der Texte vor allem die von Bonhoeffer benutzten verschiedenen Papiersorten und -qualitäten, die verwendete Tinte, Schriftbild etc. herangezogen und bewertet. 10 Mit Hilfe all dieser Vergleiche war es möglich, eine zeitliche Einordnung der Schriften vorzunehmen, in der fünf
7 Vgl. z.B. die Ansätze der Schriften „Christus, die Wirklichkeit und das Gute“ („Ethik“, 31f), „Ethik als Gestaltung“ („Ethik“, 62ff) oder auch „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ („Ethik“, 302).
8 Vgl. z.B. sein Seminar von 1932 „Gibt es eine christliche Ethik?“ in: D. Bonhoeffer, Ökumene, 303-307, nach Wolf-Dieter Zimmermanns Hörermitschrift.
9 Vgl. Nachwort der Herausgeber der „Ethik“, 416.
10 Vgl. dazu das Vorwort der Herausgeber der „Ethik“ 7-28.
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voneinander zu unterscheidende Gruppen von „Ethik“-Manuskripten entstanden sind. 11
Im Verlauf der Studien mit seiner „Ethik“ wird dem Leser deutlich, daß sich Bonhoeffer kein kontinuierliches System, keinen einheitlichen Aufbau eines ethischen Konzepts vorgenommen hat. Dies lag ihm ja gerade fern. Vielmehr setzt Bonhoeffer mit jedem neuen Manuskript neu an, sucht einen neuen Ausgangspunkt, legt andere Schwerpunkte, bemüht sich, den immer vielfältigeren Problemen konkreten Handelns angemessen zu begegnen. Entsprechen diese Neuansätze dann den fünf verschiedenen Zeitabschnitten, in die sich die Entstehung der Manuskripte einteilen läßt? Oder den vier Zeitperioden, von denen E. Bethge ausgeht? 12 Dies ist schwer zu sagen, da man schlicht nicht weiß, wie Bonhoeffer seine „Ethik“ zusammengestellt und veröffentlicht hätte.
Sicher ist aber, daß Bonhoeffer von seiner konspirativen Tätigkeit im Rahmen des Attentats auf Adolf Hitler stark beeinflußt war. 13 Er hat nicht nur seine ökumenischen Kontakte den politischen Umsturzplanungen zur Verfügung gestellt, sondern auch eng mit den militärischen Widerstandskämpfern zusammengearbeitet. So sind Bonhoeffers ethische Kapitel auch teilweise stark politisch geprägt, sie sprechen davon, daß es ein „richtiges“ Handeln unabhängig von Zeit und Ort nicht gibt, daß manchmal sogar ein „richtiges“ Handeln im Hier und Jetzt, welches keine Schuld in sich trägt, unmöglich ist. Bonhoeffers „Ethik“ ist eine begleitende Reflexion der Wider-standsbewegung.
Die verschiedenen Neuansätze der Texte sollen nun im Hinblick auf die Bedeutung der Christologie für Bonhoeffers Ethik untersucht werden. Wie wird Christus gesehen? Wozu dient er im Rahmen „richtigen“ Handelns? Wo liegen Gemeinsamkeiten, Differenzen oder einfach nur andere, verschobene Sichtweisen? Dazu soll ein kleiner Ausschnitt aus Bonhoeffers „Ethik“ herangezogen werden, die Schriften „Die Liebe
11 Genauere Angaben dazu finden sich in den Rekonstruktionsversuchen der Herausgeber der „Ethik“, 16f: Für den ersten Zeitraum wird Sommer 1940 bis 13. November 1940 angegeben. Vom 17. November 1940 bis Ende 1941 wird der 2. Zeitabschnitt angesiedelt. Zeitraum III wird von Anfang bis Sommer 1942 vermutet, Zeitraum IV bis zum Jahresende 1942. Der 5. und letzte Zeitraum beginnt Anfang 1943 und endet am 5. April 1943.
12 Vgl. E. Bethge, Biographie, 806-811: Bethge vermutet den ersten Zeitabschnitt in den Monaten zwischen 1939/40 und Herbst 1940. Der zweite Zeitraum folgt ab September 1940 und dauert bis zum Ende des selben Jahres. Zum dritten Mal habe Bonhoeffer dann um die Jahreswende 1940/41 angesetzt, als er in das Kloster Ettal kam, bis er letztendlich 1941 und 1942 in Berlin mit einem vierten Neuansatz beginnt.
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Gottes und der Zerfall der Welt“ und „Ethik als Gestaltung“, um daran die eben erwähnten Gesichtspunkte herauszuarbeiten.
II. Hauptteil: Die Manuskripte „Die Liebe Gottes und der Zerfall der
Welt“ 14 und „Ethik als Gestaltung“ 15 unter dem Aspekt der
Christologie im Vergleich
1.) Kurzer Überblick über die Schriften
Betrachtet man die in Kapitel I.3 angedeuteten Versuche, die verschiedenen Ethikmanuskripte Bonhoeffers zeitlich einzuordnen, 16 so können die von mir zu untersuchenden Texte wie folgt bestimmt werden: „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ wurde von Bonhoeffer zwischen Sommer 1942 und dem Jahresende 1942 geschrieben, während der Text „Ethik als Gestaltung“ knapp zwei Jahre früher verfaßt wurde, im Zeitraum vom Sommer 1940 bis 13. November 1940, also fast zu Beginn von Bonhoeffers Engagement, eine Ethik zu schreiben.
Um zu einem besseren Verständnis des gleich folgenden Vergleichs jener Texte hinsichtlich der Christologie beizutragen, sei an dieser Stelle kurz auf deren Inhalt und thematischen Ausgangspunkt hingewiesen.
„Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ spricht ein Grundproblem des menschlichen Handelns an, um nicht zu sagen, das Grundproblem: 17 „Das Wissen um Gut und Böse ist ... die Entzweiung mit Gott.“ 18 Bonhoeffer weist im weiteren Verlauf auf neue, andere menschliche Wesensmerkmale hin, die sich aus diesem Dilemma für das Leben ergeben: pervertiertes Wissen, Scham, Gewissen, das Richten. Er zeigt
13 Am 20. Juli 1944 verübte Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg das Attentat auf Hitler. Bonhoeffer war maßgeblich an den Vorbereitungen beteiligt und gehörte zu der Gruppe der Verschwörer. Ausführlichere Informationen über Bonhoeffers Teilnahme an der Konspiration, vgl. a.a.O., 811-888. 14 Vgl. den 6. Band der Edition der DBW, „Ethik“, 301-341. 15 A.a.O., 62-90.
16 A.a.O., 16f.
17 Daher ist auch damit zu rechnen, daß gerade dieses Manuskript das gesamte „Ethik“-Werk eröffnen sollte, hätte Bonhoeffer die Möglichkeit gehabt, es zu vollenden. Der Text setzt in ganz grundsätzlicher Weise die christliche Ethik der sonstigen Ethik entgegen und ist inhaltlich geeignet, den Beginn des Buches darzustellen. Diese These läßt sich durch die Tatsache stützen, daß ausschließlich „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ mit römischen Ziffern numeriert ist und daß ihm somit wohl eine Sonderstellung zugekommen wäre, vgl. die Herausgeber, DBW 6, 453.
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diesen Weg als falschen Weg auf und konzentriert sich allein auf Jesus Christus, der den Menschen als einziger auf den rechten, ursprünglichen Weg zurückführen kann, nämlich auf den Weg einer erneuerten, wiedergewonnen Einheit mit Gott, in der das Wissen um Gut und Böse hinfällig ist. 19
„Ethik als Gestaltung“, das als zweites entstandene Manuskript von den ethischen Texten Bonhoeffers, „befaßte sich mit dem aktuellen Phänomen, daß auch die Repräsentanten angesehener ethischer Traditionen nicht imstande waren, den Verlockungen und Drohungen, den Täuschungen und Verdrehungen in der nationalsozialistischen Wirklichkeit standzuhalten“. 20 Nur durch Jesus Christus ist die Wirklichkeit in ihrer Wahrhaftigkeit und Wesenhaftigkeit zu sehen und zu deuten. Bonhoeffer stützt sich hier voll und ganz auf die Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi und zeigt somit, daß nur in der „Gleichgestaltung“ mit ihm die Möglichkeit zum „richtigen“ Handeln ermöglicht und gegeben ist. Was es damit auf sich hat, soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit deutlich werden.
2.) Die Bedeutung der Christologie im Rahmen der Manuskripte „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ und „Ethik als Gestaltung“
a) Ausgangsposition
„Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“
Auf der Suche nach einem neuen Ansatz für seine Ethik im Gegensatz zu anderen, konventionellen Ethiksystemen stellt Bonhoeffer gerade diese auf den Kopf. Geht jede Ethik von der Fragestellung nach Gut und Böse aus, bestimmt Bonhoeffer nun, daß gerade dies nicht die Aufgabe christlicher Ethik sein kann und darf. „Die christliche Ethik hat ihre erste Aufgabe darin, dieses Wissen (um Gut und Böse, die Verf.) aufzuheben.“ 21 Dem Leser dieser Textpassage wird damit der Boden unter den Füßen entzogen, er muß sich völlig frei machen von allen mitgebrachten Vorstellungen und muß sich auf etwas ganz Neues einstellen, die überkommene Ethik wird „auf den
18 Ethik, 302.
19 Wie dies im Einzelnen geschieht, was von menschlicher Seite aus dafür gefordert wird, werde ich im folgenden Kapitel II.2 genauer ausführen.
20 Nachwort der Herausgeber der „Ethik“, 426.
21 D. Bonhoeffer, Ethik, 301.
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Schrotthaufen der Vergangenheit“ 22 geworfen. „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ will einen ganz anderen, noch nicht dagewesenen Ausgangspunkt schaffen, die Verhältnisse umdrehen und ganz neu beginnen. „Die christliche Ethik erkennt schon in der Möglichkeit des Wissens um Gut und Böse den Abfall vom Ursprung“. 23 Hier wird das menschliche Grundproblem angesprochen, durch das erst das Dilemma des ewigen Konflikts, des Wissens um Gut und Böse entsteht. Vor dem sog. „Sündenfall“ 24 lebte der Mensch „in unmittelbarem Wissen um Gott als seinen Ursprung“, 25 er „weiß nur eines: Gott“. 26 Das war seine Wirklichkeit. Mit dem Essen der Frucht des verbotenen Baumes jedoch verkehrte sich diese Wirklichkeit. Der Mensch entzweite sich mit seinem Ursprung, an dessen Stelle nun das Wissen um Gut und Böse trat. Bonhoeffer bezeichnet diesen Tatbestand als „die Entzweiung mit Gott. ... Statt sich im Ursprung Gottes zu wissen, muß er nun sich selbst als Ursprung wissen.“ 27 Der Mensch begegnet der Wirklichkeit seitdem nicht mehr als der von dem Schöpfer gedachten. Er kreist nur noch um sich selbst, sein eigenes Wissen um Gut und Böse, wählt selbstherrlich aus den mannigfaltigen Möglichkeiten und nimmt seine Umgebung nur noch anthropozentrisch wahr. Scham entsteht um den verlorengegangenen Ursprung, die der Mensch mit Verhüllung zu verdecken sucht, um die Entzweiung zu überwinden. 28 Der Mensch heute kennt sich nur noch in der Entzweiung: mit Gott, mit seinem Nächsten, mit sich selbst.
„Ethik als Gestaltung“
Ähnlich der Ausgangsposition in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ verhält es sich mit dem Manuskript „Ethik als Gestaltung“, in dem Bonhoeffer die Notwendigkeit eines neuen Gedankens für eine christliche Ethik sehr viel gründlicher ausführt. Zwar lehnt Bonhoeffer hier die konventionellen Strukturen der Ethik nicht vollkommen ab, er führt jedoch an, daß „die akademische Frage eines ethischen Systems ... als die überflüssigste aller Fragen (erscheint)“. 29 Angesichts „einer bisher in
22 H. E. Tödt, Perspektiven, 166.
23 Ebd.
24 Vgl. Gen 3.
25 H. E. Tödt, Perspektiven, 152.
26 D. Bonhoeffer, Ethik, 302.
27 Ebd.
28 Vgl. a.a.O., 304-308.
29 A.a.O., 62.
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der abendländischen Geschichte nie dagewesenen Bedrängnis“ 30 sieht Bonhoeffer die alten Tugenden scheitern: die Vernunft, den ethischen Fanatismus, die Gewissensentscheidung, den Weg der Pflicht, die Freiheit und Verantwortung, die private Tugendhaftigkeit. 31 Diese Güter „hohen Menschentums“ 32 erfahren bei Bonhoeffer eine hohe Achtung, sie müssen jedoch allesamt untergehen. Alle ethischen Begriffe wurden angesichts der großen Not und in den Wirren der Zeit des Naziregimes durchein-andergewirbelt, „weil sie isoliert geübt“, 33 einseitig betrachtet und angewandt wurden und somit die Fülle der Wirklichkeit nicht fassen konnten, einer Wirklichkeit, deren „Konturen ... überscharf (sind)“. 34 Bonhoeffer kritisiert, daß der Mensch sich bei allen hergebrachten Ethiken bzw. einseitigen Tugenden nicht wirklich der Realität stellt, sie gar nicht durchschaut, 35 wo doch „mit ungeteiltem Blick auf Gott und die Wirklichkeit der Welt zu schauen“ 36 so Not tut. Doch die Unmöglichkeit dieses Aktes stellt Bonhoeffer ganz klar heraus: Der Mensch vermag es nicht, die Wirklichkeit zu erkennen, so wie sie ist, „solange Gott und die Welt zerrissen sind“. 37
Es finden sich also in den beiden Manuskripten ganz ähnliche Grundprobleme: einmal das Versagen aller ethischen Systeme angesichts der auf dem Abfall vom Ursprung beruhenden Entzweiung des Menschen mit Gott und seinem damit erlangten ungesunden Wissen um Gut und Böse, auf der anderen Seite das Scheitern der menschlichen Tugenden aufgrund der Schrecken und „verkehrten Welt“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Zwischen Gott und Welt besteht eine Kluft, die ohne weiteres nicht überwunden werden kann. Wie ist es dem menschlichen Geschlecht aber möglich, aus dieser seiner festgefahrenen Position zu entkommen, wie kann er entscheiden, handeln, leben? Dazu bedarf es eines Menschen und eines Gottes zugleich: Jesus Christus.
b) Jesus Christus - Wer ist er?
30 Ebd.
31 Vgl. a.a.O., 64-67.
32 A.a.O., 66.
33 H. E. Tödt, Perspektiven, 166.
34 D. Bonhoeffer, Ethik, 62.
35 Dies macht Bonhoeffer an seinem Beispiel von Don Quijote deutlich, a.a.O., 66f.
36 A.a.O., 68.
37 Ebd.
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„Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“
„Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ stellt Jesus von Nazareth als etwas völlig Neues dar. Er ist der Gegensatz des „Alten“, des Pharisäers, des Synonyms für den Menschen in der ewigen Entscheidung, des immerwährenden Konfliktes überhaupt. 38 Diese Begegnung zwischen Jesus und den Pharisäern, so in den Streitgesprächen, 39 macht den Unterschied zwischen beiden deutlich. Auf der einen Seite steht Jesus, der „sich in keine einzige dieser Konfliktsituationen hineinziehen läßt“, 40 der allein aus dem Willen und der Einheit mit Gott lebt und eben kein Wählender zwischen Gut und Böse ist. Bonhoeffer macht die interessante Entdeckung, daß Jesus und seine Gegner, die Pharisäer, „von völlig verschiedenen Ebenen“ 41 her denken und zueinander sprechen, ja, Jesus scheint manchmal gar nicht zu verstehen, wovon sein Gegenüber redet. Aber gerade dabei redet er ganz auf den Fragenden, den Angreifer hin. 42 „Jede Antwort Jesu ... läßt dieses Entweder-Oder ... hinter sich“, 43 denn „nicht aus dem Wissen um Gut und Böse, sondern aus dem Willen Gottes lebt und handelt er“. 44 Jesus teilt die Welt und die Menschen nicht in Maßstäbe ein, er richtet nicht und lebt auch nicht in dem Konflikt, ständig aus einer endlosen Anzahl von Möglichkeiten zu wählen, wie es die Pharisäer tun - die dies sogar gern und mit Dankbarkeit tun! 45 In Jesus aber ist die ursprüngliche Einheit mit Gott präsent, und damit ist Jesus die wiedergewonnene Einheit selbst. Jesus ist der vom Schöpfer gedachte Mensch jenseits von Gut und Böse, er repräsentiert den Menschen in der Einheit mit Gott vor der Entzweiung. So lebt Jesus also in Freiheit, der Pharisäer aber,
38 Vgl. a.a.O., 311f.
39 Für Jesu Kontakt mit den Pharisäern können am besten die Streitgespräche über die Vollmacht Jesu (Mk 12,27-33), die Frage nach der Steuer (Mk 12,13-17), die Frage nach der Auferstehung (Mk 12,18-27), die Frage nach dem ersten Gebot (Mk 12,28-34), sowie die Frage nach der Davidssohnschaft (Mk 12,35-37) als Beispiele herangezogen werden.
40 D. Bonhoeffer, Ethik, 313.
41 Ebd.
42 Hier kommt mir die Erzählung von der Ehebrecherin, Joh 8,2-11, in den Sinn: Jesus verhindert mit dem Hinweis auf die eigenen Sündhaftigkeit der Ankläger die Steinigung der Ehebrecherin. Er verurteilt einerseits das Richten des Menschen über einen anderen, schwächt aber dennoch nicht das Vergehen des Ehebruchs. Die Schwere dieser Sünde läßt sich an seinen Worten „Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr! (Joh 8,11) messen. So wird Jesus beiden Parteien gerecht, den Anklägern, indem er den Ehebruch als Verstoß gegen das Gebot stehenläßt, aber auch der sündigen Frau, die er nicht richtet und verurteilt.
43 D. Bonhoeffer, Ethik, 314.
44 A.a.O., 315.
45 Vgl. a.a.O., 311f. Der Pharisäer ist der typische Vertreter einer kasuistischen Ethik: Auf den Einzelfall kommt es an. In jedem Augenblick ist sein Leben eine Konfliktsituation, in der er zwischen Gut und Böse und Richtig oder Falsch zu wählen hat, und je feiner und genauer die Unterscheidung voll- zogen wird, desto gewissenhafter ist die richtige Entscheidung.
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der Mensch schlechthin, unter dem Fluch eines ständigen Sich-Entscheiden-Müssens. Jesus lebt in der überwundenen Entzweiung, der Mensch noch in ihr. Jesus handelt aus dem Willen Gottes in Einfalt, der Mensch handelt aus seinem Wissen um Gut und Böse in Zwiespalt. Die Heilung des Risses zwischen Mensch und Gott ist jedoch in Jesus vollzogen, er ist der Versöhner, der die Entzweiung, das Wissen um Gut und Böse aufhebt. 46 Jesus liefert ein neues Wissen, nämlich das, „in dem das Wissen um Gut und Böse überwunden ist“, 47 er füllt nun selbst das Wissen des Menschen aus, wie es im Ursprung Gott zukam. 48
Auffällig ist hier, daß Bonhoeffer vom synoptischen Jesus ausgeht, der uns die Versöhnung bringt. Er meint die geschichtliche Person Jesus von Nazareth, 49 die aber in ihrer Einmaligkeit von Leben und Taten in die Geschichte einging und sie für immer verändert hat. Sie ist Zeichen der Liebe Gottes, mehr noch, Jesus ist der eine wahre Sohn Gottes. 50 Er war das einmalige Neue in der Welt, „nicht was er tut und leidet, sondern was er tut und leidet, ist Liebe“ 51 , ist das Ausschlaggebende. Dabei darf der Name Jesu aber nicht zu einem abstrakten Begriff degradiert werden, „sondern muß in der konkreten Fülle der geschichtlichen Wirklichkeit eines lebendigen Menschen verstanden werden“. 52 Die Liebe und Offenbarung Gottes muß also an Jesu Leben und Sterben gebunden bleiben und auch darin verstanden werden. Jesus war Mensch, und zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem festen, geschichtlichen Ort, und als solcher ist er erkennbar, faßbar, fühlbar und ganz konkret. Aber er war „der Neue“, der so ganz anders als alle anderen Menschen lebte, dachte und handelte, und damit brachte er die Versöhnung, die Überwindung des ständigen Zwiespalts, in der sich der „alte Adam“ befindet.
„Ethik als Gestaltung“
Noch eine weitaus stärkere Christozentrierung findet sich in dem Manuskript „Ethik als Gestaltung“. In diesem zentralen Stück der „Ethik“ weitet Bonhoeffer den Inkarnationsgedanken immens aus. Der zentrale Gedanke ist „Ecce homo - seht welch ein
46 Vgl. a.a.O., 320.
47 A.a.O., 319.
48 Vgl. a.a.O., 320.
49 Vgl. a.a.O., 328.
50 Vgl. a.a.O., 325.
51 A.a.O., 338.
52 Ebd.
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Mensch!“ 53 Gott ist Mensch geworden, und in Jesus Christus finden Gott und Welt wieder zusammen, werden vereint. Der Mensch „kann fortan Gott nicht mehr sehen ohne die Welt und die Welt nicht mehr ohne Gott“. 54 Christus aber „ist der Mensch-gewordene und in diese Welt Eingegangene, der Gekreuzigte und Auferstandene“. 55 Bonhoeffer baut die Struktur des Textes „Ethik als Gestaltung“ nach dieser „dreigliedrigen christologischen Formel“ 56 auf. Zu Beginn steht die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Gott liebt diese Welt und den Menschen so sehr, daß Er sich in Seiner Liebe erniedrigt und sich selbst dem menschlichen Leben mit all seinen Fesseln und Unvollkommenheiten unterwirft. „Leibhaftig“ 57 nimmt er das Menschsein an. Gott liebt „nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen wie er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt“. 58 Während wir versuchen, ständig über uns hinauszuwachsen, ja, uns sogar bemühen, „den Menschen hinter uns zu lassen“, 59 sich von ihm abzulösen, wird Gott wirklicher Mensch. Bonhoeffer neigt hier zu einer radikalen Deszendenztheologie: Gott gibt sich so weit in die Welt hinein, daß Er sich selbst schuldig macht an der Welt. 60 Er will schuld sein an unserer Schuld, gibt Seine Souveränität als Herr auf und geht völlig in die Welt und das Menschsein ein. Die Unvollkommenheit des Menschen wird hier nicht überwunden, sondern angenommen, sogar von Gott selbst gelebt. Er nimmt das Wesen des Menschen, seine Natur, seine Schuld, sein Leid in sich auf, „er ist Mensch wie wir“ 61 und unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Menschentypen oder Charaktereigenschaften. 62 Christus ist das „Ja Gottes zum wirklichen Menschen“. 63 Bonhoeffer geht aber noch einen Schritt weiter. Christus ist nicht nur ein Mensch unter vielen, er ist der Mensch. 64 In Gottes Inkarnation ist die gesamte Menschheit aufgenommen, in Christus ist sie repräsentiert. Man sollte deshalb „nicht von dem Menschgewordenen, sondern besser von
53 A.a.O., 69f; 74; 78.
54 A.a.O., 69.
55 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 230.
56 A.a.O., 229.
57 D. Bonhoeffer, Ethik, 71.
58 A.a.O., 70.
59 Ebd.
60 Ebd.
61 Dieser Satz ist von Bonhoeffer nicht in das Manuskript übernommen worden, sondern ist ein vorheriger Formulierungsversuch. Vgl. die Fußnote 25 der Herausgeber der „Ethik“, 70.
62 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 71.
63 Ebd.
64 Vgl. a.a.O., 71f.
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dem universalen Ereignis der Menschwerdung reden“. 65 „Jesus ist der Mensch schlechthin.“ 66 Was an Christus geschieht, geschieht der ganzen Menschheit, er „schließt die ganze Menschheit und den ganzen Gott in sich“ 67 und wird damit zum Versöhner und Vermittler zwischen Gott und Welt. 68
Doch die Inkarnation ist immer schon auf das Kreuz bezogen, daher leitet Bonhoeffer weiter zu „Ecce homo - seht den von Gott gerichteten Menschen!“ 69 Gott vollzieht an sich selbst das Gericht. Im realen Menschen Jesus Christus ist Gott an der Welt schuldig geworden und wird sich selbst zum Richter, vollzieht das Gericht an Seiner eigenen Gestalt. 70 Auch hier, am Kreuz, gibt es keine Differenzierungen zwischen Menschentypen, guten oder schlechten Taten, sondern es findet Versöhnung statt, und darin „kommt die Menschheit zu ihrer wahren Gestalt“. 71 Das Christusgeschehen kommt aber erst in der Auferstehung zu seinem Ziel, zu seiner Vollendung. Und so heißt es zum Dritten bei Bonhoeffer: „Ecce homo - seht den von Gott ... zu einem neuen Leben erweckten Menschen, seht den Auferstandenen.“ 72 Christus ist neu, der Mensch ist neu. Gott hat mit Seiner Auferweckung Jesu einen neuen Menschen, eine ganz neue Kreatur geschaffen. Christus hat das Gericht Gottes willig angenommen, aber es ist ein Gericht der Gnade und der Liebe, weil Gott den Menschen vor sich bestehen lassen will. 73 Der auferstandene Christus ist der neue Mensch, er „trägt die neue Menschheit in sich, das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen“. 74 An Christus ist das Exempel der Neuwerdung statuiert.
Zieht man nun noch einmal ein Resümee aus dem Vergleich beider Schriften, so ist klar zu erkennen, daß Bonhoeffer unterschiedliche Schwerpunkte legt. In „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ repräsentiert die Person Jesus von Nazareth die
65 R. Mayer, Christuswirklichkeit, 199.
66 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 242.
67 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 72.
68 Hier klingt die Zwei-Naturen-Lehre an, die festhält, daß Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Die sog. „Zwei-Naturen-Lehre“ wurde auf dem Konzil von Chalcedon 451 zum Dogma erhoben. Bes. Papst Leo I. (440-461) war die treibende Kraft in der Streitfrage, inwieweit Jesus Christus Gott und gleichzeitig Mensch ist. In Chalcedon wurde das Bekenntnis zu der einen Person Christi in zwei Naturen, vollkommener Gott und vollkommener Mensch, weder miteinender vermischt noch voneinander getrennt, festgelegt, vgl. W. Sommer / D. Klahr, Repetitorium, 63.
69 D. Bonhoeffer, Ethik, 74.
70 Vgl. a.a.O., 75.
71 A.a.O., 78.
72 Ebd.
73 Vgl. a.a.O., 77.
74 A.a.O., 79.
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neue Person, in der der alte Zwiespalt zwischen Sein und Tun, zwischen Leben und Handeln überwunden und aufgehoben ist. In ihr haben also Sein und Tun ihre ursprüngliche Einheit wiedergefunden. Jesus kann und darf aus dem einen Willen Gottes leben und steht damit jenseits des Wissens um Gut und Böse. Jesus ist aber auch der Einmalige, der durch sein einzigartiges Leben, seine einzigartige Tat am Kreuz als Sohn Gottes die Überwindung des Abgrundes zwischen Mensch und Gott vollbracht hat. „Ethik als Gestaltung“ legt dagegen mehr Wert auf die wahre Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Jesus stellt hier weniger etwas Neues, Noch-nie-Dagewesenes dar, vielmehr ist er der Mensch schlechthin. Er ist Ausdruck der Liebe Gottes, der sich so weit in die wirklich Welt hinbegibt, daß Er sogar selbst schuldig an der Welt wird. Dieser Gedanke fehlt im Manuskript „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“. Jesus repräsentiert also in „Ethik als Gestaltung“ den Menschen, so wie Gott ihn eigentlich haben möchte, nämlich schlicht als Mensch mit allen seinen Fähigkeiten, Zweifeln, Fehlern und Charaktereigenschaften, seien es positive oder negative. Jesus ist also ganz und gar nicht der „Neue“, sondern vielmehr ist er der „Wirkliche“, das Bild des Menschen überhaupt, wie Gott es sieht und will, daß auch wir es sehen. „Das Bild Gottes, das in Jesus Christus erscheint, ist zuerst einmal das Bild eines Menschen.“ 75 Bonhoeffer konzentriert sich ganz stark auf die Inkarnation Gottes in dem Menschen Jesus, so daß es nicht verwundern kann, wenn Bonhoeffer die Namen Gottes und Jesu Christi hier für austauschbar erklärt. 76 Der Inkarnationsgedanke findet sich dagegen in abgeschwächter Form in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“. Dort ist Jesus Christus die „Offenbarung“ 77 Gottes: Selbstoffenbarung und Offenbarung Seiner Liebe. Jesus erscheint eher als der „Andere“, fast schon als Gegensatz zum Menschen aufgrund seiner Einheit mit Gott, wohingegen Jesus in „Ethik als Gestaltung“ eher einen Schritt zurückgeht und sogar noch „menschlicher“ als wir wird, indem er nämlich ganz Mensch ist und sein darf, das schlichte und unvollkommene Menschsein akzeptiert und gerade nicht darüber hinauswachsen will. Man könnte vielleicht sagen, Jesus begegnet dem Leser in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ als überlegen und souverän, da er in der Ein-
75 H.-J.Abromeit, Geheimnis, 242.
76 Das wird allein schon an dem Ausdruck „Gottmensch“ deutlich, D. Bonhoeffer, Ethik, 69. Gott ist Mensch in Jesus Christus, es gibt keinen Unterschied mehr. Von Seite 68-75 ist das Subjekt hauptsächlich Gott, der sich selbst erniedrigt hat, während ca. ab Seite 80 Jesus Christus als der „Gestaltende“ auftritt und damit als Handelnder, vgl. aber auch S. 35 in dieser Arbeit.
77 D. Bonhoeffer, Ethik, 337f.
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heit mit Gott lebt jenseits der Qual der Wahl, jedoch in „Ethik als Gestaltung“ erscheint er aus menschlichem Blickwinkel unterlegen, möglicherweise sogar schwach, weil er sein Menschsein gerade nicht hinter sich lassen, sondern leben will, wohingegen wir als Menschen unsere begrenzten Möglichkeiten lieber leugnen würden. Aber darin erweist sich Jesus dann doch als der „Stärkere“, denn er lebt den Menschen so, wie er von Gott geliebt und angenommen wird, unser menschliches Verständnis vom Menschen wird dagegen ad absurdum geführt.
c) Jesus Christus - Seine Bedeutung für uns
Wurde in Punkt b) die Person Jesu Christi näher auf ihre Eigenschaft und Charakteristik hin untersucht, soll nun ihre besondere Bedeutung für die menschliche Existenz und das menschliche Handeln in den Mittelpunkt rücken.
„Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“
Der Mensch in der Entzweiung mit seinem Ursprung, mit Gott, findet sich in seiner Welt stets als Wählender wieder. Er hat „sein ganzes Leben unter sein Wissen um Gut und Böse (ge)stellt“ 78 , mit dem er dann sich selbst, seine Mitmenschen und seine Umwelt bewertet, reflektiert, in verschiedene Kategorien einteilt und damit richtet. Doch so ist der Mensch von Gott im ursprünglichen Sinn nicht gedacht. In der Person Jesus von Nazareth findet sich Gottes Urgedanke vom Menschen wieder. Das Neue Testament berichtet von diesem neuen Menschen, der so einfältig im Willen Gottes lebt. Diese Einfältigkeit in Leben und Tun ist wahre Freiheit. Bonhoeffer hat hier einen ganz bestimmten Begriff von Freiheit: Freiheit ist eben nicht die Wahl aus einer endlosen Summe von Möglichkeiten, nicht die Willkür, alles tun zu können, was einem beliebt. Nein, mit Freiheit meint er hier die Freiheit Jesu, das Leben und Handeln in Einfalt (nicht in Zwiespalt!) aus dem einen Willen Gottes heraus. 79 Jesus begründet diese Freiheit und Einfalt, denen der Mensch folgen soll. Wer Christus sieht, sieht die Versöhnung, die Brücke zwischen Gott und Mensch, die Mitte. Solch ein Blick gibt dem Menschen eine ganz neue Perspektive und damit ein ganz anderes Wissen, „er steht damit in einem neuen Wissen, in dem das Wissen um Gut und Böse
78 A.a.O., 311.
79 A.a.O., 315.
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überwunden ist.“ 80 Bonhoeffer knüpft an dieses neue Wissen Bedingungen und erkennt ganz klare Forderungen Jesu an denjenigen Menschen, der sich auf ihn einläßt. Da der Mensch nun einmal in der Situation des Abfalls vom Ursprung lebt, vermag er es nicht, sich von seinen Reflexionen und Urteilen zu lösen, um einfältig aus dem Willen Gottes zu handeln. Dazu bedarf es zunächst der Prüfung des Willens Gottes. 81 Wie Jesus in der Einheit mit dem Willen Gottes lebte, so müssen wir, die wir Jesus nachfolgen wollen und in ihm die Versöhnung sehen, uns erst noch um die Kenntnis des Willens Gottes bemühen, der uns so ohne weiteres nicht offenbar ist. Um dieses Prüfen vorzunehmen, muß der Mensch eine Veränderung durchmachen. Voraussetzung ist ein völliger innerer Wandel der bisherigen Gestalt, eine ‚Metamorphose‘ 82 , wobei der Mensch die „Gestalt des abgefallenen Menschen, Adam“ ablegen und sich gleichzeitig „um die Gleichgestaltung 83 mit der Gestalt des neuen Menschen, Christus“ 84 verdienen muß. Nur das Wissen um Gottes Willen in Jesus Christus führt zu diesem Prüfen. 85 Das Wissen um Jesus Christus ist die Metamorphose, die innere Wandlung, die Erneuerung, mit Hilfe derer wir den Willen Gottes prüfen können. Damit ist es allerdings nicht getan. Das Wissen um Jesus Christus ist „nicht etwas ein für allemal Gegebenes, Feststehendes, Inbesitzgenommenes“, sondern es entsteht jeden Tag aufs neue die Frage, „wie ich heute und hier und in dieser Situation in diesem Leben mit Gott, mit Jesus Christus bleibe und bewahrt werde“. 86 „Wir ‚haben‘ Christus nur so, wie man Personen haben kann - in der personalen Beziehung, nie als Besitz und durch Definition beschreibbar, aber in der Begegnung immer wieder aufs neue als originales Gegenüber erfahrbar.“ 87 Es geht also auch um uns, um unser konkretes Bemühen, uns auf Christus zu konzentrieren, nur noch ihn zu wissen als einzig gültigen Maßstab. 88 Ich muß mich selber dahingehend prüfen, ob ich mich wirklich ganz auf Jesus Christus verweisen lasse, ob ich mich vollends auf ihn einlassen und nur noch ihn als mein einziges Wissen gelten lassen kann. Mit Christus ist der Mensch in die Einfalt zurückverwandelt, 89 aber es besteht die eindeutige Notwendig-
80 A.a.O.,319.
81 A.a.O., 323-327.
82 A.a.O., 324.
83 Hier greift Bonhoeffer auf das Kapitel „Ethik als Gestaltung“ zurück.
84 A.a.O., 324.
85 A.a.O., 325.
86 Ebd.
87 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 125.
88 D. Bonhoeffer, Ethik, 328.
89 R. Mayer, Christuswirklichkeit, 171.
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keit des Selber-Aktivseins: „Es wird also der ganze Apparat menschlicher Kräfte in Bewegung gesetzt sein, wo es darum geht, zu prüfen, was der Wille Gottes sei“ 90 und wie der Mensch „in Christus“ zu bleiben vermag, „denn es muß ja nun konkret gelebt und gehandelt werden“. 91 Auf der anderen Seite darf es aber auch nicht an Glauben und Vertrauen mangeln, daß Gott Seinen Willen auch wahrhaftig zu erkennen gibt und daß Er selbst „durch solches Prüfen hindurch seinen Willen durchsetzt“. 92 So muß der Mensch in seiner Existenz das richtige Maß finden, hinreichend Eigeninitiative, aber auch ein rechtes Maß an Zuversicht und Vertrauen auf Gott mitbringen, der eben auch an der Seite des prüfenden, sich entscheidenden und handelnden Menschen steht. Bonhoeffer muß aber auch ein letztes Nichtwissen um den Erfolg dieses Vorgangs eingestehen. Die Verwandlung des Menschen in diese neue Kreatur ist, wie oben schon angeklungen, nicht etwas Feststehendes, ein für allemal Gegebenes, dessen der Mensch sich stets gewiß sein kann. In Momenten des Zweifelns und Zauderns, in Situationen der Entscheidung und des Unbekannten, wird „die Bangigkeit, ob man das Rechte getan habe, ... aufgehoben sein im Wissen um Jesus Christus, der allein das gnädige Gericht übt, sie wird das eigene Gute bis zu seiner Zeit verborgen sein lassen in dem Wissen und der Gnade des Richters“. 93 Dies ist eine Besonderheit des Wissens um Jesus Christus als einziges Wissen: Tut ein Mensch „Gutes“ aus diesem Wissen heraus, darf er um dieses Gute gerade nicht wissen, da Jesus als die Aufhebung der Entzweiung auch das alte Wissen um die Entzweiung, also die Einteilung in Gutes und Böses, aufhebt. 94 „Das eigene Gute bleibt dem Menschen nun verborgen.“ 95 Das Wissen um Jesus Christus kann nicht einhergehen mit dem Wissen um Gut und Böse, beides schließt sich aus. Aber das ist gerade der Ruf zur Umkehr, sich ganz auf Jesus Christus einzulassen, nur ihm zu folgen und auch nur ihn zu wissen. Zwar gesteht Bonhoeffer ein, daß es „psychologisch gesehen ... in der Tat unmöglich (ist), daß die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, daß die Einfalt immer nur das Eine tut, ohne von anderen Möglichkeiten zu wissen“ 96 , aber die Psychologie steht in dem Problem, daß sie sich immer noch unter dem Gesetz der Entzweiung befindet. Sie kann also gar nicht erkennen, was für eine Einfalt, Freiheit
90 D. Bonhoeffer, Ethik, 326.
91 Ebd.
92 A.a.O., 327.
93 Ebd.
94 Vgl. a.a.O., 320.
95 Ebd.
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und Reflexionslosigkeit Jesus meint. Hier zeigt sich wieder sehr deutlich, daß Jesus das Neue repräsentiert, das ganz Andere, das mit herkömmlichen Ansichten und Methoden nicht zu beurteilen und zu erklären ist.
Daß wir mit vollzogener Metamorphose nun in unserem Tun ganz auf Jesus Christus blicken, kann aber nicht bedeuten, daß die Menschen mit „Leichtfertigkeit und Unachtsamkeit in bezug auf sich selbst“ 97 durchs Leben gehen dürfen. Mit dem Prüfen des Willens Gottes muß auch immer eine „christliche Selbstprüfung“ 98 einhergehen, „die täglich die Erkenntnis erneuert, daß ‚Jesus Christus in uns‘ ist“. 99 Auf personaler Ebene muß täglich neu geprüft werden, ob Jesus Christus auch wirklich den Raum des Wissens um Gut und Böse eingenommen hat, ob er wahrhaftig „in uns ist, ..., ob und wie wir ihm im täglichen Leben gehören, glauben, gehorchen“, 100 da sich das Sein in Christus nicht mechanisch und automatisch vollzieht. Dieses Prüfen verfügt aber über keinen Maßstab mehr als über Jesus Christus selbst, dessen lebendiger Beziehung wir aber nie hundertprozentig habhaft sind. So mündet unsere Selbstprüfung auch hier in dem Vertrauen auf Jesu gnädiges Gericht, im Sich-Ausliefern an unseren Herrn, „also das Fazit nicht selbst zu ziehen, sondern es dem zu überlassen, von dem wir wissen und erkennen, daß er in uns ist“. 101 Das Sein in Christus und die Selbstprüfung bedingen sich geradezu, so daß sich erst in der eigenen Prüfung das Sein Christi vollzieht und jedesmal neu ereignet. 102 Ethik wird hier in der Tat zum Christusgeschehen.
Die Selbstprüfung hebt jedoch das Handeln in Einfalt keineswegs auf. „Die einzig angemessene Haltung des Menschen vor Gott (ist) das Tun seines Willens.“ 103 Nur durch dieses Tun fügt sich der Mensch dem Willen Gottes und kann angemessen handeln. Das Tun meint wiederum nicht die Wahl aus unzähligen Möglichkeiten, sondern die Deckungsgleichheit mit dem Tun Christi in uns, denn „es gibt wirklich kein Tun ohne Christus“. 104 Es kann neben dem Tun Christi in uns also kein zweites Tun aus menschlichem Vermögen geben, ein Handeln, das dann noch abwägt zwi-
96 A.a.O.,322.
97 A.a.O., 327.
98 Ebd.
99 Ebd.
100 A.a.O., 328.
101 Ebd.
102 A.a.O., 328f.
103 A.a.O., 329.
104 A.a.O., 330. Bonhoeffer bezieht sich hier auf die Bibelstelle Joh 15,5: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“
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schen Gut und Böse. 105 Das wäre dann wieder ganz klar zwiespältig und jenseits der Versöhnung. Im folgenden stellt Bonhoeffer mehrere Abgrenzungen zu dem von ihm und der Schrift gemeinten Tun: Das Tun schließt einmal das Richten aus, des weiteren darf das Hören vom Tun keinesfalls getrennt werden und als etwas Zweites gelten. 106
Die Überwindung der Entzweiung und das Tun der Versöhnung ist nicht durch menschliches Handeln zu bewerkstelligen. 107 Was Bonhoeffer vorher schon am Idealtyp des Menschen in der Entzweiung, dem Pharisäer, aufgezeigt hat, 108 daß dieser sich nämlich anmaßt, über seine Taten, die seiner Mitmenschen und schlußendlich damit auch über das Gesetz selbst zu richten, 109 wird hier noch einmal herangezogen, um das Verderbliche des Richtens zu markieren. Dem Richtenden wird das Gesetz zum Maßstab, doch damit erfüllt er es nicht und tut es auch nicht, sondern stellt sich geradewegs über das Gesetz, ja, er richtet sogar Jesus Christus selbst. 110 Er will den Willen Gottes gesetzlich anwenden. 111 Doch das ist die falsche Haltung gegenüber dem Gesetz. Das Gesetz wird nur durch das Tun selbst erfüllt, nicht durch seine Abwägung, seine Reflexion und die daraufhin vollbrachte Tat. An dieser Stelle bezieht Bonhoeffer indirekt seine Unterscheidung von „actus directus“ und „actus reflexus“ mit ein. 112 Nicht mehr dürfen das eigene Tun und das Gesetz reflektiert werden, genausowenig darf der Mensch auf sich selbst reflektieren, wie es der Pharisäer stets tut, sondern er muß schlicht und ergreifend tun, handeln, leben und dabei nur noch Jesus Christus und sein gnädiges Gericht wissen. Eben dies vollbringt der ‚Täter des Gesetzes‘, 113 und gerade dadurch wird „das Gesetz geehrt und inkraftgesetzt und als lebendiges Wort Gottes, das sich aus eigener Kraft durchsetzt und keiner menschlichen Hilfe bedarf, anerkannt“. 114 Das Gesetz bedarf des Menschen nicht, es ist nicht notwendig - nach Bonhoeffer ist es sogar falsch - daß der Mensch sich darum bemüht, es dreht und wendet und sogar seine Mitmenschen darauf aufmerksam macht,
105 Vgl. a.a.O., 329.
106 Vgl. a.a.O., 330-335.
107 Vgl. M. Honecker, Christologie, 151.
108 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 311-315.
109 Dies wird nun genauer ausgeführt, vgl. a.a.O., 330.
110 Vgl. a.a.O., 333. Bonhoeffer stützt sich auf die Erzählung von Martha und Jesus (Lk 10,38ff): Martha macht Jesus auf ihr Tun aufmerksam, während ihre Schwester Maria Jesus zuhört. Bonhoeffer möchte hier die Notwendigkeit der Einheit von Hören und Tun des Gesetzes deutlich machen.
111 A.a.O., 151.
112 So skizziert es auch E. Feil, ökumenische Ethik, 767.
113 D. Bonhoeffer, Ethik, 330.
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daß sie hier und dort das Gesetz nicht angewandt oder falsch ausgelegt haben. Es soll keine Nebenblicke auf den Nächsten geben, nicht auf meinen Nachbarn geschielt werden, es soll kein „actus reflexus“ stattfinden, sondern „das Tun ist und bleibt das einzige und ausschließliche Verhalten gegenüber dem Gesetz Gottes“, 115 alles andere ist ein „Scheintun, Heuchelei“. 116 Ganz ähnlich verhält es sich mit der Einheit von Hören und Tun. Das Tun des Gesetzes setzt freilich das Hören desselben voraus, aber das Hören des Gesetzes darf nicht in die Reflexion zurückfallen. Es darf nicht neben dem Tun etwas Zweites, Nebenstehendes, Selbständiges sein, 117 sondern der Hörer kann und darf kein anderes Verhalten gegenüber dem gehörten Wort Gottes zeigen als dieses es sofort zu tun. Wieder wird dem „actus directus“ gegenüber dem „actus reflexus“ Vorrang gegeben als einzige Möglichkeit, angemessen auf das Hören des Wortes Gottes zu reagieren. Nur noch auf das Gesetz und auf Jesus Christus konzentriert sein heißt, befreit zum unreflektierten Tun sein. Hören und Tun müssen Hand in Hand gehen, „beides in einem“, 118 sie dürfen nicht dem Zwiespalt anheimfallen, und dies kann nur bedeuten, „in der Einheit mit Jesus Christus sein und bleiben, 119 auf ihn ausgerichtet sein, von ihm Wort und Tat (Anm. d. Verf.) empfangen“. 120 Doch auch hier muß Bonhoeffer die Grenzen dieses Vorhabens erkennen. Wie es schon eine letzte Sicherheit im Erkennen des Willens Gottes nicht gibt, 121 und wir uns auch nicht vollkommen sicher sein können, daß Jesus Christus stets in uns ist, 122 so gibt es auch kein allerletztes Prüfen, „ob unser Hören und Tun echt ist oder Schein“. 123 Auch hier müssen wir uns wieder ganz auf Jesus Christus und sein gnädiges Gericht verweisen lassen, uns ganz an ihn ausliefern, Vertrauen fassen und hoffen. „Entscheidung bedeutet für Bonhoeffer also nicht Konsequenz richtiger Anwendung ethischer Prinzipien, sondern letztlich ein Wagnis (Anm . d. Verf.) und bleibt es.“ 124
114 A.a.O., 331.
115 Ebd.
116 A.a.O., 317, vgl. aber auch 332.
117 Vgl. a.a.O., 332.
118 A.a.O., 333.
119 Was sich stets neu durch die christliche Selbstprüfung ereignet, vgl. a.a.O., 328f.
120 A.a.O., 333.
121 Vgl. a.a.O., 327
122 Vgl. a.a.O., 328f.
123 A.a.O., 334.
124 E. Feil, ökumenische Ethik, 767.
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Ein wichtiges Kriterium, welches den Menschen in der neugebrachten Versöhnung Jesu Christi ausmacht, ist die Liebe. Sie scheidet den Menschen vom Ursprung von dem Menschen in der Entzweiung. 125 Bonhoeffer trennt den von ihm gemeinten Begriff ganz klar von den menschlichen Vorstellungen von Liebe. 126 Liebe ist jenseits aller Entzweiung, und damit kann sie nur etwas Göttliches sein: Gott ist Liebe, und Bonhoeffer legt die Betonung eindeutig auf das Subjekt Gott. Gott selbst ist Liebe, und somit kann kein menschliches Wesen ausmachen, was Liebe ist, es sei denn in der Selbstoffenbarung Gottes. Und die Selbstoffenbarung Gottes ist alleinig 127 Jesus Christus. Gott hat sich also zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte und an einem konkreten geschichtlichen Ort offenbart, 128 und damit ist auch Seine Liebe konkret und wirklich. Die Liebe ist ein Element, ein Merkmal des Ursprungs. Jesus Christus ist der Mensch des Ursprungs, der aus dem einen Willen Gottes lebt und somit die Versöhnung und die Liebe Gottes repräsentiert, vielmehr noch die Liebe Gottes ist. Damit überwindet er die Entzweiung des Menschen, den Abfall vom ursprünglichen Paradies und befreit den Menschen „aus der Verfallenheit von Sünde und Schuld“. 129 Der Ursprung ist dem Menschen in dem Versöhner Jesus Christus wiedergeschenkt. Darin besteht Gottes Liebe. Sie ist eine Tat, nämlich die Tat der Überwindung der Entzweiung des Menschen, und „diese Tat heißt Christus, heißt Versöhnung“. 130 Damit ist die von Bonhoeffer gemeinte Liebe etwas Passives, das am Menschen geschieht. Hier stößt Bonhoeffer wieder auf den Anfang seines Manuskripts: Der Mensch in der Entzweiung weiß um Gut und Böse, „statt sich die Wahl und Erwählung Gottes gefallen zu lassen“, er trägt „gewissermaßen das Geheimnis der Prädestination in sich selbst“. 131 Die Liebe Gottes wandelt diese Existenzweise des Menschen zurück, überwindet sie, sie ist „die Erwählung des Menschen durch Gott“. 132 Darauf kann der Mensch nur noch dankend und liebend antworten, indem er sich die Erwählung gefallen und an sich geschehen läßt. Es gibt gar keine andere Reaktion auf das von Gott Geliebtwerden als Gott im Gegenzug lieben. Beides sind
125 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 335.
126 Liebe ist weder ein menschliches Verhalten, eine Gesinnung, Hingabe oder ein Opfer, noch ein Gemeinschaftswille, ein Gefühl oder sogar Leidenschaft, ebensowenig Dienst oder eine Tat, vgl. ebd.
127 Vgl. a.a.O., 338.
128 Vgl. ebd. Jesus Christus und damit die Selbstoffenbarung Gottes ist kein Abstraktum, sondern „der Name Jesus Christus ... legt sich selbst im Leben und Sterben Jesu Christi aus“.
129 H. E. Tödt, Perspektiven, 15.
130 D. Bonhoeffer, Ethik, 339.
131 A.a.O., 303.
132 A.a.O., 339.
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zwei Seiten der gleichen Medaille. 133 Auf dieser Grundlage gibt es also auch nur ein „sich auslieferndes Tun“, 134 was nicht bedeuten soll, daß diese Passivität eine starre, ungesunde ist. Passivität angesichts der Liebe Gottes „verbietet dem Menschen keineswegs starke Gedanken und frohe Taten“, 135 vielmehr sind wir als ganze Menschen mit ganzem Einsatz gefordert. Wir sind des Prüfens und des Sich-Vergewisserns nicht enthoben. Aber unser Leben und unsere Taten sind aufgehoben in der Liebe, in der Erwählung Gottes, wir blicken auf die Versöhnung, auf die Überwindung der Entzweiung und können vertrauensvoll und hoffend leben und handeln.
„Ethik als Gestaltung“
In „Ethik als Gestaltung“ lassen sich einige Aspekte, die Bonhoeffer in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ nur skizziert, wiederfinden, ganz besonders der Begriff der „Gleichgestaltung“, 136 das Problem der Unterscheidung und des Richtens, 137 oder auch die Passivität des Menschen. 138
Wie schon einmal angeführt, geht Bonhoeffer auch in diesem Manuskript von einer ähnlichen Bewertung der klassischen Ethiken aus: Ihre Systeme sind überflüssig, haben angesichts der neuen, prekären Situation ausgedient und interessieren nicht mehr. Bonhoeffer nimmt die Ethik von ihrer Praxis her in den Blick. Die Gleichgestaltung mit der Gestalt Christi, worum es in diesem Text geht, „stellen eine Grundlage für ein positives Weltverständnis dar, insofern in Christus ‚Gott und die Welt mit demselben Blick‘ ins Auge gefaßt werden“. 139 Der Mensch, der an den einseitig belasteten Ethikprinzipien scheitert und ihre beschränkten Anwendungsgebiete erkennt, bemüht sich nun, „die rostigen mit den blanken Waffen zu vertauschen“. 140 Es gilt, Einfalt mit Klugheit zu verbinden. 141 Der Einfältige schaut arglos auf die Wahrheit Gottes und weiß um Seine Liebe, die ihn von der Qual des ewigen Konfliktes und der ethischen Entscheidung frei macht. Nur noch Gott wissen, in Ihm die Wirklichkeit sehen, wie sie ist, das ist gleichzeitig Einfalt und Klugheit. Bonhoeffer unter-
133 Vgl.a.a.O., 340.
134 E. Feil, ökumenische Ethik, 768.
135 D. Bonhoeffer, Ethik, 341.
136 Vgl. a.a.O., 80ff., 324.
137 Vgl. a.a.O., 70f., 311ff., 330f.
138 Vgl. a.a.O., 80f., 340f.
139 E. Feil, Theologie, 295.
140 D. Bonhoeffer, Ethik, 67.
141 Einfalt bedeutet die alleinige und ungeteilte Konzentration auf die Wahrheit Gottes, und klug ist, wer eben dies tut, ohne dabei zusätzlich auf die Welt zu schielen. Beides bedingt sich, vgl. Ethik, 67.
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scheidet hier klar zwischen Erkenntnis und Kenntnis. Nicht derjenige, welcher alles weiß und noch viel mehr lernt, ist der Klügste, sondern der, der weiß, daß die Wirklichkeit in Gott ruht, kann mit einem „befreiten Blick auf Gott und auf die Wirklichkeit, wie sie in Gott allein Bestand hat“ getrost in der Fülle des Lebens handeln. Die Einfalt zentriert die Vielheit, der Blick auf Gott und die Wirklichkeit in Ihm öffnet die Augen für das Wesentliche. Schon hier deutet Bonhoeffer an, was er später noch genauer ausführen wird. Da Welt und Gott zerrissen sind, 142 vermag es kein Mensch, so vereint in Einfalt und Klugheit zu leben und nur noch auf Gott zu schauen. „Es bleibt bei aller Bemühung doch ein Schielen von einem zum anderen.“ 143 Zweifel, Selbstrechtfertigung, die Qual der Wahl, all das sind und bleiben menschliche Eigenschaften. Jedoch weist Bonhoeffer auf einen Ort hin, „an dem Gott und die Weltwirklichkeit miteinander versöhnt sind, an dem Gott und der Mensch eins geworden sind“, 144 und dieser Ort ist Jesus Christus. In ihm, und nur in ihm, finden Gott und Wirklichkeit zueinander, werden wieder versöhnt und vereint, die Kluft zwischen ihnen wird neutralisiert, so daß es dem Menschen möglich ist, Gott und Welt in einem zu sehen. Christus umfaßt die gesamte Wirklichkeit. In Jesus Christus sind die Schranken zwischen Gott und Welt ein für allemal geöffnet und überwunden, von nun an kann der Mensch „Gott nicht mehr sehen ohne die Welt und die Welt nicht mehr ohne Gott“. 145 Fortan kann Jesus Christus nicht mehr übersprungen werden, hinter das Christusgeschehen kann niemand mehr zurück, es gibt nun keine Geschichte und eine Bewertung derselben ohne ihn, denn nur „darum, und darum allein ist es möglich, Gott und die Welt mit demselben Blick ins Auge zu fassen“. 146 Die Liebe Gottes zur Welt ist in Jesus Christus offenbar, sie zieht sich also nicht aus der Wirklichkeit zurück, sondern geht vielmehr in sie ein, sie „erfährt und erleidet die Wirklichkeit der Welt aufs härteste. Am Leibe Jesu tobt sich die Welt aus.“ 147 Gott wird selbst Mensch, 148 und „das Bild, das in Jesus Christus erscheint, ist zuerst einmal das Bild eines Menschen“. 149 Versöhnung und damit die Überwindung des Ab-grundes zwischen Gott und Welt geschieht, weil Jesus der Welt vergibt. Jesus Chris-
142 Vgl.a.a.O., 68, aber auch Das Manuskript „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt, welches das Thema der Zerrissenheit zwischen Gott, dem Ursprung, und dem Menschen, der Welt zugrundelegt.
143 Ebd.
144 Ebd.
145 A.a.O, 69.
146 A.a.O., 68.
147 A.a.O., 69.
148 „Ecce homo - seht den menschgewordenen Gott“, a.a.O., 70.
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tus ist die „Mitte zwischen Gott und Welt“. 150 Doch das wahre Geheimnis und die wirkliche Größe der Liebe Gottes liegt darin, „daß Gott den wirklichen Menschen, nicht einen konstruierten oder von seinen Fehlern abstrahierten Menschen liebt“, 151 sondern Gott wird wirklicher Mensch und stellt sich damit ganz der Weltwirklichkeit. Nur die Liebe Gottes in Jesus Christus kann der Wirklichkeit wahrhaft begegnen, darin liegt das Ja Gottes zu Mensch und Welt, das Ja des Gottes, der selber Mensch wurde, in die Welt einging und sogar ihre Schuld auf sich nahm. Denn wer realer Mensch ist, kommt an Sünde und Schuld nicht vorbei. So wird der menschge-wordene Gott Jesus Christus zu dem Menschen schlechthin. „Nicht der ideale Mensch, sei es, wie der Mensch ihn sich vorstellt, sei es, wie Gott ihn sich wünscht, wird in der Inkarnation Christi von Gott angenommen, sondern der real vorfindliche Mensch.“ 152 Was an Jesus Christus geschieht, geschieht an jedem einzelnen Menschen, an der gesamten Menschheit im Großen. 153 Sein Menschsein schließt „das Gericht über alle menschlichen Vorstellungen vom Menschsein“ 154 ein und entlarvt damit „die aus dem zeitgeschichtlichen und kulturellen Kontext gewonnenen Bilder“ als „Gegenbilder“. 155 Bonhoeffer nennt drei Beispiele für diese Gegenbilder: die „Menschenverachtung“ bzw. „Menschenvergötzung“, 156 den Erfolg 157 und die „Vergötzung des Todes“, 158 und allen drei Wegen stellt er den Gottmenschen Jesus Christus entgegen: den Menschen Jesus Christus schlechthin, den von Gott gerichteten Menschen und den auferweckten neuen Menschen, alle repräsentiert in Jesus Christus, dem wahren Menschen. Da ist zuerst der „tyrannische Menschenverächter“, 159 „als dessen Vorbild unschwer Adolf Hitler (sic!) zu erkennen ist“. 160 Der Menschenverächter sieht den Menschen vorwiegend in seinen schwachen, niedrigen und gemeinen Seiten. Aber damit trifft er nicht den von Gott geliebten und angenommenen Menschen, sondern nur eine einseitige, sogar verzerrte Form, eine Fratze des Men-
149 H.-J.Abromeit, Geheimnis, 242.
150 Ebd.
151 A.a.O., 243, vgl. ebenso D. Bonhoeffer, Ethik, 70f.
152 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 243.
153 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 71f.
154 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 245.
155 Ebd.
156 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 72-74.
157 Vgl. a.a.O., 75-78.
158 Vgl. a.a.O., 78f.
159 D. Bonhoeffer, Ethik, 72.
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schen. Die Menschwerdung Gottes entzieht dem Menschenverächter von vornherein den Boden unter den Füßen, so daß seine Sicht des Menschen untragbar wird. Auch der Gute, im Gegensatz zum Tyrannen, „der dies alles durchschaut“, sich dann aber „angeekelt von den Menschen zurückzieht und sie sich selbst überläßt“, 161 kann nur eine Negation seiner Einstellung zum Menschen erfahren. Jede Form der Menschenverachtung wird im Angesicht der Inkarnation Gottes in dem wahren und realen Menschen Jesus Christus scheitern müssen, im Angesicht der vollen Bejahung des Menschen. Hat der Menschenverächter sich durchweg auf die Schwächen und Gemeinheiten des Menschengeschlechts konzentriert, so gibt es auch „eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die der Menschenverachtung gleichkommt“. 162 Dieser Philanthrop liebt ein „selbstgemachtes Bild“ 163 des Menschen, sieht und sucht in ihm nur die guten Seiten, Böses wird mit erzwungener Nachsicht in Gutes umgedeutet, „das Gemeine übersehen, das Verwerfliche entschuldigt“. 164 Auch hier entsteht eine Verzerrung des real existierenden Menschen, der in seinem Wesen nicht so erkannt wird, wie er ist. Dies ist überhaupt nur allein in der Menschwerdung Gottes möglich, nur dort vermögen wir den wirklichen Menschen zu kennen und ihn nicht zu verachten. Es ist gleichzeitig eine Chance. Wir „dürfen den wirklichen Menschen neben und vor Gott leben lassen ohne ihn zu verachten oder zu vergöttern.“ 165 Damit sind das Richten der Mitmenschen und das ständige Schielen auf den Nächsten hinfällig geworden. Nicht nur, weil es verboten ist, 166 sondern weil es gar nicht mehr nötig ist. Wir brauchen nicht auf den Nachbarn zu schauen, uns an ihm zu messen und mit ihm zu vergleichen, denn Gott hat das Ja zu jedem einzelnen Menschen gesprochen, indem Er selbst der Mensch wurde.
Doch der Mensch ist auch der von Gott gerichtete Mensch. 167 Gott selbst wird schuldig an der Welt in Seinem Menschsein und vollzieht auch das Gericht an sich selbst. Das ist der einzige Weg des Friedens, der Versöhnung mit der Welt, der den Ab-grund überwindet und schließt. „Von Gott angenommen, im Kreuze gerichtet und
160 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 245. Bonhoeffer skizziert in dem Abschnitt über die Menschenverachtung „die ‚Führer‘-Demokratie des Dritten Reiches, die pervertiert-plebiszitäre Herrschaft Hitlers“, die Herausgeber, Ethik 73, Fußnote 38.
161 A.a.O., 73.
162 A.a.O., 74.
163 Ebd.
164 Ebd.
165 A.a.O., 74.
166 „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet,“ (Mt 7,1), vgl. auch a.a.O., 316.
167 „Ecce homo - seht den von Gott gerichteten Menschen!, a.a.O., 74.
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versöhnt, das ist die Wirklichkeit der Menschheit.“ 168 Dies bleibt einer Welt, die nur auf den Erfolg blickt, fremd und ist ihr eine Torheit, 169 denn der Erfolg „ist eine Verleugnung des Gerichtes“. 170 Der schwache, verlorene Mensch am Kreuz muß ihr geradezu lächerlich erscheinen. Bonhoeffer unternimmt hier einen Angriff auf die aktuelle Zeit, auch hier dient dem angesprochenen Menschentypus, dem Erfolgreichen, Adolf Hitler als Vorbild. Er ist derjenige, der Tatbestände schafft, „die nie mehr rückgängig zu machen sind, was er zerstört, ist nie wieder herzustellen“, 171 alles ist unwiderruflich geschehen, „die Schuld ist nicht wiedergutzumachen“. 172 Doch das Kreuz Christi ist das Gericht über den Erfolg, mehr noch, es ist eine radikale Kritik an jeder Erfolgsorientierung. 173 „Entscheidend ist nicht mehr, ob eine Handlung zum Erfolg führt oder nicht, sondern ob sie vor dem Gericht Gottes Bestand hat.“ 174 Das Gericht Gottes ist aber schon vollzogen, an Jesus Christus und somit an der gesamten Menschheit; „darum wissen wir, daß Gott den Menschen nicht zugrunde richten, sondern aufrichten will.“ 175 Das Gericht Gottes ist ein Gericht der Gnade und der Liebe. 176 An dem vollzogenen Gericht kommt niemand mehr vorbei, nicht der Starke, nicht der Schwache, weder der Erfolgreiche, noch der Verlierer. Denn Christus kümmert sich nicht um Erfolg und Mißerfolg. Ihm geht es um das „willige Annehmen des Gerichtes Gottes“, 177 weil nur darin Versöhnung stattfindet. Unsere Identität hängt an der Geschichte und an der Person Jesus Christus, ohne die wir keine Zukunft haben, denn „allein im Kreuz Christi und das heißt als gerichtete kommt die Menschheit zu ihrer wahren Gestalt“. 178
Ihr Ziel finden die Menschwerdung Gottes und das Gericht in der Auferstehung Jesu Christi, im Ostergeschehen. Die Auferstehung ist das „letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen“. 179 Mit Christi Auferstehung ist ein neuer Mensch geschaffen. 180
168 A.a.O., 75.
169 Vgl. auch das Schriftzitat „..., sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zu-schanden mache,“ (1 Kor 2,27).
170 D. Bonhoeffer, Ethik, 77.
171 A.a.O., 75.
172 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 247.
173 Vgl. a.a.O., 254.
174 A.a.O., 251.
175 Ebd.
176 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 77.
177 Ebd.
178 A.a.O., 78.
179 A.a.O., 79.
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Doch Christus als der Mensch schlechthin mußte zuvor alle Stationen des Menschseins durchlaufen und alle Auflagen Gottes erfüllen: Geburt, Leben, Sünde und Schuld, Gericht, Tod am Kreuz und letztendlich die Auferstehung in Herrlichkeit. So geschieht es mit dem Menschen selbst auch. Ohne Leben und Gericht findet er seine wahre Gestalt, sein wirkliches Wesen nicht und damit auch nicht die Neuwerdung und Auferstehung. Mit Christus ist der neue Mensch geschaffen, und „was an Christus geschah, ist an allen (Anm. d. Verf.) geschehen“. 181 Damit ist auch das letzte Gegenbild aus Bonhoeffers zeitlichem und kulturellem Kontext in seine Schranken gewiesen: die Todesvergötzung. Damit meint Bonhoeffer sowohl Formen von „krampfhafte(r) Lebensbejahung“ sowie „gleichgültiger Lebensverachtung“, 182 welche beide Phänomene des Nationalsozialismus waren, aber durchaus auch in anderen, ebenso aktuellen Zeiten ihren Ausdruck fanden und finden. „Bonhoeffer deutet den Neubau der Welt, der durch die politisch-militärische Neuverteilung des europäischen Bodens und die völlige Umerziehung der dort lebenden Menschen geschehen sollte und der auch in den Monumentalbauten eines Albert Speer (sic!) seinen Ausdruck fand, als Glauben an den Tod.“ 183 Bonhoeffer sieht darin eine klare Überforderung des Menschen und wiederum eine radikal-einseitige Positionierung gegenüber dem irdischen Leben: „Alles erraffen oder Alles wegwerfen“ 184 ist mit dem Glauben an den Auferstandenen nicht vereinbar, welcher doch den ganzen Lebenskomplex des Menschen in sich einschließt, annimmt und „wo die Macht des Todes gebrochen ist“. 185 Bonhoeffer gesteht allerdings ein, daß die Menschheit „noch im Alten“, „in einer Welt des Todes“ 186 und der Sünde lebt, aber er sieht schon den Schimmer der „besseren Welt“. Es ist ein „Schon-Jetzt“ und „Noch-Nicht“: 187 Einerseits lebt der Mensch in einer noch nicht umgewandelten Welt unter Gottes Regierung, wie es im Neuen Testament verheißen ist, 188 andererseits ist das Gericht, die Versöhnung und das Neue an und in Jesus Christus schon geschehen. Über der Nacht
180 „Ecce homo - seht den von Gott angenommenen, von Gott gerichteten, von Gott zu einem neuen Leben erweckten Menschen, seht den Auferstandenen!, a.a.O., 78.
181 Ebd.
182 A.a.O., 78f.
183 H.-J. Abromeit, Geheimnis, 252.
184 D. Bonhoeffer, Ethik, 79.
185 Ebd.
186 Ebd.
187 In der ntl. Exegese ist der Fachausdruck für das „Schon-Jetzt“ und „Noch-Nicht“ präsentische Eschatologie.
188 Vgl. bes. Offb 21.
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wird es schon hell, 189 der Mensch kann hoffen und aus dieser Hoffnung, dem „Schon-Jetzt“, seine Kraft ziehen, um zu handeln und zu leben. Das „Schon-Jetzt“, welches uns in Christi Gestalt begegnet und das wir in ihr erkennen können, ist Grundlage für eine weitere Gestaltung, und zwar eine Gleichgestaltung jedes einzelnen Menschen mit der Gestalt Jesu Christi. 190 Dies ist der entscheidende Vorgang, der die Welt und den Menschen nachhaltig verändert, der ihn neu macht. Nur darin erhält der Mensch seine neue, wahre Gestalt, in der er Mensch sein soll und darf. 191 Bonhoeffer orientiert sich bei dem Gedanken der Gestaltung wiederum an der dreigeteilten Formel von Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung. „Gleichgestaltet mit dem Menschgewordenen - das heißt wirklicher Mensch sein.“ 192 Man braucht kein Idealmensch zu sein, sich nicht nach einem Vorbild 193 zu richten oder gar versuchen, sein Menschsein hinter sich zu lassen, 194 alles an „Schein, Heuchelei, Krampf, Zwang etwas anderes, besseres, idealeres zu sein als man ist, ist hier abgetan“, 195 sondern der wirkliche Mensch in der Gleichgestaltung mit Christus ist der Gegenstand göttlicher Liebe und nicht irgend welcher Vergötterung oder Verachtung. Dann ist der Mensch gerade „unwahr“ 196 und findet nicht sein wirkliches Wesen. Ich darf Ich sein mit allen Fehlern, Träumen, Hoffnungen, Zweifeln, Forderungen, also mit allem, was mein Leben ausmacht, denn ich bin auch gerichtet von Gott und dadurch mit Ihm versöhnt und erlöst. „Gleichgestaltet mit dem Gekreuzigten - das heißt von Gott gerichteter Mensch sein.“ 197 Der Mensch ist Sünder, und über sein Sündersein kommt er nicht hinweg. Aber es erkennen und bekennen bedeutet, sich ganz dem Gekreuzigten und Gottes gnädigem Gericht auszuliefern und Gott „über sich und gegen sich“ 198 Recht zu geben. Darin ist er vor Gott recht und gerechtfertigt, frei zum Leben als realer Mensch. Die Auferstehung rundet diesen „Durchlauf“ ab und vollendet die Gleichgestaltung. „Gleichgestaltet mit dem Auferstandenen - das heißt vor Gott ein neuer
189 So ähnlich auch D. Bonhoeffer, Ethik, 79.
190 Vgl. a.a.O., 80-83.
191 Vgl. a.a.O., 81.
192 Ebd.
193 Der Begriff „Vorbild“ impliziert schon das Wort „Bild“, das sich ein Mensch von seiner eigenen Person und anderen Menschen gerade nicht machen soll.
194 Vgl. a.a.O., 70f.
195 A.a.O., 82.
196 A.a.O., 81.
197 A.a.O., 82.
198 Ebd.
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Mensch sein.“ 199 Es bleibt ein Geheimnis der Liebe Gottes, der Mensch lebt, „weil Christus lebt“, 200 und er lebt allein in ihm. Christus ist der alleinige Weg zum Leben, zum wahren Menschsein, die einzige Chance des Menschen, auch wirklich als Mensch handeln und sein zu dürfen, jenseits aller Abstraktion, mag sie auch noch so gering sein. In der Gleichgestaltung mit Christus wird der Mensch nichts Höheres, Besseres, Idealeres, sondern findet schlicht und in vollem Sinne seine Menschlichkeit. Bonhoeffer hält jedoch fest, daß die Gleichgestaltung keineswegs vom Menschen ausgeht oder erwirkt werden kann. Gestaltung gibt es nur von der Gestalt Jesu Christi aus, der Mensch bleibt in Passivität. Vielmehr ist es „ein Hineingezogenwerden in die Gestalt Jesu Christi“, 201 Christus gestaltet uns, es ist eine Verwandlung von Jesu Seite aus. Ebenso gibt es nur eine Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Der Mensch wird nicht Gott, „sondern Gott selbst verwandelt seine Gestalt in die Gestalt des Menschen, damit der Mensch zwar nicht Gott, aber Mensch vor Gott werde“. 202 Der Mensch braucht also die Herabneigung Gottes zur Welt, Sein Kommen zu ihm, um seine wahre Bestimmung zu finden und auch zu erlangen. Allein ist der Mensch hilflos und versinkt in abstrakten und bloßen Vorstellungen vom Menschsein und von der Wirklichkeit, ohne ihre eigentlichen Wesenheiten zu entdecken, geschweige denn zu leben.
Hat Bonhoeffer im Laufe des Manuskripts „Ethik als Gestaltung“ Christus als den Menschen schlechthin dargestellt, der in allen Menschen Gestalt finden will, so beschränkt er die Gleichgestaltung kurz darauf wieder auf die Kirche. 203 „Er, der die Gestalt des Menschen trug, kann nur in einer kleinen Schar Gestalt gewinnen: das ist seine Kirche.“ 204 Christus gewinnt also nur Gestalt in der Kirche. Jedoch macht Bonhoeffer klar, daß die Kirche nicht eine „Religionsgemeinschaft von Christusverehrern“, 205 eine bloße christliche Gruppierung ist, ein „Vorbild für die Welt“, 206 sondern sie ist ein Stück Menschheit selbst. Was an ihr geschieht, nämlich die Gleichgestaltung mit Christus, „geschieht vorbildlich und stellvertretend für alle Menschen“. 207
199 Ebd.
200 Ebd.
201 A.a.O., 80.
202 A.a.O., 83.
203 Vgl. a.a.O., 84f.
204 A.a.O., 84.
205 Ebd.
206 A.a.O., 85.
207 A.a.O., 84.
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Man könnte also fast verallgemeinernd sagen, die Kirche ist die Menschheit, wie Jesus Christus der Mensch ist. In der Kirche ist die Gestalt Christi Wirklichkeit ge-worden. Sollte vorhergehend im Text die Menschheit in die Gestalt Christi hineingezogen werden, so wird sie nun in die Kirche hineingezogen. 208 „Gewissermaßen vorwegnehmend“ soll die Kirche eine Art „Vorhof“ zur wahren Gestalt des Menschen sein, die er zwar schon empfangen hat (Perfekt), aber noch nicht persönlich annimmt und begreift (Präsens). 209 Die von Christus direkt gestaltete Kirche ist also Ausgangspunkt aller Gestaltung. Bonhoeffer denkt an ein weltliches Christentum. Im Hintergrund des allgemeinen Kirchenversagens angesichts des NS-Regimes sucht Bonhoeffer enttäuscht nach einer Instanz, die für die Menschen steht. Zum Ende des Manuskripts führt Bonhoeffer die Idee des „christlichen Abendlandes“ ein. 210 Ethik muß laut Bonhoeffer konkret sein. 211 Im Zusammenhang mit der Frage nach der Konkretion werden wir wieder auf Jesus Christus verwiesen. Er ist „nicht der Verkünder eines Systems“, „nicht wesentlich Lehrer, Gesetzgeber“ er „lehrt keine abstrakte Ethik“, 212 sondern er will „hier und heute“ 213 (sic!) unter uns und in uns Gestalt gewinnen. So kann aus Jesu Leben, Handeln und Lehren kein Formalismus abgeleitet werden, es kann nicht ein für allemal abstrahiert werden, „was heute, hier und zu allen Zeiten gut wäre“. 214 Allen Theorien, Lehren, Programmen wird damit entsagt, und Bonhoeffer kehrt wieder zum Anfang seiner Ausführungen dieses Textes zurück. Alle ethischen Prinzipien sind zu starr und einseitig, zu unkonkret, nicht auf die wahre Weltwirklichkeit gemünzt. Es gibt kein Idealrezept für eine Handlung. Die Ermöglichung und Erlaubnis zum befreiten Handeln und damit zu einer konkreten Ethik liegt allein in der Menschwerdung Gottes, von der ausgehend die Gleichgestaltung aller Menschen erfolgt - und zwar auf verschiedene Weisen. Christus setzt die Wirklichkeit nicht außer Kraft, überwindet sie nicht, sondern fordert gerade die Verwirklichung des wahren Menschseins. Er „setzt die Wirklichkeit inkraft, er bejaht sie“, 215 wie er auch den Menschen bejaht, weil er „der
208 Vgl. a.a.O., 85.
209 Ebd. Vgl. wieder die Anlehnung an die präsentische Eschatologie.
210 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 85-89.
211 Vgl. z.B. a.a.O., 86.
212 A.a.O., 85f.
213 A.a.O., 87.
214 A.a.O., 85.
215 A.a.O., 86.
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Grund aller menschlichen Wirklichkeit“ 216 ist. Daher kann die konkrete christliche Ethik auch nur ihren Ausgangspunkt in Jesus Christus haben, in der Versöhnung, in und auf seinem Weg. Aus ihm darf nie „ein abstrakter, für alle Zeiten gleicher Weg herauskristallisiert werden“, 217 Christus ist der lebendige Gegenüber, den es immer wieder neu zu entdecken und dem es stets neu zu gehorchen gilt, „‚unter uns‘, ‚heute‘ und ‚hier‘“. 218 Diese temporalen und örtlichen Bestimmungen „sind Indiz für den geschichtlichen Index in den Aussagen über die Welt“. 219 „Es gibt zu Gott und zur Welt nur einen durch Jesus Christus vermittelten und damit geschichtlichen Zugang“, 220 der auch unsere eigene Geschichte angeht und bestimmt. Wir sind ein Teil Jesu Christi und der von ihm bejahten und inkraft gesetzten Geschichte. 221 Die Geschichte ist „christologisch qualifiziert“, 222 daher erwartet sie keine Bewertung oder Interpretation, sondern Entscheidung. Darum geht es auch „um den Bereich unserer Entscheidungen und Begegnungen“, um „einen bestimmten Erfahrungs-, Verantwortungs- und Entscheidungszusammenhang“, 223 die alle höchst individuell und differenziert sind. Dennoch bleibt die Gestalt Christi die „eine und dieselbe zu allen Zeiten und an allen Orten“, 224 wir Menschen heute sind ihr nicht ferner oder näher als die Urgemeinde, Jesu Ruf und unsere Gleichgestaltung mit ihm sind zu allen Zeiten gleich, gültig und konkret. 225 Wir stehen also „mitten in dem Gestaltwerden Christi in einem von ihm selbst gewählten Ausschnitt der Menschheitsgeschichte“, dem „A-bendland“. 226 Letztendlich bleibt aber auch die Ethik als Gestaltung ein „Wagnis“, in dem „konkrete Urteile und Entscheidungen gewagt werden müssen“, ein Bereich des menschlichen Lebens, in dem Vertrauen und Hoffnung, aber auch „Gebote und Weisungen“ 227 die richtunggebenden Elemente bleiben.
d) Gemeinsamkeiten und Unterschiede
216 Ebd.
217 E. Feil, Theologie, 199.
218 D. Bonhoeffer, Ethik, 88.
219 E. Feil, a.a.O., 199.
220 Ebd.
221 Vgl. dazu E. Feil ebd., der die ähnliche Feststellung macht, daß die Geschichte durch Christus nicht überwunden wird, sondern erst recht Geschichte wird. Auch das Menschsein wird ja nicht über-wunden, sondern eher bestätigt.
222 R. Mayer, Christuswirklichkeit, 97.
223 D. Bonhoeffer, Ethik, 88.
224 A.a.O., 85.
225 Vgl. R. Mayer, a.a.O., 98.
226 D. Bonhoeffer, Ethik, 88.
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Der Kern der gesamten Bonhoefferschen Ethik ist die Christologie. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi bilden das Zentrum und den Rahmen, den Ausgangs-, sowie den Endpunkt aller Ethik überhaupt. Sowohl das Manuskript „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ als auch „Ethik als Gestaltung“ haben die Menschwerdung Jesu Christi zum Thema und wollen von dort aus einen „rechten“ Weg für das menschliche Handeln und Leben finden. So gibt es in beiden Texten durchaus eine relativ große gemeinsame Schnittmenge gewisser Ideen und Darstellungen, jedoch auch eine gewisse Anzahl an Unterschieden bzw. anderen Ansatzpunkten, die von Bonhoeffer in beiden Schriften auf differenzierte Weise angegangen werden. Auf die ähnlichen Ausgangssituationen und das Versagen konventioneller Ethiksysteme, das beide Schriften stark bemängeln, habe ich anfangs schon hingewiesen, 228 ebenso auf die gemeinsamen und verschiedenen Sichtweisen in Bezug auf die Person Jesu Christi. 229
Ich möchte mich im folgenden zuerst auf die inhaltlichen Gemeinsamkeiten stützen und zum Schluß hin auf die Unterschiede aufmerksam machen.
Eine sehr eindeutige Parallele findet der Leser in der „Gleichgestaltung“, die beiden Texten eigen ist, wobei der Begriff für das Manuskript „Ethik als Gestaltung“ die Grundlage bildet, jedoch in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ nur kurz wieder aufgegriffen wird. Beide meinen dasselbe. Gleichgestaltung bedeutet eine Neuwerdung des Menschen, eine innere Wandlung und Umstellung. Der Mensch sieht und weiß nur noch ausschließlich Christus, folgt ihm nach, lebt in der Versöhnung. Er ist durch Christus von Gott angenommen und findet ein deutliches Ja Gottes über seinem Leben. Von nun an ist es ihm möglich, befreit zu leben und zu handeln, die Menschen und die Welt in ihrem wahren Licht zu sehen, nämlich als in Gott ruhend und von Gott akzeptiert. Wir leben das Leben Jesu Christi, 230 welches auch durch Kreuzigung, Gericht und Tod, aber auch durch die Auferstehung gekennzeichnet ist. 231 Die Gleichgestaltung mündet in der gültigen Liebe Gottes, sie ist das Wis-
227 A.a.O.,89.
228 Vgl. S. 6-8 dieser Arbeit.
229 Vgl. S. 8-13 dieser Arbeit.
230 Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, 81-83 und 325.
231 Die Themen Kreuzigung und Auferstehung werden hauptsächlich im Manuskript „Ethik als Gestaltung“ behandelt (vgl. a.a.O., 74-80), wohingegen in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ der Schwerpunkt auf dem Leben Jesu liegt(vgl. a.a.O., 311-315). Dies tut der gemeinsamen Bedeutung der Gleichgestaltung in beiden Texten aber keinen Abbruch.
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sen um Seine Offenbarung in Jesus Christus, mehr noch, sie ist die Liebe Gottes und deshalb die Erlaubnis, wahrer und wirklicher Mensch vor Gott und neben den Mitmenschen sein zu dürfen.
Mit der Gleichgestaltung geht der Begriff der Passivität bzw. des Hineingezogenwerdens einher. 232 Es ist dem Menschen nicht gegeben, sich selbst nach der Gestalt Christi zu gestalten, sich selbst neu zu machen und durch eigene Anstrengungen ‚Jesus ähnlich zu werden‘. 233 Der einzige Gestalter bleibt Jesus Christus. Auch „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ weiß die Passivität angesichts der Liebe Gottes. Es ist nicht der Mensch, der zuerst liebt, sondern er ist derjenige, der sich die Liebe Gottes gefallen läßt. 234 Die menschliche Antwort auf das Geliebtwerden Gottes ist selbst Gott zu lieben. Es sind also zwei Seiten derselben Medaille. Letztendlich ist der Hauptakteur immer Gott bzw. Jesus Christus, welcher mit dem Menschen etwas tut. In diesem Fall ist das menschliche Handeln eine Reaktion auf die Tat Gottes / Jesu Christi. Was aber keineswegs eine ungesunde und starre Passivität bedeutet. Vielmehr ist völliger Einsatz aller geistigen und körperlichen Kräfte angesichts der Liebe Gottes gefordert, die bedingungslose Erlaubnis, wahrer Mensch zu sein und auch als solcher zu leben. Es darf und muß sogar mit vollem „Verstand, Erkenntnisvermögen, aufmerksame(r) Wahrnehmung des Gegebenen“ 235 gelebt werden, was kaum als pure Passivität benannt werden kann. Jedoch liegt der Ausgangspunkt alles Handelns und Seins in Gott, und die erste Aufgabe, die erste Tat des Menschen ist die Akzeptanz und daraufhin die Antwort auf Gottes Handeln hin. Man könnte hier mit den Worten „Zuspruch“ und „Anspruch“ agieren: Zuerst erreicht den Menschen Gottes Zuspruch in Jesus Christus, der den Menschen nur in Passivität trifft. Darauf folgt allerdings der Anspruch Gottes, sich Seine Erwählung gefallen zu lassen und dementsprechend zu leben und zu handeln.
Gemeinsam ist den beiden Manuskripten auch die Tatsache, daß eine Begegnung mit Jesus Christus und das Sich-Bekennen zu ihm als Offenbarung Gottes und als Seinen wahren, einzigen Sohn den Menschen neu macht, ihm eine andere Sichtweise der Dinge gibt. 236 Nach der Gleichgestaltung mit Christus ist der Mensch ein anderer als
232 Vgl. a.a.O., 80.
233 A.a.O., 81.
234 Vgl. a.a.O., 340.
235 A.a.O., 326.
236 Vgl. a.a.O., 83 und 324f.
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er vorher war, obwohl er nur schwer von seinen Mitmenschen zu unterscheiden ist. 237 Doch er hat den „alten Adam“ abgelegt und überwunden und hat nun „die Gestalt des Kindes Gottes“. 238
Zu dieser Gestalt des Kindes Gottes gehört untrennbar das Leben in Einfalt. Auch das ist ein Begriff, der einen bedeutenden Raum in beiden Schriften einnimmt. 239 Eine Eigenschaft der Einfalt ist, daß sie nur „die schlichte Wahrheit Gottes im Auge behält“ 240 , daß sie den Menschen allein auf den Willen Gottes blicken und alle Zwiespältigkeit hinter sich läßt. Diese Einfalt ist zuerst einmal Jesus Christus eigen, bzw. er ist der Ort, in dem die Einfalt liegt. Jesus als Mensch lebt aus dem einen Willen Gottes heraus, für ihn existieren keine Konflikte, keine endlose Kette an Wahlmöglichkeiten, kein Leben in Zerrissenheit. Andererseits ist Jesus Christus die Person, die der Mensch betrachten muß, um selbst in dieser Einfalt zu leben und nicht mehr angstvoll oder kritisch auf seinen Nächsten zu schielen. Jesus Christus bringt uns die Einheit zurück, aufgrund derer wir wieder fähig sind, uns allein auf Gott und Seine Wahrheit zu konzentrieren, nur noch Ihn zu wissen und die Wirklichkeit in Ihm zu erkennen. Das heißt gleichzeitig ein kluges Leben führen. 241 Es zeichnet das menschliche Leben aus, daß es sich stets im Zwiespalt, in der Entzweiung befindet. Von dieser Grundexistenz geht Bonhoeffer auch in „Ethik als Gestaltung“ und natürlich in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ aus. 242 Im Abfall vom Ursprung lebend, steht der Mensch mit seiner kompletten Umwelt in Zerrissenheit da: mit Gott, mit sich selbst, mit seinen Mitmenschen, mit der Welt. Für ihn existieren Gott auf der einen, die Weltwirklichkeit auf der anderen Seite. Doch diese Situation ist es, die Bonhoeffer als Wurzel allen Übels ansieht und die es zu überwinden gilt. Die (Er-)Lösung sieht und findet er in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, Ausdruck Seiner Liebe und menschgewordenen Gott. In ihm fügt sich wieder alles zusammen, der Riß zwischen Gott und Welt wird geheilt, und von nun an gibt es keine zwei Räume, keine zwei nebeneinanderstehende Wirklichkeiten mehr. Die Weltwirklichkeit ist Christuswirklichkeit, dahinter kann niemand mehr zurück, „alles
237 Vgl. a.a.O., 83.
238 A.a.O., 325.
239 Vgl. a.a.O., 67-69 und 315; 321-323; 326f.; 329.
240 A.a.O., 67.
241 Vgl. a.a.O., 67f.
242 Vgl. a.a.O., 68 und 301-341, bes. a.a.O., 310ff.
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menschliche Sein ist ‚Sein in Christus‘“. 243 Jetzt gibt es keine Geschichte mehr ohne ihn, Gotteswirklichkeit und Weltwirklichkeit sind wieder vereint, der Mensch ist wieder eine Einheit. „In Jesus Christus als dem Mittler und der Mitte sind Gott und Welt eine (sic!) Wirklichkeit, nämlich die Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit.“ 244 Wäre das nicht so, befände sich der Mensch wieder in der Konfliktsituation, in der er zwischen Christus und der Welt wählen müßte. So aber findet die Wirklichkeit und in ihr der Mensch erst ihre wahre, eigentliche Bedeutung. Es ist die einmalige Tat Jesu Christi, die diese Versöhnung schafft: „Nicht was er tut und leidet, sondern was er tut und leidet, ist Liebe.“ 245 Christus ist wirklicher Mensch geworden, er ist zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort in die Geschichte eingegangen und hat sie dadurch verändert. Die Geschichtlichkeit und Einzigartigkeit des Lebens Jesu sind der Maßstab, sein wahres Menschsein und sein Leiden und Tod bringen die Versöhnung und die Möglichkeit für den Menschen, die Einfalt und Einheit zurückzufinden.
Letztendlich muß aber auch Bonhoeffer eingestehen, daß Leben und Handeln nichtsdestotrotz immer ein Wagnis bleiben. 246 Nie ein für allemal kann der Mensch sich sicher sein, wirklich neu gestaltet worden zu sein; nie ein für allemal steht fest, daß Christus wirklich Gestalt in uns gewonnen hat; nie ein für allemal weiß ich, ob mein Tun wirkliches Tun ist und nicht nur ein Scheintun. Denn Christus ist ein lebendiges Gegenüber, der Sohn des lebendigen Gottes, nicht ein bloßer Name oder ein Ereignis, das im Jahre 30 n. Chr. stattgefunden hat. Im Endeffekt bleibt dem Menschen nur das Wagnis des Entscheidenmüssens und des Urteilens, des konkreten Handelns in entsprechenden Situationen. Das letzte Gericht, das letzte Prüfen liegt bei Jesus Christus, aber wir dürfen gewiß sein, daß es eine Begegnung der Gnade und des Verzeihens sein wird.
Widmen wir uns nun den Unterschieden, die zwar nicht gewaltig, jedoch wert sind, beachtet und dargestellt zu werden.
Was versteht Bonhoeffer z.B. unter „angemessenem Tun“? In dem Manuskript „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ ist es das Befolgen des einen Willens Gottes 247 und damit die Unterwerfung unter diesen. Handeln meint hier in erster Linie
243 R. Mayer, Christuswirklichkeit, 84.
244 E. Feil, Theologie, 198.
245 D. Bonhoeffer, Ethik, 338.
246 Vgl. a.a.O., 86f; 89 und 325f; 328f; 334.
247 Vgl. a.a.O., 329.
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also das Tun des Gesetzes, ohne jegliche Reflexion und ohne jegliches Richten, was allein durch die Versöhnung Jesu Christi und die zurückgebrachte Einheit möglich ist. Tun heißt also mehr oder weniger Gehorsam, Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes und Seinen Geboten. In „Ethik als Gestaltung“ legt Bonhoeffer m.E. mehr Gewicht auf das Menschsein selbst. Gott wurde Mensch, also ist die einzig angemessene Haltung des Menschen vor Gott das wirkliche Menschsein. Nicht darüber hinauswachsen, sich nicht geringer und kleiner machen, sondern wahrer Mensch sein. Bonhoeffer sieht natürlich in beiden Texten die Notwendigkeit, ganz und ausschließlich auf Jesus Christus zu blicken, nur so ist „rechtes“ Handeln möglich, jedoch liegen die praktischen Auswirkungen anders, einmal im Gehorsam, ein anderes Mal im Annehmen seines eigenen Menschseins.
Die Auswirkungen der Entzweiung, die vorhin schon im Vergleich angesprochen wurden, finden ihren Ausdruck im Richten. 248 Doch auch diesen Begriff füllt Bonhoeffer auf differente Weise. „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ lehnt das Richten radikal ab, es ist ein absoluter Widerspruch zum echten Tun, welches die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. 249 Es gibt also ein Verbot zu richten. In „Ethik als Gestaltung“ scheint es eher so zu sein, daß das Richten weniger ein striktes Verbot ist, sondern schlicht nicht mehr nötig und auch nicht mehr möglich ist. Da Gott Mensch und an der Welt schuldig geworden ist und sich selbst gerichtet hat, ist jedwedem Richten eines anderen Menschen oder sich selbst der Boden entzogen. Wir können am wahren Menschsein nicht mehr vorbei, wir dürfen unsere Menschlichkeit leben und bejahen, da Gott sie schon bejaht hat. Ein Beurteilen und Aburteilen menschlicher Handlungs- und Existenzweisen ist hinfällig. Ein weiterer Punkt von unterschiedlicher Betrachtungsweise liegt in dem Begriff der Versöhnung. Daß Jesus Christus diese schafft, ist eindeutig, aber wie schafft er sie? In „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ bezieht sich Bonhoeffer sehr stark auf Jesu Leben selbst, sein Wirken und Handeln, besonders in der Interaktion mit seinen Zeitgenossen. Jesus bringt Versöhnung durch sein schlichtes Sein und Tun in und aus dem Willen Gottes. 250 Jesus ist der Sohn Gottes, der andere, neue Mensch. Darin liegt die Überwindung der Entzweiung, das Hintersichlassen des Risses zwischen Gott und Welt. Jesus schafft also Versöhnung durch sein Leben in der Einheit mit dem
248 Vgl. a.a.O., 71; 75 und 316-318; 330f.
249 Vgl. a.a.O., 330.
250 Vgl. a.a.O., 318-321.
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Ursprung, durch seine Existenz selbst, durch seine Repräsentanz des Menschen jenseits von Gut und Böse, jenseits des Zwiespalts, der das Menschsein belastet. Bonhoeffer stellt Jesus von „unten“ dar, der Charakter der Versöhnung liegt in dem irdischen Leben und Handeln des Jesus von Nazareth. „Ethik als Gestaltung“ betont dagegen vielmehr die Kreuzigung Jesu, die den Menschen mit Gott versöhnt. 251 „Nur indem Gott an sich selbst das Gericht vollzieht, kann Friede werden zwischen ihm und der Welt und zwischen Mensch und Mensch.“ 252 Gott selbst ist in Jesus Christus an der Welt schuldig geworden, nahm die Sünde auf sich und bringt sie und sich ans Kreuz. Versöhnung findet am Kreuz statt, und nur dort findet der Mensch seine wahre Gestalt. 253 Gott steigt von „oben“ herab in die Welt hinein und schafft im Gericht an sich selbst Versöhnung und die Überwindung der Schuld. In diesem Vergleich wird noch einmal deutlich, wie verschieden die Person Jesus von Bonhoeffer betrachtet wird: Auf der einen Seite ist Jesus klar weltliche Person, der Jesus von Nazareth, auf der anderen Seite vermischt Bonhoeffer Gott und Jesus so sehr, daß er wahrhaftig sagen kann, Jesus ist Gottmensch, 254 ein „Mischwesen“, mehr Gott als Mensch, ein Gott, der das Menschsein aber voll und ganz gelebt hat. Man könnte fast sagen, Jesus Christus wird mit Gott gleichgesetzt. Freilich kann man nun nicht behaupten, daß Bonhoeffer das eine, die Kreuzigung, in „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ ausschließt 255 und ebenso das andere, die Versöhnung durch die neue Einheit in Jesus von Nazareth, in „Ethik als Gestaltung“ ausklammert. 256 Beides bedingt sich natürlich, es geht lediglich um eine andere Gewichtung. Sowohl zur Person Jesus von Nazareth als auch zur Menschwerdung Gottes gehören Leben, Tod und Auferstehung untrennbar zusammen.
Eine letzte Differenz möchte ich noch in der Beziehung des Menschen zu Christus erwähnen. Bonhoeffer betont, daß es am Menschen liegt, sich selbst zu prüfen und überprüfen, täglich neu, ob Christus auch wirklich in uns ist. Ob Christus „für ihn und in ihm lebt“ 257 ist der entscheidende Maßstab. In „Ethik als Gestaltung“ finden wir jedoch die Formulierung, daß Christus der Mensch ist und wir in seine Gestalt
251 Vgl. a.a.O., 75.
252 Vgl. a.a.O., 70; 75.
253 Vgl. a.a.O., 78.
254 Vgl. a.a.O., 69. Ich habe diese Deckungsgleicheit von Jesus und Gott schon einmal kurz angeführt, vgl. S. 13 dieser Arbeit.
255 Vgl. a.a.O., 319.
256 Vgl. allein schon die lange Passage über die Menschwerdung Gottes, a.a.O., 70-74.
257 Vgl. a.a.O., 328f.
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hineingezogen werden. 258 Das kann nur bedeuten, daß wir in Christus sind, daß sich jeder Einzelne in der Gestalt Jesu Christi wiederfindet und in ihr eingegangen ist. Auch hier findet sich wieder eine leichte Umwandlung, die aber nicht das eine vom anderen ausschließt. Christus will ebenso Gestalt in uns gewinnen und wäre damit ebenso „in uns“, wie es Bonhoeffer in seinem Manuskript „Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt“ meint und wie es auch die Schrift bezeugt. 259
III. Schluß - Persönlicher Kommentar
Während einer solchen intensiven Auseinandersetzung mit zwei einzelnen Schriften Bonhoeffers taucht man sehr tief in die Gedanken- und Vorstellungswelt dieses Mannes ein. Man wird von Begriffen erfaßt, bereichert von neuen Ideen, belebt von interessanten Bildern, aber auch manchmal umgeworfen von einer Welle des Nichtverstehens angesichts der komplexen Darstellungsweise Bonhoeffers. Letztendlich bin ich beeindruckt von seiner tiefen Überzeugung und seinem ungetrübten Vertrauen gegenüber Gott und Seiner Menschwerdung und Offenbarung in Jesus Christus, seinen Bemühungen, aus diesem Kern der christlichen Religion eine Ethik abzuleiten und von seiner klaren Strategie. Nicht umsonst gibt es so viele Neuansätze Bonhoeffers in bezug auf eine christliche Ethik, sind die Reichweite und die Facette menschlichen Handelns doch mannigfaltig und immens komplex. Ich sehe daher die verschiedenen Ansatzpunkte Bonhoeffers in seinen Manuskripten nicht als Nachteil oder als negativen Beweis, daß er an bestimmten Punkten nicht weitergekommen ist. Wie sollte er auch im Hinblick auf die Fülle des menschlichen Lebens, all seiner Wendungen und Möglichkeiten, nur einen einzigen Pfad zum Ziel seiner Ethik beschreiten? Wie hätte er nur einen einzigen Weg begehen können? So sind womöglich auch seine differenzierten Auslegungen der ethischen Materie zu erklären und seine oftmals wechselnden Ansätze zu seinen Ansichten bezüglich eines Themas. Denn wie Bonhoeffer selbst auch in diesen beiden Texten betont, es kann kein Ein-für-Allemal geben, ein stets „richtiges“ Handeln ist nicht möglich, sondern wir leben in einer lebendigen Welt und in einer lebendigen Beziehung zu Gott. Darin liegt eine starke Dynamik, darin gibt es immer Neues, Veränderungen, Risiken, ja sogar Situa-
258 Vgl.a.a.O., 71; 80.
259 Vgl. 2 Kor 13,5.
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tionen, denen vorher noch kein Mensch gegenübergestanden hat. Dessen ist sich gerade Dietrich Bonhoeffer bewußt, der alles auf eine Karte setzte und Mitverschwörer im Rahmen des Hitlerattentats war.
Doch die Komplexität und Stringenz in seinen Schriften bringen auch Probleme mit sich. Trotz eingänglicher Auseinandersetzung mit den beiden Texten vermag ich immer noch nicht zu sagen, wie ich handeln soll! Begriffe wie „Gestaltung“, „Hineingezogenwerden“, „ganz auf Jesus Christus blicken“, „immer wieder neu prüfen, ob Christus in mir ist“ mögen bei Bonhoeffer eine klare Gestalt haben, mir jedoch sind sie definitiv zu abstrakt und praktisch nicht anwendbar. Ich kann nicht nur auf Christus blicken, nur ihn wissen und keinen Blick auf meine Umwelt richten. Dazu bin ich viel zu sehr Mensch und in meine Welt integriert, mit ihr verwoben. Andererseits, will ich überhaupt allein Christus wissen? Ich kann nicht hören und gleichzeitig tun, wie ist diese Einheit praktisch umzusetzen? M.E. läßt Bonhoeffer den Leser im Stich, wenn es an die praktische Seite geht, zumindest in den von mir zu untersuchenden Texten. Wie soll ich nicht reflektieren, wie soll ich nicht auf das Handeln meiner Mitmenschen achten und es in bezug auf mich und meine Entscheidungen bewerten?
Des weiteren ist z.B. der Gegensatz von Passivität auf der einen Seite und die Notwendigkeit, alle menschlichen Kräfte in Bewegung zu setzen auf der anderen Seite schwer zu verstehen. Ich deute diesen Zusammenhang zwar als Erwählung und Zuspruch Gottes, woraufhin unsere Taten folgen, dennoch erscheint es mir schwierig, diese Dialektik zu leben. Dazu sagt Bonhoeffer leider zu wenig. Schlußendlich muß auch er eine Grenze erkennen, wenn es nämlich gerade um das richtige und angemessene Handeln geht, welches eine Ethik eigentlich zu reflektieren hat. Bonhoeffer verweist den Leser an das gnädige Gericht Gottes und gibt ganz klar zu verstehen, daß es nicht an uns liegt, das letzte Urteil über Richtig und Falsch, Gut oder Böse, Sittlich oder Unsittlich zu fällen, sondern daß wir dies Jesus Christus anheimstellen und ihm unser Schicksal vertrauensvoll in die Hände legen müssen.
39
Literaturverzeichnis
Die im Literaturverzeichnis unterstrichenen Angaben wurden in den Anmerkungen von mir als Kurztitel verwendet. Die verwendeten Abkürzungen richten sich nach:
Schwertner, S.: Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete (IATG), 2. Aufl., Berlin / New York 1992
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Bonhoeffer, Dietrich: Ökumene, Universität, Pfarramt 1931-1932, hg. von Eberhard Amelung und Christoph Strohm (DBW 11), Gütersloh 1994
Feil, Ernst: Die Theologie Dietrich Bonhoeffers. Hermeneutik - Christologie - Weltverständnis, München 1971
40
Feil, Ernst:
Dietrich Bonhoeffers ökumenische Ethik. Ein Gesprächsbeitrag ange-
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Müller, Hanfried: Von der Kirche zur Welt. Ein Beitrag zu der Beziehung des Wortes Gottes auf die societas in Dietrich Bonhoeffers theologischer Entwicklung, Leipzig 1961
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Tödt, Heinz Eduard: Theologische Perspektiven nach Dietrich Bonhoeffer, hg. von Ernst-Albert Scharffenorth, Gütersloh 1993.
Arbeit zitieren:
Sabine Reinberg, 2001, Die Bedeutung der Christologie für die Grundlegung der Ethik bei Dietrich Bonhoeffer. Die Manuskripte -Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt- und -Ethik als Gestaltung- im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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