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2. Inhalt und Bedeutung der Theorie der „unsichtbaren Religion“ von Thomas Luckmann
2.1 Inhaltswiedergabe
Die Theorie über die mögliche „Unsichtbarkeit“ von religiösen Erscheinungsformen wurde von Thomas Luckmann 1967 zunächst in englischer Sprache verfasst. 1 Er geht davon aus, dass religiöses Verhalten nicht institutionell gebunden oder bedingt sein muss, sondern jedem Menschen, gleichgültig wie er institutionelle Religion bewertet, zu eigen ist. Luckmann bestimmt religiöses Verhalten über einen ‚funktionalen Religionsbegriff‘, was bedeutet, dass Religion in Gesellschaften einen bestimmten Zweck erfüllt. Zwar weiß Luckmann, dass Religion wissenschaftlich auch von der institutionellen Seite betrachtbar und ausleuchtbar ist, doch lehnt er diesen ‚substanziellen Religionsbegriff‘ ab, da er für die Religionssoziologie zu wenig Aussagekraft besitzt. 2
Durch die These, dass Religion eine Funktion in Gesellschaften für jedes Mitglied innehat, löst sich Luckmann von einer puren Kirchensoziologie und weitet so das Blickfeld der religionssoziologischen Betrachtung auf die gesamte Gesellschaft aus. Einfach ausgedrückt ist, nach Luckmann, Fähigkeit zu religiösem Verhalten der Unterschied zwischen Mensch und Tier 3 , sofern man annimmt, dass es Tieren nicht möglich ist ihr Verhalten zu reflektieren und es in einem zeitlichen und räumlichen Sinnzusammenhang zu sehen. Diese Fähigkeiten sind für Luckmann Voraussetzungen für einen religiösen Prozess. Und dieser Prozess transzendiert von einer rein biologischen auf eine menschliche bewußte Ebene.
Da die Intensität von Transzendenzen je nach Art unterschiedlich ist, ordnet Luckmann diese Erfahrungen in drei Kategorien: kleine, mittlere und große Transzendenzen. Mit kleinen Transzendenzen sind alltägliche Erfahrungen wie die Überwindung von räumlichen Distanzen gemeint, die erst zunehmend bewußt werden, wenn diese Überwindung durch Krankheit, Gebrechlichkeit oder ähnliches schwerer fällt.
Mittlere Transzendenzen sind kommunikativ und interaktiv, also zwischenmenschlich bedingt. Hier tritt die Bedeutung von Unterschieden zwischen miteinander sozial handelnden Menschen in Erscheinung sowie die Tatsache, dass Menschen sich ihren Mitmenschen durch Zeichen und Symbole verständlich machen müssen um verstanden zu werden, da der Mensch kein Schaufenster besitzt, in dem seine Gedanken und Gefühle im vollen Umfang erkennbar sind. Es geht also um Distanzen im zwischenmenschlichen Bereich die im übrigen nicht völlig überwunden werden.
Die großen Transzendenzen sind Aspekte der Definitionen der ‚letzten Dinge‘. Damit sind Fragen und Erfahrungen gemeint die sich mit dem Sinn des Lebens und Sterbens auseinander setzen: Warum leben/sterben wir; was ist der Sinn des Lebens? und so fort. Man kann also sagen, es besteht eine große Distanz zwischen Sinnsuche und Sinnfindung im ‚letzten Bereich‘, vielleicht die größte, wenn man von Überwindung von Distanzen im Zusammenhang mit den drei Kategorien von Transzendenzen spricht.
1 Das Buch in deutscher Sprache: Luckmann, Thomas: Die unsichtbare Religion. Frankfurt am Main 1991
2 vgl. ebenda, S.78ff
3 vgl.ebenda, S.82
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Das Transzendieren von Erfahrung findet im gesellschaftlichen Kontext statt. Jedes Individuum ist beziehungsweise wird von Geburt an geprägt von einer oder, anders ausgedrückt, erhält eine bestimmte Weltansicht, das heißt, es ist eingebettet in einen Zusammenhang von Glau-bensvorstellungen, Normen und Einstellungen, deren Inhalte sich immer mehr oder weniger von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. Dieser Zusammenhang wird vom Individuum im Verlauf seiner Entwicklung internalisiert. Während seiner Sozialisation, die streng genommen ein ganzes Leben lang dauert, kann das Individuum über seine Transzendenzerfahrungen kommunizieren, wodurch eine Objektivierung des Erlebten stattfindet. Diese Objektivierung zugänglich zu machen für gesellschaftliche Bereiche bedeutet für Luckmann die Funktion von Religion.
Teil dieser Weltansicht ist der ‚Heilige Kosmos‘. Dies ist der Bereich der, nicht nur wie die Weltansicht auch, religiöser Natur ist, sondern hier werden der „letzte Sinn“ des Alltags und außeralltägliche Erfahrungen gespeichert. Der ‚Heilige Kosmos‘ ist heilig, die restlichen Be-standteile der Weltansicht sind profan, aber trotzdem im luckmannschen Sinn die Plattform für religiöses Verhalten.
Bei diesem soziologisch sehr weit gefaßten Religionsbegriff wird deutlich, dass nach der Theorie der „ unsichtbaren Religion“ Religion zum zentralen Kern und zur Grundlage einer jeden Gesellschaft bestimmt ist. Und, da für Luckmann Gesellschaft mit Realität gleichzusetzen ist, hat Religion auch zentralste Bedeutung in der Realität als ganzer.
2.2 Bedeutung der Theorie für die Religionssoziologie
Die Religionssoziologie hat ihren Ursprung im Denken von Emile Durkheim und Max Weber, deren Werke 4 die Grundlagen bereiteten die heute noch für viele (Religions)-soziologen als Rahmenbedingungen für ihr Schaffen dienen. Wie Luckmann sahen sie (beziehungsweise er sieht wie sie) Religion als den zentralen Bereich einer Gesellschaft. Nach dem Ableben der beiden Wissenschaftler verschwand jedoch die Idee, dass Religion diese Stellung innehat, aus dem damaligen soziologischen Denken. Sie machte Platz für eine Religionssoziologie deren Gegenstand ausschließlich kirchliche Strukturen waren, die Kirchensoziologie. So ver-schwand auch die Möglichkeit von dem Zustand der gesellschaftlichen Strukturen auf bestimmte Formen religiösen Lebens zu schließen und umgekehrt. Diese nicht vorhandene Möglichkeit wird heutzutage von vielen Soziologen als Grund für eine defizitäre Arbeitsweise der Religionssoziologie gesehen.
Bis also Luckmann an durkheimsche und webersche Gedanken anknüpfte verging etwa ein halbes Jahrhundert. Ende der 1960er Jahre prognostizierte Luckmann mit Unterstützung seines Kollegen P.L. Berger und anderen eine schnell voranschreitende Wandlung des religiösen Lebens in modernen Gesellschaften. Rückblickend kann man sagen, dass der Beginn und die Anschwellung dieser Entwicklung zeitlich mit der Entstehung der „unsichtbaren Religion“ zusammen fiel. Diese Prognose und die grundlegende Idee seiner Arbeit nahm Luckmann zur Gelegenheit harte Kritik an erwähnter Kirchensoziologie und ihren seiner Ansicht nach soziologisch kurzsichtig agierenden Anhängern zu üben, die aufgrund ihrer Auftraggeber, der Kirchen, scheinbar Scheuklappen tragen mußten, so dass ihr Sichtfeld allein auf die kirchliche Institution gerichtet war. Dadurch mißachteten sie gesellschaftliche und religiöse Vorgänge, die großen Einfluss auf die zukünftige, also moderne, Religionswissenschaft, Theologie und Religionssoziologie haben sollten und somit auch auf die tradierten Formen religiösen Lebens.
Durch die Polarität der Ansätze der Kirchensoziologie und der modernen Religionssoziologie und der dem entsprechenden Polarisierung der Bewertung der beiden Ansätze durch Luck-
4 Weber,Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen Durkheim, Emile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt am Main 1984
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mann 5 erntete dieser Gegenwehr und Kritik seiner kirchensoziologischen Gegnerschaft. Zunehmend konstruktiviert sich allerdings diese Kritik, da nun moderne Soziologen durchlässige Stellen in seiner Theorie feststellen. Er hat ihrer Ansicht nach den empirischen Sachverhalt mißachtet, dass neue Formen religiösen Lebens nicht nur die außerkirchliche Gesellschaft prägen, sondern auch innerhalb der christlichen Gemeinden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Die Begriffe Pluralisierung und Säkularisierung
2.1 Pluralisierung
Dieser Begriff bedeutet, dass eine Gesellschaft sich in einem Prozess institutioneller Segmentierung befindet, der zu einer immer stärkeren Differenzierung der institutionellen Formen führt. Diese Entwicklung ist Merkmal von modernen industrialisierten Gesellschaften und sie vollzieht sich weiter in der postindustriellen Phase. 6
Als starke Antriebsfeder dieser Entwicklung gilt der industrielle Sektor. Durch sie wurde der Produktionsprozess einer Ware auf vielen Schultern verteilt. Zum Beispiel wird in einer einfachen „vorindustriellen“ Bäckerei (die es gegenwärtig auch noch gibt) das Brot in der Backstube von einer oder sehr wenigen Händen zubereitet und fertig gestellt. In einem Bäckereigroßbetrieb , einer „Brotfabrik“, werden Massen an Backwaren in einer sehr großen räumlichen Umgebung produziert. Dabei durchläuft das Brot oder die Backware bis zur Fertigstellung verschiedene Back- also Produktionsphasen, im Prinzip wie in der kleinen Bäckerei auch; nur werden diese Phasen aus ökonomischen Gründen in spezialisierten Bereichen durch viele Hände und Maschinen bewältigt. Durch den hier an einem einfachen Beispiel erklärten Begriff der Arbeitsteilung griffen die Pluralisierungstendenzen im Lauf der Zeit auf alle gesellschaftlichen Bereiche über, bis hin zu kleinsten gesellschaftlichen Segmenten, da dieser Prozess zum bestimmenden Faktor der Entwicklung industrieller Gesellschaften wurde. Die so entstandene Pluralisierung betrifft auch den einzelnen Menschen, der aufgrund der differenzierten Aufgliederung der Gesellschaft auch mehr Tätigkeitsfelder, also verschiedene soziale Wirklichkeiten auszufüllen hat. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, übt er eine Vielzahl von Rollen aus, die sich in ihrem Inhalt, Sinn und Zweck auch widersprechen können 7 .
Luckmanns Theorie hat besondere Bedeutung für pluralistische Gesellschaften, da hier im Zuge der Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit Religiosität sich von der öffentlichen Sphäre sich zunehmend ins Private verlagert. Religion verliert an Gewicht für die gesamtgesellschaftliche Organisation, das Bedürfnis des Individuums bleibt bestehen. Jedoch mit dem Anstieg der Wahlmöglichkeiten von Weltanschauungen, wird es gezwungen sich selber ein Weltbild zu errichten mit wenig institutionell-religiöser Unterstützung. 8
2.1.1 Häresie im Rollenverhalten
Diese Vielzahl von Möglichkeiten für individuelles Rollenverhalten bedeutet eine Wahlmöglichkeit für das Individuum. Dem Einzelnen werden viele seiner Rollen von der Gesellschaft, deren Teil er ist, nicht auferlegt, sondern er kann sein Rollensystem zum Teil selber konstru- 5 vgl.Luckmann, Thomas: Die unsichtbare Religion. Frankfurt am Main 1991, S. 50-62
6 vgl. Berger, Peter L., Et. al.: Das Unbehagen in der Modernität. Frankfurt am Main 1975, S. 86-91
7 vgl. Berger, Peter L.: Der Zwang zur Häresie. Frankfurt am Main 1980, S. 63-65
8 vgl. Berger, Peter L., Et. Al.: Das Unbehagen in der Modernität. Frankfurt am Main 1975, S.81f
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ieren. Dabei hat er ein hohes Maß an Freiheit und Wahlmöglichkeiten. Die Folge der Pluralisierung ist die Individualisierung. Diese Freiheit im Wählen führt zu einer verstärkten Nachdenklichkeit und Reflektion über die Gesellschaft, sein Handeln und sich selbst. Das individuelle Rollenverhalten wird immer differenzierter und individueller. Das Individuum bleibt aber von Natur, beziehungsweise von der pluralistischen Gesellschaft aus, zum Wählen verpflichtet. Die Wahl wird schwieriger, die Patchworkidentität bekommt immer mehr Segmente, P.L. Bergers häretischer Imperativ 9 bleibt bestehen.
2.2 Säkularisierung und ihre Abhängigkeit von der Pluralisierung
Die eben beschriebene Notwendigkeit eine Wahl zu treffen wird in den allermeisten gesellschaftlichen Bereichen einer modernen Gesellschaft rollenspezifisch deutlich. Auch in der Religion als gesellschaftlichem Bereich. Durch die verstärkte Nachdenklichkeit des Individuums, deren Ursache der häretische Imperativ ist, werden vorhandene Plausibilitätsstrukturen von Institutionen hinterfragt und dadurch eventuell unterhöhlt. Diese Unterhöhlung ist besonders „erfolgreich“ bei der Plausibilitätsstruktur von kirchlichen Institutionen. Skepsis und Ablehnung gegenüber Wahrheits- und Sinngehalten der kirchlichen Institution sind häufig die Früchte des individuellen Nachdenkens. Für viele Menschen bedeutet das eine Abkehr von ihrer Kirchlichkeit oder für Menschen, deren Sozialisation im pluralistischen Kontext erfolgte, oft ein Leben ohne kirchlichen Einfluß. Allerdings wird die Kirche nicht aus der Gesellschaft verschwinden. Sie wird an gesamtgesellschaftlichen Einfluß verlieren und in ihrer traditionellen ihre Bedeutung für Randgruppen behalten 10 . Für die restlichen Menschen bleibt sie als Sekundärinstitution bestehen. Sie richten nicht mehr ihr Leben nach ihr aus. Kirche bleibt als Möglichkeit erhalten. Ihre Monopolstellung im religiösen Bereich verliert sie durch Verlagerung religiöser Strukturen in andere gesellschaftliche Orte. Von diesen gibt es sehr viele verschiedenster Art. Diese sehr aufgeliederte Segmentierung des religiösen Bereichs einer Gesellschaft, nach Luckmann die Weltansicht, ist die Form einer Entwicklung, die als Säkularisierung bezeichnet wird. Säkularisierung ist also die auf religiöse Strukturen bezogene Form der Pluralisierung.
Motor der Säkularisierung war der Protestantismus, da dieser sich am ehesten modernen gesellschaftlichen Strukturen anglich. Er war kompromißbereit und verweltlichte vielen Meinungen nach das heilige im Christentum. Von dieser „Protestantisierung“ betroffen waren bald auch andere traditionelle Religionsformen. Die „Schuld“ liegt aber nicht im Protestantismus selbst, sondern er war nur die Religion die „Nachdenkern“ den meisten Raum gewährten. Ursache der Reformation war schließlich der Beginn der Neuzeit, gleichbedeutend mit dem Beginn moderner Denkweise. Die „Schuld“ liegt also bei der pluralistischen Gesellschaft.
4. aktuelle Formen religiösen Lebens
4.1 aktuelle Formen religiösen Lebens in unterschiedlichen pluralistischen Gesellschaften
Luckmann hat sein Buch wie bereits gesagt zuerst in englischer Sprache verfasst und es erschien zuerst in den U.S.A. Geschrieben wurde es eben dort und sein Autor nahm sich die amerikanische Gesellschaft zum Forschungsobjekt. Ein Kritikpunkt an Luckmanns Arbeit ist,
9 vgl. Berger, Peter L.: Der Zwang zur Häresie. Frankfurt am Main 1980, S. 32-37
10 vgl. Luckmann, Thomas: Die unsichtbare Religion. Frankfurt am Main 1991, S. 62-77
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dass er seine Theorie, die er auf genannte Gesellschaft anwendet, automatisch überträgt auf andere europäische pluralistische Gesellschaften.
So ist die religiöse Struktur Amerikas geprägt von Sektierertum und unterschiedlichen Formen der Religionsausübung auch innerhalb der christlichen Konfessionen. Frankreich zum Beispiel erlebt den Entkirchlichungsprozess in anderer Form, als er in Deutschland geschieht. In Deutschland findet die von Luckmann vorhergesagte Verlagerung in andere gesellschaftliche Bereiche statt. In Frankreich bildet sich eine antiklerikale Bewegung, die sich gegen traditionelle Kirchlichkeit auflehnt. Hierfür wird der Begriff „Laicisation“ verwendet 11 . Inwiefern und ob überhaupt er mit dem deutschen Begriff der „Laisierung“ in Verbindung steht, konnte ich nicht herausfinden.
Inwieweit europaweit staatenspezifische Unterschiede in der Ausprägung von sichtbarer und unsichtbarer Religiosität zu erkennen sind bleibt wohl (ebenfalls) noch zu erforschen. Ob aber ob dieser Differenzierung in der religionssoziologischen Betrachtungsweise Kritik an Luckmanns Ansatz gerechtfertigt ist, ist aufgrund seines sehr weiten funktionalen Religionsbegriffs fraglich.
4.2 Religion, Religionsersatz oder Ersatzreligion
In Zusammenhang mit der Verlagerung des religiösen Lebens von tradierten Formen der Religion hin zu neuen „Sinnstiftungen“ entsteht die Frage, welche Formen sozialen Handelns als tatsächlich religiös anzusehen sind. Bei Luckmann kann man, da er alle drei Kategorien der Transzendenzen als religiöse Erfahrungsbereiche sieht, diese Frage schnell und einfach beantworten.
Um jedoch wirklich zu erkennen, was beim Menschen der pluralistischen Gesellschaft die Stelle von traditionellen Glaubensvorstellungen einnimmt, kann man die Kriterien und Definitionen von Religion von Max Weber und Emile Durkheim zur Hilfestellung nehmen. So ist es möglich, herauszufinden, welche gesellschaftlichen Begebenheiten religiösen Charakter besitzen und welche eben nicht, beziehungsweise zu unterscheiden zwischen Religion, Religionsersatz und Ersatzreligion.
Nach Durkheim entsteht Religion durch den Glauben an etwas Heiliges, das Totem, (er untersuchte religiöses Verhalten in primitiven Gesellschaften) dem in bestimmten Bräuchen, also Zeremonien, die in bestimmte Rituale unterteilt sind, gehuldigt wird. Alles was auf das Totem bezogen ist, also auch und besonders bestimmte Handlungen gelten als heilig. Alles andere ist profan, also weltlich. Soziale Realitäten, worin man Dinge, Personen und Handlungen findet, die im durkheimschen Sinn als heilig gelten, sind also religiöse Realitäten. Dies können auch Teilbereiche einer gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit sein, wie zum Beispiel bestimmte Formen des Erlebens des samstäglichen Bundesligaspieltags. Die religiöse Realität nach Durkheim muss keineswegs archaischer Natur, sondern kann Merkmal moderner säkularativer, pluralistischer Gesellschaften sein. Was aber bedeuten die beiden anderen Begriffe?
Religionsersatz meint eine Form gesellschaftlichen Handelns, deren Funktion eine religiöse Zielsetzung hat, wo aber bestimmte Merkmale die eine Form religiösen Handelns ausmachen, fehlen. So kann zum Beispiel einem Bundesligaspiel der religiöse Charakter genommen werden, indem keine Fankleidung getragen wird und kein Ritual wie zum Beispiel die „La-Ola-Welle“ vollzogen wird.
Der Begriff Ersatzreligion geht davon aus, dass ein bestimmtes Individuum nicht unbedingt weiß, dass sein Handeln religiöser Natur ist. Es ist auch nicht geklärt, ob der mit diesem Be-
11 vgl.:Wydmusch,Solange:Religiöser Pluralismus. Zeichen der Moderne? http://www.diagonal- verlag.de/ftp/2001-wydmusch.pdf
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griff besetzte gesellschaftliche Bereich nur unzureichender Ersatz für die ausreichende Sinnstiftung „ordentlicher“ Religion (wer weiß, ob es so etwas gibt!?) ist oder ob er tatsächlichen religiösen Charakter besitzt. Auch hier ist das Fußballstadion meines Erachtens ein gutes Beispiel, da man hier von Verein zu Verein und auch von Spiel zu Spiel aber natürlich auch grundsätzlich streiten kann, ob es Religion oder Nicht-Religion ist, oder anders ausgedrückt: man kann unterscheiden zwischen und streiten über die richtige Anwendung der Begriffe Religion, Ersatzreligion und Religionsersatz.
4.3 Neue Kirchlichkeit?
Ein weiterer Kritikpunkt an Luckmanns Theorie ist, dass er außer acht läßt, dass moderne innovative Konstruktionen von Plausibilitätsstrukturen auch Eingang finden in traditionelle Systeme von Kirchlichkeit 13 . Er sieht in dem Säkularisierungsprozess, mit dem er die Entwicklung von unsichtbarer Religion meint, ausschließlich die Verlagerung von sichtbarer Kirchenreligiosität zur häretischen Religiosität der modernen pluralistischen Gesellschaft. Für die Tatsächlichkeit dieser Entwicklung spricht die zunehmende Marginalisierung und Verdrängung von traditionell christlich orientierten Menschen an den Rand der Gesellschaft. Allerdings zeigt eine qualitative Studie eines bayreuther Religionssoziologen 12 , dass sich auch innerhalb der kirchlichen Gemeindestrukturen bei aktiven Kirchenmitgliedern in den Glaubensvor- und einstellungen eine Wandlung vollzieht, die keine Vernachlässigung des kirchlichen, beziehungsweise christlichen Engagements mit einschließt. Dabei sind sehr differenzierte Formen von Einstellungen zu „ihrer“ Kirche zu erkennen: manche zeigen starkes Engagement in ihrer Gemeinde, lehnen ihre Amtskirche aber aufgrund ihrer konservativen Handlungsweisen ab. Andere befürworten sehr eine Kirchenzugehörigkeit, gehen aber nie zum Gottesdienst oder sonstigen kirchlichen Veranstaltungen. Wieder andere erproben neben ihrem „Christsein“ auch andere religiöse, zum Beispiel esoterische Glaubenswege, um ihr Bedürfnis nach Transzendenz zu befriedigen. In dieser Richtung gibt es noch einige weitere Beispiele.
Bei einer solchen Vielfalt von Einstellungen zum christlichen Glauben, liegt es nah von einer Pluralisierung und Säkularisierung im Sinne Luckmanns auch innerhalb von kirchlichen und christlichen Strukturen auszugehen. Vielleicht hat Luckmann nicht beachtet, dass auch die Kirchen mit ihren Gemeinden Teil der Gesellschaft bleiben, auch wenn sie früher, zur Zeit der Krise der Religionssoziologie, isoliert sehen wollten. Das soll nicht heißen, dass die Verant-wortlichen der Kirchen wissen, wie es um die Glaubenssituation ihrer Mitglieder steht. Im Gegenteil:viele professionelle Kirchenangehörige stecken scheinbar wie ein großer Vogel den Kopf in den Sand und eine gewisse Anzahl Religionssoziologen hilft ihnen sogar dabei.
5. Fazit: Blicke in die Zukunft
5.1 von kirchlichen Strukturen
Da ich der Ansicht bin, dass die westlichen pluralistischen Gesellschaften trotz der vielen neu- en und einigen alten religiösen Strömungen immer noch stark christlich geprägt ist, glaube ich nicht, wie Luckmann auch, an eine Auflösung des christlichen Glaubens und eine totale Ent- kirchlichung. Meiner Meinung nach wird sich die Verschiebung, Verlagerung und
13 vgl.:Eikenbusch,Jürgen: Unsichtbares Christentum? Hamburg 2001, S. 48-77
12 vgl.:Bochinger, Christoph: Das Unsichtbare in der sichtbaren Religion. http://www.uni- bayreuth.de/departments/irg/
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Verände- rung von Plausibilitätsstrukturen immer weiter fortsetzen, sowohl innerhalb wie außerhalb tradierten Formen religiösen Lebens. Stärker wird diese Entwicklung aber immer da sein, wo keine institutionelle Kontrollfunktion gegeben ist, die durch bestimmte Experten gestützt wird. Das Ausmaß und die Intensität von Veränderungen der Plausibilitätsstrukturen wird wohl das Ergebnis sein aller möglichen ausdenkbaren gesamtgesellschaftlichen Faktoren, da daraus eine jede und die Weltansicht gemacht ist. So, wie sich Plausibilitätsstrukturen bisher im historischen Verlauf immer verändert haben, so, nämlich ungleichmäßig und immer weiter weg zum Beispiel von der christlichen Plausibilitätsstruktur des Mittelalters werden sie sich weiter verändern.
5.2 von neuen Formen religiösen Lebens
Sie dienen der Unterstützung der Hauptreligionen in modernen Gesellschaften oder sie verleiten das Individuum zur Abkehr von seiner „Stammreligion“
Konsum zum Beispiel als Form von Religiosität fördert zwar möglicherweise das Wirtschaftswachstum und ist so auf der einen Seite gut für das wirtschaftliche Wohl aller. Auf der anderen Seite fördert er Eigensinn, Eigennutz, Habgier und Egoismus des einzelnen. Neue esoterische Bewegungen sowie entdeckte zum Beispiel fernöstliche Glaubensrichtungen bauen das Plausibilitätsgerüst der christlichen Welt aus und machen es stabiler. Neue religions(ähnliche) Bewegungen sind häufig nur Trends und austauschbar. Beispiele: Wellness, Modesportarten.
Ich glaube eine besonders wichtige Frage zum Ausblick auf die Entwicklung neuer, beziehungsweise junger oder neu entdeckter religiöser Formen ist, inwieweit Ereignisse wie das Hochwasser der Elbe diesen Sommer oder der elfte September des letzten Jahres einen Einfluss auf diese hat und ob eine Zurückverlagerung stattfindet von modernen Formen religiösen Lebens hin zu traditionell anmutender Christlichkeit oder sogar Kirchlichkeit.
Arbeit zitieren:
Carsten Krug, 2002, Religion in modernen pluralistischen Gesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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