Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Laudine
Psychologische Interpretation Laudines im Dialog (Zz. 1796-1992) 5
Psychologische Interpretation Laudines im Roman Iwein 7
Der Wandel Laudines und seine Bedeutung für den Wandel Iweins 12
2. Die poetologische Funktion des Dialogs für den Roman
Die Funktion des Dialogs im Kontext 13
Die poetologische Relevanz von Laudines Entwicklung 14
Formalistische Ansprüche 15
Der Kniefall Laudines 16
Schluss 18
Bibliographie 20
Anhang: Der Dialog zwischen Laudine und Lunete 22
2
Auf einem Auge blind: Die Beziehung der Königin Laudine zum Ritter Iwein zwischen Politik und Minne
Einleitung
Das mediävistische Seminar mit dem Titel „Dialoge“ beschäftigte sich mit ausgewählten Dialogen in verschiedenen Werken. Die Fragen, die die Texte in der Regel an uns stellten, waren: Welche Funktion erfüllt der Dialog im Kontext? Welche Veränderungen würde der Text erhalten, wenn der Inhalt des Dialoges in einem Monolog oder einer Schilderung des Autors mitgeteilt würde? Wieso hat der Autor den Dialog als Stilmittel gewählt? Die Diskussionsleitung im Seminar, die Philip Jordan und ich hatten, beschränkte sich auf den Dialog zwischen Lunete und Laudine im Iwein Hartmanns von Aue (Zz. 1796-1992). Wir sind davon ausgegangen, dass der Dialog eine Art Fundgrube darstellt, der die Eigenschaften der beiden eng befreundeten, einander sehr vertrauten und in ihrer sozialen Stellung dennoch sehr unterschiedlichen Frauen und ihre Beziehung zueinander zu entnehmen sind. Dies ist sicherlich richtig, doch haben wir uns zu einem voreiligen Bild verleiten lassen, das Lunete als schlaue und Laudine als naive Frau darstellt. Dem krassen Gegensatz zwischen sozialer Stellung und Kompetenz beider Frauen innerhalb des Dialogs (siehe Anhang) begegneten wir mit drei Interpretationsansätzen. Wir gingen davon aus, Hartmann habe den Dialog so gestaltet, um a) eine Kritik an der gängigen Gesell-schaftsordnung (Geburtsadel, wachsende Verantwortung von Ministerialen bei gleichzeitig hinkender Entwicklung des Rechts) vorzunehmen, b) ein Beispiel erfolgreicher Rhetorik (im Sinne von „Ein Führer zur erfolgreichen Rhetorik im Umgang mit Vorgesetzten“) abzugeben und c) den weiteren Verlauf des Romans poethologisch zu prägen. Nun hat sich bei der vertieften Lektüre gezeigt, dass Laudines Person im restlichen Werk weit facettenreicher ist als im Dialog. Ihre Stellung als Königin, die Verantwortung für ihr Land und ihre persönlichen Interessen stehen häufig in Konflikt zueinander. Sie bewegt sich zwischen diesen drei Punkten zunehmend geschickter und hat sich zum Schluss des Romans eine Situation geschaffen, die beständig, sicher und komfortabel sein dürfte (der Epilog ist formelhaft gestaltet, Hartmann bemerkt, dass er nichts über das weitere Leben der beiden nun Glücklichen weiss).
Die Umwertung von Laudine schliesst eine gesellschaftskritische Lesart aus. Es macht keinen Sinn, eine Adlige temporär in schlechtem Licht darzustellen, wenn sie schlussendlich zu den „grossen Gewinnerinnen“ zählt.
Dazu habe ich das Interesse am „exemplum rhetoricae“ verloren. Ein solches macht im Gesamtwerk ebenfalls wenig Sinn und stünde ganz alleine im Gesamtumfang des Iweins.
Hartmann ist zwar bekannt für seine „Belehrungen“, doch befassen sich diese eher mit moralischen Fragen bezüglich des rechten Lebens vor Gott, dem König und den Mitmenschen und nicht mit Bildung.
Es bleibt die poetologische Interpretation. Und diese scheint dankbar, denn Laudine entwickelt sich, wie bereits erwähnt, enorm während des Romans und trägt mit ihrem letztlich starken Willen viel zu Iweins erfolgreicher Entwicklung bei. In diesem Sinne möchte ich mich auf diesen Punkt konzentrieren. Zuerst scheint mir eine umfassende Darstellung von Laudine über den ganzen Roman angebracht. Bei dieser Gelegenheit kann auch Iweins Fortschritt betrachtet werden, da sich sowohl beide Personen als auch beider Entwicklungen gegenseitig bedingen.
Zum Schluss möchte ich einen delikaten Punkt in der Rezeption von Hartmanns Iwein, nämlich den Kniefall Laudines, anhand der Charakterisierung Laudines ansprechen. Wenn nämlich so grosse Unsicherheiten in der Forschung bestehen wie in der Genese der Handschriften, so kann und darf man sich kaum darauf verlassen. Das Psychogramm Laudines dürfte in dieser Hinsicht ein entscheidendes Werkzeug sein bei der Beantwortung der Frage nach „Hartmanns Schluss“.
Neben der gebrauchten Literatur habe ich auch diejenige angegeben, die mir im Verlaufe der Arbeit als minder wichtig erschien. Sie soll Interessierten weiterhelfen. Im Anhang befindet sich der Dialog zwischen Laudine und Lunete nach Sprecherinnen aufgeteilt. Dies hat sich im Verlaufe des Seminars als sinnvoll erwiesen für die Analyse.
1. Laudine
Das Publikum dürfte von Laudine als Königin erwarten, dass sie eine eminente Rolle innehat. Ausgehend vom Dialog mag man enttäuscht sein, da sie diesem Anspruch nicht gerecht zu werden vermag: sie ist eine platte, ja naive Frau, die mit ihrem Schicksal hadert und gut gemeinten Rat zunächst kategorisch ausschlägt. Betrachtet man ihre Person jedoch im Kontext, also bis zur zweiten Vereinigung mit Iwein, und betont man dazu noch die Änderungen, die Hartmann gegenüber Chrétien vorgenommen hat, so gewinnt sie an Tiefe. Ihr Wesen wird verständlicher und spielt eine zentrale Rolle in der Reifung Iweins. Sie bildet letztendlich den Stein, der Iwein bei seiner „Reifeprüfung“ gefehlt hat.
Psychologische Interpretation Laudines im Dialog
Laudine gibt innerhalb des Dialoges mit Lunete keine besonders schillernde Rolle ab. Sie ist immerhin Königin über ein Land und hat trotz des eben erlittenen Unglücks politisch zu handeln, und zwar schnell und geschickt. Anhand des Dialogs allein hat man den Eindruck, Laudine ist mit ihrer Situation überfordert und stemmt sich gegen jede Handlung im Allgemeinen. Sie scheint nicht fähig, sich zu einem Plan durchzuringen.
Laudine ist rhetorisch ihrer Zofe Lunete unterlegen, bemerkt dies wohl und reagiert mit ziemlich unreifen Bemerkungen, in denen sie die Loyalität und den Verstand Lunetes anzweifelt. Auf die Bemerkung Lunetes, dass es noch andere tapfere Ritter gebe und ihr Reich somit nicht völlig verloren sei, meint Laudine in ihrem Schmerz über den Verlust ihres Gatten: 'dû tobest, ode ez ist dîn spot. und kêrte unser herre got allen sînen vlîz dar an, ern gemachte niemer tiurern man.’ (1807-1810). Diese Stelle belegt Laudines persönliche Aussichtslosigkeit. Es ist vollends irrational, eine solche Aussage zu machen, und zudem politisch gefährlich.
Laudine kann ihr Schicksal nicht akzeptieren und wünscht sich den Tod, den sie selber nicht herbeiführen kann, da es sich dabei um eine Todsünde handeln würde: ‚dâ von sol sich mîn senediu nôt, ob got wil, unz an mînen tôt niemer volenden: den tôt sol mir got senden, daz ich nâch mînen herren var.’ (1811-1815)
Diese Stelle ist insofern bemerkenswert, als dass sie Laudines weltliche Situation in einem religiösen Kontext widerspiegelt. Die Königin ist überfordert und resigniert, wendet
sich an Gott, um ihm ihr Schicksal zu delegieren. Am liebsten würde sie ihr Schicksal in fremde Obhut geben, was ihr aber als Königin nicht möglich ist, es sei denn, Gott als höchste Macht im mittelalterlichen System würde diese Aufgabe übernehmen. Nach einer langen Rede Lunetes, in der sie Laudine die Gefahren ohne Beschützer und die Dringlichkeit eines solchen deutlich präsentiert, setzt Laudine wiederum zu einer Totenklage an, anstatt die Situation zu überblicken und zu handeln, wie sie es als Königin und Herrscherin eines Landes zu tun hätte.
Im Zusammenhang mit ihrer anfänglichen Weigerung auf Lunete einzugehen, zeigt sich, dass Laudine sich mitunter aus sozialen Gründen sträubt, denn sie betont, dass Gott und nur Gott eine schnelle Ehe verstehen würde: ‚Ichn müeze mit einem andern man mînes herren wandel hân, sone wilz diu werlt sô niht verstân als ez doch gote ist erkant: der weiz wol, ob mîn lant mit mir bevridet wære, daz ich’s benamen enbære.’ (1900-1906). Darf sie als frische Witwe sich gleich einen neuen Mann nehmen? Hier spiegelt sich der Konflikt zwischen Innen- und Aussenpolitik (wie wir ihn ja heute noch so zu sehen bekommen, vgl. innenpolitisch motivierte Aggressionen nach aussen). Laudines Todeswünsche scheinen ihr vorläufig gut getan zu haben, so spricht sie ihre vertraute Zofe in der folgenden Zeile 1907 mit ‚liebe’ an, ein Novum innerhalb des Dialogs, und bittet sie um Rat: ‚Nû rât mir, liebe, waz ich tuo, hœret dehein rât dâ zuo.’ (1907, f.) Doch der Rückfall erfolgt sogleich: ‚Sît ich ân einem vrumen man mîn lant niht bevriden kann, so gewinn ich gerne einen, und anders deheinen, den ich sô vrumen er-kande daz er mînen lande guoten vride bære und doch mîn man niht wære.’ (1909-1916) Sie verlangt nach einem Beschützer, der ohne Anspruch auf Land und Frau diese Aufgabe übernimmt, was Lunete scharf als illusionär abkanzelt. Auf diese Replik, die unter anderem eine Darstellung der Vorzüge Laudines ‚geburt rîchheit unde tugent’ (1926) und die wiederholte Behauptung, dass es viele bessere Ritter als den Verstorbenen gebe, beinhaltet, reagiert Laudine gereizt und mit Tadel.
Sie versucht, ihre soziale Machtstellung auszuspielen, indem sie spricht: ‚dû hast zewâre misseseit’ (1939). Von ihrem Glauben, dass ihr Mann der beste war, kann sie sich immer noch nicht verabschieden und zweifelt erneut Lunetes Verstand und Loyalität an: ‚ichn weiz waz ich dir tuon sol: wan ez dunket mich unmügelich. Sich, got der gebezzer dich, ob dû mir nû liegest und mich gerne triegest.’ (1944-1948)
Doch Laudine ist nun verstrickt in die logische Argumentation Lunetes, die allgemein fragt, welcher der bessere Ritter sei, wenn einer davon im Kampf vom anderen erschla-
gen worden ist. Kleinlaut gibt Laudine die einzige mögliche Antwort: ‚der dâ gesiget, sô wæn ich.’ (1959). Nun hat Laudine zugegeben, dessen sie sich so lange verschlossen hielt. Lunete expliziert die Antwort Laudines, worauf Laudine aus der Haut fährt und ihre Zofe fortschickt.
Diese letzte Passage hat Hartmann episch verfasst: ‚mit unsiten si ir zuo sprach. Und hiez si enwec strîchen’ (1974, f.). Hat er die Person Laudines so verfasst, wie ich es im Folgenden darzustellen versuche, so können wir davon ausgehen, dass er ihr mit diesem Schritt die Schärfe zu nehmen suchte. Es wird noch zu zeigen sein, dass Laudine zeitgleich mit Iwein eine starke Veränderung durchmacht, die ihr Reife und endlich eine ausgeglichene Liebesbeziehung zu ihrem neuen Beschützer und Ehemann ermöglicht.
Psychologische Interpretation Laudines im Roman Iwein
Im Dialog mit Lunete treten als handlungsbestimmende resp. vor allem handlungshemmende Aspekte Laudines Resignation und Repräsentativitätsdenken in Erscheinung. Sie hat Mühe, sich der Situation zu stellen und verhält sich in Anbetracht der Notlage enorm passiv. Im folgenden Kontext (das erste Treffen mit Iwein, die Ehelichung, der Abschied, die „Entlassung“ und die Wiedervereinigung) gewinnt Laudine zusehends an charakterlicher Vielfalt und übertrifft König Artus am Schluss, indem Hartmann den Roman an ihrem Hofe enden lässt.
Laudines Entwicklung ist eng verknüpft mit derjenigen Iweins, denn die beiden Minnepartner komplementieren sich. Wo der eine Partner ein Defizit aufweist, ist der andere mit einem Übermass versehen. Es handelt sich hierbei um den ambigen Begriff der Ehe, die aus politisch-ökonomischen oder aus emotionalen Gründen geschlossen werden kann. Kurz, wie zu zeigen sein wird: Iwein heiratet auf Geheiss der übermächtigen vrouwe minne, während Laudines Entscheid rational begründet ist. Im Folgenden möchte ich die Phasen aufzeigen, die Laudine durchmacht, wobei bloss der Kontext nach dem Dialog mit Lunete zu Zug kommt.
Von Liebe kann seitens von Laudine beim ersten Treffen mit Iwein noch nicht gesprochen werden. Sie hält ihre Motivation zur Hochzeit auch nicht bedeckt, vielmehr klärt sie Iwein schonungslos auf: „ir hât mir selch leit getân, stüende mir mîn ahte und mîn guot als ez andern vrouwen tuot, daz ich iuwer niht enwolde sô gâhes noch ensolde gnâde
gevâhen.“ (2304-2309). Sie nennt ihre Schutzbedürftigkeit, ohne die sie dem Mörder ihres Mannes nicht verzeihen wollte und dürfte. MERTENS nennt den Dialog zwischen Laudine und Iwein eine formelle Verlobung, womit er die Sache beim Namen nennt. Zeile 2421 konzentriert den Sachverhalt: „vrou Laudine hiez sîn wîp“. Die beiden Begriffe vrou (Herrin, Gebieterin, Geliebte) und wîp (Weib, Gemahlin) bilden einen Gegensatz in Bezug auf die Beziehung, die ein Mann zu einer Frau haben kann. CRAMER übersetzt diese Zeile mit „Laudine hiess seine Frau“. Die alternative Lesart lautete: „Die Herrin Laudine wurde (jetzt) seine Frau genannt“. Die Problematik ihrer Ehe wird hier in epischer Form von Hartmann angesprochen.
Wenn Laudine das Wort minne benutzt, meint sie damit nicht unweigerlich die meistgebrauchte Übersetzung, die Liebe. Im Rechtswesen bedeutete minne das Gegenteil von haz (vgl. Z 3872, f., des Löwen minne im Gegensatz zu seinem grimme). Laudines berechnendes Verhalten begünstigt eine juristische Auslegung des Wortes minne. Sie fragt also mit „wer hât under uns zwein gevüeget dise minne?“ (2343, f.) nicht nach dem Urheber ihrer gegenseitigen Liebe (wie CRAMER übersetzt), sondern vielmehr drückt sie ihr Erstaunen über die rasche Versöhnung aus.
Iwein ist ebenso deutlich. Er nennt sich einen gesellen, also einen Geliebten (nur in Beziehung zu einer Person des anderen Geschlechts) und gibt als Grund zur Ehe ihre Schönheit (2355) an. Beide Partner lassen die Motivation des anderen gelten. Laudine kann das egal sein, aber wieso reagiert Iwein nicht? Eigentlich müsste er als gestandener Mann (der er noch nicht ist?) das Herz seiner Liebsten zu gewinnen suchen. Macht ihn die Minne derart benommen, dass er keiner Zusätze zur Anwesenheit Laudines bedarf? Diese Interpretation würde dann an späterer Stelle in Konflikt geraten mit Iweins Entschluss, eben nicht wie Erec zu verligen sondern sich um seine Ehre zu kümmern. Wie wir gesehen haben, haben beide ihre eigene Motivation zur und ihre eigenen Vorstellungen von der Ehe, und genau in dieser Differenz liegt das grosse Entwicklungspotential von Laudine und Iwein. Sie werden sich gegenseitig „belehren“. Nach der ersten bestandenen Prüfung Iweins freut sich Laudine zu recht: Sie hat „wol gewelt“, ihr Beschützer ist in der Lage, selbst Artus’ Ritter (und sei es auch Keîn) zu besiegen. Dazu bringt ihr der Besuch der Gesellschaft grosse Ehre. Sie nennt Iwein „geselle unde herre“ (2665), was für sich beide Seiten, die emotionale und die soziale resp. politische, beinhaltet. MERTENS sieht hier den Wandel Laudines zur „Herrscherin und Liebenden“, doch diese eine Aussage sollte nicht überbewertet werden, gehen ihr doch aus-
schliesslich repräsentative Verdienste seitens von Iwein voraus. Laudine kümmert sich, das haben wir bereits im Dialog mit Lunete gesehen, sehr um ihr Ansehen. Dennoch, Grund zur Freude hat sie: „von schulden vreute sî sich: wan sî was unz an die zît niuwan nâch wâne wol gehît: nu enwas dehein wân dar an: alrêst liebet ir der man.“ (2670-2674). Laudine täuscht sich ein wenig, denn für Iwein war die Verteidigung des Brunnens nicht nur Liebesbeweis, sondern in mindestens ebenso grossem Masse die Vollendung seines heimlichen Ausrittes. Iwein hat mit dem Sieg über Keîn seinen Freunden auf eindrücklichste Weise bewiesen, was in ihm steckt.
Zwischen dem Sieg Iweins über Keîn (2608) und dem gegenseitigen Herztausch (2990) müsste sich etwas abspielen in Laudine. CRAMERS Übersetzung von der Zeile 2947 „ichn wart nie manne sô holt“ - „nie habe ich einen Mann so geliebt“ gäbe den richtigen Wink, doch einmal mehr interpretiert die Übertragung meiner Meinung in die falsche Richtung. Es handelt sich hierbei um ein Detail, dennoch: der LEXER listet zu holt die Adjektive gewogen, günstig, freundlich, dienstbar, treu und liebend auf. Das semantische Feld ist geprägt von Begriffen der Freundschaft und des Dienstes. Das Adjektiv liebend steht ein bisschen alleine da und bringt wohl ebenfalls eher Geneigtheit zum Ausdruck. Die Semantik dieses Adjektivs und der doch sehr höfische, unmittelbare Kontext deuten noch nicht auf Liebe hin, viel eher handelt es sich bei Laudines Aussage um eine Bestätigung der richtigen Wahl, und richtig Wählen ist eine Angelegenheit des Berechnens und Planens.
Der Abschied steht, zum ersten Mal zwischen Laudine und Iwein, ganz im Zeichen der Liebe, denn beide lassen ihr Herz beim Partner. Dazu im Gegensatz Yvain, der zwar sein Herz zurücklässt, nicht aber Laudines „mitnimmt“. Laudine ist zu diesem Zeitpunkt „Herrscherin und Liebende“, Iwein hingegen ist nach wie vor ausschliesslich Liebender, ihm scheint das Jahr, das er ausbedungen hat, sowieso zu lang.
Hartmann hat Laudine, so scheint es mir, die Liebe ein bisschen unsorgfältig übergeben. Nach der bestandenen Feuertaufe Iweins anerkennt sie zwar die Richtigkeit ihrer Entscheidung, doch gründet diese Bestätigung auf Rationalität und Repräsentativitätsdenken. Beim Abschied jedoch gibt uns Hartmann ganz klare Signale, dass Laudine Iwein liebt. Dazwischen findet sich bloss derjenige Satz, bei dessen Übersetzung CRAMER und ich verschiedener Meinung sind.
Laudine weiss um die „Liebestreue“ Iweins, betont: „… iu ist daz wol erkant …ir enkumt uns wider enzît, daz ez uns wol geschaden mac.“ (2935-2939) und gibt ihm einen Ring,
der ebenfalls auf zwei Arten verstanden werden kann: als Liebesbeweis und als Treueverpflichtung. Und er wird auf zwei Arten verstanden. Laudine hat zwar gelernt, Iwein zu lieben, doch überschätzt sie ihn dabei. Er ist nicht in der Lage, ihren Anspruch zu erkennen.
Die Konsequenz ist sein Versäumnis. Laudine schickt Lunete, Iwein die Aufkündigung zu machen und den Ring als Verbürgung zurückzuholen. Lunete führt ihren Auftrag formell aus und klagt Iweins Pflichtvergessenheit vor allem aus persönlichen Gründen (denn sie trägt nun die Mitschuld an der Situation Laudines) an. Die Tatsache, dass diese Szene in der höfischen Gesellschaft Artus’ spielt, unterstreicht den formellen Charakter der Kündigung.
Iwein sieht sich ausserstande, den Sachverhalt einigermassen zu verarbeiten. Er wird wahnsinnig, eine nicht eben originelle Ausformung von Liebeskummer in der mittelalterlichen (und bereits klassischen) Literatur. Sein Versäumnis macht jedoch dem weiteren Verlauf Platz, ermöglicht es doch den doppelten Kursus, ein Muss für Hartmann. Nur über diesen kann Iwein sich vervollständigen, haben seine Abenteuer vor der Ehe mit Laudine ausschliesslich seinem Ruhm, nicht aber, wie es sich für einen Ritter gehört, dem Ruhm Gottes und dem Schutz Bedürftiger gegolten. Jetzt aber lebt er nach seinem Wahn und seiner Rettung das christliche Ritterideal der Aufopferung aus. Sein „Heilprozess“, diese Metapher bloss der Wahnmetapher Hartmanns wegen, seine Vollendung zum abgerundeten Ritter, verläuft über verschiedene Stationen. Die Verteidigung Lunetes vor Gericht hat noch den Beigeschmack der Schuldbegleichung, der Kampf gegen Harpin und auch gegen den Grafen Aliers ist ebenfalls „egoistisch“ geprägt (Freundschaft resp. Dank), der Gräfin vom Schwarzen Dorn hilft er auf Anfrage, das Schlimme Abenteuer wagt er aus Erbarmen. Von Herausforderung zu Herausforderung ist ganz klar eine Steigerung seiner Einsicht in die Notwendigkeit seiner Person zu erkennen. Iwein realisiert langsam, was er in der Ehe mit Laudine vermissen liess, und scheint, angespornt durch die Liebe, dies nachholen zu wollen. Früher hat ihn zunächst Ehrverlangen, dann die Minne zu Laudine angetrieben, jetzt sind Gerechtigkeit und Recht Iweins Motivation. Hartmann gibt für die Annahme, Iwein bewege sich auf dem Weg zur Läuterung, ein deutliches Zeichen: bei allen Kämpfen setzt sich Iwein für Frauen ein, die wie Laudine auf fremde Hilfe angewiesen sind. Sein Einsatz gilt unmittelbar den bedürftigen Frauen, doch zielt Iweins Ritterlichkeit bereits früh auf die Wiedergewinnung Lau-
dines. So betrachtet handelt es sich bei seinen Taten um Projektionen: Iwein „übt“ seine Pflicht während der zweiten Aventiure-Zeit.
Iwein ist nach dem logischerweise ausgeglichenen Kampf gegen Gawein wieder hoffähig. Es ist nun an der Zeit, nach Hause zu kehren und Laudine um Entschuldigung zu bitten. Der doppelte Kursus ist nach wie vor wirksam, denn Iwein bricht erneut heimlich vom Artushof auf, benutzt den Brunnen und das daraus resultierende Unwetter, um die Notwendigkeit eines Verteidigers bewusst zu machen. Der Unterschied zur ersten Provokation am Brunnen liegt darin, dass Iwein nun um seine begangenen Fehler und um eben dieses Wissen weiss. Mit der bewussten Herbeiführung des Sturmes beweist er diese Differenz, also seine Entwicklung.
Doch es bedarf wiederum eines Kniffs, um Laudine soweit zu bringen, Iwein anzunehmen. Dabei rechnen Lunete, die wieder zu Iwein steht, da sie seine Fortschritte am eigenen Leib erlebt hat, und er selber mit Laudines Pflichtbewusstsein. Lunete berichtet Laudine vom Löwenritter (Iwein), der die Liebe seiner Herrin wiedergewinnen will, und ringt ihr den Eid ab, ihm dabei zu helfen. Es bedarf dieses Tricks, denn Laudine wäre sonst kaum gewillt, Iwein aufzunehmen. Sie sagt: nie wolle sie mit dem leben, „der ûf mich dehein ahte enhât“ (8081) und bald darauf: „der eit hat mich gevangen“ (8092). Laudine verzeiht Iweins Vernachlässigen seiner Pflichten innerhalb der rechtlichen Ehe nicht.
Nun ist der grosse Moment gekommen, auf den die ganze Anlage des Romans hinarbeitete. Es kommt zur Vervollständigung beider Personen, Iwein gibt seine Fehler zu: „vrouwe, ich hân missetân zeware daz riuwet mich.“ (8102, f.). Laudine erwähnt noch einmal ihren Schwur und damit die Bindung, die pflichtbewusste, die sie ist, und gesteht die Schuld ihrerseits ein: „grôzen kumber habet ir von mînen schulden erliten“ (8124, f.). Sie fällt vor Iwein auf die Knie, was Iwein nicht recht ist. Er fordert sie auf, aufzustehen. Es scheint kein Gefälle mehr zu geben innerhalb ihrer Beziehung.
Der Wandel Laudines und seine Bedeutung für den Wandel Iweins
Laudine und Iwein heiraten aus verschiedenen Motivationen heraus: Zweck und Liebe oder, um das Latein zu bemühen, ratio und amor. Mit den unterschiedlichen Beweggründen der beiden spricht Hartmann ein Problem seiner Zeit an. Gerade im Adel, aus dem sich Hartmanns Publikum zusammensetzte, wurden häufig Ehen geschlossen, um Besitz und Familie zu sichern, was mit individuellen Neigungen häufig nicht vereinbar ist. Hartmann schafft es im Iwein, diese beiden gegensätzlichen, sich nicht gerade begünstigenden Aspekte der Ehe zu vereinen, indem er Laudine und Iwein auf den Weg schickt, die andere Partei besser verstehen zu lernen. Wo Laudine verfehlt, gewinnt sie dazu, was Iwein abgeht, erwirbt er sich während des zweiten Kursus, also während seiner uneigennützigen Abenteuerfahrt.
Das Bild, das Hartmann von Laudine im Dialog zeichnet, ist erwiesenermassen einseitig. Der Roman im Ganzen ist derart wohlgeformt und sicher erst nach einer langen Vorbereitungsphase entstanden, dass dies kein Zufall sein kann. Hartmann dürfte zuerst Chrétiens Version mehrfach gelesen haben, wobei er sich das Gesamtwerk strukturell zurechtgelegt haben dürfte. Seine vielen Streichungen und Ergänzungen, seine Umlagerungen von Monolog zu Dialog etc. weisen darauf hin, dass Hartmann ganz bewusst seinen Roman verfasst hat, wie wir ihn heute kennen. Der Wandel Laudines von einer op-portunistischen Königin zur liebenden Gattin, die dabei ihre Staatsgeschäfte nicht vernachlässigt, kommt nicht von ungefähr.
Im anschliessenden Kapitel möchte ich deshalb auf die poetologische Funktion des Dialoges eingehen. Dazu werden die bisherigen Überlegungen und Erkenntnisse hilfreich sein.
2. Die poetologische Funktion des Dialogs für den Roman
Die Funktion des Dialogs im Kontext
Der Dialog ist sicherlich, wenn auch nicht ausschliesslich, als Schatzkiste mit Eigenschaften der beiden Frauen zu betrachten. Wie wir in Bezug auf Laudine gesehen haben, muss das Bild der Personen revidiert werden, geht man über die Dialoggrenzen hinaus. Die Tatsache, dass Hartmann gegenüber Chrétien viel mehr Anteil an gesprochener Rede benutzt (Chrétien: 3234 von 6818, also 47,4% - Hartmann: 4447 von 8166, also 54,5%, nach WIEHL, 1974), ist alleine nicht ausreichend, um die Wahl des Dialogs zur Darstellung der beiden Frauen und Laudines Zweifel zu rechtfertigen, zumal Hartmann gewisse Reden gekürzt resp. ganz gestrichen hat.
Hartmann hätte die Handlung bis zur Hochzeit zwischen Laudine und Iwein weglassen können. Auf den ersten Blick scheint Iweins unhöfisches Davonschleichen von Artus’ Hof, seine Abenteuer, der erfolgreiche Kampf gegen Askalon, der wiederum Anlass gibt für Zweifel an Iweins Ehrverständnis, bloss Geplänkel. Iweins wahre Aufgabe stellt sich erst nach der Ehe mit Laudine. Dieser Zeitpunkt wäre ein möglicher Beginn des Romans. Damit sind erste, inhaltliche Fragen gestellt: welchen Zweck erfüllt die Vorgeschichte und vor allem der Dialog? Damit eng verknüpft ist die Frage nach dem Eindruck, den das Publikum von Laudine hat, wie sich dieser verändert und so seinen Beitrag leistet zum Interpretationsangebot des Werks, das Hartmann uns gibt.
Wenn wir also die „Schatzkistenthese“ des Dialogs zurückstellen, so kommen dem Dialog neben der intendierten Gesellschaftskritik Hartmanns, die wir bereits eingangs verabschiedet haben, bloss noch die poetologische Funktion und die Steigerung der Lebendigkeit durch den Dialog zu. Dies möchte ich im Folgenden anhand einiger Hypothesen untersuchen:
- Die Wichtigkeit von Laudines Entwicklung für den Roman und das Bild, das Hartmann von einer idealen Ehe skizzieren wollte.
- Der doppelte Kursus
- Der Kniefall Laudines
Die poetologische Relevanz von Laudines Entwicklung
Es ist ja nun nicht so, dass Iwein für sich selber einen Kampf gegen alle möglichen Bösewichte führt, um so zu ritterlichen Ehren zu gelangen. Im Gegenteil kämpft er hauptsächlich gegen sich selbst, gegen seine einseitige Konzeption von Minne und Ehe, gegen den Vertrauensverlust bei Laudine. Seine Gegner, wie immer sie auch heissen, können durchaus psychologisch als Projektionen oder „Auslagerungen“ betrachtet werden. Seine Feinde kriegen am eigenen Leib zu spüren, was Iwein mit sich selber innerlich ausficht. Er muss äusserlich Schurken und Tyrannen bezwingen, innerlich seine eigenen. Ebenso sieht sich Laudine gezwungen, innere Widerstände zu überwinden und dazu zu lernen. Anfangs sind beide Protagonisten auf einem Auge blind. Die Tatsache, dass Iwein seine Aufgabe meistert und somit in die „hall of fame“ der Ritter aufsteigen kann, ist dem Konzept des höfischen Romans zu dieser Zeit inhärent, es gibt praktisch keine Alternative. Hartmann hatte aber ein Ideal und dieses verwirklichte er mit dem Lernprozess Laudines. Ein Vergleich mit Chrétiens Yvain mag hierzu dienlich sein: „Et se ne fust de parjurer trop leide chose et trop vilainne, ja mes a moi por nule painne pes ne acorde ne trovast,“ (6768-6771)
Chrétiens Laudine sieht sich als Opfer einer Intrige und muss ihr Wort halten. Sie zeigt keine Spur von Liebe oder Zuneigung, sie ist und bleibt die alte, politisch motivierte Minneherrin, Yvain muss sich mit der Rolle des Vasallen begnügen. Hartmann erweitert dazu im Gegensatz Laudines Charakter um Liebensfähigkeit und Verzeihung, die letztlich eine ausgewogene und gleichwertige Partnerschaft ermöglichen. Sie vergeben sich gegenseitig die Schuld, Laudine versteht Iweins Versäumnis nicht als untriuwe (Treulosigkeit, Betrug), sondern erkennt es als mangelnde ahte (8081, 8088) (Beachtung). Die beiden Minnepartner bei Hartmann haben beide verfehlt, haben beide dazugelernt und sind nun in der Lage, dem anderen gerecht zu werden. Hartmann beschreibt damit im Gegensatz zu Chrétien ein Ideal, das nichts mit einseitiger Überhöhung (ganz im Kontrast zur Realität) zu tun hat und auch den christlichen Kern der Vergebung der Schuld (Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern) exemplarisch darstellt. Dies haben lang nicht alle so gesehen. Hartmanns Schluss wurde häufig als „Verstoss gegen die Grundkonzeption“ (Ruh 1967: S. 156) verstanden. Diese Auslegung scheint mir jedoch zu formalistisch und verkennt den Umstand, dass Hartmann einen Hang zur
Moral hatte und zu einem befriedigerenden Ende findet als Chrétien. Zu diesem Punkt möchte ich im Kapitelchen zum Kniefall Laudines Stellung nehmen. Würdigt man die Änderungen Hartmanns, so kommt man unweigerlich zum Dialog, unserer Ausgangslage, zurück. Mit dem Dialog und der daraus resultierenden Einschätzung der Königin durch das Publikum antizipiert Hartmann die Spannung des weiteren Verlaufs der Geschichte. Iwein ist als Namenspate die wichtigste Figur, seinem Leidensweg gilt das Interesse. Er verfehlt und erkennt traditionell nach überwundenem Wahnsinn, dass ein Ritter als Ehemann zur Vervollkommnung der Ehre neben Turnieren, höfischen Gelagen und Minnedienst auch eine politische Aufgabe zu erfüllen hat. In ebenso grossem Mass erkennt Laudine ihre Schuld gegenüber Iwein: „daz ir ruochet mir vergeben“ (8127). Sie hat die genauso grossen Hindernisse zu überwinden, wenn auch im Stillen und ohne feindlich gesinnte Ritter. Hartmann lässt die Entwicklung Laudines nicht explizit vor sich gehen, es ist auch nicht „ihr“ Roman.
Geht man aber davon aus, das zeitgenössische Publikum kannte den Yvain Chrétiens bereits, so dürfte dieses nicht von einer Wende zum Besseren seitens der Laudine ausgegangen sein. Der Schluss wäre dann umso überraschender ausgefallen und mit seiner Milde und Vergebung hätte er, gerade wegen seiner Unterschiedlichkeit zum Yvain, Anlass zu Diskussionen gegeben, die wohl im Sinne Hartmanns gewesen sein dürften. Wäre Laudine von Anfang an vielschichtig, so läge die Entwicklung einseitig bei Iwein, d.h. es handelte sich um eine Rationalisierung der Minne. Nun aber wird auch die Entsprechung dazu, die Komplementierung des politischen Pflichtgefühls mit der Minne, gewährleistet. Das moralische Konzentrat des Iwein-Romans besagt, dass in einer Ehe die Ausgewogenheit von Gefühlen und pragmatischen Absichten vonnöten ist. Hartmann hatte mit Bestimmtheit den Anspruch, ein Ideal darzustellen, und diese Aufgabe leistet der Spannungsbogen zwischen dem Dialog und der Wiedervereinigung.
Formalistische Ansprüche
Nehmen wir an, der Roman beginnt bei Zeile 2420 „sî gâben im vrouwen unde lant“, also beim Ende der Hochzeitzeremonie. Was ginge bei dieser Ausgangslage verloren? Natürlich die Vorgeschichte, das Dilemma Laudines, Iweins Minne etc. Hauptsächlich aber würden wir, und wahrscheinlich noch viel mehr das Publikum früher, der zweiten Abenteuerfahrt Iweins einen ganz anderen Stellenwert geben, als wir es so tun. Den doppel-
ten Kursus gäbe es nicht, was ziemlich sicher als allzu groben Verstoss gegen die Konvention verstanden worden wäre. Erst in der Gegenüberstellung der zweiten Fahrt zur ersten entsteht der Kontrast, der notwendig ist, um Iweins Einsicht in seine Fehler zu verstehen.
Der Dialog und die daraus resultierende Hochzeit samt der Feier mit Artus stehen an prominenter Stelle. Hartmann schiebt ihn als Zwischenspiel zwischen den ersten und zweiten Kursus. Diese Passage spielt am Hof Laudines und hat, obwohl wichtige Entscheide gefällt werden und die Emotionen hochschlagen, eine beruhigende Wirkung. Noch einmal wird innegehalten, bevor das Vergehen Iweins, sein Wahnsinn und seine Rehabilitation erfolgen. Formal betrachtet übernehmen der Dialog und die nachfolgenden Szenen mit dem Fest an Artus Hof zu Beginn des Romans und dem Ende an Laudines Hof eine Klammerfunktion. Der doppelte Kursus wird eingepackt in einen Auftakt, eine Pause und einen Schluss. Alle drei „Ruhephasen“ zeichnen sich durch Idealität und höfische Atmosphäre aus.
Der Kniefall Laudines
Neben RUH haben auch andere Autoren die Zeilen 8121-8136 als unverständlich und aufgesetzt betrachtet (BUHMKE (1967), SPARNAAY (1919), WITTE (1929) UND SCHRÖDER (1997)). Es handelt sich hierbei um eine Kontroverse, an der sich nur mit einem enormen For-schungsaufwand teilnehmen lässt. Ich möchte dies kurz anhand von SCHRÖDERS Argumentation erläutern, um inhaltlich darauf einzugehen. SCHRÖDER argumentiert sowohl entstehungsgeschichtlich als auch inhaltlich. Iwein ist in verschiedenen Versionen überliefert, meist nur fragmentarisch. Die Version, die die Zeilen 8121-8136 beinhaltet, und der auch CRAMER folgt, sei nicht von Hartmann selber, sondern von einem Nachbearbeiter. Diese These zu kontrollieren würde bedeuten, die Genese der verschiedenen Versionen des Iweins zu überprüfen, ein Aufwand, die eine Seminararbeit um ein x-faches sprengen würde. SCHRÖDER zieht dazu den Kontext zu Hilfe und verweist auf den Widerspruch innerhalb von Laudines Person, wenn sie nach der Übertölpelung durch Laudine und dem ihr noch bloss als Löwenritter bekannten sich selber Schuld zuschreibt. „Wer es anders wollte, wer erwartete, dass Laudine… nicht bloss verzeiht, sondern sich anklagt, die eigentlich Schuldige… zu sein, wie es in den B-Versen 8121-8136 zum Ausdruck kommt, hätte die A-Verse 8114-8120 tilgen müssen.“ (SCHRÖDER, S. 8). SCHRÖDER hat ei-
nen Trumpf in der Hand, wenn er mit der unsicheren Überlieferungslage und der Vorlage Chrétiens argumentiert, auch stehen ihm einige Forscher zur Seite. Doch wenn er davon spricht, Laudine „klage sich an, die Schuldige zu sein“, dann versucht er, das Schuldverhältnis umzukehren. Dies ist aber dieser Passage nicht zu entnehmen. Laudine bittet Iwein um Verzeihung, da er grossen Kummer hatte. Diesen hatte er auch wirklich, Iwein weiss aber nur zu genau, dass der Kummer in seinem Verhalten wurzelte, sonst hätte er sich nicht bessern können. Die besagten Zeilen Hartmanns Urheberschaft zu verweigern, bloss Laudines Sturheit zu sehen und zu meinen, sie sei nach wie vor ausschliesslich eine politische Frau, verkennt das Ergebnis, das bis zu dieser Stelle entwickelt wurde: Hartmann schreibt schon an früherer Stelle von der Minne Laudines. Wenn sie am Schluss sagt: „grôzen kumber habet ir von mînen schulden erliten.“ (8124, f.), ist das keine rechtlich oder gar offiziell angehauchte Formulierung, sondern eine emotional konnotierte. Genau in dieser Bandbreite lag bis zu diesem Zeitpunkt die Spannung der beiden, und nun kommen wir wieder zum Anfang zurück: Iweins Entwicklung lehrte ihn die Pflichten des ritterlichen Gatten, während Laudine die Minne erlernen musste.
Schluss
Mein Interesse hat sich im Laufe der Arbeit verschoben. Nicht die Beziehungen zwischen den drei Personen Laudine, Lunete und Iwein sind Gegenstand geblieben. Laudine hat sich im Verlauf des Lesens immer weiter in den Mittelpunkt gespielt, da ihre Figur mehr und mehr komplex wurde. Entgegen meiner anfänglichen Einschätzung ist sie nicht die naive, überforderte Königin, sondern eine kluge, lernfähige Frau, die eine ebenso grosse Rolle spielt wie Iwein. Sie spielt sie bloss leiser.
Iweins Entwicklung wäre, wenigstens aus heutiger Warte, unnütz, hätte sich nicht auch Laudine durchgerungen, ihren Gatten zu verstehen. Was dient es Yvain, wiederum aus heutiger Sicht, darf er seine Frau beschützen, die ihn aber lieber nicht hätte und ihn nur aus Ehrverständnis nicht zum Teufel jagt? Hartmann hat mit dem veränderten Schluss das Minneideal überwunden und seinem Roman eine ideale, zukunftsweisende Note verpasst.
Laudine begünstigt Iweins Werdung, er begünstigt ihre. Am Schluss stehen sich zwei gegenüber, die einander verstehen und gerecht werden. Hartmann zeigt die ideale Beziehung, die sich mit gegenseitiger Achtung aber auch in gegenseitiger Abhängigkeit für das Lernen auszeichnet. Der Begriff der Symbiose ist wohl nicht falsch angewendet. Der Dialog hat insofern eine poetologische Komponente, als dass er aufzeigt, welche Probleme auf Iwein zukommen werden. Er gibt den Grundstein für den Spannungsbogen, der sich bis zum Schluss hinzieht, ab und zeigt damit weit weniger spektakulär als bei Iwein die Hindernisse Laudines auf. Zudem nimmt er zwar nicht mathematisch aber inhaltlich die Position der Mitte ein und ermöglicht so den doppelten Kursus.
Es gäbe in Bezug auf den Dialog noch viel zu tun. So könnte ich mir vorstellen, dass die Tatsache, dass Hartmann den Dialog gewählt hat, die Schuld Iweins auch auf die Schultern Lunetes trägt. Sie macht ja, dies ist in dieser Arbeit unberücksichtigt geblieben, ein Auf und Ab mit gegenüber ihrer Herrin. Zuerst verschafft sie ihr einen Verteidiger, dann beschert sie ihr damit grossen Kummer und Unehre, um letztendlich wieder in der Gunst Laudines zu stehen. SCHUSKY (1976) nennt in ihrem ihren Aufsatz Lunete nicht umsonst „eine kupplerische Dienerin“. Andere Fragen bleiben ungeklärt, z.B. die nach der Motivation Lunetes, Iwein vor dem Tod zu bewahren und ihn der Witwe Laudine als neuen Mann zu präsentieren. Hartmann schreibt von einer längst vergangenen Gefälligkeit
Iweins gegenüber Lunete, doch dieser Grund vermag nicht recht zu überzeugen. Damit befinden wir uns inmitten der Diskussion jener, die zu beweisen versuchen, Zeilen 8121-8136 seien nicht von Hartmanns Hand. Ich muss mir einige Fragen gefallen lassen, halte ich an meiner Interpretation in Bezug auf das Ende fest. Wieso ändert Hartmann den Schluss gegenüber Chrétien? Ist Laudines Trauer beim Begräbnis von Askalon Trauer um die Person oder um die gewährleistete Staatssicherheit? Falls Laudine um Askalon als Person weint, wieso kann sie Iweins Minne anfänglich nicht nachvollziehen? Wie ich bereits argumentiert habe, erachte ich Laudine als Gegenstück zu Iwein, die ihrerseits einen Prozess durchlebt, um am Schluss die ideale Ehebeziehung repräsentieren zu können. Die fragwürdige Szene entspricht somit dem inhärenten Ziel des Romans, auf das ideale Ende hinzuführen. Oben genannte Fragen müssen meiner Meinung innerhalb des hier gebotenen Interpretationsrahmens gelöst werden. Kann die Forschung in Zukunft die Verlegenheit um die verschiedenen Handschriften ablegen, d.h., können die besagten Zeilen mit Sicherheit Hartmann oder einem späteren Bearbeiter zugeschrieben werden, so wäre das ein Riesenschritt, das Thema könnte geklärt werden. Doch dieser Wunsch wird wohl nicht erfüllt werden, und damit bleiben beiden Parteien nach wie vor genügend Argumente, die eigene Meinung zu untermauern.
Bibliographie
Primärtext
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Anhang: der Dialog zwischen Laudine und Lunete
Lunete Laudine 1797 'nû sol man schouwen alrêrst iuwer vrümekheit dar an daz ir iuwer leit rehte und redelîchen traget. 1800 ez ist wîplich daz ir claget, und muget ouch ze vil clagen. uns ist ein vrumer herre erslagen: nû mac iuch got wol stiuren mit einem alsô tiuren.' 1805 'meinstuz sô?' 'vrouwe, jâ.' 'wâ wære der?' 'etewâ.'
Dô sprach aber diu maget
1820 'iu sî doch ein dinc gesaget, daz man iedoch bedenken sol, ir vervâhetz übel ode wol. ezn ist iu ninder sô gewant, irn wellent iuwen brunnen und daz lant 1825 und iuwer êre verliesen, sô müezet ir etewen kiesen der iun vriste unde bewar. manec vrum rîter kumt noch dâr der iuch des brunnen behert, 1830 enist dâ nieman der in wert. Und ein dinc ist iu unkunt: Ez wart ein bote an dirre stunt Mînem herren gesant: Dô er in dô tôten vant 1835 Und iuch in selher swære, do versweie er iuch daz mære und bat aber michz iu sagen daz nâch disen zwelf tagen unde in kurzerme zil 1840 der künec Artûs will zuo dem brunnen mit her. Enist dan nieman der in wer, so ist iuwer êre verlorn. Habt ab ir ze wer erkorn 1845
von iuwerm gesinde deheinen man, dâ sît ir gar betrogen an.
Und wære ir aller vrümekeit An ir einen geleit, dazn wær noch niht ein vrum man. 1850 swelher sich daz nimet an daz er der beste sî von in, dern getar niemer dâ hin dem brunnen komen ze wer. Sô bringet der künec Artûs ein her, 1855 die sint zen besten erkorn die ie wurden geborn. Vrouwe, durch daz sît gemant, welt ir den brunnen und daz lant niht verliesen âne strît, 1860 sô warnet iuch der wer enzît, und lât iuwern swæren muot, ichn râtez iu niuwan durch guot.’
Sî sprach ‚daz sî iu widerstreit. Wer wær der sich sô grôz arbeit Iemer genæme durch iuch an, 1920 erne wære iuwer man? Ir sprechet eht als ein wîp. Gebet ir im guot und lîp, ir muget ez dannoch heizen guot oberz willeclîchen tuot. 1925
nû habent ir schœne unde jugent, geburt rîchheit unde tugent und muget einen alsô biderben man wol gewinnen, obs iu got gan. Nune weinet niht mêre
und gedenket an iuwer êre: zewâre, vrouwe, des ist nôt. Mîn herre ist vür sich einen tôt: Wænt ir daz älliu vrümekheit Mit im ze grabe sî geleit? 1935 zewâre des enist niht, wand man noch hundert ritter siht die alle tiurre sint dan er ze swerte ze schilte und ze sper.’
‚vrouwe, ich hân die wârheit.’ ‚der zeige mir doch einen.’ ‚lizet ir iuwer weinen, deiswâr ich vunden iu harte wol.’
‚vrouwe, hân ich iu gelogen, sô bin ich selbe betrogen. Nû bin ich ie mit iu gewesen Und muoz ouch noch mit iu genesen: Verriet ich iuch, waz wurde mîn? Nû müezt ir mîn richtære sîn: 1955
nu erteilet mir (ir sît ein wîp), swâ zwêne vehtent umbe den lîp, weder tiurre sî der dâ gesige od der dâ sigelôs gelige.’
‚vrouwe, ez ist niht wænlich: wan ez ist gar diu wârheit. Als ich iu nû hân geseit, rehte alsô hât ein man gesiget mînem herren an. 1965
daz will ich wol mit iu gehaben: wan ir habet in begraben. Ich erziuges nû genuoc, der in dâ jagete unde sluoc, der ist der tiurer gewesen: 1970
mîn herre ist tôt und er genesen.’
sî sprach: ‚mir mac wol geschehen von mînen triuwen arbeit 1980
und doch nimmer dehein herzeleit, wan ich sî gerne lîden will. Zewâre ich bin gerner vil Durch mîne triuwe vertriben Dan mit untriuwen beliben. 1985
vrouwe, nû gân ich von iu hin: und sô ich hin vertriben bin, sô nemet durch got in iuwern muot waz iu sî nütze unde guot. Daz ich iu ê geraten hân, 1990
daz hân ich gar durch guot getân: und got vüege iu heil und êre, gesehe ich iu niemer mêre.’
Arbeit zitieren:
Christoph Steinmann, 2002, Auf einem Auge blind? Die Beziehung der Königin Laudine zum Ritter Iwein zwischen Politik und Minne, München, GRIN Verlag GmbH
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