2
Betroffenen (etwa unter der „Last ihrer Gewordenheit) oder wenn sie in Richtung Dissozialität oder (anti-) sozialer Devianz extremisieren 2 .“ Ist also der Mann, der durch die Fußgängerzone läuft und mit sich selbst spricht ein Fall von Persönlichkeitsstörung? Nach Fiedler Erklärung nicht, da wir ihm in diesem fiktiven Beispiel unterstellen, dass er nicht unter der Tatsache das er mit sich selbst spricht leidet und auch keine Dissozialität oder Devianz auftritt. Es wird also klar, dass die Diagnose Persönlichkeitsstörung nicht so einfach zu treffen ist, dies deckt sich mit der Praxis der Wissenschaft.
In der klassischen Psychopathologie wurden seelische Krankheiten lange Zeit unter den Oberbegriffen „...organisch begründbare Erkrankungen, Geisteskrankheiten (Psychosen), entwicklungsbedingte Erkrankungen (Neurosen) und
Persönlichkeitsstörungen (Psychopathien) zusammengefaßt 3 .“ Menschen mit Persönlichkeitsstörungen speziell der Borderline-
Persönlichkeitsstörung wurden oft als „Grenz-Patienten 4 “ bezeichnet. Grenzpatienten daher, weil sie mit Ihrem Krankheitsbild nicht eindeutig eingeordnet werden konnten. Die Grenze lag in diesem Falle zwischen den Neurosen und schizophrenen Psychosen. Gerade in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Borderline -Begriff als Sonderform der schizophrenen Psychose verstanden.
2. Kurzbeschreibung des Boderline-Syndorms
In diesem Kapitel möchte ich eine kurze erste Erklärung des Begriffes Borderline-Syndorms geben.
Unter Borderline - Störung ist eine frühe Störung der Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen, das heißt, die Wurzeln liegen in den aller ersten Lebensjahren.
5
Frei übersetzt bedeutet der Begriff Borderline
2 Fiedler, Persönlichkeitsstörung, (1995) S. 4
3 Ewald Rahn, Borderline (2001) S. 43
4 Christa Rohede-Dachser, Das Borderline-Syndrom (1989) S. 25
5 vgl. Berit Anders, Ich heiße Berit und habe eine Borderline Störung, (2001) S. 96
3
3. Verbreitung
Untersuchungen haben ergeben, dass rund 2 % der erwachsenen Bevölkerung an der Boderline-Störung leiden 6 . In diesem Zusammenhang ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass nur in dem Fall von einer Störung gesprochen werden kann, wenn die Symptome für den Betroffenen oder auch seine Umgebung Leidenscharakter bekommen. Borderline-Patienten machen gegenwärtig etwa 10 % der stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen und Patienten aus 7 .
4. Kriterien für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die international gültige Definition darüber was eine Borderline-Störung ausmacht, findet sich im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-IV) der American Psychatric Association und in der Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO.
4.1 DSM-IV
Diagnostische Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung gemäß DSM-IV sind:
„Ein durchgängiges Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, des Selbstbildes und der Gefühle, sowie eine ausgeprägte Impulsivität; der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und die Störung manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen; Folgende fünf (oder mehr) Kriterien müssen erfüllt sein:
1. verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.
2. ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung und Abwertung auszeichnet;
3. Identitätsstörung: eine ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls von sich selbst.
4. Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten (z.B. Geld-Ausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle.)
5. wiederholte Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder andere selbstverstümmelnde Verhaltensweisen;
6. Instabilität im affektiven Bereich, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der akuten Stimmung gekennzeichnet ist (z.B. i ntensive episodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Zustände gewöhnlich einige Stunden oder, in seltenen Fällen, länger als einige Tage andauern);
7. chronisches Gefühl der Leere;
8. übermäßige, starke Wut oder Unfähigkeit, die Wut zu kontrollieren. (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut oder Prügeleien);
6 vgl. Ewald Rahn, Borderline (2001) S. 54
7 vgl. Ewald Rahn, Borderline (2001) S. 54
4
9. andauernde, streß-abhängige paranoide Phantasien oder schwere dissoziative Symptome.“ 8
4.2 ICD-10
Die ICD-10 (International Classification of Diseases) ist der Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Krankheiten und gesundheitliche Störungen des menschlichen Organismus. Die 10 steht im diesem Zusammenhang für deren 10. Revision.
Im Kapitel F60.3 der ICD-10 werden die Kriterien der emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen beschreiben unter denen auch die Borderline Persönlichkeitsstörung (F60.31) fällt.
Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10 F60.31 sind:
„Einige Kennzeichen emotionaler Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und "innere Präferenzen" (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Meist besteht ein chronisches Gefühl innerer Leere. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit übermäßigen Anstrengungen, nicht verlassen zu werden, und mit Suiziddrohungen oder selbstschädigenden Handlungen (diese können auch ohne deutliche Auslöser vorkommen) 9 .“
In der ICD-10 ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine von zwei Unterformen der dort definierten emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen. Neben der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird im Abschnitt F60.30 der impulsive Typus der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung beschrieben. Die wesentlichen Charakterzüge dieses Typus sind emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle. Ausbrüche von gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten treten bei diesem Typus häufig auf, insbesondere in Situationen in denen die Person auf Kritik durch andere trifft.
In Deutschland ist die ICD -10 der offizielle Standart für die Dokumentation und Abrechnung mit den Krankenkassen.
Trotzdem möchte ich in dieser Arbeit die DSM-IV als Grundlage für die weiteren Erläuterungen v erwenden, da die Symptome für die Borderline-
Persönlichkeitsstörung hier präzisier definiert werden, als in der knappen Umschreibung im ICD-10.
Betrachtet man die einzelnen Punkte des DSM-IV, so lassen sich diese in Gruppen zusammenfassen. Joachim Gneist unterteilt die Erscheinungsbilder der Borderline-Menschen, sowie die Persönlichkeit des Borderline-Menschens in seinem Buch „Wenn Haß und Liebe sich umarmen 10 “ in jeweils 4 Untergruppen. Diese möchte ich an dieser Stelle noch einmal genauer aufnehmen, da sie meiner Meinung nach die Kriterien des DSM-IV nochmals verständlicher aufnehmen.
8 DSM-IV (1994, S. 654); eigene Übersetzung.
9 IDC-10 Kapitel V(F) der WHO (1993) 2. Auflage S. 239-240
10 vgl. Joachim Gneist, Wenn Haß und Liebe sich umarmen (1998) S. 26
5
5. Das Erscheinungsbild des Boderline-Menschen
5.1 Beziehungen
Die Beziehungen beschreibt Gneist als intensive, aber wackelige zu anderen, letztlich zur gesamten Wirklichkeit. Häufig findet ein Wechsel von Idealisierung und Entwertung von anderen und auch von der eigenen Person statt. Geprägt ist das Beziehungsleben der Borderline-Menschen durch die Angst vor dem Alleinsein, genauso wie die Angst vor dem Zusammensein, ein Zustand der sich für nicht betroffene nur schwer nachvollziehen lässt.
Die Boderline-Menschen befinden sich oft ein Leben lang, in einem Prozeß der Suche nach einer erfüllten Partnerbeziehung und sind getrieben von einer starken Sehnsucht verstanden und geliebt zu werden. Oft hemmt sie in diesem Prozess der Suche ihr Mangel an Vertrauen und an Selbstvertrauen.
5.2 Handeln
Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung weisen oft selbstschädigendes Verhalten auf. Beispiele hierfür sind Trinken, Rauchen, Drogenkonsum und süchtiges Essen. Ebenfalls oft vorzufinden sind die Neigungen zur Selbstverletzung bis hin zu Selbstverstümmelungen, Selbstmordversuchen und Selbstmorden. Des weiteren sind mehrere Formen von Zwängen wie zwanghaftes Putzen und Arbeitswut b ei Borderline-Menschen häufig anzutreffen. Sie sind in einer Zwischenwelt in der sie rastlos leben um Passivität und Langeweile zu vermeiden.
5.3 Stimmung und Antrieb
Arbeitet man mit Boderline-Menschen so wird einem der schnelle Wechsel der Stimmung und des Antriebes der Personen ins Auge fallen. Wechsel von freundlich zu unfreundlich, unbeschwert zu deprimiert, ruhig zu reizbar und ausgeglichen zu panisch-ängstlich machen Boderline-Menschen zu Personen deren Stimmung und Antrieb scheinbar einem Roulette Spiel ähneln. Für Angehörige bedeutet dies ein ständiges beobachten und interpretieren der aktuellen Verfassung der Person die am Boderline-Syndrom erkrankt ist. Reagiert man falsch auf die Verfassung der betroffenen Person, so kann diese leichter als „gesunde“ Menschen die Beherrschung und Selbstkontrolle verlieren.
5.4 Gefühle
Menschen die an der Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt sind, können ihre Gefühle nur in einem sehr beschränkten Maße kontrollieren. Intensive Wut und Wutausbrüche, Haß und Selbsthaß, das Gefühl der absoluten Verzweiflung machen den Betroffenen die Führung einer Beziehung nahezu unmöglich. Für den Partner eines Betroffenen heißt es, mit einem Menschen zu leben, der seine Gefühle entweder extrem auslebt, oder total zurücknimmt.
6
6. Persönlichkeit des Borderline-Menschen 11
6.1 Selbstbild
Das Selbstbild, also das Bild wie sich ein Mensch selbst wahrnimmt, ist bei den am Borderline-Syndorm erkrankten Menschen geprägt von einem Mangel an Selbstliebe und Selbstrespekt. Es geht dem Betroffenen darum ständig zu überprüfen welches Bild er nach außen hin darstellt. Die Suche nach Bestätigung bis hin zur Provokation von Ablehnung bestimmen das Selbstbild des Betroffenen. Des weiteren kann das Selbstbild eine große Unsicherheit bezüglich der eigenen Geschlechterrolle aufweisen. Borderline Menschen können homosexuelle Beziehungen eingehen, nicht auf Grund das sie wirklich das gleiche Geschlecht lieben, sondern aus Angst vor dem anderen Geschlecht.
6.2 Wertvorstellungen
Die Wertvorstellungen von erkrankten Menschen sind geprägt von einem starken schwarz-weiß Denken. Eine Person, die in einem Moment noch als Freund gesehen wird, kann durch eine Verhaltensweise die vom erkrankten Borderline-Menschen nicht eingeschätzt werden kann, im nächsten Moment als Bedrohlich empfunden werden. Menschen die mit Boderline-Personen in Beziehung stehen müssen damit rechnen diesem Wechselbad der Gefühle ausgeliefert zu sein. Wer in einem Moment noch als hochintelligent beschrieben wird, kann im nächsten Moment bereits als strohdumm beschimpft werden. Bei erkrankten Personen ist die Tendenz festzustellen, dass sie versuchen ihre innere Spaltung auf andere oder auf Gruppen übertragen wollen. Hintergrund ist, dass sie so eine Möglichkeit finden sich von dem innerlichen Druck der Spaltung zu befreien. Menschen die vom Boderline-Syndrom betroffenen sind verfügen häufig über ein hohes Maß an Sprachgewandheit, an Witz und unterschwelligen Humor. Methoden die Helfen mit der problematischen Situation umzugehen.
6.3 Nähe und Distanz
Ein großes Problem der erkrankten Borderline-Menschen ist das Unvermögen sich abzugrenzen. Werden Personen als bedrohlich erlebt, so führt das dazu, das der erkrankte permanent versucht, diese Person zu kontrollieren. Ein weiterer wichtiger Faktor der es den erkrankten so schwer macht, Nähe oder Distanz aufzubauen, ist die Tatsache, dass sie sich mit dem gegenüber identifizieren. Greift also ein Boderline-Mensch einen anderen an, so greift er sich selber an. Hierdurch ist es den erkrankten Personen nicht möglich sich von den Menschen abzugrenzen, die ihnen nicht gut tun. Gehen sie auf Distanz so werden andere Probleme auftreten, wie beispielsweise die Angst vor dem alleine sein. Die erkrankte Person befindet sich in einem Teufelskreis, dessen Erkenntnis of zur weiteren Verstärkung der genannten Symptome-führt.
6.4 Realitätsbezug
Borderline Menschen sind nicht schizophren, sie können die Wirklichkeit als solche einschätzen, ihr Verhalten wird jedoch durch ihr subjektives Erleben dieser Wirklichkeit gesteuert. Durch einen Mangel an Selbstkontrolle und der Fähigkeit Angst auszuhalten wird das Verhalten von erkrankten Menschen so sehr beeinflusst, das es ihnen oft nicht möglich ist, angemessen zu reagieren. Gerade im Umgang mit Beziehungen zeigen sich besonders stark die Probleme, aber auch die Stärken der
11 vgl. Joachim Gneist, Wenn Haß und Liebe sich umarmen (1998) S. 28
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erkrankten Personen. Es scheint zunächst verwunderlich in diesem Zusammenhang von Stärken zu sprechen, jedoch trifft diese Beschreibung durchaus auf die Betroffenen zu, da Borderline erkrankte Personen oft ein hohes Maß an Begeisterungsfähigkeit besitzen, und durch viel Lebendigkeit und Kreativität glänzen.
7. Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Ursachen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auf eine Erfahrung oder einen Umstand zu reduzieren ist ähnlich wie bei anderen psychischen Erkrankungen nicht möglich. Gewinnt man jedoch einen Überblick über die aktuelle Literatur zum Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung so fallen Gemeinsamkeiten auf, die ich als Grundlage für die Frage nach den Ursachen heranziehen möchte. Um die Ursachen der Störung zu suchen, muss man in vielen Fällen in die frühe Kindheit der betroffenen Personen eintauchen. In den ersten Lebensjahren eines Menschen ist die Bindung zwischen Mutter und Kind, bzw. zwischen Bezugsperson und Kind von elementarer Bedeutung für die weitere Entwicklung des Kindes. Für die seelische Zufriedenheit benötigt ein Säugling liebevolle Zuwendung, sowie Hautkontakt in Form von Streicheln und Liebkosungen. In diesem frühen Abschnitt des Lebens ist die Bindung zwischen Mutter und Kind am stärksten. In welchem Maße diese erste, enge Beziehung gelingt ist grundlegend für die weitere Entwicklung des Kindes. 12 Bekommt das Kind das Gefühl der Geborgenheit, des geliebt seins, so besteht eine gute Möglichkeit zur Entwicklung eines Urvertrauens. Mit den weiteren Jahren der Entwicklung des Kindes versucht sich dieses vorsichtig von der Mutter zu entfernen, die Symbiose zu verlassen und so die eigene Unabhängigkeit auszutesten. Diese Entdeckungsreise des Kindes kann jedoch nur dann gelingen, wenn das Kind weiß, dass es sich der Sicherheit der Mutter gewiss sein kann. Bei Rückschlägen auf den Entdeckungsreisen muss das Kind die Gewissheit haben, sich bei der Mutter die nötige Sicherheit holen zu können um so neue Kraft für die weitere Erschließung des Lebensraum antreten zu können. Auf diese Art und Weise, lernt das gesunde Kind in den ersten Lebensjahren langsam selbstständiger zu werden. Heinz-Peter Röhr nimmt hier die Vermutung vieler Fachleute auf, dass die Mutter dem späteren Borderline-gestörten diese notwendige stabile Symbiose nicht gewähren kann. Die Ursachen hierfür können sehr unterschiedlich sein. Befindet sich die Mutter in einer Situation in der sie durch ihre eigenen Probleme stark mit sich selbst beschäftigt ist, so kann sie dem Kind nicht die Aufmerksamkeit bieten, die ihm zusteht. Das Kind, das in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis zur Mutter steht, empfindet diese Nichtbeachtung der Mutter als existentielle Bedrohung.
7.1 Kernbergs Ansätze
Otto F. Kernberg, Psychoanalytiker aus Österreich sieht in dem zuvor genannten Prozess die Grundbasis für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. In seinem Buch „Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus (1975)“ erklärt er inwiefern frühe Objektbeziehungen, wie die zur eigenen Mutter zu einer Störung der Persönlichkeit führen können.
12 vgl. Ich heiße Berit und habe eine Borderline Störung, Nachtrag von Heinz-Peter Röhr, (2001) S. 97
8
Grundsätzlich geht Kernberg von vier Entwicklungsphasen eines Säuglings aus. Säuglings aus. 13
1. Phase:
Die frühste Phase in der Entwicklung des Kindes, die ungefähr mit dem ersten Lebensmonat anfängt. In dieser Phase findet eine undifferenzierte Selbst-/Objekt-Konstellation statt, die sich unter dem Einfluß der lustbetonten, befriedigenden Erfahrungen während der Interaktion zwischen Mutter und Kind bildet.
2. Phase:
Die zweite Phase findet laut Kernberg vom ersten bis zum dritten Monat nach der Geburt statt. Sie umfasst den weiteren Aufbau und die Festigung eines noch undifferenzierten Selbst-/Objekt-Bildes. In dieser Phase findet eine primitive Unterscheidung des Kindes in befriedigende (gute) Erfahrungen und frustrierende und schmerzlichen (schlechte) Erfahrungen statt. So werden also zwei unterschiedliche Konstellationen im affektiven Bereich aufgebaut.
3. Phase:
Diese Phase umfasst normalerweise die Zeit zwischen dem vierten Monat nach der Geburt und dem Ende des ersten Lebensjahres. „Die dritte Phase ist erreicht, wenn das Selbstbild und das Objektbild sich innerhalb des Kerns
4.Phase:
Die vierte Phase hat ihren Beginn zwischen dem Ende des ersten Lebensjahres und der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres und umfasst die ganze verbleibende Kindheit. In dieser Phase verschmelzen die
Für Kernbergs Überlegungen bezüglich der Borderline Störung legt er sein Augenmerk auf die dritte Phase. In dieser Phase besteht noch die Trennung von
Doch um welche Missstände der Eltern handelt es sich nun, wenn diese nicht die Bedingungen für eine gesunde Entwicklung des Kindes bieten können ? Viele Betroffene der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben eine schwierige Kindheit hinter sich. 15 Die Eltern waren in der Regel auffällig, oft suchtkrank, vielfach gewalttätig und übergriffig. Durch die Spaltung der Persönlichkeit ist es den Kindern
13 vgl. James F. Masterson, Psychotherapie bei Borderline-Patienten (1980) S. 31
14 James F. Masterson, Psychotherapie bei Boderline-Patienten (1980) S. 31
15 vgl. Ewald Rahn, Borderline Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige (2001) S. 56
9
möglich gewesen, den abends noch betrunkenen und randalierenden Vater am Morgen wieder versöhnlich in der Küche zu begrüßen. Ein großer Anteil der Borderline-Patienten hat in seiner Kindheit sexuellen Missbrauch und physische Gewalt erleben müssen. Die Zahlenangaben hierzu schwanken enorm. Sie gehen von 20% bis hin zu 50% 16 der betroffenen Personen die derartige Erfahrungen in ihrer Kindheit erleiden mussten. Gewalt und sexueller Missbrauch erschüttern das Vertrauen des Kindes in seinem Bild von der Welt. Das Kind ist dem übermächtigen Täter hilflos ausgeliefert. Es findet eine Demütigung des Körpers, der Seele und des Geistes statt. Oft einzige Möglichkeit diesem zu entfliehen ist der Eintritt in eine andere Welt. Es erlebt sich so außerhalb des eigenen Körpers und spaltet die Angst und den Schmerz auf diese Art und Weise ab.
Gerade in späteren eigenen Beziehungen treten die Narben der Vergangenheit wieder ins Licht der Realität. Meistens in Form von Flashbacks, plötzlichen Körper-und Gefühlsreaktionen wie Ekel, Wut, Angst und Panik, oder der Unfähigkeit Nähe zu Menschen zuzulassen.
Welche Möglichkeiten bietet die Psychologie diesen Menschen zu helfen ? Welche Therapieansätze haben sich etabliert und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit wieder gesund zu werden ?
Auf diese Fragen möchte ich im nächsten Teil dieser Arbeit eingehen.
8. Therapieansätze
In der Geschichte der Therapie ist es zu einer Vielzahl von therapeutischen Maßnahmen gekommen. Unterschieden wird zwischen den biologischen, humanistischen (Gesprächspsychotherapie, Hypnotherapie, Gestalttherapie), psychoanalytischen, kognitiv verhaltenstherapeutischen uns systemischen Therapieverfahren. Hauptunterscheidungsmerkmal der einzelnen Vorgehensweisen sind die Bedingungen unter denen die Therapie stattfindet. So arbeitet beispielsweise die Psychoanalyse vorwiegend mit den Erinnerungen aus der Vergangenheit, während die systematische Therapie das unmittelbare Umfeld der betroffenen Person in den Focus nimmt. Es gibt keine Grundregel, die dem Betroffenen sagt, welche Therapieform er zu wählen hat. Auf Grund der Fülle an Möglichkeiten möchten ich mich in dieser Arbeit auf einen Ansatz beschränken, den der Verhaltenstherapie.
Um den therapeutischen Ansatz der Verhaltenstherapie zu verstehen, bedarf es zunächst einer genauer Betrachtung der Sichtweise des Borderline-Syndroms aus verhaltenstherapeutischer Sicht.
Die Verhaltenstherapie sieht in dem auftretenden Fehlverhalten der betroffenen Person ein falsch erlerntes Verhalten. Dementsprechend lässt sich dieses Verhalten auch wieder „zurück-lernen“, sprich korrigieren.
8.1 Kognitiv-verhaltenstherapeutische Borderline-Therapie nach M. Linehan
Die wohl bekannteste und zugleich aktuellste Vertreterin ist Marsha Linehan und ihr Ansatz einer dialektischen Verhaltenstherapie. Linehan rückt die Borderline Persönlichkeitsstörung in die Nähe der affektiv-depressiven Störungen 17 . Für sie ist
16 vgl. Fiedler, Persönlichkeitsstörungen (1995) S. 232
17 vgl. Fielder, Persönlichkeitsstörungen (1995) S. 235
10
die selbstdestruktive Impulsivität der Borderline-Patienten das zentrale Symptom und sie sieht dieses als ein Ausdruck für eine individuell gelernte Form von Problemlösestrategie. Sinn dieser Strategie ist die Reduktion der subjektiven und unakzeptierten Dysphorie.
Die vielfältigen dysfunktionalen Verhaltensmuster der Borderline-Störung, beispielsweise suizidales oder impulsives Verhalten, das Gefühl von Leere oder die chaotischen Beziehungen werden interpretiert als Auswirkungen einer zugrunde liegenden Störung der Emotionsregulation, als Versuch, schmerzhafte, desintegrierte affektive Zustände zu modulieren, als Bewältigungsversuche, mit diesen Problemen fertig zu werden.
Linehan geht davon aus, dass Borderline-Patienten zwischen vier Polen bewegen und hier in einer s tändigen Ambivalenz leben, da es ihnen nicht gelingt eine Synthese zwischen diesen Polen zu erzeugen.
Modell einer dialektisch-ambivalenten Identitätskonfusion bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen 18
Aktive Passivität:
Bezieht sich auf die bei Borderline-Individuen vorhandene Tendenz, an Probleme passiv und hilflos heranzugehen und unter extremer Belastung aktiv von der Umwelt Lösungen für dieses Problem einzufordern.
Scheinbare Kompetenz:
Ist der Gegenpol zur aktiven Passivität und bedeutet, dass Borderline-Persönlichkeiten leicht einen täuschend kompetenten Eindruck machen. Die Täuschung beruht darauf, dass die tatsächlich vorhandene Kompetenz der Betroffenen nicht über alle relevanten Situationen und insbesondere nicht über die verschiedenen Stimmungslagen hinweg generalisiert wird, sondern im Gegenteil extremen Schwankungen unterworfen ist.
18 vlg. Flieder, Persönlichkeitsstörungen (1995) S. 236
11
Permanente Krise:
Kennzeichnet eine scheinbar nie endende persönliche Krise der Borderline-Patienten. Diese Krise ist das Resultat des Misslingens eines synthetisierenden Überwindens innerer Ambivalenzen und Wiedersprüche. Das Krisenerleben und Krisenhandeln der Betroffenen läuft damit zumeist jeder Erwartung zuwider.
Gehemmte Trauer:
Kennzeichnet die Spannung, die ihren Ursprung in bisher stets misslungenen und damit fehlenden Lernerfahrungen im Umgang mit Krise, traumatischen Erfahrungen und insbesondere mit Verlusterlebnissen hat. Die betroffenen sind quasi permanent in interpersonellen Krisen in denen sie sich absolut überfordert fühlen.
In der Aufrechthaltung der Ambivalenz vermutet Linehan eine Sperre im Vorgang der Trauerarbeit, die so verhindert, dass Krisenereignisse und Krisenerfahrungen tatsächlich vollständig durchlebt werden müssen. So ist es jedoch nicht möglich dieses erlebte persönlich zu integrieren, wodurch die Ambivalenz aufrecht gehalten wird.
Die gesamte Ausrichtung der Therapie ist verhaltenstherapeutisch und bedingt ein gründliches Verständnis für Operante Lernmodelle und deren klinische Bedeutung. Dies beinhaltet die Prinzipien der Positiv- und Negativverstärkung, der intermittierenden Verstärkung des Verhaltens sowie Löschung und Bestrafung. Wann immer Verhaltensmuster zutage treten, die die Behandlungsziele des Patienten betreffen, so lautet die Grundfrage:
Was ist die Funktion des selbst schützenden Verhaltens, welche Ereignisse setzen die Kette von Emotionen und Kognitionen frei, die schließlich zu diesem Verhalten führen?" Weitere Fragen sind:
Was sind internale oder externale Konsequenzen, die das Verhalten verstärken und was trage ich als Therapeut unbeabsichtigterweise dazu bei, um dieses Verhalten zu verstärken?
Wie kann ich dieses Verhalten löschen und gleichzeitig adäquate Alternativen verstärken und ab welchem Punkt ist es notwendig, aversive Konsequenzen einzubeziehen?
Methoden wie Expositionsverfahren, kognitive Umstrukturierung, Problemlösetechniken und die Vermittlung von Fertigkeiten stellen zentrale Behandlungsverfahren dar.
Charakteristisch für diese Therapieform ist, daß volle Verständnis des Therapeuten für den Patienten. Auf empathische Weise sollte laut Lineham der Therapeut versuchen, die Ansichten des Patienten zurechtzurücken.
Die Hilfe besteht darin, dem Patienten eine effektivere und sozial akzeptablere Art des Umgangs mit seinen Alltagsproblemen zu finden und seine Emotionen und Ängste zu beherrschen.
12
9. Wirksamkeit der Therapie
Die Wirksamkeit wird von Linehan anhand von Studien belegt, von denen hier kurz eine exemplarisch vorgestellt werden soll.
1. Studie 19
Methode:
In einer ersten Studie verglich die Autorin 24 Probanden, die an einer ,,dialectical behavioral therapy (DBT)" teilgenommen haben mit einer aus 23 Probanden bestehenden Kontrollgruppe (treatment-as-usual, TAU). Die Probanden, welcher der Kontrollgruppe zugeteilt wurden, konnten an jeder in der Umgebung angebotenen Therapieform teilnehmen, mit Ausnahme natürlich der DBT.
Ergebnisse:
1. Im Vergleich zur TAU-Gruppe zeigte die DBT-Gruppe weniger parasuizidales Verhalten und Episoden zu jedem Meßzeitpunkt. Dies trotz des Ergebnisses, daß die DBT-Gruppe keine besseren Werte bei den selbstberichteten Befindlichkeitsmessungen aufwies. Dies betraf die selbst eingeschätzte Hoffnungslosigkeit, Sinn des Lebens und die Affinität suizidaler Gedanken.
2. Im Gegensatz zu der TAU-Gruppe und vielen anderen Studien wies die DBT durchgängig eine geringere Drop-out-Rate von lediglich 16.4% innerhalb eines Jahres auf (vgl. Seite 19), womit nahegelegt wird, daß diese Therapieform ein wesentliches Therapiehindernis bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen wenn auch nicht vollständig eliminiert, so doch wesentlich einschränkt.
3. Mit durchschnittlich 8.46 Behandlungstagen in stationär-psychiatrischen Einrichtungen lagen die Werte der DBT-Gruppe weit unter denen der TAU-Bedingung mit durchschnittlich 38.86 Tagen.
4. Die Probanden der DBT-Gruppe erhielten höhere Werte in bezug auf das ,,global adjustment" (Selbst- und Fremdbeurteilung).
5. Interessanterweise ergaben sich zwischen beiden Experimentalgruppen keinerlei Unterschiede hinsichtlich der selbst eingeschätzten Depressivität - ungeachtet dessen zeigte sich bei beiden Gruppen hier ein prä-post-Verbesserung. Im weiteren Bereich der Affektregulation erzielten die DBT-Probanden signifikant geringere Werte auf der ,,trait anger"- und ,,Anxiety"-Scale mit der weiteren Tendenz dieser Gruppe, sich in bezug auf eine Verbesserung der allgemeinen Impulskontrolle besser einzuschätzen, als die Kontrollgruppe (TAU).
6. Keinerlei Unterschiede zeigten sich zwischen den Gruppen bei der Eigenbewertung der Selbst- und Realitätswahrnehmung.
19 vgl. Linehan, M.M., Armstrong, H.E., Suarez, A., Allmon, D. & Heard, H.L. (1991). Cognitive-behavioral treatment of chronically parasuical borderline patients. Arch Gen Psychiatry, 48, 1060- 1064.
13
11. Schlusswort
Für mich ist das Thema „Borderline“ ein Gebiet mit unendlich vielen Facetten und es ist mir manchmal nicht einfach gefallen diese Vielseitigkeit in den begrenzten Rahmen einer Hausarbeit zu fassen. Zu der theoretischen Seite dieses Thema konnte ich in den letzten Monaten auch praktische Erfahrungen mit der Erkrankung Borderline machen, da ich in der Aids-Hilfe Münster ehernamtlich arbeite und dort einen HIV-positiven Mann betreue, der an dieser Form der Persönlichkeitsstörung leidet. So habe ich selber merken können, wie zahlreich die Erscheinungsbilder dieser Krankheit sind, wie unterschiedlich ein Mensch in ähnlichen Situationen reagieren kann und wie sehr er selbst unter diesem Krankheitsbild leidet. Für die Psychologie ist das Thema Persönlichkeitsstörung eine absolute Herausforderung, da es trotz Studien und zahlreicher Behandlungsmethoden noch viele offene Fragen gibt. Aus Gesprächen mit einer guten Bekannten von mir, die Diplom Psychologin ist, habe ich erfahren wie schwierig die Therapie mit Borderline-Patienten ist. Sie erfordert einen langen Zeitraum und viel Engagement des Therapeuten verbunden mit einer hohen Frustrationstoleranz.
14
Literaturverzeichnis
Peter Fiedler, Persönlichkeitsstörungen, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, 1995, Psychologie Verlags Union, Weinheim
Linehan, M.M., Armstrong, H.E., Suarez, A., Allmon, D. & Heard, H.L. 1991. Cognitive-behavioral treatment of chronically parasuical borderline patients. Arch Gen Psychiatry, 48, 1060-1064.
Joachim Gneist, Wenn Haß und Liebe sich umarmen; Das Borderline Syndrom, 2. Auflage, 1998, Piper Verlag GmbH, München
Ewald Rahn, Boderline; Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige, 2. Auflage, 2001, Psychiatrie-Verlag gGmbH, Bonn
Christa Rohde-Dachser, Das Borderline-Syndrom, Geleitwort von R. Battegay, 4. Auflage, 1991, Hans Huber Verlag, Bern Stuttgart Toronto
Berit Andres, Ich heiße Berit und habe eine Boderline Störung, 3. Auflage, 2001, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich
James F. Masterson, Psychotherapie bei Boderline-Patienten, 1980, Klett-Cotta, Stuttgart
IDC-10 Kapitel V(F) der WHO (1993) 2. Auflage
Arbeit zitieren:
Stefan Gesmann, 2003, Borderline-Persönlichkeitsstörung, München, GRIN Verlag GmbH
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