Inhaltsverzeichnis
1 Hartmanns Iwein 3
1.1 Biographisches und zeitliche Einteilung 3
1.2 Inhalt und Intention 3
1.3 Minne und das h ofische Modell im ,,Iwein 4
1.3.1 Hartmann, der Hof und die Minne 5
2 Liebe, Ehe und Tugenden im Mittelalter 7
2.1 Laudine, wˆ ıp und k unegin 7
2.1.1 Laudines Eheverst andnis 10
2.1.2 Iweins Treuebruch und Laudines Problematik 12
2.2 M annerblicke oder Iwein und die Minne 14
2.3 ,,Des Weibes Art und Tugenden 16
3 Zeit der Frauen? 19
4 Literaturverzeichnis 21
4.1 Prim arliteratur 21
4.2 Sekund arliteratur 21
2
1 Hartmanns Iwein
1.1 Biographisches und zeitliche Einteilung
Da es weder eine urkundliche Erw¨ ahnung noch außerliterarische Quellen gibt, kann Hartmann von Aues Leben und Werk nicht pr¨ azise eingeteilt werden. Die Lebensdaten belaufen sich auf den Zeitraum von etwa 1160/70-1210. ,,Iwein” ist Hartmann von Aues letztes Werk. Da es in Wolfram von Eschenbachs ,,Parzival” erw¨ ahnt wird, das nach 1205 geschrieben wurde, siedelt man den ,,Iwein” um 1200 an.
Vorbild f¨ ur Hartmanns ,,Iwein” ist Cretien de Troyes ,,Ywain”. Die Geschichte des Iwein bildet die klassische Form des mittelalterlichen Versromans in Frankreich und Deutschland, d.h. die Hervorhebung des Avent¨ urenweges eines bisher kaum bekannten Ritters am Artushof (wie. z.B. ,,Erec”, ,,Parzival”, etc.).
1.2 Inhalt und Intention
Wie schon in anderen Werken von Hartmann von Aue geht es auch hier um den L¨ auterungs- bzw. Selbstfindungsprozeß des Helden. Am vermeintlichen H¨ ohepunkt im Leben des Protagonisten f¨ allt er in eine Sinnkrise und muß zun¨ achst alles wieder verlieren. So auch Iwein. Schon kurz nach der Hochzeit mit Laudine steht er zwischen zwei Wertesystemen - auf der einen Seite steht der Artushof, der ˆ ere, rˆ ıterschaft und ˆ aventuire verk¨ orpert, auf der anderen Seite der Laudinehof, der f¨ ur minne und die Pflichten eines Ehemanns und Grundherren, den wirt, steht.
Die Frage, die sich in dieser Arbeit stellt, geht weg vom eigentlichen Helden
3
Iwein und besch¨ aftigt sich mit der Rolle der Frau bzw. mit dem Frauenbild innerhalb des Romans und w¨ ahrend des Mittelalters. Was davon ist Dichtung und wieviel davon spiegelt das wirkliche Leben der Frauen dieser Zeit wieder?
Die Forschung ist sich einig, daß es sehr schwer ist, sich ein Bild der Frau im Mittelalter zu schaffen, da Frauen, wenn ¨ uberhaupt, oft in einem klerikalen
Kontext (und somit negativ oder verkl¨ art) erw¨ ahnt wurden. Sich ausschließlich auf die Darstellung von Frauen in der Dichtung zu berufen ist in soweit fragw¨ urdig, da hier oft eine Idealisierung der Frau stattfindet und die Texte meist von M¨ annern f¨ ur M¨ anner geschrieben wurden und diese auch oft zur puren Unterhaltung, was der ,,Wahrheitsfindung” nicht unbedingt dienlich ist. Die h¨ ofische Epik und so auch ,,Iwein” gew¨ ahrt lediglich einen Einblick in die feudale Oberschicht. Da es keine eindeutigen Quellen gibt, bleibt die Frage offen, wie die Frauen selbst ihr Leben und ihre Rolle empfunden haben — aber man kann den Versuch machen den Status der Frau zu erahnen, indem man epische, symbolische, rechtliche und geschichtliche Aspekte heranzieht.
1.3 Minne und das h¨ ofische Modell im ,,Iwein”
Das Grundprinzip des h¨ ofischen Modells ist recht simpel: Im Mittelpunkt steht eine Dame, die verehrt wird. Oft handelt es sich auch um verheiratete Damen des Hofes, deren Gunst die Junggesellen erlangen wollen. Meist versteht man unter Minne die fleischliche Begierde. Die Dame ist die Herrin des Hauses und der Junggeselle ordnet sich ihr als treuer Vasall unter. Er gibt sich ihr sozusagen als Geschenk und wird ihr Leibeigener. Sp¨ ater wird die Minne jedoch zum Vorspiel der Ehe.
4
1.3.1 Hartmann, der Hof und die Minne
Die Auseinandersetzung mit der Minne ist bei Hartmann vor allem die Aus-einandersetzung mit dem Verh¨ altnis zwischen Mann und Frau. ,,F¨ ur Hartmann aber (und nach ihm f¨ ur Wolfram) ist die eheliche Liebe die eigentliche ,,hohe Minne”. Nicht unerf¨ ullte Sehnsucht, sondern Konflikt und Beziehung zwischen Mann und Frau sind es, welche sittigend und erzieherisch wirken.” 1 So ist Hartmanns ,,Iwein” nicht nur die Skizzierung des h¨ ofischen Modells, sondern das Idealbild einer Beziehung zwischen Mann und Frau, das sich gegenseitig bedingt, lenkt und erzieht. Und er beschreibt immer wieder die Tugenden, die Frau und Ritter haben sollten.
in liebte hof und den lˆ ıp manec maget unde wˆ ıp, die schœnsten von den rˆ ıchen. 2
M¨ anner und Frauen, die sch¨ onsten aus den ganzen L¨ andern, machten den Hof und das Leben freundlich
[...]dise sprˆ achen wider diu wˆ ıp, dise banecten den lˆ ıp, dise tanzten, dise sungen,
dise liefen,dise sprungen,dise hˆ orten seitspil,[...] 3
1 Eva-Maria Carne: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue, S.7
2 Iwein,V 45-47
3 Ebenda, V 65-69
5
die einen sprachen mit den Frauen, andere tummelten umher, die einen tanzten, andere sangen, diese liefen, jene sprangen, andere lauschten dem saitenspiel,[...]
Betrachtet man diese Beschreibungen, so liegt es nahe, zu glauben, daß es den Frauen (zumindest den Edelfrauen) recht gut geht und sie durch Ablehnen oder Annehmen der Minnewerbung eine gewisse Macht besitzen. Im allt¨ aglichen Leben jedoch ist die Geringsch¨ atzung der Frau und Gewalt nicht un¨ ublich. Zumindest jedoch entwickelt sich durch das h¨ ofische Modell eine ¨ Achtung von gewaltsamer Eroberung, sprich Vergewaltigung. Stattdessen wird die Werbung reglementiert und in Etappen des Hofierens eingeteilt. Doch hatte eine Edelfrau die freie Wahl? Waren Liebesheiraten m¨ oglich? Ehe bedeutete nicht gleich Liebe, schloß sie aber auch nicht aus. Im 11. und 12.Jahrhundert liegt die Kontrolle der Ehe immer mehr in der Hand der Kirche. Auch sie bestimmt den Zweck und Wert der Ehe. Ihr alleiniger Zweck liegt in der Sicherung der Nachkommen, und sie ist ein Sakrament, dem man Treue leistet. Dennoch gilt, zumindest theoretisch, das Prinzip des gegenseitigen Einverst¨ andnisses und sie ist grunds¨ atzlich auch unaufl¨ oslich. Die Praxis sah nat¨ urlich oft anders aus. ,,Bei den Adelsgeschlechtern standen die Kinder, vor allem die M¨ adchen, im Dienste der Macht und des Reichtums. Endogamie, Verstoßung (meist wegen Unfruchtbarkeit der Frau) und Wiederverheiratung begr¨ undete hier eine ,,fortw¨ ahrende Polygamie”, die im Interesse der Erbfolge strategisch eingesetzt wurde.” 4
4 Georges Duby: Geschichte der Frauen, S.226
6
2 Liebe, Ehe und Tugenden im Mittelalter
2.1 Laudine, wˆ ıp und k¨ unegin
Doch wie sieht die Ehe nun aus und was bedeutet Liebe im Mittelalter? Welche Rolle spielt die Frau, welche Rechte und Pflichten hat sie? Welche Rolle spielt Laudine als K¨ onigin und Frau? Fragen, die nicht nur der Text, sondern auch andere Belege beantworten sollen. Nachdem Iwein Laudines Mann erschlagen hat, wird er in Gefangenschaft Zeuge Ihrer Trauer.
ezn dorfte nie wˆ ıbe leider ze dirre werlte geschehen: wand sˆ ı muose tˆ oten sehen einen den liebesten man den wˆ ıp ze liebe ie gewan. ezn m¨ ohte nimmer dehein wˆ ıp gelegen an ir selber lˆ ıp von clage selhe swære, der niht ernest wære. ez erzeicten ir gebærde ir herzen beswærde an dem lˆ ıbe und an der stimme. 5
nie konnte ein solches Leid einer Frau auf dieser Welt geschehen: denn sie mußte den tot sehen,
5 Iwein, V 1312-1323
7
der der liebste Mann war, den eine Frau je liebte. Nie mag irgendeine Frau ihrem eigenem Leib vor Jammer solches Leid antun, der es nicht ernst w¨ are. Ihr Verhalten zeigte den Kummer ihres Herzens an ihrem Leib und ihrer Stimme
waz sol ich, swenne ich dˆ ın enbir? waz sol mir guot unde lˆ ıp? waz sol ich unsælic wˆ ıp? ouwˆ e daz ich ie wart geborn! ouwˆ e wie hˆ an ich dich verlorn? ouwˆ e trˆ utgeselle. 6
Was soll ich, wenn ich dich entbehren muß? Was nutzen mir Besitz und Leben? Was soll ich unselige Frau tun? Ach, daß ich je geboren wurde! Ach, warum hab ich dich verloren? Ach, Geliebter.
Laudines Trauer scheint echt, somit war sie ihrem Mann nicht nur rechtlich, sondern auch emotional verbunden. Insofern war ihr die Zweckehe fremd. Doch mit dem Tod ihres Mannes stellt sich ihr ein Problem. Sie ist nun Witwe und ihr Land ist ohne Schutz. Als wip m¨ ochte sie sich ganz ihrem Schmerz
8
und ihrer Trauer um Ascalon widmen, doch als landesvrouwe und k¨ unegin hat sie die Pflicht f¨ ur die Verteidigung ihres Reiches zu sorgen. ,,Die Stellung der hochadligen Frau war in politischer Hinsicht also problematisch. Im allgemeinen war sie nicht lehensf¨ ahig, da man bei der Definition des Lehens die Verpflichtung zum Waffendienst mitverstand, den die Frau nicht leisten konnte.” 7
der weiz wol, ob mˆ ın lant mit mir bevridet wære, daz ich benamen enbære. 8
Der weiß wohl, wenn mein Land durch mich alleine besch¨ utzt w¨ are daß ich darauf verzichten w¨ urde.
Zun¨ achst reagiert Laudine als Frau. Sie will trauern und nichts von einer erneuten Heirat wissen. Erst durch den Rat ihrer Zofe Lunete wird sie sich uber ihre Situation bewußt. Diese r¨ at ihr sich schnell einen neuen Mann zu ¨
suchen. Außerdem eilt es, da sich Artus und seine Ritter schon ank¨ undigen. Laudine ist gezwungen alles Pers¨ onliche zun¨ achst zur¨ uckzustellen. Und Lunete tut alles, um sie darauf vorzubereiten.
ez ist wˆ ıplich daz ir claget, und muget ouch ze vil clagen. uns ist ein vrumer herre erslagen: nˆ u mac iuch got wol stiuren mit einem alsˆ o tiuren. 9
7 Volker Mertens: Laudine, S.30
8 Iwein, V 1904-1906
9 Ebenda, V 1800-1804
9
Es geziemt einer Frau, daß ihr klagt, doch k¨ onnt ihr zu viel klagen. Ein tapferer Mann wurde uns erschlagen: nun mag euch Gott wohl unterst¨ utzen mit einem ebenso teuren.
2.1.1 Laudines Eheverst¨ andnis
Da Laudine eine Zweckehe zuwider ist, versucht sie, zumindest den M¨ order ihres Mannes im besten Licht stehen zu lassen, was soweit geht, daß sie sich einredet, daß Iwein ihren Mann aus Notwehr erschlagen hat. Hierdurch enthebt sie ihn jeglicher Schuld und kann ihn als edlen und tapferen Ritter betrachten.
ouch stˆ at unschulde dˆ a bˆ ı, der ez rehte wil verstˆ a: er hˆ at ez werende getˆ an. mˆ ın herre wolt in hˆ an erslagen:[...] 10
und doch stand auch die Unschuld dabei, der es recht verstehen will: er hat es in Notwehr getan. Mein Herr wollte ihn erschlagen:[...]
daz er in sluoc, des gie im nˆ ot’. Sus brˆ ahte siz in ir muote ze suone und ze guote,
10 Ebenda, V 2042-2045
10
und mahte in unschult wider sˆ ı. 11
Daß er ihn erschlug, geschah unter Zwang’. so erkl¨ arte sie es sich selbst in ihrem Geist zur Vers¨ ohnung und zum Guten, und enthob ihn ihr gegen¨ uber der Schuld.
In den weiteren Versen spricht Hartmann von der Minne, die Laudine nun auch bef¨ allt. Jedoch ist hier mit Minne nicht die Liebe oder die Leidenschaft gemeint, sondern sie tritt hier als ,,rehtiu s¨ uenærinne”, als Vers¨ ohnerin zwischen Mann und Frau auf. Als zuk¨ unftigen Ehemann erwartet sie von ihm triuwe, d. h. seine absolute Ergebenheit und Zuverl¨ assigkeit. Weiterhin sucht sie einen Mann, der geburt, jugent, tugent und vr¨ umekheit besitzt. ¨ Uber all
dies verf¨ ugt sie selbst und erwartet somit einen Mann, der ihr ebenb¨ urtig ist. Als Lunete ihr den Namen des Ritters nennt, stimmt sie zu und beschließt, ihn zu heiraten, jedoch nicht ohne Einberufung eines Rates, der zustimmen muß. Als Iwein vor ihr steht macht sie ihm unmißverst¨ andlich klar, welche Beweggr¨ unde sie hat, ihn zu heiraten und wirbt aus ihrer Zwangslage heraus selbst um ihn. Dies ist sehr mutig f¨ ur eine Frau ihrer Zeit, denn Hartmann dreht hier die Minneregeln zwischen Mann und Frau einfach um. Andererseits gesteht sie ihm keineswegs ihre Liebe, sondern bittet ihn um eine Zweckheirat.
[...]ˆ e ich iuwer enbære, ich bræche ˆ e der wˆ ıbe site: swie selten wˆ ıp mannes bite, ich bæte iuwer ˆ e
11
[...]ehe ich euch entbehren muß, breche ich lieber die weibliche Sitte: obgleich selten eine Frau um einen Mann warb, bitte ich doch um euch.
2.1.2 Iweins Treuebruch und Laudines Problematik
Laudine sieht die Ehe zun¨ achst als einen Rechtsvertrag, und geht davon aus, daß Iwein dies auch so sieht. Als er sie nach der Hochzeit bittet, ihn f¨ ur ein Jahr ziehen zu lassen, um sich ritterlichen Turnieren zu widmen, stimmt sie schweren Herzens zu.
Sie gibt ihm ein Jahr und einen Tag Zeit und ermahnt ihn, diesen Termin nicht verstreichen zu lassen.
ouch swuor sˆ ı des, zewˆ are, und bleiber iht v¨ urbaz, ez wære iemer ir haz. ouch swuor er, des in diu liebe twanc,[...] 12
Auch schwor sie dies, und bleibe er l¨ anger, so w¨ urde sie ihn ewig hassen. Auch er schwor, da ihn die Liebe zwang,[...]
unde lˆ at diz vingerlˆ ın einen geziuc der rede sˆ ın 13
12 Ebenda, V 2926-2929
13 Ebenda, V 2945-2946
12
Und laßt diesen Ring Zeuge dieser Rede sein.
Iwein vers¨ aumt die Jahresfrist und macht sich somit eines Rechtsbruchs schuldig — er bricht den Eid, den er Laudine schwor.
[...] daz er der jˆ arzal vergaz und sˆ ın gel¨ ubede versaz,[...] 14
[...]daß er die Jahresfrist vergaß und sein Gel¨ ubde brach,[...]
Dieser Rechtsbruch muß Konsequenzen haben. Laudine stellt ihn vor Artus’ Hof ¨ offentlich als Verr¨ ater hin, und bezichtigt ihn der Untreue. Sie l¨ ost die Ehe offiziell auf, und schickt ihm ihren Ring zur¨ uck. Sie trennt sich von ihm. Mit den ihr gegebenen Mitteln als Frau und Herrscherin wehrt sie sich vehement gegen solch eine Untreue. ,,Die Gestalt der Laudine als einer selbst¨ andigen und machtbewußten Herrscherin, die gleichwohl auf m¨ annliche Hilfe angewiesen ist, um ihre Herrschaft zu erhalten, hat im Anschluß an die historisch-sozialhistorischen Deutungen mit Recht Aufmerksamkeit erregt.” 15
ouch sulnt ir v¨ ur dise vrist mˆ ıner vrouwen entwesen: sˆ ı wil ouch ˆ ane iuch genesen. und sendet ir wider ir vingerlˆ ın daz ensol niht langer sˆ ın an einer ungetriuwen hant:[...] 16
14 Ebenda, V 3055-3056
15 Iwein, Hrsg. Walter de Gruyter, S.167
16 Ebenda, V 3190-3195
13
Auch sollt ihr f¨ ur alle Zeit ohne meine Herrin sein: sie wird sich auch ohne euch wohl befinden. Und sendet euch ihren Ring wieder damit er nicht l¨ anger sei an einer untreuen Hand:[...]
Hier zeigt sich auch deutlich das Mißverst¨ andnis zwischen Laudine und Iwein. W¨ ahrend Iwein den vorher erhaltenen Ring als Minnepfand ansieht, ist das f¨ ur Laudine das Einverst¨ andnis, f¨ ur sein Land Verantwortung zu ¨ ubernehmen.
Dabei war der Ring im Mittelalter immer wieder ein Zeichen der weltlichen Herrschaft. ,,Iwein ist herre, daran soll ihn der Ring gemahnen[...]. Laudine f¨ urchtet anscheinend gar nicht, mißverstanden zu werden. Sie mußte glauben, er w¨ ußte, daß sie eine standesgem¨ aße, politisch motivierte Ehe eingegangen war, bei der die erwachte Minne eine nicht gerade erwartete angenehme Zugabe darstellte.” 17
2.2 M¨ annerblicke oder Iwein und die Minne
Als Iwein Laudine erblickt, ist er ganz bet¨ ort von ihrer Sch¨ onheit. Es ist ein Gef¨ uhl, das ¨ uber ihn kommt — es ist die Minne, die ihn bef¨ allt und ihm die Sinne raubt.
ouwˆ e waz hˆ at ir getˆ an ir antl¨ utze unde ir schœniu lich, der ich nie niht sach gelˆ ıch? ichn weiz waz sˆ ı zewˆ are
17 Volker Mertens: Laudine, S. 19
14
an ir goltvarwem hˆ are an ir selber richet, daz sˆ ı den lˆ ıp zerbrichet. 18
Ach, was haben sie ihr getan ihr Antlitz und ihr sch¨ oner Leib dergleichen sah ich noch nie? Ich weiß nicht, was sie an ihrem goldfarbenen Haar und an sich selbst bestraft daß sie ihren K¨ orper verletzt
F¨ ur ihn ist sie das Idealbild einer Frau: ,,[...]ez ist ein engel und niht ein wˆ ıp.” 19 ruft er, als er sie erblickt. Diese Idealisierung und ¨ Uberh¨ ohung alles Weiblichen ist typisch in der Literatur dieser Zeit.
Neben der Idealisierung der Frau im h¨ ofischen Modell entwickelt sich in dieser Zeit auch ein ausgepr¨ agter Marienkult. Es wird davon ausgegangen, daß beides nicht einfach nebeneinander existierte, sondern sich gegenseitig immer wieder beeinflußte und best¨ atigte. ,,Die Frau und Maria sind jeweils die adlig-h¨ ofische herrin, der man treu dient, um schließlich Lohn zu empfangen. Beide werden sie gepriesen, und zwar sowohl ob ihrer Tugenden als auch wegen ihrer Sch¨ onheit, und nicht zuletzt wegen ihrer Vollkommenheit.” 20
nˆ u habent ir schœne unde jugent,
18 Iwein, V 1668-1674
19 Ebenda, V 1690
20 Waltraud Fritsch-R¨ oßler: Helene Denning in Frauenblicke, M¨ annerblicke, Frauenzimmer, S. 166
15
geburt rˆ ıcheit unde tugent und muget einen alsˆ o biderben man wol gewinnen, obsiu got gan. 21
nun besitzt ihr doch Sch¨ onheit und Jugend, gute Herkunft und Tugend und k¨ onnt einen ebenso angesehen Mann durchaus gewinnen, wenn es sich durch Gott begibt.
”Die Anbetung der irdischen Herrin, die Steigerung der Minne ins Transzendente und die mystisch-religi¨ ose Sprache, in welcher das Gef¨ uhl Ausdruck fand, sind auf die christliche Durchdringung des mittelalterlichen Denkens und Empfinden zur¨ uckzuf¨ uhren.” 22
2.3 ,,Des Weibes Art und Tugenden”
Eine der Tugenden, die eine Frau besitzen soll, ist die Sch¨ onheit. Diese Tatsache hat nicht nur einen ¨ außerlichen Aspekt, sondern man geht im Mittelalter davon aus, die innere Tugendhaftigkeit einer Frau manifestiere sich in ihrer Sch¨ onheit. Andererseits kann die Sch¨ onheit auch immer wieder eine Gefahr f¨ ur die Frau bedeuten, da die Annahme verbreitet war, daß sich der Teufel oft auch in Gestalt einer sch¨ onen Frau zeige. Die Hauptthesen, die sich in Bezug auf Frauen aus dem aristotelischen Denken und (m¨ annlichen) Auslegungen von Bibeltexten ergeben und im Mittelalter Anerkennung finden sind folgende:
1. Frauen sind von Geburt an minderwertiger als M¨ anner
21 Iwein, V 1925-1928
22 Eva-Maria Carne: Frauengestalten bei Hartmann von Aue, S. 26
16
2. Aufgrund dieser Minderwertigkeit sind sie nicht f¨ ahig ihren Verstand so zu benutzen wie M¨ anner
3. Frauen sind leicht verf¨ uhrbar oder selbst Verf¨ uhrerinnen, weshalb sie unter die Aufsicht eines Ehemannes gestellt werden m¨ ussen.
,,Frau erliege leicht ihrer Sinnlichkeit, ihr Geist sei schwach, ihre Reinheit st¨ andig bedroht. Es sei am Ehemann sie zu beherrschen, so der Bischof Ivo von Chartres[...]” 23
Die ,,positiven” Tugenden, die man Frauen zugesteht, sind die der Mutterschaft und der ,,weiblichen Milde und G¨ ute”. Letzteres wird auch immer wieder in Hartmanns Werken betont. Demnach steht die allgemeine Geringsch¨ atzung der Frau im krassen Gegensatz zur Idealisierung im h¨ ofischen Modell umd im Marienkult. Aber vielleicht mußte aus dem einen Extrem das andere irgendwann folgen.
W¨ ahrend Laudine die Tugenden jugent, tugent, geburt und schœnheit vertritt, fehlt es ihr jedoch meist an der ,,weiblichen Milde” und der rehten g¨ uete. F¨ ur diese Tugenden stehen andere Frauengestalten im Iwein, wie z. B. ihre Zofe Lunete. Obwohl Iwein ihren Herren erschl¨ agt, vergißt sie nicht, daß er ihr einmal geholfen hat und revanchiert sich bei ihm.
swie leide ir mir habt getˆ an, ichn bin iu doch niht gehaz, [...] 24
wie sehr ihr mir auch Leid angetan habt so bin ich doch nicht voll Haß gegen euch[...]
23 Georges Duby: Geschichte der Frauen, S. 226
24 Iwein, V 1178-1180
17
also het ich ˆ uf geleit,
ichn wære ir gruozes niht sˆ o wol wert, als man dˆ a ze huove gert: ich weiz wol, des engalt ich. herre, do gruoztet ir mich, und ouch dˆ a nieman mˆ ere. do erbutet ir mir die ˆ ere der ich iu hie lˆ onen sol. 25
Also benahm ich mich so, daß ich ihres Grußes nicht so wert war, als man es am Hof verlangt: ich weiß wohl, daß ich daf¨ ur b¨ ußen mußte. Herr, ihr habt mich gegr¨ ußt, und sonst keiner. Da gabt ihr mir die Ehre, die sich heute f¨ ur euch lohnen soll.
Laudine hingegen zeigt andere Tugenden. Sie ist selbstbewußt und stolz, weshalb Iwein letztlich viele Abenteuer bestehen muß, um sie zur¨ uckzugewinnen. ,,Laudine ist somit auch alles andere als eine ,,Minneherrin”: als solche w¨ urde sie den Ritter fern der Realit¨ at in ihren Bann ziehen, Laudine jedoch st¨ oßt Iwein in die Wirklichkeit.” 26 Und doch f¨ allt sie am Ende auf die Knie vor Iwein, um ihn f¨ ur ihre H¨ arte um Verzeihung zu bitten. Dies scheint zun¨ achst ubertrieben im Gegensatz zu ihrer grunds¨ atzlichen Haltung und doch scheint ¨
es f¨ ur Hartmann wichtig gewesen zu sein, daß auch die Heldin etwas ,,lernt”
25 Ebenda, V 1190-1197
26 Iwein, Walter de Gruyter, S. 168
18
bzw. ihr Herz f¨ ur ihn wiederentdeckt, so wie er das Verh¨ altnis zwischen Mann und Frau sehen will, die sich gegenseitig lenken und erziehen. Sie f¨ allt als Frau vor ihm zu F¨ ußen, nicht als K¨ onigin. Als Frau schien sie nicht an seiner Liebe zu zweifeln, jedoch mußte sie ihn als K¨ onigin verstoßen.
dˆ a mite viel sˆ ı an sˆ ınen vuoz und bat in harte verre. ’stat ˆ uf, ‘sprach der herre, ’irn habt deheine schulde: wan ich het iuwer hulde niuwan durch mˆ ınen muot verlorn’. 27
Da fiel sie ihm zu F¨ ußen und bat ihn so sehr. ’Steht auf’,sagte der Herr, Euch trifft keine Schuld: Denn ich hatte eure Huld nur durch meine Gesinnung verloren.
3 Zeit der Frauen?
Die Epoche, in der Hartmann von Aue lebte, war auch die Zeit von Frauen wie der adeligen ¨ Abtissin des Hochmittelalters Hildegard von Bingen und der Begine Mechthild von Magdeburg, die schon Jahrzehnte zuvor ein selbstbewußtes Frauenbild zu leben versuchten. Inwieweit war wohl ein Mann jener Zeit beeinflußt von solchen Bildern in unmittelbarer N¨ ahe? Von Frauen die
27 Iwein, V 8130-8135
19
Kl¨ oster gr¨ undeten, die schrieben und einen Anspruch auf ihren eigenen Wert als Menschen innerhalb der damaligen Gesellschaft erhoben? Die allein herrschende Religion im Mittelalter war das Christentum. ,,Den Frauen gestand es allein zwei Wege zu ihrem ,,Seelenheil” zu: die Ehe und Mutterschaft oder die Jungfr¨ aulichkeit.” 28 Mit Laudine als Protagonistin w¨ ahlt er eine Herrscherin, die eine zentrale Rolle im Leben des Iwein spielt. Erst durch sie wird er zu einer Pers¨ onlichkeit, die Verantwortung ¨ ubernimmt und heranreift. Und doch
ist es nicht die Geschichte einer Frau sondern eines Mannes. Im Gegensatz zu Iwein scheinen die Beschreibungen der Person Laudine recht eindimensional, jedoch f¨ ur jene Zeit recht vers¨ ohnlich. Und doch waren die M¨ oglichkeiten von Frauen sich selbst zu entfalten recht gering und wurden gerade Anfang des 13. Jahrhunderts wieder geringer, da die Bildung Domschulen und Universit¨ aten ubertragen wurden, zu denen Frauen keinen Zugang hatten, wodurch das ¨
Bildungsniveau der Nonnen wieder drastisch sank. Und es sollte noch viele Jahrhunderte dauern bis die ersten Schritte zu einer Gleichberechtigung von Mann und Frau gewagt wurden. Und wie man sieht dauert die Umsetzung bis heute an.
28 Magie, Matriarchat und Marienkult, Karin Gaube, Alexander von Pechmann, S. 52
20
4 Literaturverzeichnis
4.1 Prim¨ arliteratur
von Aue, Hartmann: Iwein. Hrsg. Walter de Gruyter. Berlin/NewYork 2001
4.2 Sekund¨ arliteratur
Carne, Eva-Maria: Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Marburg 1970. Duby, Georges/Perrot, Michele: Geschichte der Frauen. Band 2 Mittelalter. 1997.
Fritsch-R¨ oßler, Waltraud: Helene Denning in: Frauenblicke, M¨ annerblicke, Frauenzimmer: Studien zu Blick, Geschlecht und Raum. St. Ingbert 2002. Gaube, Alexander von Pechmann: Magie, Pariarchat und Marienkult. Hamburg 1986
Mertens, Volker: Laudine Soziale Problematik im Iwein von Hartmann von Aue. Berlin 1978
21
Arbeit zitieren:
Miriam Oberle, 2001, Das Leben der Frau und Frauenbilder im Mittelalter am Beispiel des ,,Iwein" von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag GmbH
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