Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 2
1. Einleitung
Die Komposittion ist Teil des Wortbildungsverfahren, das in jeder Sprache unterschiedlich häufig gebraucht wird. Jede Sprache bildet im Laufe des Sprachgebrauchs neue Worte. Die Wortbildungskapazität ist unbegrenzt. Doch dabei sollte man beachten, dass, wie Berschin bemerkt, “nur wenige individuelle Wortschöpfungen von der Sprachgemeinschaft übernommen werden, die meisten bleiben Gelegenheitsbildungen, deren kommunikative Reichweite über das Hier und Jetzt einer Sprechsituation nicht hinausreicht” 1 . Die Bedeutung einer Wortbildung läßt sich aus der Bedeutung ihrer Konstituenten ableiten - ansonsten wäre das Wort unverständlich. Die semantische Motivation in Wörtern wie ahistórico, veintitrés ist durchsichtig, in quitasol, altavoz nach Berschin teildurchsichtig (wobei ich persönlich diese Motivation noch immer sehr durchsichtig finde). Im Laufe der Sprachentwicklung geht die Motivation aber häufig zurück, und ursprünglich motivierte Bildungen werden für heutige Sprecher undurchsichtig. So z.B. porvenir < por venir oder gelehrete Bildungen wie psicología < psico + logía. Auf diese gelehreten Bildungen will ich in dieser Hausarbeit jedoch nicht eingehen. Sie sind zwar tatsächlich wie Thiele bemerkt Komposita 2 , jedoch wie oben erwähnt nicht mehr für den heutigen Sprecher durchsichtig. In dieser Hausarbeit sollen nur solche Komposita Berücksichtigung finden, die heutzutage noch nachvollziehbar sind, oder sogar erst in neuerer Zeit gebildet wurden, also sogenannte Neologismen. Die europäischen Sprachen kennen zwei Wortbildungsverfahren, Komposition und Derrivation. Bei der Komposition werden mehrere Wörter zu einer Einheit verbunden (saca+corchos), bei der Derivation wird ein Grundwort durch Wortbildungsmorpheme modifiziert (centenar-ista, retro-turismo). In dieser Arbeit werde ich mich mich ausschließlich mit der Verb-Nomen-Komposition beschäftigen, da sie im Spanischen unter den seltenen Komposita noch die häufigste bildet. Doch auf die Effektivität dieser Komposita werde ich später eingehen.
1 Berschin, H./ Fernández-Seville, J./ Felixberger, J., Die Spanische Sprache. Verbreitung,
Gerschichte, Struktur, Ismaning, 1995, S.296
2 Thiele, J., Wortbildung der spanischen Gegenwartssprache, Leipzig, Berlin, München, 1992
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 3
2. Die Komposition
Die Komposition wird im Spanischen im Vergleich zum Deutschen nur wenig zur Wortbildung genutzt 3 . Komensiert wird dieses Defizit durch lexikalisierte Konstruktionen, insbesondere des Typ Subst.+Präp.+Subst. (libro de bolsillo). Nach Berschin nehmen Lexikalisierte Konstruktionen eine Mittelstellung zwischen Komposition und freier Wortgruppe ein, mit folgender Abgrenzungstendenz: Gegenüber der feien Wortgruppen bilden sie - wie die Komposition - eine nicht
trennbare morphosemantische Einheit. (un libro de bolsillo extraordinario bedeutet “ein außergewöhnliches Taschenbuch” nicht *”ein Buch außergewöhnlicher Tasche”. In der lexikalisierten Konstruktion kann kein weiteres Wort eingeschoben werden: *un libro extraordinario de bolsillo. Hingegen sind in der freien Wortgruppe, z.B. Libro de Pablo, die Konstituenten trennbar und getrennt modifizierbar: el libro de mi amigo Pablo, el libro extraordinario de mi amigo Pablo)
Die lexikalisierte Konstruktion besteht - wie die freie Wortgruppe - aus
phonetisch selbständigen Hauptkonstituenten in syntaktisch wohlgeformter Anordnung. Komposita hingegen bilden eine asyntaktische Wortkombination und/ oder eine phonetische Einheit.
Formal kann man nach der Art der Wortklassenkombination rund 20 Kompositionstypen im spanischen Wortschatz unterscheiden (siehe Tabelle 4 ). Die Mehrzahl der Kompositionstypen ist jedoch unproduktiv und umfasst nur wenige, häufig undurchsichtige Wörter. Die produktivsten unter ihnen sind die Substantivkomposita, unter ihnen speziell die Verb-Nomen-Komposita.
3 Berschin, H., Die Spanische Sprache, S. 297
4 ebenda
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 4
3. Das Verb-Nomen-Kompositum
In der Forschungsgeschichte der Verb-Nomen-Komposita lassen sich nach Rainer drei Höhepunkte ausmachen 5 : Der erste ensteht im ausgehenden 19. Jhdt. Hauptstreitpunkt war die Natur des Erstglieds. Bereits damals wurden alle Möglichkeiten erwogen, die noch heute im Gespräch sind: Imperativ, dritte Person Singular des Indikativ Präsens, Verbalthema und Nomen agentis. Zu dieser Zeit einigte man sich schließlich auf die Imperativhypothese. Die zweite Phase der Forschungsgeschichte ortet Rainer nach dem 2. Weltkrieg. In dieser Diskussion siegte wieder die Imperativhypothese, die Indikativhypothese blieb jedoch weiterhin durchaus populär. Der dritte Höhepunkt fällt in die letzten dreieinhalb Jahrzehnte und ist durch das synchrone Herangehen an das Problem gekennzeichnet. Doch nun sollen zuerst einmal die einzelnen Thesen der Erstkonstituente vorgestellt werden um sich anschließend ein Bild darüber machen zu können.
3.1Die Natur der ersten Konstituente
Aus dem Streit um die Natur des Erstkonstituenten ging also die Imperativhypothese hervor. Doch auch die anderen Thesen sollte man nicht vernachlässigen, zumal nicht nur Rainer stark daran zweifelt, dass die erste Konstituente synchron gesehen ein Imperativ ist.
Was die Bestimmung der Erstkonstituente erschwert, ist dass formal gesehen der Imperativ und der Indikativ der dritten Person singular identisch sind. Im Spanischen gibt es nur eine kleine Anzahl von Fällen, bei denen beiden Verbformen formunterschiedlich sind: di/ dice, haz/ hace, pon/ pone, sal/ sale, ten/ tiene, ven/ viene. Diese Schlüsselformen kommen jedoch nicht bzw. kaum in Komposita vor. Das einzige Beispiel das Rainer nennt, ist der Pflanzenname detienebuey, der für die Indikativhypothese spricht.
Das Hauptargument gegen die Imperativhypothese ist semantischer Natur: die Bedeutung der Komposita enthält normalerweise kein imperativisches Element. So wäre es z.B.schwer nachzuvollziehen, wem man bei quitasol den Befehl geben soll, die Sonne abzuschirmen. Hier zeigt sich auch ein weiteres Argument für die dritte Person Singular des Indikativ Präsens: Die habituelle Bedeutung des Kompositums kann als Folge des generischen Präsens gesehen werden. Ein friegaplatos ist jemand,
5 Rainer, F., Spanische Wortbildungslehre, Tübingen, 1993, S.265
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der berufsmäßig Teller wäscht und nicht jemand, der zu einem bestimmten Zeitpunkt ein paar Teller wäscht und schon gar nicht, weil ein Imperativ dahintersteht. Ebenso ist es auch bei quitasol. Dieser Sonnenschirm schützt in der Regel immer vor der Sonne und hier ist es klar, dass niemand einem Schirm befehlen kann vor der Sonne zu schützen (zumal das Wort “Schirm” in diesem spanischen Kompositum nicht einfließt. Es ist eine Zusammensetzung aus “wegnehmen” und “Sonne”. Es gibt hier also nicht einmal ein Nomen agentis. Doch darauf komme ich später zurück). Trotz der formalen Übereinstimmung der ersten Konstituente mit der dritten Person Singular des Indikativ Präsens und dem Imperativ sehen manche Forscher in dieser ersten Konstituente einen Verbstamm. Diese These ist semantischer Natur und besagt, dass die Flexionskategorien (Indikativ/ Imperativ) keine Rolle für die Bedeutung des Kompositums spielen. Wollte man das Kompositum semantisch erklären müsste bei der Pluralisierung auch der Indikativ der Erstkonstituenten pluralisiert werden, was es jedoch nicht wird: unos sacacorchos/ *unos sacancorchos. Rainer argumentiert jedoch dagegen, da Verb-Kongruenz im Spanischen nur durch syntaktische Subjekte ausgelöst wird, womit wir wieder bei obigem Argument wären, dass bei den Verb-Nomen-Komposita kein syntaktisches Subjekt vorhanden ist. Auch lässt sich hier nochmals erwähnen, dass der Imperativ ja habituell, also als generisches Präsens gebraucht wird. Zurück jedoch zur Verbstammthese: Die hiervon überzeugten Linguisten gehen also aus oben genannten Gründen davon aus, dass es sich bem Erstkonstituenten um einen Verbstamm handelt. Doch nicht nur das Argument, dass es sich beim Indikativ um ein generisches Präsens handelt gräbt der These das Wasser ab: Viel einleuchtender erscheint, dass bei den Komposita die Diphtongierung übernommen wird: desentieramuertos, calientapúblico, cuentarrevoluciones, quiebraquilos. Eine Ausnahme bilden Vulgarismen: fregaplatos vulgär neben friegaplatos. Somit erscheint erwiesen, dass es sich hier nicht um einen Infinitiv -r handeln kann. Man kann sich also Alemany Bolufer anschließen, wenn er die Natur der ersten Konstituente als “tema verbal (...) tomando la forma de la tercera persona de singular 6 ” charakterisiert. Rainer fügt noch an, dass dies ähnlich wie bei den Adverben (z.B. claramente) verstanden werden muss. Diese haben sich im Lateinischen gebildet (clara + mente) und ihre Form ist heute nicht mehr von Bedeutung. So gilt claramente für maskulina wie für feminina. Die Form clara hat
6 Rainer, H. Spanische Wortbildungslehre, S.267
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 6
also nichts mit femininen Formen zu tun.
Die letzte These bezüglich der ersten Konstituente besagt, dass es sich hierbei um gar kein Verb, sondern um ein Substantiv handelt. Für die Verfechter dieser These ist die erste Konstituente ein Nomen agentis (bzw. instrumenti bzw. loci), das in ein linksköpfiges N-N-Kompositum eingeht (bei den N-N-Komposita unterscheidet man in links- und rechtsköpfige Komposita, je nach Position des Kopfes= das wichtigste Element im Kompositum. Im romanischen Sprach-gebrauch dominieren eher linksköpfige Komposita, während in den germanischen Sprachen das ausschlaggebende Element rechts steht: año luz vs Lichtjahr): [[alza]n [cristales]n]n. Über das Zustandekommen der Form der linken Konstituente gehen die Meinungen jedoch auseinander: während für Coseriu das Nomen agentis durch Unterdrückung der dadurch möglichen Suffixe reduziert wird und Zuffi und Varela es durch ein Nullsuffix ableiten, macht Manteca Alonso-Cortés keine präzisen Angaben über die interne Struktur der linken Konstituente 7 . Hier lässt sich jedoch wieder die Diphtongierung der ersten Konstituente anführen. Desweiteren gibt es im Spanischen kein linksköpfiges N-N-Kompositum, bei dem die rechte Konstituente ein Argument der linken wäre. Wenn der Kopf ein Nomen agentis ist, so wird das interne Argument immer durch die Präposition de eingeleitet, was somit eine Phrase und kein Kompositum ergibt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der Plural verschieden realisiert wird, nämlich bei den V-N-Komposita am Wortende (unos girasoles), bei nicht-lexikalisierten linksköpfigen N-N-Komposita am Erstglied (hombres-rana) oder an beiden Konstituenten (actores-bailarines). Schließlich haben beide Typen auch noch verschiedene Akzentmuster: N-N-Komposita haben im Normalfall zwei Hauptakzente, V-N-Komposita jedoch nur einen Hauptakzent auf der rechten Konstituente: hómbre-rána vs sacacórchos.
3.2Beschänkungen
Selbstverständlich unterliegt die Bildung von V-N-Komposita gewissen Beschränkungen. Was die verbale Konstituente betrifft, so ist ein Übergewicht von zweisilbigen Verben festzustellen. Diese Zahlen sind in sofern bemerkenswert, als im allgemeinen Wortschatz die dreisilbigen die häufigsten sind. Verständlicherweiße werden Komposita nur mit transitiven Verben und direkten
7 Rainer, H., Spanische Wortbildungslehre, S.267
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Objekten gebildet. Das Verb muss einen Agens als externes Argument und als internes Argument ein Thema haben. Die häufigsten Erstglieder sind: guarda-, mata-, porta-, saca-, salta-, tira-, corta-, pasa-, tapa-, rompe-, traga-, pica-, quita-, para-, torna-, caza-, lanza-, reposa-, cuenta-, limpia-, salva-. 8
3.3Genus
Generell lässt sich bei der Genuszuweisung folgendes feststellen: Personenbezeichnungen richten sich nach dem Sexus des Referenten, nicht des verwendeten Nomens: un cazafaldas vs una cazahombres. Selten gebrauchte Komposita werden meist maskulin gebraucht. Nach Bustos Gisbert ist die Movierungsbereitschaft in Lateinamerika stärker als auf der Halbinsel ausgeprägt. Leider gibt weder Rainer noch Thiele hierfür Beispiele und auch ich kann aufgrund fehlender Kontakte zu Lateinamerikanern keine Beispiele geben. Somit müssen wir einfach annehmen, dass Gisbert Recht hatte.
Bei den übrigen Komposita herrschen zwei Genuszuweisungsprinzipien vor. Einerseits ist das Maskulinum der Normalfall. Besonders im Bereich der Tier- und Pflanzennamen ist aber andererseits zu beobachten, dass das Kompositum das Genus des Oberbegriffs übernimmt, also feminin ist, wenn es der Oberbegriff (planta, flor, hormiga, o.ä.) ist. Wann genau dieses hyperonymische Genuszuweisungsprinzip greift, ist nicht vorhersagbar. Da Neubildungen im Bereich der Tier- und Pflanzennamen in der Allgemeinsprache sehr selten sind, bleibt die Unsicherheit. Man kann jedoch sagen, dass Neubildungen außerhalb des Bereichs der Personennamen, vor allem aber im Bereich der Objektnamen durchwegs maskulin sind. Feminina unter den usuellen Bildungen kann man in diesem Bereich als Ausnahmen ansehen, außer vielleicht im technischen Wortschatz, wo bei Komposita mit Erstglied porta- eine Tendenz zu beobachten ist, das Genus nach dem Genus des nominalen Zweitglieds zu richten: la portabureta, la portacinta, la portacorrea, u.ä 9 .
3.4Numerus
Bezüglich des Numerus sind zwei Probleme zu unterscheiden: die Pluralisierung des Gesamtkompositums und der Numerus des Zweitglieds.
Die Pluralisierung des Gesamtkompositums wird am Wortende angezeigt: un girasol/
8 Rainer, H, Spanische Wortbildungslehre, S.269
9 Rainer, H., Spanische Wortbildungslehre, S.271
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 8
unos girasoles. Da die meisten spanischen V-N-Komposita bereits ein pluralisches Zweitglied enthalten, ändert sich bei der Pluralisierung des Gesamtwortes meist nichts: un sacacorchos/ unos sacacorchos.
Komplexer ist die Frage des Zweitglieds. Die allgemeine Tendenz ist, das Zweitglied im Plural zu gebrauchen, dennoch kann man von einer willkürlichen Pluralsetzung sprechen: “The choice of a singular or plural complement seems to depend only on wether the complement is the object of the verb, in which case it may be singular if the noun is a mass noun or a collective noun that rarely takes the plural, e.g. comegente, cagafierra, chupatinta, ganapán, mermasangre, etc.” so Lloyd 10 . Andererseits werden jedoch auch selbst kollektive oder unzählbare Zweitglieder bzw. solche, die einen einzigen Referenten implizieren, pluralisiert. Es ist ein allgemeine Tendenz zum Plural, vor allem in der gesprochenen Sprache zu bemerken. Zahlreiche Komposita, die im DRAE ein singularisches Zweitglied haben, sind immer öfters mit pluralischem Zweitglied zu hören: cortafuegos, cubrecadenas, pasamanos, portaobjetos etc. Auch beim Numerus lässt sich ein Unterschied des Gebrauchs in Lateinamerika und der Halbinsel feststellen. So findet man in Lateinamerika im Singular un sacacorcho/ unos sacacorchos. Die Frage nach dem Numerus des Zweitglieds muss also je nach Varietät unterschiedlich beantwortet werden.
3.5Nominaler und adjektivischer Gebrauch
Komposita können als selbständige Substantive und (seltener) als Adjektive vorkommen; die Verwenungsweise hat jedoch keinen Einfluss auf die Bildung oder die Bedeutung. Es ist auch nicht einfach, eine strikte Trennung zwischen nominalem und adjektivischem Gebrauch zu ziehen, da ein und dasselbe Kompositum beide Funktionen übernehmen kann (un producto quitagrasas - un quitagrasas), ebenso wie nicht motivierte Adjektive und Substantive (un hombre anciano - un anciano). Es stellt sich also die Frage nach dem Verhältnis von substantivischer und adjektivischer Verwendung. Grundsätzlich gibt es zumindest drei Möglichkeiten: 1. die Kompositionsregel bildet sowohl Substantive als auch Adjektive; 2. sie bildet Substantive, die dann adjektiviert werden; 3. sie bildet Adjektive, die dann substantiviert werden. Für die letzten beiden Lösungen gibt es eine Reihe von Beispielen, die jeweils die andere ausschließen. Im Falle von Produktnamen (quita-
10 Vgl. Rainer, S.272
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 9
grasas) erscheint die letzte Lösung plausibel, da in diesem Bereich Adjektive geläufig in der Bedeutung “Produkt mit der Eigenschaft x” substantiviert werden. Andererseits existieren viele nominale V-N-Komposita, die garantiert nie in adjektivischer Form in Verwendung waren (z.B. quitasol). Dasselbe Argument kann man auch für die zweite Lösung anwenden: un dragón escupe-fuego, el globo salvastronautas. Diese Komposita waren bestimmt niemals als Substantive im Umlauf. Am realistischsten ist also eine Kombination aus den drei Hypothesen: demnach gibt es eine nominale und eine adjektivische V-N-Regel und die Produkte dieser beiden Regeln können dann in der Sprache unabhängig motivierten Konversionsregeln unterworfen werden.
3.6Phonologische Eigenschaften
Über die Akzentuierung der spanischen V-N-Komposita gibt es ebenfalls keine einheitliche Meinung. Fosters und Lloyd wollen wie bei den N-N-Komposita zwei Akzente oder zumindest einen Hauptakzent auf dem Zweitglied und einen leichten Nebenakzent auf dem Erstglied, an der Stelle an der beim Verb sonst der Akzent steht, hören: sàcacórchos, quìtasól, pàrabrísas. Nicht angloamerikanische Linguisten vernehmen jedoch nur einen Hauptakzent auf dem Zweitglied: sacacórchos, quitasól, parabrísas. Hin und wieder wird eingeräumt, dass eventuell ein Nebenakzent auf dem Verb vorhanden war, der jedoch im Zuge der Lexikalisierung verloren gegangen ist. Auch die Elision scheint mit der Lexikalisierung zusammenzuhängen. Sie erfolgt nur beim Zusammenstoß gleicher Vokale: guardagujas, paraguas, portaviones allerdings neben portaaviones. Bei einer gewissen im Spanischen üblichen Sprechgeschwindigkeit ist Elision allerdings immer möglich.
3.7Bedeutung
Die Entscheidung für ein verbales Erstglied impliziert automatisch eine exozentrische semantische Analyse der V-N-Komposita. Die Bedeutung eines solchen Kompositums lautet im Normalfall “ein y, das N xt”. Ob y ein Agens oder ein Instrument ist, wird durch Rückgriff auf das enzyklopädische Wissen entschieden 11 :el caza-nazis vs cazaminas. In manchen Beispielen wie guardamuebles, guardapelo oder guardarropa gleitet die instrumentale Leseart in eine lokativische ab: eine Paraphrase “ein y, wo man N xt” scheint hier natürlicher als eine Paraphrase “ein y
11 Rainer, S.275
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 10
das N xt” bzw. “ein x, das zum N xen dient”. Die Bedeutung des Kompositums bestimmt also immer das Erstglied, wie bei allen Verbkomposita. Die einzig mir bekannte Ausnahme bildet das Wort hispanohablante, bei dem beide Konstituenten gleichwertig von Bedeutung sind. Allerdings handelt es sich bei hispanohablante ja auch nicht um ein klassisches V-Kompositum, sondern eher um ein N-Kompositum, deren Konstituente von einem Verb durch Derivation abgeleitet wurde. Die Bedeutung von adjektivischen V-N-Komposita unterscheidet sich von der substantivischen Komposita nur dadurch, dass die Variable y durch das Substantiv, das sie näher bestimmt, belegt wird: un niño abretaxi, un avión apagafuegos etc 12 .
3.8Wortbildung oder Syntax?
Rainer geht in seiner Darstellung der V-N-Komposita nochmals explizit auf die Frage ein, ob es sich hier nicht eventuell um eine Verbalphrasenbildung anstatt einer Wortbildung handeln könnte. Die spanischen V-N-Komposita verhalten sich jedoch in mehrerer Hinsicht eindeutig wie Wortbildungen: sie dienen der Begriffsbildung, unterliegen Beschränkungen, wie sie für Wortbildungsregeln charakteristisch sind (siehe 3.2), sind für lokale Analogien anfällig (reposa- Bildungen), zeigen ein wortbildungstypisches Akzentmuster (3.6) und sind, laut Rainer, was ihre interne interne Struktur betrifft, auch bedeutend eingeschränkter als die entsprechenden Verbalphrasen. So kommen in V-N-Komposita weder Adverbien (*correrrapido- caminos) nochDeterminanten (*sacaloscorchos) vor. Auch das Vorkommen von Adjektiven ist stark eingeschränkt.
3.9Produktivität
V-N-Komposita sind nach Rainer im modernen Spanisch auf allen Sprachebenen und auch in allen Regionen sehr produktiv. Ich schließe mich allerdings eher Caycedo an, der Komposita generell für unspanisch hält. Rainer führt zwar zwei Beispiele an, in denen das Kompositum rekursiv als Zweitglied in ein anderes V-N-Kompositum eingebettet ist limpiaparabrisas und portaparaguas, doch zwei Beispiele machen eine Sprache sicherlich noch nicht produktiv hinsichtlich ihrer Kompositionsbildung. Im modernen Sprachgebrauch kommt es zwar häufiger zu spontanen Kreationen, diese sind jedoch in den seltensten Fällen lexikalisiert. Zudem handelt es sich bei diesen
12 ebenda
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 11
spontanen Kreationen meistens um Schöpfungen aus der Werbebranche oder um Vulgarismen und Schimpfwörter wie cortapizzas, lameculos, tocapelotas, machacahuevos, oder tuercebotas. Anders also als im Deutschen, in dem vor allem N-N-Komposita durchaus populär und unendlich sind finden Komposita im Spanischen nur selten ihre Lexikalisierung. Wie bereits unter Punkt 2. dargestellt tendiert das Spanische eher zu Konstruktionen mit der Präposition de.
3.10Bildungstypen und Bedeutungsgruppen
Man kann die V-N-Komposita zunächst in zwei große Bedeutungsgruppen einteilen. Jene, die Entitäten (friegaplatos, abrecartas) bezeichnen, und solche, die Handlungen (cumpleaños, pasatiempos) bezeichnen. Die große Gruppe der Entitäten wird weiter mit den Merkmalen menschlich/ belebt unterteilt.
Die meisten Personenbezeichnungen sind entweder Berufsbezeichnungen (guarda- bosque,guardaespalda, friegaplatos) oder mehr oder weniger humoristische Charakterisierungen (aguafiestas, lameculos). Doch auch bei den Berufsbezeichnungen wird deutlich, dass die Möglichkeiten der Komposition nicht unendlich sind. Meistens handelt es sich hierbei um eher ungewöhnlichere Berufe. Ein “Benimmlehrer”, wie inzwischen in Bremen populär wäre im Spanischen niemals ein *comportaprofesor/ *educaprofesor (sollte dieses Wort jemals existieren, so würde es eher jemanden ausdrücken, der Lehrer erzieht), sondern ein profesor de educación/ comportamiento.
Bei den nicht-menschlichen, aber belebten Entitäten handelt es sich vor allem um Vogel- Insekten- und Pflanzennamen: detienebuey, saltamontes, garrapatas. Bei den meisten handelt es sich um im Lateinamerikanischen Sprachgebrauch häufigeren, was dadurch erklärt werden kann, dass die meisten V-N-Komposita im Bereich der Tier-und Pflanzennamen in Lateinamerika durch die Ankunft der Eroberer neue Namen brauchten (da sie den Europäern bis dato unbekannt waren). Auch hier sind selbstverständlich wenig Neuschöpfungen möglich, da doch inzwischen alle Pflanzen und Tiere ihren Namen haben. Ein unendlich aufkommender Schwung von genetisch neu gezüchteten, bisher nicht existenter Pflanzen ist kaum zu erwarten. Unbelebte Entitäten sind vor allem Instrumentbezeichnungen wie abrecartas, pelapatatas oder cuentakilómetros. In diesem Bereich sind Neuschöpfungen wie cortapizzas oder sonstiger neuerer technischer Geräte wohl am ehesten möglich.
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 12
Handlungsbezeichnungen sind eher selten. Hierbei handelt es sich vor allem um Spiele (escondecucas, matasapo, tocatorre), Schläge (baticulo, pasagonzalo, soplamocos), Tänze (atajaprimo, pasacalle), militärische Signale (botasilla, calacuerda) oder ein paar wenige in den täglichen Sprachgebrauch übergegangenen Wörter wie besamanos, cumpleaños oder pasatiempos.
4. Zusammenfassung
Betrachtet man also die nur die gängigen, nachvollziehbaren V-N-Komposita, und nicht wie Thiele alle möglichen undurchsichtigen Bildungen, ist die Anzahl der Möglichkeiten doch sehr begrenzt. Unter den möglichen Formen der Komposita im Spanischen ist das V-N-Kompositum eindeutig das produktivste, doch ganz klar nicht annähernd so häufig wie z.B. das N-N-Kompositum im Deutschen. Verzweifelt habe ich einen zusammenhängenden Text gesucht, in dem mindestens 5 Komposita vorkommen, um eine eigenständige Analyse betreiben zu können und nicht blindlings auf Rainer vertrauen zu müssen, doch ist dies alles andere als einfach. Somit wird wieder klar, dass die Komposition im Spanischen durchaus möglich, doch nicht gerade sehr produktiv ist. Wie unter Punkt 2 erwähnt, findet man im Spanischen vor allem Konstruktionen mit der Präposition de, was wohl vor allem daran liegen mag, dass romanische Sprachen eher zu kürzeren Wörtern tendieren. Die meisten Worte sind im Spanischen dreisilber. Viersilber kommen desöfteren auch vor, doch mir persönlich ist kein einfaches fünfsilbiges Wort bekannt. Auch die V-N-Komposita tendieren in diese Richtung. Wie unter 3.2 beschrieben handelt es sich bei der ersten Konstituente meistens um Zweisilber und auch die Nomen sind meistens Zweisilber, womit fast immer viersilbige Komposita zustandekommen. Auch besteht die Gefahr bei zu vielen Komposita, dass mehr als zwei Konstonaten aufeinandertreffen würden, ebenfalls eher unspanisch.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Komposition im Spanischen durchaus existiert, jedoch nicht im selben Umfang wie in den germanischen Sprachen.
Verb-Nomen-Komposita im Spanischen 13
Bibliographie
Berschin, Helmut/ Fernández-Sevilla, Julio/ Felixberger, Josef, Die Spanische
Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur, Ismaning, 1995 Brenda, Laca, Die Wortbildung als Grammatik des Wortschatzes, Tübingen, 1986
Rainer, Franz, Spanische Wortbildungslehre, Tübingen, 1993
Schpak-Dolt, Nikolaus, Einführung in die Morphologie des Spanischen, Tübingen,
1999
Thiele, Johannes, Wortbildung der spanischen Gegenwartssprache, Leipzig,
Berlin, München, 1992
www.ucm.es/info/especulo/numero18/neologism.html
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Susana Catalina Prat, 2003, Die Verb-Nomen-Komposita im Spanischen, München, GRIN Verlag GmbH
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