Einführung
Viele der im Zeitalter der Aufklärung, also um 1780, entstandenen Werke bekannter, aber auch unbekannter Autoren, beschäftigen sich mit dem Thema Verbrechen. Was in den Jahrzehnten zuvor mehr als Bericht konzipiert war und lediglich die Geschehnisse von Mord, Totschlag und anderen Gräueltaten widerspiegeln sollte, entwickelte mit der Zeit und den Bemühungen verschiedener Autoren eine Eigendynamik. Das Genre des Pitaval-Romans entstand. Wo man vorher detailgetreu das Verbrechen beschrieb und alle blutigen Details in den Vordergrund stellte, wurde in der Aufklärung plötzlich die Psychologie des Verbrechers in den Mittelpunkt gerückt. Das sich verändernde, freiere Menschenbild und die politischen sowie gesellschaftlichen Umwälzungen der Epoche in ganz Europa (vgl. Französische Revolution) waren wohl die Grundlage für das Verlangen, den geistigen Zustand und die Motive des Verbrechers besser zu durchleuchten. Die Befreiung von der jahrhundertelang währenden Unterdrückung des Bürgers durch Kirche, Staat und Regenten, wirkte sich also auch auf die Literatur und deren Grundmotive aus. Es war von nun an nicht länger im Sinne der Literaten sich lediglich mit der Wirkung des Verbrechens auseinanderzusetzen, sondern vielmehr mit der Ursache dessen. Die Schwarzweißmalerei von Gut auf der einen und Böse auf der anderen Seite war ihnen nicht mehr ausreichend. Die Beweggründe von Verbrechern bekamen einen noch nie dagewesenen Stellenwert zuerkannt. Man wollte erforschen, was einen Menschen dazu treibt, kriminell zu werden und sogar das schlimmste aller Verbrechen, den Mord, zu begehen.
Vieles was die wackeren Autoren der Aufklärung heraus gearbeitet haben ist heute wichtiger Bestandteil der Gerichtsbarkeit in der sogenannten westlichen, zivilisierten Welt. Es wird nicht einfach undifferenziert davon ausgegangen, dass ein Mord ein Mord ist, und deshalb jeder die gleiche Strafe zu erwarten habe, sondern man gibt dem Verbrecher und dessen Verteidigung die Chance sich zu rechtfertigen und aufzuzeigen, welche Faktoren dafür verantwortlich waren, dass Verbrechen der größten Kategorie, wie Mord, Totschlag, Körperverletzung und Raubüberfälle zustande kommen konnten. Dies bedeutet sicherlich nicht, dass man Kapitalverbrecher vorschnell entlässt und ihnen die Chance gibt, sich als Helden zu stilisieren. Im Gegenteil. Es zeigt der Gesellschaft oftmals auch ihre Verfehlungen auf und gibt ihr somit die Chance, Strukturen dahingehen zu verändern, dass Fehlschlüsse wie die von Verbrechern nicht so oft
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provoziert werden und sehr oft durch im Vorfeld gezeigtes Verständnis für die Psyche eines potentiellen Straftäters sogar verhindert werden können. All dies haben wir unter anderem den oben schon erwähnten Autoren zu verdanken, die sich die Mühe gemacht haben, unter Zuhilfenahme der aufkeimenden Psychologie, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie, um es bildlich auszudrücken, ein Schaf von der Herde abkommen kann.
Einer dieser Autoren ist auch der gerade in unseren Gefilden, Mittlerer Neckarraum, so hochverehrte Sohn der Stadt Marbach, Friedrich Schiller. Er hat sich neben „Die Räuber“, wahrscheinlich seinem Hauptwerk in Sachen Psychologie des Verbrechens, auch in „Verbrecher aus verlorener Ehre“ eines Stoffes angenommen, der von einem Mörder handelt.
Dem Werk zugrunde liegt der wahre Fall des Fridrich Schwan aus Ebersbach, nähe Göppingen, der, obwohl er mit Verstand gesegnet war, sich seines Jähzorns nicht erwehren konnte und durch i hn sowie weitere unglückliche Umstände schließlich auf die falsche Bahn geriet und zum Wilddieb, Mörder und Anführer einer Räuberbande wurde.
In dieser Hausarbeit ist es nun mein erklärtes Ziel, aufzuzeigen, wie Friedrich Schiller mit dem Stoff umgeht und ihn in eine Erzählung verwandelt, in der es primär um die Psyche des Verbrechers geht und erst in zweiter Linie um das Verbrechen selber. Schillers Quellen sind meist mündlicher Natur. Da mündliche Quellen aber oftmals unterschiedliche Dinge zum gleichen Sachverhalt aussagen und auch meistens nicht gerade umfangreich sind, blieb dem Meister aller Spielraum, um fiktive Begebenheiten hinzuzufügen und andere, nicht detailgetreu geschilderte, auszuschmücken. Seine Intention soll deutlich dargestellt werden, um aufzuzeigen, was er sozialpsychologisch seinem Leser vermitteln wollte.
Der Vergleich des Originalfalles des Fridrich Schwan, wie ihn Jacob Friedrich Abel behandelt hat, und somit näher an der Originalvorlage der Protokolle aus Göppingen blieb, wird in meiner Ausführung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es geht lediglich um Schillers Werk und dessen Bedeutung im Kontext der damaligen Zeit, sowie der Intention, die der Marbacher verfolgte, als er dieses „Pamphlet der Menschlichkeit“ entwarf.
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Der Text und seine Besonderheiten
Schiller beginnt seine Erzählung mit einer Vorrede, in der er sich vor allem der Psychologie des Menschen allgemein annimmt und fordert, dass man sich jedem einzelnen individuell widmen soll. Man könne niemanden mit einem anderen vergleichen. Jeder Mensch habe seine Eigenarten, die genauer beleuchtet werden müssen, wenn man ihm gerecht werden will.
Der Leser muss mit dem Protagonisten, hier Christian Wolf genannt, erst vertraut werden, bevor er urteilt.
„Der Held muss kalt werden wie der Leser, oder, was hier ebensoviel sagt, wir müssen mit ihm bekannt werden, eh‘ er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich viel mehr als an seinen Taten [...]“ 1
Eine genauere Analyse der Motive des Verbrechers ist also laut Schiller unerlässlich, wenn man genauer wissen will, wie das Böse geschehen konnte. Zudem ist die Vorgeschichte von großer Bedeutung. Denn nur durch sie können wir den Weg hin zum Verbrechen betrachten. Und dieser ist von entscheidender Bedeutung. Denn von alleine und aus heiterem Himmel ist die Tat nicht geschehen. Es gibt Triebfedern und Mechanismen in der Seele des Täters, die betrachtet werden müssen.
„Unsere Gelindigkeit fruchtet ihm nichts mehr [...] aber die Leichenöffnung seines Lasters unterrichtet vielleicht die Menschheit und [...] auch die Gerechtigkeit.“ 2
Nachdem Protagonist Christian Wolf, ein Gastwirt, der in Schillers Erzählung als von nicht schöner Gestalt beschrieben wird und deshalb schon als Kind verspottet wird, um dem Leser gleich zu Beginn zu zeigen, dass die Psyche des Delinquenten durch mangelndes Selbstwertgefühl schon vorbelastet war, von einer jungen Frau namens Johanne, die er sehr verehrte, zugunsten des Jägers Robert zurückgewiesen wird, wird er, wie schon einmal zuvor, mehr aus Not als aus Boshaftigkeit, zum Wilddieb und muss ein Jahr lang ins Gefängnis.
Dass dies dem Leser auch als Ungerechtigkeit offenbar wird, lässt Schiller seinen Erzähler an der Stelle der Verurteilung lenkend ins Geschehen eingreifen:
1 Schiller, F.: Der Verbrecher aus verlorener Ehre“. Klett Verlag. Stuttgart. 2000. Seite 5.
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„Die Richter sahen in das Buch der Gesetze, aber nicht einer in die Gemütsverfassung des Beklagten. Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer [...] exemplarischen Genugtuung [...].“ 3
Durch das kleine Wörtchen „einer“ wird eine emotionale Ebene offenbar, die sich appellativ an die Gerichtsbarkeit der damaligen Zeit wendet. Ein Aufruf an alle Richter, nicht nur Präzedenzfälle zu schaffen, um dem Recht genüge zu tun, sondern sich auch um die Vorgeschichte des Beklagten bzw. Angeklagten zu kümmern. Schillers Anliegen wird an dieser Stelle sehr deutlich offenbar. Und auch die Resozialisierung nach dem Jahr im Gefängnis wird Wolf verbaut. Selbst als Schweinehirt wird er nicht akzeptiert, was starke, sicherlich vom Autor beabsichtigte Parallelen zu Jesu Gleichnis des verlorenen Sohnes im Neuen Testament hat, und den Protagonisten immer stärker in die Ecke drängt und somit ins gesellschaftliche Abseits. In ihm wächst ein Gefühl des „Nichts-mehr-verlieren-zu-habens“, das für seine weitere kriminelle Karriere von großer Bedeutung sein wird. So wird Wolf wieder zum Wilddieb und dieses Mal zu drei Jahren Haft verurteilt. Eine neue Epoche in seinem Leben beginnt während seines zweiten Gefängnisaufenthaltes. Sogar die andern Verbrecher behandeln ihn äußert schlecht. Er ist intelligent genug, dies als Angriff auf seine Person zu verstehen und er wird hart und abgeklärt. Er legt sich eine Schutzschicht zu, so dass er nicht mehr so stark verletzt werden kann,
„Ich betrat die Festung [...] als ein Verirrter und verließ sie als ein Lotterbube.“ 4
All die Demütigungen, die er von den Mitgefangenen erleben muss, härten ihn ab und machen ihn kalt, so kalt wie die, die ihn verurteilt haben, ohne sich wirklich mit ihm zu beschäftigen, so Schiller.
Von da an geht es Wolf um Rache. Rache an denen, die ihm Unrecht taten. Sein edles Gemüt bleibt ihm allerdings erhalten, da er seine Liebe zu kleinen Kindern immer noch
2 Schiller, F.: Der Verbrecher aus verlorener Ehre“. Klett Verlag. Stuttgart. 2000. Seite 6.
3 Ebd. Seite 8.
4 Schiller, F.: Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Reclam Stuttgart. 1999. Seite 11
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Arbeit zitieren:
Tobias Bumm, 2002, Schillers 'Verbrecher aus verlorener Ehre' - Beschäftigung mit der Psychologie von Verbrechern, München, GRIN Verlag GmbH
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