Philipps Universität Marburg Wintersemester 2000/2001 Fachbereich 09/ Medienwissenschaft Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien Hauptseminar: Theorie der Neuen Medien
Vilém Flusser,
die Funktion und Bedeutung von technischen Bildern
Anne Früchtenicht
Inhaltsverzeichnis:
I. Einführung: 1-3
II. Kurzbiographie Vilém Flussers: S. 4- 6
III. Die Entwicklung bis zu den technischen Bildern: S. 7- 9
IV. Die Entschlüsselung der Codes: S. 10- 13
V. Die Funktion und Problematik von Technocodes: S. 14- 17
VI. Die Telematische Gesellschaft: S. 18- 22
VII. Schlussbetrachtung: S. 23- 24
VIII. Literatur: S 25- 26
I. Einführung:
Gegenstand dieser Arbeit sind die Schriften und Thesen des Medienphilosophs Vilém Flusser. Dabei wird das besondere Augenmerk auf der Entwicklung der sogenannten Neuen Medien mit Flussers Worten gesprochen dem Universum der technischen Bilder und den damit verbundenen Folgen für die Gesellschaft und dem Menschen an sich liegen. Bei der Betrachtung darf allerdings nicht außer acht gelassen werden, dass Vilém Flusser die Entwicklung des Internets und der digitalen Technik nicht mehr erlebt hat. Will man Flussers Theorie also korrekt beleuchten, sollte dabei der Stand der Medien von 1991 berücksichtigt werden.
Flusser folgend gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Medien, welche sich einmal aufgrund ihrer, durch den Menschen wahrgenommen Dimension voneinander unterscheiden. Auf die einzelnen Dimensionen und Medien werde ich im Verlauf noch genau eingehen. Zum anderen ergeben sich aus ihren divergierenden Dimensionen unterschiedliche Herangehensweisen, um die enthaltenden Botschaften deuten zu können. Um bei Flussers Denkschema zu bleiben und dieses nachvollziehen zu können soll hinzugefügt werden, dass sein Verständnis von Medien sich aus der chronologischen Entwicklung des Menschen beziehungsweise der Technik herleitet. Flusser unterteilt die Entwicklung der Medien dazu in fünf Stufen. Innerhalb der verschiedenen Stufen nimmt Flusser noch einmal eine Unterteilung vor, auf die im Verlauf noch einzugehen ist.
Zum näheren Verständnis soll aber zunächst das Stufenmodell, „ein Modell der Kulturgeschichte und der Entfremdung des Menschen vom Konkreten“ 1 im Mittelpunkt stehen. Die verschiedenen Stufen ergeben sich aus dem Verlauf der Entwicklung der Menschheit.
In der ersten Stufe befinden sich Mensch und Tier „in einer vierdimensionalen Raumzeit, welche den Mensch und das Tier angeht. Es ist die Stufe des konkreten Erlebens“ 2 . In dieser Stufe hat der Mensch keine fassbare Subjekt- Objekt Wahrnehmung. Es gibt keine greifbare Verbindung zwischen Raum und Zeit.
Die zweite Stufe, welche Flusser auf einen Zeitraum von 2 Millionen bis 40.000 Jahren vor Christus festsetzt, beinhaltet den Wechsel von der Vier- in eine Dreidimensionalität.
1 Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder. S.10.
2 Ebenda, S.10.
1
Bedingt durch eine Subjekt- Objekt Trennung entdeckt der Mensch Gegenstände zu benutzen
oder herzustellen. „Es ist die Stufe des Fassens und Behandelns“ 3 . In der dritten Stufe beginnt die Stufe der traditionellen Bilder. In ihr hat der „Mensch zwischen sich als Subjekt und den objektiven Umstand eine [...] zweidimensionale Vermittlungszone geschoben“. Um die Naturwelt deuten zu können benutzt er die Malerei. „Es ist die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens“ 4 . Auf den Begriff des Imaginierens wird in späteren Kapiteln Bezug genommen.
Die vierte Stufe, die nach Flusser vor etwa viertausend Jahren beginnt, ist eindimensional. Sie beinhaltet eine weitere Vermittlungszone zwischen Mensch und Objekten. Die linearen Texte werden erfunden und übernehmen die Vermittlung von Botschaften. „Es ist die Stufe des Begreifens, des Erzählens, die historische Stufe“ 5 . Die fünfte Stufe ist die Stufe der technischen Bilder. Lineare Texte sind unzulänglich und unanschaulich geworden. Somit übernehmen technische, punktuelle Bilder langsam die Funktion der Texte Informationen zu (über)tragen. Technische Bilder sind nulldimensional. „Es ist die Stufe des Kalkulierens und Komputierens“ 6 . Auch diese Begriffe werden im Verlauf der Arbeit weitergehend erklärt.
Hat man dieses Modell nun vor Augen, stellt sich vielleicht die Frage, ob die technischen Bilder den Höhlenmalereinen nicht vielleicht ähnlich seien. Wäre dem so bedeutete die neueste Entwicklung allerdings einen Rückschritt in der Entwicklung. Flusser folgend existiert diese Problematik so nicht, da die traditionellen Bilder, anders als die technischen geartet sind. Sie unterscheiden sich von den technischen Bildern grundlegend in der Eigenschaft, dass sie zweidimensional sind. Während technische Bilder aus Punkten/ Pixeln zusammengesetzt werden und demnach nulldimensional sind. Darüber hinaus sind „vor-moderne Bilder Produkte [...] des Handwerks (Kunstwerke), nach-moderne Produkte [...] der Technik“ 7 .
Zum Universum der technischen Bilder zählt Flusser die Photographie, den Film, das Video und die Computertechnik.
Der Fokus dieser Arbeit richtet sich auf den Umgang mit den technischen Bildern, der neue Denkmethoden erfordert. Darüber hinaus soll die von Flusser thematisierte Problematik der Neuen Medien für die Gesellschaft beleuchtet werden und mögliche Lösungsvorschläge aufgezeigt werden.
3 Ebenda, S.10.
4 Ebenda, S.11.
5 Ebenda, S.11.
6 Ebenda, S.11.
7 Flusser, Vilém: Medienkultur, S. 22.
2
Grundlegend bei der Einschätzung von Vilém Flusser und seiner Positionen ist, dass er sich faktisch mit keiner identifiziert. Das wiederum bedeutet allerdings nicht, dass Flussers Theorien zahnlos sind. Vielmehr versucht Flusser durch sein Hin- und- Herspringen verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen und den Leser zu provozieren. Daher bewegen sich seine Thesen ständig zwischen Pessimismus und Hoffnung, ohne sich für eine Richtung zu entscheiden zu müssen.
In dem nächsten Kapitel wird zunächst auf die spezielle Denkweise Vilém Flussers, seinen Lebenslauf und Werdegang weitergehend eingegangen.
Grundlage für die Beschäftigung mit Flussers Theorien und deren Analyse stellt sein Werk Ins Universum der technischen Bilder dar 8 . Dazu kommt der, ebenfalls in der Edition Flusser erschienene Band, Für eine Philosophie der Fotografie 9 und eine nach seinem Tod herausgegebene Sammlung von Aufsätzen 10 .
Einen Überblick und möglichen Deutungsansatz über Vilém Flusser und sein Werk gibt das Buch von Elizabeth Neswald 11 .
Darüber hinaus werden Veröffentlichungen von Vilém Flusser in verschiedenen Büchern hinzugezogen. Dazu gehören unter anderem das Buch von Florian Rötzer, Digitaler Schein 12 und das Kursbuch Neue Medien 13 . Zusätzlich finden sich im Internet einige interessante Seiten zu Vilém Flusser.
8 Müller- Pohle, Andreas (Hrsg.): Edition Flusser Bd.4, Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder,
sechste Auflage Göttingen 2000.
9 Müller- Pohle, Andreas (Hrsg.): Edition Flusser Bd. 3, Flusser Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie,
achte durchgesehene Auflage 1997.
10 Bollmann, Stefan: Vilém Flusser. Medienkultur, Frankfurt/ Main 2002.
11 Neswald, Elizabeth: Medien- Theologie. Das Werk Vilém Flussers, Literatur- Kultur- Geschlecht, Kleine
Reihe Bd. 11, Köln 1998.
12 Rötzer, Florian (Hrsg.): Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt 1991.
13 Bollmann, Stefan (Hrsg.): Kursbuch Neue Medien. Trends in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur,
Mannheim 1995.
3
II. Kurzbiographie Vilém Flussers:
Vilém Flusser wurde am 12. Mai 1920 in Prag geboren. Seine Eltern waren der jüdische Mathematiker und Direktor der deutschen Handelsakademie Gustav Flusser und die Jüdin Melitta Flusser geborene Basch.
Bedingt durch die Diktatur der Nationalsozialisten und deren Einmarsch in Prag, war Vilém Flusser 1939 zur Flucht nach England gezwungen. Wie Stefan Bollmann schreibt, war Flusser die Flucht nach England nur mit Hilfe seines zukünftigen Schwiegervaters Gustav Barth möglich. „Durch den finanziellen Einsatz Gustav Barths“, wurde Vilém Flusser von einem englischen Advokaten nach England geschleust 14 .
Der Familie Vilém Flussers war eine Flucht ins sichere Ausland nicht möglich. Sein Vater wurde nach Buchenwald deportiert und dort 1940 ermordet, seine Mutter, Schwester und Großeltern wurden in Auschwitz umgebracht.
Nach einem Jahr in England emigrierte Flusser zusammen mit seiner zukünftigen Frau Edith, die er 1941 heiratete und deren Familie nach Brasilien.
In Brasilien angekommen arbeitete Flusser zunächst in der Firma seines Schwiegervaters, wurde Teilhaber und leitete später seine eigene Firma für Transformatoren. Sein in Prag an der Karlsuniversität begonnenes Jura- Studium nahm er nicht wieder auf. Über die Zeit von der Ankunft in Rio de Janeiro bis Anfang der sechziger Jahre existieren nicht viele Belege.
Folgt man aber den von Stefan Bollmann zitierten Briefen Flussers aus diesen Jahrzehnten in Brasilien, so wird das Bild eines Mannes aufgeworfen, der seine Berufung als Schreibender sah, tatsächlich aber als Unternehmer arbeiteten musste. Bedingt war dieses Dilemma durch den Umstand, dass kein Verlag bereit war seine Schriften zu veröffentlichen. Für Flusser scheint dieser Zustand unerträglich gewesen zu sein. So schrieb er an seinen Cousin David Flusser: „ Du mußt wissen, daß ich wie fieberhaft einherschreibe, von einem Daimon gehetzt, in der Hoffnung, das unerträgliche Chaos, das die Welt ist, von der Leber zu schreiben“ 15 . Der dann folgende lateinische Satz verdeutlicht die für Flusser düstere Lage. „Scribere necesse est, vivere non est“ 16 .
Danach scheint das Schreiben für Flusser eine Notwendigkeit und damit den Sinn des Lebens schlechthin darzustellen, während das Leben selber nicht zwingend als notwendig erscheint.
14 Bollmann, Stefan: Vilém Flusser. Medienkultur, S. 12.
15 Ebenda, S. 13.
16 Ebenda, S. 13.
4
Arbeit zitieren:
Anne Freimann, 2002, Vilém Flusser die Funktion und Bedeutung von technischen Bildern, München, GRIN Verlag GmbH
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