Soziokulturelle Siedlungsstruktur-Modelle: Die islamisch-orientalische Stadt - Lasse Herbers
Gliederung
A) Inhaltlicher Teil
1.) Einleitung
2.) Historische Entwicklung
2.1.) Der Islam als städtische Religion
3.) Grundmerkmale
3.1.) Altstadt
3.1.1.) Basar
3.2.) Neustadt
3.3.) Viertel der Wohnbevölkerung, Segregation
3.4.) funktionale Trennung
3.5.) asymmetrisches Straßensystem, Privatsphäre
3.5.1.) Erschließungs- und Sammelstraßen
3.5.2.) Durchgangsachsen und Verkehrsleitlinien
3.5.3.) Wohngassen und Anlieferwege
3.5.4.) Privatsphäre
3.6.) Rentenkapitalismus
3.7.) Verwestlichung/ moderner Wandel
B) Literaturliste, Quellenverzeichnis
)C Anhang
Soziokulturelle Siedlungsstruktur-Modelle: Die islamisch-orientalische Stadt - Lasse Herbers
Soziokulturelle Siedlungsstruktur-Modelle
Die islamisch-orientalische Stadt
1. Einleitung
Soziokulturelle oder auch historisch-genetische Stadtmodelle sind Darstellungs- und Erklärungsansätze für verschiedenartige Ausprägungen kultureller Einflüsse auf die Stadtentwicklung. „Dem kulturgenetischen Konzept liegt die Auffassung zugrunde, dass die von der einzelnen Kultur her gegebnen Voraussetzungen und Ausgangspositionen für die allgemein ähnlich verlaufenden Urbanisierungsprozesse (…) in jedem Kulturraum andere sind“. 1
Demnach entwickelt jeder Kulturraum eigene ihm spezielle Stadttypen. „Grundsätzlich stehen kulturhistorische Stadttypen im Zusammenhang mit den Entwicklungsstufen von Gesellschaft, Wirtschaft und politischen Organisationsformen.“ 2 Für die orientalischen Städte ist besonders der Islam prägend, deswegen sprechen wir von der islamisch-orientalischen Stadt. „Der Islam beinhaltet nicht nur eine Religion, sondern eine ganz eigengeartete, in sich geschlossene Kultur und Lebensform“ 3 In einigen wissenschaftlichen Arbeiten wird nicht der Islam, sondern die vor-islamische Zeit als besonders orientalisch prägend benannt (Hofmeister), der Basar, arabisch Suq, aber gilt als eindeutig islamische Entwicklung (Wirth).
Es gibt weltweit noch viele andere große islamische Städte, die aber nicht orientalisch geprägt und entwickelt sind (Bsp: Indonesien, Nigeria).
2. historische Entwicklung
Das Verbreitungsgebiet der islamisch-orientalischen Stadt reicht von Nordafrika über Arabien, Naher Osten, Kleinasien (Türkei), Persien, Kaukasus bis nach Pakistan und Indien, historisch auch bis nach Spanien. 4 [Anhang 9a)] Das Gebiet des Orients setzt sich aus Teilen zweier Kontinente zusammen, nämlich aus Nordafrika und Vorderasien. „Der Orient ist der westliche und mittlere Teil des großen altweltlichen Trockengürtels.“ 5 „Kulturgeschichtlich ist der Orient“ „das geschlossene Hauptverbreitungsgebiet des Islam“. 6 [Anhang 9b)]
Seit der neolithischen Revolution „vor etwa 10.000 Jahren“, die „in den Steppen und Bergländern Vorderasiens“ begann, „lässt sich“ „in ersten Anfängen eine sesshafte Bevölkerung nachweisen“ (Wirth, S.15ff)
1 Hofmeister, nach Heineberg, S.16
2 Lichtenberger, Stadtgeographie, S.40
3 Wirt, Fischer Länderkunde, S.20
4 Niemeier, S. 92f
5 Wirth, Fischer Länderkunde, S.15ff
6 Hofmeister, Stadtstruktur, S. 98
Soziokulturelle Siedlungsstruktur-Modelle: Die islamisch-orientalische Stadt - Lasse Herbers
Die ersten Städte der Welt entstanden in Kleinasien vor 8000-5000 Jahren, damit verfügt der Orient über die ältesten Stadtkulturen der Erde. Hochkulturen mit großen Städten entwickelten sich an den Flussoasen und an der Küste (Mesopotamien, Ägypten, Phönizier, …).
In der Antike breiteten sich Griechen und Römer aus. Sie eroberten und veränderten Städte und gründeten viele neue Städte. So waren „Morgenland und Abendland vor der Eroberung durch die Araber ein Jahrtausend lang“ im „antik-mediterranen Kulturkreis(es)“ „vereinigt“ (Wirth, s.u.).
Diese hellenistischen und römischen Städte wurden in ihrer islamischen Folgezeit stark umgewandelt vom planvollen Schachbrettmuster zum „baumartig verzweigten System von Sackgassen, Knickgassen und überwölbten Tunnelgassen“ 1 , das noch heute bekannt und vorhanden ist.
In der modernen Kolonialzeit wurde neben der Altstadt eine Neustadt für die Kolonialherren gebaut, im Zuge der Industrialisierung entstanden Industriegebiete und Arbeiterwohnviertel. Mit zunehmender Urbanisierung und anfolgender Suburbanisierung entstanden Vororte unterschiedlichen Typs und auch Armenviertel. Die neuen Viertel und Bauten weisen westlich-moderne Merkmale auf, es kommt zu Veränderungen der traditionellen Strukturen der Altstadt. [Anhang 4)M8]
2.1. Der Islam als städtische Religion
Der Islam hat nach seinem Auftreten im 8.Jh und seiner raschen Verbreitung über das Gebiet des Orients die altorientalischen Städte stark geprägt. Dabei ist diese Religion sogar eine sehr stadtgebundene und hat auch ihren Ursprung in den Normen und Werten der städtischen Händler.
Eine der wichtigsten Grundlagen ist das gemeinsame Gebet nach dem Ruf des Muezzin, damit ist vor allem das große Freitagsgebet in der Hauptmoschee gemeint. Dabei muss das Gebet in festen, stabilen Moscheen, mit zum Himmel geschlossenen Dächern, stattfinden; zumeist waren/sind die Moscheen, so groß, dass alle (männlichen) Einwohner in ihr Platz finden können. Schon aus pragmatischen Gründen war es nur Städtern vorbehalten, Moscheen zu errichten. Das tägliche Gebet, insgesamt fünfmal in Richtung Mekka, der heiligen Stadt, kann in kleineren Gebetsräumen und Moscheen durchgeführt werden.
Auch die islamischen Riten und Normen sind auf Städter zugeschnitten bzw. nur im Stadtleben zu erfüllen: Für Waschungen sind Brunnen und Badehäuser notwendig, dazu haben sich dann die Kaffeehäuser als Erholungsräume entwickelt. Das Ramadan-Fasten erfordert die nächtliche Geschäftigkeit im städtischen Basar. Die Kleidervorschriften für Männer und Frauen schaffen Distanz zu den Bauern und Nomaden des Umlandes, denn mit ihnen wäre landwirtschaftliche Arbeit nicht möglich, zudem waren viele Umlandbewohner und Nomaden sehr verarmt und ihre Kleidung war in schlechtem Zustand. 2
Die islamischen Rechtsvorschriften haben zudem stark das Stadtbild geordnet und die alt-orientalischen und antiken Strukturen verändert. Das betrifft vor allem die Einrichtung von Basar und Moschee, das Entstehen des Sackgassensystems und die Segregation der Wohnbevölkerung. Prachtbauten von Bürgern waren im Islam nicht angesehen, vielmehr zählte die soziale Hilfe, welche die Fürsorgepflicht gebietet.
1 Hofmeister, Stadtstruktur, S. 98
2 Redmer, S. 25
Arbeit zitieren:
Lasse Herbers, 2003, Soziokulturelle Siedlungsstruktur-Modelle - Die islamisch-orientalische Stadt, München, GRIN Verlag GmbH
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