Uni Regensburg
WS 2001 / 2002
Proseminar II:
Siebzehn Gedichte von Gryphius bis Celan
Georg Heym:
,,Ophelia"
Verfasserin:
Agathe Schreieder
Inhaltsverzeichnis
1. Traum und Wirklichkeit ... 2
2. Leben Georg Heyms ... 3
3. Das Motiv,,Ophelia" ... 4
3.1 Die Ophelia Shakespeares ... 4
3.2 Ophelia: Aussagekraft im Laufe der Zeiten ... 5
3.3 Arthur Rimbaud: Ophélie ... 5
4. Georg Heym: Ophelia ... 6
4.1 Äußere Form: Aufbau, Metrum, Reimschema ... 8
4.2 Gliederung des Gedichts ... 8
4.2.1 Teil I: Urwaldähnliche Natur ... 9
4.2.2 Strophen 5 und 6: Ländliche Gegend ... 11
4.2.3 Strophe 7 bis 10: Die Stadt ... 13
4.2.4 Strophen 11 und 12: Friedliche Abendstimmung, visionäres Ende ... 15
5. Vergleich: Rimbaud - Heym ... 16
6. Die entgöttlichte Welt ... 18
7. Anhang
8. Literaturverzeichnis
1. Traum und Wirklichkeit
Am 16. Januar 1912 brechen zwei junge Männer beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein. Eine Leiche wird vier Tage später gefunden. Sie war wohl auf dem Grund des Flusses zwischen Wasserpflanzen gelegen, weit unter der Eisplatte, die den Strom bedeckt. Deshalb ist der tote Körper auch nicht vereist, sondern sieht aus, ,,als ob er noch lebte".1 Die Suche nach der zweiten Leiche geht bis zum 6. Februar weiter.
,,Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, Schlingpflanzenreiches Wasser."2
Es ist erstaunlich, wie visionär dieser Traum Georg Heyms angesichts seines oben beschriebenen Todes erscheint. Wasser ist oft genug das bestimmende Element in seiner Dichtung - und am Ende auch in seinem Leben.
,,Vom Wasser haben wir′s gelernt.
Vom Wasser.-
(...) Heym liebte das Leben. (...) Mit großer Alb-Angst zitterte er vor dem Aufhören. Aber er beneidete gleichwohl diejenigen, die aufgehört hatten."3
Gerade dieser Charakterzug prägte Heyms Werk, das oft auf einem Grat zwischen Leben und Tod balanciert. Die Toten scheinen dem Dichter sehr am Herzen zu liegen, er betrachtet sie gleichsam mit einem Hauch von Sehnsucht. Eine dieser ,,beneidenswerten" Figuren ist Ophelia.
2. Leben Georg Heyms
Georg Heym, der am 30. November 1887 in Posen (Schlesien) geboren wurde, gilt als einer der bedeutendsten expressionistischen Dichter. Obwohl oder gerade weil er selbst dem protestantischen Großbürgertum entstammte, begann er schon früh, ein Leben als `Rebell′ zu führen, lehnte sich gegen seiner Meinung nach verbohrte Lehrkräfte auf und eckte so immer wieder in seinem `gutbürgerlichen′ Umfeld an. Heym fühlte sich stets unverstanden, vor allem in seinem Familienkreis, und fand für diesen Umstand auch schonungslose Worte:
Ich wäre einer der größten Dichter geworden, wenn ich nicht einen solchen schweinernen Vater gehabt hätte. In einer Zeit, wo mir verständige Pflege nötig war, mußte ich alle Kraft aufwenden, um diesen Schuft von mir fern zu halten. (Tagebucheintrag aus dem November 1911)4
Auf Unverständnis stieß der junge Mann, der seiner Zeit wohl weit voraus war, immer wieder. Seine wenig freudevolle Schulzeit war gezeichnet von Heyms anhaltendem Widerstand gegen die Büchergelehrsamkeit. Bereits früh begann er, Gedichte zu verfassen, und legte sie auch schließlich seinem Schuldirektor vor, der diese jedoch mit den Worten ,,Sie haben ja sehr viel Phantasie, aber Sie sind noch sehr unklar. Außerdem sind viele Ortographische und rhythmische Fehler darin, darum lassen Sie es lieber." 5 abkanzelte.
Nach einem nicht gerade ruhmvollen Schulabschluss nahm Georg Heym das Jurastudium auf, jedoch ohne rechte Überzeugung, wohl eher als eine Art Notlösung aus seiner Ratlosigkeit6. Ein weiterer Grund dürfte Heyms Vater gewesen sein, selbst ein (eher konservativer) Beamter, der sich für seinen Sohn einen ,,anständigen" Beruf wünschte. Mit allerhand Tricks gelang es Letzterem, wider allen Erwartens das Studium abzuschließen; zu diesem Zeitpunkt spielte jedoch bereits Heyms Dichtung mit einsetzendem Erfolg die zentrale Rolle in seinem Leben. Durch Zufall war er an die Berliner
Dichtervereinigung ,,Neuer Club" geraten und erhielt dort erstmals die Möglichkeit, seine Werke öffentlich zu lesen. Über dieses Ereignis war der junge Dichter derart beglückt, dass er gleich selbst im Voraus eine Rezension schrieb, in der er sich in den höchsten Tönen pries (und die deshalb nicht veröffentlicht wurde). Weitere öffentliche Lesungen im ,,Neopathetischen Cabaret", das vom ,,Neuen Club" veranstaltet wurde, folgten und damit verbunden auch erster Erfolg. Ein anderes Mitglied des ,,Neuen Clubs", Heinrich Eduard Jacob, beschloss, Heym zu unterstützen und setzte sich für eine Gedichtveröffentlichung im Charlottenburger Wochenblättchen ,,Herold" ein. Als diesem Wunsch schließlich nachgegeben wurde, stand der zunehmenden Bekanntheit Heyms nichts mehr im Weg. Ab November 1911 erschien in der ebenfalls wöchentlich herausgegebenen Zeitung ,,Der Demokrat" so gut wie in jeder Ausgabe ein Gedicht Heyms. Dadurch wurde der Teilhaber des eben gegründeten Rowohlt-Verlags auf den Jungautor aufmerksam und legte dem Verleger Ernst Rowohlt nahe, sich um die Druckrechte Heyms zu bemühen. So erschien am 20. April 1911 der Gedichtband ,,Der ewige Tag", dem auch das zu besprechende Gedicht ,,Ophelia" entnommen ist.
3. Das Motiv ,,Ophelia"
3.1 Die Ophelia Shakespeares
Ihren Ursprung hat die Figur der Ophelia in Shakespeares ,,Hamlet". Dort ist sie ein junges Mädchen, das unglücklich in den Prinzen verliebt ist und darüber hinaus zum Spielball der höfischen Verstrickungen wird. Nicht genug, dass Hamlet ihre Liebe zurückweist, er tötet auch noch Ophelias Vater, worauf sich deren Gemüt immer mehr verdunkelt und sie dem Wahnsinn preisgibt. Ihr trauriges Ende findet das Mädchen im Wasser - sie stürzt beim Blumenpflücken in einen Bach und ertrinkt. Während sie untergeht, singt sie Lieder, ,,Als ob sie nicht die eigne Not begriffe, / Wie ein Geschöpf, geboren und begabt / Für dieses Element". Diese letzte Geste nimmt dem Tod einen Teil seines Schreckens, läßt ihn womöglich wie eine Erlösung erscheinen.
3.2 Ophelia: Aussagekraft im Laufe der Zeiten
Immer wieder griffen Autoren seit der Zeit Shakespeares das Motiv der Ophelia auf. In ihrer Aussage war diese Figur - nicht lebendig, doch auch nicht tot - immer wieder modern: sie spiegelte (und spiegelt) den Traum von einer ganz anderen Welt - der auf dem Wissen um das reale Wesen der Welt basiert -, die ,,Sehnsucht aller, (...) [den] Traum eines menschenwürdigen Lebens"7. Vor allem in Zeiten, in denen die Veränderungen in der Welt sowie der Gesellschaft immer rasanter wurden und sogar den Menschen Schaden eintrugen, hatte Ophelia deshalb verständlicherweise Hochkonjunktur. Sie entsprach dem Wunsch, dem geschichtlichen Zwang zu entrinnen und der ,,Vorliebe für Bilder und Gestalten, die scheinbar von der als feindlich erfahrenen Umwelt nicht eingeholt werden können"8. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen Ophelia und ihr ähnliche Figuren, einen Teil der Aufgabe zu übernehmen, der bisher der Muse der Dichtkunst zugeordnet worden war9. ,,In ihnen setzte die Dichtung sich selbst gleichsam ein Denkmal, allegorisierte sie ihren Anspruch, wenn schon nicht Geschenk der Götter, so gleichwohl doch auch nicht ganz von dieser Welt zu sein"10. Die Figur der Ophelia kann jedoch auch andere Funktionen erfüllen, die sich im Laufe der Zeit verständlicherweise geändert haben. Sie kann zum Hoffnungsträger werden, durch den Prozess ihres Vergehens ,,zum Wunschbild einer Veränderung (...) werden, für die es im Leben kein Vorbild gibt"11. Was jedoch den meisten Ophelia-Figuren gemein ist, ist die Sehnsucht, die sie ausdrücken, der Wunsch, nach Hause zu kommen, der eigenen Entfremdung zu entrinnen.
3.3 Arthur Rimbaud: Ophélie
Es ist davon auszugehen, dass Heym seine Ophelia nicht direkt nach dem Shakespearschen Vorbild geschaffen hat, sondern vielmehr auf ein Werk Rimbauds zurückgreift. Dieser Dichter wurde von den Expressionisten im Allgemeinen, von Heym aber im Besonderen bewundert. Er entsprach dem von Nietzsche entworfenen Bild des ,,neuen Menschen", dem Ideal einer tätigen Person, die das Leben im Elfenbeinturm der Kunst und des bürgerlichen Daseins zugunsten eines erlebnisintensiven Schaffens aufgibt.
Rimbauds symbolistisches Gedicht Ophelia zählt zu den bedeutendsten Werken dieses Themenkreises. 1870 entstanden, ist es Ausdruck des Lebensgefühls der Décadence, eines Überdrusses am Leben einer Gesellschaft, deren Mechanismen für den Einzelnen immer undurchschaubarer geworden waren, in der er sich folglich immer fremder und isolierter vorkommen musste. Ophelia verkörpert dieses Gefühl durch ihre Zwischenexistenz zwischen zwei Welten: dem Reich der Lebenden und dem der Toten. Somit ist Rimbauds Wasserleiche im Gegensatz zu Shakespeare zwar noch individuell, aber doch auch exemplarisch. Sie ist als Inbild der zerbrechlichen Menschheit zu verstehen. Ophelia wird aus dem Shakespearschen Kontext gelöst und ins Zeitlose gehoben, erfährt somit eine Art kosmischer Verklärung.
4. Georg Heym: Ophelia
I
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
II
Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
4.1 Äußere Form: Aufbau, Metrum, Reimschema
Mit Hinblick auf die äußere Form des Gedichts ist zunächst dessen Zweiteilung zu bemerken, die durch die römischen Ziffern I und II gekennzeichnet ist. Teil zwei, der aus acht Strophen besteht, könnte an sich auch als unabhängig von dem vierstrophigen ersten Teil betrachtet werden.
Innerhalb dieser Teilung bleibt die formale Gestaltung sehr stringent. Die aus vier Versen zusammengesetzten Strophen bestehen nahezu ausschließlich aus umfassenden Reimen. Allein im ersten Teil stößt man in zwei Strophen (eins und drei) auf Kreuzreime, die hier möglicherweise das `Verflochtensein′ und das Undurchdringliche der in ihnen geschilderten Natur zum Ausdruck bringen. Einen weiteren Beitrag zum starren Gerüst des Gedichts liefert der fünf-hebige Jambus, der es durchzieht. Als einzige Ausnahme ist der Vers ,,Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab" (II, Strophe 2, Vers 4) zu erwähnen, in dem der Jambus von der daktylischen Betonung des ,,ewigen" - was hierdurch eine herausgehobene Stellung erhält - durchbrochen ist. Während in der Anfangsstrophe noch weibliche und männliche Kadenzen im Wechsel auftreten, sind sie im Folgenden ausschließlich männlich, was dem Gedicht einen unruhigen Anstrich verleiht.
4.2 Gliederung des Gedichts
,,Ophelia" spannt einen relativ großen Zeitbogen und erfasst zugleich eine große räumliche Distanz. Teil I zeigt Ophelia, die in einer urwaldähnlichen, ursprünglichen Natur dahintreibt. Im Gegensatz dazu verläuft der zweite Teil viel prozessualer. Es werden drei weitere Stationen der Stromreise geschildert: zunächst eine ländliche, kultivierte Gegend zur Mittagszeit, dann die bedrohliche, abendliche Stadt und zuletzt eine friedliche Abendstimmung, die übergeht in eine apokalyptische Endvision.
Anhand dieser kurzen Gliederung zeigt sich bereits, dass der Inhalt des Gedichts in starkem Kontrast zur sehr traditionellen Form steht.
4.2.1 Teil I: Urwaldähnliche Natur
Zunächst wird Ophelia in einer ursprünglichen, urwaldähnlichen Naturlandschaft gesehen, der Vers Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt läßt darauf schließen, dass es Abend ist.
Betrachtet man nun zuerst den Satzbau, so fällt vor allem auf, dass die vergleichsweise langen Sätze häufig über das Versende hinausgehen und somit zahlreiche Enjambements verwendet werden12. Diese bringen sehr deutlich das Fließen des Stroms, der Ophelia trägt, sowie das Dahintreiben der Wasserleiche zum Ausdruck. Auffällig sind auch die Zäsuren in Strophe 4 13. Diese lassen den Rhythmus blockend erscheinen, da sie jedoch in Verbindung mit den Enjambements auftreten, wirkt die Strophe sehr unruhig und scheint bereits den zweiten, deutlich hektischeren Teil anzukündigen.
In Bezug auf die Wortwahl lassen sich vor allem zwei Wortfelder erkennen. Zum einen werden gehäuft Begriffe verwendet, die eine Atmosphäre der Dunkelheit und Verwirrung vermitteln14. Zum anderen finden auch viele Begriffe Verwendung, die ein Gefühl des Ekels und Grauens erzeugen, wie dies zum Beispiel bei Wasserratten, vor allem wenn diese sich in der Nähe des Gesichts aufhalten, der Fall ist 15. Betrachtet man den Glühwurm in Strophe 4, so fällt hier eine bewusste Umkehr von traditionell schönen Elementen in solche, die Ekel hervorrufen, auf; das häufig mit Wohlwollen erwähnte Glühwürmchen wird hier durch die Verkürzung zu -wurm bewusst mit etwas Abscheu Erregendem in Verbindung gebracht. Diese Besonderheit sticht auch bei der Beschreibung Ophelias ins Auge:
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten
Das Haar gilt traditionell als Schönheitssymbol und wurde / wird oft genug
besungen. Hier ist es nun aber die Heimat junger Wasserratten und seiner ästhetischen Funktion gänzlich beraubt. Auch in den darauffolgenden Versen lässt sich Ähnliches feststellen:
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Auch hier schimmern noch schwach die einstmals zarten, mit Schmuck verzierten Hände durch; dieses Bild wird jedoch sogleich durch den Vergleich Wie Flossen in den Hintergrund gedrängt und somit jeder Eindruck von Schönheit im Keim erstickt.
Bereits in dieser ersten Strophe fällt die häufige Verwendung des Begriffs ,,Wasser" auf16. Dieses Element scheint die ersten Strophen des Gedichts förmlich zu durchfluten und ist wohl als bestimmend in den Vordergrund gestellt.
Die zweite Strophe bringt vor allem eine Orientierungs- und Hilflosigkeit zum Ausdruck:
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Bereits dieser Eingangsvers zeigt dies sehr deutlich: die personifizierte Sonne irrt, findet schließlich doch ein Ziel, nämlich Ophelias Hirnes Schrein. Durch die Verwendung dieses sakralen Begriffs wird der Sitz des menschlichen Verstandes gleichsam als etwas Ehrwürdiges dargestellt. Doch dieser kurze positive Eindruck weicht sofort den bohrenden Fragen der nächsten Verse:
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Die Wiederholung des Warum17 beherrscht diese Zeilen, das Wort klingt im Ohr nach und verdeutlicht eine absolute Ratlosigkeit, die auch im Folgenden nicht beseitigt werden kann.
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Die Natur erhält durch diese dämonisierende Personifikation nun noch einen zusätzlich bedrohlichen Anstrich. Verstärkt wird dies durch den Vergleich Wie eine Hand18. Dieses Körperteil kann wohl vor allem in diesem Kontext als Zeichen der Macht und Unbeugsamkeit gesehen werden.
Die letzte Strophe schließlich mit ihren parallel gebauten Sätzen, die durch den Zeilensprung gleichmäßig betont werden, mutet als eine Art Coda an19. Ekelerregende Tiere nehmen die vielleicht bedeutendsten Stellen des menschlichen Körpers ein: der Aal Schlüpft über ihre Brust, die als Sitz des Herzens betrachtet werden kann, während es sich der Glühwurm Auf ihrer Stirn bequem gemacht hat, ihres Zeichens Heimat des Verstandes. Nichtsdestotrotz weist dies darauf hin, dass Ophelia in den Kreislauf des Lebens eingebettet wird, wie dies auch bereits die jungen Wasserratten, die vermutlich in ihrem Haar geboren wurden, andeuten.
In diesem ganzen düsteren Umfeld erscheint allein die Weide angenehm zu sein, die aus Mitleid mit Ophelia Das Laub auf sie und ihre stumme Qual weint20. Doch während Shakespeares Ophelia noch singend unterging, ist Heyms Wasserleiche stumm und kann ihrem Tod nichts von dessen Grauen nehmen.
4.2.2 Strophen 5 und 6: ländliche Gegend
Teil II setzt sich sehr deutlich von den vorhergehenden Strophen ab. Die Umgebung ist nun eine völlig andere. Ophelia befindet sich in einer ländlichen, kultivierten Gegend, es ist ein heißer Sommermittag. Auch der Satzbau spiegelt diese Veränderung: im Gegensatz zu Teil I herrschen jetzt kurze Sätze vor, deren Enden mit den Versgrenzen übereinstimmen; zum Teil werden auch Einzelwortsätze und Ellipsen verwendet. Erst in den letzten drei Versen der Strophe 6 lässt sich wiederum ein längerer Satz finden, verbunden mit den einzigen Enjambements in diesem Abschnitt. Nachdem die Reise Ophelias in Strophe 5, die sich durch ihren stauenden Rhythmus auszeichnet, gewissermaßen zum Stillstand gekommen ist, deutet sich jetzt an, dass trotz der Idylle dieses Abschnitts die Fließbewegung wieder einsetzt und Ophelias Fahrt weitergeht.
Doch auch die Wortwahl setzt sich deutlich von dem ersten Abschnitt des Gedichts ab. Wurde vorher eine eher düstere Atmosphäre geschaffen, so herrschen jetzt positiv besetzte Begriffe wie Saaten, still, sanft und Traum vor. Gerade das zuletzt erwähnte Wort zeigt auch, dass in diesen Strophen traditionelle lyrische Elemente Verwendung finden (Schwäne, Melodien, Kuss), die den Eindruck der Harmonie noch verstärken. Es wird somit ein Gegenbild zu Teil I geschaffen, was sich auch deutlich anhand direkter Gegensätze feststellen lässt. Zum einen werden nun aus dem dämonischen Wind gelbe Winde, die zwar ebenfalls personifiziert werden, aber dennoch friedlich wirken (sie schlafen still). Zum anderen werden den ekelerregenden, dunklen Fledermäusen weiße Schwäne gegenübergestellt, was natürlich auch einen deutlichen Farbkontrast darstellt.
Hinzu kommt, dass sich die Darstellung dieser ländlichen Gegend als regelrecht farbenfroh bezeichnen ließe. In den acht Versen lassen sich fünf Farbausdrücke finden, allesamt helle, freundliche Farben: rot, gelb, weiß, blau und Karmoisin. Bei Betrachtung der Verwendung dieser Farben fällt eine Besonderheit auf: sie werden aus ihrer semantischen Determination als Eigenschaftswörter gelöst und selbst Bedeutungsträger. So bezieht sich das Rot in des Mittags roter Schweiß nicht auf das nachfolgende Substantiv, sondern bringt selbst die roten Bauerngesichter zum Ausdruck; korrekt müsste es also heißen: der Schweiß auf roten Bauerngesichtern. Bei dieser sprachlichen Besonderheit kann man von einer Verkürzung sprechen21. Zusätzlich handelt es sich hier um eine Genitivmetapher, da das Genitivobjekt vorangestellt ist (ebenso bei Der Felder gelbe Winde, Der Schwäne Fittich und eines Kusses Karmoisin).
Auch der Vers Und bei der Sensen blanken Melodien weist eine sprachliche
Besonderheit auf, nämlich eine Synallage. An sich müsste sich das Adjektiv ,,blank" die Sensen genauer bestimmen, aufgrund dieser Wortstellung ist aber nicht festzustellen, ob es sich nun auf das vorangehende Substantiv oder doch auf die Melodien bezieht.
Auffällig verändert wirkt auch die Wasserleiche. Erschien sie vorher noch
abstoßend entmenschlicht, so wird jetzt ein regelrecht schönes Bild von ihr entworfen. Ihre blauen Augen finden Erwähnung, und sie träumt friedlich von ihrer Erlösung in dieser idyllischen Gegend (somit wird auch eine Art Innensicht Ophelias gegeben). Doch diese Sehnsucht ist eine Illusion: der Vers Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab zeigt bereits die Unmöglichkeit einer Erfüllung. Denn ein ewiger Traum wird nie in Erfüllung gehen und stets Traum bleiben.
4.2.3 Strophen 7 bis 10: Die Stadt
In den vorhergehenden Versen wird bereits angekündigt, was nun die Strophen der Stadt einleitet: Vorbei, vorbei. Räumlich verstanden treibt Ophelia also an der friedlichen Landschaft einfach vorbei, doch auch ihr Traum ist aus und jeglicher Basis beraubt.
Nun werden gänzlich andere Töne angeschlagen. Der Satzbau ist stakkato-artig abgehackt und scheint das Stampfen einer gewaltigen Industriestadt wiederzugeben. Wiederum lassen sich vor allem in den ersten beiden Strophen häufig Enjambements finden, die jedoch gepaart mit den zahlreichen Zäsuren (die bis zur Hälfte der achten Strophe jeden Vers zerteilen) einen sehr unruhigen Rhythmus schaffen.
Auch die Wortwahl ist nun ins Bedrohliche gesteigert. Zunächst kündigt sich die Stadt (denn durch den Plural Städte wird deutlich, dass es sich hier um das Wesen der Stadt an sich handelt) vor allem durch ihren Lärm an, der durch viele dementsprechende Ausdrücke betont wird. Besonders in den Strophen sieben und acht werden immer wieder Begriffe wie dröhnt, Schall und Widerhall verwendet22. In diesem Überfluss der Sinneseindrücke gehen zwei kleine Wörter völlig unter, nämlich der sakrale Ausdruck Glocken und Geläut; für derartige Dinge scheint jedoch im Getümmel der Stadt kein Platz zu sein.
Auffällig ist auch die gehäufte Verwendung bedrohlich-dynamischer Verben wie zwingt, droht, dräut, jagt und schattet, die ein weiteres Wortfeld noch zu verstärken scheinen, nämlich jenes, das Zwang und Unterdrückung zum Ausdruck bringt (hierzu gezählt werden können Dämme, zwingt, Tyrann, Knechte, Last, Ketten und harter Bann).
Die eingangs erwähnten Zäsuren unterstreichen besonders die parallel gebauten Wo-Sätze:
Vorbei, vorbei. | Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. | Wo durch Dämme zwingt
(...)
Mit weitem Echo. | Wo herunter tönt
(...)
Maschinenkreischen. | Kampf. | Wo westlich droht
Hervorgehoben durch diese stilistischen Besonderheiten scheint man fast nur noch dieses bohrende Wo zu hören, das eine ungeheure Ziel- und Orientierungslosigkeit zum Ausdruck bringt. Zusätzlich lassen sich sehr viele w-Laute finden, die diesem Abschnitt des Gedichts einen klagenden Anstrich verleihen. Die Stadt ist geprägt von Leid und Kampf - dem täglichen Kampf jeder gegen jeden.
Während die Stadt sich zunächst aus der Ferne durch Lärm ankündigt, verengt sich die Perspektive nun immer weiter, bis zuletzt ein Kran das Blickfeld einnimmt. Auf diesen werden gleich drei dämonisierende Metaphern gehäuft:
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Dieser hyperbolische Bilderreichtum lässt den Kran (der hier als Sinnbild der Technik der Industriestadt aufgefasst werden kann) als drohende Urgewalt erscheinen. Verstärkt wird dies zum einen durch die Archaismen dräut und Moloch, die eine fast ,,ursprüngliche" Macht assoziieren lassen, sowie durch die Verwendung des wiederum sakralen Begriffs knien: aus dem christlichen Kontext herausgelöst scheint dieses Wort zu zeigen, dass die Stadt ihre eigene Metaphysik geschaffen hat.
In dieser ganzen Bilderflut bleibt Ophelia unerwähnt - sie scheint im Lärm der Stadt einfach zu verschwinden. Erst in Strophe 10 findet sie wieder Erwähnung, jedoch ist sie Unsichtbar23. Der völlig entmenschlichte und jeglicher Individualität beraubte Menschenschwarm (ein Begriff, der eher auf die Fledermäuse des ersten Teils zutreffen würde) ist so beschäftigt mit seinem eigenen Harm, dass er keinen Blick hat für die vorbeitreibende, unglückliche Wasserleiche. Von den Menschen scheint Ophelia kein Mitleid zu erwarten zu haben.
4.2.4 Strophen 11 und 12: Friedliche Abendstimmung und visionäres Ende
Der letzte Abschnitt des Gedichts - der sich zwischen Strophe 11 und 12 wiederum unterteilen ließe - wird erneut eingeleitet durch Vorbei, vorbei. Auch an der Stadt, die durch diese symmetrische Anordnung eingerahmt wird, treibt Ophelia also vorbei.
In Strophe 11 lassen sich noch zwei Enjambements finden24, die Fließbewegung erscheint aber bereits verlangsamt. Die Wortwahl ist durchaus als positiv zu bezeichnen (Dunkelgrün der Wiesen, zarte Müdigkeit), jedoch bereits geprägt von einer endzeitlichen Stimmung. Der dem sakralen Bereich entstammende Ausdruck weiht ruft diese ebenso hervor wie folgende Anspielungen auf die Apokalypse: Der westlich hohe Tag des Sommers spät sowie Des fernen Abends. Beide Wendungen werden besonders betont durch den parallelen Bau der Verse eins mit zwei sowie drei mit vier (lässt man nun einmal das Vorbei, vorbei außer Acht) einerseits, und der Inversionen, die die Boten der Apokalypse an das Satzende stellen andererseits.
Der Übergang zur letzten Strophe erscheint wie ein Sprung, wie auch überhaupt der Stil dieser letzten acht Verse raffend wirkt, wie ein Resignieren, da scheinbar auch die letzte Hoffnung verloren ist.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Nicht Ophelia, sondern der Strom steht in dieser letzten Strophe im Vordergrund, die Leiche wird zum Objekt, das immer wieder unerlöst unter dem winterlichen Eis des Flusses dahintreiben muss.
Die Zeit hinab.
Abgesondert steht diese Ellipse, betont durch die nachfolgende Zäsur führt sie schonungslos vor Augen, dass es kein Ende dieser Zeit gibt. Diese Unendlichkeit wird noch verstärkt durch die im selben Vers genannten Ewigkeiten: die Pluralbildung macht deutlich, dass es die Ewigkeit im christlichen Sinn an sich gar nicht mehr gibt und somit auch keine Erlösung.
Das Gedicht endet mit dem beinahe visionären Bild
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
Diese Metapher erinnert an das biblische Jüngste Gericht, ein Ende in Feuer und Rauch. Doch es ist zugleich ein Neuanfang, genauso wie auch dieses apokalyptische Bild als ambivalent bezeichnet werden kann: es ist zugleich Sonnenaufgang und -untergang, Anfang und Ende. Es bleibt die Hoffnung auf eine andere Welt, die besser ist.
5. Vergleich Rimbaud - Heym
Stellt man nun zuletzt Heyms Ophelia und das symbolistische Gedicht Rimbauds einander gegenüber, so ist einerseits eine gewisse Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Wie bereits im Gedicht des französischen Dichters wird Ophelia aus ihrem Kontext gelöst und als zeitlos dargestellt. Sie treibt endlos unerlöst durch die Zeiten. Auch die Rolle der Natur ist ähnlich: sie nimmt in beiden Gedichten Anteil am Schicksal der Wasserleiche (bei Heym jedoch in Kontrast zur mitleidlosen Stadtbevölkerung). Zuletzt sei noch die Weide zu nennen, die bereits bei Shakespeare auftaucht und sowohl bei Rimbaud als auch bei Heym Erwähnung findet.
Dem gegenüber stehen jedoch viele Veränderungen des expressionistischen Lyrikers, die vor allem durch dessen Epochenbezug bedingt sind.
Um erneut auf die Natur zurückzukommen, fällt auf, dass diese bei Rimbaud stilisiert und angenehm erscheint, während vor allem Heyms anfängliches Naturbild abstoßend wirkt und geradezu dämonisiert wird. Diese Tendenz zum Ekelerregenden hin ist auch in der Darstellung Ophelias greifbar. War sie Ende des 19. Jahrhunderts noch ,,einer großen weißen Lilie gleich" und ihr Tod nahezu von Schrecken befreit, wird sie vierzig Jahre später bewusst mit unangenehmen Dingen wie Wasserratten, Flossen und Ähnlichem in Verbindung gebracht25. Diese Ästhetik des Häßlichen, vor allem bedingt durch den Protest gegen Georges Ästhetizismus26, ist typisch für den Expressionismus. Die Dichter dieser Zeit - und somit auch Heym - wenden sich bewusst gegen die Verschleierung und Verklärung der Wirklichkeit, ihr Ziel ist es nicht, schöne Bilder zu schaffen, sondern aufzurütteln, um eine Veränderung zu erreichen.
Bei weiterer Betrachtung der Figur Ophelias fällt auch auf, dass sie bei Heym ihre Individualität verliert; kein einziges Mal wird ihr Name erwähnt, während sie in Rimbauds ,,Ophélie" wiederholt direkt angesprochen wird. Hier zeigt sich ein weiterer expressionistischer Zug im Werk Heyms: Individuelles Schicksal wird ,,unter dem Gesichtspunkt kollektiven Fatums"27 gesehen.
Natürlich ist auch die Umgebung der Wasserleiche eine gänzlich andere. 1910 wurde - verständlich für diese Zeit, die so sehr darunter litt - von Heym die Großstadtproblematik, ein zentrales Thema des Expressionismus, hinzugefügt. Für den Dichter, der im Alter von dreizehn Jahren zusammen mit seiner Familie nach Berlin zog und sehr befremdet von diesem von der Industrialierung geprägten Ballungsraum war, ist ,,die Stadt (...) die Inkarnation jener modernen Todeslandschaft, zu der die ganze Welt geworden ist"28. Sie wird dargestellt als Ort der Ich-Zerstörung und bedeckt mit einer wahren Bilderflut, die sie als bedrohlich und dämonisch erscheinen lässt29. Aus der bereits erwähnten eigenen ,,Metaphysik" der Stadt, die eine christliche oder durch höhere Gewalten bedingte Weltordnung ablöst, folgt
natürlich auch, dass eine wie bei Rimbaud vollzogene Verewigung der Toten
durch das Wort des Dichters nicht mehr erfolgen kann. Heym kann sich nicht mehr auf eine ,,Rechtfertigung" durch eine höhere Instanz berufen und hat somit auch die Macht, zu verewigen, verloren. Wie bereits Nietzsche in seinem ,,Hinfall der kosmologischen Werte" konstatiert, hat die Welt ihr Wertgefüge sowie ihr Eingebundensein in metaphysische Zusammenhänge verloren.
Heyms Gedicht ist das Produkt einer unsicheren Zeit, die vor allem geprägt ist von der Angst vor der rasanten Veränderung der Welt. Und wie in manchen anderen Werken ist Ophelias Botschaft auch hier folgende:
,,Der Wunsch, nach Hause zu gelangen, ist der Wunsch, der Fremde zu entrinnen und damit der Entfremdung."30
6. Die entgöttlichte Welt
Wie Ophelia hat sich wohl auch Heym nach einer anderen Welt , nach einer Erlösung gesehnt. Auf seinem Grabstein sollte nach seinem Willen nichts stehen als: KEITAI - Er schläft, er ruhet aus.
Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung.
Als man die Leiche des Ertrunkenen geborgen hatte, wurde sie in die Leichenhalle eines Selbstmörderfriedhofs gebracht. Heyms Grab in Charlottenburg ,,wurde nach Ablauf der dreißigjährigen Frist 1942 aufgelassen und der Grabstein entfernt, da sich niemand mehr um das Grab kümmerte - es war Krieg und der Dichter Georg Heym war während des Nationalsozialismus in Vergessenheit geraten."31
Dies scheint ein trauriges Ende zu sein für einen Mann, der einst apokalyptische Visionen vor Augen und die Hoffnung auf eine geläuterte Welt im Herzen hatte.
7. Anhang
Auszug aus
Shakespeare: Hamlet
Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach
Und zeigt im klaren Strom sein grünes Laub,
Mit welchem sie phantastisch Kränze wand
Von Hahnenfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen.
Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit, und trugen sie
Sirenengleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt′ es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlammgen Tod.
Arthur Rimbaud: Ophelia
I.
Auf stiller, dunkler Flut, im Widerschein der Sterne,
geschmiegt in ihre Schleier, schwimmt Ophelia bleich,
sehr langsam, einer großen weißen Lilie gleich.
Jagdrufe hört man aus dem Wald verklingen ferne.
Schon mehr als tausend Jahre sind es,
daß sie, ein bleich Phantom, die schwarze Flut hinzieht,
und mehr als tausend Jahre flüstert schon sein Lied
ihr sanfter Wahnsinn in den Hauch des Abendwindes.
Die Lüfte küssen ihre Brüste sacht und bauschen
zu Blüten ihre Schleier, die das Wasser wiegt.
Es weint das Schilf, das sich auf ihre Schulter biegt.
Die Weiden über ihren hohen Stirne rauschen.
Im Schlummer einer Erle weckt sie hin und wieder
Ein Nest, aus dem kleines Flügelflattern schlägt.
Die Wasserrosen seufzen, wenn sie sie bewegt.
Ein Weiheklang fällt von den goldnen Sternen nieder.
II.
Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön,
die du, ein Kind noch, starbst in Wassers tiefem Grunde:
weil dir von rauher Freiheit ihre leise Kunde
die Stürme gaben, die von Norwegs Gletschern wehn.
Weil fremd ein Föhn, der dir die Haare peitschte, kam
Und Wundermär in deinen Träumersinn getragen;
weil in dem Seufzerlaut der Bäume und im Klagen
der Nacht dein Herz die Stimme der Natur vernahm.
Weil wie ein ungeheures Röcheln deinen Sinn,
den süßen Kindersinn, des Meeres Schrei gebrochen;
weil schön und bleich ein Prinz, der nicht ein Wort gesprochen,
im Mai, ein armer Narr, dir saß zu deinen Knien.
Von Liebe träumtest du, von Freiheit, Seligkeit;
du gingst in ihnen auf wie leichter Schnee im Feuer.
Dein Wort erwürgten deiner Träume Ungeheuer.
Dein blaues Auge löschte die Unendlichkeit.
III.
Nun sagt der Dichter, daß im Schoß der Nacht du bleich
die Blumen, die du pflücktest, suchst, in deine Schleier
gehüllt, dahinziehst auf dem dunklen, stillen Weiher,
im Schein der Sterne, einer großen Lilie gleich.
Bertolt Brecht
Vom ertrunkenen Mädchen
Als sie ertrunken war und hinunterschwamm
Von den Bächen in die größeren Flüsse
Schien der Opal des Himmels sehr wundersam
Als ob er die Leiche begütigen müsse.
Tang und Algen hielten sich an ihr ein
So daß sie langsam viel schwerer ward
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.
Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
Und hielt nachts mit den Sternen das Licht in Schwebe.
Aber früh war er hell, daß es auch
Noch für sie Morgen und Abend gebe.
Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war,
Geschah es (sehr langsam), daß Gott sie allmählich vergaß
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.
Enstanden 1926
,,Seine Einsichten drängten (...) [Brecht] immer wieder dazu, das zu zerstören, was ihm als eine Versöhnung mit der widerspruchsvollen Wirklichkeit erschien. Er desillusionierte, während die Expressionisten neue Illusionen weckten."
Schuhmann, Klaus: Der Lyriker Bertolt Brecht 1913 - 1933. München 1971, S.61
(zitiert nach: Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung. Bern 1985, S.106)
Peter Huchel
Ophelia
Später, am Morgen,
Gegen die weiße Dämmerung hin,
Das Waten von Stiefeln
Im seichten Gewässer,
Das Stoßen von Stangen,
Ein rauhes Kommando,
Sie heben die schlammige
Stacheldrahtreuse.
Kein Königreich,
Ophelia,
Wo ein Schrei
Das Wasser höhlt,
Ein Zauber
Die Kugel
Am Weidenblatt zersplittern läßt.
Erschienen 1972
,,Der Sakralisierung antwortet in jüngster Zeit eine Historisierung, die freilich nur dadurch gelingt, daß das Ophelia-Motiv nicht mehr zum alleinigen Zweck des Gedichts wird, vielmehr nur noch einen poetischen Hintergrund darstellt, auf den die im Zentrum stehende Aussage mehr oder weniger direkt bezogen werden kann."
Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung. Bern 1985, S. 155
8. Literaturverzeichnis
1. Texte
Heym, Georg: Ophelia; in: Georg Heym: Dichtungen und Schriften.
Bd.1: Lyrik. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider. Hamburg/ München 1964. S. 160-162
2. Forschungsliteratur
Blume, Bernhard: Das ertrunkene Mädchen. Rimbauds ,,Ophélie" und die deutsche Literatur. In: B.B.: Existenz und Dichtung. Essays und Abhandlungen. Ausgew. von Egon Schwarz. Frankfurt a. M. 1980, S.258-274
Heydebrand, Renate von: Georg Heym - Ophelia. In: Gedichte der Menschheitsdämmerung. Interpretationen expressionistischer Lyrik. Hrsg. von Horst Denkler. München 1971, S. 33-55
Heym, Georg: Dichtungen und Schriften. Band 3: Tagebücher Träume Briefe. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider. Hamburg 1960
Heym, Georg: Dichtungen und Schriften. Band 6: Dokumente zu seinem Leben und Werk. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider und Gerhard Burkhardt. Hamburg 1968
Hinck, Walter: Georg Heym - Ophelia. In: Gedichte und Interpretationen. Bd. 5: Vom Naturalismus bis zur Jahrhundertmitte. Hrsg. von Harald Hartung. Stuttgart 1983, S. 128-137
Mautz, Kurt: Mythologie und Gesellschaft im Expressionismus. Die
Dichtung Georg Heyms. Bern 1961
Schneider, Karl Ludwig: Der bildhafte Ausdruck in den Dichtungen Georg Heyms, Georg Trakls und Ernst Stadlers. Heidelberg 1954
Schneider, Karl Ludwig: Georg Heym. In: Deutsche Dichter der Moderne. Hrsg. von Benno von Wiese. Berlin 1965, S.361-378
Schneider, Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags. Georg Heym. Sein Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen. Glinde 2000
Vietta, Silvio / Hans-Georg Expressionismus. München 1975, S. 11-61
Kemper:
Vietta, Silvio (Hg.): Lyrik des Expressionismus. 4., verb. Auflage. Tübingen 1999
Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung. Bern 1985
1 Schneider, Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags. Georg Hym. Sein Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen. Glinde 2000, S. 205
2 Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider. Band 3: Tagebücher Träume Briefe. Hamburg 1960, S. 185
3 Heinrich Eduard Jacob über Georg Heym. In: Georg Heym: Dichtungen und Schriften. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider. Band 6: Dokumente zu seinem Leben und Werk. Hamburg 1968, S. 82 /83
4 Schneider Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags, S. 16
5 Schneider Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags, S. 31
6 ,,Am liebsten wäre ich, man denke sich, Kürassierleutnant, - heute - und morgen wäre ich am liebsten Terrorist.(...) Es hätte für mich nur einen Platz gegeben, wo ich mich wohlgefühlt hätte, ich hätte ein Kaiser sein müssen", Tagebucheintrag aus dem Oktober 1911 - Schneider Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags, S. 18
7 Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung. Bern 1985, S.13
8 Würffel, Stefan Bodo: Ophelia, S. 13
9 Mit der ,,Entgöttlichung des Himmels, und dieser schloß ja den Dichter mit ein, [verlor] die Muse und mit ihr die Dichtung zwar noch nicht ihre Funktion, wohl aber ihre Legitimation durch eine höhere Instanz"; Würffel, Stefan Bodo: Ophelia, S. 14
10 Würffel, Stefan Bodo: Ophelia, S. 14
11 Würffel, Stefan Bodo: Ophelia, S. 18
12 Durch Enjambements verbunden sind in Strophe eins die Verse 2 bis 4, in Strophe 2 die Verse 3 und 4, in Strophe 3 die Verse 1 und 2 sowie 3 und 4; in Strophe 4 sind sämtliche Verse durch Zeilensprung verbunden.
13 Wie Nachtgewölk.|Ein langer, weißer Aal / Schlüpft über ihre Brust.|Ein Glühwurm scheint / Auf ihrer Stirn|Und eine Weide weint ; Zäsuren lassen sich auch vorher finden: Warum sie starb?| Warum sie so allein und Im dichten Röhricht steht der Wind.|Er scheucht. Diese unterbrechen bereits die durch die Enjambements versinnbildlichte Fließbewegung und lassen diese in der letzten Strophe des ersten Teils gänzlich zum Erliegen kommen.
14 Im Einzelnen sind dies die Begriffe Schatten, Urwalds, Dunkel, irrt, verwirrt, dichten Röhricht, dunklem, Rauch und dunklen.
15 Desweiteren sind zu erwähnen: Flossen, Fledermäuse, langer,weißer Aal und Glühwurm.
16 Das Wort ,,Wasser" erscheint in diesen ersten vier Strophen fünf Mal (Kombinationen mitgezählt); in weiterem Sinne können auch die Begriffe ,,Flut" und ,,feucht" mitgerechnet werden.
17 Und dies noch dazu an herausgehobenen Stellen: am Versbeginn sowie nach einer Zäsur und somit noch stärker betont.
18 Heym bedient sich vor allem in diesem Abschnitts sehr häufig eines Wie-Vergleichs (an sich ein traditionelles lyrisches Element): Wie Flossen, Wie eine Hand, wie Rauch und Wie Nachtgewölk
19 Vgl. Heydebrandt, Renate. In: Gedichte der Menschheitsdämmerung. Interpretationen expressionistischer Lyrik. Hrsg. von Horst Denkler. München 1971, S. 38
20 Hierbei handelt es sich wiederum um eine Personifikation.
21 Dies ist auch der Fall bei gelbe Winde und Die blauen Lider.
22 Weitere ,,akustische" Ausdrücke sind: erklingt, Echo, tönt, Hall, Glocken und Geläut und Maschinenkreischen.
23 Dieses Wort wird durch eine Inversion an den Satzanfang gestellt und somit betont.
24 Und zwar zwischen Vers 1 und 2, sowie zwischen den Versen 3 und 4.
25 Heym fügt dem ursprünglichen Ophelia-Motiv ,,eine Verschärfung der Todesmotivik, eine Verhärtung der Beschreibung, die den Übergang vom Schönen zum Häßlichen in Form einer harten Fügung unterstreicht", hinzu - Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung, S. 65
26 Heym richtete sich ,,gegen Verklärung der Abgründe des Lebens durch poetische Schönheiten". - Heydebrand, Renate von in: Gedichte der Menschheitsdämmerung, S. 51
27 Heydebrand, Renate von in: Gedichte der Menschheitsdämmerung, S. 51
28 Vietta, Silvio / Hans-Georg Kemper: Expressionismus. München 1975, S. 59
29 Die ,,dissoziierte Wahrnehmungsstruktur der Großstadt [schlägt sich] als dissoziierte Reihung heterogener Bilder nieder". - Vietta, Silvio / Hans-Georg Kemper: Expressionismus, S. 41)
30 Würffel, Stefan Bodo: Ophelia. Figur und Entfremdung, S. 19
31 Schneider, Nina (Hg.): Am Ufer des blauen Tags, S. 206
Arbeit zitieren:
Agathe Schreieder, 2004, Heym, Georg "Ophelia" - Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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