Universität Potsdam - Philosophische Fakultät
Seminar „Grundformen des ethischen Denkens“
Sommersemester 2002
Edle Freundschaft
Freundschaft und Selbstliebe in der Nikomachischen Ethik
Markus J. Roick
8. FS Politische Wissenschaft M.A. (Philosophie, Volkswirtschaftslehre)
2 Markus Roick: Edle Freundschaft
Abstract
In einer Freundschaft ist es angemessen, um das Wohl des Freundes willen zu handeln. Zugleich aber ist eine Freundschaft nicht gegen das eigene Interesse gerichtet. Damit besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Altruismus und Egoismus in der Freundschaft. Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass in den Freundschaftsbüchern der Nikomachischen Ethik (Buch 8 und 9) dieses Spannungsverhältnis dadurch aufgelöst wird, dass Aristoteles einen
Handlungsbegriff verwendet, der nicht alleine instrumentelle Handlungen (poiêsis) kennt, sondern auch Handlungen, die ihr Ziel im Vollzug der Handlungen haben (praxis). Zu diesen zählen auch Handlungen aus Freundschaft, während altruistische Handlungen instrumentelle Handlungen darstellen. Damit ergibt sich in der Freundschaft eine der Tugend ähnliche Struktur, in der nach einer Entscheidung für die Freundschaft eine angemessene und auf das Edle gerichtete Entscheidung in konkreten Handlungssituationen herbeigeführt wird. Die Orientierung am Edlen führt dazu, dass Freundschaftshandlungen altruistische Gestalt annehmen können, auch wenn die Entscheidung zur Freundschaft auf die eigene eudaimonia gerichtet ist. Das setzt allerdings eine Behandlung der Formen der Freundschaft (2.), der Klärung der Beschreibung des Freundes als anderer er selbst (allos autos, 3.) und des Zusammenlebens (suzên, 4.) voraus. Anschließend wird eine Begründung nachvollzogen, warum der aristotelische Freundschaftsbegriff nicht egoistisch ist (5.), bevor die Überlegungen in ein entsprechendes Handlungsmodell integriert werden können (6.).
3
Markus Roick: Edle Freundschaft
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung 4
2 Die Formen der Freundschaft 7
3 Der Freund als alter ego 9
4 Das Zusammenleben 13
5 Die edle Selbstliebe 17
6 Edle Freundschaft 22
7 Zusammenfassung und Ausblick 27
8 Verzeichnis der verwendeten Literatur 29
8.1 Primärliteratur 29
8.2 Sekundärliteratur S 31
4 Markus Roick: Edle Freundschaft
1 Einleitung und Fragestellung
„Denn keiner möchte ohne Freunde leben, auch wenn er alle übrigen Güter besäße.“ (8.1.1155a4-6) 1 . Dieser Satz aus den Freundschaftsbüchern in der Nikomachischen Ethik ist auch heute noch gültig. Der Mensch ist ein zoon politikon, für dessen gutes Leben eine Vielzahl sozialer Beziehungen konstitutiv sind. Und die Freundschaft als eine Verschmelzung zu einem Herz und einer Seele ragt aus der Menge dieser Beziehungen aufgrund ihre Tiefe heraus, heutzutage vielleicht sogar noch mehr als früher, da andere soziale Bindungen abgenommen haben (Friedman 1997, 235). Die moralische Bedeutung der Freundschaft jedoch wird nicht so vorbehaltlos anerkannt, vielfach sogar abgestritten. Ausgehend von einem kantischen Bild der Moral sind einige moralisch relevanten Fragen über die Freundschaft schlichtweg nicht zufriedenstellend zu beantworten: inwieweit stehen meine allgemeinen Verpflichtungen als Mensch zu meinen Verpflichtungen als Freund im Gegensatz? Inwieweit ist die Sorge um meinen Freund überhaupt genuin, inwieweit nur Spiegelung der Sorge um mein eigenes Wohl? Diese Probleme haben dazu geführt, dass Freundschaft längere Zeit in der Moralphilosophie nicht die Beachtung gefunden hat, die sie verdient hat- und dass das erwachende neue Interesse an diesem sozialen Kernstück des Menschseins interessanterweise von tugendethisch geprägten Moralphilosophien kommt. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Monographie „Friendship, Altruism and Morality“ von Lawrence Blum (Blum 1980) und der von Michael Stocker publizierte Aufsatz „The limits of Teleology and the Ends of Friendship“ (Stocker 1981) 2 .
Diese Arbeit wird sich mit dem Problem beschäftigen, inwieweit Freundschaften genuin altruistisch sind oder nur Ausdruck eines Eigeninteresses. Diese Spannungen einer Freundschaft finden sich in den Freundschaftsbüchern des Aristoteles beschrieben, wo man den Freund um seiner selbst willen lieben soll; zugleich ist es aber richtig, sich selbst am meisten zu lieben. Anfangs wurde diese Spannung dahingehend aufgelöst, dass die Freundschaft vorwiegend egoistisch interpretiert wurde, beispielsweise durch Allan 1955.
1 Im folgenden werden Zitate aus Aristoteles 1998a mit Buch, Kapitel und Bekkersche Zahl wiedergegeben.
2 Eine weitere von einem tugendtheoretischen Ansatz her argumentierende Arbeit ist: Slote 1982.
Erwähnenswert ist noch Telfer 1970. Für feministische Literatur siehe Friedman 1997, 235. Ausdruck des
neuen Interesses an Freundschaft sind unter anderem Badhwar 1993, Pakaluk 1991. Siehe auch Helm 2001,
1f. für weitere Angaben zur Freundschaftsliteratur.
5 Markus Roick: Edle Freundschaft
Dieses Verhältnis hat sich aber im Lauf der siebziger Jahre umgedreht, so dass jetzt altruistische Interpretationen dominieren 3 . Beide Interpretationsrichtungen können sich aber auf entsprechende Textstellen berufen. Dieses „Aristotelean Puzzle“ (Calhoun 1990, 1) aufzulösen ist das Ziel dieser Arbeit. Dazu wird nach einer kurzen Darstellung der verschiedenen Formen der Freundschaft (2.) die vollkommene Freundschaft näher untersucht, vor allem im dritten Kapitel die Bestimmung des Freundes als anderer er selbst (allos autos), bzw. als alter ego (Cicero 1993) und im vierten Abschnitt das Zusammenleben (suzên), beides im Spannungsverhältnis zur Selbstliebe. Daran schließt sich zuerst eine negative Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Altruismus und Egoismus an (5.): Freundschaft ist keine Form des Egoismus. Dieser Teil wird sich vorwiegend auf die Arbeit von Kraut 1991 konzentrieren, die wohl die umfangreichste Verteidigung der Freundschaftsbücher von Aristoteles gegen den Vorwurf des Egoismus darstellt (Schulz 2000, 279). Im Rahmen der Besprechung des moralischen Wettbewerbs werden aber zugleich die Probleme dieser Interpretation aufgezeigt. Anschließend soll im sechsten Kapitel eine positive Antwort gegeben werden, indem über das aristotelische Handlungsmodell die Aporie in der praxis gelöst wird. Handlungen erfolgen demzufolge primär aus Freundschaft und nicht um das Wohl des Freundes willen.
Zuvor aber einige Anmerkungen 4 zu den Begriffen von Altruismus und Egoismus. Beide sollte man mit Vorsicht verwenden, da es im antiken Griechenland keine äquivalenten Konzepte gab (Rogers 1994, 291) und in dieser Arbeit in ihrer modernen Form gebraucht werden. Dabei gab und gibt es immer wieder Tendenzen, den „Egoismus“ zu weit zu fassen, indem man im Sinne einer reduktionistischen Theorie alle selbstreferentiellen Tendenzen damit vereinnahmt (Kahn 1981, 26f). Für die Diskussion der Freundschaft als altruistisches Phänomen wäre das fatal: Freundschaft ist immer auf das eigene Sein bezogen, denn ich kenne nicht einen Freund, sondern immer nur meinen Freund. Dieser Bezug auf das „Ich“ ist aber von den Spielarten des Egoismus zu unterscheiden 5 . Als Arbeitsbegriff von Egoismus und Altruismus kann man deshalb folgende Definitionen festhalten: Egoismus ist die Lehre, dass eine Person keinen Grund zu handeln hat, wenn die Handlung nicht in irgendeiner Weise in ihrem Interesse liegt (so auch Annas 1989,
3 Dennoch gibt es noch vereinzelte egoistische Interpretationen, so zum Beispiel Ray 1989a und 1989b,
sowie Gottlieb 1996.
4 Für weiterführende Betrachtung zum Altruismus siehe zum Beispiel Nagel 1998.
5 Mit ein Grund, warum die I-desires von Williams (Williams 1978, 398f.) in dieser Arbeit nicht verwendet
werden: in Bezug auf die aristotelische Diskussion verlieren sie ihren Sinn. Siehe hierzu Annas 1977, 543.
6 Markus Roick: Edle Freundschaft
535). Dabei können sich scheinbar altruistische Taten als egoistisch erweisen. Schenke ich einem Bettler Geld, mag das altruistisch scheinen; tue ich dies nur, weil ich mich nach dem Lob dafür sehne, ist es eine egoistische Handlung. Altruismus hingegen soll verstanden werden als die Lehre, dass die Handlung einer Person auf das Wohl einer anderen Person um seiner selbst willen 6 gerichtet ist (ebenda). Abzugrenzen ist er dabei von der Nächstenliebe oder vom allgemeinen Wohlwollen (general benevolence), das sich auf alle Menschen richtet. Strenggenommen sollte man deshalb vom „self-referential altruism“ (Kahn 1981, 20) 7 sprechen, verkürzt wird das im folgenden aber als „altruistisch“ wiedergegeben.
Grundlage dieser Arbeit ist die Nikomachische Ethik in der Übersetzung von Olaf Gigon. Die Eudamonistische Ethik wird nur ergänzend herangezogen, ein Bezug auf die Magna Moralia, die in ihrer Echtheit umstritten ist 8 , ist nicht notwendig. Andere Schriften des Aristoteles wie die Politik oder die Rhetorik dienen bei bestimmten Exkursen als zusätzliches Material. Dabei kann diese Arbeit leider nicht den Begriff der Freundschaft zur Gänze erfassen, wichtige Bereiche wie Eros und Freundschaft (dazu Price 1989, 236-249), Freundschaft in der Familie (Belifiore 2001), die politische Freundschaft (Price 1999, Derrida 2000), das Verhältnis zur Gerechtigkeit (Cropsey 1977) und die Freundschaften unter Ungleichen bleiben außen vor. Zentral ist hingegen für diese Arbeit die Frage: inwieweit ist Freundschaft altruistisch oder egoistisch?
6 Der Zusatz „um seiner selbst willen“ ist notwendig, damit indirekte Formen des Egoismus ausgeschlossen
werden können, in denen das Wohl des Freundes Mittel zum eigenen Wohl ist. Dieser Zusatz wird im
Folgenden aus praktischen Gründen meistens weggelassen.
7 Diese Terminologie stammt ursprünglich von Broad 1949.
8 Die Urheberschaft Aristoteles für die Magna Moralia ist nicht eindeutig belegt. Siehe hierzu etwa Schulz
2000, 247.
7 Markus Roick: Edle Freundschaft
2 Die Formen der Freundschaft
Der aristotelische Freundschaftsbegriff 9 lässt sich aus drei Begriffen entwickeln: dem Liebenswerten (to philêta), der Wohlgesinntheit (eunoia) und der Freundschaft im engeren Sinn (philia). Grundlage der Freundschaft ist das Liebenswerte: „Klarheit erhalten wir vielleicht über diese Dinge [die Aporien der Freundschaft], wenn wir wissen, was das Liebenswerte sei.“ (8.1.1155b16-17). Liebenswert ist etwas nur dann, wenn es entweder nützlich, angenehm oder gut erscheint 10 . Gegenüber dem, das man für liebenswert hält, entwickelt sich Wohlgesinntheit: man wünscht dem liebenswerten Objekt das Gute um seiner selbst willen (8.1.1155b32). Wohlgesinntheit aber ist nur eine notwendige Bedingung von Freundschaft, noch keine hinreichende. Vielmehr nennt Aristoteles zwei weitere Merkmale 11 : die Wohlgesinntheit muss reziprok sein und dieses Verhältnis darf den Freunden nicht verborgen bleiben, denn „wie will man sie [sonst] Freunde nennen, da jedem die Gesinnung des anderen unbekannt bleibt?“ (8.2.1156a2-3). Aristoteles fasst diese Punkte in einer Definition abschließend zusammen: „man muss ... [1] einander wohlgesinnt sein und das Gute wünschen, und [2] so, dass man voneinander weiß, und [3] zwar aus einer der angeführten Ursachen.“ (8.2.1156a3-5) 12 . Erwähnenswert ist eine Wandlung des aristotelischen Freundschaftsbegriffes gegenüber dem klassischen Begriff, die in dieser Definition nicht hervortritt. Die homerische Freundschaftskonzeption war noch relativ stark auf Nutzen und Einseitigkeit orientiert, sowohl bei Aristoteles als auch bei Platon werden diese Elemente jedoch nicht übernommen: „Aristotle (and Plato, to a less systematic extent) question the Homeric conception of friendship, and ultimately aim to purge it entirely of its ‚unappetizing’ elements- its emphasis of usefulness, virtual lack of mutuality, and obvious social elitism.“ (Calhoun 1989, 30). Allerdings wird sich diese Arbeit nicht weiter mit der Wandlung des Freundschaftsbegriffes befassen, sondern versuchen, die aristotelische Konzeption aus sich heraus zu verstehen.
9 Eine umfassende Darstellung des griechischen Freundschaftsbegriffes mit weiterführenden
Literaturverweisen findet sich in Konstan 1997, verkürzt in Konstan 1996. Für die homerische Konzeption
der Freundschaft siehe Adkins 1963 oder Calhoun 1989, 13-30. Eine Darstellung des aristotelischen
Freundschaftsbegriffes findet sich in Cooper 1977 und 1985, sowie Stern-Gillet 1995. Für die platonischen
Dialoge über die Freundschaft siehe Calhoun 30-68, Schulz 2000, 19-137 und Price 1989, 1-102. Für das
Verhältnis der Freundschaftsbücher zur Lysis siehe insbesondere Annas 1977. In Bezug auf Cicero kann
Steinberger 1955 herangezogen werden, für einen Vergleich mit Kant: Fasching 1990.
10 Das Liebenswerte hat als Ziel (telos) aber nur das Gute oder das Angenehme, da das Nützliche zu diesen
beiden beiträgt (siehe 8.2.1155b21.)
11 Inwiefern die Definition damit hinreichend wird, ist abhängig von dem Standpunkt, den man in der
Diskussion über das Verhältnis der Freundschaften einnimmt. Siehe Fußnote 16.
12 Damit schließt Aristoteles zwei Bereiche der umgangssprachlichen philia aus: die Freundschaft zu Dingen
wie Weisheit oder Wein, sowie die einseitige Freundschaft ohne entsprechende Erwiderung der Gefühle.
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Markus Roick, 2002, Edle Freundschaft - Freundschaft und Selbstliebe in der Nikomachischen Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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