Inhaltsverzeichnis
Einf ührung. 3
1. Das Haus Urabe. 3
1.1. Herkunft der Urabe. 4
1.2. Wirken und Ausbau zum Machtmonopol. 6
1.3. Spaltung der Familienlinie. 7
2. Bedingungen vor Gründung des Yoshida-Shintō. 9
3. Yoshida Kanetomo. 11
3.1. Gründung des Yoshida-Schreins. 12
3.2. Der Ise-Brand und weiterer Machtausbau. 13
3.3. Erbfolgestreit. 14
4. Die Lehre des Yoshida-Shintō. 15
4.1. Das Myōbō yōshū. 15
4.2. Die Riten. 18
5. Materie gewordene Yoshida-Theologie - der Taigenkyū. 19
5.1. Legende und Entstehung des Schreins. 19
5.2. Form und Symbolik der Anlage. 20
6. Weitere Entwicklungen und Auswirkungen. 22
6.1. Die konfuzianische Transformation. 23
Quellen. 25
Auswahlbibliographie. 27
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Einführung
Der Yoshida-Shintō stellt die eigentliche Manifestation des Shintō zu einer festgefügten Lehre dar. Bis zum Zeitpunkt seines Aufkommens im 15. Jahrhundert bestand Shintō lediglich aus lokalen losen Götterkulten, die zunehmend nur noch von der Landbevölkerung praktiziert wurden. Der Kaiserhof wurde längst vom Buddhismus dominiert, auch wenn diesem mit dem Umzug in die neue Hauptstadt Kyōto, im Jahre 794, bereits Einhalt geboten wurde. Es ist von diesen Zeiten an das Werk der Familie der Urabe, einer Sippe von Wahrsagern am kaiserlichen Hof, die Shintō-Riten zu bewahren und zunehmend über ein Wissensmonopol zu verfügen. Endgültig manifestiert wurde dann das Gebilde des Yoshida-Shintō ( auch: Yuiitsu shintō 唯一神道 Yuiitsu sōgen shintō 唯一宗源神道 Gempon sogen shintō 元本宗源神道 Urabe shintō 卜部神道)von Yoshida Kanetomo. Diese Lehre sollte einen ursprünglichen Shintō darstellen, war jedoch die Verquickung buddhistischer, konfuzianischer, taoistischer und shintōistischer Rituale und Ideen.
Für meine Arbeit stützte ich mich grösstenteils auf den Artikel von Allan G. Grapard in Monumenta Nipponica, sowie den neuesten und bisher ausführlichsten Beitrag zum Thema, Bernhard Scheids Buch „Der Eine und Einzige Weg der Götter“.
1. Das Haus Urabe
Bei der Familie der Urabe 卜部 handelt es sich um eine uralte Wahrsager-Familie. Kanetomo entstammt dieser Familie (er ist deshalb auch als Urabe Kanetomo 卜部 兼倶 zu finden; auf die Entstehung des Namens Yoshida gehe ich später noch ein). Das Zeichen 卜 bedeutet „wahrsagen“, „divinieren“ (uranau), be 部 zeigt zur Zeit der mutmaßlichen Entstehung dieser Familie an, daß sie eine bestimmte Profession ausübt, die sie weiter vererbt. 1 Es handelt sich also um den „Clan der Wahrsager“.
1.1. Herkunft der Urabe
Eine der grössten rivalisierenden Familien der Urabe, wenn ihre Spuren sich auch mehr und mehr verwoben, waren die Nakatomi 中臣. GRAPARD vertritt die Ansicht, daß
1 Vgl. PLUTSCHOW, Herbert, Japan´s Name Culture. The significance of names in a religious,
political and social context, Kent: Curzon Press, 1995.
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diese aus den Urabe hervorgingen 2 . SCHEID und NAUMANN hingegen vertreten genau die entgegengesetzte Position: sie fassen urabe lediglich als Bezeichnung für einen Berufsstand mehrerer Familien auf. Später hätte sich aus den Nakatomi eine Familie Urabe gebildet. Ferner seien die Nakatomi aus den Fujiwara 藤原 hervorgegangen 3 . Die Verwandtschaft mit dieser über Jahrhunderte hinweg äußerst einflußreichen Familie sollte noch sehr wichtig werden für die Yoshida. Beide verehren als ihren Ahnen Ikatsu-ōmi 雷大臣 , der aus Tsushima stammt und weiterhin dort verehrt wird. Ikatsu-ōmi lernte die Kunst der Schildkrötenpanzerdivination auf Tsushima und erhielt den Namen Urabe von Kaiser Chūai 仲哀. 4 Ihre göttliche Herkunft leiten die Urabe von der Gottheit der Priester und Divinatoren ab, Ame no koyane 天の小屋根. Als im achten Jahrhundert das Kojiki ¸古事記 verfaßt wurde, haben die Nakatomi die Kontrolle über die Urabe gewonnen und ließen in das Kojiki eintragen, daß Ame no koyane der Gott der Wahrsagung durch Rinderschulterblätter sei (GRAPARD: ‚scapulimancy‘), eine Technik, die diese Familie praktizierte. Dabei wurden in die Schulterblätterknochen kleine Vertiefungen eingraviert, in welche wiederum eine Linie gezeichnet oder ebenfalls geritzt wurde. Anschließend wurden die Knochen erhitzt, so daß sich kleine Risse in den Vertiefungen bildeten. Aus ihrer Position zur gezeichneten Linie konnten die Divinatoren die Antworten zu vorher formulierten Fragen ablesen. Die Urabe jedoch, praktizierten die modernere, vermutlich aus Südchina stammende Technik der Schildkrötenpanzerdivination (GRAPARD: ‚plastromancy‘), was insofern erstaunlich ist, da die Urabe die ältere von beiden Familien ist, aber die jüngere Methode praktizierte. In RAMMINGs ‚Japan-Handbuch‘ jedoch, finden wir auch die Theorie, daß die Urabe zuerst Hirschknochen benutzten und später erst Schildkrötenpanzer. 5 Beide Methoden wurden nach dem selben Prinzip betrieben, nur eben mit unterschiedlichen Materialien. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das Zeichen 卜 aufmerksam machen. Dessen chinesische Herkunft wird nämlich genau auf diese Technik zurück geführt. Dargestellt sind zwei Risse in einem Schildkrötenpanzer. 6
Den Streit der beiden Familien konnten die Nakatomi mit ihrem Eintrag in das Kojiki für sich entscheiden, denn damit war ihre Methode ganz klar die göttlich begründete von beiden. Der Grund dafür ist, daß die Nakatomi höhere Ränge im Jingikan 神祇官, der
2 GRAPARD, 1992. S. 30
3 SCHEID, 2001. S. 64
4 GRAPARD, 1992. Seinerseits zitiert aus Inoue Tatsuo, Kōdai ōken to shūkyōteki bemin, Kashiwa,
1980. S. 137
5 RAMMING, 1941. Unter: Urabe
6 WIEGER, 1927.
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„Behörde für Götter des Himmels und der Erde“ 7 , besetzen konnten (über das Jingikan mehr weiter unten). Dies spricht auch für SCHEIDs Annahme, daß die Nakatomi die ältere Familie sind.
GRAPARD greift eine Theorie von Gari Ledyard 8 auf, der zufolge vor dem 4. Jahrhundert eine ‚Thalassokratie‘ zwischen dem südlichen koreanischen Archipel und wenigstens dem südwestlichen Teil Honshūs und Kyūshū bestand. Gemeint ist damit eine über das Meer hinweg bestehende Einheit, die auf Handel basiert. Da der Ursprung der Urabe auf Tsushima liegt, ist die Vermutung naheliegend, daß sie ursprünglich aus Korea oder gar China stammt. Dies würde auch die Tradition der Schildkrötenpanzerdivination und ihre Herkunft erklären. Im Allgemeinen werden drei Konzentrationen von Urabe-Wirken ausgemacht: die Regionen Iki, Yamato und Izu. Da sie sich vorwiegend in Hafenstädten ansiedelten, bestanden wohl starke Verbindungen zwischen diesen Zweigen aufgrund des regen maritimen Verkehrs und Handels. Als sich die Macht in Yamato im 4. oder 5. Jahrhundert zu konzentrieren begann, sicherten sich die Urabe dort wichtige Posten, die ihre Autorität in Divinationsfragen untermauerten. Hilfreich waren ihnen dabei die göttlichen Verbindungen, die sie nachweisen konnten. Die beiden Ahnenschreine der Urabe in Tsushima und Iki weisen eine sehr interessante Besonderheit auf: der Schrein in Tsushima heisst Amateru 阿麻邸留 , was unbedingt auf die Sonnengöttin Amaterasu 天照 bezogen sein muss. Der andere Schrein heisst Tsukiyomi 月読 , und ist dem Mond geweiht. 9 Beide Gottheiten sind auch jene des Kaiserhauses. Es ist jedoch natürlich möglich, daß die Schreine im Nachhinein umbenannt wurden, als die Yoshida höchste religiöse Autorität im Land genossen oder auch schon zu Zeiten des Yamato-Hofes. Yoshida Kanetomo selbst benutzte oft solche Wortspiele und Andeutungen.
Nach ihrer Installation am Yamato-Hof nahmen die Urabe teil an den Expeditionen zur Erforschung des Ostens der Insel Honshū. Sie waren dabei verantwortlich für allerlei Rituale, die an existierende kami 神 gerichtet waren und bei der Inbesitznahme des neuen Landes helfen sollten. In der Heian-Zeit (794-1185) wurde jede Gesandtschaft nach China von einem Mitglied der Urabe begleitet.
1.2. Wirken und Ausbau zum Machtmonopol
7 SCHEID, 2001. S. 64
8 Ledyard, Gari, ‚Galopping along with the Horseriders‘, in Journal of Japanese Studies 1:2 (Spring
1975), S. 230
9 GRAPARD, 1992. S.31
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Wie bereits erwähnt, waren die Urabe Teil des Jingikan in der Hauptstadt Kyōto, dem Amt für Götterwesen. Sie erfüllten dort die Aufgaben von Divinatoren, was bedeutet, daß sie hauptsächlich mit Reinigungsriten im Palast beschäftigt waren. Jede Tat des Hofes und insbesondere der kaiserlichen Familie mußte hinsichtlich seiner rituellen Reinheit überprüft werden, sowie auf Nichtverletzung von Tabus und Konformität mit den Empfehlungen des Büros für Onmyō-Angelegenheiten. Der zugrunde liegende Onmyōdō 陰陽道 ist eine auf dem chinesischen Yin-Yang-Prinzip beruhende Philosophie, die sich mit Astronomie, Astrologie, den fünf Phasen (Erde, Metall, Holz, Wasser, Feuer) und den Auswirkungen dieser Faktoren auf den menschlichen Körper und die Geschicke der Menschen beschäftigt. Diese galt es in eine günstige, d.h. glückbringende, Richtung zu lenken. Damit der Kaiser nicht an einem ungünstigen Tag seine Körperpflege verrichtete oder eine Schlacht in einer ungünstigen Himmelsrichtung plante, gab es am Hof besagtes Büro für Onmyō-Angelegenheiten und das ihm offenbar unterstellte Jingikan. 10 Befragte nämlich das Onmyō-Büro ein Orakel, indem es Schafgarben verbrannte, so wurde nur in besonders wichtigen Fällen noch eine Bestätigung durch Befragung des Schildkrötenorakels eingeholt. Zu diesem Zweck gab es einen Rang des Schildkrötenorakelmeisters, welcher traditionell von den Urabe besetzt gehalten wurde. Warum die herrschende Familie der Taira oder Heike 平家 diesem Orakel den Vorzug über das Rinderknochenorakel gab, mag an der Sinophilie dieser Familie gelegen haben, da es sich hierbei, wie gesagt, um die chinesische Version handelt. 11 Das Jingikan hatte nur sehr wenige Ränge zu vergeben, und noch weniger der vier prestigeträchtigen Hauptränge am Hof. Die vier Divinatorenfamilien trugen keinen dieser Ränge, waren aber untereinander hierarchisch geordnet. An erster Stelle stand die von der kaiserlichen Linie abgezweigte Familie der Shirakawa 白川 , schon an zweiter Stelle die Nakatomi, dann folgten die Inbe 伊部, dem Namen nach die „Familie der Tabuhalter“ 12 , und erst an letzter Stelle die Urabe. Jedoch hatten sie durchaus keine unwichtige Aufgabe am Hof. Die Urabe hielten regelmässig Lesungen aus dem Kojiki und dem Nihongi 日本記, eine Tatsache, die ihnen besondere Gunst beschert haben mag. Ausserdem waren einzelne Personen der Urabe nicht nur Mitglied des Jingikan, sondern sogenannte Miyaji 宮主, Palastdivinatoren, die für das Alltagsleben der Kaiserfamilie verantwortlich zeichneten. SCHEID spekuliert über den Aufstieg der Urabe am Hof folgendermaßen: die historisch etwas fragwürdige Person des Urabe no Hiramaro 卜部平麻呂 ist der erste belegbare Urabe.
11 SCHEID, 2001. S.65
12 SCHEID, 2001. S.67
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Über Details zu seinem Leben gibt es widersprüchliche Angaben. Er stammt vermutlich aus Izu und tat sich als guter Divinator hervor. Deshalb erhielt er einen eigenen Schrein, den Hirano Schrein, welcher für das Kaiserhaus sehr wichtig war bzw. es noch werden sollte. Denn möglicherweise bezog Hiramaro die Gottheiten seines Schreins von da an in verschiedene Palastrituale ein, über welche er eine gewisse Autorität besaß, wodurch sich das Ansehen seines Schreins steigerte. Seine Funktion vererbte er dann weiter. 13 Ende des 10 Jahrhunderts betrieb Urabe no Kanenobu, ein Zeitgenosse des Onmyō-Meisters Abe no Seimei 安倍晴明, der einen geradezu magischen Ruf besitzt, eine aggressive Machtpolitik im Dienste seiner Familie. Zu dieser Zeit standen die Fujiwara in der Blüte ihrer Macht unter ihrem Oberhaupt Fujiwara no Michinaga 藤原道長. Die den Fujiwara nahestehenden Familien sicherten sich Monopolstellungen auf ihren jeweiligen Gebieten und so fiel die Profession der Schildkrötendivination endgültig an die Urabe. Kanenobu war es auch, der fortan das ‚kane‘ als festen Namensbestandteil weiter vererbte. Es hielt sich mit großer Konsequenz über Jahrhunderte hinweg. Tatsächlich führten Urabe, die die Schildkrötenorakellehre nicht weitergaben, auch kein ‚kane‘ mehr in ihrem Namen. Unter Kanenobu wurde den Urabe wohl auch der Yoshida-Schrein übergeben. Er war damals eine Kopie des Familienschreins Kasuga 春日 der Fujiwara in Nara. Seine Wichtigkeit erhielt er jedoch erst, nachdem eine Yoshida-Enkelin in die Fujiwara heiratete und die zukünftige Braut von Tennō En’yū 遠雄 gebar. Von da an wurde der Yoshida-Schrein Schauplatz eines Palastrituals.
1.3. Spaltung der Familienlinie
Anfang des 11.Jahrhunderts spalteten sich die Urabe in zwei Linien, die Yoshida und die Hiramaro, so benannt nach den Schreinen, die sie führten. SCHEID weist jedoch darauf hin, daß der Yoshida-Schrein erst rund hundert Jahre nach dem Hiramaro-Schrein an die Urabe übergeben wurde. 14 Die Spaltung hat also entweder nichts mit der Priesterschaft über die Schreine zu tun, oder die Yoshida-Geschichte wurde, wie so oft, im Nachhinein etwas glatt frisiert. Die Yoshida begannen sich von Vasallenbeziehungen zu höheren Familien zu lösen und entwickelten eine Gelehrtentradition, die sie zu Experten des Kojiki und des Nihongi machten. Der Vorteil, der sich daraus ergab, war, daß die Urabe im Laufe der Zeit über Wissen verfügten, speziell über selten ausgeübte Rituale, das langsam in Vergessenheit geriet. Damit hatten sie eine nicht zu unterschätzende Autorität, mit der sie sogar einige Personen bei
13 SCHEID, 2001. S.72
14 SCHEID, 2001. S.79
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Hofe stürzen konnten. Um 1300 schreibt Urabe no Kanekata 卜部 兼方 das Shaku-Nihongi 釈日本記 , das als Meilenstein der mittelalterlichen Nihongiexegese gilt. Von religiösen Theorien ist darin jedoch nichts zu finden, es beschäftigt sich eher mit Problemen der Lesung und des historischen Verständnisses. Zur selben Zeit wurde Urabe no Kaneyoshi als Yoshida Kenkō 吉田兼好 bekannt, und als Verfasser der lyrischen Sammlung Tsurezuregusa 徒然草.
Sein Bruder Jihen 慈編 jedoch, war ein Schüler des Watarai-Shintō 渡会神道 , einer Schule, die ihr geistiges Zentrum im Ise-Schrein hatte und Mitbegründer der Honji-Suijaku-These 本 地垂迹 ist (s.u.). In einer seiner Schriften favorisiert er die kami über die Buddhas und Boddhisattvas, womit er seinem Nachkommen Kanetomo fast 200 Jahre voraus ist. Obwohl zunächst scheinbar nur die westlichen Urabe eine Gelehrtentradition gründen, übernehmen die östlichen Urabe diese bald. Vor allem Jihen hat mit seinen Ideen hohe Gunst bei Hofe, und schon bald rücken die östlichen Urabe in den Hofadel auf, auf ein Niveau mit den Shirakawa, während die westlichen fast gänzlich verschwinden.
Es ist umstritten, wann und von wem die Geheimtradition der Familie begonnen wurde. GRAPARD vermutet Kanetoyo 兼豊 als Initiator, was in die Mitte des 14.Jahrhunderts fallen würde. SCHEID widerspricht dem, da die Quellen, auf die Grapard sich stützt, Überlieferungen des Palastdivinators sind, die seiner Meinung nach auch ohne Geheimtradition geheim gehalten worden wären. Auf jeden Fall begann die Familie Yoshida ihr Wissen in verschiedenen Abstufungen geheim weiter zureichen. Die höchste Stufe der Geheimhaltung wurde nur an eine ausgewählte Person, die das Familienoberhaupt für kompetent genug hielt, weiter gegeben, verschiedene weitere Stufen, die weniger Wissen enthielten, wurden auch an andere Mitglieder tradiert. Gegen Ende der Muromachi-Zeit war es auch möglich, Wissen oder Antworten zu kaufen.
Die Tradition der Geheimhaltung leitet sich aus der buddhistischen Shingon-Schule ab. Im Gegensatz zum ‚exoterischen‘ Tendai-Buddhismus, waren die Anhänger dieser Schule der Meinung, daß nur durch jahrelanges Studium heiliger Texte und weltlicher Enthaltung Erleuchtung möglich wird und allen anderen verwehrt bleibt. Zu diesem Zweck gaben sie ihr erworbenes Wissen über die heiligen Texte auch nicht nach Außen. Das Kojiki und das Nihongi wurden zum Kern des Geheimwissens der Familie und in ihre Kulte integriert. Bereits zu diesem Zeitpunkt führte die Familie ihre eigenen Kulte durch
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und besaß eigene Kultstätten. Es erübrigt sich zu sagen, daß eine solche Geheimtradition weiter zum Ausbau des theologisch-philosophischen Monopols beitrug.
2. Bedingungen vor Gründung des Yoshida-Shintō
Dem Wirken von Yoshida Kanetomo unmittelbar voraus gegangen war eine Zeit großer Kriegswirren im Land. Der Disput zwischen Go-Daigo Tennō und Ashikaga Takauji führte zur Begründung des Muromachi Bakufu und der Spaltung des Landes in einen nördlichen und einen südlichen Hof. 1467 tobte erneut ein Krieg um die Erbfolge des Shogunats, der so genannte Onin-Krieg, der erstmals auch Kyōto erreichte und es grösstenteils in Schutt legte.
Bis zu diesem Zeitpunkt genoss der Buddhismus zweifellos das grössere Prestige im Land. Vor allem der Shingon-Buddhismus 真言教, oder esoterischer Buddhismus, wurde vom Hof favorisiert. Shintōistische Riten waren zum großen Teil nur noch Sache der Landbevölkerung, die Gottheiten anriefen, um für eine gute Ernte usw. zu bitten. 15 Selbst Palastrituale wurden zunehmend buddhistischer und einige Kaiser bekannten sich klar zum Buddhismus und lehnten den „Weg der Götter“ ab. Da der Shintō keine religiösen Schriften im eigentlichen Sinne erschuf, fand er auch keine Berücksichtigung in der Taika-Reform von 645. Dieses 17-Punkte Manifest, das den starken Einfluss chinesischer Lehren manifestierte, war durch und durch geprägt vom Buddhismus, Konfuzianismus sowie der Yin-Yang-Lehre bzw. dem Taoismus, doch fand sich keine einzige Idee des Shintōismus darin. Man muß jedoch ganz klar sagen, so wie es Kuroda Toshio 16 formulierte, daß Shintō nie ein geschlossenes Lehrsystem war, sondern vielmehr die Gesamtheit lokaler Riten und Kulte. Es konnte also keine Ideen erschaffen, wie sie in einem ethischen Manifest wie der Taika-Reform Verwendung fanden.
Diese Richtung begann Shintō erst im 13. Jahrhundert zu nehmen, durch die Lehren des ebenfalls zu dieser Zeit entstandenen Watarai-Shintō. Diese Schule, die, wie bereits erwähnt, im Ise-Schrein wurzelte (dessen Priesterfamilie des Äußeren Schreins Watarai hieß), bezog Ideen aus den buddhistischen Lehren des Tendai- und Shingon-Buddhismus; als zentrale Gottheit fungierte die Nahrungsgöttin Toyōke. Man betrachtete die shintōistischen kami als Spuren der Boddhisattvas, also ihnen untergeordnet. Diese Verquickung von buddhistischen und shintōistischen Ideen nennt man Honji-Suijaku, etwa : ‚heimatliche Lehre
15 vgl. TSUNODA et al, 1958. S. 267
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und beeinflussende Gedanken‘. Dem Watarai-Shintō zu Grunde liegen die fünf Shintō-Schriften (shintō gobusho 神道五部書), ein pseudo-traditionelles Werk, das rückwirkend die Tradition verschiedener Schreine und Priesterfamilien begründet. In einer Schrift daraus, dem Hōki-hongi, wird unter anderem vom Befehl des Kaisers Jimmu 688 berichtet, in dem er den Neubau des Ise-Schreins alle 20 Jahre fordert. Diese Tradition erhält sich bis heute. Viele Schreine benutzten im Anschluß Teile des abgerissenen Schreins, um ihr eigenes Prestige zu erhöhen. Der Watarai-Shintō inspirierte die Entstehung des Ryōbu-Shintō 両部神道. Diese Lehre wurde eigentlich von buddhistischen Mönchen betrieben und war ein „ganz vom Buddhismus abhängiger Shintō“. 17 NAUMANN führt dazu weiter aus, daß der Ryōbu-Shintō die Diamant- und Mutterschoßwelt des Shingon-Buddhismus auf den Ise-Schrein überträgt. Diese beiden Welten sind die zwei zentralen Mandalas des Shingon-Buddhismus. Das Diamantmandala symbolisiert die Unzerstörbarkeit des Kosmos, das Mutterschoßmandala symbolisiert die Dynamik des Kosmos. 18 Der wiederum daraus entstandene Miwa-Shintō überträgt das gleiche auf die beiden Seiten des Berges Miwa. Es gab also einen regelrechten Boom buddhistischer Shintō-Interpretationen, wobei der Schwerpunkt aber in der Regel auf dem Buddhismus liegt.
Der bereits erwähnte Jihen, aus der Familie der Urabe, war ein Schüler des Tendai-Klosters auf dem Berg Hiei. Zu dieser Zeit gab es bereits viele Tempel-Schrein Verbindungen (GRAPARD: ‚multiplexes‘), in den sich die buddhistischen Mönche auch um die Shintō-Schreine kümmerten. Nach außen hin mußten sie den Shintō ablehnen, doch in Wahrheit interessierten sich viele dafür. Auch das ist Honji-Suijaku. So beschäftigte sich der Tendai-Schüler Jihen mit dem Watarai-Shintō. In seinen Überlegungen kehrt er die Honji-Suijaku These um (genannt: shinpon butsujaku 神本仏迹 ) und stellt die kami über die Buddhas, d.h. die Buddhas sind eine Abzweigung des Shintō und tragen auch den Geist der kami in sich. Solche Ideen fanden durchaus Anklang, denn nach den Mongolenangriffen von 1274 und 1281 erstarkte das Selbstbewusstsein des Volkes und die Überzeugung „Götterland“ 神の国 zu sein. Vor allem der Ise-Schrein genoss in diesem Zusammenhang großes Ansehen, da die göttlichen Winde, die die Mongolen in die Flucht schlugen, den Gottheiten dieses Schreins zugerechnet wurden.
Während der Zeit der Spaltung in zwei Kaiserhöfe, schrieb Kitabatake Chikafusa 北 畠親房 (1293-1354), der den südlichen Hof von Go-Daigo Tennō unterstützte, seine
16 Kuroda Toshio: Shinto in the History of Japanese Religion, in: Journal of Japanese Religious
Studies 7/1: 1-22
17 RAMMING, 1941. Unter: Yoshida Kanetomo
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politische wie auch theologische Arbeit Jinnō shōtōki 神皇正統記(Buch der wahren Gott-Kaiser-Herrschaftslinie). Auch darin kommt bereits ein starkes japanisches Nationalbewusstsein zum Ausdruck (so verwendet er den Ausdruck „Groß-Yamato“ für Japan). Als Kern Japans sieht er den Kaiser in direkter Abstammungslinie der Sonnengöttin Amaterasu, und nimmt damit eine shintōistische Position ein. Die drei großen Kapitel, in die sich das Werk teilen lässt, sind 1. Japans Namen, 2. Japans Lage und 3. Die Schöpfung der Welt laut japanischen, chinesischen und indischen Mythen. 19 Wie später Kanetomo, bezeichnet er die chinesischen und indischen Lehren als im Kern gleich mit dem Shintōismus, doch im Gegensatz zu diesem unvollständig.
3. Yoshida Kanetomo
Yoshida Kanetomo wurde 1434 geboren, zunächst unter dem Namen Kanetoshi. 20 Über seine Jugend ist wenig bekannt. Mit ca. 12 Jahren wurde er bereits Beamter, in einem niedrigen Rang, weitestgehend als Gehilfe seines Vaters Kanena 兼名 (auch: Kanena no Ason). Verglichen mit seinen Ahnen stieg er in einem recht niedrigen Rang ein, doch die Urabe hatten bereits an Einfluß eingebüsst. Mit 15 Jahren wurde er neben seinem damaligen Rang im Jingikan auch Palastdivinator, vermutlich im Prinzenpalast zu Diensten des zukünftigen Tennō. Eigentlich war er der zweite Sohn seines Vaters, so das er nicht zum Familienoberhaupt geworden wäre, doch sein Bruder verstarb frühzeitig und sein Vater wies ihn bald in sämtliche Geheimtraditionen ein. Im Alter von 26 Jahren wurde Kanetomo das neue Oberhaupt der Familie Yoshida, und somit kannushi 官主 d.h. Oberhaupt des Jingikan.
3.1. Gründung des Yoshida-Schreins
Kanetomo gelang es eine enge Beziehung zu Hino Tomiko 日野富子 herzustellen, der Ehefrau des Shoguns Ashikaga Yoshimasa 足利義政. Sie stammt aus einer Seitenlinie der Fujiwara, die traditionell Bräute für die Ashikaga stellte, und hatte sehr großen Einfluß zu dieser Zeit. Ihr Bruder Katsumitsu 勝光 war ebenfalls eine bekannte politische Persönlichkeit.
18 TSUNODA et al, 1958, S. 142
19 TSUNODA et al, 1958, S. 274ff
20 Zumindest trug er diesen Namen bei Beginn seiner Beamtenlaufbahn. Es war jedoch üblich,
Säuglingen zunächst abstoßende Namen zu geben, um böse Geister von ihnen fern zu halten. Bis zum
Erwachsenenalter konnte jemand bereits mehrere verschiedene Namen besessen haben. Vergleiche
dazu bereits zuvor erwähntes Werk von PLUTSCHOW.
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Er wird als der wahre Shogun gesehen, da Yoshimasa sich nicht so sehr für Politik interessierte. Viele halten Hino Tomiko auch für den Auslöser des Onin-Krieges. Dieser Krieg zerstörte auch den von den Yoshida verwalteten Schrein in Kyōto. Die Familie mußte sich gegen marodierende Landbesitzer wehren, die sich im Zuge der Wirren und Zerstörungen fremdes Land aneignen wollten, vor allem gegen den benachbarten Kamo-Clan, der auch an den ehemaligen Schrein zu kommen versuchte. GRAPARD vermutet, daß zu diesem Zeitpunkt Kanetomo die Ideologie verfaßte, die er Yuiitsu shintō 唯一神道 nannte. Er warb bei den reichen und einflußreichen Leuten um Gelder zur Errichtung eines neuen Schreins, und erklärte ihnen gegenüber, daß dies die einzige wahre Lehre des Shintō sei, die nur in seiner Familie geheim tradiert wurde. Seine eigenen Schriften schrieb er seinen Ahnen zu, so hätte sein Hauptwerk Yuiitsu shintō myōhō yōshū 唯一神道名法要集 bereits sein Vorfahre Kanenobu im Jahr 1024 verfaßt. Auch vor Fälschungen der Fünf Klassiker, oder Fünf Shintō-Schriften, ihrerseits bereits auf Fälschungen beruhende Werke des Watarai-Shintō, schreckte er nicht zurück: so legte er Prinz Shōtoku die Worte seiner Ideologie in den Mund, nämlich, daß Japan (und seine Religion) die Wurzel, China die Äste und Blätter und Indien die Blüten und Früchte der Zivilisation sei. 21 Dies ist die von ihm und von Jihen umgekehrte Honji-Suijaku These.
Der neue Schrein wurde am Yoshida-Berg in Kyōto errichtet, auch als Kagura-oka 神座岡 bekannt, doch nicht auf der Stelle des zerstörten Fujiwara-Schreins, sondern an einer anderen, an der SCHEID vermutet, daß die Yoshida bereits zuvor dort ihre privaten Zeremonien abgehalten hätten. Den Wiederaufbau des alten Schreins ließ sich Kanetomo für später, denn zunächst verfolgte er vor allem die Umsetzung seiner eigenen Ideologie. Hino Tomiko steuerte einen großen Betrag zum Aufbau bei, und auch andere dem s.g. östlichen Shogunat (von Ashikaga Yoshimasa) verbundene Persönlichkeiten spendeten. Kanetomo erfragte weiterhin Inskriptionstafeln für die einzelnen Schreingebäude vom Kaiser Go-Tsuchimikado, mit der Begründung, der alte Schrein hätte von den Kaisern Jimmu und Saga geschriebene Tafeln enthalten, welche zerstört worden seien. Go-Tsuchimikado lieferte die Tafeln.
3.2. Der Ise-Brand und weiterer Machtausbau
1487 brannte der Äußere Schrein von Ise ab. Es gab das Gerücht, die shintai 神体 die den verehrten Göttern zugeschriebenen Sakralgegenstände, seien verschwunden. Mit der Untersuchung dieser Sache wurde Yoshida Kanetomo vom Kaiser betreut, wogegen sich die
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sonst verstrittenen Familien des Ise-Schreins jedoch heftig wehrten, denn die Vermutung liegt nahe, daß Kanetomo selbst für den Brand verantwortlich war. Zwei Jahre nach dem Brand behauptete er, ein Sturm hätte sich über seinem Schrein gebildet und dort hätten die hasshinden 八神殿 des Jingikan, acht kleine Schreine, die für den persönlichen Kult des Kaisers sehr wichtig sind, sowie die shintai des Ise-Schreins geschwebt. Sie seien also gewissermaßen zu ihm „geflohen“. Am erstaunlichsten jedoch ist, daß der Palast nach kurzer Untersuchung diesen Vorfall bestätigte und von da an die besagten Schreinelemente dem Yoshida Schrein zusprach. Das belegt nur, welche Macht Kanetomo bereits besaß. Es mag ihm geholfen haben, daß er 1480 eine Nihongi-Lesung im Palast hielt, an dessen Ende er den Kaiser in seine Lehre initiierte. Angeblich hätte er den Kaiser in sämtliche Geheimlehren eingeführt, doch SCHEID sieht es gegeben, daß er lediglich über tägliche Rituale im Zusammenhang mit dem persönlichen Leben des Tennō sprach. 22 Als Folge erhielt er noch im selben Jahr den Zweiten Hofrang. Doch es gab auch kritische Stimmen zum Ise-Brand. So äußerte sich Nakamikado Nobutane, ein Chronist dieser Vorfälle, sehr kritisch zu Kanetomos Vorgehen, obwohl er selbst in die Yoshidalehren eingeweiht war. Prominente Mitglieder der Shirakawa forderten empört, daß etwas getan werden müsse. Doch es war unmöglich, da jede Widerrufung bedeutet hätte, daß der Tennō gelogen hätte. Kanetomo nannte sich von da an auch Shintō Chōjō 神道長上 ein Titel der schon gefährlich nah am Titel der Shirakawa , Jingikan Chōjō 神祇官長上, war.
Kanetomo versuchte auch an die shintai des Kamo-Schreins zu gelangen. In beiden Fällen trugen die Priester der Schreine teils bewaffnete Kämpfe untereinander aus, weshalb er stets damit argumentieren konnte, daß die Götter fliehen würden. Ab 1497 führte er einen schriftlichen Streit mit den Mönchen der Nichiren-Sekte, dessen Anhänger hauptsächlich im südlichen Kyōto unter Händlern zu finden waren. Kanetomo sah wohl die Möglichkeit, die Anhänger dieser Sekte zu seiner eigenen Religion übertreten zu lassen, denn im Zentrum der Nichiren-Kulte standen dreißig Schreingottheiten des Shintō, die in einer Ausprägung von Honji Suijaku von buddhistischen Mönchen verehrt wurden. Man nimmt an, daß der Kult innerhalb des Tendai-Klosters entstand, da er auch im Zusammenhang mit dem Lotus-Sutra steht, dem zentralen Sutra dieser Lehre. Kanetomo konnte die Instrumentalisierung von kami durch eine buddhistische Sekte nicht recht sein und so nahm er in seinem Schreiben an die Mönche die dreißig Gottheiten für sich und den Yoshida Schrein in Anspruch. Er schrieb, daß die dreißig Götter in Wahrheit die 32 Begleiter des Himmlischen Enkels Ninigi bei seiner
21 TSUNODA et al, 1958. S. 271
22 SCHEID, 2001. S. 129
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Herabkunft gewesen seien. Seine Familie, die Urabe, habe dem Sektengründer der Nichiren persönlich diese Tradition übermittelt.
Kanetomo konnte sich endgültig zum Kaiserhof zählen, als ein Mitglied der Nakamikado seine Tochter heiratete. Sein Enkel Kanemitsu 兼満 schließlich, wurde 1527 Hofangestellter.
3.3. Erbfolgestreit
Am Ende von Kanetomos Leben wäre es fast zur Auflösung seiner Familie durch einen Erbfolgestreit gekommen. 1499 verstarb sein ältester Sohn frühzeitig. Er gedachte seine Lehre daraufhin an seinen zweitältesten Sohn Kanenaga 兼永 zu übertragen. Dieser wurde jedoch als Kind von der Hirano Familie, dem anderen Zweig der Urabe adoptiert, vermutlich aufgrund von Kanetomos Familienpolitik. Es stellte sich heraus, daß Kanenaga eher als Hirano agierte und eine weitgehende Inanspruchnahme der Yoshidadoktrin durch das Haus Hirano vor hatte. Kanetomo versuchte ihn zu enterben und seinen Enkel Kanemitsu einzusetzen, doch das Shogunat erzwang eine Einigung zwischen den beiden. Noch während der Streit nicht beigelegt war, verstarb Kanetomo im Jahre 1511. Der Streit schwelte weiter zwischen den Familien Kanenagas und Kanemitsus. Kanemitsu zündete aus Protest gegen eine Entscheidung des Bakufu zugunsten Kanenagas sein Haus an und tauchte unter. Ein Jahr nach seiner Wiederkehr verstarb er. Doch auch Kanenaga wurde in einem Handgemenge zwischen Nichiren- und Tendaianhängern getötet. Wäre dies nicht geschehen, wäre der Yoshida-Shintō womöglich tatsächlich an das Haus Hirano gefallen.
4. Die Lehre des Yoshida-Shintō
Ab wann genau man von einem festen Lehrsystem sprechen kann, lässt sich nicht genau festlegen. Eine relativ eng gefügte Doktrin muß ab spätestens 1471 bestanden haben, da zu dieser Zeit bereits in Hofkreisen von einer Shintō-Lehre gesprochen wurde. Vermutlich baute Kanetomo seine Doktrin nach und nach durch die Vorlesungen, die er hielt, auf und verfaßte kürzere Traktate darüber. Solche so genannten Shintō taii 神道大意 wurden häufig persönlich auf einen Auftrag hin verfaßt. Kanetomo, und auch schon seine Vorfahren, erörterten darin das Wesen der kami (KRACHT: Geist- Diskurse). Kanetomo vermied dabei Jenseitsvorstellungen zu provozieren, da dies eine Domäne des Buddhismus ist. Jihen
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hingegen hat sich auch mit diesen Fragen beschäftigt. Die Philosophie in Kanetomos Traktaten ist überwiegend chinesischen Ursprungs, buddhistische Vorstellungen werden absolut vermieden, ebenso wie japanische Mythologie. Das Zölibat, also den Verzicht auf Fleisch und Sex, des Buddhismus lehnt er ab. Kanetomo teilt die kami zumeist in drei Kategorien: jin 神 (Götter des Himmels), gi 祇 (Götter der Erde) und ki 鬼 (Götter in Menschenform). Gelegentlich faßt er sie auch zusammen als jin 神(Götter der Erde und des Himmels), rei 霊 (Götter in den zehntausend Dingen) und shin 心 (Götter des Menschen). Damit betont er die exoterische Seite seiner Lehre, daß nämlich kami in allem und jedem sind. Das Wesen der kami jedoch zu kennen, das bleibt den eingeweihten der esoterischen Lehre vorbehalten.
4.1. Das Myōbō yōshū
Sein Hauptwerk Yuiitsu shintō myōbō yōshū 唯一神道名法要集 (SCHEID:
Grundzüge von Namen und Gesetzen des Einen und Einzigen Shintō; nachfolgend: MY) wird allgemein gleichzeitig mit der Errichtung des Taigenkyū 大元宮 angesiedelt, im Jahre 1485. Wie sein Name bereits zum Ausdruck bringt, handelt es sich um ein Einführungswerk für den Interessierten. Es muß einigermaßen populär gewesen sein, denn während der Edo-Zeit gab es eine Druckfassung. Wie bereits erwähnt, behauptete Kanetomo, daß sein Vorfahre Kanenobu es 1024 verfaßt hätte, doch schon zu Kanetomos Lebzeiten setzte sich die Erkenntnis durch, daß er es selbst verfaßte.
Das MY ist in Form eines Dialogs zwischen Lehrer und Schüler gestaltet. GRAPARD vermutet aufgrund dessen, daß es sich womöglich um eine Zusammenfassung verschiedener Gesprächs- oder Vorlesungsprotokolle handelt. Berühmt ist der Teil, in dem Kanetomo die drei Arten des Shintō benennt: das ist erstens der Honjaku engi shintō 本迹縁起神道, welcher aus geheimen Überlieferungen innerhalb verschiedener Familien besteht. Zweitens, der Ryōbu shūgō shintō 両部習合神道, der synkretistische Shintō, welcher in den Tempel-Schrein-Komplexen gepflegt wird. Und drittens, der hauseigene Gempon sōgen shintō ¸元奔 宗源神道, der exklusiv innerhalb der Yoshida überliefert wurde, und zwar seit dem Götterzeitalter an. 23 NAUMANN schlüsselt die Zeichen dieses Begriffs noch auf: demnach steht gen 元 vor der Trennung von Yin und Yang, also im Chaos oder in der „Ursuppe“. Hon 本 ist die Urwurzel vor Entstehung des ersten Gedankens, sō 宗 ist die Urgottheit des noch nicht geteilten einen Fluidums und gen 源 ist die Basis für verschiedene Verknüpfungen, für
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das göttliche Sich-Wandeln. 24 Man sieht also, daß Kanetomo für seine Lehre eine Tradition in Anspruch nimmt, die noch vor der Weltentstehung beginnt und von den Göttern direkt zu seiner Familie tradiert wurde. Es ist vor allem das Ursprüngliche und einzig Wahre, das er am Yoshida-Shintō so betont.
Dieser Abschnitt gehört noch zu dem ersten Teil, den SCHEID als einen der beiden exoterischen Teile identifiziert. Ferner wird die bereits erwähnte Baumtheorie deutlich erklärt, sowie im letzten Teil des Werkes die Legitimation, weshalb diese Lehre der wahre Shintō ist und weshalb nur die Yoshida sie kennen, und auch das Schlußmanifest ist klar verständlich. Dazwischen jedoch ist ein großer esoterischer Teil, der sich dem leichten Verständnis des Lesers widersetzt. Shintōforscher haben es in der Vergangenheit grösstenteils abgelehnt, sich eingehender mit dem MY zu befassen und taten es als konfus und schlichtweg belanglos ab. Doch als esoterische Lehre ist genau dies der Anspruch des Yoshida-Shintō. Kanetomo erläutert verschiedene Begriffe, wie etwa Reinheit, in einem buddhistischen Sinne und im, eigentlichen, shintōistischen Sinne. Die Philosophie und Mystik auf die er sich dabei stützt, hat er sich jedoch nicht ausgedacht, sondern vor allem aus dem Shingon-Buddhismus bezogen, sowie aus verschiedenen taoistischen und konfuzianischen Quellen. So wurde auch die Baumtheorie bereits im China der T’ang-Zeit (618-907) verbreitet, mit dem Unterschied, daß man Taoismus als Wurzel der Religionen ansah. Kanetomo sieht die Honji suijaku These nicht als falsch an, sondern betrachtet sie als die exoterische Variante. Buddhistische Mönche jedoch, die sich mit esoterischen Lehren befassen, müssten, wie er sagt, erkennen, daß die kami der Ursprung der Buddhas sind. Er erklärt klar, daß seine Lehre aus einem exoterischen Teil, mit Inhalten, wie man sie im Kojiki und Nihongi findet, und einem esoterischen Teil besteht. Dies war zu jener Zeit kein Widerspruch, da man wahre Religiösität mit geheimen Lehren in Verbindung brachte. Alles frei zu erwerbende Wissen war lediglich weltlich und profan. So ziehen sich durch das gesamte MY Kontraste von Hell und Dunkel, Außen und Innen, geheim und profan. Kanetomo überlässt das Verstehen den geistigen Fähigkeiten jedes einzelnen Lesers, denn er sieht es nicht als wichtig an, die esoterische Lehre zu verstehen, sondern die Rituale des Yoshida-Shintō zu praktizieren. Zum Zweiten fällt die erschöpfende Zahlenmystik auf. Nelly NAUMANN nennt den Yoshida-Shintō „eine Welt voller Zahlenkategorien“. 25 Diese beruht auf den Erkenntnissen der Yin-Yang-Lehre, wie sie auch im chinesischen Konfuzianismus verwendet wird. Kanetomo verleiht seiner Lehre vielschichtige 3 mal 3 Kategorien. Beispielsweise werden in
23 GRAPARD: S. 50; SCHEID: Übersetzung auf S. 301
24 NAUMANN, 1994. S. 62
25 NAUMANN: S. 63
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einem Yoshidaritual zu Beginn die neun chinesischen Himmelsrichtungen angerufen. Das sind Nord, Nordost, Ost usw. sowie das Zentrum als neunte Himmelsrichtung. Jeder der acht äußeren Himmelsrichtungen ordnet er eines der 64 Hexagramme (8 mal 8= 64) des chinesischen Orakelklassikers I-Qing 易經 zu. Er ordnet auch jedem Hexagramm eine Silbe bzw. ein Kanji zu. Damit können alle möglichen Reihenfolgen der acht Hexagramme in einem monotonen Gebet zitiert werden. Ferner ergibt die Skizzierung der Himmelsrichtungen ein Achteck, und die Kombination von acht und neun wird als grösste Harmonie von Yin und Yang angesehen. Dies schlägt sich auch in den (8+9) 17 Artikeln des Shōtoku Taishi nieder, dem Kanetomo auch seine Baumtheorie in den Mund legte.
Im MY zitiert er außerdem die drei Grundlagen aus den drei Lehrsystemen, die sich wiederum in drei Kategorien teilen. Die Yin-Yang-Lehre benennt Himmel, Erde und Mensch als die drei Elemente des Uranfangs. Kanetomo nennt dies die drei Uranfänge (Sangen 三元). Der Buddhismus lehrt die Taten des Mundes, des Körpers und des Geistes zu praktizieren. Er nennt dies die drei Wunder (sammyō 三妙). Der Shintō lehrt die drei Taten sangyō 三行 , die man den kami zu Ehren praktiziert, doch was genau das ist, gehört wieder zur esoterischen Lehre. Im MY schreibt er, daß es sich dabei um die Praxis der drei Wunder handelt, und die drei Wunder seien das Ergebnis der drei Uranfänge. An anderer Stelle spricht er von den fünf Phasen (fünf ist die Zahl des Gleichgewichts von Yin und Yang) der drei Elemente, welche den drei Taten zu Grunde lägen.
Noch mehr Zahlenmystik findet sich im Heiligtum des Yoshida-Shintō, dem Taigenkyū.
4.2. Die Riten
Auch in der Praxis priesterlicher Riten finden sich deutlich Elemente aus Buddhismus und Taoismus. Zu Kanetomos Zeiten war man gut mit den Inhalten des Buddhismus vertraut, jedoch nicht mit denen des Taoismus, der bereits wieder in Vergessenheit geraten ist. Im MY werden die drei wichtigsten Rituale, die s.g. Sandan gyōji 三壇行事, benannt: die Abfolge der 18 Shintō Jūhachi shintō shidai 十八神道次第, die Zeremonie des Urquells Sōgen gyōbō 宗源行法, sowie die Große Feuerzeremonie des Einzigen Shintō Yuiitsu shintō daigoma 唯一 神道大護摩 . Der Aufbau des Altars für eine solche Zeremonie ist streng vorgeschrieben. 26 Er beinhaltet ein torii, durch welches der Priester zu Beginn schreitet, außerdem Räucherstäbchen (dem Buddhismus entlehnt), gefaltete Papierfiguren (gohei 御幣), die den
26 in GRAPARDs Aufsatz findet sich eine Skizze eines Yoshida-Altars
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Ort als kami-Kultobjekt markieren, sowie einige Sakralgegenstände, die Kanetomo vermutlich speziell entworfen hat. Alle drei Rituale beginnen ähnlich, indem der Priester sich sammelt und ein Handzeichen mit magischer Wirkung formt, ein so genanntes mudrā (sanskr.). Diese mudrā sind fest mit bestimmten Stellen im Ritus verknüpft und sind meist Teil eines Schutzrituals, das den Priester auf die bevorstehende Begegnung mit den kami vorbereitet. Anschließend schlägt er eine Glocke und spricht festgelegte Sätze, in denen er die Weltentstehung und den Weg der beiden Urgötter Izanami und Izanagi beschreibt. Weitere Elemente sind z.B. die Nachahmung der Waschung von Izanagis Mund, Augen und Ohren, woraus Sonne, Mond und Wind entstanden. Der Zweck solcher Riten liegt laut Kanetomo in der Erlangung der drei Körperschätze: langes Leben, Gesundheit und Reichtum, die Dinge für die es sich zu beten lohnt.
Kanetomo sieht die Einführung solcher Riten nicht als Neuerung oder Erfindung an, sondern als eine Annäherung zurück zu einem reineren Shintō, wie es ihn früher gegeben haben soll.
Auch die Initiation des Tennō in die Lehre beinhaltete diese Elemente. Kanetomo zeigte dem Tennō, wie er die Waschung nachvollzieht und die Götter aus seinem Körper gebiert. Er gab dazu sehr genaue Anweisungen, wie der Tennō vorzugehen hatte. Man kann wohl davon ausgehen, daß Kanetomo den Tennō auch als obersten Shintōpriester achtete. Ihm zufolge ist der Tennō im Besitz der drei Schätze, welche die drei Throninsignien sind. Die Familie Yoshida hingegen, sei im Besitz der zehn geistigen Schätze. Dies macht sie, auch wenn das nicht explizit im MY ausgedrückt wird, zum geistigen Teil der Herrschaft. Es ist wohl dieser Dualismus, der nicht von Buddhisten besetzt werden sollte, den Kanetomo mit seinem Manifest anstrebte.
5. Materie gewordene Yoshida-Theologie - der Taigenkyū
Am Fuße des Yoshida Berges östlich von Kyōto ist der Yoshida-Schrein errichtet. Dessen zentrales Heiligtum ist der Hauptschrein, genannt Taigenkyū 大元宮. Dieser Name fungiert heute auch als Bezeichnung der gesamten Anlage, wohingegen früher stets ein anderer Name auftauchte, der jedoch nirgends in der Anlage festgehalten ist: Saijōsho 斎場所, der Weiheplatz. Dies muß der eigentliche Name der Anlage sein. Kanetomo entsprechend ist zu vermuten, daß es sich hierbei um ein Wortspiel handelt: 斎場所 entspricht 最上所, der „allerhöchste Ort“.
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5.1. Legende und Entstehung des Schreins
Kanetomo hatte einen Grund seinen Schrein so zu benennen, und den führt er in einem Brief an Hino Tomiko aus. So hat der Legende nach der erste Kaiser Japans, Jimmu Tennō 神 武天皇, der vom Himmel auf einen Berg in Kyūshū herab kam, in Yamato einen Weiheplatz, genannt saijōsho, errichtet, um die bösen kami, die die Menschen heimsuchten, zu beruhigen. Kanetomo stellt seinen Schrein also geistig in eine Abstammungslinie mit dem allerersten Schrein Japans.
Der erste von den Yoshida geleitete Schrein soll nun von Saga Tennō 嵯峨天皇(786- 842)befohlen worden sein. So berichtet das Urabe-ki 卜部記 , daß Saga einen höchsten Schrein errichten wollte und den Yoshida diesen auf dem Berg Nyoi-ga-dake anvertraute. 27 Auch eine der Inschriften im späteren Yoshida-Schrein soll direkt von Saga Tennō verfaßt worden sein.
Sicher ist nur, daß es einen früheren Schrein in der Nähe des heutigen gab, der unter der Leitung der Yoshida stand und ein Nebenschrein des Kasuga-Schreins in Nara war. Er stellte gewissermaßen eine Nachbildung von diesem dar und fungierte als einer der drei Familienschreine der Fujiwara. Wie alle anderen auch, war er u.a. dem gemeinsamen Ahnen Ame no koyane no mikoto geweiht. Im Onin-Krieg wurde dieser Schrein zerstört und es begann der uns bereits bekannte Aufbau des heutigen Yoshida-Schreins. Ab 1484 steht dieser an seinem heutigen Platz. Es sind jedoch heute nicht mehr alle Gebäude erhalten, einige wurden 1871 im Zuge der Diskreditierung synkretistischer Einrichtungen zerstört.
5.2. Form und Symbolik der Anlage
Dietrich SECKEL (1943) verfaßte den umfangreichsten Artikel in westlicher Sprache zur Architektur des Taigenkyū. Es war überhaupt der erste Artikel, der sich damit befaßte, doch erhielt der Autor keinen Zugang zum Inneren des Schreins und hatte auch keinen Zugang zu den zahlreichen Dokumenten des Yoshida-Schreins, die sich heute in der Tenri-Universität befinden. Auch Toshio Fukuyama (1977), der an der Rekonstruktion des Schreins 1939 mitwirkte und somit Einblick in das Heiligtum erhielt, beschäftigte sich mit der Architektur.
Der Taigenkyū ist ein achteckiger Bau, was laut SECKEL ein Unikum im Shintō darstellt. Sein schilfgedecktes rundes Dach (s.g. kōgyō-zukuri 方形造, bei buddhistischen Tempeln) formt sich in einer architektonischen Meisterleistung zu einem Giebeldach, einem
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shintōistischen irimoya 入母屋 . Es stellt damit eine der vielen Verbindungen zwischen Buddhismus und Shintō dar. SECKEL listet Gemeinsamkeiten des Taigenkyū mit buddhistischen Bauten auf: beide haben acht Pfeiler an acht Ecken, vier Eingänge an den Haupthimmelsrichtungen, und eine doppelte Sparrenreihe 28 unter dem überhängenden Dach. Die Form des Achtecks ist eine Zwischenform von Viereck und Kreis, wobei der Kreis das Prinzip Yang darstellt und das Viereck Yin. Wieder tauchen bei der Interpretation viele zahlenmystische Symbole des Taoismus auf. So verfügt der Bau über einen massiven Mittelpfeiler, der zusammen mit den acht Seitenpfeilern die neun Himmelsrichtungen symbolisiert, wie sie auch im Altaraufbau der Yoshidarituale auftauchen. Versinnbildlicht ist auch die Erde, die von acht Gestirnen umkreist wird. Wieder muß vor allem im Zusammenhang mit dem Namen des Schreins, „Schrein des Großen Ursprungs“, an das I-qing erinnert werden. Denn die 8 mal 8 Hexagramme des I-qing bringen alle (zehntausend) Dinge hervor, und diese Position möchte der Schrein ja einnehmen. Das Dach wird geschmückt von vier auffälligen Giebelhölzern, s.g. chigi 千木 . Die beiden an der Frontseite, nach Süden gerichtet, sind am Ende horizontal abgeschnitten und symbolisieren damit Yang. Die hinteren sind vertikal abgeschnitten und symbolisieren Yin. Außerdem finden sich beide Formen jeweils beim Inneren und Äußeren Schrein von Ise, es ist hier also eine Form, die beide Schreine in sich vereint. Auf dem Dachfirst entlang sind kleinere Querhölzer, s.g. katsuogi 鰹木 , angebracht. Drei Gruppen von jeweils drei Hölzern haben eine runde Form und versinnbildlichen wiederum sogar in dreifacher Form Yang (rund, drei und neun) und zwei Gruppen zu zwei Hölzern sind viereckig und stehen für Yin. Gekrönt wird das ganze von einer Bronzehaube, die den Zentralpfeiler bedeckt und auf einer siebenblättrigen Lotosblüte ruht. Die Haube symbolisiert möglicherweise den Spiegel der Amaterasu, eine der drei kaiserlichen Regalia. Ebenso sind die Geländer von solchen Hauben geschmückt, was z.B. im Brückenbau nur sehr bedeutenden, meist im Zusammenhang mit dem Kaiser stehenden, Brücken zukommt.
Der Zentralpfeiler nun weckt gleich eine ganze Reihe von Assoziationen, shintōistischer Natur. So kann man hierin den Juwelenspeer entdecken, den Izanami und Izanagi von der Himmelsbrücke herab stießen und an dessen Ende die Wassertropfen sich zu den japanischen Inseln kristallisierten. Auch nach ihrer Ankunft auf den Inseln umschritten beide einen mächtigen Pfeiler, den Welten- oder Hochzeitsbaum, nach dessen Umrundung sie ihre Vermählung beschlossen und die ersten kami zeugten. Ferner ist vor allem bekannt, daß
27 SECKEL, 1943. S. 60
28 das sind die ziegelartigen Enden, die an der Unterseite des Daches deutlich heraustreten.
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der Ise-Schrein einen Zentralpfeiler mit gleicher Symbolik unter dem Boden des Inneren Schreins besitzt. Das Nihongi berichtet über die Herabkunft von Jimmu Tennō, daß er in Usa 宇佐 einen Palast errichtete, der „auf einem Pfeiler“ (Kojiki: „auf einem Bein erhoben“) stand. 29 Der Zentralpfeiler ist ein mächtiger Bambusstamm, der den Gottleib (shintai) beherbergt und von acht kleineren Pfeilern völlig verborgen wird. Der Pfeiler ruht auf einem achteckigen Fundament, das auf 3132 Kieselsteinen ruht, die Anzahl aller in Japan verehrten Götter, laut dem Engishiki 延喜式 , einer Art Schrein- und Götterregister. Vertikal zur Basis ist im Inneren ein windmühlenartiges oktagonales Rad angebracht, das den Eindruck erwecken soll, zu schweben. Zur nördlichen Seite des Taigenkyū schließt sich ein kleiner sechseckiger Bau an, der laut SCHEID den Platz für den Obersten Zeremonienmeister bietet. SECKEL hatte noch gemutmaßt, ob es eine Öffnung zwischen den beiden Bauten gibt, doch mit SCHEIDs Äußerung gehe ich davon aus. SCHEID schreibt weiterhin, daß es früher noch eine Ritualhalle außerhalb des Saijōsho gegeben haben muß. Wenn also überhaupt, so wird in dem Anbau nur ein kleiner Altar gestanden haben.
Links und rechts vom Taigenkyū befinden sich längliche Gebäude, die jeweils 33 Schreine beherbergen, in denen alle 3132 Götter verehrt werden. Zur zentralen Gottheit machte Kanetomo einen bis dahin völlig unbekannten Urgott mit dem chinesischen Namen ‚Gott des Großen Ursprungs‘, Taigen sonshin 大元尊神. Möglicherweise ist dieser gleichzusetzen mit dem im Nihongi als ersten Gott erwähnten Kuni no tokotachi 国常立. Dieser wurde auch im Watarai-Shintō als Urgott betrachtet und würde wiederum auf den Zentralpfeiler verweisen, denn Kuni no tokotachi wird beschrieben als „Schilfsprössling“, der sich zwischen Himmel und Erde bildete.
Nördlich vom Taigenkyū befindet sich eine Erhebung, auf der sich bis 1871 die hasshinden, die acht kaiserlichen Schreine, befanden. Die hasshinden befanden sich ehemals im Jingikan, als dieses jedoch im Onin-Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurde, sicherte sich Kanetomo diese Objekte des kaiserlichen Kultes. Zudem befanden sich in der Anlage zwei den Gottheiten von Ise geweihte Schreine. Diese trugen jeweils eine Inschriftentafel mit den Worten: Gekū-sō 外宮宗 und Naikū-gen 内宮元. Faßt man die Endsilben zusammen, ergibt das sōgen, also der Yoshida-Shintō (außerdem ist mit gekū und naikū zumeist der Ise-Schrein gemeint). Nach Kanetomos Tod wurde ein kleiner Nebenschrein für ihn errichtet, in dem er als Shinryū daimyōjin 神龍大名神 verehrt wird.
29 Zitiert in SECKEL, S. 83
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Ziel Kanetomos war es, alle Schreine Japans zu vereinigen, und die höchsten Priester sollten die Yoshida sein. Die Schreinanlage bringt dies in jedem Detail zum Ausdruck. Die Symbolik ist massiv auf ‚Uranfang‘ ausgerichtet, wie auch die fundamentale Ideologie Kanetomos. Auch die Zahlenmystik von Yin und Yang spielt eine große Rolle. Diese Tradition muß sich innerhalb der Urabe als wichtiges Element erhalten haben. SECKEL stellt Überlegungen an, ob die Form des Taigenkyū eventuell eine traditionelle Bauform der Urabe gewesen sein könnte, verwirft dies jedoch und führt die Form ausschließlich auf Kanetomos Vorliebe für chinesische Symbolik zurück.
6. Weitere Entwicklung und Auswirkungen
Bald nach Kanetomos Tod, spätestens mit Beginn der Edo-Zeit (1603- 1868) verblaßte der Shintō wie Kanetomo ihn niedergeschrieben hat. Nach Tokugawa Ieyasus Tod 1605 versucht die Yoshida-Familie verantwortlich für seinen Totenkult zu werden. Doch es funktioniert nicht und von da an zelebrieren die Yoshida nie wieder Kulte für hohe Politiker. Der bedeutende Shintōtheologe und Vordenker des Neoshintō Hayashi Razan (1583- 1657) beschäftigt sich eingehend mit dem Yoshida-Shintō, doch er verurteilt ihn auf das Schärfste und nennt Kanetomo „Japans grössten Lügner und Feind der kami.“ 30 Im ersten Jahrhundert der Edo-Zeit schlug die Stimmung um, weg von den ‚taoistischen Zahlenrätseln‘ hin zur konfuzianischen Ethik.
6.1. Die konfuzianische Transformation
Derjenige, der den Yoshida-Shintō daran anpaßte, war der Yoshida-Schüler Yoshikawa Koretari (auch: Koretaru) 吉川惟足(1616- 1694). Er wurde 1653 Schüler der Yoshida und erlangte den höchsten der vier Geheimnisträgerränge. Diesen Rang vererbte er weiter an seinen Sohn, womit der Rang im Besitz der Yoshikawa blieb, bis 1888, als die Yoshida vollends an Bedeutung verloren haben.
Koretari gründet eine neue Doktrin, die auf der konfuzianischen Fünf-Elemente-Lehre beruht (fünf Beziehungen- fünf Tugenden; gorin gojō 五輪五常). Im Vordergrund steht dabei die Beziehung von Herr und Vasall, Lehrer und Schüler, Vater und Sohn usw. Er interpretiert den Konfuzianismus so, wie es Hayashi Razan tut und gründet den Shinyoshida shintō 新吉 田神道 oder auch Yoshikawa shintō 吉川神道. Er bezeichnet den Neokonfuzianismus als die
30 GRAPARD, 1992. S. 57
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„Rationalisierung des Yoshida-Shintō“ 31 , weshalb es auch den Begriff Rigaku shintō 理学神 道 gibt, den Nelly Naumann mit ‚Naturwissenschaftlicher Shintō‘ bezeichnet. In seiner Doktrin erklärt er die „Einheit von Gottheit und Mensch“ zum Ziel, die sich in „Geradlinigkeit 正直 und Wahrheit 誠 (KRACHT) manifestiert. Der menschliche Weg dorthin liege in „ Ehrfurcht 慎 und Verehrung 敬“ [nämlich derjenigen, mit denen man in einem der obigen Verhältnisse steht].
Im Jahre 1665 regelt eine „Verordnung über Schreine und Priester“ 32 , daß alle Schreine, ausgenommen ein paar große, ihre Priester zum Yoshida-Schrein entsenden sollen, um dort ihren Titel verliehen zu bekommen. In der Praxis jedoch beschränkt sich dies auf zweitrangige Schreine. Die wirklich wichtigen Titel verleihen alte höfische Familien wie die Shirakawa und Tsuchimikado. Die Yoshida konzentrieren sich nach ihrem Scheitern im Erlangen von bedeutenden Totenkulten ausschließlich auf die Ämterverleihung, und so eröffnen sie 1792 in Edo eine Filiale, sowie ein „Büro für Theologie“ (jingakuya 神学屋), das sich in Edo und Osaka befindet. 33
Die konfuzianische Umdeutung durch Koretari sicherte dem Yoshidageschlecht auch weiterhin eine gewisse Autorität in theologisch-philosophischen Fragen, doch hat dieser neue Shintō am Ende seiner Entwicklung kaum mehr etwas mit Kanetomos Sōgen-Shintō gemeinsam. Dennoch steht dem Yoshida-Shintō, oder das was diesen Namen trägt, ein wichtiger Platz in der Geistesgeschichte der Edo-Zeit zu, als diejenige Shintō-Schule, die von den Tokugawa favorisiert wurde.
Kurz vor dem endgültigen Scheitern, gab es 1867 noch einen Versuch, die Doktrin zu ‚reinigen‘ und zu einem ‚reinen Shintō‘ zurück zu kehren. Die Yoshida erhielten Geld zur Errichtung einer Shintō-Schule am Berg Yoshida, doch kurz darauf setzte jene neonationalistische Stimmung ein, die jegliche synkretistischen Glaubensgebilde ablehnt. Zusammen mit einigen Schreingebäuden wird die Schule zerstört.
Yoshida Kanetomo hat mit seiner Stärkung des Shintō einen entscheidenen Beitrag geleistet zur späteren geistigen Strömung des Neo- oder Nationalshintō. Dennoch wurde er zu dieser Zeit völlig abgelehnt, da seine Lehre grundlegend synkretistisch war und alles japanische von
31 ANTONI, 1997. S. 188
32 ANTONI, 1997. S. 183-84
33 ANTONI, 1997. S. 184-85
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Buddhas bereinigt werden sollte. Es hat den Anschein, als ob dieser Bann am Ende der Meiji-Zeit noch lange angehalten hat, denn lange blieb der Yoshida-Shintō völlig unbeachtet, und wurde er doch einmal zitiert, so wurde er oft mit dem Stigma der Hochstapelei belegt. Es stellt sich natürlich die Frage, was denn reiner Shintō überhaupt ist, und nach dem, was wir wissen, hat es so etwas womöglich nie gegeben. Die ältesten Annalen Japans entstanden im siebten Jahrhundert und standen bereits unter chinesischem und buddhistischem Einfluß. Sollte es davor einen rein japanischen Shintō gegeben haben, so war er wahrscheinlich lokal äußerst begrenzt, und keinesfalls ein im ganzen Land uniformer Kult. Dies betont auch der japanische Wissenschaftler Kuroda Toshio. Über den Yoshida-Shintō des Mittelalters sagt er sogar, daß es sich dabei nicht um eine Ausformung oder Abart des Shintō handele, sondern um den Shintō an sich, wie er zu dieser Zeit bestand, nämlich nicht ohne den Buddhismus denkbar. 34
34 zitiert in SCHEID, S. 17- 18; Kuroda, Toshio: Shinto in the History of Japanese Religion, in:
Japanese Journal of Religious Studies 7/1: S. 1-22, 1981.
24
Quellen
ANTONI, Klaus (Hrsg.): Rituale und ihre Urheber. Invented Traditions in der
BOWRING, Richard, Peter Kornicki (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Japan, Cambridge: Cambridge University Press, 1993.
GRAPARD, Allan G.: The Shinto of Yoshida Kanetomo, in: Monumenta Nipponica 47/1: S. 27-52, 1992.
NAUMANN, Nelly: Die einheimische Religion Japans. Teil 2: Synkretistische Lehren
KRACHT, Klaus: Studien zur Geschichte des Denkens im Japan des 17. bis 19. Jahrhunderts, Wiesbaden: Harassowitz, 1986.
RAMMING, Martin: Japan- Handbuch, Berlin: Steiniger, 1941.
SCHEID, Bernhard: Der Eine und Einzige Weg der Götter. Yoshida Kanetomo und die
SECKEL, Dietrich: Taigenkyū, das Heiligtum des Yuiitsu-shintō. Eine Studie zur Symbolik
TSUNODA, Ryusaku, William Theodore de Barry, Donald Keene (Hrsg.): Sources of
WIEGER, Léon: Chinese Characters. Their origin, etymology, history classification and signification, Hsien-hsien: Catholic Mission Press, 1927.
Kōjien 広辞苑 , Tokyo: Iwanami-shōten, 1983.
Website über den Yoshida-jinja:
Arbeit zitieren:
Morten Pritzkow, 2002, Entstehung und Entwicklung des Yoshida-Shinto, München, GRIN Verlag GmbH
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