so dass er sich seine Situation und Befindlichkeit darstellen und schon fast sein Leiden und Bitterkeit mitfühlen kann. Das Wort „Stäbe“ wird dreimal wiederholt und seine Hervorhebung in Stellung und Reim machen es zum Leitwort der ersten Strophe. Dieses ständige „Vorübergehen der Stäbe“ bring eine Irritation der Wahrnehmungsfähigkeit mit sich, eine Art optische Täuschung, die, durch das Beobachten dieser zahllosen („tausend“) Stäbe, schließlich den Blick ermüden lässt - „so müd“ ist die einzige Stelle, an der der Autor vom Metrum abweicht -, so das er „nichts mehr hält“, die dahinterliegende eigentliche Welt also nicht mehr wahrnehmen und erfassen kann.
Die zweite Strophe scheint zunächst die Darstellung des Bewegungsvorgangs fortzusetzen, beschreibt aber tatsächlich eine Folge des Eingesperrtseins. Der „große Wille“ des immer noch kraftvollgeschmeidigen Panthers ist „betäubt“, da es keine Bewegung auf ein bestimmtes Ziel hin ist, wie es für dieses Tier in freier Wildbahn natürlich wäre. Dieses unruhige, sinnlose „ im allerkleinsten Kreise drehen“ entsteht aus der Verstörtheit des Tieres, dass selbst Mitte seiner Welt geworden ist. Der „Tanz von Kraft“ ist sinnbildlich für den Panther gemeint, dessen Schönheit, Rätselhaftigkeit und unergründliches Wesen auf engstem Raume („eine Mitte“) gefangen ist. In dieser Strophe weicht der Beobachter von seiner Sachlichkeit ab und berichtet über den Panther nicht nur als „Ding“, sondern lässt neben der Einfühlsamkeit auch Mitgefühl erkennen. Die Gegensätze, die hier verwendet werden, wie zwischen „weiche(r) Gang....starker Schritte“ Z. 5, „ allerkleinsten Kreise“ und dem „große(n) Wille(n)“ oder der Vergeblichkeit „starker Schritte“ in einer nicht mehr erfassbaren Welt, lassen sich auch auf das Leben des Menschen beziehen, der die eigene leidvolle Erfahrung der Orientierungslosigkeit machen musste.
In der dritte Strophe wird uns erneut ein Bewegungsablauf geschildert, wobei das Motiv des „Blicks“ aufgegriffen wird. Dieses aufschieben des „Vorhangs der Pupille“ erlaubt uns einen kurzen und kleinen Einblick „hinein, geht durch die Glieder....und hört im Herzen“, dem Sitz der Gefühle und Symbol des Wesen eines „Dings“, „auf zu sein“. Das Auge wird zum Spiegel der Seele, der, durch das Adverb der Einschränkung „nur manchmal“ einen Blick zulässt. Das eindringliche Bewusstsein kann in dieser eigentlichen Welt nicht lange besehen, durch die nicht endenden Betäubung entfremdet er sich immer mehr davon.
Der Betrachter hat durch sein beobachten versucht hinter die Fassade zu blicken, in das Tier und seine Empfindungen hinein. Die Erkenntnis versucht er so sachlich und treffend, wie möglich zu beschreiben. Er beginnt sich mit dem Tier zu identifizieren. Die Beschreibung des Äußeren fehlt nämlich völlig. Dieser Zuschauer fühlt sich in die Situation des Panthers hinein, wodurch er nicht mehr in der Lage ist sie sachlich zu beschreiben (dies kommt stark in der
zweiten Strophe zum Ausdruck). Einem Tier, dass seine Freiheit niemals aufgeben würde und deshalb nun zugrunde gehen wird, gilt sein Mitgefühl.
Das Gedicht „der Panther“ ist ein Dinggedicht. Rilkes Wahrnehmung findet hier einen genauen Ausdruck für das Wesen des Tieres. Er versucht sich in den Panther hinein zu versetzen, um nicht nur ein Einfühlen zu erreichen, sondern auch dem unbewussten Fühlen des Tieres seine eigenen Emotionen und Gedanken zugeben. Daraus ergibt sich eine Einheit zwischen dem inneren Wesen des Panthers und dem Beobachter bzw. Rilke, mit dem er sich nun identifizieren kann. Rilke wollte in den „Dingen“ ein Leben entdecken, dass mit unserem Leben zu vergleichen ist und einen Bezug herstellt. In den drei Strophen bewegt sich der Beobachter von dem Außenbild, hinein in die Tiefen des Tieres, das dem oberflächlichem Betrachter verschlossen bleibt. Dieses hartnäckig-geduldige Zuschauen führt von der äußeren Erscheinung zur Wesensart. Rilke geht so in die Empfindungen des Tieres ein. Die Gefangenschaft und die daraus entstehende Müdigkeit und Trägheit durch den monotonen Rhythmus der Stäbe und durch die Eintönigkeit seines Alltages („als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt“). Durch die „Betäubung des Willens“ entfremdet sich das Tier anhaltend. I der dritten Strophe schlisst sich der Kreis und die Endgültigkeit und Ausweglosigkeit wird deutlich. Der Beobachter geht wieder auf den Blick ein, der schon zu Anfang „müd“ war und „nichts mehr hält“, jedoch hier wenigstens noch ein „Bild hinein“ geht. Der Kreis zur ersten Strophe ist geschlossen. Das Bild verursacht eine ungewisse Spannung bei dem Panther, bis es schließlich ins Herz dringt und dort stirbt, wo das Leben ist. Im Gegensatz zu Rilke beginnt Grünbein mit der äußeren Beschreibung der Gepardin (wie aus der Überschrift zu schließen ist), die bei „der Panther“ nicht vorhanden ist. Der Beobachter schildert den „geschmeidig weichen“ Gang dieses Tieres und vergleicht ihn mit vertrauten Dingen, wie einen „Laufsteg“ (Z. 3) oder dem Bild eines Malers (Z.5). Die Bewegungen werden jedoch nach kurzer Zeit unterbrochen, die „Millimeter“, eine sehr leine Maßeinheit für die Länge, bestimme die Schritte. Folglich ist der Platz sehr klein den die Abzäunung durch den Grabenrand ist nicht weit entfernt. Dies wird allerdings nicht beachtet, denn „ohne Hinsehn“ dreht sie sich um. Das Gehege ist ihr somit bekannt, da sie nicht mal mehr einen Blick für den Weg verschwenden muss. Hier spielt der Beobachter nicht auf das gute Gespür der Gepardin an, die für solche Tiere bekannt sind, sonder vielmehr die Vertrautheit mit ihrer Umgebung. Sie verbringt schon lange Zeit in diesem „Gefängnis“ das von der natürlichen Umgebung und Freiheit fernhält. Auch das Milieu um ihr Gehege bietet ihr keine Abwechslung. Es zieht sie dafür noch mehr zurück, da ihr ausgeprägter Geruchs- und Hörsinn den „Schweiß“ und den „Lärm“ (Z.11) einer Großstadt noch stärker wahrnimmt. Die
Aufzählung der negativen Dinge der Menschen, bringt den Zuschauer zur Kritisierung der Großstadt mit ihren unzählbaren Einwohnern. Sie rissen dieses wilde Tier aus seiner Freiheit und muhtem ihm diese Enge zu. Auch das Verhalten der Besucher wird für schlecht geheißen, da sie durch ihre Neugierde und Handlungsweise , wie etwa die Blitzlichter ihrer Fotoapparate (Z.4) die Gepardin geradezu „belästigen“. Ein Gehege liegt an dem anderen, so dass der Blick sich auf die danebengelegenen Affen nur noch für die Zoobesucher interessant ist (Z.13-14). Die einzige Abwechslung hat sie indem sie versucht den Gestank der Stadt zu übertönen und durch schnelles Atmen „die schlechte Luft der Großstadt in ein entferntes Air“ zu verwandeln. Dieses neue Klima erinnert sie an die Zeit in der freien „entfernten“ Natur aus der sie stammt. Doch die Erinnerung währt nicht lange, da die nächsten Besucher sie aus den „Träumen“ reißen. Trotz allem befindet sie sich noch in ihren Erinnerungen, erkennbar wird dies an der Mischung von Realität, die durch das Mädchen mit den weißen Schleifen dargestellt wird und Illusion, dem Garzellenfleisch. Die nächsten Zeilen gehen auf die wachende Verhaltensweise der Gepardin ein, die jedoch im Käfig sinnlos ist, da keine Gefahr droht. „Ihr schmaler Kopf hält wachsam noch die Stellung“ besagt, das ihr Verhalten aus dem „vorigem Leben“ noch stammt, allerdings nicht mehr lange von Dauer sein wird, denn „noch“ reagiert sie auf die ihre Träume und Vorstellungen („wenn sie vor den Toren Moskaus Zebras sieht“) von Freiheit. Doch auch die Phantasie hält der Tatsächlichkeit nicht stand, da sie jetzt schon aus ihrer Illusion erwacht und feststellen muss („dann gähnt sie lange“) , dass sie weiter hinter Wänden gefangen gehalten wird.
Beide Texte bestehen aus jeweils zwei gedanklichen Einheiten. Während aber Rilke schon in der ersten Strophe auf das Leid und den gebrochenen Stolz des Tieres eingeht, beschreibt Grünbein das Tier und geht dabei auf das Verhalten der umstehenden Leute ein. Diese werden bei Rilke nicht erwähnt, da es nur diesen einen Beobachter gibt. Die zweite Strophe weicht bei Rilke von der sachliche Beschreibung ab, während das zweite Gedicht ohne Emotionen ist. Die Schilderungen der beiden Tiere ähneln sich sehr und auch die Wirkung und Veränderung auf sie, durch die genommene Freiheit, ist gleich. Rilke sieht dies jedoch eher als ein Erwachen des Menschen aus seiner Illusion seines geregelten Lebens. Wobei die Orientierungslosigkeit geweckt wird, in der der Mensch sich, durch die Gesellschaft, befindet. Grünbein kritisiert die Gesellschaft mit ihren überfüllten Städten. Keiner nimmt mehr Rücksicht aufeinander, sowie diese Gepardin auch mit allem („Schweiß und Lärm“) konfrontiert wird. Der einzelne geht hierbei verloren und verschwindet in der Masse der Besucher.
Beide Dichter thematisieren den Bezug menschlichen Empfindens bei Tieren und trotz der Epochenunterschiede gleichen ihre Wahrnehmungen sich sehr.
Arbeit zitieren:
Caroline Trautmann, 2003, Rilke, Rainer Maria - Der Panther Vergleichende Gedichtsinterpretation mit 'Einer Gepardin im Moskauer Zoo' von Durs Grünbein, München, GRIN Verlag GmbH
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