Proseminararbeit WS 03/04 Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Lethargie und Neubeginn - Eine Übersicht der möglichen Ursachen
des Kriegsausbruches
2.1. Allgemein 5
2.2. Kultur 5
3. Der deutsche Kulturbegriff
3.1. Die Merkmale der deutschen Kultur 7
3.1.1. Überlegenheit 7
3.1.2. Die deutsche Freiheit - Der innere Frieden 8
3.1.3. Bildung 8
3.1.4. Diverse 9
3.2. Der Zweck der deutschen Kultur 10
4. Das deutsche Volk
4.1. Stimmen der Bewunderung und der Verachtung 11
5. Zusammenfassung 13
6. Bibliographie
6.1. Darstellungen 14
6.2. Quellen 15
2
Proseminararbeit WS 03/04 Einleitung
1. Einleitung
Die negativen Auswirkungen der Industrialisierung waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig. Ganze Landstriche wurden durch den Abbau von Ressourcen verwüstet und unzählige Fabrikarbeiter lebten in Armenviertel. Zahlreiche Menschen fühlten sich zusehends von der Technik „überrollt“ . 1 Die Intellektuellen andererseits verarbeiteten ihr Unbehagen in der Form der „Zivilisationskritik“. Darin kritisierten sie den Fortschrittsglauben und den Glauben an die Technik.
Im Ersten Weltkrieg jedoch verwandelte sich die „Zivilisationskritik“ in den „Kulturkrieg“. Im „Kulturkrieg“ wurde nicht mehr der Fortschritt an sich, sondern ganze Nationen kritisiert. So bezichtigten die Engländer und die Franzosen die Deutschen der Barbarei. Diese wiederum warfen deren Zivilisation Gewinnsucht, Abgeflachtheit und reines Nützlichkeitsdenken vor.
Ein weiterer Grund für den Wandel der „Zivilisationskritik“ in den „Kulturkrieg“ war der fehlende Kriegsgrund Deutschlands. Um den Deutschen einen möglichen Kriegsgrund liefern zu können, instrumentalisierten die deutschen Intellektuellen die „Zivilisationskritik“ zu ihren Gunsten, indem sie zwischen „Zivilisation“ und „Kultur“ differenzierten. Den westlichen Staaten, allen voran England und Frankreich, ordneten sie die „niedere“ „Zivilisation“, ihnen selbst die überlegene „Kultur“ zu. Somit konnte der Erste Weltkrieg als Mittel zur Verteidigung der „deutschen Kultur“ gegen die „Zivilisation“ gerechtfertig werden. Der „Kulturkampf“ war sozusagen aus der „Zivilisationskritik“ entsprungen.
Da während den Kriegsjahren die Begriffe „Kultur“ und „Volk“ bei der jeweiligen Beweisführung der eigenen Überlegenheit von zentraler Bedeutung waren, werde ich diese zwei Begriffe untersuchen. Ich werde untersuchen, welche Merkmale die „deutsche Kultur“ aufwies und welchem Zweck sie dienen sollte. Ebenso werde ich untersuchen, wie die deutschen Intellektuellen das „deutsche Volk“ beschrieben hatten, weil sich die Mentalität eines „Volkes“ zwangsläufig in der Kultur manifestiert. Bei der Untersuchung werde ich sowohl positive als auch negative Aspekte berücksichtigen. Die „Zivilisationskritik“ hingegen wird nicht Gegenstand meiner Arbeit sein.
1 Besslich, Kulturkrieg, S. 5.
3
Proseminararbeit WS 03/04 Einleitung
Als Quellen dienten mir Schriften und Reden von vornehmlich deutschen Professoren und Intellektuellen. Zu der ergiebigsten Quelle gehörte das Buch „Deutsche Reden in schwerer Zeit“, da es mehrere Reden deutscher Professoren beinhaltet. Der Engländer Houston Stewart Chamberlain war mir eine wichtige Quelle, weil er grossen Einfluss auf das 20. Jahr-hundert ausübte, da seine Überlegungen zur Rassenlehre u.a. als Fundament der nationalsozialistischen Ideologie dienten. Dr. Karl Lamprecht’s „Krieg und Kultur“ war deshalb von Bedeutung, weil er in seinem Werk die deutschen Kulturerrungenschaften thematisiert hatte. Georg Hoffmann’s „Deutsche Kultur voran“ wählte ich deshalb, weil er für die Untersuchung der Grundlagen einer Kultur und für die Untersuchung des Volksverständnis wichtig war. „Kultur und Nation“ von Wolfgang Heine war für die Untersuchung der Merkmale und des Zwecks einer Kultur sehr wichtig. Schliesslich wählte ich Hauptmann von Beerfelde’s „Michel wach auf“ aus, weil er bekennender Pazifist 2 war und dadurch zu den Kritikern der deutschen Politik gehörte.
Die „Kultur“, oder die Lebensweise, des beginnenden 20. Jahrhundert ist bereits umfassend erforscht worden. Dabei wurde grossen Wert gelegt, Veränderungen der bürgerlichen Kultur und die Stellung der Intellektuellen in der Gesellschaft im Zusammenhang mit den Folgen der Industrialisierung und des vorherrschenden Zeitgeistes zu untersuchen.
Zuerst werde ich eine Übersicht von möglichen Gründen des Kriegsausbruchs geben. Im ersten Schritt der Untersuchung werde ich dann das Quellenmaterial auf die Merkmale der deutschen Kultur hin untersuchen. Da diese Merkmale allerdings verschiedene Aspekte beinhalten, unterteile ich diese der Übersichtlichkeit wegen in verschiedene Oberbegriffe, wie „deutsche Freiheit“ und „Bildung“. Um den Zweck der deutschen Kultur herauszufinden, überprüfe ich meine Quellen nach Aussagen von möglichen Aufgaben einer Kultur. Im zweiten Schritt widme ich mich dem Volksverständnis der deutschen Intellektuellen. Dazu trage ich deren Aussagen über das deutsche Volk zusammen. Im letzten Schritt versuche ich meine Ergebnisse zu einer jeweiligen Definition zusammenzufassen.
2 http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/themen/Pazifismus/wette.html, (29.1.2004, 15.00 Uhr)
4
Proseminararbeit WS 03/04 Lethargie und Neubeginn
2. Lethargie und Neubeginn - Eine Übersicht der möglichen Ursachen
2.1. Allgemein
Einer der wichtigsten Ursachen des Kriegsausbruches war der Wunsch der Deutschen, doch noch imperialistisch tätig zu werden. Bei zahlreichen Deutschen herrschte die Auffassung, dass nun die Zeit gekommen war, die sogenannten „abgestiegenen“ Kolonialmächte wie Portugal zu „beerben“. Die Situation sollte sich verschärfen, als die Meinung aufkam, dass das Britische Empire ebenfalls zu diesen geschwächten Mächten gehöre. 3 Um diesen Wunsch Ausdruck zu verleihen, begann die deutsche Heeresleitung sogleich mit der Flottenaufrüstung, um im alles entscheidenden Seekrieg gegen Grossbritannien bestehen zu können.
Dies rufte sowohl den Neid wie auch die Angst der Franzosen hervor. Sie sahen sich nicht nur in der wirtschaftlichen Kraft gegenüber Deutschland im Hintertreffen, sondern auch durch das immense Bevölkerungsgefälle zwischen den beiden Staaten. Während um 1914 in Deutschland 64 Millionen Menschen lebten, waren es nur 38 Millionen in Frankreich. 4 Frankreich versuchte diesen Nachteil durch die Einführung der dreijährigen Wehrdienstpflicht von 1912/13 wettzumachen. 5
Die Lage sollte sich noch zusätzlich durch die Bildung der Entente cordiale von 1904 zwischen Frankreich und Grossbritannien sowie der britisch-russischen Entente von 1906 zuspitzen. Folglich hatten die Deutschen durch diese beunruhigende Begebenheit demnach nur noch eine Möglichkeit vor Augen gehabt - die Flucht nach vorne.
2.2. Kultur
Es gab zahlreiche Gründe für den damals vorherrschenden Kulturpessimismus. Ein nicht unbedeutender Grund war der Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche. In seiner Schrift „Götzendämmerung“ rechnet er im Kapitel „Was den Deutschen abgeht“ mit den Deutschen ab, insbesondere mit den deutschen Akademikern. Er wirft den Deutschen vor, dass sie eine nur mässige Kultur besässen, weil sie eine (militärische) Macht geworden seien. Seiner Ansicht nach gibt es ein Wechselspiel zwischen Macht und Kultur.
3 Berghahn, Sarajewo, S. 51.
4 Ebd., S. 32.
5 Ebd., S. 73.
5
Proseminararbeit WS 03/04 Lethargie und Neubeginn
Das eine kann nur auf Kosten des anderen erstarken. In diesem Sinne war Deutschland nach der Reichsgründung von 1870/71 als Macht erstarkt, während die Kultur degenerierte. Nietzsche nannte diese Wechselwirkung „Verlegung des Schwergewichts“ 6 . Wie gesagt machte Nietzsche den Schuldigen vorrangig beim deutschen Schulwesen aus. Seiner Meinung nach produzierten die deutschen Professoren in möglichst kurzer Zeit nur noch „Staatsdiener“, anstatt Zeit und Musse für eine umfassende, humanistische Bildung aufzubringen: „... mit dreissig Jahren ist man, im Sinne hoher Kultur, ein Anfänger, ein Kind.“ 7 . So glaubt Nietzsche anhand der schnellen Ausbildung der Elite und des undemokratischen Zugangs zu den Hochschulen, den Untergang der deutschen Kultur erklären zu können. 8
Nietzsche’s bissiger Vorwurf an die Professorenwelt soll mit dem folgenden Zitat noch zusätzlich verdeutlicht werden:
„Aus einer Doktor-Promotion. - „Was ist die Aufgabe alles höheren Schulwesens?“ - aus dem Menschen eine Maschine zu machen. - „Was ist das Mittel dazu?“ - Er muss lernen, sich langweilen. - „Wie erreicht man das?“ - Durch den Begriff der Pflicht. - „Wer ist sein Vorbild dafür?“ - Der Philolog: der lehrt ochsen. - „Wer ist der vollkommene Mensch?“ - Der Staats-Beamte. - „Welche Philosophie gibt die höchste Formel für den Staats-Beamten?“ - Die Kants: der Staats-Beamte als Ding an sich zum
Richter gesetzt über den Staats-Beamten als Erscheinung. - “ 9
In den Vorkriegsjahren sollte Nietzsche zum Kult avancieren. Sein Pessimismus gegenüber der deutschen Kultur und sein postulierter „Kampf ums Dasein“ waren Bestandteil jenes Grundgedankens einer hoffnungslosen Generation, die sich nur mittels eines reinigenden Krieges aus dieser kulturellen Stagnation zu befreien hoffte. 10
6 Nietzsche, Götzendämmerung, S. 96.
7 Ebd., S. 97.
8 Ebd., S. 93 ff
9 Ebd., S. 117.
10 Rürup, Der Geist von 1914, S. 12.
6
Proseminararbeit WS 03/04 Die Merkmale der deutschen Kultur
3. Der deutsche Kulturbegriff
Seit 1900 war das Wort „Kultur“ für zahlreiche Zeitschriften und Veröffentlichungen Titel gebend. 11 Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Kultur“ würde erklären, warum im „Kulturkampf“ die Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“ verwendet wurden, obwohl beide Begriffe gleichbedeutend waren. Tatsächlich bestanden um 1880 keinerlei Unterschiede zwischen den Begriffen „Zivilisation“ und „Kultur“, sie waren Synonyme. 12 Doch weil damals in der Diplomatie das Französische vorherrschte, setzte sich stets die „Zivilisation“, respektive das Französische „civilisation“ durch. 13 Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese zwei Begriffe vor dem Krieg kaum Gegenstand der Diskussion waren, weil sie ja kaum Unterschiede aufwiesen.
3.1. Die Merkmale der deutschen Kultur
3.1.1. Überlegenheit
Der deutsche Professor Gustav Roethe spricht in seiner Rede an die Berliner Studentenschaft von einer überlegenen Kultur, wobei er mit Bestimmtheit an die Deutsche dachte 14 . Für Wolfgang Heine ist die Kultur ein gesellschaftlicher Zustand. Diese „gegenwärtige Kultur“, wie er zu sagen pflegte, zeichnet sich durch die starke, edle und schöne Menschlichkeit aus. 15 Er setzt seine Argumentationen fort, indem er die „Lernfähigkeit“ der deutschen Kultur lobt. Seiner Meinung nach, nimmt sich die deutsche Kultur positive Eigenarten anderer Kulturen heraus und integriert diese in sich selbst. Folglich hat die deutsche Kultur das Potential zur „reichsten und tiefsten Kultur“ überhaupt. 16 Otto von Bierke nennt die Deutschen sogar „Träger der Weltkultur“ 17 . Auch Dr. Karl Lamprecht war von der Überlegenheit der deutschen Kultur felsenfest überzeugt. Er nennt die Philosophen, Musiker, Literaten und den Erzieher Humboldt als Grund für die nun schon 150 Jahre andauernde Vormachtstellung Deutschlands in Europa. 18
11 vom Bruch, Kultur und Kulturwissenschaften, S. 12.
12 Geschichtliche Grundbegriffe, S.746.
13 Ebd., S. 745.
14 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 24.
15 Heine, Kultur und Nation, S. 3ff.
16 Ebd., S. 7.
17 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 100.
18 Lamprecht, Krieg und Kultur, S. 31 ff.
7
Proseminararbeit WS 03/04 Die Merkmale der deutschen Kultur
3.1.2. Die deutsche Freiheit - Der innere Frieden
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff definiert die deutsche Freiheit gleich mit mehreren Merkmalen. Für ihn sind dies der Gewerbefleiss, sprich die deutschen Kaufleute, das deutsche Erfindertum, der deutsche Gedanke und die deutsche Kraft. 19 Für Gustav Roethe bedeutet Freiheit hingegen „... die Freiheit der Entfaltung von Deutschland ...“ 20 und den „... Kampf um die politische und geistige Selbstständigkeit ...“ 21 . Chamberlain hält die deutsche Freiheit sogar für ein „originales Ereignis“. Denn nur in der deutschen Freiheit bewahren sich „…alle einzelnen Teile innerhalb des Reiches …“ ihre „.. unabhängige Eigenart ...“, ohne dem grossen Ganzen den Dienst zu verwehren. 22 Der innere Frieden hingegen, kennzeichnet sich vorrangig durch das Zusammenrücken des Volkes aus. Moellendorff nennt dieses Zusammenrücken „Kameradschaft“ und „Unterordnung“. 23 Otto von Bierke hält den Krieg für den Grund des inneren Friedens. 24
3.1.3. Bildung
Auch in der Bildung fühlte man sich überlegen. Roethe brachte hierfür den schöpferischen Charakter der deutschen Kultur in die Kulturdebatte ein. Dazu zählt er den Siegeszug der deutschen Wissenschaft im 19. Jhd., die Kunst und die erbrachten Kulturgüter auf. 25 Dr. Lamprecht unterstützt Roethe’s „Beweisführung“ mit seiner These von der 150 Jahre andauernden Vorreiterrolle Deutschlands in Europa. 26 Georg Hoffmann ist der Ansicht, dass das Ausland, im Gegensatz zu Deutschland, seine Bürger zu „Gläubigen“ und nicht zu „Wissenden“ erzieht. 27 Als gewichtigen Beweis für die Irrlehren des humboldschen Schulsystems nennt er die Tatsache, dass 50% der humanistisch gebildeten Schüler in Deutsch-land militäruntauglich seien. 28 Chamberlain geht sogar soweit, den britischen König Georg V Unwissenheit vorzuwerfen, weil dieser allem Anschein nach Goethe nicht kennt! 19
19 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 8.
20 Ebd., S. 20.
21 Ebd., S. 29.
22 Chamberlain, Kriegsaufsätze, S. 22.
23 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 5.
24 Ebd., S. 89.
25 Ebd., S. 39 ff.
26 Lamprecht, Krieg und Kultur, S. 58.
27 Hoffmann, Deutsche Kultur voran, S. 8.
28 Ebd., S. 10.
19 Chamberlain, Kriegsaufsätze, S. 15.
8
Proseminararbeit WS 03/04 Die Merkmale der deutschen Kultur
Moellendorff unterstellt den Belgiern Feigheit, weil sie eine schlechte Bildung haben und sich dies im Kampf widerspiegle. 20
3.1.4. Diverse
Der deutsche Professor Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hält die Freiheit, die Selbstständigkeit und die Ordnung der Gesellschaft für das Wesen der deutschen Kultur. 21 Otto von Bierke konkretisiert seine Kulturvorstellungen durch das Auflisten verschiedenster Merkmale des deutschen „Kulturvolkes“. Dabei zählt er die „deutsche Tugenden“ wie die vererbte Treue, das strenge Pflichtbewusstsein, die ernste Lebensauffassung und den Sinn der Wahrhaftigkeit und der Wahrheit auf. Dies waren die Bestandteile der sittlichen deutschen Kultur, welche im Ewigen verankert sein sollte. 22
Georg Hoffman ging mit Deutschland schärfer ins Gericht. Er räumt ein, dass die deutsche Kultur nur Schein sei, aber nur deswegen, weil die Religion (Christentum) und Humboldt „Irrtümer“ lehrten. Wie Nietzsche fordert auch Hoffmann eine radikale Änderung im Bildungswesen. Um diesen Wechsel vollziehen zu können, soll das pseudowissenschaftliche Lehrbuch „der Kulturarzt“ Grundlage für die Erziehung des Volkes sein. Der Kulturarzt vermittelt u.a. Wissen über chemische Vorgänge im menschlichen Körper und sogar über Selbstheilungsmechanismen des Menschen. 23 Wolfgang Heine stimmt Hoffmann darin überein, dass Deutschland seine Kultur verloren hat. Er wirft sogar die Frage auf, ob Deutschland jemals eine Kultur besessen habe. 24 Hoffman ist ferner der Ansicht, dass Deutschland durch den „fremdvölkischen Einfluss“ fremder Kulturen geschwächt wurde, indem Deutschland deren Untugenden aufnahm und die eigenen Tugenden verriet. Dieser Einfluss mache sich in der Untergrabung des deutschen Wohlstandes und in der gierigen und materialistischen Oberschicht bemerkbar. 25 Um dies zu ändern, ruft Hoffmann zum Kampf für eine höhere germanische Volkskultur auf. 26 Als Grundlage einer Kultur nennt er zum einen die Pflege der Volkslieder für die geistige und körperliche Entwicklung, zum anderen das „Wissen über uns selbst“. Dieses Wissen beinhaltet das Bewusstwerden des „Organismus“, bestehend aus Mitmenschen. 27
20 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 6.
21 Ebd., S. 7.
22 Ebd., S. 97 ff.
23 Hoffmann, Deutsche Kultur voran, S. 12ff.
24 Heine, Kultur und Nation, S. 2.
25 Hoffmann, Deutsche Kultur voran, S. 3ff.
26 Ebd., S. 4 ff.
27 Ebd., S. 7.
9
Proseminararbeit WS 03/04 Der Zweck der deutschen Kultur
3.2. Der Zweck der deutschen Kultur
Wolfgang Heine differenziert die Kultur in „Kulturerrungenschaft“ und in „Wesen der Kultur“. Unter Kulturerrungenschaften können Objekte wie Gebäude, Denkmäler und dergleichen verstanden werden. Kulturerrungenschaften sind demnach all jene Sachen, die sich nach dem Krieg wiederherstellen lassen. Beim Wesen der Kultur andererseits, verhält es sich etwas komplizierter. Für ihn ist die Kultur ein geistiger, ein gesellschaftlicher Prozess, der Prozess der „Erhöhung der menschlichen Art“. Nach Heine beinhaltet dieses Streben der Kultur den Dienst an der Menschlichkeit. 28
Österreich-Ungarn war nicht selten von ungarischen Revolten nach Selbstständigkeit erschüttert worden. Es herrschte eine unüberbrückbare Diskrepanz von politischen und kulturellen Unterschieden, die sich insbesonderst durch die Vormachtstellung Österreichs auszeichnete. Otto von Bierke versprach sich Abhilfe durch die deutsche Kultur. Seine Lösung besteht darin, die innenpolitischen Probleme der Habsburgermonarchie durch die deutsche Kultur überwinden zu lassen. Er erkennt in der deutschen Kultur das ergänzende Element des Vielvölkerstaates. Denn nur die deutsche Kultur allein hat die Fähigkeit, die inneren Differenzen der Donaumonarchie beizulegen und dem Land Frieden zu schenken. 29
28 Heine, Kultur und Nation, S. 3ff.
29 Zentralstelle, Deutsche Reden, S. 93.
10
Proseminararbeit WS 03/04 Das deutsche Volk
4. Das deutsche Volk
4.1. Stimmen der Bewunderung und der Verachtung
Hauptmann von Beerfelde bezeichnet die Treue des Reiches zu Österreich als „Nibelungentreue“ 29 . Moellendorff nennt es Treue bis zum Tod. 30 Die Treue soll sich allerdings nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat bemerkbar machen. Ähnlich dem Merkmal der „deutschen Freiheit“, hat das ganze Volk wie ein einzelner Organismus zu arbeiten. Dazu ein Zitat aus „Michel wach auf“.
„Ein Volk sein heisst, eine gemeinsame Not erleiden und sie in selbstloser Hingabe des einen für den
anderen und aller für alle tragen und überwinden.“ 31
Auch Max Gering fasst diesen Gedanken auf und fordert ebenfalls Opfer- und Hilfsbereitschaft an der Heimatfront. 32
Ein weiterer, wichtiger Punkt ist die Tapferkeit des Deutschen auf dem Felde. Hans Delbruck geht in seiner Rede auf den Ursprung der germanischen Treue und Tapferkeit ein. Dazu macht er einen Exkurs, in welchem er den Zuhörer, respektive den Leser, bis in die Zeit des römischen Imperiums entführt. Die Tapferkeit empfindet er als eine germanische „Uranlage“, die sich über die Jahrhunderte hinweg in der Kriegskultur des Rittertums bis in die „heutige Zeit“ erhalten hatte. 33 Die dazugehörige Disziplin definiert er durch das „einheitliche Handeln“, das im Kampfe über Leben und Tod entscheidet. 34 Hoffmann nennt den deutschen Volkszorn „furor teutonitus“, den „Berserkerzorn“. 35 Chamberlain nennt die Deutschen fromm und friedfertig. 36 Roethe hält die Deutschen sogar von Natur aus friedfertig. 37 In diesem Zusammenhang hält er die Deutschen sogar „... friedfertig bis zur Schwäche... [und] ... grossmütig bis zur Unklugheit“. 38
29 Flugschriften, Michel wach auf, S.17.
30 Deutsche Reden, S. 6.
31 Flugschriften, Michel wach auf, S. 7.
32 Zentralstelle, Deutsche Reden, 288.
33 Ebd., S. 54 ff.
34 Ebd., S. 64.
35 Hoffmann, Deutsche Kultur voran, S. 5.
36 Chamberlain, Kriegsaufsätze, S. 68.
37 Zentralstelle, Deutsche Reden, S.33.
38 Ebd., S. 22.
11
Proseminararbeit WS 03/04 Das deutsche Volk
Roethe ist ebenfalls von der Ehrlichkeit des Deutschen überzeugt. Im Gegensatz zur englischen Presse lügt die deutsche Presse nicht. Deutsche Lügen nicht, lautet demzufolge seine Feststellung. 39
Hauptmann Beerfelde kritisiert in erster Linie die geradezu penetrante „preussische Gewaltanbetung“, deren Ursprung er nur im deutschen Militarismus ausmachen kann. Zudem prangert er den fehlenden Charakter und die fehlende Zivilcourage an. Dem deutschen Parteiwesen wirft er Verlogenheit und närrisches Verhalten vor. 40
39 Ebd., S. 40.
40 Flugschriften, Michel wach auf, S.18.
12
Proseminararbeit WS 03/04 Zusammenfassung
5. Zusammenfassung
Bei der Untersuchung habe ich festgestellt, dass das damalige Kulturverständnis zu komplex ist, als dass man es in einem einzigen Satz zu definieren vermag. Daher musste ich vielmehr gemeinsame Aspekte und Grundsätze herausfinden und einander zuordnen.
Die unanfechtbare Überlegenheit der „deutschen Kultur“ war für die deutschen Intellektuellen ein solcher Grundsatz. Gemäss deren Auffassung äussert sich die Überlegenheit der „deutschen Kultur“ in der herausragenden deutschen Wissenschaft, in ihrer Lernfähigkeit, in den deutschen Tugenden wie Treue und Pflichterfüllung sowie in der gesellschaftlichen Ordnung. Die „deutsche Freiheit“ und der „innere Frieden“ beinhaltet die geistige und politische Autonomie innerhalb und ausserhalb des Reiches, der Gewerbefleiss und die Solidarität im Volke. Erstaunlicherweise sind Treue und Pflichtgefühl sowohl Merkmale der Kultur als auch des Volkes, da sie meiner Meinung nach vielmehr Eigenschaften eines Charakters, anstatt eines Lebensstils sind.
Der deutschen Kultur werden zwei mögliche Funktionen zugestanden. Zum einen kann sie der Donaumonarchie den inneren Frieden schenken, zum anderen ist sie im Stande den Menschen zu „veredeln“, womit der Dienst an der Menschlichkeit gemeint ist.
Äusserungen über das deutsche Volk bedienen sich vorrangig militärischer Notwendigkeiten. Damit meine ich diejenigen Charakteristika, welche der Soldat im Krieg aufzuweisen hat. Darunter fallen Tapferkeit, Mut, Gehorsam und die Treue bis zum Tode. Außerdem halten die Intellektuellen das deutsche Volk für fromm und friedfertig. Es ist verständlich, dass es in Kriegszeiten kaum Kritiker gab. Denn diese wären sofort als Nestbeschmutzer gebrandmarkt und verteufelt worden. Doch trotz dieser latenten Gefahr, erwähnte von Beerfelde die notorische Gewaltanbetung und die fehlende Zivilcourage des „Volkes“ sowie das närrische Parteiwesen.
Weiterführend würde mit der gleichen Untersuchung der englischen und französischen Zivilisation/Kultur das Gesamtbild des „Kulturkampfes“ vervollständigt werden. Es wäre interessant herauszufinden, was die Engländer und die Franzosen den Deutschen entgegnet hatten.
13
Proseminararbeit WS 03/04 Bibliographie
6. Bibliographie
6.1. Darstellungen:
Berghahn, Volker R, Frei, Norbert, Henke, Klaus-Dietmar, u.a. (Hg.). Sarajewo, 28. Juni 1914: Der Untergang des alten Europa. München 1997.
Besslich, Barbara. Wege in den Kulturkrieg: Zivilisationskritik in Deutschland 1890 -1914. Darmstadt 2000.
Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Brunner, Otto, Conze, Werner, Koselleck, Reinhart (Hg.). Sieben Bände. 1992.
Kruse, Wolfgang. Krieg und nationale Identität: Die Ideologisierung des Krieges. In. Kruse, Wolfgang (Hg.). Eine Welt von Feinden: Der grosse Krieg 1914 -1918. Frankfurt am Main 1997, S. 167 - 176.
Mommsen, Wolfgang J. Bürgerliche Kultur und politische Ordnung: Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle in der deutschen Gesellschaft 1830 - 1933. Frankfurt am Main 2000.
Mommsen, Wolfgang J. Bürgerliche Kultur und künstlerische Avantgarde: Kultur und Politik im Kaiserreich 1870 - 1918. Frankfurt am Main 1994.
Rürup, Reinhard. Der „Geist von 1914 in Deutschland“: Kriegsbegeisterung und Ideologisierung des Krieges im Ersten Weltkrieg. In: Hüppauf, Bernd (Hg.). Ansichten vom Krieg. Königstein 1984, S. 1-30.
vom Bruch, Rüdiger, Graf, Friedrich Wilhelm, Hübinger, Gangolf (Hg.). Kultur und Kulturwissenschaften um 1900: Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft. Stuttgart 1989 - 1997.
14
Proseminararbeit WS 03/04 Bibliographie
6.2. Quellen:
Chamberlain, Houston Stewart. Kriegsaufsätze. Achte Auflage. München 1915.
Flugschriften des Bundes neues Vaterland 1. Michel wach auf: Ein Mahnruf an das deutsche Volk von Beerfelde, Hauptmann a.D. Berlin 1918.
Heine, Wolfgang. Kultur und Nation. Chemnitz 1914.
Hoffmann, Georg. Deutsche Kultur voran. Dresden 1914.
Lamprecht, Dr. Karl. Krieg und Kultur: Drei vaterländische Vorträge von Dr. Karl Lamprecht. Leipzig 1914.
Nietzsche, Friedrich. Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Nietzsche contra Wagner. 2. Auflage. 1994.
Zentralstelle für Volkswohlfahrt und dem Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern (Hg.). Deutsche Reden in schwerer Zeit. Gehalten von den Professoren an der Universität Berlin. Berlin 1914.
15
Arbeit zitieren:
Remo Venini, 2003, Das Kultur- und Volksverständnis Deutscher Intellektueller in den Kriegsjahren 1914 - 1918., München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Deutsche Hochschullehrer und Studenten zwischen Augusteuphorie und Des...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Deutsche Professoren in den USA während des Ersten Weltkrieges
Eugen Kühnemann, Hugo Münsterb...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit, 33 Seiten
Umverteilung oder Anerkennung?
Inhaltsanalyse des Buches von ...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 18 Seiten
Aktivierender Sozialstaat - selektive Demokratie?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Wohlfahrtsstaatlichkeit im Vergleich
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit, 12 Seiten
Wohlfahrtsstaaten im internationalen Vergleich
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 16 Seiten
Remo Venini hat den Text Das Kultur- und Volksverständnis Deutscher Intellektueller in den Kriegsjahren 1914 - 1918. veröffentlicht
Remo Venini hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare