Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
I. Grundbegriffe
I.1. Lohn und Beschäftigung 2
I.1.1. Bestimmung des Lohn 2
I.1.2. Beschäftigung 2
I.1.3. Der Zusammenhang zwischen Lohn und Beschäftigung 3
I.1.3.1. Der Arbeitsmarkt in der neoklassischen Theorie 3
I.1.3.2. Der Arbeitsmarkt in der keynesianischen Theorie 4
I.2. Produktivitätsbegriff und Produktivitätsfortschritt 5
I.2.1. Produktivitätsbegriff 5
I.2.2. Die Beziehung von Durchschnittsproduktivität und
Grenzproduktivität 5
I.2.3. Produktivitätsfortschritt 6
I.2.3.1. Beschäftigungsänderung 7
I.2.3.2. Änderung der Kapitalintensität 8
I.2.3.3. Veränderungsrate der Grenzproduktivität der Arbeit 8
II. Produktivitätsorientierte Lohnpolitik 9
II.1. Die zeitliche Entwicklung der produktivitätsorientierten Lohnpolitik 10
II.2. Das Konzept der produktivitätsorientierte Lohnpolitik 10
III. Kritik an der produktivitätsorientierten Lohnpolitik in Auslegung des
Sachverständigenrates 14
Schlussbetrachtung 16
Einleitung
In diesen Tagen gibt es wohl kaum ein spannenderes wirtschaftspolitisches Thema als das des Arbeitmarktes und der Beschäftigung. Dabei ist die Diskussion darüber bei Leibe nicht neu. Stattdessen lebt sie in regelmäßigen Abständen in der Öffentlichkeit, sowie in wirtschaftlichen Debatten wieder auf. So auch heute, wo wir uns einmal mehr mit einer konstant steigenden Arbeitslosenquote konfrontiert sehen. Die zentrale Rolle in dieser Auseinandersetzung spielt die Lohnpolitik und ihre Wirkung auf die Beschäftigung. Die beiden Partner in der Lohnpolitik sind in Deutschland, aufgrund der Tarifautonomie, die zwei Tarifvertragsparteien, die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände. Das große Problem ist nun, dass die, zumindest vordergründigen, Interessen beider Gruppen kaum unterschiedlicher sein könnten. Die Arbeitgeber hören nicht auf sich über zu hohe Lohnkosten zu beschweren, die sie bei zu stark steigenden Lohnabschlüssen zu Entlassungen zwingen, und die Arbeitnehmer fordern, wie eh und je, ihren Teil am Sozialprodukt. Dieser soll natürlich möglichst groß sein.
Die beiden sehr entgegengesetzten und subjektiv geprägten Argumentationen der betroffenen Lager in dieser Debatte dürften uns wenig überraschen. Bemerkenswert ist jedoch, dass es selbst unter Wirtschaftwissenschaftlern keine einhellige Meinung gibt. So reichten in einer Umfrage der Financial Times Deutschland im März 2002 1 die Empfehlungen für einen Lohnanstieg von einer nullprozentigen Erhöhungen bis hin zu einer vierprozentigen. Befragt wurden hierbei keine geringeren als der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, der Präsident des Ifo-Institutes und andere Ökonomen.
Diese Seminararbeit setzt sich nun näher mit der produktivitätsorientierten Lohnpolitik auseinander. Diese möchte den Tarifvertragsparteien die Berechnung einer beschäftigungsverträglichen Lohnsteigerung aufzeigen. Sie wird in Deutschland vor allen Dingen vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage verfochten und geprägt. Nach einer Erörterung der Grundlagen, folgt im zweiten Kapitel die Vorstellung des Ansatzes der produktivitätsorientierten Lohnpolitik. In Kapitel III wird Kritik daran geübt.
1 Beyerle, H.: FTD-Umfrage: Ökonomen uneins über Lohnzuwachs in Financial Times
Deutschland, Ausgabe vom 25.3.2002
1
I. Grundbegriffe
I.1. Lohn und Beschäftigung
I.1.1. Bestimmung des Lohn
Oberbegrifflich lässt sich der Lohn als der Preis für den Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit bezeichnen. 2 Bei einer genaueren Betrachtung muss der Lohn im Folgenden aber noch genauer aufgeteilt werden. Zum einen in das Entgelt für geleistete Arbeit, nämlich „alle Aufwendungen [...] für die Arbeitszeit, die ein Arbeitnehmer effektiv an seinem Arbeitsplatz tätig ist“ 3 , und die Personalzusatzkosten. Letztere umschließen Kosten wie Beiträge zur Sozialversicherung, Urlaubsgeld, Fortbildungsaufwendungen oder Bürokratiekosten. Darüber hinaus lassen sich auch tarifliche und außertarifliche Lohnzuwendungen unterschieden. Bei einer statistischen gesamtvolkswirtschaftlichen Betrachtung treten bei der Bestimmung der Lohnhöhe Erfassungsprobleme auf. So ist es nicht möglich einen Wert für die Entlohnung von mithelfenden Familienangehörigen und selbständig Erwerbstätigen abzulesen. Hierfür könnte man nur Schätzungen verwenden, man hat sich jedoch dazu entschlossen auf diese Komponenten gänzlich zu verzichten. 4
I.1.2. Beschäftigung
Die Beschäftigung ist der tatsächliche Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit in einer bestimmten Periode. Die Höhe der Beschäftigung entspricht dem Quotienten aus Produktionshöhe, dem Bruttoinlandsprodukt zu Preisen eines Basisjahres (BIP), und dem Niveau der Produktivität, dem Bruttoinlandsprodukt pro Beschäftigten. 5
2 Vgl. Carrell, E.: Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 5. Aufl., Heidelberg 1951, S.176
3 Hamer, E./ Schierbaum, W.: Personalzusatzkosten-der unsichtbare Lohn, Bonn 1991,S.23
4 Vgl. Wansleben, M.: Der Produktivitätszuwachs als Maßstab für eine beschäftigungs- Lohnpolitik, Baden-Baden 1986
5 Vgl. Pusse, L.: Die Beschäftigungsschwelle als zentrale Determinante der Erwerbstätigkeit in
Kleinhenz, G [Hrsg.]:IAB-Kompendium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Beiträge zur
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, BeitrAB 250, 2002
2
I.1.3. Der Zusammenhang zwischen Lohn und Be-
Diese Beziehung ist die wesentliche Grundlage der Diskussion um mehr Beschäftigung. In den beiden folgenden Gliederungspunkten werden die zwei wichtigsten Theorieansätze des Arbeitsmarktes kurz vorgestellt.
I.1.3.1. Der Arbeitsmarkt in der neoklassischen The-
Dieser Ansatz geht bei der Erklärung der Funktionsweise des Arbeitsmarktes von der klassischen Gleichgewichtstheorie aus. Unterstellt werden hierbei alle Annahmen dieser, angewandt auf den Arbeitsmarkt. Das heißt die Unternehmer sind Gewinnmaximierer und Mengenanpasser, die Konsumenten Nutzenmaximierer und der gleichgewichtige Preis räumt den Markt. Die gewinnmaximale Arbeitsnachfrage der Unternehmer orientiert sich an dem Verhältnis zwischen der Grenzproduktivität des Faktors Arbeit und dem Lohn, also dessen Preis. Basierend auf den Erkenntnissen der Produktionstheorie nehmen wir an, dass die Grenzproduktivität der Arbeit abnehmend ist. Hieraus lässt sich nun folgern, dass Unternehmer bei niedrigerem Lohn mehr Arbeiter einstellen 6 . Die Funktion der Nachfrage in unserem Modell hat also eine negative Steigung.
Für die Arbeitsangebotsfunktion wird eine positive Steigung unterstellt. Dies fußt in der Annahme des Substitutionseffektes zwischen Arbeit und Freizeit. Bei einem höheren Lohn substituiert man das Gut Freizeit gegen das Gut Arbeit. 7 In diesem Modell wird ein Preisniveau gegeben, wodurch nicht der Nominallohn, sondern der Reallohn betrachtet werden muss. Durch den Schnittpunkt der Arbeitsangebotsfunktion und der Arbeitsnachfragefunktion ergibt sich das Niveau der Vollbeschäftigung und der gleichgewichtige Reallohn. Die Gleichgewichtsbeschäftigung entspricht hier der Vollbeschäftigung, weil es für jeden Arbeitsanbieter einen Arbeitsplatz gibt. Wenn wir friktionelle und strukturelle Probleme ausklammern, kann es in diesem
6 unterstellt der Faktor Arbeit wäre homogen und es gäbe keine Lohndifferenzierung
7 Der Einkommenseffekt sei an dieser Stelle vernachlässigt.
3
Modell nur zu Arbeitslosigkeit kommen, wenn der tatsächliche Reallohn über dem gleichgewichtigen liegt. In diesem Fall spricht man von der „klassischen Arbeitslosigkeit“. 8
Der neoklassische Ansatz geht davon aus, dass sich die Gütermärkte in Abhängigkeit des Arbeitsmarktes entwickeln.
I.1.3.2. Der Arbeitsmarkt in der keynesianischen
Theorie
Die Keynesianer dagegen behaupten, dass es sich umgekehrt verhält und der Arbeitsmarkt sich an dem Gütermarkt orientiert.
Durch die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren wurde die gerade erläuterte Theorie schwer erschüttert. John Maynard Keynes kritisierte in seinem Buch “The General Theory of Employment, Interest and Money”:” Die Unternehmer verhalten sich zwar völlig rational, wenn sie entlang der Grenzproduktivitätskurve der Arbeit nachfragen - jedoch nur unter der Prämisse, dass die mit der optimalen Arbeitsmenge […] produzierten Güter auch abgesetzt werden können.” 9 Die Vertreter der neoklassischen Theorie begründeten ihre isolierte Betrachtung des Arbeitsmarktes von den Güter- und Finanzmärkten mit Bezug auf das „Say´sche Gesetz“, welches besagt, dass das bei der Produktion entstehende Faktoreinkommen wieder ausgegeben wird, sich jedes Güterangebot also seine Güternachfrage schafft. 10
Keynes Auffassung war es nun, dass es sich gerade umgekehrt verhält, dass nämlich die Nachfrage entscheidet wie viel von den Unternehmen angeboten wird. Genannt wurde diese These: „Prinzip der effektiven Nachfrage“. In Keynes Modell führt nun ein Reallohn, der nach dem neoklassischen Modell vollbeschäftigungskonform wäre, trotzdem zu Arbeitslosigkeit. Diese wird auch als keynesianische Arbeitslosigkeit bezeichnet. Das Modell zeigt weiterhin, dass diese Arbeitslosigkeit nicht durch eine Senkung des Reallohns zu
8 Vgl.: Landmann, O./ Jerger, J.: Beschäftigungstheorie, 1999
9 Landmann, O./ Jerger, J.: Beschäftigungstheorie, 1999, S. 67
10 genaue Erläuterung in Sowell, T.: Say´s Law, in: Peter Newman: The New Palgrave Dic- of Money and Finance, Vol. 3, London, Basingstoke, p.395-397
4
beheben ist, sondern dass dafür eine Steigerung der Güternachfrage nötig wäre.
I.2. Produktivitätsbegriff und Produktivitätsfort-
I.2.1. Produktivitätsbegriff
In Gablers Wirtschaftslexikon wird der Begriff Produktivität volkswirtschaftlich wie folgt definiert: Produktivität ist eine „Messzahl für die technische Effizienz der Produktionsstruktur einer Volkswirtschaft.“ 11 Des Weiteren wird die totale Produktivität als „Verhältnis zwischen dem Produktionsergebnis (Bruttoinlandsprodukt) und den Einsatzmengen aller Faktoren“ 12 erklärt. Da diese Faktoren sehr heterogen sind, macht es Sinn, sich die Produktivität im Speziellen mit einzelnen Faktoren anzuschauen. In dieser Arbeit soll der Produktionsfortschritt in Zusammenhang mit der Beschäftigung analysiert werden, weshalb wir hauptsächlich den Faktor Arbeit betrachten. Wir nehmen also das Verhältnis des Produktionsergebnisses zum mengenmäßigen Einsatz des Faktors Arbeit, gemessen als Zahl der Beschäftigten oder als geleistete Arbeitsstunden. 13 Weil wir uns in der Diskussion der Lohnpolitik meist über eine Erhöhung des Stundenlohns unterhalten, ist es sinnvoll die Beschäftigung anhand der geleisteten Arbeitsstunden zu messen.
I.2.2. Die Beziehung von Durchschnittsproduktivi-
Im Zuge von allokationstheoretischen Betrachtungen ist für uns nicht die Durchschnitts- sondern die Grenzproduktivität von Bedeutung. Denn in unseren Modellen, in denen wir vollkommene Konkurrenz auf den Arbeits- und Gütermärkten unterstellen, werden die Produktionsfaktoren mit ihrem Grenzpro-
11 Gabler
12 Gabler Verlag[Hrsg]: Gabler Wirtschaftslexikon, 1997
13 Vgl.: Pusse, L.: Arbeitsproduktivität und Beschäftigung, 1984
5
dukt entlohnt. Dass diese beiden jedoch in engem Zusammenhang stehen, soll in der Folge näher erläutert werden. Leider ist eine Beobachtung der Veränderung der Grenzproduktivität der Arbeit in der Praxis nicht möglich, die der Durchschnittsproduktivität aber sehr wohl. Wenn wir unseren Überlegungen nun eine lineare Cobb-Douglas-Produktions-funktion der Form
( ) ( ) ( ) ( ) ( ) t (1) e t K t L t Y
zugrunde legen, wobei Y den Output, L die Beschäftigung, K den Kapitalbestand, α(t) und β(t) die jeweiligen Produktionselastizitäten, λ die technische Fortschrittsrate und t einen Zeitindex bezeichnen, lässt sich dieser Zusammenhang unter Vernachlässigung des Zeitindizes leicht darstellen. Die Durchschnittsproduktivität ergibt sich, wenn wir den Output durch den Arbeitseinsatz teilen:
(2) L
Die Grenzproduktivität erhalten wir, indem wir die Output-Funktion nach dem Faktor Beschäftigung ableiten:
(3) ∂ L
In zwei einfachen Schritten haben wir nun diesen engen Zusammenhang bewiesen. Wie man leicht anhand der Formel (3) sehen kann, verhält sich die Grenz- immer proportional zur Durchschnittsproduktivität. 14 Sie ist aber wegen ihren zwar positiven, aber abnehmenden Zuwachsraten immer kleiner als die Durchschnittsproduktivität. Diese Tatsachen werden uns zu einem späteren Zeitpunkt noch sehr hilfreich sein.
I.2.3. Produktivitätsfortschritt
Die Betrachtung des Produktivitätsfortschritts stellt uns vor ein Zurechnungsproblem. Wie wir in Abschnitt 1.2.1 definiert haben, ist die Produktivität der Quotient des Outputs und des Faktoreinsatzes, in unserem Fall des Ar-
14 Vgl.:
Reformen voranbringen: Anhang V (E), Jahresgutachten 1996/1997, Stuttgart, 1996
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beitseinsatzes. Veränderungen dieses Bruches können nun sowohl auf eine Änderung des Zählers, wie auch des Nenners zurückzuführen sein. So darf eine Veränderung dieses Wertes also nicht einfach ohne genauere Prüfung dem Faktor Arbeit zugeschrieben werden. Die zwei folgenden Gliederungspunkte veranschaulichen zwei mögliche Zurechnungsfehler.
I.2.3.1. Beschäftigungsänderung
Betrachten wir die Situation, dass es aus welchen Gründen auch immer zu einem Beschäftigungsrückgang kommt. Die Grafik, in der Y den Output und L die Beschäftigung bezeichnen, verdeutlicht die dadurch hervorgerufenen Effekte, unter der Annahme, dass der Kapitalstock unverändert bleibt:
Y
∆L L2 L1 L Abbildung1
Die Beschäftigung L verringert sich also von L1 auf L2. Die beiden Fahrsträhle durch die jeweiligen Outputwerte zeigen uns mit ihren Winkeln α und β die Veränderung der Durchschnittsproduktivität. In diesem Beispiel ist zu erkennen, dass die Durchschnittsproduktivität nach der Verminderung (β) größer ist als die Durchschnittsproduktivität vor der Verminderung (α). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Produktivität des einzelnen Arbeiters gestiegen ist. Da bei einem Beschäftigungsrückgang unterdurchschnittlich produktive Arbeitsplätze abgebaut wurden, steigt die gemessene Durchschnittsproduktivität trotz gleichbleibender Produktivität der einzelnen Beschäftigten. 15
15 Vgl.: Lehment, H.: Produktivitätsorientierte Lohnpolitik im Auslegungsstreit in Die Weltwirt- Heft 3, 2000, S. 317-329
7
In Lohnverhandlungen können Fehlinterpretationen solcher Zusammenhänge leicht zu weiterer Verringerung der Beschäftigung führen. Angenommen der Beschäftigungsrückgang ist eine Reaktion der Unternehmen auf eine Lohnerhöhung, würde sich diese in der Folge durch die, von dem Beschäftigungsrückgang verursachte, steigende Grenzproduktivität selbst rechfertigen.
I.2.3.2. Änderung der Kapitalintensität
In Kapitel I.2.2.1 sind wir von einem sich nicht verändernden Kapitalstock ausgegangen. Die Produktivität kann sich aber auch aufgrund eines Zuwachses der relativen Kapitalkosten erhöhen. Dabei steigt die
Durchschnittsproduktivität bei konstanter Beschäftigung an. Auch hier wäre es falsch diesen Anstieg der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität dem Faktor Arbeit zuzurechnen. Dies soll durch folgendes Beispiel verdeutlicht werden. Aufgrund einer Umgestaltung des Produktionsprozesses beschafft sich ein Unternehmen neue Maschinen. Dadurch steigen die Kapitalkosten um drei Prozent. Bei gleicher Beschäftigung ist es mit diesen Maschinen möglich, die Ausbringung um zwei Prozent zu erhöhen. Die Erträge aus dieser Mehrproduktion benötigt das Unternehmen aber für die Kapitalerzinsung, denn eigentlich ist die Grenzproduktivität des Kapitals angestiegen und nicht die des Faktors Arbeit, auch wenn das auf den ersten Blick so scheinen könnte. Falls dies angenommen und die Entlohnung angehoben wird, führt das wieder in eine Spirale hin zu weniger Beschäftigung. 16
I.2.3.3. Veränderungsrate der Grenzproduktivität der
Arbeit
Die Veränderungsrate der Grenzproduktivität der Arbeit benötigen wir, um in der späteren Diskussion über den beschäftigungsneutralen Produktionsfortschritts quantitative Aussagen treffen zu können. In diesem Gliederungspunkt soll nun in vereinfachten Zügen die theoretisch, rechnerische Herleitung ge-
16 Lehment,
Heft 3, 2000, S. 317-329
8
zeigt werden. Ausgangspunkt hierfür ist die in Formel (3) dargestellte Grenzproduktivität. An dieser Stelle werden jedoch noch die in den Gliederungspunkten I.2.2.1 und I.2.2.2 erwähnten Beeinträchtigungen herausgerechnet. Die Veränderungsrate der Grenzproduktivität berechnet sich also als Summe der Veränderungsrate der Beschäftigungselastizität und der Veränderung der Durchschnittsproduktivität:
^ ^
(4) Aus der Formel (4) ist nun ersichtlich, dass die in Abschnitt I.2.2.2 geforderte Berücksichtigung der Veränderung der Lohnquote, hier durch den Ausdruck
α
ˆ
, der Änderungsrate der Produktionselastizität der Arbeit, bereits Berücksichtigung gefunden hat. Dies ist der Fall, da unter sehr vereinfachenden Annahmen die Produktionselastizität der Lohnquote entspricht
17
. So verbleibt uns nun nur noch die Aufgabe, die durch Schwankungen der Beschäftigung verursachte Produktivitätsänderungen herauszurechnen. Dies geschieht durch Hinzurechnung des Ausdrucks
( )L
ˆ 1
α
18
−
, wodurch sich nun endgültig die für uns relevante Größe ergibt
19
:
^ ^
(5) II. Produktivitätsorientierte Lohnpolitik
Nachdem ich auf die Grundbegriffe eingegangen bin und ein paar grundlegende Zusammenhänge geklärt habe, wende ich mich nun den Theorien der produktivitätsorientierten Lohnpolitik aus der Praxis zu. Dieser Ansatz wurde und wird in Deutschland hauptsächlich vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verfochten.
17 Vgl.: Sachverständigenrat (1996)
18 genauere Herleitung in Sachverständigenrat(1996)
19 Vgl.: Sachverständigenrat (1996)
9
II.1. Die zeitliche Entwicklung der produktivitäts-
Die Erkenntnisse der produktivitätsorientierten Lohnpolitik basieren im Wesentlichen auf dem in Kapitel I.1.3.1 erläuterten Arbeitsmarktmodell der neoklassischen Theorie. Ihre Anfänge liegen in den Vierziger- beziehungsweise Fünfzigerjahren, wenngleich die Betrachtung damals noch nicht so detailliert war wie heute. Die ersten Ziele einer solchen Politik waren, ein stabiles Preisniveau bei steigendem Einkommen zu gewährleisten und dabei zu helfen den Lohnfindungsprozess zu objektivieren.
In einer zweiten Stufe, in der sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung diesem Thema annahm, kam zu dem bisherigen Ziel der Stabilität des Preisniveaus der Anspruch hinzu, Lohnzuwächse berechnen zu können, die dem Markt gerecht werden. Hierzu wurde die Produktivitätsformel statistisch verfeinert. Man sprach dabei von einer kostenniveau-neutralen Lohnpolitik.
In einer dritten Stufe war es das hauptsächliche Ziel des Rates, der Lohnpolitik den Weg zu beschäftigungsgerechten Abschlüssen zu weisen. Die Preisniveaustabilität rückte mehr und mehr in den Hintergrund. 20 Heute geht der Rat sogar so weit, dass er den Parteien des Lohnfindungsprozesses zeigt, welche Abschlüsse zu mehr Beschäftigung führen und ihnen die Ermittlung der dafür notwendigen Steigerungsraten beschreibt.
II.2. Das Konzept der produktivitätsorientierten
Lohnpolitik 21
Nach Auffassung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 22 ist es gerade auch in schwierigen Zeiten von konjunkturellen Schwächephasen von großer Bedeutung, der Bevölkerung zu vermitteln, wie wichtig die gesellschaftlichen Verteilungsfragen auch für den
20 Vgl. Wansleben, M.: Der Produktivitätszuwachs als Maßstab für eine beschäftigungs- Lohnpolitik, Baden-Baden, 1986
21 hauptsächlich vertreten vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftli- Entwicklung
22 aus Platzgründen in der Folge nur noch als Sachverständigenrat bezeichnet
10
Arbeitsmarkt sind. „Die Beschäftigungshöhe ist nicht unabhängig von der Einkommensverteilung [...]“ 23 .Hierbei darf nicht nur vordergründig betrachtet und argumentiert werden. Vielmehr sollte die Einsicht gefördert werden, dass es für Arbeitnehmer beispielsweise besser sein kann, durch Lohnzurückhaltung, einer sie vermeintlich benachteiligenden, Umverteilung zugunsten der Unternehmergewinne zuzustimmen. Speziell für Arbeitlose würde das, aufgrund einer höheren Investitionsbereitschaft der Unternehmer, die Aussichten auf eine Beschäftigung erhöhen. Aber selbst Arbeitnehmer sollten bedenken, dass sie durch solche Zugeständnisse ihren Arbeitsplatz und somit ihre Existenz sichern können. Beide Tarifvertragsparteien sollten aber in der Lohnpolitik zusätzlich zur Lohnzurückhaltung auch auf die Hilfe einer Flexibilisierung der Arbeitszeit und einer Reform des Flächentarifvertrags zurückgreifen. Wichtig ist dabei, dass diese Ansätze sofort Anwendung finden und nachhaltig verfolgt werden. Die nachhaltige Verfolgung ist so elementar, weil sich die Effekte der Maßnahmen in der Lohnpolitik leider erst mittelfristig, das heißt mit einer Verzögerung von zwei bis vier Jahren auswirken. Die augenblicklich sehr angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt fordert daher eine zumindest mittelfristig orientierte Strategie.
Als Hauptinstrument fordert der Rat vor allen Dingen von der Lohnpolitik die Löhne nur mit einem Abschlag auf die Erhöhung der Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Lohnerhöhungen im Maße der Produktivitätssteigerung des Faktors Arbeit, dessen Errechnung ich in Kapitel I.2.2.3 erläutert habe 24 , beschäftigungsneutral wären. Beschäftigungsneutral bedeutet hier, dass die Lohnerhöhungen nicht zu Lasten des Einsatzes des Faktors Arbeit gehen. Von dieser durch die Lohnzurückhaltung verursachten Umverteilung des Sozialproduktes, zugunsten der Unternehmergewinne, erhofft man sich eine Stimulation der Investitionsbereitschaft und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wie oben schon angedeutet, führt eine Lohnzurückhaltung aber erst einige Zeit später zu einer erhöhten Investitionsbereitschaft der Unternehmen, weil diese sicher gehen wollen, dass die verän-
23 Sachverständigenrat
24 Ein Problem stellt bei der Berechnung die Tatsache da, dass als Orientierungsgröße bei
der produktivitätsbezogenen Lohnpolitik nicht die beobachtbare Entwicklung in der Vergan- maßgebend ist, sondern die zu erwartende Produktivitätszunahme. Die Exploration
der vergangenen Entwicklung kann somit Fehler enthalten und zu Fehleinschätzungen füh-
11
derte Situation stabil ist. Wenn nämlich die Arbeitnehmer direkt nach einer Lohnzurückhaltung aufgrund der dann steigenden Unternehmergewinne, alsgleich wieder einen erhöhten Lohn forderten, wäre die Wirkung der Zurückhaltung verpufft.
Unterstützt wird das Argument der Zurückhaltung auch von einer empirischen Untersuchung für Deutschland 25 , die belegt, dass eine Lohnsteigerung über die Produktivität hinaus, die Lohnquote zwar kurzfristig steigen lässt, mittelfristig dieser Anstieg aber, durch ungeliebten Beschäftigungsabbau, wieder voll kompensiert wird. Mittelfristig steigt also nicht die Lohnquote, sondern die Arbeitslosigkeit. Dies lässt sich auch leicht durch unser Modell, in dem wir eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unterstellen, beweisen. Die Lohnquote ist exogen bestimmt wird. 26
Diese Studie beobachtet weiter, dass es in Deutschland in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg der Gewinnquote gegeben hat. Dies kann jedoch leider nicht einer zurückhaltenden Lohnpolitik zugeschrieben werden. Vielmehr hat ein Wechsel der Unternehmensziele von einer Umsatzorientierung hin zu einer Renditeorientierung dazu geführt, dass die Betriebe an ihre Tätigkeit und Investitionen höhere Renditeziele setzen als zuvor. Des Weiteren wird der Anstieg der Renditeziele mit den Faktoren „[...] Globalisierung der Kapitalmärkte, [...] Rückzug des Staates aus unternehmerischer Tätigkeit und [...] [der] Zunahme des unternehmerischen Risikos“ 27 erklärt. Dieser Tatsache wird jedoch in unserer bereits erläuterten Berechnung des beschäftigungsneutralen Produktivitätsfortschritts bereits durch den Ausdruck α ˆ , der Veränderung der Lohnquote, Rechnung getragen. Wir halten also fest, die Lohnquote kann sich verändern, aber nur durch exogene Einflüsse. Eine endogene Veränderung, durch Lohnsteigerungen über dem Produktivitätsfortschritt, ist nicht möglich. Diese exogene Erhöhung stellt uns aber vor ein Problem, da wir diese nur schätzen können. Dies tun wir mit Hilfe einer Extrapolation der Steigung der vergangenen Jahre. Nun ist aber davon auszugehen, dass die Gewinnquote nicht ewig steigen wird, denn irgendwann wäre ein weiterer An-
25 Lehment, in Die Weltwirtschaft, Heft 1, 1999, S. 79-89
26 Vgl.: Lehment, H. (2000)
27 Lehment, H. (2000)
12
stieg, zum Ausgleich des unternehmerischen Risikos, nicht mehr gerechtfertigt.
Eine bis hierhin unberücksichtigte, aber sehr wichtige Frage im Zuge dieser Diskussion ist, welcher Lohn sich denn überhaupt gemäß dem Ausmaß der Fortschrittsrate erhöhen soll. Der Nominallohn, der den Arbeitnehmern überhaupt keinen Ausgleich für Preissteigerungen zugesteht, oder der Reallohn, welcher diese voll kompensiert? Diese Frage ist leider nicht ganz eindeutig zu beantworten. Wäre die Erhöhung des Reallohnes doch eigentlich aus Verteilungsgesichtspunkten vordergründig eine sinnvolle Maßnahme, so gibt es aber verschiedene Argumente die dagegen sprechen. Sind Preiserhöhungen nämlich auf eine Erhöhung der indirekten Steuern oder eine relative Verteuerung von Einfuhrgütern zurückzuführen, wäre eine Kompensation nicht sinnvoll, da dieser Teil des Sozialproduktes bereits verteilt ist und gar nicht mehr zur Verfügung steht. Weiterhin darf diese nicht stattfinden, wenn es exportorientierten Unternehmen aufgrund einer internationalen Wettbewerbssituation nicht möglich ist Preiserhöhungen auf den internationalen Märkten durchzusetzen. Auch hier tritt wieder ein Problem der Extrapolation auf. Denn die Preissteigerungsraten können auch hier nur geschätzt werden. Passiert dies in einem falschen, zu hohen Maße, so führt die dadurch entstehende übermäßige Erhöhung des Reallohnes zu weiteren Preisauftriebstendenzen. Wir sehen also, dass es keine Ideallösung für dieses Problem gibt. Eines ist jedoch sicher, wenn ein Ausgleich für die Preissteigerung berücksichtigt werden soll, darf dies maximal partiell geschehen. Er muss auf jeden Fall deutlich hinter der erwarteten Preissteigerung zurückbleiben. 28 Wenn man die vorherigen Überlegungen also noch um die Preissteigerungsdiskussion ergänzt, lässt sich eine Empfehlung der produktivitätsorientierten Lohnpolitik für mehr Beschäftigung wie folgt formulieren: „Eine auf Beschäftigungssteigerung gerichtete Tarifpolitik [sollte] so gefasst werden, dass der Lohnzuwachs hinter der Summe aus dem beschäftigungsneutral verteilbaren Produktivitätsanstieg und der beschäftigungsneutralen Inflationsrate zurückbleiben muss.“ 29
28 Vgl.: Sachverständigenrat (1996)
29 Lehment, H.: (2000)
13
Diese Aussage wird von einer Regressionsschätzung für die Bundesrepublik Deutschland in dem Zeitraum 1969-1999 bestätigt. Die folgende Grafik zeigt den signifikanten, zeitlich verzögerten Effekt einer Nominallohnzurückhaltung auf die Erwerbstätigenzahl. Die Lohnzurückhaltung misst sich in dieser als Differenz der Zuwachsrate des Nettoinlandsprodukt und der Zuwachsrate der Arbeitnehmerentgelte der Beschäftigten in Prozent (bis 1991 altes Bundesgebiet). Die gestrichelte Erwerbstätigenlinie bildet die Änderung der Erwerbstätigenzahl in Prozent ab.
Quelle: Lehment, H.: Die Weltwirtschaft: Produktivitätsorientierte Lohnpolitik im Auslegungs-
III. Kritik an der produktivitätsorientierten Lohn- in Auslegung des Sachverständigen-
Das bis hierher erläuterte Verständnis einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik entspricht im Wesentlichen der Auffassung des Sachverständigenrates bis zum Gutachten des Jahres 1996. Seine Analyse basiert sehr stark auf dem neoklassischen Modell, in dem der Arbeitsmarkt sich über den Kostenfaktor Lohn regelt. Den Aussagen einiger Kritiker, dass eine Lohnzurückhaltung zu einer Abschwächung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führt, und weil die Unternehmen dies antizipieren, sich die Investitionstätigkeit dämpft, wird keinerlei Bedeutung beigemessen.
14
Erst im Gutachten von 1998 wird darauf zum ersten Mal eingegangen. Es wird allerdings als wenig überzeugend abgetan, weil „[...] es nicht um absolute Lohnsenkungen, sondern um Lohnmindersteigerungen geht. Die damit einhergehenden Gewinnsteigerungen werden zum Teil ebenfalls nachfragewirksam und erhöhen zudem die Rentabilität der Unternehmer“ 30 . Zudem würde der Faktor Arbeit günstiger und dadurch beschäftigungsintensivere Investitionen attraktiver. Dass sich diese Effekte in Deutschland, trotz einer Lohnzurückhaltung in den Jahren zuvor, nicht ausgewirkt haben, wird der Finanzpolitik zugeschrieben. Ihr wird vorgeworfen, für schlechte Angebotsbedingungen gesorgt zu haben.
Weitere Kritik findet sich in dem Artikel „Lohnpolitik und Beschäftigung - Debatte ohne Ende?“ von Jürgen Jerger und Oliver Landmann im Jahre 2001. Darin diskutierten die beiden Autoren die beiden Thesen, einer angebotsorientierte und einer nachfrageorientierten Arbeitsmarktpolitik, mit Hilfe des einfachen makroökonomischen Modells des aggregierten Angebots und der aggregierten Nachfrage. Ohne hier auf die Einzelheiten eingehen zu wollen, sind sie zu dem Schluss gekommen, „dass die Nachfragepolitik und die Lohnpolitik völlig „gleichberechtigt“ [...] für die Bestimmung der Beschäftigungsmenge“ 31 sind.
In den weiteren Überlegungen welcher Politik, trotz ihrer Gleichberechtigung, eine vorrangige Stellung zugestanden werden soll, wird auf zwei Ebenen argumentiert.
Erster Gesichtspunkt ist eine etwaige Kompensation der einen Politik durch die andere. Dabei ist nicht zu erwarten, dass eine zurückhaltende Lohnpolitik durch eine entgegengesetzte Nachfragepolitik zunichte gemacht wird. Warum sollte die Nachfragepolitik einer belebten Beschäftigung bei gleichbleibender Inflation entgegenwirken? Umgekehrt jedoch ist zu erwarten, dass eine expansive Nachfragepolitik sehr wohl durch eine, diese neutralisierende, expansive Lohnpolitik beantwortet wird. Dies lässt sich kaum vermeiden, da die Ge-
30 Sachverständigenrat Vor weitreichenden Entscheidungen, Jahresgutachten 1998/1999, Stuttgart,
1998
31 Jerger, J., Landmann, O.: Lohnpolitik und Beschäftigung - Debatte ohne Ende? in:
Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Bd. 3, Heft 2, 2002, S. 207-224
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werkschaften versuchen werden die Reallohneinbußen durch Lohnerhöhungen auszugleichen.
Eine zweite Argumentationsebene hat schlicht die Verfügbarkeit der beiden Instrumente zum Gegenstand. Wenn man dabei betrachtet welche erstrangigen Ziele die Nachfragepolitik - die Fiskalpolitik und Geldpolitik - verfolgt, nämlich den Schuldenberg abzutragen und das Preisniveau konstant zu halten, lässt die Frage wem eine vorrangige Stellung eingeräumt werden soll nur einen Schluss zu: der Lohnpolitik.
Diese Analyse spricht der produktivitätsorientierten Lohnpolitik also ihre Wirksamkeit nicht ab. Sie kritisiert jedoch die Tatsache, dass diese ihre Wirkung nicht alleine entfalten kann, sondern in starkem Maße auch von der Nachfragepolitik abhängt. Dieser Tatsache wird in den Formulierungen des Sachverständigenrates keine Bedeutung zugemessen, man kann dies aber wohl stillschweigend unterstellen.
Um diesen Zusammenhang nochmals zu verdeutlichen, sollen an dieser Stelle einige Reaktionen beschrieben werden.
Ein Produktionsfortschritt wirkt sich in doppelter Hinsicht aus. Zum einen führt er dazu, dass derselbe Output günstiger hergestellt werden kann, zum anderen erhöht sich auch der Vollbeschäftigungsoutput, der Output bei ausgeglichenem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage, in gleichem Maße. Dies geschieht bei voller Weitergabe des bereinigten Produktivitätsfortschritts an die Löhne. Die Beschäftigung bleibt hier die gleiche, wir befinden uns damit an der Beschäftigungsschwelle. Wird nun bei den Nominallohnerhöhungen ein Abschlag auf den Zuwachs vorgenommen, ist es möglich die Lohnstückkosten zu senken. Um das hierbei entstehende Potenzial für mehr Beschäftigung ausnutzen zu können, ist die Lohnpolitik jedoch auf eine Erhöhung der nominalen Nachfrage angewiesen. Denn nur durch sie kann auch der benötigte nominale Output steigen, der für tatsächliches Wachstum und damit mehr Beschäftigung sorgt.
16
Schlussbetrachtung
Diese Seminararbeit hat versucht dem Anspruch gerecht zu werden, das Thema der produktivitätsorientierten Lohnpolitik möglichst anschaulich zu erklären.
Ausgangspunkt war daher die Erläuterung einiger Grundbegriffe. Der Anspruch, mehr Beschäftigung und weniger Arbeitslosigkeit zu erreichen, folgt aus der aktuellen Auslegung der produktivitätsorientierten Lohnpolitik selbst. Am genauesten zu erkennen sind die notwendigen Voraussetzungen für mehr Beschäftigung in Kapitel III, „Kritik an der produktivitätsorientierte Lohnpolitik in Auslegung des Sachverständigenrates“. Die wichtigste Erkenntnis daraus möchte ich hier nochmals explizit erwähnen: Eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist zwar eine meines Erachtens sehr gute, trotzdem aber nicht hinreichende Voraussetzung für mehr Beschäftigung. Dieses Ziel kann nur unter Mithilfe einer sich dazu konform verhaltenden Nachfragepolitik verwirklicht werden. Denn letztlich sind Lohnpolitik und Nachfragepolitik aus makroökonomischer Sicht völlig gleichberechtigt. Hinzuzufügen ist dabei noch eine zweite elementare Voraussetzung, nämlich die der mindestens mittelfristig ausgerichteten Auslegung der produktivitätsorientierten Lohnpolitik. Weiter muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass die produktivitätsorientierte Lohnpolitik nicht das einzige Instrument der Lohnpolitik für mehr Beschäftigung ist. Vielmehr müssen auch Instrumente wie die Flexibilisierung der Arbeitszeit und Reformierung des Flächentarifsystems in Angriff genommen werden.
Diese sehr eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse schaffen es jedoch leider, wie schon in der Einleitung erwähnt, nicht, die Anerkennung aller am Lohnfindungsprozess Beteiligten zu erlangen. Betrachtet man die Tarifrunde 2002, so war diese geprägt von einer kontroversen Diskussion. Die Gewerkschaften forderten Lohnerhöhungen von etwa sechs Prozent, wobei die Arbeitgeber, aufgrund der aktuellen Lage, einen bedeutend geringeren Spielraum sahen. Dies führte in vielen Bereichen zu Warnstreiks, zum Teil sogar zu Arbeitskämpfen. Letztlich einigten sich die meisten Branchen zu einer Aussetzung der Lohnsteigerung, beziehungsweise Pauschalabgeltung dieser, in den Anfangsmonaten des Jahres, denen aber in der Regel mehr als dreipro-
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zentigen Erhöhungen für die weitere Laufzeit der Verträge folgten. Das ist eine eindeutige Abkehr von einer unter dem Produktivitätsfortschritt liegenden Tariflohnsteigerung. Laut Berechnungen der Deutschen Bundesbank führen diese Abschlüsse, unter Berücksichtigung ihrer Laufzeit und sämtlicher Nebenregelungen, zu einem Anstieg der Tarifverdienste je Arbeitnehmerstunde in Höhe von 2,4%. Dies ist unter anderem auf noch laufende Verträge mit niedrigeren Abschlüssen zurückzuführen. 32
Die Effektivverdienste erhöhten sich gar nur um 1,7%. Wie wir in Kapitel I.1.1 dargelegt haben, setzt sich der Lohn aus mehreren Komponenten, unter anderem tariflichen und außertariflichen, zusammen. Die Unternehmen haben nun die Erhöhung nur auf die tariflichen Bestandteile angewandt, zusätzliche, außertarifliche Leistungen wie das Weihnachtsgeld wurden nicht erhöht. Insgesamt sind die Arbeitskosten im Jahre 2002 aber trotzdem um 0,6% gestiegen. Für die Verfechter einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik stellt dies einen herben Rückschlag da.
32 Vgl.: Sachverständigenrat zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung[Hrsg]:
Zwanzig Punkte für mehr Beschäftigung und Wachstum, Jahresgutachten 2002/2003,
Stuttgart, 2002
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Arbeit zitieren:
Matthias Schiestl, 2003, Produktivitätsorientierte Lohnpolitik als Richtschnur für mehr Beschäftigung und weniger Arbeitslosigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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