2
2. Historischer Überblick
Das Bürgertum in Deutschland im 18. Jahrhundert
In diesem kleinen historischen Anriß möchte ich die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland kurz darstellen. Warum die Untersuchung des bürgerlichen Standes nicht ganz so einfach zu erklären ist, zeigt am besten das folgende Zitat:
„Die Schwierigkeit, den Begriff „bürgerlich“ für die gesellschaftlichen Verhältnisse Deutschlands im 18. Jahrhundert zu präzisieren, liegt in der gestörten Entwicklung des deutschen Bürgertums begründet.“ 1 . Im Gegensatz zu Deutschland hatten die herrschenden Adelskreise in England oder Frankreich die ökonomische Potenz der führenden Bürgerschichten früh erkannt und genutzt. In Deutschland verzögerten die Folgen des Dreißigjährigen Krieges die selbständige Entfaltung bürgerliche Initiativen. Das Deutsche Reich war kein unter einer Herrschaft vereintes Land, vielmehr war es in über 300 eigenständige Territorien mit eigenen Herrschern und Rechtssprechungen unterteilt, dazu kamen noch über 1400
Reichsritterschaften. Die politische Landkarte wies ein kaum noch entwirrbares Nebeneinander weltlicher und geistlicher Territorien. Reformversuche wie der Reichsbund von 1658, die Reichskriegsordnung von 1661 scheiterten, auch die späteren Verträge wie zum Beispiel der Wiener Kongreß 1815. Erst nach der Niederlage Frankreichs gegen die Truppen aller deutschen Staaten am 02.09.1870 ermöglichte - am 18.01.1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles- die Ausrufung des neuen deutschen Kaiserreiches. Erst jetzt waren zum ersten Mal die Staaten des deutschen Territoriums vereinigt. In der Zeit des Wertherromans waren die deutschen Staaten noch weit entfernt von dieser Einigkeit. Allein in den privilegierten Handelsstädten konnten Kaufleute und Patrizier ihre wirtschaftlichen Positionen stärken und kulturell
1 Scherpe, Klaus: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18.
Jahrhundert. S. 16. Im folgenden werde ich als Kurztitel „Wertherwirkung“ verwenden.
3
untermauern. Die Landesfürsten der einzelnen Staaten banden die bürgerliche Intelligenz an lokale Verwaltungs- und Bildungsaufgaben, eine Bezeichnung als „Stand“ ist daher mit Vorsicht zu genießen, da sie eigentlich keine eigene Identität hatten. Die in den Residenz-, Garnisons-, Universitäts- oder Handelsstädten dominierenden Vertreter des Bürgertums lassen sich nach ihren Tätigkeiten unterscheiden: Beamte der höfischen Verwaltung, Pastoren, Ärzte, Offiziere, Universitätsprofessoren und Magister, Schulmeister, Kaufleute und Manufakturbesitzer.
Man spricht auch von der „gesellschaftslosen Lage“ 2 des deutschen Bürgertums im 18. Jahrhundert. Der Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ ist also nur als Summenformel zu sehen, die durch Besitz und Bildung privilegierter Privatleute zusammenfaßt. Die Wahrung der eigenen Interessen verband sich mit der Ausbildung adäquater Verhaltensnormen. Durch dieses Selbstverständnis steht das deutsche Bürgertum in den Residenzen noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts abseits der öffentlichen Institutionen und Rechtsbeziehungen, ohne realisierbaren politischen Machtanspruch. Die Einbindung des jungen Werther in die fürstlichen Verwaltung und die damit verbundene Übernahme eines öffentlichen Amtes zur Vorbereitung auf die Laufbahn des geheimen Rates oder Gesandten beweisen seine Angehörigkeit zum Bürgertum. Er konnte also eine - für die damalige Zeit typische- Karriere beginnen und sich in den bürgerlichen Alltag integrieren. Dass er diese „Ausbildung“ abbricht, ist für die damalige Zeit eine Seltenheit, denn die Situation des Arbeitsmarktes war für junge, gebildete Menschen nicht die Beste. Viele bewarben sich vergeblich bei Hofe, um eine Anstellung zu bekommen, die zur Sicherung ihrer Existenz beitragen konnte.
2 Wertherwirkung S. 18.
4
3. Werthers Verhältnis zum Bürgertum und der Obrigkeit
Beachtet man in Johann Wolfgang Goethes Werk von 1774 „Die Leiden des jungen Werther“ in der Handlung nicht nur die unglückliche Liebe des Protagonisten zu Lotte, einer einem anderen versprochenen Frau, sondern auch den sozialen und gesellschaftlichen Hintergrund, so wird schnell klar, dass die Liebesepisode nur ein Teil der Gründe ist, warum der junge Werther den Selbstmord wählt.
Vielmehr ist es eine Bestandsaufnahme des gesellschaftlichen „Status Quo“ Deutschlands im 18. Jahrhundert und eine unterschwellige Kritik an der Obrigkeit und des sich elitär fühlenden bürgerlichen Standes, die vom jungen Werther aufgedeckt und angeprangert wird.
Der junge Werther ist in einer finanziell unabhängigen Situation, da seine Mutter ihn auf seine Bitte hin finanziell unterstützt und auch weiter unterstützen würde. Weitere Hinweise auf eine wohlhabende und gesellschaftlich akzeptierte Herkunft geben ebenfalls die Dienste seines Dieners. Auch seine hohe schulische Ausbildung weist darauf hin. Wenige Monate nach seiner Ankunft in dem Wahlheim wird ihm ein Amt angeboten „Der Minister liebt mich seit langer Zeit, hatte lange mir angelegen, ich sollte mich irgendeinen Geschäft widmen“ 3 .
Da die Arbeitslage der damaligen Zeit für junge akademisch ausgebildeten Männer nicht sehr gut aussah, ist das Angebot ein weiteres Indiz für das Elternhaus des jungen Werther und den guten Verbindungen zum gehobenen Bürgertum und der Aristokratie.
Doch trotz seiner stereotypen bürgerlichen Zugehörigkeit unterscheidet der junge Werther von den meisten Menschen seines Standes. Er verursacht einen Affront gegen das bürgerliche Selbstverständnis. Das Bürgertum beinhaltet moralische Maxime wie Aufrichtigkeit, Gelassenheit, Großmut, Redlichkeit oder Fleiß. Die bürgerlichen Interessengemeinschaft versteht sich als nützliches Miteinander tätiger Individuen: Die dem einzelnen gewährte Freiheit des Erwerbs von Bildung und Besitz verpflichtet ihn, sich durch erfolgreiche Tätigkeit als nützliches Mitglied der Gesellschaft zu betätigen.
3 Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther. S. 54 / Z. 2-4. Im Folgenden werde ich als
Kurztitel nur noch „Werther“ verwenden.
5
Doch durch seine Gesinnung und seine Handlungsweise nimmt er die bürgerliche Moral beim Wort: Er nimmt von seinen Rechten als Individuum Gebrauch. Gegen den bürgerlichen Individualismus, der den Menschen zum Objekt seiner eigenen Leistungs- und Besitzanspruchs macht, setzt er die Freiheit des Individuums, das über die Entfaltung seiner natürlichen Anlagen und Fähigkeiten selbst entscheidet. Sein Gesandtschaftsdienst wird für ihn zum Joch, so schreibt er am 24. Dezember : „Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehen. [...]“ 4 . Der penibel nach Vorschrift vorgehende Gesandte ist für den jungen Werther der Inbegriff des Rädchens, das in der Maschine funktioniert, ohne eigenen Stil oder Identität. Dieses Verhalten ist für ihn nicht zu akzeptieren, er kann und will sich dem nicht fügen. Dies beschreibt er in seinem Brief vom 17. Februar: „ Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht länger aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich.“ 5 . Werther hält die Borniertheit und das für ihm banausisch erscheinende Erwerbsleben nicht mehr aus. Doch dies ist nicht der einzige Grund für seine Kündigen des Arbeitsverhältnisses. Werther lernt den Grafen von C.. kennen, dieser „distinguiert“ und „liebt“ 6 ihn und möchte ihn in die Adelskreise einführen.
Er lädt den jungen Werther an seine Tafel. Dort hat dieser den ersten Kontakt mit der „hohen Gesellschaft von Herren und Frauen“. Hier fällt auf, das sich der Erzählstil deutlich von dem der anderen Briefe unterscheidet: Der naturschwärmende Verliebte erscheint hier als ein scharfsinniger, empörter, bissiger, ja schon fast aggressiver Kritiker der erstarrten Hofgesellschaft dieser kleinstaatlichen deutschen Residenz. Seine Typencharakterisierung der Höflinge und Hofdamen sind umrissscharfe, derb verzerrte Karikaturen: „Da tritt herein die übergnädige Dame von S.. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit flacher Brust und niedlichen Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher...“.Oder: „Der Baron F.. mit der ganzen Garderobe von der Krönungszeit Franz des ersten her, der Hofrat R.. , hier aber in qualitate Herr
4 Werther S. 61 / Z. 24-25.
5 Werther S. 66 / Z. 21-22.
6 Werther S. 67 / Z. 35.
Arbeit zitieren:
René Bauer, 2000, Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" - Eine Analyse von Werthers Verhältnis zum Volk, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Diskussion Thomas Brussigs "Am kürzeren Ende der Sonnenallee&quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Sprachpurismus im 17. Jahrhundert - Das Stammwortprinzip von Justus Ge...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Neuwerdung Franz Biberkopfs in dem Roman 'Berlin Alexanderplat...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Die Darstellung des 'DDR'-Bürgers
Vergleichende Studien zu Thoma...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Ideologische Strategien bei Karl Marx
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Die Montage als Erzähltechnik der Großstadt und ihre Funktionen in Alf...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 31 Seiten
Die Großstadtdarstellung in Erich Kästners „Fabian“ und in Alfred Döbl...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Johann Christoph Adelung, Sprachkritiker im 18. Jahrhundert
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 36 Seiten
Werthers Ringen mit der Literatur - Facetten des lesenden Dilettanten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
Erzähltechnik in 'Berlin Alexanderplatz' - Analyse einiger aus...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Paul Flemings späte Liebeslyrik und seine Beziehung zu Anna Niehus
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Das Prinzip der Traumatisierung in den Romanen 'Der Vorleser' ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Alfred Döblin - 'Berlin Alexanderplatz'
Die Straßenbahn und die Frage ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Die Literaturreform des 17. Jahrhunderts
Maßgebliche Barockpoetiken und...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Eine Interpretation von Thomas Brüssigs Sonnenallee
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 39 Seiten
Ostalgie in der gegenwärtigen deutschen Literatur
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Bachelorarbeit, 48 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" - Eine Analyse von Werthers Verhältnis zum Volk ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
René Bauer hat den Text Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" - Eine Analyse von Werthers Verhältnis zum Volk veröffentlicht
René Bauer hat einen neuen Text hochgeladen
Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther (Unterrichtsmate...
Kopiervorlagen und Module für ...
Dieter Wrobel
In einer Textauswahl für Künst...
Johann Wolfgang von Goethe, Yvonne Schwarzer
Johann Wolfgang Goethe.10 Gedichte
Erläuterungen und Dokumente
Elisabeth Böhm, Johann Wolfgang von Goethe
Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Interpretationen
Johann Wolfgang von Goethe, Bernd Witte
0 Kommentare