Dieser mediale Produktionsprozess, der von zentralisierten Medienanstalten im top-down-Verfahren gesteuert wird und der sowohl im privaten wie im öffentlichen TV-Sektor einem immer härteren Kommerzialisierungsdruck ausgesetzt ist, trifft, als zweite Seite der ikonozentrischen Form auf Massenrezipienten, die durch das Schielen auf die Quote bei der Produktion der medialen Beiträge über Politik schon einkalkuliert sind. Unkritischer Konsum und der Wunsch nach Sensation, die eine deliberative Kontrolle des politischen Systems nur suggerieren und nicht tatsächlich stattfinden lassen, wird verstärkt durch die Suggestion von face-to-face-Beziehungen des Zuschauers mit den Regierenden. Die vorgespielte Nähe überbrückt eine Distanz, aus der eigentlich der Wunsch nach Kontrolle der Mächtigen durch die Regierten entstehen sollte, und lässt gleichzeitig einen Kontrollverlust entstehen, da jede bildliche Vermittlung eine Verzerrung des Tatsächlichen durch Inszenierung bedeutet. Hinter jeder Bühne gibt es eine weitere Hinterbühne.
Hand in Hand mit der konsumentenorientierten Darstellung von Politik, die das Wesen der Politik - dessen prägendes Kennzeichen das Monopol auf physische Gewaltsamkeit ist - zur Unterhaltung degradiert, geht die Entwertung von herkömmlichen Deliberationsorten von Politik wie Parteien, Verbänden und vor allem dem Parlament. Gerade das Parlament, das in seiner Rolle als kritische Vertretung der Bürgerschaft auf breite gesellschaftliche Diskurse und Debatten angewiesen ist, verliert an Kraft und Einfluss, wenn dessen Repräsentanten sich alternativ in Talkshows bei Illner und Christiansen präsentieren, da diese Plattformen einer zeitlich begrenzten Statement- und Parolendramatik folgen. Das breit angelegte bürgerliche Engagement herkömmlicher Deliberationsorte verliert durch das Ersetzen von Inhaltlichkeit durch Medialität (mediale Wirksamkeit, die der Sendeplattform und dem medialen Format folgt und nicht dem prozessualen Charakter demokratischer Politik) an Wirkungskraft. Die Chancen der Medialisierung der Politik liegen einerseits in der Schaffung eines Zugangs zur Politik für breite Bevölkerungsschichten. Mag dieser noch so oberflächlich sein: Bei einem ausreichendem Maß an
bürgerschaftlicher Bildung und breiter Verfügung von nomologischen Wissen kann die Oberflächeninformation den Einstieg zu weiterer Vertiefung mit anderen logozentrierten Medien bilden. Bezogen auf eine sich formierende Weltöffentlichkeit, die sich z.B. auf internationale Wirtschaftsfragen und den Irak-Krieg bezieht, bietet das Medium Internet eine globale Kommunikations- und Formationschance. So wurde es massiv zur Mobilisierung zu Anti-Kriegsaktionen oder auch zur Mobilisierung demokratischer Wähler gegen Bush benutzt. Mediale Aufmerksamkeit durch Selbstinszenierung machen sich auch die internationalen NGOs zu Nutze, die mit Fachwissen durch die spezialisierte Betonung eines Problems in einer ausdifferenzierten Welt auf globale rekurrieren. Sie sind die ersten Organisationen, die die die Weltöffentlichkeit betreffenden Probleme politisieren. Sie schaffen dies durch die gezielte mediale Inszenierung einiger Spezialisten. Die Kehrseite ist jedoch auch hier: Breitenwirksames und lang angelegtes bürgerschaftliches Engagement wird ersetzt durch den Ablasskauf durch Spenden, die spezialisierte politische Aktivisten finanzieren, und zwar auf Kosten der politischen Klugheit der Bevölkerung.
Arbeit zitieren:
Dominik Sommer, 2004, Unterhaltung und Ablasshandel - Wie die neuen Medien TV und Internet die Qualität demokratischer Politik verändern, München, GRIN Verlag GmbH
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