Inhaltsverzeichnis
1 Frauenbild in Drostes Lyrik und Zeit 4
1.1 Biographisches und zeitliche Einteilung 4
1.2 Stellung der adeligen Frau im Biedermeier 4
2 Frauenr ame und Frauentr aume 5
2.1 ,,Am Turme 5
2.2 Weitere R aume und Lebenswelten 10
2.3 Themen und Symbole - Lebenslust und Lebensfrust 14
2.4 Annette von Droste-H ulshoff - Eine emanzipierte Frau? 15
3 Schlußbetrachtungen 16
4 Literaturverzeichnis 18
4.1 Prim arliteratur 18
4.2 Sekund arliteratur 18
2
1 Frauenbild in Drostes Lyrik und Zeit
1.1 Biographisches und zeitliche Einteilung
Annette von Droste-H¨ ulshoff (1797-1848) wird in einer sehr widerspr¨ uchlichen Zeit geboren. Wie viele ihrer Generation steht sie zwischen Revolution und Restauration. Es ist die Epoche des Biedermeier, die sich politisch, sozial, ¨ okonomisch und kulturell durch etliche Gegens¨ atze auszeichnet. Eigentlich als Anna Elisabeth Freiin von Droste zu H¨ ulshoff geboren, genießt sie die Privilegien einer adeligen Frau - muß sich allerdings auch deren Zw¨ angen und Verhaltensregeln unterwerfen. Diese Arbeit will, anhand von ausgew¨ ahlten Gedichten der Droste und zeitgen¨ ossischen wie geschichtlichen Zitaten und Hintergr¨ unden, den damaligen Fraunbildern und dem damaligen Rollenverst¨ andnis auf die Spur kommen.
Ausgehend von dem Gedicht ,,Am Turme”, soll untersucht werden, welches Rollenverst¨ andnis innerhalb der Epoche anzutreffen ist und welche Auswirkungen dies auf die Frauen jener Zeit hatte. War ein Ausbruch aus dem adeligen Frauenbild m¨ oglich? Wie wurden schreibende Frauen betrachtet und wie sahen sie sich selbst? Welche M¨ oglichkeiten der Entfaltung gab es?
1.2 Stellung der adeligen Frau im Biedermeier
Im allgemeinen unterscheidet man zwischen zwei Frauenbildern dieser Zeit. Auf der einen Seite steht die Landedelfrau, deren Aufgaben klar umrissen sind. Sie ist f¨ ur die hauswirtschaftliche Verwaltung des Landsitzes zust¨ andig, wozu die Aufsicht ¨ uber das Gesinde und die Verwaltung der Vorr¨ ate geh¨ ort. Des weiteren k¨ ummert sie sich um die Anleitung der Kindererziehung und
3
bem¨ uht sich um Caritas gegen¨ uber den Gutsbewohnern. Sie lebt in einer patriarchalischen Familien - und Gesellschaftsstruktur, die von ihr Tugenden wie Fleiß und Sparsamkeit erwartet. ,,Innerhalb der patriarchalischen Familien - und Gesellschaftsstruktur unterstand die Gutsfrau der Herrschaft ihres Gatten, des Hausvaters.” 1
Auf der anderen Seite steht die h¨ ofische Dame von der vielf¨ altige F¨ ahigkeiten und Tugenden erwartet werden. Neben geistigen und ¨ asthetischen F¨ ahigkeiten, ist die genaue Kenntnis und Umsetzung der Etikette unerl¨ asslich. Sie ist auch f¨ ur die geistige und gesellschaftliche Unterhaltung zust¨ andig und ein perfektes Franz¨ osch ist obligatorisch. Ihr ¨ Außeres soll sich durch Anmut,
Sch¨ onheit, richtiges Benehmen und Geschmack bez¨ uglich Frisur, Kleidung und Schmuck auszeichnen. Nat¨ urlich gibt es in der Zeit keine klare Abgrenzung zwischen beiden Frauenbildern, zumal das Bild auch zus¨ atzlich noch immer wieder durch Ideale des aufstrebenden B¨ urgertums beeinflußt wird.
2 Frauenr¨ ame und Frauentr¨ aume
2.1 ,,Am Turme”
Das Gedicht ,,Am Turme” entstand im Jahre 1842. Geschrieben wurde es in Meersburg am Bodensee. Nicht immer kann man das lyrische Ich gleichsetzen mit der Verfasserin, doch hier, wie noch in einigen anderen Gedichten ist es sehr naheliegend. Zumindest spiegelt es sehr anschaulich die Gef¨ uhlswelt einer adeligen Frau wider, die sich der Dichtkunst verschrieben hat. Noch nicht allzu lange davor hatten die Romantiker versucht die traditionellen Geschlechterrollen zu hinterfragen und aufzubrechen. Das Ideal von einer
1 Adelige Frauen im b¨ urgerlichen Jahrhundert, Christa Diemel, S. 15
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gleichberechtigten Beziehung, von einer Beziehung von Liebe, Freundschaft und intellektueller Verbundenheit kam auf. Doch die Zeit der Restauration besinnt sich wieder auf alte ,,Tugenden” und auf die patriarchale Ordnung, was das Leben zumindest einem gewissen Teil der Frauen wieder enger werden l¨ aßt.
So ist der Turm alleine schon ein Symbol f¨ ur die Gefangenschaft und dr¨ uckt die Distanz der Frau zur Außenwelt und zum aktiven Leben aus. Das Gedicht ,,Am Turme” ist nicht nur eine Sehnsucht, es ist eine Phantasie, ein konkreter Wunsch des Ausbruchs. Innerhalb der 4 Strophen vollzieht sich eine Bewegung vom ,,hohem Balkone am Turm”, hinab zum Strand und den Wellen ¨ uber die Wellen hinweg, in ein Meer und bis am Ende wieder, recht resignativ, die Person ,,gleich einem artigen Kinde” dasitzt. Eine geschlossener Kreis, der nur f¨ ur einen Moment aufgebrochen wird, vom Turm ausgehend und wieder zur¨ uck.
Doch auch die Haare bilden in den ersten und letzten Strophen des Gedichtes einen Rahmen und eine zentrale Rolle. Gerade Haare, Frauenhaare zeigen an, welchem Stand die Frau angeh¨ ort. An den Frisuren und der Kleidung von Frauen sieht man schon seit jeher, wie das Frauenbild und deren Rolle gerade zu sein hat. W¨ ahrend durch die franz¨ osische Revolution die einengenden Korsette wegfielen und abgel¨ ost wurden von locker fallender Kleidung, so lebt Droste-H¨ ulshoff schon wieder in einer Zeit, in der alte Ideale wieder aufleben.,,In den folgenden Jahren versuchte man in allen europ¨ aischen Staaten - insbesondere in Frankreich, wo das K¨ onigtum zur¨ uckgekehrt war - die alten politischen Verh¨ altnisse vor der Revolution wiederherzustellen, zu ,,restaurieren”, ohne die neuen liberalen Ideen des B¨ urgertums zu ber¨ ucksichtigen. Die Mode spiegelte genau diese Entwicklung wider.Schon am Ende der na-
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poleonischen Zeit war die Frauenkleidung steifer geworden.” 2 Im Gegensatz zum Turm sind die ,,flatternden Haare” hier Symbol f¨ ur Freiheit. Betrachtet man sich Bilder der Droste-H¨ ulshoff, mit deren aufwendig gelockten und hochdrapierten Frisuren, so bildet die Vorstellung des offenen Haares eine klare Abgrenzung von den adeligen Konventionen. Gerade mit offenem Haar verbinden sich zu jener Zeit nur negative Assoziationen, denn offene Haare trugen nur Nicht-b¨ urgerliche, Wahnsinnige oder Frauen, die als sexuell ausschweifend galten. So stehen hier die offenen Haare auch f¨ ur eine lustvolle, freie sexuelle Phantasie. ,,Haare unterliegen in hohem Maße nicht nur der Mode, sondern auch der Sitte. Sie bedeuten Freiheit oder Unterwerfung, je nachdem, Haare unter der Haube f¨ ur die Matrone, geschorene Haare f¨ ur die Nonne oder als Strafe f¨ ur die Hure, geknotet Haare als Zeichen f¨ ur Zur¨ uckhaltung,[...].” 3
Doch sie betont auch ,,gleich einer M¨ anade”, die im krassen Gegensatz steht zu dem ,,artigen Kinde” in den Schlußversen. Denn M¨ anaden bezeichen wilde Frauen aus der griechischen Mythologie,,,ekstatisch-orgiastische Frauen im Kult des Weingottes Dionysos” 4 Frauen jener Zeit hatten alles andere, als ein Recht auf Wildheit und Freiheit, ihr Ziel sollte die Selbstbeherrschung sein, w¨ ahrend ein aktives und auch abenteuerliches Leben nur den M¨ annern zugestanden wurde. Um so pr¨ agnanter ist die aktive Wortwahl in den folgenden Versen. Noch steht sie am Turm und tr¨ aumt von einem ,,wilde(m) Gesellen(n)”, der nicht sie umarmt, sondern den sie selbst umschlingt. Das lyrische Ich setzt sich ¨ uber s¨ amtliche Rollenklischees hinweg und ¨ ubernimmt
den m¨ annlichen Part der Eroberung, der Verf¨ uhrung. Sie unterstreicht in die- 2 KleineKost¨ umkunde, Krause/Lenning, S.179-180
3 Frankfurter Anthologie, Band 18, Ruth Kl¨ uger, S.61
4 Das Fremdw¨ orterbuch, DUDEN
6
sem Gedicht immer wieder die ,,m¨ annlichen” Anteile einer Frau und ¨ außert sie selbstbewußt. Doch auch das Metrum wird nicht konsequent durchgehalten, sondern immer wieder gesprengt, um doch mehr Rhythmus als Versmaß klingen zu lassen. Mehr Wunsch und Ausbruch, als Konequenz. Jedoch der Kreuzreim wird durch alle Strophen durchgehalten, so wie auch die reinen Reime.
Der kleine beh¨ utete Raum, der hier R¨ uckzugsm¨ oglichkeit und Gefangenschaft in einem bedeutet, verzerrt sich in der zweiten Strophe - weg vom Turm, hin zum See, der vor ihr liegt, an dem das Leben pulsiert. ,,Oh springen m¨ ocht’ ich hinein alsbald,” 5 heißt es hier. Man mag vermuten, daß es ein hoffnungsloser Wunsch war, da es sich in diesen Zeiten nicht geziemte in einem See zu schwimmen. Doch auch der See verwandelt sich schließlich in etwas viel gewaltigeres, wird gleichsam zum Weltmeer mit Korallen und Walrossen. Die auf das H¨ ausliche begrenzte Welt des lyrischen Ichs weitet sich in eine freie Welt, umgeben von wilder Natur und Aktivit¨ at. Der beschleunigte Rhythmus tr¨ agt den Leser gleichsam mitfort, hinaus auf die See. Und Worte wie M¨ anaden, Walrosse und Korallen verweisen auf eine andere fremdl¨ andische Welt, weitab der beh¨ uteten, aber auch begrenzten Welt einer Frau im Turme. In den n¨ achsten beiden Strophen steigern sich die Vorstellungen und es ist vermehrt von m¨ annlichen Dom¨ anen die Rede. So sieht sich das lyrische Ich als Steuermann, J¨ ager und Soldat - es sieht sich ,,[...] zischend ¨ uber das
brandende Riff wie eine Seem¨ owe streifen.” 6 , bis es schließlich gipfelt in dem Satz:,,W¨ ar ich ein Mann doch mindestens nur,/ so w¨ urde der Himmel mir raten” 7 ,,Drostes Aufbruchsphantasien rebellieren gegen die Begrenzungen
5 Annette von Droste-H¨ ulshoff, S¨ amtliche Werke, Am Turme, Strophe 2, V 5
6 Ebenda, Strophe 3, V 7-8
7 Ebenda, Strophe 4, V 3-4
7
des weiblichen Elfenbeinturms.” 8
Es wundert nicht, daß Menschen ihrer Zeit ihre Dichtkunst zwar zu sch¨ atzen wußten, es aber auch immer mißbilligende T¨ one gab, da sie in ihren Gedichten die ihr aufgezwungene Etikette sprengte. So ¨ außerte sich selbst Annettes Mutter nicht nur wohlwollend.,,Daß der Mutter die Gedichte ,,sehr sch¨ on zu seyn” schienen, hinderte sie nicht daran, die Bemerkung anzuschließen:,,aber der Adel ist allgemein dagegen, sie behaupten sie w¨ aren unverst¨ andlich[...], ich glaube es verdrießt sie daß ein adeliges Fr¨ aulein sich so offentlichen Meynungen aussetzt.” 9
Schreibende Frauen wurden oft verspottet und weniger Ernst genommen als M¨ anner - im schlimmsten Fall wurden sie sogar ge¨ achtet. Dennoch gibt es Beispiele auch in Annette von Droste-H¨ ulshoffs Epoche, daß es immer wieder Frauen gab, die es schafften die ¨ ublichen gesellschaftlichen Ketten zu sprengen. Fanny Lewald und auch Bettine Brentano von Arnim geh¨ orten zu den wenigen adeligen Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Schreiben verdienten. Und doch mußte jede Frau f¨ ur sich einen Weg finden, sich zu entfalten. ,,Das kulturelle Umfeld der Kreativit¨ at von Frauen war sehr verschieden von dem der M¨ anner. Das Fehlen von Heldinnen und einer bewußt wahrgenommenen Frauengeschichte verkr¨ uppelte selbst die begabtesten Frauen oder schw¨ achte ihre Talente ab zu weniger ambitionierten oder k¨ urzeren Aus-drucksformen: Gedichte eher als Dramenzyklen; Briefe und Artikel eher als philosophische Werke.” 10
So endet auch das Gedicht wieder in der Realit¨ at:
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
8 Frauen, Literatur, Geschichte, Hrsg.Hiltrud Gn¨ ug und Renate M¨ ohrmann
9 Zwischen Revolution und Restauration, S. 481
10 Die Enstehung des feministischen Bewußtseins, Gerda Lerner, S.216
8
Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich l¨ osen mein Haar Und lassen es flattern im Winde! 11
Die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit wird hier besonders deutlich, genauso wie das Schwanken zwischen ezwungener und immer wieder bek¨ ampfter Resignation.,,Ihr Gedicht Am Turme r¨ uttelt k¨ uhn an den gesellschaftlichen Fesseln, in die sie - in die alle Frauen in ihrer Epochegeschlagen war:[...]” 12
Bezeichnenderweise sieht sich das lyrische Ich nicht einmal als Erwachsener, sondern vergleicht sich mit einem Kind, das artig dasitzt, um nicht aus der Rolle zu fallen. W¨ ahrend das Bild des Kindes in anderen Gedichten oft f¨ ur die verlorene Unbeschwertheit der Kindertage steht, steht es hier vielmehr f¨ ur Unm¨ undigkeit. Das Bild des Kindes l¨ aßt an Unschuld, Gehorsam und Unentwickeltheit denken und steht somit im krassen Gegensatz zu den M¨ anaden, dem offenen Haar, der Abenteuerlust und vor allem der erotischen Phantasie. ,,Eigensinnig und gebieterisch, fast m¨ annlich”, lautete eines der typischen Zeitgen¨ ossischen Urteile ¨ uber die Droste, und das,, M¨ annliche” an ihr wurde mit Vorliebe auf ihre Intelligenz bezogen.” 13
2.2 Weitere R¨ aume und Lebenswelten
Nicht nur in ,,Am Turme” sondern auch in anderen Gedichten ¨ außert sich Annette von Droste-H¨ ulshoff immer wieder zu den Lebenswelten einer Frau im Rahmen der adeligen Gesellschaft des Biedermeier. So widerspr¨ uchlich
11 Annette von Droste-H¨ ulshoff, S¨ amtliche Werke, Am Turme, Strophe 4, Vers 5-8
12 Zwischen Revolution und Restauration, S.481
13 Zwischen Revolution und Restauration, S. 482
9
wie die Zeit, in der sie lebt, so hin - und hergerissen scheint das lyrische Ich immer wieder zwischen Vorstellung und Realit¨ at, zwischen Ausbruch und wieder Schutz suchen in der beh¨ uteten Begrenztheit. So finden sich in ihren Gedichten, wie im 19.Jahrhundert ¨ ublich, immer wieder drei - oder vierhebige
Jamben. Dennoch bricht sie die fließende Form immer wieder auf durch Pausen und sprunghaften und stockenden Rhythmus. ,,Trotzdem wagt es Annette von Droste-H¨ ulshoff nie, freie Rhythmen zu schreiben. Wie in ihrem Leben, so unterwarf sie sich auch in ihrer Lyrik den ¨ uberkommenen Versschemen
und Strophenformen und erarbeitete sich ihre Freiheit und Eigenwilligkeit nur innerhalb des Spielraums, den diese Formen zuließen.” 14 Und doch ist die Poesie und ihr Turmzimmer ein Raum f¨ ur Selbsterkenntis, Selbstfindung und Entgrenzung. So sind das Schloß und das Turmzimmer immer wieder Handlungsort ihrer Gedichte und immer wieder auch ihre Rettung. So auch in ihrem Abschiedsgedicht an Levin Sch¨ ucking:
Lebt wohl, es kann nicht anders sein[...]
Laßt mich in meinem Schloß allein, Im ¨ oden geisterhaften Haus,[...] Allein mit meinem Zauberwort.
Bezeichnend f¨ ur die Frauenliteratur des 19. Jahrhunderts und somit auch f¨ ur Gedichte der Droste-H¨ ulshoff ist die Spannung zwischen Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Wunsch der Selbstentfaltung und Entgrenzung. Es besteht aber auch immer wieder ein Schwanken zwischen dem Wissen, um die eigenen F¨ ahigkeiten und dem entschuldigen dieser F¨ ahigkeiten. Die F¨ ahigkeiten quasi als Geschenk Gottes oder Gabe zu bezeichnen war nicht un¨ ublich.
14 Deutsche Literatur von Frauen, Zweiter Band, Gisela Brinker-Gabler, S.35
10
Schon seit dem Mittelalter wurde eine Demutsformel von schreibenden Frauen verwendet, um ihre F¨ ahigkeiten zu legitimieren. So auch Annette von Droste-H¨ ulshoff in ihrem Gedicht ,,Mein Beruf”.
[...]Mein Recht soweit der Himmel tagt,
Und meine Macht von Gottes Gnaden. 15
So rief die Zeit, so ward mein Amt
von Gottes Gnaden mir gegeben, So mein Beruf mir angestammt,[...] 16
Auch hier schwankt Annette von Droste-H¨ ulhoff zwischen Sebstbewußtsein und Rechtfertigung gegen¨ uber der Gesellschaft. Einerseits bezeichnet sie ihr Schaffen als Beruf - und das in einer Zeit, in der adelige Frauen kein Recht auf eine eigene berufliche Laufbahnn hatten - auf der anderen Seite jedoch findet sie einen Weg es zu legitimieren - und zwar ¨ uber die Gnade Gottes, quasi als Geschenk, das angenommen werden muß.
So findet sie wie viele Frauen vor ihr und w¨ ahrend ihrer Zeit einen Weg ihre F¨ ahigkeiten durchzusetzen, ohne sich selbst zu sehr zu ¨ uberh¨ ohen und sich
dadurch Angriffen der Außenwelt auszusetzen. ,,Toleranz und Schonung begegnen schreibenden Frauen nur dann, wenn sie auf jeden Kunstanspruch verzichten, ihre Gedichte etwa als Naturerzeugnisse ausgeben, die so zu Papier gebracht wurden, wie sie aus dem Herzen kamen.” 17 Es wurde nicht nur als unschicklich empfunden, daß eine Frau denselben Neigungen folgen wollte wie ein Mann, sondern noch dazu als anmaßend.
15 Annette von Droste-H¨ ulshoff, S¨ amtliche Werke, S.90
16 Ebenda, Strophe 8, V 57-59
17 Deutsche Literatur von Frauen,Gisela Brinker-Gabler, Zweiter Band, S.27
11
War in der Renaissance noch das Bild der intellektuell gleichgestellten Frau entworfen worden, so versuchte die Zeit des Biedermeier die Frauen wieder zur inspirierenden Muse zu degradieren, die die F¨ ahigkeiten des Mannes f¨ ordert. Annette von Droste-H¨ ulshoff war sich ihres Genius durchaus bewußt und der Schwierigkeiten, der sie als Frau ausgestzt sein w¨ urde. So schrieb sie schon als Neunzehnj¨ ahrige:
Fesseln will man uns am eigenen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum, Und das Herz, dies kleine Kl¨ umpchen Erde, Hat doch f¨ ur die ganze Sch¨ opfung Raum! 18
Die Selbstlegitimation von Frauen ist eine Geschichte der K¨ ampfe, der ¨ Uberzeugungen aber auch immer wiederkehrender Zweifel. Und oft zahlten schreibende Frauen einen hohen Preis f¨ ur ihre F¨ ahigkeiten. Viele schrieben erst als Witwe wieder, w¨ ahrend andere, wie Annette von Droste-H¨ ulhoff mehr oder weniger freiwillig auf die Ehe Selbstlegitimation von Frauen ist eine Geschichte der K¨ ampfe, der ¨ U verzichteten, die Einsamkeit und ein Leben ohne Sexualit¨ at in Kauf nahmen. ,,Ob Frauen auf ein sexuelles Leben verzichten mußten, um gen¨ ugend Muße und Freiheit zum Denken, zur Entfaltung ihrer Phantasie und zu sch¨ opferischer Arbeit zu haben, ob sie Ehe und Mutterschaft entsagen mußten, um sich auf sich selbst und ihr intellektuelles Schaffen konzentrieren zu k¨ onnen - immer mußten sie im Vergleich zu ihren Br¨ udern beim Verfolgen uberwinden.” 19 ¨ ahnlicher Ziele gr¨ oßere Schwierigkeiten und Hindernisse ¨
18 Frankfurter Anthologie, Band 18, S.63
19 Die Entstehung des feministischen Bewußtseins, Gerda Lerner, S.217
12
2.3 Themen und Symbole - Lebenslust und Lebensfrust
Neben den Symbolen der Begrenztheit wie der Turm, das Haus oder das Schloß, tauchen in ihren Gedichten immer wieder Symbole der Freiheit und der Sehnsucht auf. So stehen V¨ ogel f¨ ur die Freiheit und Wellen, Wasser, Meere fur Entgrenzung. Doch die Entgrenzung findet sich nicht nur in Naturbildern. Ein immer wieder auftauchendes Bild in der Frauenliteratur des 19. Jahrhunderts ist das des Spiegelbildes. Gleichsam als sich ¨ offnende Welt, die andere Seite. Der Spiegel als imagin¨ arer Raum und Begenungsst¨ atte mit dem anderen Ich -,,der Spiegel als Symbol der Seele, der das Universum reflektiert, oder als Metapher einer Identit¨ atssuche, die in der Moderne mit der Bedrohung des Selbstverlustes einhergeht.” 20
So auch in dem Gedicht ,,Das Spiegelbild” von 1841/42. ,,Schaust du mich an aus dem Kristall,/Mit deiner Augen Nebelball,[..]” 21 , beginnt das Gedicht als Zwiegespr¨ ach mit dem eigenen Spiegelbild. Es ist eine M¨ oglichkeit der Selbstreflexion und Selbstanalyse. Auf der Suche nach sich selbst oder verdr¨ angten, verborgenen Seiten er¨ offnen sich durch das Spiegelbild neue M¨ oglichkeiten der Betrachtung. Es scheint somit eine geschickte Art zu sein, sich selbst zu ergr¨ unden, in sich zu gehen und dort W¨ unsche und ¨ Angste oder gar Begier-
den zu betrachten, ohne durch das Geschriebene allzu sehr die Etikette zu verletzen - als sei es nur ein Gedankenspiel. Im psychologischen Sinne ist es wohl der Versuch nicht integrierte und unausgelebte Seiten zu integrieren. ,,Als Selbstbeobachtung, Selbstanalyse und - kritik dient sie zur Best¨ atigung der akzeptierten Zensur[...]” 22 .
20 Frauen, Literatur, Geschichte, Hrsg. Hiltrud Gn¨ ug, Renate M¨ ohrmann, S. 306
21 Annette von Droste-H¨ ulshoff, S¨ amtliche Werke, S. 147
22 Deutsche Literatur von Frauen, Gisela Brinker-Gabler, S.53
13
Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, ja, dann fl¨ ustre ich: Phantom, du bist nicht meines Gleichen!” 23
Hier wird auch der innere Zwiespalt des lyrischen Ichs zwischen Nichterkennen und Erkennen immer wieder deutlich, zwischen Bewußtem und Unbewußtem. ,, Es ist gewiß, du bist nicht ich,” heißt es an der einen Stelle und ein paar Verse weiter: ,,Und dennoch f¨ uhl ich, wie verwandt,/Zu deinen Schauern mich gebannt,[...]” 24 So scheint sich hier einmal mehr der Entfaltungspielraum der Frauen im Gedicht gegen¨ uber dem Leben zu zeigen. Das Schwanken zwischen dem, was sein darf und dem, was auch noch da ist, jedoch nicht direkt ge¨ außert, geschweige denn gelebt werden darf. So auch sehr deutlich in der Ballade ,,Das Fr¨ aulein von Rodenschild”, deren Bilderwelt gerade zu gen¨ ahrt wird von dem Konflikt zwischen Begierden und An-stand - ,, zwischen Zeigen-Wollen und Verbergen-M¨ ussen.” 25 ,,Der Ausgangsspannung zwischen sexuellem Aufruhr und christlich-st¨ andischer Triebreprimierung entsprach die konfliktreiche Situation weiblichen Begehrens im 19. Jahrhundert.” 26
2.4 Annette von Droste-H¨ ulshoff - Eine emanzipierte Frau?
Die Biedermeierzeit war nicht nur eine Zeit der Restauration und des Sich-Zur¨ uckziehens ins Private , es war auch die Zeit der Auflehnung gegen die Zensur des Metternichsystems, es war auch die Zeit des Vorm¨ arzes. Es gab
23 Annette von Droste-H¨ ulshoff, S¨ amtliche Werke, S. 147
24 Ebenda, S.148
25 Deutsche Literatur von Frauen,Gisela Brinker-Gabler, S.53
26 Ebenda, S.53
14
durchaus Frauen die sich sozialkritisch in verschiedensten literarischen Formen ¨ außerten. So zum Beispiel Bettine Brentano von Arnim in ihrer Schrift ,, Dies Buch geh¨ ort dem K¨ onig.” So fand in jener Zeit auch eine starke Politisierung der Literatur statt. Es ,,entstand ein gesellschaftliches Klima, das der Beteiligung von Frauen als Rezipientinnen und Produzentinnen von Literatur f¨ orderlich war.” 27 So beanspruchten Frauen wie Fanny Lewald, Luise M¨ uhlbach und Luise Otto vehement den Status der Berufsschriftstellerin. Doch wo stand Annette von Droste-H¨ ulshoff? Sie begehrte immer wieder auf gegen die vorherrschenden Rollenbilder und doch war auch sie Kind ihrer Zeit. Politisch gesehen stand sie auf der konservativ-restaurativen Seite. Auch sie war gepr¨ agt von dem herrschenden Frauenbild, auch sie teilte ein in anst¨ andig und unanst¨ andig, bei sich und bei anderen Frauen. So ¨ außerte sie sich zum Beispiel ¨ uber die Tatsache, daß Ottilie von Goethe ein uneheliches Kind bekam, wenig verst¨ andnisvoll: ,,Man sehe mal wieder, wie weit Eitelkeit und eine ,,liebessieche Natur” eine Frau herunterbringen k¨ onne.” 28 So war auch Droste-H¨ ulshoffs Sozialisation als Frau ihrer Zeit recht gelungen. Auch sie, wie viele andere, schrieb zun¨ achst nur f¨ ur sich und Freunde und Familie - sozusagen aus vornehmer weiblicher Bescheidenheit. So ver¨ offentlichte sie ihren ersten Gedichtband erst mit 41 Jahren und auch diesen erst nach mehrmaliger Ermutigung durch ihren Mentor Christoph Bernhard Schl¨ uter.
3 Schlußbetrachtungen
Trotz all der Frauen, die sich zu jener Zeit schriftstellerisch bet¨ atigten ist es schwierig zu sagen, ob gerade jene Zeit sehr der Emanzipation diente.
27 Zwischen Revolution und Restauration, S.212
28 Frauen der Aufkl¨ arung und der Romantik, Gerhart S¨ ohn, S. 307
15
Auch wenn in dieser Zeit immer mehr Schulen und Bildungsm¨ oglichkeiten f¨ ur Frauen entstanden, so waren diese doch auch weiterhin oder wieder vielmehr gepr¨ agt von den ,,weiblichen” Dom¨ anen (siehe h¨ ohere T¨ ochterschulen), welche auch nur solche F¨ ahigkeiten f¨ orderten, die dem weiblichen Rollenbild entsprachen, d.h. sich auf die sp¨ ateren Aufgaben als Mutter und Hausfrau vorzubereiten. ,, Die Anspr¨ uche der Frauen als gleichrangige Partner, wie sie in der Zeit der Aufkl¨ arung und Romantik erstmalig in gr¨ oßerem Umfang sichtbar geworden sind, wurden erst im Verlauf des 19.Jahrhunderts, bzw. in dessen zweiter H¨ alfte zu einem gesellschaftspolitischen Anliegen, welches auf immer breiterer Basis von engagierten Frauen vorw¨ arts getrieben wurde.” 29 Annette von Droste-H¨ ulshoff hat ihren eigenen Weg ,,gew¨ ahlt” sich in ihrem Maße zu entfalten und es w¨ are wohl anmaßend aus heutiger Sicht zu sagen, sie h¨ atte mehr tun k¨ onnen. Sie hat sich auf ihre Art unabh¨ angig gemacht, wie viele andere Frauen dieser Zeit.
29 Frauen der Aufkl¨ arung und der Romantik, Gerhart S¨ ohn S.309
16
4 Literaturverzeichnis
4.1 Prim¨ arliteratur
Annette von Droste-H¨ ulshoff: S¨ amtliche Werke. Band 2. Hrsg. Bodo Plachta/Winfried Woesler. 1994.
4.2 Sekund¨ arliteratur
Brinker-Gabler, Gisela: Deutsche Literatur von Frauen. Zweiter Band. M¨ unchen 1988
DUDEN: Das Fremdw¨ orterbuch. Mannheim 1974
Diemel, Christa: Adelige Frauen im b¨ urgerlichen Jahrhundert. Frankfurt/Main 1998.
Gn¨ ug, Hiltrud/M¨ ohrmann, Renate(Hrsg): Frauen, Literatur, Geschichte. Stuttgart 1999.
Kl¨ uger, Ruth: Frankfurter Anthologie. Band 18. Annette von Droste-H¨ ulhoff: Am Turme. Frankfurt am Main und Leipzig 1995. Krause/Lenning: Kleine Kost¨ umkunde. Berlin 1989.
Lerner, Gerda: Die Entstehung des feministischen Bewußtseins. Frankfurt/Main 1993.
Sautermeister, Gerd/Schmid, Ulrich(Hrsg.): Zwischen Revolution und Restauration 1815-1845. M¨ unchen 1989
S¨ ohn, Gerhart: Frauen der Aufkl¨ arung und der Romantik. Stuttgart 1998.
17
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Miriam Oberle, 2003, Annette von Droste-Hülshoff - Frauenräume und Frauenträume, München, GRIN Verlag GmbH
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