Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 2
Einleitung
Ethische Probleme in den Naturwissenschaften sind immer wieder ein Thema in den Medien und auch in der Wissenschaft. Doch wie steht es mit ethischen Problemen in den Geisteswissenschaften? Besteht da kein Handlungsbedarf? Oder gibt es doch spezielle geisteswissenschaftliche, ethisch bedenkliche Probleme, die einer genaueren Untersuchung bedürfen?
Wissenschaftsethik ist da gebraucht, wo aus der theoretischen Wissenschaft praktische Folgen entstehen. Dies ist bei den Naturwissenschaften häufig der Fall durch ihre Umsetzung in Technik. Doch auch bei den Geisteswissenschaften gibt es praktische Folgen. Diese aufzuzeigen und ihre ethische Dimension zu benennen, soll Aufgabe dieser Arbeit sein. Der Aufteilung nach Spinner in forscherische, sammelnde und verteilende Wissensaktivitäten folgend, soll es hier hauptsächlich um den Nachweis gehen, daß auch im Bereich der Geisteswissenschaften die forscherischen Tätigkeiten ethische Relevanz haben. Speziell die Geschichtswissenschaften sollen hier untersucht werden, da der Umfang eine Untersuchung aller Geisteswissenschaften sprengen würde. Im ersten Teil werde ich auf allgemeine Wissensethik eingehen und deren Probleme aufzeigen, der zweite Teil gibt eine oberflächliche Einführung in die spezielle Problematik der Geisteswissenschaften und der dritte Teil schließlich befasst sich konkret mit der angewandten Ethik in den Geschichtswissenschaften.
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Allgemeine Wissensethik
Wissensethik hat zum einen das Wissen an sich zum Gegenstand, zum anderen, weitaus größeren Teil, den Umgang mit Wissen. Bei Spinner ist nicht nur das wissenschaftlich erzeugte Wissen relevant, sondern auch jegliche andere Art von Information. Darunter fällt die Erzeugung von Wissen, d.h. die „forscherischen Wissensaktivitäten“ 1 , die Weiterverarbeitung von Wissen, d.h. die „sammelnden Wissensaktivitäten“ 2 und die Verbreitung von Wissen, die „verteilenden Wissensaktivitäten“ 3 . Nach Spinner gibt es ordnungspolitische Leitwerte für jede dieser Wissensaktivitäten; diese Leitwerte sind die Veränderungsfreiheit für die Forschung, die Beeinträchtigungsfreiheit für die Bewahrung von Wissen und die Verkehrsfreiheit für die Verbreitung. 4 Veränderungsfreiheit meint, daß alles Wissen veränderbar sein sollte. Damit ist sowohl eigenes als auch fremdes Wissen gemeint; es dürfen keine Einschränkungen durch Dogmen oder Zensur gemacht werden. Alles darf verändert werden ohne sich mit den Folgen des theoretischen Wissens zu belasten. Es geht um eine quantitative und qualitative Verbesserung des vorhandenen Wissens. In solch einem Ideal muss Wissenskommunismus herrschen. 5
Beeinträchtigungsfreiheit bedeutet, daß es keinen Eingriff in das zu sammelnde Wissen geben soll. Darunter fällt auch besonders low-quality Wissen im Privatbereich, vor allem das Recht auf freie Meinung innerhalb der bestehenden Gesetze. 6 Im Bereich der Wissenschaft hat diese Freiheit besondere Relevanz bei der Bewahrung von Quellen, die nicht verändert werden dürfen. Auch Fälschung würde dieser Freiheit widersprechen.
Verkehrsfreiheit schließlich sorgt für den ungehinderten Fluß von Informationen. Besonders wichtig ist hierbei auch die Gleichberechtigung von Information und Gegen-information, oder auch von Kritik. 7 Praktische Anwendung sollte die Verkehrsfreiheit für die Wissenschaft im Wissenschaftsjournalismus finden. Diese drei Freiheiten werden nach Spinner durch eine zu schaffende Wissensordnung vorgegeben und bieten damit die Rahmenbedingungen innerhalb derer Ethiken sich
1 Vgl. Spinner, S.738.
2 Ebenda.
3 Ebenda.
4 Vgl. Spinner, S.739f.
5 Ebenda. Wissenkommunismus meint, daß Wissen für jedermann frei zugänglich ist..
6 Ebenda.
7 Ebenda.
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einpassen können.
Diese Ethiken, die sich in die Wissensordnung einpassen sollen, sind die Kreativitätsethik, die Informationsethik und die Publizitäts- und Medienethik. Dabei hat die Kreativitätsethik im Bereich der Forschung die Güte des Wissens als Inhalt, die Informationsethik die Gleichberechtigung der Informationen und Gegen-informationen und die Publizitäts- und Medienethik achtet auf die informationelle Grundversorgung der Gesellschaft und zeigt im Bereich der Wissensvermittlung Probleme auf. 8
Die Beschäftigung mit den Inhalten des Wissens, das bei Spinner nur als Form betrachtet wird, wird hierbei ausgespart. Die drei Bereichsethiken, die Spinner nennt, umfassen den Umgang mit Wissen, nicht jedoch die Problematik, wie mit brisantem Wissen umgegangen werden soll. Die Kreativitätsethik achtet darauf, daß solches Wissen erzeugt werden kann und daß die Güte dieses Wissen so hoch wie möglich ist. Aber was ist mit der Frage der Verantwortung der Wissenschaftler für die Folgen ihres erzeugten Wissens? Diese Frage erwähnt Spinner zwar, bietet aber keine Bereichsethik an, die sich speziell mit dieser Problematik beschäftigen sollte. Bei diesen Fragen über den Inhalt von Wissen haben sich verschiedene Wissenschaftsethiken herausgebildet; so z.B. die Bioethik oder die Medizinethik.
8 Vgl. Spinner, S.745.
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Geisteswissenschaften
Im Bereich der Geisteswissenschaften fehlt solche eine Ethik jedoch. Zum einen weil Geisteswissenschaften ihre praktische Anwendung meist nicht in der Technik finden, zum anderen scheint das Wissen, das in den Geisteswissenschaften erzeugt wird, keine ethische Dimension zu haben. Doch worum geht es den Geisteswissenschaften überhaupt? Was verbindet und was trennt sie von den Naturwissenschaften? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten; viele Geisteswissenschaftler diskutieren darüber. „Diskussionswissenschaften“ oder auch „Buchwissenschaften“ 9 werden oft synonym zu Geisteswissenschaften verwendet, um die
Geisteswissenschaften über ihre Methode zu definieren. Dabei gehen diese Bezeichnungen davon aus, daß nur die Geisteswissenschaften über Diskussion bzw. über das Rezipieren von Büchern zu ihren Erkenntnissen gelangen. Als Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eignen sich diese Bezeichnungen nicht, da auch während eines Projekts in den Naturwissenschaften diskutiert wird und die meisten Neuerungen der Naturwissenschaften in Team-Arbeit entstehen. Bücher dienen den
Naturwissenschaftlern ebenso als Grundlage wie den Geisteswissenschaftlern, wenn vielleicht auch nicht in diesem starken Maße. Doch wenn der Unterschied nicht in der Methode liegt, worin dann? Ritter definiert die Geisteswissenschaften als „die Wissenschaften, die im Horizont der uns überhaupt zugänglichen geschichtllichen Zeit die Geschichte selbst, Sprache, Kultur, Dichtung, Philosophie, die Religionen, aber ebenso auch Dokumentationen persönlichen Lebens in historischer und hermeneutischer Methode zum Gegenstand haben und vergegenwärtigen.“ 10 Im Bezug auf ihre Methoden und ihren Gegenstand, nennt Mittelstraß die Geisteswissenschaften, im Gegensatz zu Ritter, unendlich. 11 Seiner Meinung nach, sind die Geisteswissenschaften weder über ihre Gegenstände, noch über ihre Methoden eindeutig zu fassen. Dilthey bezeichnete die Geisteswissenschaften zuerst als „Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat“ 12 , später benannte er als Gegenstand die geschichtliche geistige Welt des Menschen, die sich in den Werken des Menschen ausdrückt, damit sind Kunstwerke, Dichtungen, Philosophie und Rechts-und Lebensordnungen gemeint. Als Methode, mit der die Geisteswissenschaften vorgehen, nannte er die Auslegung und das Verständnis der geschichtlichen geistigen
9 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.10.
10 Ritter, S.120.
11 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.5.
12 Hier zitiert nach Ritter, S.121.
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Welt. 13 Nach Ritter entstehen die Geisteswissenschaften in ihrer heutigen universitären Form erst im 19.Jahrhundert. Viele der großen Philosophen oder Historiker oder allgemeinen Gelehrten, haben nie an einer Universität gelehrt . Doch im Unterschied zu den Naturwissenschaften waren die Geisteswissenschaften als sie an die Universität gelangten, noch nicht methodisch konstitutiert. Viele Bereiche, die für uns heute selbstverständlich als zu den Geisteswissenschaften gehörig zählen, mussten hart darum kämpfen, an die Universitäten aufgenommen zu werden, so z.B. die Sprachwissenschaften. 14
Es scheint schwierig, sich der Frage „Was sind die Geisteswissenschaften“ über die Methoden oder über ihre Gegenstände zu nähern. Eine weitere Möglichkeit wäre es, sich dieser Frage über die Aufgabe und den Sinn der Geisteswissenschaften in der modernen Welt zu nähern. Oft werden sie als „Orientierungswissen“ beschrieben, die in der modernen Welt uns helfen sollen, die Technik in die richtigen Bahnen zu lenken und die „Geschichtslosigkeit“ der naturwissenschaftlichen Welt auszugleichen. 15 Mittelstraß formuliert das folgendermaßen:
„Die technische Vernunft sagt, was moderne Gesellschaften können; die geisteswissenschaftliche Vernunft sagt, was moderne Gesellschaften sind.“ 16 Für Mittelstraß sind die Geisteswissenschaften eine erworbene Freiheit einer rationaler Kultur; da sie nicht dem Zwang der Nutzbarkeit unterworfen sind. 17 In den Geisteswissenschaften verschafft sich die moderne Gesellschaft Wissen über sich selbst. 18 „Insofern hat (nur scheinbar paradox) keine Gesellschaft Geisteswissenschaften so nötig wie gerade die (geschichtslose) technische Gesellschaft.“ 19 Für Mittelstraß besteht die Hauptaufgabe der Geisteswissenschaften im Deuten, Erklären, Argumentieren und Konstruieren. Sie müssen nicht nur vergegenwärtigen, was war, sondern auch den momentanen Zustand kritisch betrachten und die Zukunft vorausdenken. 20 Bodammer bezeichnet die Geisteswissenschaften als
„sensibilitätsfördernd“ und „identitätsbildend“ 21 , sie sind außerdem nötig zur Förderung der Humanität. 22
13 Vgl. Ritter, S.121.
14 Vgl. Ritter, S.123f
15 Vgl. Ritter, S.131.
16 Mittelstraß, 1986, S.63.
17 Vgl. Mittelstraß, 1986, S.63.
18 Vgl. Mittelstraß, 1986, S.64.
19 Mittelstraß, 1986, S.64.
20 Ebenda.
21 Vgl. Bodammer, S.215.
22 Vgl. Bodammer, S.248
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Ethik in den Geschichtswissenschaft
Die Aufgabe der Geisteswissenschaften besteht also im kritischen Betrachten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Diese Aufgabe birgt viele ethische Aufgaben in sich. Solch eine Aufgabe, die schließlich das Selbstverständnis der Menschen stark beeinflußt, sollte mit Hilfe einer eigenen Bereichsethik betrachtet werden. Nicht nur die Kreativitätsethik spielt in diesem Bereich eine große Rolle, d.h. die Ethik, die die Qualität des erzeugten Wissens sichern soll; sondern auch der inhaltliche Aspekt sollte untersucht werden. Den inhaltlichen Aspekt der gesamten Geisteswissenschaften zu untersuchen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen; daher werde ich mich auf die Geschichtswissenschaft konzentrieren. Auch die Aufgabe der Geschichtswissenschaft liegt im kritischen Betrachten der Vergangenheit; die Gegenwart und die Zukunft sind ursprünglich nicht Gegenstand der Geschichtswissenschaft. In letzter Zeit wurde jedoch vor allem in Frankreich eine nouvelle histoire praktiziert, die auch die Gegenwart in das historische Forschen mit einbezieht:
„Die Geschichte ist die Wissenschaft von der Vergangenheit und die Wissenschaft
von der Gegenwart.“ 23
Auch wird die Geschichtswissenschaft als „Wertelieferant“ gesehen, denn wenn das Bewußtsein von der eigenen Geschichte verloren geht, verliert man auch die tradierten Werte. Um diese wieder neu zu erkennen, wendet man sich wieder der Geschichte zu. 24 Diese wichtige Aufgaben der Geschichtswissenschaft, nämlich die Vergangenheit und die Gegenwart kritisch zu beurteilen, mit wachem Verstand die Gesellschaft zu sehen und mit Hilfe von Veröffentlichungen der Gesellschaft ihre Geschichte bewußt zu machen und so Werte und ein Selbstverständnis vorzugeben - im Prinzip sind somit Historiker „Dienstleister“ der Gesellschaft - ; braucht eine angewandte Ethik. Eine Ethik, die dem Historiker seine Verantwortung bewußt macht und ihm auch hilft, seine Arbeit qualitativ gut zu machen.
Ein Problem der Geschichtswissenschaft ist die unterschiedliche Annahme von Veröffentlichungen durch die Medien und die Gesellschaft. Der Fall Goldhagen macht das besonders deutlich. 1996 veröffentlichte Daniel Goldhagen seine Dissertation „Hitler's Willing Executioners“ . Diese Dissertation war in den Medien und in der
23 Lucien Febvre, hier zitiert nach Goertz, S.15.
24 Vgl. Goertz, S.10.
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Historikerzunft stark umstritten.
Zusammenfassend gesagt stand die Meinung der Historiker, daß das Buch große methodisch-empirische Mängel aufweise, nur einen monokausalen Erkärungsansatz habe und die Form popularisierend und z.T. moralisierend sei, gegen die Meinung der Medien und der zahlreichen Leser, die das Buch kauften, daß Geschichte den Lesern auf emotionalen Weg näher gebracht werden könne als durch die distanzierte Darstellungsform der Historiker. 25
Hier wird das Spektrum deutlich, in dem sich historische Arbeiten bewegen. Entweder werden sie von der etablierten Wissenschaft als zu populistisch und wissenschaftlich zu ungenau kritisiert, oder sie werden von dem Publikum, daß schließlich auch ein Interesse an der Geschichte hat und daher auch in historischen Veröffentlichungen angesprochen werden sollte, abgelehnt, weil die Form zu distanziert ist und keine einfache Erklärung anbietet.
Hier ist es wichtig, daß die Wissenschaft dieses Feld nicht Esoterikern überläßt, die mit einfachen Weltbildern und Erklärungen die Öffentlichkeit stark beeinflußen. Auch das könnte eine Aufgabe für eine angewandte Ethik sein, hier bewußt zu machen, wo wirklich fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse zugrundeliegen und wo nicht. Geschichte versucht die Vergangenheit zu erklären; z.B. wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte. Leider gibt es hier keine einfache Erklärung 26 , sondern nur unterschiedliche Kausalitäten, die zusammenwirkten. Historiker versuchen diese unterschiedlichen Erklärungsansätze möglichst umfassend darzustellen und ihre Wechselwirkung aufzuzeigen; desweiteren sichern sie ihre Arbeiten durch den wissenschaftlichen Apparat ab, um die Darstellung und Argumentation für jedermann nachvollziehbar und nachprüfbar zu machen. Diese Arbeitsweise geht dann zu Lasten einer ansprechenden Darstellungsform.
Um ihrer Aufgabe als „Dienstleister der Gesellschaft“ nachzukommen, müssten Historiker mit Hilfe einer angewandten Ethik einen Weg finden, ihre wissenschaftlichqualitativ gute Arbeit so darzustellen, daß sie vom Publikum angenommen wird. Dabei ist besonders darauf zu achten, daß der eigene Standpunkt des Historikers deutlich gemacht wird und klar von den Fakten getrennt wird, damit das Publikum sehen kann, wo die persönliche Meinung des Historikers durchscheint. 27
Andererseits ist die Forderung, daß Historiker sowohl wissenschaftlich korrekt arbeiten
25 Vgl. Weingart, S.267-270
26 Einfache Erklärungen wären z.B. Hitler war Schuld oder die Deutschen hatten Schuld.
27 Ein weiteres Problemfeld im Bereich der Geschichte ist, daß jeder Historiker auch ein Mensch mit eigenen Meinungen ist, die man nicht immer vollständig von der historischen Arbeit trennen kann.
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sollen und gleichzeitig bei ihrer Darstellung immer das Publikum bedenken sollen, ebenfalls problematisch 28 . Der Wissenschaftler wird so zum Verkäufer der Ware Wissen. Das könnte nicht nur auf die Darstellungsform Auswirkungen haben, sondern, wenn diese Geisteshaltung übernommen wird, werden sich Wissenschaftler - im schlimmsten Fall - auch ihre Forschungsfelder sehr genau aussuchen. Dann wird fast nur noch über Themen geforscht, bei denen man sich der Gewogenheit des Publikums sicher sein kann.
Ein Problem, dessen sich Historiker bewußt sein sollten, ist die mögliche Beeinflußung durch die aktuelle Politik. Die Geschichtswissenschaft ist anfällig dafür, daß ihre Arbeiten sich nicht von aktuellen Ereignissen trennen lassen, da sie viel auslegen und interpretieren, d.h. Methoden anwenden, die von einer subjektiven Beurteilung abhängen. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Beeinflußung der Wissenschaft durch den Staat kommen, z.B. in Diktaturen. Diese können an den genauen Wissenschaften relativ wenig beeinflußen 29 , die Geschichte jedoch ist auslegbar. Auch kann dadurch Mißbrauch getrieben werden, daß eben nur bestimmte Bereiche der Geschichte, die der Ideologie genehm sind, erforscht werden dürfen.
Im Nationalsozialismus legitimierten Historiker einen deutschen Herrschaftsanspruch über bestimmte Gebiete Europas bzw. auch z.T. über ganz Europa mit Hilfe ihrer Wissenschaft. 30 In den Augen der Öffentlichkeit ein deutliches Signal, daß die Nationalsozialisten im Recht waren.
Am Beispiel des Nationalsozialismus lässt sich auch zeigen, wie stark das Bewußtsein der eigenen Geschichte das eigene Selbstverständnis bedingt. In den 50er- und 60er-Jahren wurde dieses Thema von der Öffentlichkeit verdrängt 31 , obwohl es durchaus deutsche Historiker gab, die sich um eine Aufarbeitung der Geschichte bemühten. Hier kommt wieder das Problem zum Vorschein, daß wichtige wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht ihr Publikum erreichen.
Erst in der Studentenbewegung 1967/68 wurde das Thema wieder angesprochen und gelangte in die öffentlichen Diskussion. Noch heute spürt man oftmals, wie schwierig der Umgang mit der Vergangenheit für Deutsche heute ist. Hier ist es Aufgabe der Historiker aufzuklären und vorsichtig zu beurteilen, aber auch das Selbstverständnis wieder positiv zu beeinflußen.
28 Besonders wenn solch eine Geisteshaltung durch ökonomische Vorteile unterstützt wird.
29 Zum Beispiel war auch im Nationalsozialismus 1+1 immer noch 2. Die Geschichte wurde jedoch von den Nationalsozialisten stark nach ihrer Ideologie interpretiert. (Vgl. hierzu Elvert, S.91.)
30 Vgl. Elvert, S.91.
31 Zum Ausdruck brachte das Buch von Alexander Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. München
1967.
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Und auch hier gibt es Schwierigkeiten; als Historiker könnte man z.B. deutsche positive Errungenschaften in den Vordergrund stellen; jedoch besteht dann wieder die Gefahr, daß die Vergegenwärtigung des Dritten Reiches zu stark vernachlässigt wird.
Eine angewandte Ethik könnte dem Historiker helfen, diesen Drahtseilakt zu vollbringen. Sie könnte ihm helfen, die richtige Mischung aus populistischer und wissenschaftlicher Darstellungsform zu finden; sie könnte ihm helfen, sich seine Verantwortung für das öffentliche Meinungsbild bewußt zu machen und damit umzugehen; sie könnte ihm helfen, sich seine eigene subjektive Position zu vergegenwärtigen und sie in seine wissenschaftliche Arbeit zu beachten und sie könnte ihm helfen, seine Arbeit anstatt einer informierten, kritischen Öffentlichkeit zu hinterfragen ob ihrer Qualität und Verantwortung. Denn oftmals kann es auch ein Problem sein, daß es keine informierte Öffentlichkeit gibt, da z.B. über das Thema sehr wenig bekannt ist.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 11
Bibliographie
1. Bodammer, Theodor: Philosophie der Geisteswissenschaften. Freiburg, München 1987
2. Elvert, Jürgen: Geschichtswissenschaft. In: Hausmann, Frank-Rutger; Müller-Luckner, Elisabeth (Hg.): Die Rolle des Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933
- 1945. München 2002, S.87-135
3. Goertz, Hans-Jürgen: Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. Reinbek 1995
4. Mittelstraß, Jürgen: Die unheimlichen Geisteswissenschaften. In: Information Philosophie. Juni 1996/2, S.5-19
5. Mittelstraß, Jürgen: Wissenschaft als Kultur. In: Heidelberger Jahrbücher. 1986, S.51
- 71
6. Ritter, Joachim: Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft. In: Ritter, Joachim: Subjektivität. Sechs Aufsätze. Frankfurt/Main 1974, S.105 - S.140
7. Spinner, Helmut: Wissensordnung, Ethik, Wissensethik In:Nida-Rümelin, Julian (Hg.): Handbuch Angewandte Ethik - Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart 1996, S. 719-749
8. Weingart, Peter: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist 2001
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Cathleen Schulz, 2004, Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften, Munich, GRIN Publishing GmbH
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