Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Vergleich der Protagonisten 2
3 Voraussetzungen f ur die Revolutionen 6
4 Ablauf der Revolutionen 9
4.1 Ausl osung und erste Erfolge 9
4.2 Die Rolle des Arsenals 9
4.3 Gegenschlag und Niederlage 10
5 Zusammenfassung 11
6 Literatur 13
1
1 Einleitung
F¨ unf Jahre nach dem Revolutionsjahr 1917 erschien 1922 Tolstojs utopischer Roman A˙ elita“, der neben einer h¨ aufig diskutierten Liebesgeschichte von einer (aber geschei-”
terten) Revolution handelt, in der der ¨ Ubergang von einem absolutistischen Regime zu
einem sozialistischen System geschaffen werden soll. Trotz dieser zeitlichen N¨ ahe gibt es bisher keine Literatur, die eventuell vorhandene Zusammenh¨ ange untersucht; mit anderen Worten stellt sich die Frage: Hat Tolstoj die russische (Oktober-)Revolution in seinen Roman projiziert?
Diese Arbeit m¨ ochte diese Frage mit dem Vergleich der beiden Revolutionen beant-worten. Maßst¨ abe des Vergleichs sind dabei die Protagonisten der Revolutionen, ihre Voraussetzungen/Hintergr¨ unde und ihr Ablauf; die Gliederung entspricht dieser Aufz¨ ahlung.
2 Vergleich der Protagonisten
Im Jahr 1917 regierte in Russland die letzte große absolutistische Monarchie Europas. Zar Nikolaus II. und die Aristokratie hatte uneingeschr¨ ankte Macht, das Volk spielte in politischen Entscheidungsprozessen keine Rolle. Legitimiert wurde dieses System allein durch die Abstammung, was langfristig zur Folge hatte, dass die herrschenden Familien die Bed¨ urfnisse des ¨ ubrigen Volkes aus den Augen verlieren.
Ein weiteres Problem war die F¨ uhrungsschw¨ ache Nikolaus II. Unter seiner Herrschaft verlor die Zarenfamilie an Reputation und Respekt, da die Politik meist in den H¨ anden des M¨ onches Rasputin lag, der seinen Einfluss am Hof zu seinem eigenen Vorteil nutzte.
Die miserable wirtschaftliche Lage, eine absehbare milit¨ arische Niederlage Russlands im Krieg gegen Deutschland und seine Verb¨ undeten sowie das politisch Machtvakuum (insbesondere nach dem Ende der Monarchie hatte die provisorische Regierung kaum Einfluss) nutzte Lenin f¨ ur eine Revolution, die das erste Mal die Verlierer der Monarchie, Bauern, Soldaten und Arbeiter an die Macht bringen sollte. Diese Revolution war von langer Hand im Exil geplant und konnte mit seiner R¨ uckkehr durchgef¨ uhrt werden. Als charismatischer Populist hatte er mit seinen ” Aprilthesen“ ( Friede, Land und
”
2
Brot“, ” Alle Macht den R¨ aten“) auch keine Schwierigkeiten, den Großteil des Volkes auf seine Seite zu ziehen.
Tuskub, der ” H¨ ochste Rat der Ingenieure“ und seine Anh¨ anger, die Nachkommen der Magazitlen, repr¨ asentieren die herrschende Klasse des Marses. Diese l¨ aßt sich durchaus mit der russischen Aristokratie vergleichen: Auch hier herrscht eine Bev¨ olkerungsschicht, die ihren Herrschaftsanspruch mit ihrer Abstammung begr¨ undet und Industrie und Landwirtschaft unter Kontrolle hat: Der Stamm Gor, die Nachkommen der Magazitlen (irdischer Einwanderer), herrscht ¨ uber die Nachkommen der Aolen (marsianische Ureinwohner). In
diesen Kontext lassen sich Anspielungen Tolstojs bez¨ uglich der Erkennungsmerkmale dieser St¨ amme integrieren: Wie sich auf der Erde ” blaubl¨ utige“ Adlige und (politisch) ” rote“
Arbeiter und Bauern gegen¨ uberstehen, ist diese farbliche Kennzeichnung auf dem Mars absolut die selbe, sogar nicht nur symbolisch, sondern sichtbar durch die Hautfarbe. Der herrschende Stamm Gor ist blau,
wgitly vz1li devstvenni eolov i rodili ot nih goluoe plem1 qorF“ 1 ”
die unterdr¨ uckten Aolen haben eine rote Haut:
yn videl dro%wie liD umol1$wie glzD polnye slezD krsnyeD kk rediskiD olezlye qerepF £to vse yliEroqieD qern~D ednotF“ 2 ”
Die Rolle des Zaren auf dem Mars spielt Tuskub:
Als Kopf des ” H¨ ochsten Rates“ hat er die Funktion eines absolutistischen Regierungschefs. Damit ist ihm auch das Oberkommando ¨ uber die Streitkr¨ afte gegeben. Er wohnt
abseits vom Volk in einem schloss¨ ahnlichen Anwesen, umsorgt von Dienern. Aber sogar diesen Dienern ist er fremd, geheimnisvoll und furchterregend (z.B. traut sich Ihoˇ ska nicht, die geheimen Besprechungen des Rates zu verfolgen 3 ).
Diese Furcht ist auch begr¨ undet, wie sich sp¨ ater herausstellt, als Tuskub die Stadt vernichten und Los und Gusev umbringen lassen will. Allerdings ist seine Macht schon 1 Tolstoj, A.N. (1929), S. 86. 2 Tolstoj, A.N. (1929), S. 140.
3 Tolstoj, A. N. (1987), S. 83.
3
mit Ger¨ uchten angreifbar: Erste Unruhen entstehen, als in der Stadt erz¨ ahlt wird, Gor plane offenen Widerstand.
Also wird Tuskub als Feindbild dargestellt, dem der Leser auch durch seinen Charakter Antipathie entgegenbringt. Im Vergleich zum Zaren hat er jedoch eine deutlich festere Machtposition, die ihm bis zu seiner Rede vor dem ” H¨ ochsten Rat“ die Kontrolle ¨ uber
die Aolen sichert und es nur schwachen, geheimen Widerstand gibt. Gleichzeitig wird die Hoffnung gesch¨ urt, dass ein Aufstand erfolgreich verlaufen k¨ onnte.
Dem ” H¨ ochsten Rat“ gegen¨ uber steht eine augenscheinlich desorganisierte und unentschlossene Arbeiterklasse, deren F¨ uhrer Gor allerdings schon langfristig einen Aufstand vorbereitet.
Akut wird der Beginn eines Aufstandes mit der Ank¨ undigung Tuskubs, die Stadt mitsamt der Arbeiterklasse vernichten zu wollen. Gor tritt erstmals ¨ offentlich mit der These auf, Tuskub sei ein L¨ ugner und manipuliere das Volk mit Drogen. Nachdem Tuskub E roroxoF mert~c ust~
nicht von seiner Meinung abweicht, droht Gor mit den Worten ” E smert~3“ 4
Trotz dieses ¨ offentlichen Auftritts ist Gor noch nicht als F¨ uhrer der Arbeiterbewegung legitimiert, hat aber den ¨ Ubergang von der Theorie der Arbeiterbefreiung zur Praxis ein-
geleitet. Der Schritt zum Anf¨ uhrer gelingt, als Gusev zum Sturm auf das Arsenal aufruft o%d~ nxels1F“), und h¨ alt
und Gor gleichzeitig der Menge pr¨ asentiert. Gor akzeptiert (
”
gleich im Anschluß zw¨ olf Reden. 5
Mit der Ankunft Los’ und Gusevs verbinden die unterdr¨ uckten Arbeiter die Hoffnung auf eine R¨ uckkehr des sogenannten ” Goldenen Zeitalters“, dessen Repr¨ asentanten die Magazitlen einst waren. Tuskub dagegen f¨ urchtet die Erdlinge und lehnt eine Zusammenarbeit und Integration ab; schließlich will er sie sogar durch seine Tochter A˙ elita t¨ oten lassen.
Los’ hat als apolitischer Wissenschaftler neben A˙ elita lediglich Interesse an den technischen M¨ oglichkeiten der Marsianer. Im Aufstand spielt er als Individualist keine f¨ uhrende 4 Tolstoj, A. N. (1929), S. 122.
5 Tolstoj, A. N. (1929), S. 141.
4
Rolle.
Gusev dagegen ist ein dynamischer, spontaner und patriotischer K¨ ampfertyp. Aus diesem Grund ist er schon vor dem Abflug von der Erde an einem Anschluss des Marses an die Sowjetunion interessiert. Zu diesem Zweck hat er Waffen und eventuell Propagandamaterial im Gep¨ ack. Sofort nach seiner Ankunft in Soazera macht er heimlich einen Rundflug, um die politischen Gegebenheiten zu erkunden.
Auch w¨ ahrend der Revolution erweist er sich als einer der hervorstechenden K¨ ampfer, Redner und Agitator. Dass die Marsianer ihm vertrauen, wird besonders deutlich, als E psiD spsiD spsi nsD yn xe3“ 6
einige Marsianer in h¨ ochster Not zu ihm schreien: ”
J¨ unger (1969) vertritt in diesem Zusammenhang die These, Tolstoj lege hier nicht mehr soviel Wert auf die Intelligenz, Ehrlichkeit und Liebe wie in vorigen Werken, sondern auf einfache K¨ ampfer der Revolution“ 7 . Herausragende Eigenschaften sind nun
”
• Mut
• Unerschrockenheit
• die F¨ ahigkeit, leidenschaftlich das Leben zu lieben
• die Kraft, alles Unm¨ ogliche m¨ oglich zu machen:
jene Z¨ uge, die Tolstoi als Eigenheiten des russischen Nationalcharakters sch¨ atzte, (...)“. 8
”
elovek iz nrodD qelovek
Zu einem ¨ ahnlichen Ergebnis kommt auch Britikov (1970): ” de&stvi1D qusev stl novym geroem i v nuqno& fntstikeF“ 9
F¨ ur eine selbst¨ andige Erhebung der Massen fehlt eine ausreichende Not und insbesondere der Charakter der Arbeiter, um eine Motivation hervorzurufen, mit der eine Revolution gewonnen werden kann. Bereits nach einigen wenigen verlorenen K¨ ampfen und Tuskubs Machtdemonstrationen geben die Marsianer auf, obwohl sie vom Tod bedroht werden. Bestes Beispiel daf¨ ur ist der anf¨ anglich begeisterte F¨ uhrer und Planer Gor, der pers¨ onlich schon kapituliert, als er vom taktischen R¨ uckzug Tuskubs erf¨ ahrt. 6 Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.
7 Ebenda, S. 65.
8 Ebenda. 9 Ebenda, S. 62.
5
E vs ognem pl1xet vesel~eF y meqttel~nyD strstny i espeqnyF mD synm zemliD kogdEniud~ rzgdt~ zgdkuF xo my E stryF ns ”
pepelF wy upustili svo& qsF“ 10
In diesem Kontext wird auch deutlich, dass Gor keine Elite repr¨ asentiert wie von der leninistischen Theorie verlangt. Auch sein freiwilliger Konsum von Havra 11 (zusammen mit allen anderen Arbeitern) macht in obigem Zusammenhang deutlich, dass er als F¨ uhrer nicht geeignet ist. Alternativen zu Gor als lokaler Identifikationsfigur gibt es nicht. Auch Gusev spielt in diesem Kontext eine eher negative Rolle: Mit seiner Vorgeschichte in der Russischen Revolution und seiner Arbeitsauffassung kann man ihn mit gutem Gewissen als Berufsrevolution¨ ar bezeichnen. Mit Sicherheit ist `eper~ my ne umremFFF wy stnem
er aufgrund seiner Wirkung auf die ¨ Offentlichkeit (
”
sqstlivyFFF yn xe prines nm %izn~Fb“ 12 ) ein guter Agitator; zum Revolution¨ ar
wie Lenin fehlt ihm aber ein Konzept. Schon am Anfang der Revolution wird kein Wert auf E zgovrivt~ zdes~ sorlis~D tovriwiD ili voevt~c isli
Gors Pl¨ ane gelegt (
”
rzgovrivt~ E mne nekogdD prow&teF“ 13 ), und auch sp¨ ater wirken Gusevs Befehle
und Aktionen wie Affekthandlungen.
Stscherbina (1954) erkl¨ art dieses Ph¨ anomen wie folgt: Gusevs Charakter und Verhalten spiegelt Tolstojs Unwissenheit ¨ uber den Ablauf der Oktoberrevolution wider, indem er nur elementaren Kr¨ afte der Revolution verk¨ orpert.“ 14 die ”
In Gor und Gusev zusammen vereinen sich also die positiven Eigenschaften Lenins, f¨ ur den Verlauf der Revolution nicht unerheblich sind aber die zus¨ atzlichen negativen Eigenschaften wie u.a. Ungeduld (Gusev) und mangelnde Diszplin und Durchsetzungsverm¨ ogen (Gor).
3 Voraussetzungen f¨ ur die Revolutionen
Der Hauptgrund f¨ ur die Revolution in Russland war die soziale Lage: 10 Tolstoj, A. N. (1929), S. 148.
11 Tolstoj, A. N. (1987), S. 145. 12 Tolstoj, A. N. (1929), S. 145. 13 Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.
14 Ebenda, S. 59.
6
Nach den Reformen von 1861, mit denen die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, ent-stand pl¨ otzlich eine Bev¨ olkerungsmehrheit von armen Bauern, deren Freiheit zu immensem Steigen der Geburtenziffern f¨ uhrte, was seinerseits dazu f¨ uhrte; ” Millionen ¨ uberz¨ ahliger Esser wurden nicht mehr satt.“ 15
Das Land verarmte, da die Herrscher den erw¨ unschten industriellen Fortschritt und die Kriege auf Kosten der Bauern finanzierten. Die Folgen waren fatal f¨ ur Russland: Die Gesellschaft teilte sich in zwei Schichten, zwischen denen der Graben immer gr¨ oßer wurde: Die Aristokratie auf der einen Seite und die Bauern (und eine geringe Anzahl Arbeiter) auf der anderen Seite. Mit dem Anfang der Misere, die sich in großen Hungerepidemien, einer agrarischen Dauerkrise, wiederkehrenden Katastrophen und Massenelend 16 entwickelte, hatte die Bauernbewegung einen großen Zulauf.
Noch einer der Faktoren, der f¨ ur den Zerfall des alten Regimes verantwortlich war, war der Verlauf des Weltkrieges. Noch im ersten Jahr des Krieges (S.55,56) ging der gesamte Offizierkorps Russlands verloren, gefolgt von vielen weiteren Menschenverlusten. Damit kn¨ upfte Russland an die Niederlagen aus dem russisch-japanischen Krieg 1904/05 an, auf den wie auch schon 1861 Reformen folgten, die diesmal aber nicht von den Herrschern, sondern vom Volk gewollt waren.
Die Sozialstruktur auf dem Mars ist somit weitaus unterentwickelter als in Russland im Jahr 1917, hat aber ¨ Ahnlichkeiten mit der russischen vor 1861. Diese gesellschaftliche R¨ uckst¨ andigkeit bemerkt auch Gusev als er mit Los’ auf dem Mars landet. Herrscher uber den ganzen Planeten ist eine Oberklasse, (die von den Nachfahren der Atlantiden, ¨ den ” Magazitlen“ abstammt) und eine zahlenm¨ aßig dominante Arbeiter- und Unterdr¨ ucktenklasse, die immer auf dem Mars lebte (s. dazu die erste Erz¨ ahlung A˙ elitas 17 ). Auf eine Mittelschicht, die daf¨ ur sorgen w¨ urde, dass ein fließender ¨ Ubergang zwischen den
Schichten vorhanden ist (und damit weniger markante Gegens¨ atze = weniger Konfliktpotential), gibt es keine expliziten Hinweise. Lediglich ein Arbeiter pro Jahr wird nach einem Gewinnspiel in die Selbstst¨ andigkeit entlassen 18 .
15 Geyer (1968), S.24.
16 Geyer (1968), S.24.
17 Tolstoj, A.N. (1929), S. 80.
18 Tolstoj, A.N. (1929), S. 91.
7
Die Unterdr¨ uckung der Arbeiter auf dem Mars ist an folgenden Punkten deutlich gemacht:
Auf dem Mars werden die Arbeiter durch Drogen gef¨ ugig gemacht. Einmal pro Monat, wie in einem geheimnissvollen Ritual, werden auf Geheiss der Regierung die sogenannten Chawra-Bl¨ atter angez¨ undet, deren Rauch die Arbeiter einatmen m¨ ussen. Dadurch entsteht unter ihnen ein Gef¨ uhl der Zufriedenheit; eine Revolution wird unwahrscheinlich. Eyni dyxt drgoennym dymomF y vidite kluy dymc E to kur1ts1 list~1 rvryF £to drgoenny& dymF yn nzyvets1 hymom fessmerti1F ”
uto vdyhet ego E vidit neoyknovennye vewiX k%ets1D udto nikogd ne umerex~D@FFFA“ 19
Wie in Russland ist es auch auf dem Mars so, dass die Mehrzahl des Volkes f¨ ur die Unterzahl arbeitet, die sich auf deren Kosten ein sch¨ ones Leben leistet. o1vl1lis~ entrl~nye plowdiX ustupqtye domD polzuq1D pestr1 zelen~D otsveqiv$wie solnem steklD nr1dnye %enwinyD@FFFAF xizko ”
pronosilis~ zolotye lodkiD skol~zili teni ot ih kryl~evD sme1lis~ zE prokinutye liD sverkli kpli vody n zeleniD n vethF“ 20
Eine weitere ¨ Ahnlichkeit mit Russland findet sich in der Historie bez¨ uglich vergangener Kriege 21 : Auch auf dem Mars finden sich ¨ uberall die R¨ uckst¨ ande eines Krieges, der 30 Jahre
vor der Ankunft Los’ und Gusevs stattfand. Diese umfassen verw¨ ustetes Land, verlassene Bauernh¨ ofe und Felder, das alte, verlassene Soazera und viele Ruinen. Auf die Gr¨ unde und Parteien dieses Krieges finden sich keine weiteren Hinweise, außer dass Tuskubs Armee von Profiteuren und Gewinnern dieses Kriegs unterst¨ utzt wird. Deutlichster Gegensatz zum Russland Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Technik, die auf dem Mars extrem weit entwickelt ist. Hier existieren Flugschiffe, (Fernseh-)Spiegel, eine geniale R¨ ustungstechnik und eine zentrale Energieversorgung f¨ ur den ganzen Planeten.
19 Tolstoj, A.N. (1929), S. 91. 20 Tolstoj, A.N. (1929), S. 114.
21 Tolstoj, A.N. (1929): S. 147.
8
4 Ablauf der Revolutionen
4.1 Ausl¨ osung und erste Erfolge
Nachdem Tuskub dem ” H¨ ochsten Rat“ seine Entscheidung mitgeteilt hat, die Arbeiter und die Stadt zugunsten der Oberklasse zu vernichten, herrscht ¨ uberall blankes Entsetzen. Die
Arbeiterklasse ist bis auf Gor wie gel¨ ahmt und scheint sich mit ihrem Untergang abge- dlinno& friqno& steny volnovls~D toqno potrevo%enny&
funden zu haben. (
”
murve&nikD mnogotys1qn1 tolp mrsinF“ 22 )
Hier wird deutlich, dass die Revolution auf zwei Ebenen ausgel¨ ost werden muß: Die erste Ebene sind Gor und Gusev, die direkt und offensiv auf Konfrontationskurs zu Tuskub geht, w¨ ahrend die zweite Ebene, die Arbeiter, aufgrund ihrer notorischen Lethargie und hoffnungslosigkeit ins geistige Koma zu fallen scheint. Erst als sie von Gusev wachger¨ uttelt werden und ihnen Gor als F¨ uhrer demonstiert wird, glauben sie an eine m¨ ogliche Rettung durch einen Aufstand. Kurzfristige Erfolge wie die Eroberung des Arsenals und Tuskubs taktischer R¨ uckzug stellen sich ein.
Auch hier sind wieder eindeutige Parallelen zwischen Mars und Russland erkennbar: Hier sind Lenin und seine Bolschewiki bereits seit langer Zeit als Gegner der Aristokratie bekannt und verbrachten eine lange Zeit im Exil. Mit der R¨ uckkehr Lenins (≈ dem Erscheinen Gusevs in Soazera) k¨ onnen die Arbeiter/Bauern durch ihre F¨ uhrer mobilisiert werden wodurch ein Aufstand der ” Massen“ erst m¨ oglich wird.
4.2 Die Rolle des Arsenals
In dieser Phase spielt das Arsenal eine wichtige Rolle, die Parallele zur Oktoberrevolution ist unverkennbar: Mit dem Winterpalais, Sitz der Provisorischen Regierung, wird ein Symbol der Macht f¨ ur Unterdr¨ uckung eingenommen. Die Relevanz dieses Erfolges l¨ aßt sich nicht nur an der Schl¨ usselstellung des Winterpalais’ in der Russischen Revolution verdeutlichen, in der Franz¨ osischen Revolution spielt die Einnahme der Bastille diese hi-storische Rolle. (Auch wenn die strategische und milit¨ arische Bedeutung von Historikern 22 Tolstoj, A. N. (1929), S. 140.
9
widerlegt ist, kann die symbolische nicht bestritten werden. Noch heute ist das Datum der Einnahme in Frankreich Nationalfeiertag). Im irischen ” Easter Rising“ spielte die Post
in Dublin diese Rolle. Als revolution¨ arer Leser Tolstojs (was im Russland der 20er Jahre wohl auf die meisten Russen zutraf) identifiziert man sich vor diesem Hintergrund mit den marsianischen Revolution¨ aren und dem Ablauf ihrer Revolution.
4.3 Gegenschlag und Niederlage
Mit dem gewaltigen Gegenschlag durch Tuskubs Luftgeschwader wird ein großer Teil der Stadt zerst¨ ort, inklusive des Arsenals. 23 Die milit¨ arische Macht der Aufst¨ andischen reicht nicht aus, um die Stadt zu verteidigen. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass die Revolution nicht so enden wird, wie vom Leser erhofft. Esdem3“ 24 Auf ihrer Flucht be-
Die Best¨ atigung findet sich, als sogar Gusev aufgibt:
”
merken Los und Gusev eben noch wie Gor von zwei Soldaten erschlagen wird, Symbol daf¨ ur, dass die Revolution auf dem Mars blutig niedergeschlagen wurde. Der absolute Tiefpunkt wird erreicht, als Tuskub seine Pl¨ ane in die Tat umsetzt und Soazera vernichtet.
to vrem1D izdlekD po esqislennym tunnel1m poxel grohotF dro%l krniz pod nogmiD drognul stenF osyplis~v t~mu kmniF olny ”
grohot proktilis~ iD uhod1D ztihliF £to yl sed~mo& vzryvF usku sder%l svoe slovoF“ 25
Der Fehler Gors und Gusevs bestand hier in der Untersch¨ atzung der milit¨ arischen St¨ arke der Armee Tuskubs. Gusevs Erfahrungen, dass nach kurzem Widerstand die russische Armee zu den Revolution¨ aren ¨ ubergelaufen war, h¨ atten auf dem Mars schon von
vornherein nicht erwartet werden d¨ urfen. Da in Russland die Armee nach dem Fall des adligen Offizierskorps fast nur noch aus kriegsunerfahrenen Angeh¨ origen der unteren Gesellschaftsschichten bestand, ist dieser Sachverhalt selbstverst¨ andlich. F¨ ur den Mars dagegen werden nur blauh¨ autige Soldaten erw¨ ahnt, ein Hinweis darauf, dass die Revolution¨ are hier einer Truppe gegen¨ uberstehen, die im Vergleich zur russischen Armee besser ausgebildet
23 Tolstoj, A. N. (1929), S. 150. 24 Tolstoj, A. N. (1929), S. 152. 25 Tolstoj, A. N. (1929), S. 156.
10
und erfahrener ist, und zus¨ atzlich - bei einem Sieg der Revolution¨ are - ihre hohe gesellschaftliche Stellung verliert. Daraus folgt eine dementsprechend h¨ ohere Motivation, die eine f¨ ur einen ungeliebten Herrscher k¨ ampfende russische Armee sicher nicht aufbringen konnte.
5 Zusammenfassung
Die Voraussetzungen f¨ ur eine Revolution auf dem Mars sind noch ¨ uberzeugender als die,
die zur Revolution in Russland f¨ uhrten. Sowohl auf dort als auch in Russland geht es um die Befreiung der unterdr¨ uckten Arbeiter-/Bauernklasse mit Hilfe einer Revolution. Am Ende zeigt sich aber, dass die Revolution auf dem Mars nicht m¨ oglich ist, weil kein F¨ uhrer existiert, der tats¨ achlich eine Revolution f¨ uhren kann. Dazu kommen noch die mangelnden Charaktereigenschaften und Ausstattung der marsianischen Arbeiterklasse, die weder die milit¨ arische noch psychische Kraft haben, eine Revolution gegen einen weitaus st¨ arkeren Gegner als den in Russland durchzustehen.
Ebenfalls zu den Voraussetzung einer Revolution geh¨ ort ein theoriekonformes Feindbild. Dieses wird analog zur russischen Aristokratie/Industriellenklasse systematisch aufgebaut und repr¨ asentiert vom ” H¨ ochsten Rat“ -insbesondere Tuskub- und der Oberklasse,
die sich ebenfalls aus Industriellen und Großgrundbesitzern zusammensetzt. Besonders die Vorgehensweise Tuskubs soll die Boshaftigkeit des Systems verdeutlichen: Dieser will mit seinen Anh¨ angern nach der Vernichtung der Stadt mit dem von den Arbeitern geschaffenen Luxus ein ruhiges Leben auf dem Land f¨ uhren. 26
Die Sympatien der Leser bleiben trotz der pr¨ azisen Beschreibung der Marssch¨ onheit A˙ elita nur auf Gusev gerichtet. Der Held Tolstojs ¨ uberzeugt den Leser mit seinen Vor-
stellungen und Hoffnungen einer Revolution. Mit unerm¨ udlichem Geist und ohne organi-satorische Kompetenz versucht er immer wieder, die Marsianer zu ¨ uberzeugen, dass alle
zusammen es doch noch schaffen k¨ onnen, Tuskub zu besiegen. Mit ihm hat Tolstoj das Bild eines ’Vorzeige-’Russen geschaffen, der den russischen Patriotismus reizt und mit dem man sich als Leser identifiziert.
26 Tolstoj, A. N. (1929), S. 119.
11
Identifikation mit den Marsianern ist dagegen nur am Anfang des Werkes gewollt, solange ihre Charakterschw¨ ache nicht gezeigt wird.
Zusammenfassend l¨ aßt sich sagen, dass der Roman ” A˙ elita“ von seinem Autor dazu
genutzt wird, die russische Revolution und Russland (repr¨ asentiert von Los’ und Gusev) positiv darzustellen.
12
6 Literatur
Britikov, Anatolij F.: Russkij sovetskij nauˇ cno fantastiˇ ceskij roman. Nauka, Leningrad 1970.
Geyer, Dietrich: Die Russische Revolution - Historische Probleme und Perspektiven. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968.
J¨ unger, Harri: Alexej Tolstoi - Erkenntnis und Gestaltung. Akademie-Verlag, Berlin 1969.
Stscherbina, Wladimir R.: Alexei Tolstoi - kritisch-biographische Skizze. Hermann B¨ ohlaus Nachfolger, Weimar 1954.
Tolstoj, Aleksej N.: Sobranie soˇ cinenij, Tom VII: A˙ elita. ” Nedra“, Moskva 1929.
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Arbeit zitieren:
Daniela Valeva, 2003, Vergleich der Revolutionen auf dem Mars in A.N. Tolstojs "Aelita" und in Russland 1917, München, GRIN Verlag GmbH
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Pablo Picassos "Les Demoiselles d`Avignon": Der Auftakt der ...
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