Heinrich Heine: Das Sklavenschiff
Heinrich Heines Gedicht „Das Sklavenschiff“ gilt als eine seiner bittersten Satiren und spricht sozialkritisch das Thema der Sklaverei an. In den Jahren zwischen 1619 und 1808 wurden afrikanische Menschen mit Schiffen in wohlhabende Länder gebracht und dort als Sklaven verkauft. Auf den Schiffen gab es viele Tote, was darauf zurückzuführen ist, dass die Menschen eine schreckliche und menschenunwürdige Behandlung über sich ergehen lassen mussten, denn die Händler, die sich an ihnen bereichern wollten, sahen sie unter anderem aufgrund ihrer Hautfarbe als nieder an und behandelten sie daher schlimmer als Tiere.
Einer dieser Händler ist der Protagonist in Heines Gedicht, der „Superkargo Mynher van Koek“, der schon zu Beginn durch seine Einstellung zu den Menschen, die er auf seinem Schiff transportiert, charakterisiert wird. Schon das Wortfeld erinnert an eine Art „Kaufmannsjargon“, denn es werden Wörter wie „Betrag“(V. 3), „Profite“(V. 4), „Gewinne“(V. 15), „achthundert Prozent“(V. 15) usw. verwendet. Die Menschen bezeichnet er als „Ware“(V. 8) und kalkuliert mit ihrem Leben und ihrem Tod genauso, wie mit Gummi und Pfeffer. Mit „Branntewein, Glasperlen und Stahlzeug“(V. 13-14) hat er sie gekauft und stellt sie somit auf dieselbe Stufe.
„Lobend werden die Sklaven mit Eisen, abschätzig mit Vieh verglichen“ 1
Die Sklaven stehen also, was ihre Wertung betrifft, noch unter dem Vieh. Stilistisch wie auch inhaltlich stellt das Bezeichnen der Schwarzen als „Ware“ eine Verdinglichung der Menschen dar, die Heine scharf kritisiert. Eine Steigerung dessen erzielt er allerdings noch durch das Auftreten des Doktors van der Smissen. Schon der Satz „Der Doktor dankt der Nachfrage [...]“(V. 29) wirkt befremdlich auf den Leser, da dies eine Art Plauderton suggeriert, genauso wie das Attribut „lieben“(V. 28), das van Koek in Bezug
1 Peters, S. 573
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auf die Schwarzen verwendet. Durch van der Smissens Bericht schwenkt das Wortfeld nun zu einem eher medizinischen, allerdings aber immer noch sehr sachlichen um, denn es tauchen Wörter wie „Sterblichkeit“(V. 31), „Durchschnitt“(V. 33) , „Verlust“(V. 35), „inspizierte“(V. 27) usw. auf. Allgemein wirkt van der Smissen eher verzerrt auf den Leser, wie die Karikatur eines Arztes.
Dies beginnt schon bei der Beschreibung, als Smissen zum ersten Mal auftritt; er wird dem Leser als „eine klapperdürre Figur, die Nase voll roter Warzen“(V. 25-26) vorgestellt, wie man sich einen typischen Arzt ja nicht vorstellen würde. Weiterhin wirkt van der Smissen in seiner Wortwahl sehr unpassend, als er die Sklaven „Schelme“(V. 38) nennt. Er wählt diese Bezeichnung in Hinsicht auf die Tatsache, dass sich die Gefangenen aus Verzweiflung tot stellen, um dann ins Meer geworfen zu werden. Was eigentlich als bestürzend empfunden werden müsste, nämlich dass die Sklaven, nur um ihrem Schicksal zu entgehen, den Tod vorziehen, tut der Arzt ab, als würden sie einen Scherz machen.
Auch sehr befremdlich wirkt die von ihm gestellte Diagnose, denn es ist schwer nachzuvollziehen, dass die hohe „Sterblichkeit“(V. 31) dadurch zu begründen ist, dass sich die Sklaven auf dem Schiff langweilen und man ihnen deshalb Musik und Tanz bieten müsse.
Was schon dem Leser als völlig unsinnig erscheint, würde man niemals von einem Arzt erwarten, denn anstatt die Sterblichkeit auf Langeweile zurückzuführen, müsste man erst einmal Lebensumstände und Behandlung auf dem Schiff überprüfen.
All das wird allerdings in den Schatten gestellt, als der Doktor von den Haien erzählt, denen er die Leichen der verstorbenen Schwarzen zum Fraß vorwirft. Begeistert und fasziniert beschreibt er die Fische und schildert dann eine Szene, wie er einige Leichen an sie verfüttert.. Das Wortfeld wandelt sich völlig unerwartet, es kommen Wörter wie „possierlich“(V. 57), „tummeln“(V. 61), „[v]ergnügt“(V. 62) und „bedanken“(V. 64) vor, was das Groteske an der Situation noch hervorhebt, denn ein solches Wortfeld würde man irgendwo zwischen den Beschreibungen eines
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Streichelzoos und eines Hobbyaquariums erwarten, aber auf keinen Fall in bezug auf eine solch blutige Szene.
Auch das Wort „schnappen“ könnte man im Bezug auf die geschilderte Situation als Euphemismus empfinden, denn es wird nie dem gerecht, was es beschreiben soll. Mit Wörtern, die so verharmlosend sind, dass der Leser wahrlich vor den Kopf gestoßen wird, wird das Gegenteil erzielt, denn die Situation wirkt noch schrecklicher.
Auch wird der Arzt durch die Schilderung, die er gibt, selbst weiter charakterisiert, er wirkt nun nicht mehr nur als eine verzerrte Karikatur, sondern wie ein Wahnsinniger, dem der Mensch als solcher nicht viel bedeutet.
Ein ähnliches Bild hat man von den Ärzten, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs schreckliche Versuche an Menschen durchführten und das Forschung nannten. Der Mensch wird zum bloßen Objekt, was alle moralischen sowie ethischen Vorstellungen und Werte verletzt. Die Schlussfolgerung, da das Sterben auf Langeweile zurückzuführen sei, sei dem durch Musik und Tanz Abhilfe zu schaffen, ist für van der Smissen nun absolut selbstverständlich, für van Koek sogar mehr als das, denn er vergleicht aus seiner Begeisterung heraus die Klugheit des Arztes mit der von Aristoteles.
So unglaublich der Plan auch klingen mag, auf Sklavenschiffen wurde es tatsächlich so gehandhabt, was folgendes Zitat verdeutlicht und belegt.
„Alles ist dann wie elektrisiert, das Entzücken spricht aus jedem Blick, der ganze Körper gerät in Bewegung, und Verzuckungen, Sprünge und Posituren kommen zum Vorschein, dass man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu haben glaubt. Die Weiber und Mädchen sind indes doch die Versessensten auf dieses Vergnügen, und um die Lust zu vermehren, springen selbst der
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Kapitän, der Steuermann und die Matrosen mit den leidlichsten von ihnen zuzeiten herum.“ 2
Der Tanz, der eigentlich als eine Art körperlicher Ausdruck der Freude gilt, wird missbraucht, denn man nutzt ihn nun, um Freude zu erzwingen, bzw., Leid vergessen zu machen und das alles vor einem Hintergrund, der nichts mit Freude zu tun hat, sondern nur an Materiellem interessiert ist. Auf den modernen Leser muss diese Idee wirken, wie die Idee eines Verrückten, da der Gedankengang nicht nachvollziehbar ist. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Mensch zur Freude gezwungen werden kann und so bleibt diese Freude nur ein Schein, das Leid hingegen die Realität.
Den Sklaven auf dem Schiff tut man nichts Gutes damit, denn man spielt ihnen nur eine künstliche Heiterkeit vor, während sich an ihrer tatsächlichen Situation nicht das Mindeste ändert.
Obwohl Musik und Tanz an sich schöne Dinge sind, wird die Falschheit der Situation schnell bewusst, sowie auch der letzte Satz der 21. Strophe „Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert, den soll die Peitsche kuranzen“(V. 89-90) zur Realität zurückführt, wie ein Peitschenhieb. Da van Koek schon am Anfang des Gedichts aufführt, wie wichtig der Abschluss des Geschäfts, wenn man einen Menschenhandel so nennen kann, für ihn ist, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er sofort dem Plan des Doktors zustimmt. Die Gemination in Strophe 16, „wie kann ich“(V. 68 und V. 69) bringt zum Ausdruck, wie verzweifelt van Koek wirklich ist. Traurig ist nur, dass es ihm nicht um die Menschen, sondern um den Profit, den er durch sie erzielen will, geht.
2 Lahnstein, S. 288
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Der zweite Teil des Gedichts erinnert anfangs an ein romantisches Gedicht, was vor allem an der Wortwahl liegt. Wörter wie „Himmelszelt“(V. 91), „tausend Sterne“(V. 92), „sehnsüchtig“(V. 93) usw. sind typisch für die Romantik, aber auch Personifizierungen, so „schauen“(V. 192) beispielsweise „viel tausend Sterne“(V. 92), sowie die Idealisierung der Natur erinnern stark an ein romantisches Gedicht. Der Leser schaut zusammen mit den Sternen aus der Vogelperspektive auf das Schiff, das im Meer treibt. Inzwischen ist es Nacht geworden.
Diese romantische Stimmung wird allerdings genauso abrupt, wie sie geschaffen wurde auch wieder getrübt. In das Wortfeld schleichen sich nun Wörter ein, die befremdlich wirken, so tauchen jetzt Wörter wie „phosphorstrahlend[...]“(V. 98), „wollüstig“(V. 98) und „girren“(V. 98) auf. Wieder soll dem Leser vor Augen geführt werden, dass er sich nicht täuschen lassen soll. Hätten die Menschen damals mehr hinterfragt und nicht alles einfach so hingenommen, wie es schien, so wäre es vielleicht niemals zu so etwas wie Menschenhandel gekommen. An Stellen wie diesen wird deutlich, wie sozialkritisch das Gedicht wirklich ist.
Diese Absicht wird noch verstärkt durch ein weiteres negatives Element; der „Purpurduft“(V. 97) macht stutzig, da er eine Synästhesie darstellt, denn Purpur kann nicht gerochen werden. Zwei Sinneseindrücke werden vermischt, sowie auch die zwei ersten Strophen des zweiten Teils auf zwei unterschiedlichen Ebenen gelesen werden müssen. In vielen anderen Fällen schon hat Heine für die Romantik typische Wortfelder und stilistische Mittel missbraucht, um ebendiese ironisiert darzustellen.
Als wäre das Schiff von der übrigen Welt abgeschirmt, „flattert“(V. 99) keines seiner Segel, während bei der Beschreibung des Meeres von „Wogen“(V. 98) die Rede war. So wird der Himmel zum Zelt 3 und das Schiff zur Manege, wo ein dionysisches Spektakel vor sich geht, bei dem das Weinfass das Objekt der Begierde darstellt.
3 vgl. Fingerhut, S. 215
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Heinrich Heine: Das Sklavenschiff Dies wird noch durch die Onomatopoesie „Dideldumdei und Schnedderedeng“(V. 119 und V. 131) unterstrichen, die die fröhliche Musik andeuten soll. Man fühlt sich, als könne man die Musikinstrumente tatsächlich hören.
Eine ironisiert lustige Stimmung wird geschaffen, die allerdings bei dem Vers „Taktmäßig klirren die Eisen“(V. 110) abrupt endet, denn die Eisen an den Beinen der Gefangenen lassen nicht zu, dass sie vergessen, in welcher Situation sie sich tatsächlich befinden. „Die Ketten spielen mit, das Eisen der Ketten gehört zu den Takten der Musik.“ 4
Ähnlich verhält es sich auch bei dem Adjektiv „ächzend[...]“(V. 114), das den schwarzen Tänzern zugeschrieben wird. Auch hier wird ein Kontrast zu der heiteren Stimmung geboten, der zur Realität zurückführt, allerdings mit Hilfe der Doppeldeutigkeit, denn „ächzen“ kann einerseits ein Ausdruck der Lust, andererseits aber auch ein Ausdruck des Schmerzens oder des Leids sein. Auffällig ist auch der Vers „Es nehmen kein Ende die Tänze“(V. 132) und seine etwas abgeänderte Wiederholung „ Die Tänze nehmen kein Ende“ (V. 140), die auf zwei Arten zu lesen sind.
Zum einen könnte man ihn aus der Sicht der Haifische sehen, die sich „vor Ungeduld [...] selber in die Schwänze“(V. 133-134) beißen und darauf warten, bis sie endlich erneut gefüttert werden.
„Die Haifische sind das Publikum, das nicht versteht. Sie gähnen, sie warten auf die Frühstücksstunde.“ 5
Die Ungeduld der Haifische bringt eine gewisse Unruhe mit sich und wirkt besonders an der Stelle bedrohlich, wenn die Rede von „mit Sägezähnen“ (V. 130) bepflanzten Kiefern sind. Das Bild der Sägezähne wirkt so eindrucksvoll, dass man den Eindruck hat, sie quasi vor sich zu sehen, die Zahnreihen genauso regelmäßig, wie der Jambus in diesem Vers.
4 Kraft, S. 124
5 Kraft, S. 125
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Dies steht besonders deutlich im Kontrast zu dem anfänglich zur Beschreibung der Haie verwendeten und verharmlosenden Wortfeld in der vierzehnten Strophe, denn nun erscheinen die Haie zum ersten Mal tatsächlich als die gefährlichen Raubtiere, die sie -zumindest im vorliegenden Gedicht- auch wirklich sind.
Dieselbe Funktion hat auch das Mittel der Periphrase „Die Ungetüme der Wasserwelt“(V. 121), denn genauso, wie „Ungetüme“ nur einen Hinweis auf das darstellt, was tatsächlich damit gemeint ist, so kann auch die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nur erahnt werden und so können auch die Haie -ähnlich wie es dem Leser geht- nur erahnen, was in den Menschen vorgeht, dass sie ein solches Spektakel auf dem Schiff veranstalten. Eine andere mögliche Lesart wäre, das Tanzen als eine Art Rauschzustand anzusehen. So, wie man die Schwarzen dazu bringen will, die Realität um sie herum zu vergessen, denken auch diejenigen, die für den Menschenhandel verantwortlich sind, nicht über ihre Tanzfläche hinaus. „Es ist die Zeit des Cancan in Paris“ 6 und die Menschen tanzen und leben in einer Gesellschaft, in der jeder sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Die Menschen drehen sich um sich selbst und sind der Mittelpunkt in ihrer eigenen Welt, so dass sie alles um sich herum vergessen, einschließlich das Unrecht, das anderen Menschen angetan wird. Ähnlich dieser Welt ist auch das Sklavenschiff eine eigene Welt, in der trotz der Wogen kein Segel flattert. Auch auf abstrakter Ebene kann man eine wie oben beschriebene zweischichtige Situation herausarbeiten. Das Gedicht ist in zwei Teile aufgeteilt, wobei der erste Teil aus 21 Strophen, der zweite Teil hingegen aus fünfzehn Strophen besteht.
Zumindest äußerlich wirkt das Gedicht sehr gleichmäßig, so bestehen alle Strophen aus vier Versen und besitzen alle das selbe Reimschema, nämlich ABCB, was dem sogenannten Kreuzreim nahe kommt. Weiterhin sind alle Reime weiblich, was zu einer gewissen Regelmäßigkeit beiträgt. Doch wie auch schon am Inhalt erläutert, wird auch bei der Form der Leser quasi indirekt aufgefordert, genau hinzusehen, weil es wiederum nur den Anschein
6 Kraft, S. 123
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hat, dass diese Regelmäßigkeit auch wirklich vorliegt. Das Metrum ist nämlich alles andere als regelmäßig, so wird die Gleichmäßigkeit eines Jambus´ immer wieder durch einen eingestreuten Anapäst gestört. Etwas rhythmischer als der Rest wirkt die Tanzszene, was an einen Takt erinnern soll, allerdings bleibt auch dieser nicht ungestört, als würde hin und wieder jemand über seine Kette stolpern, sowie auch die Tanzszene durch Bemerkungen wie die obengenannte, die Eisen betreffende gestört wird. Der Anapäst, der immer wieder zu finden ist, erinnert aufgrund seiner Form an eine Wellenbewegung und suggeriert so das Bild von Wellen, die unregelmäßig gegen das Schiff rollen. Besonders interessant zu beobachten ist, wie in der neunten Strophe des zweiten Teils plötzlich ein Daktylus auftaucht, der sogar über die ersten beiden Verse beibehalten wird. An dieser Stelle wird beschrieben, wie die Haie an das Schiff heranschwimmen und die Tatsache, dass der Anapäst umgedreht und zum Daktylus wird, bzw. der Jambus zum Trochäus, beschreibt mit Hilfe des Metrums, wie die Haie gegen das Wasser und somit auch die Wellen anschwimmen. Ähnlich verhält es sich auch bei dem Vers „Haifische, ganze Heere“(V. 50), der auch wieder im Daktylus gelesen wird. Auch hier wird wieder die Schwimmbewegung der Fische beschrieben, allerdings mit dem Unterschied, dass die eben genannte Stelle aufgrund der fehlenden Fugung besonders hervorgehoben wird.
Es entsteht eine Pause, da sowohl die erste Silbe dieses, als auch die letzte Silbe des vorangehenden Verses betont ist. Die Größe und Bedrohlichkeit des „Haifischheeres“ wird deutlich und durch die Kombination von Wörtern wie “Heere“(V. 50), „schossen“(V. 49) und „Pensionäre“(V. 52) bekommt diese Bedrohlichkeit zusätzlich einen militärischen Beigeschmack verliehen. Die Tatsache, dass das Wort „schießen“ hier mit etwas abgeänderter Bedeutung verwendet wird, ändert nichts an dieser Wirkung. Kurz vor dem Ende des Gedichts mischt sich nun Heine selbst mit ein. 7
7 vgl. Kraft, S. 125
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Auf den ersten Blick vermittelt diese Strophe den Eindruck, als wäre von den Haien die Rede. Trotz der Musik sind sie nicht zufrieden und glücklich, wie es die Menschen auf dem Schiff sind. Doch wie so vieles in dem Gedicht hat auch diese Strophe einen doppelten Boden, denn genauso, wie auch die Menschen eigentlich nicht glücklich sind, handelt, so Kraft, die Strophe auch nicht wie auf den ersten Blick angenommen, von den Haien. Albion ist ein altes Wort für Britannien, was Kraft zu folgender Vermutung kommen lässt.
„Die Haifische, die die Musik nicht lieben, sind schon beinahe Engländer, „Bestien“ für ihn [gemeint ist Heine][...]“ 8
Die Engländer sehen aus der Sicht Heines somit zu, ohne etwas zu verstehen. Ihr Horizont geht über ihre bloße Habgier nicht hinaus. Dies ist historisch gut zu begründen, denn während einige amerikanische Staaten schon versuchten, gegen die Sklaverei vorzugehen, setzte die englische Krone noch rigorose Gesetze gegen die Sklaverei durch. So wurde ihnen beispielsweise das Recht auf eine menschliche Seele abgesprochen, was an das von Heine zu Beginn des Gedichts verwendetes Motiv der „Ware“ als Bezeichnung für die Sklaven erinnert.
Während nun Musik und Tanz zum Ärger der Haifische anhalten, wendet sich van Koek ab, um zu Gott zu beten. Er betet für das Leben der Schwarzen,
8 Kraft, S125
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das Gott verschonen soll. Dieses Gebet stellt nicht nur den Abschluss des Gedichts dar, sondern auch den Höhepunkt des Sarkasmus´, denn van Koek betet nicht, weil er aus christlichem Mitgefühl besorgt um ihr Leben ist, sondern, weil er um seinen Profit bangt, denn wenn zu viele der Schwarzen sterben, hat er seine Reise umsonst unternommen. Dies kommt einem Hohn gleich und stellt für Werner Kraft „die nackte Blasphemie“ 9 dar. Für mich stellt sich nun allerdings die Frage, ob man an dieser Stelle tatsächlich von Blasphemie sprechen kann. Sicherlich missbraucht van Koek den Sinn des Gebets, denn er betet nicht aus Nächstenliebe, sondern aus einer skrupellosen Absicht heraus.
Seine Profitgier hat nichts mehr mit dem Christentum zu tun, auch das ist nicht anzuzweifeln, doch man sollte sich auch vor Augen halten, dass van Koek und van der Smissen augenscheinlich in keinster Weise das Unrecht sehen, das sie den Menschen antun. Für sie ist ihr Handeln genauso „gewöhnlich“(V. 46) wie für van der Smissen das allmorgendliche Versorgen der Leichen, indem er sie ins Meer wirft. Und genauso sieht auch van Koek das Unrecht nicht, das in seinem Gebet steckt. Sie beide leben in einem anderen Wertesystem, was der Leser aber zunächst nicht nachvollziehen kann, denn schon unser oberstes Gesetz, nämlich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, wird in diesem Wertesystem nicht nur mehrfach, sondern auf eine besonders brutale Art und Weise verletzt.
So stellt sich für mich nun nicht die Frage der Blasphemie, sondern zunächst vielmehr die Frage ob van Koek und somit diejenigen Menschen für die er steht das Unrecht nicht von sich aus erkennen müssten. Aber ich nehme an, dass die Profitgier manche Menschen für solche Dinge blind gemacht hat. Somit kritisiert Heine mit seinem Gedicht eine Gesellschaft, in der nur noch der Profit und das Materielle zählen und diese Werte sogar über den Menschen gestellt werden und die Menschen dieser Gesellschaft nicht über ihren Tellerrand hinausschauen, um ihr Unrecht zu erkennen, so wie auch
9 Kraft, S. 126
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van Koek und van der Smissen nicht wach werden, wenn die Sklaven mordende Haifische Menschen wie ihnen vorziehen.
„Schlimmer als die Bestien sind die Menschen, die zu Bestien werden[...]“ 10
10 Kraft, S. 125
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Fingerhut, Karlheinz: Doppelte Lektüre. In: Interpretationen - Gedichte von Heinrich Heine. Stuttgart 1995.
Kraft, Werner: Heine der Dichter. München 1983.
Lahnstein, Peter: Report einer guten alten Zeit. Stuttgart 1970.
Peters, Paul: Homo absconditus. Zu Heines Sklavenschiff. In: Weimarer Beiträge 38 (1992) S. 571-588.
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Tatjana Titze, 2004, Heinrich Heine - Das Sklavenschiff, München, GRIN Verlag GmbH
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