Seminararbeit Benedikt M. Orlowski, 13TA, BOS Nürnberg 2004
Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken
am Beispiel der Gemeinde Schrozberg
Gliederung
Seite
1. Einleitung 2
1.1 Vorwort zur Seminararbeit 3
1.2 Vorbemerkung 3
1.3 Die Gemeinde Schrozberg 3
2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 1944) 4
2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde 4
2.2 Schrozberg im II. Weltkrieg 6
2.3 Die Situation der Gemeinde Schrozberg vor dem Kriegsende ab 1940 7
3. Das Kriegsende in der Gemeinde Schrozberg 8
3.1 Die Heimat wird zur Front 8
3.2 Die ersten Zweifel am Sieg des Krieges durch die Deutschen 9
3.3 Die ersten alliierten Truppen erreichen die Gemeinde 10
3.4 Die letzten Kriegstage in der Gemeinde Schrozberg 11
3.4.1 Riedbach 11
3.4.2 Kälberbach 12
3.4.3 Zell 14
3.4.4 Schrozberg 15
4. Das Ende des nationalsozialistischen Glaubens in der Gemeinde 17
4.1 Das Umschwenken der ideologischen Überzeugung 17
4.2 Ausblick 18
5. Anhang 19
5.1 Bildnachweis 19
5.2 Quellen und Literatur 19 20
- 2 - 1.Einleitung
1.1 Vorwort
Schrozberg: Vom Kriege und den NS-Strukturen unberührtes Dorf auf dem öden Flach-land der Hohenloher Ebene, verschont durch seine geografische Lage, fern ab von politischem wie auch strategischem Interesse - oder Nazi-Hochburg und bedeutendes Schlachtfeld? Wer heute seinen Weg in das von Feldern und Wiesen umschlossene Schrozberg findet und seine Augen und Ohren in die meist menschenleeren Straßen des 3500-Seelen Ortes richtet, mag letzteres bezweifeln und gedenkt wohl kaum einem der freundlichen doch scheuen Bewohner des Ortes die Erinnerungen an die letzten Kriegstage des zweiten Weltkrieges zu entlocken. Selbst mir, obwohl ich in Schrozberg geboren und aufgewachsen bin, entzogen sich tiefere Kenntnisse über das Geschehen im II. Weltkrieg, sind doch meine Eltern erst 1978 nach Schrozberg gekommen - die Mutter aus Norddeutschland, der Vater gar verwaister Kriegsflüchtling aus Westpreusen, der Sohn ehemals desinteressiert des heimatkundlichen Unterrichts. Das einzige Interesse an der amerikanischen Besatzung lag in meinen Kindheitsalter nur in dem Tausch von Coca-Cola Dosen gegen „Fresspakete”, Camouflage-Jacken, „Lightsticks” und sogar Helmen, wenn die „Amis” mal wieder ein Manöver durch Schrozberg fuhren und wir Kinder, mit zum Peace-Zeichen gespreizten Fingern, die Straßen säumten. Deshalb lag mir nah, die Kriegsjahre einmal genauer zu durchleuchten. Unterstützt von der Redaktion des Hohenloher Tageblatts fand ich erste Einblicke in diese Zeit und wurde durch die Heimatforscherin Frau Dr. Kirchstein-Gamber auf Zeitzeugen aufmerksam gemacht, die mir beihnah frei jeder Scheu von der damaligen Zeit berichteten, um mir mit Ihren lebhaften Erinnerungen ein Bild derjenigen Tage zu zeichnen, die für die damaligen Bewohner der Gemeinde Schrozbergs durch die Befreiung von den Alliierten entweder schnelle Erleichterung oder doch noch sinnloses Schicksal, kurz vor eigentlichem Ende des Schreckens, bedeuteten. Im Stadtarchiv Crailsheim wurde mir Einblick in die Unterlagen gewährt, die Hans Gräser zu der Erstellung seines Buches „Die Schlacht um Crailsheim” verwendete. Eine regelmäßige, regionale Tageszeitung, die zu der untersuchten Zeit 1945 erschien, gab es nicht - somit beschränkten sich meine Recherchen zunächst auf das im Anhang erwähnte Buchmaterial, vor allem auf das Heimatbuch Schrozbergs und einer Gedenkschrift mit Zeitzeugenberichten. Da mir schnell klar wurde, dass schon viel des Geschehens zum Kriegsende klar erfasst wurde, blieben mir als Quelle neuer Apekte nur die Zeitzeugen, die ich dann versuchte zwischen den Zeilen des bereits Geschriebenen zu befragen, was sich jedoch oftmals als schwierig und nicht sehr erfolgsträchtig herausstellte. Dennoch stellte sich mir in den Gesprächen mit den Zeitzeugen eine mögliche Frage- stellung heraus, die neue Aspekte liefern könnte:
- 3 -I. Wie konnte der Nationalsozialismus im entlegenen Hohenlohe Fuß fassen? II. Wann kamen die ersten Zweifel an der Nazi-Ideologie und dem Sieg des Krieges durch die Deutschen auf?
III. Was machte die Gemeinde zum Austragungsort amerikanischer Bewegungen? IV. Was geschah zum Kriegsende?
V. Wann brach die Nationalsozialistische Überzeugung entgültig zusammen?
Unter diesen Aspekten betrachtete ich die Quellen und achtete auf eine besondere Fragestellung im Gespräch mit den Zeitzeugen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei denen im Anhang unter 5.1 genannten Zeitzeugen für ihre mir gewidmete Zeit bedanken.
1.2 Vorbemerkung
(1) Als ,Gemeinde Schrozberg’ sei die Gemeinde nach dem heute gültigen Gemarkungsplan gemeint. Im II. Weltkrieg galten andere Zuordnungen der Orte. 1) (2) In der Darstellung der letzten Kriegstage beschränke ich mich - neben Schrozberg - auf Teilorte Riedbach, Kälberbach und Zell um im Rahmen dieser Seminararbeit zu bleiben. Die zunächst geplante Einbeziehung Gütbachs 2) fällt wegen nicht angetroffener Zeitzeugen weg, die von Bartenstein 3) wegen zu großem Umfangs. (3) Vom der Redaktion des Hohenloher Tageblatts wurde ich auf das ungewisse Verbleiben eines gewissen Friedrich Albrecht aufmerksam gemacht 4) , welches ich aufklären konnte. Hierfür habe ich als weiteres Kapitel „Schrozberg im II. Weltkrieg” eingefügt.
1.3 Die Gemeinde Schrozberg
Schrozberg wurde erstmals 1249 urkundlich erwähnt. Im Mittelalter stand es in vielen Beziehungen zu Adelsgeschlechten, u.a. auch mit dem Götz von Berlichingen - um den bekanntesten zu nennen. 5) Heute liegt die Gemeinde Schrozberg, umgeben von ihren Weilern, ungefähr mittig auf der gedachten Verbindungslinie zwischen Heilbronn und Nürnberg, in einem Landstrich der heute als die Hohenloher Ebene bekannt ist. Dies ist im nord-östlichen Teil von Baden-Württemberg und zählt zum Landkreis Schwäbisch Hall. Insgesamt findet man mit der Gemeinde Schrozberg ein beschauliches und ruhiges Stück Erde vor. Mit den eingemeindeten Teilorten und Weilern (Bartenstein, Riedbach, Ettenhausen, Schmalfelden, Leuzendorf, Spielbach - um die Größeren zu nennen) beschreibt sie eine Fläche von 10.500 ha und ist an ihren Markungen im Norden durch Krailshausen und Spielbach (Nord-Ost), im Westen durch Bossendorf, im Süden durch
1) Vgl.: Kolb, Monika: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.134 ff.
2) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 54
3) Vgl.: Hansberg, Holger: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.651 ff.
4) Vgl.: Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.71
5) Vgl.: Schiffer, Peter: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 65 ff.
- 4 -Sigisweiler und im Westen durch Mäusberg begrenzt und zählt heute ca. 6.250 Einwoh-ner. Diese verhältnissmäßig große Fläche wird - zu über 70 % - haupsächlich landwirt-schaftlich genutzt, wobei sich auch einige mittelständische Industrie wegen der günstigen Lage angesiedelt hat. Nach einer Trendwende sind die Einwohnerzahlen heute zuläufig, doch stagniert der Arbeitsplatzmarkt: „Da die Stadt nach wie vor mehr Aus- als Einpend-ler vorzuweisen hat, liegt ein Schwerpunkt bei der Schaffung weiterer Arbeitsplätze.” 6) Auch vor 1920 war die Gegend landwirtschaftlich geprägt, und deshalb „von der Inflation weniger hart getroffen.” 7) Doch mit der Weltwirtschaftskrise sollte sich die Situation ver-schlechtern.
2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 - 1944)
2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde
Im Wahljahr 1932 zählte Schozberg zum Oberamt Gerabronn. 8) Durch Inflation und Weltwirtschaftskrise (ab Ende 1929) hatte in ganz Deutschland ein Stimmungswandel Einzug gehalten, dem sich auch das entlegene Hohenlohe nicht entziehen konnte. Nationalsozialistische Propaganda und die steigende Arbeitslosenzahl in Deutschland führte dazu, dass der Württembergische Bauern- und Weingärtnerbund starke Wählereinbußen zu verzeichnen hatte. Obwohl die Bürger in der Gemeinde Schrozberg durch die Landwirtschaft nicht so sehr von der hohen Arbeitslosenquote betroffen waren, stellten die „im Oberamt Gerabronn errungenen 52,9 % (...) das Spitzenergebnis der NSDAP in Württemberg dar”. 9) Der Grund hierfür scheint die allgemeine Stimmung, wie auch die Perspektivenlosigkeit der Gemeindemitglieder, insbesondere die der Jüngeren, wie Marta Hilpert aus Zell (damals 19 Jahre) berichtet: „Ma hat nemands nix gehabt, […] es hat keine Arbeit gegeben, […] ma wor froh, wenn ma a Fahrrad g’habt hat.” 10) Um die von der NSDAP versprochene Verbesserung herbeizuführen wurde man sogar regelrecht enthusiastisch, so weiss Willi Heinkelein z.B. zu berichten, der Bürgermeister Herzog hätte „mit dem Motorrad auf dem Beiwagen die Frauen, die net laufen konnte’, ’nunder zur Wahl g’führt.” 11) Nach dem Wahlsieg der NSDAP vernahm man eine deutliche Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. So entstanden auch um Schrozberg durch Hitlers Projekte neue Möglichkeiten Geld zu verdienen. Ein Straßenbauarbeiter, der an einem Bauprojekt an der Kaiserstraße beteiligt war, meinte damals in einem Gespräch zu Willi Heinkelein: „Mit dem Hitler hob i’ ma’ erstes Geld verdient!” 12) Hitler schuf durch Arbeitsplätze bei Autobahnbau, Wehrmacht und Haushaltsdienst für Jungmädels grenzenlose Begeisterung für seine Politik. Man sprach von einem Aufschwung, es sei etwas „in
6) Izsak, Klemens: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 189
7) Kolb, Monika: ebenda, S. 127
8) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134
9) Kolb, Monika: ebenda, S. 131
10) Hilpert, Marta: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Zell
11) Heinkelein, Willy: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Ettenhausen
12) Heinkelein, Willy: ebenda.
- 5 -Bewegung gekommen!” 13) und die Folge war so großer Respekt vor der Person Hitler, dass er sogar in das morgentliche Schulgebet eingeschlossen wurde:
„Herrgott, du hast einen Mann gesandt mit starkem Herzen und mit fester Hand, du sandest ihn aus reinem Flammengeist, dass uns zum Himmel reißt...” 14)
Neben der Schule funktionierte die Gleichschaltung der Jugend über spezielle Organisationen. So gab es in Schrozberg und in fast in jedem Teilort Gruppierungen der ,Hitlerjungend’ und für die Frauen die ,Jungmädels’ oder das ,Jungvolk’ sowie den ,Bund deutscher Mädel’. Willi Heinkelein war Jungenschaftsführer der HJ und berichtet über regelmäßige Kampfspiele, sogenante Fehden, bei denen man ein um den Arm geschlungenes Bändel des Gegners abreißen mußte. Als Mitgliedsbeitrag wurden im Monat 10 Pfennig von ihm eingezogen. In diesen Gruppierungen in Bartenstein hatte man ungefähr einmal die Woche „Dienst”: Im Jungvolk tagsüber, in der Hitlerjugend abends, und einmal im Monat mußten die Jungenschaftsführer nach Blaufelden zur einer Schulung bei der unter anderem auch „parteipolitisch geschult” 15) worden sei. Bei den Jungmädels wurde geturnt oder Handarbeiten angefertigt. 16) Mit interessanten Freizeittätigkeiten wurde also die Jugend indoktriniert. Zu den Parteistrukturen der NSDAP in der Gemeinde Schrozberg weiß man wenig, da die Unterlagen, kurz vor Einmarsch der Amerikaner, von einer „Angestellten, die schon lange im Amt gewesen war” 17) vernichtet worden seien. Die Führungsschicht setzte sich vor allem aus Gewerbetreibenden zusammen 18) , unter der Bevölkerung in Schrozberg soll es jedoch nicht so viele Parteimitglieder gegeben haben. 19) Man kann davon ausgehen, dass nahezu jeder öffentliche Beruf und jedes Amt mit einer Parteimitgliedschaft behaftet war, denn zum Beispiel über Riedbach meinte Willy Heinkelein mit Nachdruck, es sei geradezu eine „Nazi-Hochburg” gewesen und gab als Begründung an:
„Riedbach hat viel Nazi gehabt. Alles war Nazi! Ha wie soll ich sagen... ’n Schullehrer hat Mitglied sein müssen, wenn er seinen Posten behalten wollte.” 20)
Auch am Beispiel des Schrozberger Bürgermeisters Willhelm Hirschburger zeigt sich, wie die Partei in öffentliche Ämter verstrickt war. Hirschburger war NSDAP Mitglied und Bürgermeister von Schrozberg er wurde Anfang 1938 zum Ortsgruppenleiter ernannt. 21) Er war vielerorts als ein „großer Hitler” 22) bekannt. Am 1. Oktober 1938 wurde dann im Zuge der Eleminierung gemeindlicher Selbstverwaltung der Bezirk Gerabronn durch das ,Gesetzes über die Landeseinteilung’ aufgelöst und fast ganz dem Kreis Crailsheim zugeordnet. 23)
13) Hilpert, Marta: ebenda
14) Heinkelein, Willy: ebenda
15) Heinkelein, Willy: ebenda
16) Kaiser, Karola: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.09.2004
17) Kaiser, Karola: ebenda
18) Kolb, Monika: ebenda, S. 135
19) Kaiser, Karola: ebenda
20) Heinkelein, Willy: ebenda
21) Kolb, Monika: ebenda, S. 135
22) Arold, Emma: In einem Gespräch mit dem Autor am 25.09.2004 in Kälberbach
23) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134
- 6 - 2.2Schrozberg im II. Weltkrieg
Schon eine Woche vor Kriegsbeginn, am 1. September 1939, wurden die ersten Einberufungen nach Schrozberg gebracht. Im September dann, folgten fast täglich neue Stellungsbefehle. Lebensmittelkarten gab es ab dem 27. August 1939, was der Bevölkerung in Schrozberg - nach anfänglicher Sorge - keine weiteren Probleme bereitete. 24) Wegen dem durch die Einberufungen herrschenden Mangel an Arbeitskräften kam Unmut in Schrozberg und Umgebung auf - vor allem aber bei den Landwirten, welche einen Großteil der Einwohner darstellten. 25) In der Zeit der Jagtbomberangriffe kam es in Schrozberg zu zwei wesentlichen Ereignissen. Ein Luftkampf im Oktober 1943 führte zum Abschuss eines amerikanischen Flugzeugs im Waldteil Schorren. Dabei kam außer der Besatzung niemand zu Schaden. 26) Viel schlimmer traf es Schrozberg am 8. September 1944. Ein Bomber warf nach dem Rückflug von Nürnberg eine vermutlich übrig gebliebene Luftmine über Schrozberg ab. Die Mine
schlug in der Nähe des Schafsee in der Oberstettener-Straße (damals Adolf-Hitler-Straße) ein und zerstörte 14 Wohngebäude, verletzte 48 Personen und riss 13 in den Tod.
27)
Vielen damaligen Schrozbergern ist dieses Ereignis mit Schrecken in Erinnerung geblieben, besonders schlimm war es auch für Margarethe Merkle, deren Vater Friedrich Albrecht, Schuhma-
Bild1:
September 1944: Zerstörte Gebäude in der Oberstettener Straße
cher, beschuldigt wurde, durch schlechtes Verdunkeln diesen Abwurf provoziert zu haben. Laut der Tochter, die zu diesem Zeitpunkt als Krankenschwester nach Küstrin abberufen war, war dies jedoch nur ein konstruiertes Gerücht, um den Vater zu belasten.
28)
Der hatte mit dem Kreisleiter aus Schwäbisch Hall und einem Nachbarn persönliche Indifferenzen. Nach ihrer Benachrichtigung über die Zerstörung ihres Elternhaus erfuhr sie erst auf ihrer Rückreise nach Schrozberg was alles geschah. Sie schnappte ein Gespräch hinter ihrem Rücken auf: „Ha dere Schwester is a ums Lebe g’komme - und n’ Vater habbe se’ a fort und konner waas wo noa!”
29)
Friedrich Albrecht (damals 60) wurde in Handschellen von der NS-Polizei abgeführt und in Crailsheim in Haft gehalten und durfte nicht einmal der Beisetzung der Opfer der Luftmine beiwohnen. Magarethe Merkle ist heute überzeugt, dass der Kreisleiter wegen des Streits die Verhaftung veranlasst hat, nachdem Albrecht von seinem Nachbar angeschwärzt wurde. Für die Familie Albrecht bedeutete dies viel Leid und Sorge: „Mir ham net g’wußt - kommt er nochmal, kommt er nimmer!”
30)
Doch der Rechtsanwalt Dr. Liebert aus Ellwangen , welcher Mit-
24)Kolb, Monika: ebenda, S. 139
25) Kolb, Monika: ebenda, S. 140
26) Kirchstein-Gamber, Birgit: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.148
27) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.70
28) Merkle, Margarethe: in einem Gespräch mit dem Autor am 25.07.2004 in Schrozberg
29) Merkle, Margarethe: ebenda.
30) Merkle, Margarethe: ebenda.
- 7 -glied der NSDAP war, konnte den Schuhmacher zum Ende
Oktober wieder frei bekommen. Dies wurde Liebert nach dem Kriegsende von Albrecht gedankt, indem er, nach der Internierung Dr. Lieberts wegen seiner Parteimitgliedschaft durch die Amerikaner, für ihn aussagte und somit dem Rechtsanwalt zur Freilassung verhalf. In der folgenden Zeit gab es fast täglich Fliegeralarm. Außer einer Lok wurde in Schrozberg jedoch bis zum Anmarsch der Amerikaner über Land nichts mehr zerstört. 31)
2.3 Die Situation der Gemeinde vor dem Kriegsende ab 1940
Jüdische Bürger gab es in der Gemeinde Schrozberg kaum welche, in Schrozberg sollen vor dem Krieg nur 8 Juden gelebt haben, die wahrscheinlich schon bald geflohen sind. 32) Wichtig zu erwähnen ist, dass sich in der Zeit der letzten Kriegsjahre einige Kriegsgefangene und Evakuierte in Schrozberg befanden. Zuerst kamen die Kriegsgefangenen (ab 1940) und wurden hauptsächlich als Hilfe für die Bauern eingesetzt und waren bei Bauprojekten wie zum Beispiel dem „Bau der Könbronner Wasserleitung beteiligt”. 33) Die Zwangsarbeiter stammten hauptsächlich aus Polen und Belgien, später aus Russland, Serbien und Ungarn. Um die unfreiwilligen Arbeitskräfte zu verteilen wurden einige Lager in Schrozberg und in Teilorten eingerichtet. Das Zusammenarbeiten mit den Landwirten lief größtenteils reibungslos, viele sollen sich sogar mit Gefallen in die Familien eingegliedert haben und verließen diese nach Kriegsende nur mit Widerwillen. 34) . Auf der anderen Seite gab es auch kleinere Probleme, wie beispielsweise Willy Heinkelein berichtet, habe ihm ein belgischer Kriegsgefangener, der ihm nicht gut gesinnt war, bei einem Transport von Eisschollen zur Brauerei eine Scholle auf den Kopf fallen lassen. Laut gesetzlicher Vorschrift hätte Heinkelein ihn melden können, „müssen sogar!” 35) , doch hat er hierauf verzichtet - wohl weil er wußte, dass dem Belgier eine schwere Strafe drohte. Die Kriegsgefangenen waren nämlich strengsten Verhaltensreglementierungen - wie unter anderem auch Ausgangssperre und Kennzeichnungspflicht - unterworfen. 36) Im Juni 1942 und April 1943 kamen die ersten Evakuierten aus Essen nach Schrozberg (ca. 120 Personen), die durch Jagdbomber-Angriffe heimatlos wurden. 1944 folgten ihnen weitere aus dem Saargebiet (u. a. aus Kehl am Rhein). Die Flüchtlinge wurden per Anordnung bei Familien untergebracht. Viele von ihnen erregten Mitleid unter der Bevölkerung, denn zum Teil „konnten (sie) nicht beieinander bleiben” 37) - die Familien wurden aufgeteilt und in verschiedene Teile Deutschlands geschickt, wobei die Väter der Familien
31) Kirchstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 144 f.
32) Bräuninger, Walter: In einem Gespräch mit dem Autor am18.09.2004 in Bartenstein
33) Kolb, Monika: ebenda, S. 142 f.
34) Heinkelein, Lydia: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Ettenhausen
35) Heinkelein, Willy: ebenda
36) Kolb, Monika: ebenda, S. 142
37) Kaiser, Karola: ebenda
- 8 -meist in den Krieg einberufen waren. Das Leid der Evakuierten war für die Schrozberger nachvollziehbar, denn den ersten Einberufungen im Ort folgte auch stetige Nachricht über gefallene Schrozberger. Einige der älteren Bewohner sahen - mit steigender Zahl der Gefallenen, und vor allem durch Stalingrad (’43) - schon ein böses Ende voraus. Andere Bewohner behielten, wider dieser ersten Vorzeichen für eine eventuelle Wendung des Krieges zum Schlechten hin, ihre erstaunlich optimistische „Stimmung” bei. Viele waren immer noch von der Ideologie Hitlers begeistert, an das Funktionieren des Systems habe man „dran geglaubt” 38) , die Jugend habe „nichts negatives” 39) an ihren NS-Gruppierungen gefunden, und die Bauern waren mit der Situation der Zwangsarbeiter zu-frieden, das „ganze System im Land (sei) in Ordnung gewesen!” 40) . Besonders „Gutwollende” glaubten bis Ende ’44 an eine „positive” Wende durch die Fertigstellung einer Wunderwaffe - der propagierten Vergeltungswaffe durch Freiherr von Braun. Latri-nenparolen stützten diese Gerüchte: „Da sind sie schon in Mannheim gestanden, da hat der Häcker (Oberbürgermeister aus Bartenstein) gerufen: Da kommt noch was!” 41) Doch kam alles anders.
3. Das Kriegsende in der Gemeinde Schrozberg
3.1 Die Heimat wird zur Front
Als die Alliierten (Engländer, Kanadier, Amerikaner und Franzosen) zu Beginn des Jahres 1945 den Rhein im Norden und Süden bei Nimwegen und Straßburg erreichten, verhinderte Hitlers letzte große Offensive, die Ardennenoffensive im Dezember 1944, ein schnelles Weiterrücken der Truppen. 42) Nach dem Niederschlag der Offensive im Februar 1945 wurden die deutschen Truppen auf die Rheinline zurückgeworfen und bereits im März konnte der Rhein auch in seiner Mitte, und somit in der ganzen Länge, von den Alliierten erreicht werden. Nach der ersten Rheinüberquerung am 7. März in Remagen stellte sich einem schnellen Vorrücken eine zwar militärisch und physisch geschwächte, doch wider Erwarten resistente deutsche Armee gegenüber. Obwohl die deutschen Heeresgruppen durch die Rückzugskämpfe in Frankreich und den Rheinübergang in Truppenzahl und Waffenbestand schwer dezimiert waren, boten sie der alliierten Armee einen äußerst verbissenen Widerstand, der aus den immer noch funktionierenden Kommandostrukturen und dem gnadenlosen Handhaben der gefürchteten Feldgendarmerie mit Fahnenflüchtigen resultierte. Auf der einen Seite stand der Kampf gegen die Alliierten und auf der anderen Seite der sichere Tod für die Deserteure: „Wer sich […] nicht unterwarf, wurde unerbitterlich verfolgt und bestraft.” 43) Mit dem Ausbau mehrerer Brückenköpfe fiel schließlich Ende März - zur Überraschung der deutschen Heeresspitze - die Rhein- 38)Heinkelein, Lydia: ebenda
39) Kaiser, Karola: ebenda
40) Heinkelein, Willy: ebenda
41) Heinkelein, Willy: ebenda
42) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, S. 154 ff.
43) Gräser; Hans: ebenda, S. 156
- 9 -front schneller als erwartet. Im nördlichen Württemberg überquerten bei Worms Corps der 7. Armee (später gefolgt von anderen Alliierten Corps bei Mannheim, Speyer und Germersheim) am 26. März jene psychologische Schmerzgrenze der deutschen Armee, und trieben die teils aus versprengten Einheiten zusammengesetzen Divisionen immer weiter östlich und schoben die immer wieder neu improvisierten Verteidigungslinien der Deutschen in Richtung Odenwald und Neckar wo sie vor Heilbronn am 4. April zum vor-läufigen Stillstand kommen sollten.
„Die Deutschen hatten sich gesammelt und eine starke, halbkreisförmige Verteidigungslinie von Heilbronn nach Norden entlang dem Neckar, dann nach Nordosten entlang der Jagst bis zu ihrem Bogen bei
Dörzbach errichtet” 44)
Die darauffolgenden Aktionen der US-Armee insbesondere die der 10. Panzerdivision sollten bezeichnend sein, für das Geschehen und das Schicksal der Region Hohenlohe und der heutigen Gemeinde Schrozberg in den letzten Kriegstagen - doch hierzu später mehr.
3.2 Die ersten Zweifel am Sieg des Krieges durch die Deutschen
In der Zeit nach der Rheinüberquerung Ende März wird der Bevölkerung in Baden-Württemberg schnell klar, dass der Krieg jene Wende genommen hat, die die NS-Führung bis zuletzt verleumden wollte. Auch für die Bevölkerung im entfernten Hohenlohe zeigt sich diese Realität in unverwandten und schockierenden Bildern. So schließen sich Anfang 1945, als Vorboten des Kriegsendes, den Flüchtlingsströmen, Evakuierten und den zahlreichen Jagdbomberngriffen auf das Umland (selbst in Schrozberg konnte man Heilbronn am 4.12.44 brennen sehen), weitere verzerrte Schatten der herorischen Propagandabilder deutscher Überlegenheit an: Walter Bräuninger aus Bartenstein berichtet z.B. „Zuerst hat man die ganzen Soldaten gehabt, die rückwärts gekommen sind, von unten rauf. Die habbe’ ja nix mehr gehabt - die Autos, die Lastwagen, weil kein Benzin mehr drinn’ war. […] Eine Herde Kühe habbe se’ die Kaiserstraße (von Bad Mgh.) hochgetrieben, wo die ganzen Füße wund waren und die ganze Straße war voll mit Blutflecken […] Da wußte man schon, dass es aus ist, dass es keine Rettung mehr
gibt!” 45)
Insbesondere das mystifizierte Bild der deutschen Soldaten kippte wohl zu dieser Zeit was ein Erlebnis von G. Scheuermann aus Schrozberg nachvollziehen läßt. Er erlebte damals ein Gespräch zwischen zwei hochdekorierten und mit MG schwer bewaffneten SS-Soldaten, die zufällig an seinem Elternhaus vorbeikamen, und seinem Vater. Nach seiner Aussage seinen diese Soldaten desertiert gewesen und wollten Richtung Osten den Fängen der Feldgendarmerie entkommen. „Für die war der Krieg zu Ende, die wollten nichts mehr wissen […] hätte sich denen ein Deutscher in den Weg gestellt, die hätten ohne zu zögern geschossen!” 46) Willy Heinkelein dagegen beweist, dass es auch Gegenteiliges gab. Er meldete sich noch Ende Oktober 1944 - trotz seiner Rückstellung und trotz seiner Mithilfe bei den Aufräumarbeiten zu dem Luftmineneinschlag - freiwillig zur Wehr,
44) Blumenstock, Friedrich: Der Einmarsch der Amerikaner und Franzosen im Nördlichen Württemberg im April 1945, Crailsheim 1994, S. 37
45) Bräuninger, Walter: ebenda
46) Scheuermann, Günther: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.07.2004 in Schrozberg
- 10 -denn er fühlte sich gerufen sein „Vaterland zu verteidigen! Verteidigen!” 47) Zwei Tage bevor die Amerikaner in kritische Nähe zu der Gemeinde gelangten, kamen, dem Vorrücken der Alliierten Mächte weichende, deutsche Offiziere durch Schrozberg und fragten gar auf dem Rathaus nach Landkarten der Umgebung, sie hätten nicht gewußt „in welche Richtung es geht” 48) und prägten somit den Eindruck eines völlig überstürz-ten, unkoordinierten Rückzugs.
3.3 Die ersten alliierten Truppen erreichen die Gemeinde
Zurück zum Geschehen Ende März. Man vermutet, dass ein Einkesseln der deutschen Truppen in Heilbronn durch
die - bereits positionierten -Truppen im Westen und zusätlicher Unterstützung aus dem Osten von Richtung Schwäbisch Hall aus zu dem Bruch der Verteidigungslinie in Heilbronn führen sollte. Hierzu stießen verschiedene ,Combat Commands’ der 10. Panzerdivision in der Nacht vom 5. auf den 6. April - von deutschen
Truppen nahezu ungehindert - aus dem Raum Bad Mergentheim über die Kaiserstraße, die heutige B290, bis nach Crailsheim vor und von dort aus Richtung Westen (Schwäbisch Hall) bis Wolpertshausen.
„Wer hätte je gedacht, daß einmal unser entlegenes Frankenland der Schauplatz von kriegerischen Ereignissen werden könnte? Doch die Tauberlinie, die zur strategischen Linie wurde, brachte die feindlichen Heeresgruppen in einem rasenden Tempo zu uns”. 49)
Durch diese Bewegung der US-Panzerdivision wurde die Gemeinde Schrozberg plötzlich erstmals vom Feind tangiert: „Bereits am 6. April, so Lina Reinhardt, waren gegen Mittag mindestens 80 amerikanische Panzer durch Gütbach gefahren.” 50) Auch weiter südlich in Kälberbach, das sehr nahe an der Kaiserstraße liegt, sah man am 6. April die ersten Amerikaner Richtung Blaufelden fahren. In Bartenstein jedoch, nur wenige Kilometer von der Kaiserstraße enfernt, nahm man von dem zügigen Marsch der Panzer nicht einmal das Geringste wahr, im Gegenteil: „Des hebbe mir goa net g’merkt.” 51) Dass die Kaiserstraße die schnellste und einzige Möglichkeit für die Panzerdivision war, nach Crailsheim und von dort aus Richtung Heilbronn vorzustoßen, machte also die Gemeinde Schrozberg zu einem wichtigen Austragungsort des Geschehens, das in dem sogenannten ,Battle for Crailsheim’ gipfelte. Doch so schnell die genannten Orte von den Amerikanern besetzt
47) Heinkelein, Willy: ebenda
48) Kaiser, Karola: ebenda
49) Gräser, Hans: ebenda, S. 218
50) Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 54
51) Bräuninger, Walter: ebenda
- 11 -
waren, so schnell mussten die Alli-ierten feststellen, dass sie bereits bis zum 11. April wieder bis fast nach Mergentheim zurückgeworfen wur-den. Der Nachschub wurde den Amerikanern auf der Kaiserstraße mehrmals von deutschen Truppen gekappt, was zu Ihrem Rückzug führte. Jedoch, nach kurzer Zeit des Sammelns neuer Reserven, mach-ten sich die Amerikaner wieder daran, nach Crailsheim vorzusto-ßen. Die aus diesem Hin und Her der Truppenbewegung resultieren-den Kämpfe an der Kaiserstraße und den umliegenden Dörfern brachte die Bewohner der Gemein-de Schrozberg um ihre vermeintli-che Verschonung und stürtzte sie doch noch in die Gewissheit harter
Rückzug nach Norden am 9./10.4.1945 10.4. Gefechte.
3.4 Die letzten Kriegstage in der Gemeinde Schrozberg
3.4.1 Riedbach
Als am Freitag den 6. April von der Ferne schon Kriegslärm an den Ort herantrat, eilte ein Radfahrer als Vorbote durch den Ort: „Jetzt sind sie am Zollhaus, gehnt’ in den Keller!” 52) Der erste Beschuss erfolgte von der Kaiserstraße her. Daraufhin brannten sofort zwei Häuser. Es dauerte nicht lange und die ersten Panzer fuhren durch den Ort in Richtung Blaufelden. Dabei wurde vereinzelt geschossen, den Bewohner kam jedoch kein Schaden zu. Die Panzerdivision fuhr „ohne auf wirklichen Widerstand zu stoßen, in einem Zug bis Crailsheim durch, wo sie um 5 Uhr abends einrückten.” 53) Zwei Tage später, am Sonntag den 8. April, seien sie „wieder retour gekommen, da ist erst richtig feste g’schosse worde. […] Die Leute hatten zur Konfirmation gebacke’! Und wo no? Unter die Bettlaken! Und Mittags sind sie gekommen - Kuchen im Ofen schnell raus und versteckt!” 54) Es herrschte also helle Aufregung. Im Ort waren einige deutsche Soldaten stationiert, weitere kamen aus der Umgebung, darunter auch SS, und leisteten Widerstand. Aus panischer Sorge um ihr Hab und Gut forderten die Bewohner die deutschen Soldaten:
52) Heinkelein, Lydia: ebenda
53) Blumenstock, Friedrich: ebenda, S. 52
54) Heinkelein, Lydia: ebenda
- 12 -„Gehnt’ doch fort! […] Aber des habbe sie uns schwer angekreuzt, die habbe g’meint uns sind die Amerikaner lieber, aber wir habbe doch g’wollt das net g’schosse wird - da ware die bös!”
55)
Zum Schutz mussten die Einwohner in die Keller der Gebäude, die jungen Leute durften sie nicht verlassen. Die älteren Personen jedoch verließen die Keller öfters um das Vieh zu füttern. Einige Personen hatten sich nach Eichholz geflüchtet, was aber auch als gefährlich galt. Zu
Abend kam weiterer Be-schuss durch Artillerie au-ßerhalb des Ortes. Lydia Heinkelein wohnte damals direkt an der Straße und erinnert sich: „Wir sind in ein anderes Haus, weg von der Straße!”
56)
Doch genau dort sei eine Granate direkt vor die Kellertür einge-schlagen: „Do is’ Feuer durchs ganze Keller, aber passiert is’ nemands nix, außer a paar Schürfwunden bei denne vorne.” 57) Morgens, am
9. April, wurden die deutschen Soldaten nochmals von den Riedbachern gebeten, den Wi-derstand aufzugeben: „Fort! Sonst wird ganz Riedbach zusammeg’schosse’!” 58) waren die verzweifelten Rufe an die eigenen Soldaten. In dem Schutzkeller wurde dann zwischen dem Volkssturmführer F. Walther und dem Bürgermeister Häcker beraten: „do mer d’ weiß Flagge naus, kummet die Deutsche wieder, dann werde mir uffg’hängt, ne?” 59) Nach langem Beraten wurde dann doch beschlossen den Ort zu übergeben. Die deutschen Soldaten hatten den Ort in der Zwischenzeit aufgegeben. Zu Zwischenfällen kam es nicht mehr, aber: „Der Bürgermeister Häcker, der hat Angst g’habt!” 60) 25 deutsche Soldaten sind bei der Verteidigung des Ortes gefallen. Sie wurden von den Anwohnern zusammengetragen und vorerst in einem Massengrab beigesetzt. 61) Nach der Einnahme des Ortes blieben die Amerikaner etwa 10 Tage, dabei wurden die Häuser nach Waffen durchsucht, der Kreisbauernführer Niklas wurde „nach Heilbronn gebracht und eingesperrt” 62)
3.4.2 Kälberbach
Am 1. April, einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, kamen ein Trupp deutscher Soldaten durch Kälberbach die, außer ihrem leeren Magen, auch noch der Waffen
55) Heinkelein, Lydia: ebenda
56) Heinkelein, Lydia: ebenda
57) Heinkelein, Lydia: ebenda
58) Heinkelein, Lydia: ebenda / (Anmerkung: Bei Kapitulation drohte der Zivilbevölkerung die Todesstrafe)
59) Heinkelein, Lydia: ebenda
60) Heinkelein, Lydia: ebenda
61) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 64
62) Kirschstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 64
- 13 -leere Hände hatten. 63) Bis die ersten Panzerketten am 6. April auf der circa ein Kilometer entfernten Kaiserstraße ihre Rillen entgegen ihrem südlichen Ziel zogen, blieb es ruhig im Dorf. Wohl um den zügigen Vormarsch der Amerikaner zu stoppen, oder um nach Osten hin abzuriegeln, stömten einige deutsche Soldaten von Schrozberg in den Ort. Ein einzelner, nach Aussage von Emma Arnold „ganz fanatischer” 64) von ihnen baute ein Ge-schütz auf (vermutlich ein Maschinengewehr), schoß in Richtung Kaiserstraße und ent-zündete damit ein mit Rohöl beladenes Gefährt, was den ganzen Zug zum Stocken brachte. Da Kälberbach westlich ihrer Fahrtroute lag, währe es wohl für Kälberbach bei ein paar umgeknickten Straßenpfosten geblieben, doch jetzt hagelte es gezielten Be-schuss. Und obwohl die meisten deutschen Soldaten die Meinung vertraten es hätte „eh’ kein Wert mehr!” 65) , blieb es bei Gegenfeuer von deutscher Seite aus, insbesondere von jenem fanatischen Schützen. Nach der Aufforderung der Bewohner das Feuer einzustel-len meinte, dass wenn noch ein Zivilist was sagten würde, schieße er ihn nieder 66) , denn er habe „Wunder gemeint was er noch ausrichte’ kann, der hat den Krieg au’ nimmer auf-halten könne’!” 67) Drei Scheunen fingen an zu brennen, nur eine konnte gelöscht werden. Zu den „Vaterlandsverteidigern” stießen auch ein Kollektiv ganz junger HJ-Burschen die, jeder mit einer Panzerfaust bewaffnet, sich mutig ins Schußfeld der Amerikaner stellten. Herr Klein, der Vater von Emma Arold, suchte schlimmeres zu verhindern, doch konnte er durch Appellieren nicht verhindern, dass einer der Jungen angeschossen wurde. Er wurde in einen Keller gebracht und später in ein Lazaret, wogegen ein anderer Soldat in einer der Scheunen Opfer der Flammen wurde. Nach anhaltendem Schußwechsel trieb vermutlich die pure Ohnmacht einen gewissen Herrn Pratz, hinter dem Rücken der deut-schen Soldaten, mit einem weißen Bettuch über die Felder zu den Amerikanern, um der faktiösen Verteidigung des Ortes ein Ende zu setzen. Beim Zusammentreffen mit den Amerikanern habe er „mit den Händen gefuchtelt” 68) , denn man habe sich nur schwer verständigen können. Als daraufhin die Amerikaner in der Nacht des 9. Aprils nach Käl-berbach einmarschierten, setzten sich die Deutschen ab. Der ganze Ort wurde von den Amerikanern auf den Kopf gestellt bei der Suche nach verharrenden Soldaten, dabei fie-len Schüsse, eine ältere Frau wurde am Hals getroffen und von einem US-Soldat verbun-den. 69) In der Nacht auf den 11. April schlichen sich nochmals ca. 40 deutsche Soldaten in den Ort und versuchten die zehnfach überlegenen Amerikaner zu überrumpeln. 70) Da-bei kam es zu einer Schießerei, in den Kellern und Häusern herrschte Angst 71) , durch ei-nen der Keller wurde sogar durchgeschossen. Obgleich die Amerikaner mit dem Angriff nicht gerechnet hatten, konnten sich die Deutschen nicht im Ansatz durchsetzen, 12 deut-sche Soldaten fiehlen, der Rest war verwundet oder wurde gefangen genommen. Die Ge-fangenen mußten sich nach ihrer Entwaffnung in Reihen aufstellen, ihnen wurden die
63) Vgl: Kirschstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 64
64) Arold, Emma: In einem Gespräch mit dem Autor am 25.09.2004 in Kälberbach
65) Arold, Emma: ebenda
66) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 65
67) Arold, Emma: ebenda
68) Arold, Emma: ebenda
69) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit:S.65
70) Vgl.: Blumenstock, Friedrich: ebenda, S. 139
71) Sinngemäß zitiert nach: Arold, Emma: ebenda
- 14 -Taschen gelehrt, Uhren wurden abgenommen und Fotografien von Angehörigen, die sie bei sich trugen, blieben nach ihrem Abtransport auf der Straße liegen.
3.4.3 Zell
Durch Kriegsgelärme aus der Ferne war man sich auch in Zell bewußt, dass der Krieg vor der Tür steht. Am Sonntag, den 8. April waren ungewöhnlich viele deutsche Soldaten im Ort die, durch ihr nervöses Umherwandern, den Bewohnern Zells merklich machten, dass noch am selben Tag irgendetwas passieren wird. Gleichauf folgte dann auch die deutliche Warnung der Soldaten an die Einwohner: „Ihr müsst in den Keller, heut passiert noch was” 72) . Die Warnung wurde nicht umsonst ausgerufen, denn noch am Abend des selben Tages starteten die Amerikaner von der Kaiserstraße her, aus Richtung Riedbach, Zell mit Granaten zu beschießen. In der Ortsmitte reihten sich tiefe Krater auf die Straße und eine Scheune wurde abgedeckt. Während des anhaltenden Beschusses schob ein deutscher Soldat einen mit Munition voll beladenen Waagen in die Scheune von Hilperts: „Wir haben Angst gehabt, dass eine Granate reinfliegt und das Zeug brennt!” 73) Zur Nacht hin wurde es dann ruhiger, der Beschuss nahm ab. Die deutschen Soldaten, unter denen auch SS-Soldaten waren, verließen Ihre Stellungen nicht und hielten an, den Ort zu verteidigen. Die Familien mussten die ganze Woche zu Ihrem Schutz in den Kellern der Häuser nächtigen. Um auch das Vieh zu schützen, banden die Bauern das Vieh ab, oder jagten es aus den Ställen auf die umliegenden Felder, da der stetige Hagel der Granaten nicht nachließ: „Man hat sich ja nicht mehr rausgetraut.” 74) Phosphorbeschuss entzündete dann schließlich die Feldscheune von Schuchs und auf einer Anhöhe die der Familie Gundel. Familie Hilpert überlebte einen Granateinschlag Mittwoch Nacht direkt in Ihr Wohnhaus, sie waren glücklicherweise zum Schlafen in den Keller gegangen. Die Besitzer mußten machtlos zusehen, denn man hätte „kein Wasser gehabt und keine Feuerwehr.” 75) Am Donnerstag Morgen, den 12. April, steigerte sich nochmals die Härte des Granatfeuers und des Phosphorbeschusses woraufhin fast der ganze Ort in Flammen aufging. 17 Gebäude brannten ab. 76) Die Flammenentwicklung war so stark, dass der Rauch die Menschen aus den Kellern trieb. „Der (Rauch) ist bis auf den Boden runtergegangen […] des war furchtbar […] Flammen überall […] So einen Durst wie am Donnerstag, hat man noch nie gehabt!” 77) In den Straßen lagen verbrannte Kühe und Pferde, in den Scheunen ist das Vieh erstickt. Mehrere deutsche Soldaten kamen um. Ein besonderst trauriges Bild bot ein junger Soldat: „Er ist im Straßengraben gelegen, ein ganz junger Bursche so achzehn, neunzehn Jahre, hat einen Bauchschuss gehabt, doch man hat ihm ja nicht helfen können.” 78) Dieses Inferno veranlasste die restlichen deutschen Soldaten aus dem Ort abzuziehen. Einige Bewohner (ungefähr 12) flüchteten sich mit ihren Kindern ein wenig Proviant und Pferden in einen nahe gelegenen Steinbruch wo die Männer mit
72) Hilpert, Marta: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Zell
73) Hilpert, Marta: ebenda
74) Hilpert, Marta: ebenda
75) Hilpert, Marta: ebenda
76) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 66
77) Hilpert, Marta: ebenda
78) Arold, Emma: ebenda
- 15 -einem improvisierten Bretterdach Wetterschutz herstellten. Dort wurde die Nacht ver-bracht und am nächsten Morgen, den 13. April, gingen die Männer des Dorfes mit einer weißen Fahne zu den Amerikanern und vereinbarten die Übergabe des Ortes, die bei aus den Fenstern gehängten weißen Fahnen, um 11 Uhr stattfinden sollte. 79) Zur Besetzung des Ortes kam es nicht, da es in Zell - schlicht und ergreifend - nichts mehr zu besetzen gab. Familie Hilpert mußte 3 Jahre lang in einer Baracke hausen, aber die Familien hätten sich in dieser schwierigen Zeit „gegenseitig geholfen, dass man was zum Leben hat!” 80)
3.4.4 Schrozberg
Beim Sonntagsspaziergang am 8. April wurden die Schrozberger gewahr, dass der Einmarsch nicht mehr lange auf sich warten läßt, denn es hieß „irgendwo ist eine Granate eingeschlagen!” 81) Diese erste Granate wurde aus Richtung Riedbach abgefeuert und schlug im Hause Österreicher im Neukreut ein. Von da an war man in Angst versetzt, man habe sich „nicht mehr weggetraut” 82) , die Straßen blieben leer. Es sollen sich zu dieser Zeit nur wenige deutsche Soldaten im Ort aufgehalten haben, der Volkssturm, der einige wenige Verteidigungsmaßnahmen ergriff, habe sich aus 50 bis 60 jährigen zusammengesetzt. 83) Der Artilleriebeschuss dauerte über mehrere Tage bis zum 12. April an. In der Nacht von Sonntag auf Montag explodierten 3 Granaten auf dem Friedhof. 84) Am Montag den 09. April, wurde der Volkssturm angewiesen am Bahnhof die Straße in Richtung Kälberbach abzuriegeln. Dazu wurden große Kastanienbäume umgefällt, die an Ort und Stelle ihres Schlages liegen blieben, um somit als Panzersperre zu dienen. Die Häuser um den Bahnhof wurden evakuiert. Bereits am selbigen Tag wurde die Arbeit in vielen Geschäften und Handwerksbetrieben niedergelegt. 85) Der Dienstag blieb ruhig. Die Bevölkerung wurde angewiesen, die Häuser zu verlassen oder in den Kellern zu bleiben. Aus Ungewissheit flohen mehrere Familien ins Vorbachtal, welches in entgegengesetzter Richtung zu dem Granatbeschuss lag. Dort fanden sich circa 15 Personen im „Berghaus” zusammen, das Wirtshäusern als Eisdepot diente und richteten sich ein Lager auf den im Keller liegenden Kartoffelsäcken, um sich vor den Amerikanern zu verstecken. Ungefähr 40 weitere Schrozberger hielten sich verstreut im ganzen Tal auf, manche versteckten sich in ihrer Not unter Büschen. Da man nichts zu essen dabei hatte, waren einige gezwungen, wider ihrer Angst nochmals den Ort zurückzukehren, man sei nachts am „Bahndamm entlanggerannt” 86) und habe von Zuhause Lebensmittel mitgebracht, die dann, bei einer Familie wohnhaft im Tal, zu Suppen verarbeitet wurden. Die meisten Bewohner blieben jedoch in Schrozberg in ihren Kellern, auch im Gasthaus „Adler” suchten die Menschen im Keller Schutz. 87) Am 11. April und 12. April brannten durch verstärkten Beschuss
79) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 67
80) Arold, Emma: ebenda
81) Kaiser, Karola: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.09.2004 in Schrozberg
82) Kaiser, Karola: ebenda
83) Kaiser, Karola: ebenda / Vgl.: Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945, Aub 1998, Umschlagseite
84) Scheuermann, Günther: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.07.2004
85) Scheuermann, Günther: ebenda
86) Kaiser, Karola: ebenda
87) Kaiser, Karola: ebenda
- 16 -mehrere Scheunen und Wohnhäuser ab. Insgesammt versuchte die Feuerwehr 15 Brände zu löschen. 88) Im Tal erfuhr man von mehreren Einschlägen bei der Molkerei, es habe dort mehrere Tote gegeben. In diesen Tagen töteten Granatsplitter 6 Bewohner oder verletzte sie schwer, darunter auch viele Kinder. 89) Noch während des Granatfeuers fuhr ein Vater seinen toten Jungen auf einem Leiterwägelchen in einem Brettersarg zum Friedhof. 90) Für die folgenden zwei Ereignisse konnte keine genaue zeitliche Einordnung getroffen wer-den: Die Eisenbahnbrücke auf über die Straße in Richtung Niederstetten wurde von deut-schen Truppen im Zuge des „Nerobefehls” gesprengt. Ebenso sollte es mit Molkerei und Lagerhaus geschehen, was jedoch „mit Hilfe der Vorstandschaft” 91) der Stadt verhindert werden konnte. Zwischen Könbronn und Oberstetten wurde nachts eine Panzersperre von zwei Männern aus Könbronn fortgeräumt. 91) Der Widerstand gegen den Einmarsch er-schien den Bewohnern wohl schon zwecklos geworden zu sein. Zur erst vorgesehenen Verminung der Straße kam es nicht mehr. 92) Am Freitag den 13. April hieß es dann plötz-lich: „Die Amis kommen! […] Schwarze und Weiße, mit aufgepflanzten Gewehren, fin-steren, mißtrauischen Gesichtern” 93) , denen man die Angst gegenüber der Bevölkerung angesehen haben soll. Sie bewegten sich vom Bahnhof in Richtung Schafsee auf der Blaufeldener Straße, die Bewohner reihten sich wohl halb ängstlich, halb neugierig vor ihren Häusern. Überall wurden von den Bewohnern schnell weiße Bettücher aus den Fen-stern gehangen, von den Schrozbergern hätte keiner mehr etwas „mit einer Schießerei im Sinn gehabt.” 94) Auf dem Marktplatz vor der Kirche sammelten sich die Truppen beste-hend aus Infantrie und Panzer. Oben vom Kirchturm wurde eine weiße Fahne „zum Zei-chen der Übergabe” 95) gehisst. Für die Schrozberger muss es eine sehr zwiespältige Stimmung gewesen sein, denn zum Einen fand zwischen den einziehenden Truppen und der Bevölkerung kein Wortwechsel statt (ohnehin sprach kaum einer der Schrozberger Englisch), zum Anderen hätte man nicht gewußt „was auf einen zukommt.” 96) Im Tal wußte man derweil noch nichts von der Besetzung Schrozbergs, denn ins Tal kamen keine Soldaten. Erst Stunden später habe man dort erfahren, dass die Amerikaner im Ort sind und ist dann zurück, vorbei an den fremden Soldaten die man nur ängstlich beäugte, je-doch von ihnen „nicht belästigt wurde” 97) .
Somit endete auch für Schrozberg die Zeit des Bangens um Angriffe aus der Luft oder zu Land und in den Gesichtern der Bevölkerung machte sich Erleichterung breit. Der Einmarsch der Amerikaner bedeutete nun für viele, mit dem eigentlichen Feind, der jetzt Besatzer war, das eigene Haus zu teilen. Diese Zeit der Besatzung wurde vom Autor nicht mehr bearbeitet - es sei auf die genannte Literatur verwiesen. 98)
88) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 72
89) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 72
90) Scheuermann, Günther: ebenda
91) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 68
92) Kaiser, Karola: ebenda
93) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 76
94) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 75
95) Bürgermeisteramt Schrozberg: Zum Heimattag, Schrozberg1952, S. 7
96) Kaiser, Karola: ebenda
97) Kaiser, Karola: ebenda
98) Anmerkung: In fast allen Teilorten kam es zur Besetzung durch die Amerikaner. Vgl.: 5.2. Quellenverzeichnis
- 17 - 4.Das Ende des nationalsozialistischen Glaubens in der Gemeinde
4.2 Das Umschwenken der ideologischen Überzeugung
Aus den Gesprächen mit den Zeitzeugen geht im allgemeinen hervor, dass die Meisten, gleich ob jung oder alt, von dem System und der Ideologie der Nazis überzeugt waren. Es seien alle irgendwie begeistert gewesen, doch „wo’ Krieg war nimmer!” 99) Einige waren natürlich auch von vorn herein völlig gleichgültig oder zumindest schon sehr bald skeptisch. Doch wie konnten die, die ihre Zukunft in einem von Hitler geführten Reich sahen, nach der Besetzung so schnell ihre Überzeugung verändern? War ein Verwerfen seiner Überzeugung nicht eher mit Enttäuschung als mit Erleichterung verbunden? Dass der Krieg nun „endlich zu Ende” 100) war, erzeugte vor allem bei denen, die der Krieg hart getroffen hatte, regelrechtes Aufatmen und Freude. Die zu Anfang von Hitler erreichten Verbesserungen zur Situation 1929 waren schnell vergessen, hat der Krieg doch noch „mehr wie des kaputt gemacht!” 101) Viele der Nazi-Anhänger waren ohnehin nur Mitläufer - aus Angst gegen das System zu schwimmen und dabei an den Haken zu kommen. Man hätte ja „mitmachen müsse’, dann bist’ durchgekomme’” 102) , man sagte sich: „Das Brot ich ess, das Lied ich sing!” 103) Somit wird auch eher verständlich, dass viele mit der weißen Fahne auch gleichzeitig ihre Einstellung geschwenkt haben. Dies ging soweit, dass vereinzelt Bewohner kurz nach Kapitulation bei den Besatzern „angeschwärzt” wurden, man hätte geschrien: „Du warst auch ein Nazi!” 104) Eine aufschlussreiche Geschichte wußte Willy Heinkelein zu erzählen: Als er mit einem Freund vor Kriegsbeginn durch den Ort wanderte lief ihnen ihr Schullehrer Gottert entgegen. Und da die zwei Jungen „au’ net immer gleich Heil Hitler schreien wollten” 105) versteckten sie sich seitlich der Straße. Dem geübten Lehrerauge entging jedoch nichts und so lies er die Jungen spüren was Disziplin bedeutet. Sie mußten mit der Hand zum Hitler-Gruß gerichtet vor ihm auf und ab exerzieren, mehrere Male, mit den Worten: „Der deutsche Gruß ist Heil Hitler!, Der deutsche Gruß ist Heil Hitler!” 106) Als Willy Heinkelein nach Kriegsende aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, lief er dem alten Schullehrer an der selben Stelle über den Weg und er hätte geschrien: „Grüß Gott!, Grüß Gott! Willy, bin i’ froh, dass du z’rück bist!” 107) So schnell hatte man sich also wieder umgestellt - das „Grüß Gott” war wieder deutscher Gruß. In wie weit aber andere damit zu kämpfen hatten, dass jetzt alles anders kommt als es erlebt und erträumt wurde - und wie lange dieser Prozess angedauert hat, lässt sich schwer nachvollziehen. Manchmal klang in den Zeitzeugengesprächen eine gewisse Melancholie durch, die vermuten läßt, dass trotz allem Grauen der „guten alten Zeit” ein wenig nachgetrauert wird, es wäre „früher einfach schön gewesen”, das was es
100) Hilpert, Marta: ebenda.
101) Hilpert, Marta: ebenda
102) Arold, Emma: ebenda
103) Merkle, Margarethe: ebenda
104) Bräuninger, Walter: ebenda
105) Heinkelein, Willy: ebenda
106) Heinkelein, Willy: ebenda
107) Heinkelein, Willy: ebenda
- 18 -heute gibt „hat’s domols net ge’ben, dass mo do Angst habe hat müsse, […] des (Nachts hinausgehen) war sicher!” 108) . Vorstellbar ist, dass jene, denen der Krieg nichts genom-men hat, eher auch positive Seiten an der Zeit des Nationalsozialismus sahen oder sehen, denen den er manches nahm, erkannten schnell den Irrglauben, dem sie gefolgt sind - de-nen den der Krieg alles nahm, können wir heute nicht mehr nach ihrer Meinung fragen. In einem waren sich die Zeitzeugen aber alle einig: Man war froh, dass der Krieg zu Ende war! Einstimmig wie ein Chor, klingt es nach in meinen Ohren, einstudiert aus Schmerz, Verlust, Enttäuschung und Verdrängungswillen. Im Ortsbericht von Bartenstein kann man nachlesen, dass diese Generation gelernt hatte:
„Was ist das für ein Patriotismus, der unsere Söhne auf das von den Staatslenkern ausgemessene Schlachtfeld jagt und sie dort sterben heißt; warum erzieht man die Menschen nicht zum Leben für das Vaterland? Gegen feindliche Einfälle zuschlagen, ja, das ist mannbar und echt, aber nur nicht selbst anfangen. Wenn der Patriotismus seine Wurzeln in Vorurteilen hat, so muß man wissen, wo er aufhört, eine Tugend zu sein.” 109)
4.2 Ausblick
Wie man aus dem Gelesenen folgern kann, war besonders die Jugend begeistert von der nationalistischen Idee. Dies lieg daran, dass die Jugend schon im frühen Alter indoktriniert wurde und - gerade in der Einöde Hohenlohes - eine neue Perspektive wie sie Hitler versprach, den Menschen Hoffnung machte. Wie Anfangs erwähnt, bin ich in Schrozberg aufgewachsen (geb. 1979) und war dort, wie auch anderer Jugentliche, mit einer Art neuer Perspektivenlosigkeit konfrontiert. Keine großartigen Berufschancen - und wenig Freizeitangebot frustrieren hier viele junge Menschen. Deshalb haben auch heute wieder viele der Jugendlichen ein offenes Ohr für neonazistische Propaganda wie sie z.B. durch Szene-Musikgruppen verbreitet wird. Es werden ,Kahlkopf’, ,Entstufe’ oder ,Störkraft’ gehört. An vielen der jugendlichen Konsumenten mag dies ohne große Verinnerlichung vorüberziehen, doch weiß ich auch von dem einen oder anderen, dass er die leeren Phrasen für durchaus ernstzunehmen hält - und auch damit eine Menge Sinnesgenossen findet. Die faschistische NS-Ideologie zieht also bis heute ihre Kreise duch Hohenlohe und andere Teile Deutschlands. Man mag sich fragen, wie die weitere Bewältigung der NS-Zeit weitergeht, wenn es einmal keine Zeitzeugen mehr zu befragen gibt, die uns von dieser Ideotie abraten können. Hoffentlich besitzen nachfolgende Generationen genügend Urteilskraft, um - auch ohne die direkte Überlieferung des damaligen Geschehens durch Zeitzeugen - ein für alle mal ein Wiederholen des Geschehenen unmöglich zu machen.
Folgende Zitate stehen für sich. Deshalb möchte ich sie ohne weiteres Kommentar und Quellenbenennung anhängen. Die Zitate stehen nicht im Zusammenhang zueinander, und
108) Heinkelein, Lydia: ebenda
109) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.219
- 19 -sind von unterschiedlichen Personen:
„Man sagt immer, die Deutschen hätten gewusst, dass die Juden umgebracht! Bei mir selber, in unserer Umgebung war nichts derartiges bekannt […] man hat sich es auch nicht vorstellen können!”
„Mer war sehr enttäuscht nach dem allen!”
„In Niederstetten, als die Juden wegkamen, hat’ mer sich g’wundert […] mer hat sich’s denken können.”
„Das hätte man halt nicht machen sollen, das mit den Juden!”
„Wenn mer heut’ schaut, was es für Korruption gibt, des hat’s früher net ge’ben im dritten Reich, nein, entweder hat mer’s net so g’merkt oder, Ha!”
„Mer hat uns g’sagt: ,Der Hitler nimmt keine Butter aufs Brot!’, der sei so bescheiden!”
5. Anhang
5.1 Bildnachweis
Bild 1 (S. 6): „September 1944: Zerstörte Gebäude in der Oberstettener Straße” Quelle: Abfotografie des Autors aus einem Album von Margarethe Merkle. Bild 2 (S. 7): „Albrecht, Friedrich (1938)”
Quelle: Abfotografie des Autors aus einem Album von Margarethe Merkle Bild 3 (S. 10): „Umfassungsoperation des VI. AK. mit der 10. Pz.div. (4. - 12.04.1945)” Quelle: Vom Autor überarbeitete Grafik in Anlehnung an Skizze 7, Blumenstock: ebena, S. 51 Bild 4 (S. 11): „Der amerikanische Vorstoß nach Crailsheim am 6.4.1945 und der Rückzug nach Norden
am 9./10.4.1945”
Quelle: Vom Autor überarbeitete Grafik in Anlehnung an Skizze 7, Blumenstock: ebena, S. 53 Bild 5 (S. 12): „Die nähere Umgebung Schrozbergs mit Kaiserstraße (schematisch)” Quelle: Vom Autor erstellte, schematische Grafik der näheren Umgebung Schrozbergs.
5.2 Quellen und Literatur
Vom Autor befragte Zeitzeugen:
Arold, Emma (geb. Klein); Jahrgang 1927, Wohnhaft in Kälberbach
Bräuninger, Walter; Jahrgang 1932, Wohnhaft in Bartenstein Hilpert, Marta; Jahrgang 1914, Wohnhaft in Zell
Heinkelein, Lydia (geb. Walther); Jahrgang 1928, Wh. i. Ettenhausen (’45 in Riedbach) Heinkelein, Willy; Jahrgang 1927, Wohnhaft in Ettenhausen (’45 in Bartenstein) Kaiser, Karola; Jahrgang 1925, Wohnhaft in Schrozberg Merkle, Margarethe (geb. Albrecht); Jahrgang 1929, Wohnhaft in Schrozberg Scheuermann, Günther; Jahrgang 1930, Wohnhaft in Schrozberg
- 20 - UntersuchteLiteratur:
Bürgermeisteramt Schrozberg: Gedenkschrift zum Heimattag, Schrozberg 1952 Blumenstock, Friedrich: Der Einmarsch der Amerikaner und Franzosen im Nördlichen Württemberg im
April 1945, Crailsheim 1994
Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Baier Verlag, Crailsheim 1997 Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995 Stadt Schrozberg (div. Autoren): Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999 Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945 und das Ende in den Alpen, Aub/Bad Windsheim 1998
Ehepaar Willy und Lydia Heinkelein: Heute 77 und 76, damals 18 und 17
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Benedikt M. Orlowski, 2004, Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken am Beispiel der Gemeinde Schrozberg, Munich, GRIN Publishing GmbH
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