Jurek Becker - Jakob der Lügner - 3 -Anita Suter Oktober 2002
1. Der Autor: Jurek Becker
1.1 Biographie
Jurek Becker wird 1937als Sohn einer Polin und eines aus Litauen stammenden Arbeiter in Lodz (Polen) geboren.
1939, im Alter von zwei Jahren, wird er mit seinen Eltern ins Ghetto umgesiedelt. Danach lebt er in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen, wo er seine ersten deutschen Worte lernt. In dieser Zeit stirbt seine Mutter und er verliert seinen Vater aus den Augen.
Nach dem Krieg werden Jurek Becker und sein Vater durch eine amerikanische Hilfsorganisation wieder zusammengeführt und lassen sich in Ost-Berlin nieder. Er eignet sich der deutschen Sprache sehr schnell an, angespornt von finanziellen Belohnungen des Vaters und der Überzeugung, ohne das Beherrschen des Deutschs nicht in die Nachkriegsgesellschaft integriert werden zu können.
1955 macht Jurek Becker sein Abitur und leistet seinen Dienst in der Volksarmee der DDR. Nach abgeschlossenem Wehrdienst, wird er 1957 Mitglied der SED und schreibt sich für das Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin ein. Nach drei Jahren, 1960, wird er aus politischen Gründen vom Studium ausgeschlossen. Daraufhin beginnt er ein Studium für Film-Szenarien in Babelsberg, währenddem er Kabarett-Texte verfasst. Diese Universität verlässt er allerdings nach kurzer Zeit wieder. Von nun an lebt er als freischaffender Schriftsteller in Ost-Berlin. Ab 1961 verfasst er Drehbücher für Kurzspielfilme für die DEFA. 1965 wird seine Drehbuchfassung von "Jakob der Lügner" von der DEFA abgelehnt. "Aus Enttäuschung und Wut über die Ablehnung" 1 , wie Becker selbst sagt, arbeitet er das Werk zu einem Roman um, der 1969 veröffentlicht und mit dem Heinrich-Mann-Preis der DDR, sowie dem Charles-Veillon-Preis der Schweiz ausgezeichnet wird. Das Buch ist ein internationaler Erfolg.
1972 wird er Mitglied des PEN. Im selben Jahr stirbt Jurek Beckers Vater. 1973 wird sein Roman "Irreführung der Behörden", der sich mit den Schwierigkeiten eines Schriftstellers in der DDR mit den Behörden auseinander setzt, veröffentlicht, und Becker wird in den Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR gewählt. 1974 wird "Jakob der Lügner" als Fernsehproduktion realisiert und zu einem internationalen Erfolg. Im gleichen Jahr erhält Jurek Becker den Literaturpreis der Stadt Bremen, im folgenden Jahr den Nationalpreis der DDR.
1976 wird er aus der SED ausgeschlossen, da er mit Schriftstellerkollegen gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert.
1977 tritt Becker aus dem Schriftstellerverband der DDR aus und zieht mit Genehmigung der DDR-Behörden nach West-Berlin.
Nach seiner Übersiedlung arbeitet er öfters als Gastdozent an überwiegend amerikanischen Universitäten. Unter anderem am Oberlin College in Ohio und an der Cornell-University in Ithaka, N.Y.
Ab 1980 lebt er wieder in Berlin und veröffentlicht zwei Bücher. 1983 wird Becker in Darmstadt in die Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 1986 erhält er für die Drehbücher der sehr erfolgreichen Fernsehserie 'Liebling Kreuzberg' den Adolf-Grimme-Preis in Gold und wird 1988 mit dem Deutschen Fernsehpreis der Telestar ausgezeichnet.
1989 gastiert er in Frankfurt am Main als Dozent an der Goethe-Universität. 1990 wird Jurek Becker mit dem Bayerischen Fernsehpreis, und 1991 mit dem Deutschen Filmpreis/Filmband in Gold geehrt.
1 Zitiert in http://www.pausenhof.de/biographien/biob001.asp
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Im folgenden Jahr erscheint Beckers letzter Roman "Amanda Herzlos". Am 14.3.1997 erliegt Jurek Becker in Berlin seinem Krebsleiden.
1.1.1 Einstellung zum Judentum
Auf die Frage ob er Jude sei, antwortete Becker einst kühl: "Meine Eltern waren Juden" 3 . Diese Aussage findet sich auch in der Denkweise des Professor Kirschbaums im Roman wieder. 4
Von seinem Vater, der selbst nicht besonders gläubig war, wurde er nicht als Jude erzogen. Becker selbst bezeichnet sich sogar als Atheist. Er ist der Meinung, jeder Mensch habe die Wahl, ob er dem jüdischen Glaube Folge leisten wolle oder nicht, es sei keine Frage der Rasse sondern eine bewusste Entscheidung für einen Glauben.
Er äusserte sich über die Gruppe von nennenswerten Schriftstellern jüdischer Abstammung folgendermassen: "Mein Judentum hat auch kein Glücksgefühl darüber zur Folge, dass ich, gewollt oder ungewollt, zu einer weit verzweigten Gruppe von Menschen gehöre, die, wie andere Gruppen vergleichbarer Grösse auch, Leistungen vollbringt, bewundernswerte und miserable. Ich empfinde keinen Stolz darüber, dass Kafka Jude war, (…). Ich ärgere mich
2 Http://arcadepub.com/author/index.cfm?fa=ShowAuthor&Person_ID=197
3 Zitiert in http://www.pausenhof.de/biographien/biob001.asp
4 Vgl: 2.4.9
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nicht darüber, dass Max Frisch kein Jude ist (…). 5 Wie er selbst sagt, "musste" er sich erst in der BRD, und auf Grund antisemitischer Angriffe auf seine eigene Person, "als Jude fühlen". 6
1.2 Bibliographie
• Jakob der Lügner. Roman. Aufbau 1969.
• Irreführung der Behörden. Roman. Hinstorff 1973.
• Der Boxer. Roman. Hinstorff 1976.
• Schlaflose Tage. Roman. Suhrkamp 1978.
• Nach der ersten Zukunft. Erzählungen. Suhrkamp 1980.
• Aller Welt Freund. Roman. Suhrkamp 1982.
• Bronsteins Kinder. Roman. Suhrkamp 1986.
• Warnung vor dem Schriftsteller. Drei Vorlesungen in Frankfurt. Suhrkamp 1990.
• Die beliebteste Familiengeschichte und andere Erzählungen. Insel 1991.
• Amanda herzlos. Roman. Suhrkamp 1992.
• Das Märchen von der kranken Prinzessin. Von Jakob erzählt - und dann von Lina. St.Gabriel 1993.
• Wir sind auch nur ein Volk: Der erste Arbeitstag. Der Rest der Familie. Suhrkamp 1994.
• Wir sind auch nur ein Volk: Der empfindliche Bruder. Stasi für Anfänger. Der zweite Sekretär. Suhrkamp 1995.
• Wir sind auch nur ein Volk: Die Westparty. Streik und andere Schweinereien. Der kurze Abschied. Suhrkamp 1995.
• Ende des Grössenwahns. Aufsätze, Vorträge. Suhrkamp 1996.
5 Zitiert in http://www.pausenhof.de/biographien/biob001.asp
6 Zitiert in http://www.pausenhof.de/biographien/biob001.asp
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2. Das Werk: Jakob der Lügner
2.1 Exposition
Wo: Jüdisches Ghetto Lodz, Polen
Wann: 2. Weltkrieg, ab 1940
Wer: Jakob Heym, Mischa, Kowalski, Rosa, Herr und Frau Frankfurter, Lina, Herschel und Roman Schtamm, Professor Kirschbaum und seine Schwester, Leonard Schmidt, weitere Ghettobewohner und Offiziere 7
Was: In einer Notlüge behauptet der Jude Jakob Heym, ein streng verbotenes Radio zu besitzen. Er berichtet den Ghettobewohner von den anscheinend ausgestrahlten Neuigkeiten, und verbreitet so, mit den erzählten Lügen über das Näherrücken der Roten Armee, Hoffnung und neuen Lebensmut unter seinen Mitmenschen.
2.2 Inhaltszusammenfassung
Eines Abends wird Jakob Heym von einem Wachtposten angehalten, da es anscheinend nach halb Acht sei, und er sich nun wegen Missachtung der Sperrstunde auf dem Revier zu melden habe. Jakob gehorcht ehrfürchtig und betritt das von den Ghettobewohnern gefürchtete Gebäude. Während er nach dem zuständigen Beamten sucht, dringt aus einem Zimmer eine Radiomeldung, in der es heisst, die Russen seien bereits vor Bezanika, also nur noch 400 Kilometer entfernt. Jakob meldet sich beim zuständigen Deutschen und erklärt ihm den Grund seines Besuchs. Dieser eröffnet Jakob, der Wachmann habe sich einen Scherz erlaubt, die Sperrstunde sei noch nicht übertreten und er solle nun nach hause gehen. Erleichtert eilt Jakob zu seiner Wohnung, immer noch verwirrt über das soeben Erlebte. Am nächsten Tag schleppt er mit Mischa bei der Arbeit auf dem Güterbahnhof Kisten, als dieser bei der Wachablösung gerade einen Versuch starten will, Kartoffeln aus einem Wagen zu stehlen. Um seinen Kollegen davon abzuhalten, erzählt er ihm von den Russen, doch Mischa reagiert nicht. Daraufhin schildert ihm Jakob das ganze Erlebnis auf dem Revier in einer Kurzfassung. Als Mischa immer noch auf die Kartoffeln fixiert ist und zum Sprung ansetzt, hält ihn Jakob am Bein fest. Auf dem Boden liegend, erwidert Jakob auf Mischas hasserfüllten Blick, er habe ein Radio. Mischa strahlt und Jakob ist wütend, dass es so weit gekommen ist und er das gesagt hat. Er beschliesst den Jungen noch einige Zeit seiner Freude zu überlassen und ihn später der Wahrheit zu berichtigen, wozu er aber im Laufe des Tages keine Gelegenheit mehr findet.
In der Mittagspause setzt sich Jakobs langjähriger Bekannter Freund Kowalski neben ihn und murmelt nach minutenlangem, von Schweigen erfülltem Suppenlöffeln, ob es Neuigkeiten gäbe. Jakob, der die Hintergründe dieser Frage genau kennt, gibt zuerst keine Antwort; erst als Kowalski das Argument der Freundschaft zur Sprache bringt, bestätigt er die Nachricht, die seinem ehemaligen Nachbarn zu Ohren gekommen war, bittet ihn jedoch schleunigst, Niemandem davon zu erzählen und geht.
Mischa ist auf dem Weg zu seiner Freundin Rosa und deren Familie. Er möchte den Frankfurters sofort die gute Nachricht überbringen. Mischa tut dies auf Umwegen, indem er
7 Vgl. Charakteristiken 2.4
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um Rosas Hand anhält. Die Eltern sind entsetzt und Felix Frankfurter, der Vater, sagt, man müsse verrückt sein, in dieser aussichtslosen Lage an eine Hochzeit denken zu können, da man in der momentanen Situation keine erfreulichen Zukunftsaussichten habe; er rechnet mit dem sicheren Tod. Diese Feststellung nutzt Mischa aus und erzählt der Familie von den Russen, und dass es nun sehr wohl angebracht sei, Zukunftspläne zu schmieden. Nachdem ihn Herr Frankfurter mittels einer Ohrfeige dazu zwingt, Jakobs Quelle preiszugeben, erwähnt Mischa das Radio. Daraufhin herrscht eiserne Stille im Zimmer. Mischa geht mit Rosa auf deren Wunsch zu sich nach hause. Als Herr und Frau Frankfurter alleine sind, nimmt Felix seine Frau mit in den Keller und kramt ganz zu deren Entsetzen ein altes Radio hervor, das er zerstört und beseitigt. Er befürchtet, die Gestapo bekomme Wind von einem streng verbotenen Radio im Ghetto und führe Hausdurchsuchungen durch. Am nächsten Tag hat sich die Nachricht von den Russen und dem Radio bereits herumgesprochen, und Jakob sieht sich, ganz zu seinem Ärger, an seinem Arbeitsplatz ständig mit ihm zulächelnden Menschen und deren Anspielungen konfrontiert. Nachdem er es endlich geschafft hat, Mischa abzuwimmeln, steht Kowalski neben ihm und möchte Neuigkeiten hören. Als Jakob behauptet es gäbe keine, antwortet Kowalski ungläubig, es sei nicht möglich, dass es in einem Krieg einen halben Tag und eine ganze Nacht keine Veränderungen gäbe. Daraufhin behauptet Jakob kurzerhand, die Russen wären drei Kilometer weiter vorgerückt, worüber sich Kowalski sehr freut und argumentiert, ein langsamer Vorstoss sei besser als ein schneller Rückzug.
Abends besucht Jakob wie immer die achtjährige Lina, die sich seit der Deportation ihrer Eltern vor zwei Jahren auf dem Dachboden in Jakobs Haus versteckt hält. Er hat sie sofort ins Herz geschlossen und teilt sogar seine Essensrationen mit ihr. Da sich Lina gerade von einer Krankheit erholt, ist auch Professor Kirschbaum anwesend, ein angesehener Arzt, der seiner jüdischen Herkunft keinerlei Bedeutung beimisst.
Mittlerweile hat sich die Nachricht der näher rückenden Befreier im ganzen Ghetto herumgesprochen. Das Leben macht wieder Sinn, Rettung naht, man beginnt über die Zukunft zu grübeln, kein Ghettobewohner setzt sich von nun an unnötig der Gefahr deportiert zu werden aus, Keiner setzt seinem Leben ein vorzeitiges Ende, Optimismus macht sich breit.
Eines Abends fällt der Strom aus. Für Jakob ist das eine willkommene Verschnaufpause, ohne Strom kein Radio, ohne Radio braucht Jakob keine Lügen zu verbreiten. Er wird jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass in Kowalskis Strasse noch Strom vorhanden sei, doch dieser möchte das Risiko nicht eingehen, das Radio zu sich nach hause bringen zu lassen. Die Ursache für den Stromausfall, die der lammfromme Herschel Schtamm für seinen Verdienst hält, da die Elektrizität just in dem Moment ausfiel, als er innigst zu Gott betete, etwas gegen das Radio zu unternehmen, wird nach wenigen Tagen von deutschen Elektrikern ausfindig gemacht, nachdem man die jüdischen Techniker für ihr Versagen erschossen hat. Jakob muss nun dringender denn je neue Nachrichten erfinden. Auf der Arbeit bietet sich eine verlockende Gelegenheit, als der Oberaufseher mit einer Zeitung unter dem Arm das nur für Deutsche reservierte Klohäuschen aufsucht und es ohne diese wieder verlässt. Jakob beobachtet die Szene und schleicht sich ins streng verbotene Holzhäuschen, um die Zeitungsreste zu ergattern. Als ihn ein durchfallgeplagter Wachmann beinahe ertappt, lenkt Kowalski diesen mit einem wagemutigen Manöver ab und Jakob kann entfliehen.
Die Zeitungsreste nutzen Jakob nichts, zumal es sich vorwiegend um Sportnachrichten handelt. Abends kommt Kowalski zu Besuch um Neuigkeiten zu hören. Dadurch erfährt Lina, die sich in Jakobs Wohnung versteckt, von dem Radio. Jakob macht Kowalski deswegen grosse Vorwürfe und behauptet, das Radio sei kaputt.
Am nächsten Tag hört Herschel auf dem Güterbahnhof Stimmen aus einem Waggon. Als er sich dem Wagen entgegen den Vorschriften erneut nähert, erzählt er den Eingeschlossenen vom Vormarsch der russischen Truppen, woraufhin er von einem Soldaten erschossen wird. Jakob macht sich grosse Vorwürfe.
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Er ertappt Lina beim Durchstöbern seiner Wohnung, auf der Suche nach dem Radio. Daraufhin wird ihm klar, welch grosse Bedeutung der Apparat für die Menschen im Ghetto hat, und beschliesst über Nacht, das Radio wieder "funktionieren zu lassen". Kowalski erscheint, begleitet von einem Mechaniker und der Absicht, das Radio von ihm reparieren zu lassen. Doch Jakob schickt den Fachmann mit der Nachricht, es sei wieder funktionstüchtig, weg. Die beiden plaudern über die Zukunft.
Lina fleht Jakob an, ihr das Radio zu zeigen. Er geht mit ihr in den Keller und imitiert eine Sendung mit Churchill, erzählt ein Märchen, und ahmt ein Konzert nach. Lina bemerkt die Täuschung.
Zufällig hört Jakob mit, wie Lina zwei gleichaltrigen Jungen das Märchen der Prinzessin und der Wolke erzählt, und danach gefragt, Jakob, nicht das Radio, als Quelle angibt. Abends kommt Professor Kirschbaum zu Besuch und konfrontiert ihn mit der Gefahr, die das Radio darstellt. Doch Jakob entgegnet ihm, dass das Radio Mut mache und die Selbstmordziffer des Ghettos dadurch auf Null gesunken sei; Kirschbaum ist tief beeindruckt von diesem Argument
Am nächsten Tag wird Kirschbaum von zwei SS-Männern abgeholt, um dem Gestapochef Hardtloff, der eine Herzattacke erlitten hat, zu helfen. Doch der Professor schluckt auf der Fahrt die Tabletten, die ihm die Schwester mitgegeben hat, und kommt tot bei der Villa Hardtloffs an.
Hardtloff stirbt und im Ghetto werden die Arbeiter dafür bestraft, indem sie nichts zu essen bekommen. Die Nachricht von Kirschbaums Tod erlangt im Ghetto weit grössere Wichtigkeit als die von Hardtloffs. Jakob möchte die Trauer durch ermutigende Lügen mindern. Zufällig erfährt Mischa, dass die Strasse, in der die Frankfurters wohnen, für die Deportation geräumt werden soll. Er eilt zu Rosas Arbeitsplatz, holt sie allerdings erst auf dem Nachhauseweg ein, da sämtliche Arbeiter nach hause geschickt wurden. Er bringt sie zu sich nach hause, ohne ihr den Grund dafür zu verraten. Als Rosa zum Fenster hinausschaut, muss sie mit Entsetzten feststellen, dass der Zug vorbeiziehender Menschen aus ihren Nachbarn besteht. Mischa gelingt es, seine Verlobte vom Fenster wegzuziehen, ehe diese ihre Eltern erblicken kann. Daraufhin macht sie ihm grosse Vorwürfe, dass er davon wusste und ihr nichts sagte
Eines Nachmittags beschliesst Rosa, die nun bei Mischa wohnt, in die Wohnung ihrer deportierten Eltern zu gehen. Sie sucht vergeblich nach einer hinterlassenen Nachricht ihrer Mutter und verlässt schliesslich die Wohnung mit einigen Lebensmittelkarten und Kleidern. Daraufhin macht sie sich auf den Weg zu Jakob, wo sie zuerst auf Lina trifft, der sie in einem Gespräch eröffnet, dass sie nicht an Jakobs Geschichten glaube. Der Frage, ob sie ihn also für einen Lügner halte, weicht sie allerdings aus. Jakob hört den letzten Teil dieser Unterhaltung mit, was Rosa verunsichert und sie veranlasst schweigend das Haus zu verlassen. Sogleich wird sie Zeuge, wie zwei Uniformierte das Haus betreten und entgegen aller Vermutungen dieses nicht mit Jakob, sondern mit Kirschbaums Schwester, die verhaftet wird, wieder verlassen.
Dieses Ereignis lässt Jakobs Vertrauen in die Wirksamkeit seiner hoffnungsgebenden Lügen schrumpfen. Mutlosigkeit überkommt ihn und er beschliesst, Kowalski die Wahrheit zu sagen. Dieser versichert ihm, ihn von nun an nicht mehr nach Neuigkeiten zu fragen. Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, erfährt Jakob beim vorübergehen an Kowalskis Haus, dass dieser sich erhängt hat. Da sich sein Freund umgebracht hat, weil er die Wahrheit nicht verkraftete, fasst Jakob den Entschluss, das Radio wieder in Betrieb zu nehmen, um Solches in Zukunft zu verhindern.
Der Erzähler kündigt an, nun zwei verschiedene Enden zu erzählen. Das eine ordentliche, das Jakob angemessen gewesen wäre, und dann das hässliche, das aber der Wahrheit entspricht.
Im ersten Ende, wird Jakob klar, dass sich etwas ändern muss. Er vertraut Lina Mischa und Rosa an, entledigt seine Jacke der Judensterne, schleicht in der Nacht zur Ghettobegrenzung und fängt an den Zaun zu durchtrennen. In diesem Moment wird er von den Schüssen einer
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Maschinenpistole getötet, die sich eigentlich gegen die Russen richtet, die das Ghetto erreicht haben und dem Erzähler und allen anderen Gefangene die Freiheit schenken. Der wirkliche Schluss endet mit der Situation, dass der Erzähler im Waggon Richtung Konzentrationslager mit Lina Freundschaft schliesst. Dadurch kommt es zum Kontakt mit Jakob, der ihm später seine Geschichte erzählen wird.
2.3 Interpretationen
2.3.1 Der Autor im Buch
Vergleicht man den Roman mit der Biographie Jurek Beckers, fallen nicht allzu viele Parallelen auf. Auch er verbrachte einige Jahre im Ghetto, doch da er damals noch ein Kind war und sich nicht an diese Zeit erinnern kann, ist diese Geschichte keine Erzählung aus eigener Erfahrung. Eben darum, weil Becker sich nicht an das Leben im Ghetto erinnern konnte, begab er sich auf Spurensuche, wie dies auch der Erzähler im Roman tut. Daraus entstand diese Geschichte. Der Erzähler recherchiert für die Geschichte Jakobs, nicht für seine Vergangenheit, die er selbst im selben Ghetto verbracht hat, daran kann er sich noch erinnern. Für Jurek Becker selber waren die Recherchen für seinen Roman ein grosses Stück Vergangenheitsbewältigung.
2.3.2 Baumsymbolik
Gleich zu Beginn äussert sich der Erzähler über seine spezielle und intensive Beziehung zu Bäumen. Für ihn ist das Verbot von Pflanzen jeglicher Art die schlimmste und sinnloseste Ghettoverordnung. Viele wichtige Stationen seines Lebens spielten sich unter einem Baum ab, sowohl positive als auch negative. Durch den Fall von einem Apfelbaum als Kind wurde die Bewegungsfreiheit seiner hand eingeschränkt, unter einem Baum ist der Erzähler "Ein richtiger Mann geworden" 8 , und unter einem Baum wurde seine Frau Chana, ohne sein Beisein, erschossen. Somit verbindet er mit dem Anblick eines Baumes, der ihm nun vorenthalten wird, die Erinnerung an den schmerzlichen Verlust seiner Frau, der er nicht einmal Beistehen konnte.
Das fehlen der Bäume im Ghetto ist auch deshalb symbolisch, da Bäume mit Hoffnungen und Wünschen verbunden werden. Die Pflanzen wachsen in die Höhe, streben dem Himmel entgegen, ohne dass sie jemand daran zu hindern versucht. In 1. Mose 3/22 steht vom "Baum des Lebens" geschrieben, und in den Mythen der Sioux-Indianer gibt es den Weltenbaum, unter dessen Zweige die Menschen wohnen. 9
Der Roman beginnt mit der Wertschätzung der Bäume, die der Erzähler dem Leser nahe bringt, und endet damit, dass er während der Zugfahrt ins Konzentrationslager endlich wieder seine geliebten Pflanzen zu Gesicht bekommt.
Bei genauerem Betrachten, findet man das Symbol auch in einigen der Figuren wieder; Die Geschwister Kirschbaum sowie auch die Gebrüder Schtamm tragen es in ihrem Namen.
2.3.3 Komödie und Tragödie im Judenghetto
In der Geschichte kommt viel Komik zum Zug. Der Ghettoalltag ist von komischen Ereignissen gespickt, was zu verstehen geben soll, dass das Leben nicht stehen geblieben ist. Doch der Leser wird immer wieder durch tragische Vorkommnisse, wie zum Beispiel der Deportation der Frankfurters, des Todes Kirschbaums oder am Schluss des Selbstmords von Kowalski daran erinnert, dass sich die ganze Geschichte in einem Ghetto abspielt, wo die Juden von den Soldaten unwürdig und unmenschlich behandelt werden.
8 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.283
9 Matzkowski, Bernd: Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001
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Die Tatsache, dass Jakobs Zimmernachbar Rosenblatt den Tod fand, weil er eine verhungerte Katze verspiesen hatte, erscheint zuerst amüsant. Doch dahinter steckt die Tragik, dass die Ghettobewohner dazu gezwungen sind, Tierkadaver, oder was sie sonst in die Finger bekommen, zu Essen, um ihrem Hunger ein Ende zu setzen.
2.3.4 Alltag im Ghetto
Die politischen Geschehnisse oder die Vorgeschichte werden kaum erwähnt, das Ghetto ist eine Welt für sich, ein Dorf mit seinen Einwohnern jeder Altersklasse, nur ist es abgeschottet.
Bewohnt wird dieses Dorf von Menschen, die nur etwas gemeinsam haben: sie sind Juden. In der Geschichte Jakobs treten einige dieser Personen aus der Menge hervor. Sie haben ihre eigenen Gewohnheiten, ihre eigenen Bekanntschaften, ihre eigene Geschichte. Die Ghettobewohner erscheinen nicht mehr als Menge, sondern als eigene Charaktere mit ihrem eigenen Leben.
Die Menschen im Ghetto sind sehr eingeschränkt, sehr Vieles ist verboten und es bestehen strenge Verordnungen. Und doch gelingt es einigen von ihnen, wieder Schritte zu einem geordneten Leben zu tätigen. So zum Beispiel Mischa und Rosa, die eine Liebesbeziehung aufbauen. Auch Rituale und Gewohnheiten wie das Schachspiel zwischen Felix Frankfurter und seiner Tochter zeigen einen gewissen Hang zur Normalität.
Die Menschen gewöhnen sich allmählich an ein Leben in Gefangenschaft, geprägt von Angst und Unterdrückung, und finden sich mit der Situation ab. Das Ghetto ist immerhin "nur" die Vorstufe, noch ist man nicht im KZ, noch lebt man und hat man eine Chance zu überleben. Doch längst hat man sich dem Gedanken, jeden Tag erschossen oder deportiert werden zu können, gefügt. Manche kommen mit diesem Bewusstsein allerdings nicht zurecht und bringen sich um, um sich von der stetigen Angst und ungewissen Zukunft zu befreien.
2.3.5 Bedeutung des Radios
Dies ist der Punkt, welcher sich ändert, als sich die Nachricht von Jakobs Radio und den näher rückenden russischen Befreiungstrupps verbreitet. Schlagartig erwacht in den Bewohnern die Hoffnung, man schaut optimistisch in die Zukunft, bald ist alles vorbei. Diejenigen welche mit der Situation nicht zurechtkamen, sehen plötzlich einen Sinn im Weitermachen und verdrängen ihre Suizidgedanken. "(…)Seit sich die Nachrichten im Ghetto herumgesprochen haben, ist mir kein Fall bekannt geworden, dass sich jemand das Leben genommen hat." 10 Wie Jakob gegenüber Kirschbaum argumentiert.
Für die meisten Menschen ist das Radio der einzige Anstoss weiterzumachen, die Schikanen der SS-Männer über sich ergehen zu lassen, die Zähne zusammenzubeissen. Plötzlich scheint ein Ende in Sicht, die Freiheit rückt in greifbare Nähe. Die Ghettobewohner sind geradezu süchtig nach neuen Informationen, sie lechzen nach Erfolgsberichten. Das Radio ist das Letzte, woran sie sich klammern können, Jakob wird zu ihrem Hoffnungsträger, ob er will oder nicht, steht er für sie im Mittelpunkt, er ist der Mann mit den guten Neuigkeiten. Wie eine Oase in der Wüste wirkt der unscheinbare Jude, wo man sich mit Optimismus voll tanken kann. Dabei verdrängen Viele die Tatsache, dass das Radio keinen Einfluss auf das Näherrücken der Befreier hat, sondern lediglich darüber Bericht erstattet.
2.3.6 Die beiden Enden
Jurek Becker lässt seinen Erzähler im Roman zwei Enden schildern, das eine erfunden, das andere wahrheitsgetreu.
Das erste, "ordentliche, angemessene und erfundene" Ende:
10 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.195
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Im erfundenen Ende bringt sich Kowalski nicht um, da er die Wahrheit nicht erfährt. Jakob sucht nach einer Lösung, um seine Lügnereien zu beenden, ohne dabei eine Selbstmordwelle auszulösen. Dies gestaltet sich als sehr schwierig und er versucht anstatt des Radios, "die Juden loszuwerden", indem er ihnen aus dem Weg geht, um Begegnungen zu vermeiden, und ihnen jegliche Auskunft verweigert. Damit zieht er den Hass der Ghettobewohner auf sich, welche planen, wie ihm Mischa berichtet, sich das Radio mit Gewalt anzueignen. Von nun an werden auch Mischa und Kowalski als Freunde des Verräters verachtet. Jakob kommt mit der allgegenwärtigen Feindseeligkeit und der Angst vor einem Überfall nicht so gut zurecht wie er zuvor angenommen hatte. Er bittet Mischa unter dem Vorwand krank und geschwächt zu sein, Lina bei sich aufzunehmen. Rosa sagt sofort zu und findet auch bei Mischa doch noch widerwillige Zustimmung, welcher als Gegenleistung, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, Neuigkeiten von Jakob erhält. Dieser bringt Lina am nächsten Abend zu seinen Freunden, befreit zu hause seine Jacke fein säuberlich von dem aufgezwungenen Judenstern und schleicht sich nach der Sperrstunde aus dem Haus. Er macht sich am Marktplatz an die Arbeit, so leise wie möglich den Stacheldraht durchzuschneiden. Der Erzähler selbst kann keinen festen Grund für Jakobs Ausbruchversuch nennen, stellt dem Leser aber drei mögliche Veranlassungen zur Auswahl; 1: Jakob hat
all seine Hoffnung auf Befreiung verloren und möchte sein nacktes Leben retten.
dem
Noch während sich Jakob bemüht, so leise wie möglich einen Drahtstrang mit seiner Zange zu kappen, wird er von einem Soldaten auf dem Wachturm erschossen. Daraufhin erfolgt lautstark der Einfall der Russen, die den Juden die langersehnte Freiheit bringen. Einige der Juden flüchten über den Marktplatz, wo der unter dem Zaun liegende Mann von Kowalski oder sonst jemandem als Jakob identifiziert wird.
Dieses Ende "geht ein wenig auf Kosten Jakobs" 11 , wie der Erzähler es nennt. Er wird erschossen, doch die Schüsse sind Vorboten des Guten, welches nun eintreffen wird. Der Erzähler lässt den Grund für Jakobs Ausbruchversuch dahingestellt, er überlässt es dem Leser, der Hauptfigur einen angemessenen Grund dafür zu geben. Man kann Jakob noch eine letzte Heldentat zuschreiben, falls er versucht Informationen zu beschaffen und sich somit einzig und allein um das Wohlergehen seiner Mitmenschen sorgt.
Das zweite, "blasswangige und verdriessliche, das wirkliche und einfallslose Ende" 12
Im wirklichen Ende ist Kowalski tot und Jakob macht sich deswegen grosse Vorwürfe. Als er sich seinem Arbeitsplatz nähert, wird er am verschlossenen Bahnhofstor von einer Menschenmenge erwartet, die stumm auf ihn zeigt und zur Seite tritt, um ihm den Durchgang bis zur angebrachten Nachricht am Eisentor zu ermöglichen. Der Erzähler befindet sich inmitten dieser Menschenmasse und schildert, stellvertretend für die gesamte Arbeiterschaft, seine Gefühle gegenüber Jakob. Dieser bleibt regungslos vor der verhängnisvollen Botschaft stehen, in der die Räumung des Ghettos angekündigt wird. Die Menschen warten stumm auf eine Reaktion ihres Hoffnungsträgers. Doch auch dieser kann jetzt das Unabwendbare nicht mehr abwenden, er hat nichts mehr zu sagen. "(…) jetzt steht er in einem engen Halbkreis, (…) wie ein Spassmacher, der im entscheidenden Moment
11 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.270
12 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.272
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seinen Text vergessen hat." 13 Die unangenehme Stille wird von einem Posten durchbrochen, worauf sich die Menge auflöst und Jakob nach hause geht. Während er Linas Sachen einpackt, kehrt diese von Ihrem unbewilligten Ausflug zur Wasserpumpe zurück und durchlöchert ihren Fürsorger mit Fragen, auf welche dieser nur kärglich antwortet. Er bestätigt ihre Annahme, dass sie verreisen werden, was sie in den Glauben versetzt, eine Reise so weit wie nach Afrika zu unternehmen. Jakob unterlässt es, ihre überschwängliche Freude durch eine Berichtigung einzudämmen. Als nächstes sitzen die Beiden im fahrenden Zug, im selben Waggon wie der Erzähler, welcher die Situation schildert. Es ist eng und stickig, er sitz gleich neben Jakob, der sich einen Lukenplatz ergattert hat. Wiederholt gibt der Erzähler zu verstehen, dass sein Sitzplatz neben Jakob rein zufällig war, er keineswegs darauf erpicht war, neben ihm zu sitzen, aber auch kein Problem damit habe. "Ich habe mich nicht neben ihn gedrängt, mir ist es gleichgültig, neben wem ich fahre, es hat sich einfach so ergeben." 14 Er erblickt Lina, die ihm Jakob sympathischer macht. Der Erzähler versucht mit dem Mädchen in Kontakt zu kommen, doch dieses ist damit beschäftigt, Jakob nach dem Märchen mit der kranken Prinzessin und der Wolke zu fragen, wobei nochmals bestätigt wird, dass sie Jakob, und nicht das vorgetäuschte Radio, für den Erzähler hält: "Ich habe genauso erzählt wie du." 15 Lina schafft es, den zurzeit sehr in sich zurückgezogenen Jakob aus der Reserve zu locken, indem sie ihn dazu bringt, sich nochmals in die fantasievolle Welt der Märchen versetzen zu lassen. Als dieser aber doch irgendwann keine Lust mehr hat auf ihre eindringlichen Fragen zu antworten, meldet sich der Erzähler zu Wort und erklärt Lina die Entstehung der Wolken, wodurch er auch Jakobs Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dadurch kommen die beiden zum ersten Mal in Kontakt miteinander, und Tage später wird Jakob dem Erzähler seine Geschichte schildern. Jakob lässt den Erzähler an die Luke, wo dieser endlich wieder Bäume sehen kann.
In diesem, zweiten Ende ist der Erzähler einer der wenigen Überlebenden. Er nennt es Zufall, dass Jakob gerade ihm seine Geschichte erzählt hat; "Denn dass ich als einer von wenigen überlebe, steht nicht in meinem Gesicht geschrieben." 16 Eine zentrale Rolle spielt in dieser Schlussvariante Lina, dient sie doch als Bindeglied zwischen Jakob und dem Erzähler. In beiden Enden wird sehr viel Wert auf die richtige und vorsichtige Umgangsweise mit Lina gelegt, man versucht sie vor allen grauenhaften Realitäten zu beschützen. So lässt Jakob sie im zweiten Schluss im Glauben, auf Reisen zugehen und bestätigt die wahre Begebenheit des Märchens, welches sie so fasziniert. Man möchte ihr auf jeden Fall ihre Illusionen lassen, die Illusionen eines kleinen unschuldigen Kindes.
Im ersten Ende beharrt der Erzähler darauf, dass die Leiche unter gar keinen Umständen von Lina entdeckt werden darf. Auch hier geht es ihm einzig und allein um ihr Wohlergehen, was von seiner Zuneigung zu dem aufgeweckten Mädchen zeugt, die er ihm "wahren" Ende entwickelte.
Wenn auch der Erzähler ihm zweiten Schluss mit grösster Wahrscheinlichkeit Lina nicht vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager bewahren kann, so macht er dies zu einem der wesentlichen Unterschiede in seinem selbst erfundenen Ende; Lina überlebt.
Gemeinsam haben die beiden Schlüsse den Tod Jakobs. Doch ihm ersten Ende folgt darauf die Befreiung der Juden, der lang ersehnte und doch zumindest für Jakob unrealistisch scheinende Einmarsch der Roten Armee.
13 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.275
14 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.279
15 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.280
16 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.282
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2.4 Personen und Charakteristika
2.4.1 Erzähler
Über den Erzähler erfährt man nicht viel, er spielt in der eigentlichen Geschichte keine Rolle. Unser Wissen über ihn beschränkt sich auf sein Alter, dass seine Frau erschossen wurde, und für ihn Bäume 17 eine sehr grosse Bedeutung haben. Ausserdem macht er sich Vorwürfe wegen des ausgebliebenen Widerstands der Ghettobewohner. Er hat das Konzentrationslager als einer der Einzigen überlebt und Nachforschungen über die Geschichte, die ihm Jakob bei der Deportation im Zug erzählte, angestellt. Diese Recherchen gestalten sich für ihn zu seiner Lebensaufgabe, es ist ihm ungeheuer wichtig, die Geschichte loszuwerden. Er besuchte zum Beispiel Schauplätze und befragte Zeugen, um einige Unklarheiten besser verstehen zu können. Des Öfteren betont er, dass die Geschichte nicht hundertprozentig der Wahrheit entspräche, da es wegen einiger Lücken notwendig war, sich selbst auszudenken, wie sich die Ereignisse zugetragen haben könnten.
Der Erzähler erscheint als Randfigur, die nur in der Menge Teil am Geschehen nimmt und keinen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte hat.
Nun möchte er den Heldentum Jakobs unter den Menschen verbreiten, ihm sozusagen die letzte Ehre erweisen.
Darum ist es eine grosse Belastung für ihn, dass in der Nachkriegszeit solche Erzählungen keinen Anklang finden.
2.4.2 Jakob
Jakob ist die Hauptfigur der Geschichte, die ganz unfreiwillig zum Helden wird. Dies fängt damit an, dass er Mischa durch eine Lüge von einer Dummheit abhält, und somit merkt, was für eine Wirkung Solche haben kann. Dadurch wird er nach und nach zum Hoffnungsträger der ganzen Ghettobevölkerung. Das Lügen verwandelt seine im Allgemeinen negative Bedeutung schlagartig in eine positive, da dieses die Menschen dazu bewegt durchzuhalten und wieder auf ein besseres Leben zu hoffen. Die Psychologin Jeannette Schmid hat für das Lügen folgende Definition "Wenn ich etwas vermitteln will, von dem ich selbst meine, dass es nicht wahr ist, aber möchte, dass es mir geglaubt wird, (…) um mir selbst oder anderen
17 Vgl: Baumsymbolik 2.3.2
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 14 -Anita Suter Oktober 2002
etwas Gutes tun zu wollen" 18 Jakob verbreitet Lügen, um anderen damit etwas Gutes zu tun, zu ihrem Wohlergehen beizutragen. Dabei geht es ihm in keiner Hinsicht um seine eigenen Interessen. Der positiven Wirkung seiner Lügen ist Jakob durchaus bewusst, doch auch erkennt er die Missbilligung seiner Nachrichtenverbreitung. Eine Gruppe von Menschen, darunter Felix Frankfurter, sieht das Radio als Gefahr und verurteilt Jakob. Deshalb ist er es leid, Lügen zu verbreiten und sucht nach Möglichkeiten, dies einstellen zu können. Als er Kowalski die Nichtexistenz seines Radios gesteht und dieser sich daraufhin umbringt, macht sich Jakob grosse Vorwürfe und verbreitet wieder erfundene Nachrichten. Er fühlt sich in gewisser Weise verantwortlich für das Wohlergehen der Ghettobewohner. Jakob ist sehr fürsorglich, er kümmert sich aufopferungsvoll um das Waisenmädchen Lina und bringt sich deshalb in grosse Gefahr.
Jakob ist sehr fantasievoll, was besonders zum Ausdruck kommt, als er für Lina eine Radiosendung nachahmt. Er bringt dadurch etwas Farbe und Lebensfreude in den düsteren Ghettoalltag.
Sein Nachname Heym kann in Anlehnung an die hebräische Lautung auch CHAIM geschrieben werden, was mit LEBEN übersetzt werden kann. 19 Jakob Heym ist in jeder Hinsicht der Held in dieser Geschichte, er gibt den Menschen Hoffnung und stärkt somit ihren Lebenswillen, indem er sich selbst in höchste Gefahr begibt. Er ist ein selbstloser Mensch, der in erster Linie für das Wohlergehen seiner Mitmenschen handelt und seine eigenen Interessen zurücksetzt.
2.4.3 Kowalski
Der ehemalige Friseur ist seit vielen Jahren Jakobs Freund. Vor der Zwangseinweisung in das Ghetto lagen Jakobs kleines Restaurant und Kowalskis Salon dicht beieinander. Ihre Freundschaft ist von unwesentlichen Streitereien durchzogen. Der eindeutige Freundschaftsbeweis wird von Kowalskis mutigem und äusserst riskantem Einsatz zur Rettung Jakobs aus dem Klohäuschen geliefert. Dadurch zeigt sich auch in Kowalski eine Spur von Heldentum. Trotz seiner Geschwätzigkeit und seiner misstrauischen Art, erscheint er doch "plötzlich liebenswert" 20 . Er bedrängt Jakob unaufhörlich, ihm neue Neuigkeiten zu liefern, er ist geradezu süchtig danach und denkt an nichts anderes mehr. Welche Bedeutung das Radio für ihn hat, wird klar, als er sich das Leben nimmt, nachdem ihm Jakob gesagt hat, dass dieses nur erfunden war.
2.4.4 Lina
Lina ist ein aufgewecktes Mädchen, das die Fürsorge Jakobs sehr zu schätzen weiss und ihn dies mit all ihrer Zuneigung auch spüren lässt. Sie verteidigt ihn vor Rosas und Rafaels Kritiken und freut sich stets auf seinen täglichen Besuch. Obwohl sie von der Nicht-Existenz des Radios weiss, lässt sie es nicht zu, dass Jakob als Lügner beschimpft wird. Lina ist ein Mädchen, das in der Welt der Märchen versinken kann und sich gerne Geschichten erzählen lässt, so zum Beispiel über Afrika. Sie ist ein aufgewecktes Kind, das gerne unerlaubte "Expeditionen" unternimmt und ihre Umwelt erforscht. Besonders ausgeprägt ist ihre Neugier, die zum Ausdruck kommt, als sie Jakobs Wohnung auf den Kopf stellt, um das Radio zu suchen.
2.4.5 Mischa:
Er ist der Erste, der von den Russen und dem Radio erfährt. Die Nachricht ermutigt ihn und hält ihn davon ab, den Kartoffeldiebstahl zu begehen. Er denkt wieder an die Zukunft und macht Rosa einen Heiratsantrag. Seine Beziehung zu Rosa ist für ihn von grosser Bedeutung. Allerdings geniesst er vor allem die jetzige Zeit mit ihr, im Gegensatz zu Rosa, die fleissig an
18 Zitiert in: Lassen, Svenja: "Du lügst doch!" Brigitte Young Miss. 18.9.02.
19 Matzkowski, Bernd: Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001, S.77
20 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.256
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 15 -Anita Suter Oktober 2002
Zukunfts- und Familienplänen schmiedet. Mischa ist es wichtiger, das gemeinsame Glück in dieser schwierigen Situation zu geniessen, als an später zu denken. Ihm ist das Wohlergehen Rosas sehr wichtig. Dabei handelt er manchmal aber auch aus eigenen Interessen, als er zum Beispiel behauptet, sein Zimmernachbar sei taubstumm, damit Rosa ihre Hemmungen, in einem Raum mit einem fremden Menschen, mit Mischa zu schlafen, verliert.
Indem er Jakob von den Plänen seiner Mitmenschen Bericht erstattet, zieht er selbst deren Hass auf sich. Mischa ist kein sehr enger, aber trotzdem treuer Freund Jakobs.
2.4.6 Rosa
Nachdem sie über Mischa von Jakobs Radio und den damit zusammenhängenden Neuigkeiten erfährt, beschäftigt sie sich intensiv mit der Zukunft. Sie plant bereits eine Familie mit Mischa, was diesem aber eher missfällt. Rosa ist wie geblendet von den Nachrichten, sie verdrängen in ihr sämtliche Befürchtungen und die Möglichkeit eines bitteren Endes. Erst durch die Deportation ihrer Eltern wird sie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Daraufhin ist sie davon überzeugt, dass die Geschichten Jakobs erfunden seien, bezeichnet ihn jedoch gegenüber Lina nicht als Lügner. Ihrer Meinung nach ist ihr Jakob Rechenschaft schuldig, er sagte alles würde gut werden, nichts wird gut! Sie wurde mit der bitteren Realität konfrontiert, als sie zuschauen musste, wie ihre Eltern abgeführt wurden, und glaubt nun nicht mehr an ein gutes Ende.
2.4.7 Das Ehepaar Frankfurter
Felix Frankfurter hält an seiner Vergangenheit als Schauspieler fest, er klammert sich geradezu daran, um den schrecklichen Alltag zu verdrängen. Um ein wenig Normalität zu schaffen, lässt er das Schachspiel einen wichtigen Platz in seinem Alltag einnehmen. Destotrotz macht sich in ihm grosser Pessimismus breit. Er hat keine Hoffnung auf eine Zukunft. Herr Frankfurter ist ein Entschiedener Gegner Jakobs, er sieht in dem Radio nichts weiter als grosse Gefahr.
Frau Frankfurter verkörpert eine sich sorgende Mutter und Ehefrau. Sie bleibt im Hintergrund, ihr Mann fällt alle Entscheidungen. 21
2.4.8 Herschel Schtamm
Er ist strenggläubiger Jude und versteckt seine traditionellen Schläfenlocken unter einer Mütze vor den Nazis. Schtamm sieht in dem Radio auch eher eine Gefahr als etwas Gutes. Er betet sogar zu Gott, etwas gegen den Apparat zu unternehmen, so gross ist seine Sorge, das Radio könnte im Ghetto Schaden anrichten.
Herschel Schtamm wird von einem Soldaten erschossen, als er Eingeschlossenen in einem Wagen auf dem Güterbahnhof die Nachricht der heranrückenden Russen zuflüstert, um ihnen einen letzten Funken Hoffnung zu geben. Dadurch macht auch er sich die Nachricht zu Nutze und erkennt den Zweck, den sie verfolgt.
Wenn auch in diesem Roman nicht weiter auf das Judentum eingegangen wird, oder gerade deshalb, wird dieses von Herschel Schtamm verkörpert, der aan seinem Glauben und dessen Bräuche auch während der Ghettozeit und unter strengstem Verbot festhält.
2.4.9 Professor Kirschbaum
Vor der Nazidiktatur war er ein angesehner Herzspezialist, in der ganzen Welt berühmt und begehrt. Er konnte sich nie mit dem Judentum identifizieren und keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen dem jüdischen Volk und sich erkennen. Auch hält er die Tatsache für sinnlos, als Jude geboren zu werden und auf Grund seiner Vorfahren zu ihnen zu gehören "Kirschbaum hat nie einen Gedanken daran verschwendet, dass er Jude ist, schon sein Vater war Chirurg,
21 Jurek Becker teilt den Frauen in seinen Romanen allgemeine keine wesentlichen und wichtigen Rollen zu. Das lässt sich durch den frühen Verlust seiner Mutter erklären, er wuchs mit seinem Vater, ohne Frau auf.
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 16 -Anita Suter Oktober 2002
was ist das schon, jüdische Herkunft, sie zwingen einen, Jude zu sein, und man selbst hat gar keine Vorstellung, was das überhaupt ist. Jetzt sind um ihn herum lauter Juden, er hat sich den Kopf über sie zerbrochen, er wollte herausfinden, was es ist, wodurch sie sich alle gleichen, vergeblich, sie haben untereinander nichts Erkennbares gemein, und er mit ihnen schon gar nicht." 22
Kirschbaum bringt sich um, als er Hardtloff, den Lagerkommandanten, nach einem erlittenen Herzinfarkt retten soll. Er möchte keinen 'Verrat' an den Ghettobewohnern ausüben, erkennt in ihnen also somit doch so etwas wie eine Gemeinschaft, zu der auch er gehört. Der Professor behält seine Würde, sowie er auch seine Identität als hochgeschätzter Arzt zu bewahren versuchte.
2.5 Form & Sprache
2.5.1 Form
Das Buch ist nicht in Kapitel unterteilt, visuell erkennbar ist es lediglich in Abschnitte gegliedert. Einige Episoden sind wie Szenen gestaltet 23 , darin lässt sich Beckers einstige Absicht, ein Drehbuch an Stelle eines Romans zu verfassen, wieder erkennen. Das umgearbeitete Drehbuch hat deutliche Spuren hinterlassen, die in verschiedenen Situationen, sowie in Dialogen als auch in Schauplatzbeschreibungen, zum Ausdruck kommen. Teilweise sind die Szenen sehr kurz, erinnern an knappe Sequenzen.
Zwischendurch schaltet sich der Erzähler für längere Zeit ein um Kommentare loszuwerden oder auf die Quellen der Geschichte aufmerksam zu machen. Obwohl er in diesen Abschnitten viel Persönliches ans Licht bringt, erzählt er kaum etwas über sich selbst. Während dieser Zeilen verlässt der Leser den Schauplatz und das Geschehen im Ghetto und findet sich alleine mit dem Erzähler in dessen Gegenwart wieder. Es ist wie eine Art Ausblende.
Eine Sonderheit an Beckers Roman, wenn auch formal nicht ersichtlich, bilden die beiden Schlussvarianten. Es gibt zwei verschiedene Enden, von denen das Eine aber vom Erzähler klar und deutlich als das Eigentliche, das sich so Zugetragene bezeichnet wird.
2.5.2 Sprache
Der Roman ist in einem Schreibstil fast unvergleichbar lockerleichten Art geschrieben. Die Unaufgeregtheit und Ruhe, mit der Becker die Geschichte seines Protagonisten erzählt ist faszinierend. Die Sätze sind unspektakulär und unkompliziert, flüssig zu lesen und trotzdem nicht eintönig. Emotionale Ereignisse werden sprachlich kaum unterstrichen, Spannung wird
22 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.80
23 Matzkowski, Bernd: Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001, S.87
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 17 -Anita Suter Oktober 2002
nicht durch Steigerung oder Veränderung der Wortabfolge untermalt, und trotzdem wird der Leser vor Langeweile bewahrt. Die Geschichte ist mit Humor und Ironie gespickt, die aber nicht die Absicht haben, brüllendes Gelächter, sondern eher ein Schmunzeln zu entlocken; Die humoristischen Einlagen erfüllen ihren Zweck. Ein Beispiel für die verwendete Komik ist die Klosettszene 24 , die Trotz ihrer grossen Gefahr, die sie birgt, äusserst komisch erscheint. Aufgrund des tragischen Hintergrunds der Geschichte, der Judenvernichtung, scheint es besonders heikel, einen angebrachten Erzählton zu finden, der die Realität nicht verharmlost, oder im Falle falsch eingesetzten Humors, gar ins Lächerliche zieht. Dieser Herausforderung ist Jurek Becker gerecht geworden.
Er beherrscht das Spiel mit Ironie und Humor hervorragend, neigt aber nicht zu Übertreibung. Die schrecklichen Tatsachen jener Zeit werden nicht verschwiegen, sondern eher beiläufig erwähnt. Becker setzt die Kenntnisse des Lesers über die geschichtlichen Hintergründe voraus, und geht darum nicht genauer darauf ein.
"Bei einem so düsteren Thema lässt sich mit Düsterheit am wenigsten ausrichten, eher schon mit hellen und heiteren Kontrasteffekten, mit Witz und Komik. Das allerdings ist sehr schwierig und nahezu waghalsig. Aber Becker hat es geschafft." 25 Ein weiteres sprachliches Mittel, dessen sich Becker für seinen Roman bedient, ist das bildhafte Sprechen. So vergleicht er zum Bespiel, die Möglichkeit, Jakob einen würdevollen Schluss zu widmen, damit, "irgendeinem traurigen Tier (…) den prächtigen Schwanz eines Pfauen anzuhängen" 26 .
2.6 Wirkung des Romans
2.6.1 Rezeption
Der aus "Trotz" entstandene Roman Jakob der Lügner wurde nach seiner Erscheinung in der DDR im Jahr 1969 zu einem Riesenerfolg. Das Buch wurde international bekannt und in über 20 Sprachen übersetzt. 1974 wurde der Roman verfilmt und auf der Berlinale mit dem silbernen Bären sowie mit einer Oscar-Nominierung als bester ausländischer Film geehrt. Beckers Roman bekam allgemein sehr gute Kritik und wurde in Westdeutschland hervorragend aufgenommen. Dort schätzte man vor allem die humorvolle und charmante Darstellung des Protagonisten.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hiess es, der Roman sei "wie ein blutiger Witz, wie eine Humoreske mit Trauerrand." 27
Die Zeit schrieb, dass der Roman ein düsteres Thema "leicht und amüsant" behandle und ein Literaturwerk mit "Charme und Grazie und viel Humor" sei. 28
In der Presse stiess man auf keine nennenswert negative Kritik, nur in eindringlicheren Auseinandersetzungen mit dem Roman, literaturwissenschaftlicher Art, war sie zu finden. So zum Beispiel hiess es, die Darstellung wirke als "spielerischer Umgang mit einer Wirklichkeit,
24 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.104 ff.
25 Marcel Reich-Ranicki, zitiert in Königs Erläuterungen und Materialien, S.101
26 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.258
27 Michaelis, Rolf: zitiert nach Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001, S.95
28 Reich-Ranicki, Marcel: zitiert nach Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001, S.95
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 18 -Anita Suter Oktober 2002
die absolut nichts spielerisches hat" 29 . Eine Anspielung auf den düsteren Hintergrund des Romans, der es nicht zulasse, so locker mit dem Thema umzugehen. In der DDR wurde Beckers Roman zweideutig aufgefasst. Da Jakob nicht dem erwünschten klischeehaften Helden der DDR entspricht, führte dieser Punkt zu deutlicher Kritik. Die DDR-Rezensenten riefen Becker gar "fehlerhaftes Erzählen" nach, da er die Politik in den Hintergrund stellte, und seiner schriftstellerischen Fantasie freien Lauf liess. Werner Neubert, im Zentralorgan der SED, meint dazu, Jakob Heym fehle "die mächtigste moralische Reserve, das Vertrauen aus Klassenposition und politischem Bewusstsein", gerade aus diesem Grund hätte der Autor "seinem Buch sicherlich eine noch tiefere soziale, kritische Dimension verleihen können." 30
Für Becker war diese Auffassung voraussehbar, und so lässt er den Erzähler seines Buches diese Situation in einer einleitenden Bemerkung bereits ansprechen; "Ich habe schon tausendmal versucht, diese verfluchte Geschichte loszuwerden, immer vergebens. Entweder es waren nicht die richtigen Leute, denen ich sie erzählen wollte, oder ich habe irgendwelche Fehler gemacht." 31
Diese Aussage gilt für den Erzähler in seiner Gegenwart im Westdeutschland der Nachkriegszeit, in der man die NS-Zeit verschweigen und vergessen will, sowie auch für Jurek Becker selbst, da er sich dem verordneten Antifaschismus in seinem Buch verweigert.
2.6.2 Widerspruch zum sozialistischen Realismus
Seit Beginn der DDR, stand die dortige Literatur im Zeichen des sozialistischen Realismus. Dieser charakterisierte sich durch den so genannt positiven Helden, welcher durch sein Handeln einer kommunistischen Idealgesellschaft als Vorbild dient. Damit ist der sozialistische Realismus also keineswegs realistisch, sondern stellt Wirklichkeit unter ideologische Perspektive und verklärt Realität zur Utopie. 32 Genau dem wirkt Jurek Becker mit seinem 'etwas anderen' Helden entgegen. Jakob wird keineswegs verherrlicht, auch hat und hatte er nie vor, sich durch eine besondere, und, in Assoziation mit dem Begriff "Held" oft verwendet, mutige Tat auszuzeichnen. Er ist ein Held wider Willen, der nun mal nicht den Vorstellungen des sozialistischen Realismus entspricht.
3. Glossar
namhafte Schriftsteller, darunter auch Becker, in einem offenen
protestierten, in der so genannten Biermann-Petition. 33
DEFA Deutsche Film AG
29 Lüdke, Martin und Lüdke-Haertel, Sigrid: zitiert nach Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001, S.96
30 Zitiert nach Königs Erläuterungen und Materialien Band407.Bange 2001. S.96
31 Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982, S.9
32 Encarta Enzyklopädie 2002. Microsoft 2002
33 Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der dt. Literatur. Reclam 1978, S.307 ff.
34 Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001, S.180
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 19 -Anita Suter Oktober 2002
Sozialismus. 35
4. Quellenverzeichnis
Primärliteratur
• Becker, Jurek: Jakob der Lügner. Suhrkamp Taschenbuch 1982 (Ersterscheinung: 1969)
Sekundärliteratur
• Matzokowski, Bernd: Königs Erläuterungen und Materialien Band 407. Bange 2001
• Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Reclam
Internet
• http://www.cinegraph.de/lexikon/Becker_Jurek/biographie.html
• http://www.hausarbeiten.de
• http://www.pausenhof.de/biographien/biob001.asp
35 Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001, S.260
36 Encarta Enzyklopädie 2002. Microsoft 2002
37 Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001, S.703
38 Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001, S.856
39 Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001, S.856
Jurek Becker - Jakob der Lügner - 20 -Anita Suter Oktober 2002
• http://arcadepub.com/author/index.cfm?fa=ShowAuthor&Person_ID=197
Lexika
• Bertelsmann: Universallexikon. Bertelsmann 2001
• Zirbs, Wieland (Hrsg): Literaturlexikon. Cornelsen 1998
• Microsoft Encarta Enzyklopädie 2002. 1993-2001 Microsoft Corporation
Sonstige Medien
• Lassen, Svenja: 'Du lügst doch!' Brigitte Young Miss. 18.9.02.
Arbeit zitieren:
Anita Suter, 2002, Becker, Jurek - Jakob der Lügner, München, GRIN Verlag GmbH
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