Johann Christoph Tieth
Wohnwelten der Zukunft - New Urbanism als Lösung?
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einführung in die Arbeit 6
1.1. Problemstellung. 6
1.2. Zielsetzung und Fragestellungen. 7
1.3. Methodisches Vorgehen. 8
1.4. Aufbau der Arbeit. 10
2. Strukturwandel und Wohnen in der Stadt 12
2.1. Definition und Ursachen. 12
2.2. Folgen. 13
2.2.1. Allgemeine Folgen. 14
2.2.2. Räumliche Auswirkungen. 15
2.2.3. Folgen im Bereich Wohnen. 17
2.2.4. Folgen für Lebensstile und soziale Leben. 20
3. Zwischen Konzentration und Zersiedlung 24
3.1. Europäische Stadt. 24
3.2. Suburbia. 27
3.3. Zwischenstadt. 30
3.4. Dezentrale Konzentration. 33
4. New Urbanism 36
4.1. Definition und Ursprünge. 36
4.2. Ziele, Grundsätze und Prinzipien. 38
4.3. Gestalterische Aspekte. 41
4.3.1. Historismus. 41
4.3.2. Neotraditionalismus. 43
4.3.3. Regionalismus. 44
4.4. Umsetzungsbeispiele. 45
4.4.1. Seaside (USA) 46
4.4.2. Brandevoort (Niederlande) 48
4.4.3. Kirchsteigfeld (Potsdam) 49
4.4.4. Tacheles (Berlin) 51
4.4.5. Ostseebad Heiligendamm. 53
4.5. Positionierung. 56
4.5.1. Positive Ansätze. 56
4.5.2. Negative Ansätze. 58
3
Johann Christoph Tieth
Wohnwelten der Zukunft - New Urbanism als Lösung?
Seite
5. Anforderungen an Revitalisierung 63
5.1. Grundbedürfnisse und Anforderungen. 63
5.2. Ansprüche der Nutzer. 64
5.3. Ansprüche an den Wohnungsmarkt. 66
5.4. Ansprüche an den Standort. 69
5.5. Hinderungsgründe am Bestand. 70
6. Alter Schlachthof in Gladbeck - ein Denkanstoß 73
6.1. Die Stadt Gladbeck. 73
6.2. Situation am ehemaligen Schlachthof. 75
6.3. Der Entwurf. 76
6.4. New Urbanism in Gladbeck. 80
7. Textilfabriken an der Industriestraße in Bocholt 83
7.1. Die Stadt Bocholt. 83
7.2. Makroanalyse. 85
7.2.1. Erreichbarkeit. 85
7.2.2. Bevölkerung und Arbeitsmarkt. 87
7.2.3. Zentralörtliche Funktion. 88
7.2.4. Einzelhandel. 89
7.2.5. Wohnungsmarkt. 89
7.3. Situation an der Industriestraße. 91
7.4. Mikroanalyse. 92
7.4.1. Erreichbarkeit. 93
7.4.2. Bau- und Planungsrecht. 94
7.4.3. Denkmäler und lokale Besonderheiten. 95
7.5. SWOT-Analyse. 97
7.6. Wohnwelt der Zukunft. 100
7.7. New Urbanism in Bocholt. 107
8. Übertragbarkeit des New Urbanism 110
9. Fazit 115
4
b. Roswitha Sinz (VdW Rheinland Westfalen, Düsseldorf)...................................... VI
c. Rob van Gool (TU Karlsruhe)............................................................................... XIII
d. Frank Roost (TU Berlin)....................................................………………………... XIX
e. Wolfgang Kiehle (Wohnbund, Bochum)............................................................... XVI
f. Michael Stojan (Stadt Gladbeck).......................................................................... XXIX
g. Ulrich Paßlick (Stadt Bocholt).............................................................................. XXXIII
1. Einführung in die Arbeit
In diesem einleitenden Kapitel wird ein Überblick über die Problemstellung, Zielsetzung und Fragestellungen gegeben sowie das methodische Vorgehen und der Aufbau der vorliegenden Arbeit beschrieben.
1.1. Problemstellung
Nordrhein-Westfalen (NRW) als bevölkerungsreichstes Bundesland hat in den letzten Jahrzehnten einen Umbruch erlebt, wie ihn sonst nur wenige Regionen vorweisen können. Hatten Anfang des letzten Jahrhunderts noch der Bergbau und die Stahlproduktion den größten Anteil an der Wirtschaftsleistung des Ruhrgebiets, so sind bis heute auf Grund der Tertiärisierung der Wirtschaft viele Arbeitsplätze verloren gegangen, die durch den Dienstleistungssektor nicht vollständig kompensiert wurden. Die ehemaligen Produktionsstandorte nehmen große Flächen in Anspruch, haben zum Teil bis heute keine neue Nutzung erfahren und liegen brach.
„Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel sind Industriebrachen zu einem zentralen Problem von Industrieregionen geworden. Die aufgegebenen Standorte behindern oft über Jahre die Entwicklung der Städte. (...) Die Wiedernutzung brachgefallener Areale mit integrierter Lage hat eine städtebauliche, ökologische und qualitative Dimension“ 1 .
Dem allgemein anhaltenden Trend zur Suburbanisierung, der so genannten Stadtflucht, konnte bisher nicht gänzlich Einhalt geboten werden. Viele Menschen sehen im Eigenheim vor den Toren der Stadt weiterhin das erstrebenswerte Wohnumfeld. In diesem Zusammenhang ist besonders die Tatsache interessant, dass in NRW auf Grund des Strukturwandels viele Industriebrachen entstanden sind, die mit neuen Nutzungen auszufüllen sind. Diese Brachflächen bergen innenstadtnah ein enormes Potenzial, aktuelle Bevölkerungsbewegungen zwar nicht vollständig umzukehren, wenigstens aber zu verlangsamen.
Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der aus den USA stammenden Städtebaureformbewegung des New Urbanism, die sich als Antwort auf die suburbane Zersiedlung versteht. Diese Bewegung steht mittlerweile in der Diskussion beiderseits des Atlantiks. Der großen Anzahl an Befürwortern steht eine ebenso große Anzahl an Kritikern gegenüber. Anhand eines konkreten Beispiels soll aufgezeigt werden, wie eine innerstädtische Brachfläche als Wohnwelt der Zukunft entwickelt werden kann.
1 Golding 1999: S.1
6
1.2. Zielsetzung und Fragestellungen
Auf Grund der erwähnten Tatsachen - innerstädtische Brachflächen versus Stadtflucht - bietet es sich an, ehemalige Industrieareale aus NRW beziehungsweise dem Ruhrgebiet als Untersuchungsbeispiele zu behandeln.
Das Ergebnis beziehungsweise die Zielsetzung soll sein, nach der Bearbeitung dieser Diplomarbeit Aussagen darüber treffen zu können, wie sich eine Wohnwelt der Zukunft gestalten kann. Dies soll an einem konkreten Beispiel - den ehemaligen Textilfabriken an der Industriestraße in Bocholt - in einer Handlungsempfehlung geschildert werden. Dabei werden die verschiedenen Einflüsse und Ansprüche an den Standort, die sich auf die Wohnortentscheidung seitens der künftigen Nutzer auswirken, herausgearbeitet. In diesem Zusammenhang wird sich kritisch mit dem New Urbanism auseinandergesetzt und untersucht, ob und mit welchen Instrumenten oder Ansätzen er dazu beitragen kann, die Probleme der Stadtflucht und Zersiedlung zu lösen.
Der Fokus der Arbeit liegt in der Bearbeitung von Fragestellungen im Bereich des Wohnungsmarktes beziehungsweise der Wohnungswirtschaft. Folgende Fragen werden im Rahmen dieser Arbeit erforscht:
Welche räumlichen und sozialen Auswirkungen hat der Strukturwandel?
Was sind die aktuellen Anforderungen der Nutzer an das Wohnen und das direkte Wohnumfeld? Welche Einflüsse sind hierbei zu beachten?
Wie reagieren die Wohnungswirtschaft und der Markt auf aktuelle demografische Tendenzen?
Kann (Industriegebäude-) Bestand umgewandelt werden? Was sind Hinderungsgründe?
Wie reagiert der New Urbanism auf die suburbane Zersiedlung?
Was kann der New Urbanism für oder in Deutschland leisten? Ist er auf hiesige Verhältnisse übertragbar?
Ist der New Urbanism eine geeignete Strategie, um den Abwanderungsprozess ins Umland der Städte zu stoppen?
Wie kann mit innerstädtischen Brachflächen umgegangen werden?
Welche Angebote versprechen Erfolg?
Wie können Wohnwelten der Zukunft erschaffen werden, die der Markt tragen kann?
1.3. Methodisches Vorgehen
Zu Beginn erfolgte eine Literaturrecherche über den Strukturwandel, über verschiedene städtebauliche Leitbilder und Planungsansätze im Umgang mit der Stadt sowie über den New Urbanism. Eine große Hilfe stellte dabei das Internet dar, welches eine Fülle an aktuellsten Informationen bereithält.
Anschließend wurde die Suche nach einem passenden Untersuchungsgebiet durchgeführt. Im Rahmen eines Gespräches über „NRWurbanism“ im Europäischen Haus der Stadtkultur in Gelsenkirchen im Sommer 2003 boten sich zwei potenzielle innerstädtische Brachflächen an: zum Einen das Areal des ehemaligen Schlachthofes in Gladbeck und zum Anderen eine Fläche an der Industriestraße in Bocholt. Nachdem beide Standorte besichtigt wurden, stellte sich heraus, dass das Gladbecker Beispiel, für das bereits ein fertiger Entwurf mit dem Label New Urbanism existiert, als Einstieg für den analytischen Teil dienen kann. Mit den gewonnenen Erkenntnissen aus Gladbeck und der theoretischen Arbeit zu den oben genannten Bereichen konnte das Beispiel in Bocholt nach mehreren Ortsbegehungen und geführten Gesprächen mit verschiedenen Ansprechpartnern aus der Stadtverwaltung in Bocholt näher beleuchtet werden.
„Da Experten Sachverständige für ihr spezielles Arbeits- oder Forschungsfeld sind und sich bei ihnen theoretisches Wissen und praktische Erfahrung miteinander verbinden, können Experten qualifiziert Auskunft und Hinweise bezüglich einer Problemstellung geben“ 2 .
Insgesamt wurden sieben Experteninterviews zwischen Dezember 2003 und März 2004 mit Fachleuten aus der Wohnungswirtschaft und dem universitären Lehrbetrieb sowie mit Verantwortlichen der Stadtplanung in Gladbeck und Bocholt geführt, um Informationen über die Anforderungen der Nutzer an das Wohnen und Wohnumfeld zu erhalten. Die interviewten Personen waren - abgesehen von einer Ausnahme - beim erwähnten „NRWurbanism“-Gespräch anwesend und konnten daher Aussagen über den New Urbanism treffen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Reformbewegung war damit gewährleistet. Die Gespräche wurden als fokussierte Interviews geführt. Dabei handelt es sich um eine teilstrukturierte Form der Befragung. Das Gespräch basiert auf vorgefertigten Fragen in Form eines Leitfadens, deren Reihenfolge jedoch offen bleibt. Dem Befragten bietet sich dadurch die Möglichkeit, sehr frei zu erzählen. Sich durch die Antwort ergebene Themen können vom Interviewer aufgenommen und verfolgt werden. Alle Gespräche wurden aufgezeichnet und konnten daher später niedergeschrieben werden.
2 Schemionek: S.3 (Quelle: www.uni-wuerzburg.de)
8
Die gesammelten Informationen wurden anschließend analysiert und für die weitere Arbeit im konzeptionellen Teil ausgewertet. Die Aussagen aus den Interviews wurden jedoch nicht nur im Konzept verwendet, sondern fanden auch in anderen Abschnitten Berücksichtigung, da die Experten zu mehreren Themenfeldern wie zum Beispiel den Anforderungen der Nutzer an das Wohnen oder zum New Urbanism fachlich versierte Aussagen treffen konnten.
Die Analyse wurde durch die Auswertung der Interviews und des Einstiegsbeispiels in Gladbeck eingeleitet. Auf Bocholter Ebene wurden drei verschiedene Analysen durchgeführt: die Makro-, Mikro- und SWOT-Analyse. Diese - ursprünglich in der Betriebswirtschaft beheimateten -Analysen untersuchen die städtischen Rahmenbedingungen (Makroanalyse), die sich auf das Areal an der Industriestraße auswirken, sowie das Gelände der Textilfabriken (Mikroanalyse). In den Analysen wurden Stärken und Schwächen herausgearbeitet und in der SWOT-Analyse durch Chancen und Risiken ergänzt. Stärken und Schwächen sind Gegebenheiten, die es ausbeziehungsweise abzubauen gilt; Chancen und Risiken hingegen stellen Ansatzpunkte dar, die hin zu Stärken entwickelt oder aber denen entgegen gewirkt werden sollten.
Das Konzept wurde nach Durchführung der verschiedenen Analysen verfasst und stellt im Fall Bocholt eine Handlungsempfehlung für den Umgang mit der Fläche und im Fall der Übertragbarkeit des New Urbanism einen Lösungsansatz dar.
Hinweis:
Aus Gründen der Übersichtlichkeit erfolgen Quellen- und Literaturangaben nicht im Fließtext, sondern in den Fußnoten. Bei Quellen aus dem Internet werden nur die Domains angegeben, jedoch ist im Linkverzeichnis der vollständige Pfad mit Datum angegeben, der damit eindeutig zuzuordnen ist.
1.4. Aufbau der Arbeit
Abb. 1: Aufbau der Arbeit 3
Bisher wurde in der Einführung (Kapitel 1) auf die Problemstellung, Zielsetzung und Fragestellungen sowie methodische Vorgehensweise eingegangen.
Die theoretischen Grundlagen für die Arbeit werden in den folgenden Kapiteln 2 bis 4 behandelt. Kapitel 2 geht auf den Strukturwandel vor dem Hintergrund Wohnen in der Stadt ein. In Kapitel 3 werden verschiedene Leitbilder im Umgang mit der Stadt thematisiert. Kapitel 4 setzt sich mit der Städtebaubewegung des New Urbanism als ein zentrales Element der Diplomarbeit auseinander.
Die Analyse beginnt in Kapitel 5. Dort werden Anforderungen seitens der Nutzer an den Wohnungsmarkt dargestellt. Verschiedene Ansprüche sowie Hinderungsgründe, die sich bei der Revitalisierung eines Standortes ergeben können, werden daraufhin thematisiert. Das Beispiel Schlachthofgelände in Gladbeck dient als Anregung für den konzeptionellen Teil und wird in Kapitel 6 betrachtet. Kapitel 7 beleuchtet das Fallbeispiel der ehemaligen Textilfabriken an der Industriestraße in Bocholt aus verschiedenen Perspektiven hinsichtlich der Stärken und Schwächen sowie Chancen und Risiken mit Hilfe der verschiedenen Analysen: Makro-, Mikro-und SWOT-Analyse.
3 Quelle: eigene Darstellung
10
Der konzeptionelle Teil behandelt das Untersuchungsgebiet an der Industriestraße als Wohnwelt der Zukunft und beginnt im letzten Abschnitt des Kapitels 7. Die Übertragbarkeit des New Urbanism auf hiesige Verhältnisse wird im Kapitel 8 auf der Basis der Darstellungen aus dem theoretischen und analytischen Teil untersucht.
Abschließende Aussagen und Schlussfolgerungen aus der Bearbeitung der Diplomarbeit werden in Kapitel 9, dem Fazit, getroffen.
2. Strukturwandel und Wohnen in der Stadt
Der Strukturwandel hat in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen nicht nur in den Städten verursacht. Daher beschäftigt sich das Einstiegskapitel mit diesem, weiterhin aktuellen, Phänomen. Zunächst wird der Strukturwandel definiert, um daraufhin auf Ursachen und Folgen für den Städtebau und das Wohnen in der Stadt einzugehen.
2.1. Definition und Ursachen
Das Kompositum Strukturwandel setzt sich aus zwei Begriffen zusammen; die hier aufgeführten Definitionen verstehen sich als Grundlage für die weitere Arbeit.
Der Begriff Struktur kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet Ordnung, Bauart, gegliederter Aufbau, innere Gliederung, relativ stabile oder auch bestimmte Gesetzmäßigkeit. Das Wort Wandel bedeutet Veränderung oder Metamorphose einer bestehenden Sache.
Abb. 2: Strukturwandel im Vier-Sektoren-Modell 4
Unter
Strukturwandel
kontinuierliche Gesellschaft
wirtschaftlichen Produktionsfaktoren von der Agrar- über die Industrie- hin zur Dienstleistungs-Informationsgesellschaft verstanden, die
durch die Veränderung von Arbeitsplatzanteilen beziehungsweise Anteilen der Bruttowertschöpfung der einzelnen Sektoren an der Gesamtwirtschaft beschrieben wird. Als primärer Sektor wird die Landwirtschaft bezeichnet, der sekundäre Sektor umfasst die Industrie und das produzierende Gewerbe, den tertiären Sektor nehmen die Dienstleistungen ein. Das in der obigen Abbildung dargestellte Vier-Sektoren-Modell ist eine Differenzierung des Drei-Sektoren-Modells: Informationsberufe sind dort Teil der Dienstleistung. Der Strukturwandel manifestiert sich in längerfristigen Prozessen, die unabhängig von der Konjunktur und saisonal bedingten Schwankungen am Arbeitsmarkt eintreten 5 .
„Gemessen an der Bruttowertschöpfung, betrug der Anteil der Landwirtschaft 1973 noch 3%, 1992 nur noch 1.2%; das Waren produzierende Gewerbe konnte 1973 noch 48.7% auf sich
4 Quelle: DIFU (2) 2003: S.5
5 Vgl. dazu Hartfiel 1982: S.647; Duden 1991: S.400, ARL 1995: S.932ff., Bertelsmann 2003: S.164f. und Wallerius: S.1 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
12
vereinigen und trug 1992 nur noch mit 38.1% zur gesamtwirtschaftlichen Produktion bei. Die Dienstleistungen erhöhten somit in dieser Periode ihr Gewicht von 48.3% auf 60.6%“ 6 .
Ursächlich für den Strukturwandel zeichnet die voranschreitende Automatisierung in der Landwirtschaft und der Industrie. Die Intensivierung der Agrarwirtschaft zum Beispiel durch den Einsatz von Düngemitteln und Maschinen hat zur Folge, dass zunehmend weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Im industriellen Bereich setzte zunächst die Spezialisierung und Arbeitsteilung ein. Die Massenproduktion, die Anfang des letzten Jahrhunderts von Henry Ford in großem Stil angestoßen wurde, trug einen wesentlichen Anteil zur personellen und räumlichen Arbeitsteilung bei. Heute werden verstärkt Roboter und Computer eingesetzt und weiter entwickelt. Hier fand eine Verlagerung von manueller Arbeit auf die Anwendung, Programmierung und Betreuung von Computern und Software statt, deren Automatisierung und Effizienzsteigerung geht besonders schnell voran 7 .
„Strukturwandel geht also einher mit der elektrischen, technischen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung. Mit der Entstehung neuer Technologien entstehen neue Fachbereiche. Das heißt, es entstehen neue Berufe mit relativ hoher Qualifizierung und Spezifikation“ 8 .
Fortschritte in Landwirtschaft und Produktion führten einerseits zur Freisetzung von Arbeitskräften durch Rationalisierungsmaßnahmen zur Kostensenkung, andererseits jedoch auch zu mehr Wohlstand. Als unmittelbare Folge eines gestiegenen Wohlstands, welcher besonders nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, entstand die Nachfrage nach Dienstleistungen. Außerdem ist der Anstieg des Anteils der Dienstleistungen auf die Ausgliederung von Unternehmensteilen zurückzuführen. Eine internationale Definition bei der Einordnung von Arbeitsplätzen ist jedoch nicht vorhanden: dieselbe Tätigkeit kann beispielsweise in den USA als Dienstleistung deklariert werden, während diese Beschäftigung hierzulande in den produzierenden Sektor fällt 9 .
2.2. Folgen
Im folgenden Abschnitt wird auf die Folgen des Strukturwandels eingegangen. Zunächst werden allgemeine Effekte für Arbeitskräfte und sonstige aktuelle Trends dargestellt, worauf die städtebauliche Auswirkungen und die Veränderungen, die sich im Wohnbereich und den Lebensstilen verdeutlichen, beschrieben werden. An dieser Stelle sei explizit darauf hingewiesen,
6 ARL 1995: S.934.
7 Vgl. dazu Feldhofer: S.2 und Wallerius: S.2 (Quellen: www.hausarbeiten.de) 8 Wallerius: S.2 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
9 Vgl. dazu ARL 1995: S.934 und Wallerius: S.2 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
13
dass die Folgen nicht isoliert von einander zu betrachten sind, sondern sich gegenseitig bedingen können.
2.2.1. Allgemeine Folgen
Beim Wandel von der fordistischen Arbeitswelt zur so genannten Dienstleistungsgesellschaft sind die offensichtlichsten Folgen, dass Arbeitsplätze für Ungelernte tendenziell abnehmen. Durch spezialisierte Schlüsseltechnologien und vermehrten Einsatz von Computern und Maschinen werden durch Rationalisierung einerseits immer größere Einheiten produziert und andererseits immer weniger Arbeitskräfte in der Produktion, deren Qualifikation außerdem sehr hoch sein muss, gebraucht 10 . Daraus resultiert ein Verlust der Arbeit vieler Menschen wegen Unterqualifizierung. Tätigkeiten in Dienstleistungen sind hoch bezahlt und bedürfen einer höheren Ausbildung als Facharbeiterberufe. Eine Art Teufelskreis entsteht: ohne nötige Qualifikation ist ein neuer Arbeitsplatz nicht in Sicht, weiterhin sind viele entlassene Arbeitnehmer mittlerweile zu alt oder bereits von Arbeitslosigkeit betroffen und können diesem Teufelskreis nur schwer entgehen. Von den erwähnten Rationalisierungen profitieren zunächst die Unternehmer durch Zusatzprofite oder die Konsumenten durch Preissenkungen. Preissenkungen erhöhen das Realeinkommen, was für die Entlassenen nun nicht zutrifft, da sie sich in der Arbeitslosigkeit befinden und ihnen in der Regel weniger Geld zur Verfügung steht 11 .
Ein weiterer Schritt ist der aktuelle Trend zur Wissens- und Informationsgesellschaft. Die Dienstleistungen im Drei-Sektoren-Modell erfahren hier eine Differenzierung durch das Internet und die verschiedenen Medien als vierten Arbeitgeber. Die Zuwächse in diesem Bereich sind in der Effizienzsteigerung begründet.
„Durch die Globalisierung und den Strukturwandel ist ein starker Wettbewerb zwischen den Standorten entstanden: Firmen siedeln sich dort an, wo die besten Arbeitskräfte zum niedrigsten Lohn, sowie die beste Infrastruktur und Verkehrsanbindung verfügbar sind“ 12 .
Auf Grund dessen müssen Kommunen darauf achten, Zukunftstechnologien anzusiedeln, damit freigesetzte Arbeitnehmer nicht abwandern und ganze Regionen in der Entwicklung zurückbleiben und somit ökonomisch, sozial und ökologisch instabil werden. Hier muss sich die Wirtschaftsförderung in Verbindung mit dem Stadtmarketing in die Pflicht genommen sehen 13 .
10 Allein in der Baubranche sind im Jahr 2002 etwa 5.300 Arbeitsplätze abgebaut worden. Zum Einen ist der Strukturwandel in vollem Gange, zum Anderen existiert weniger Geld in den öffentlichen Kassen und damit sinken die öffentlichen Bauaufträge (vgl. dazu Vesper, 29.10.03: S.1). 11 Vgl. dazu Altrock 2002: S.24, Sieverts 1998: S.47 und 176, DIFU (2) 2003: S.4f. sowie Wallerius: S.4 (Quelle: www.hausarbeiten.de) 12 Feldhofer:S.5 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
13 Vgl. dazu DIFU (1) 2002: S.59 und Feldhofer: S.3 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
14
Indes steht noch nicht fest, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt: Postindustrialisierung, Single-Haushalte, Überalterung oder Globalisierung. Diese Begriffe sind zu ungenau, um die aktuellen Trends hinreichend zu beschreiben 14 . Der demografische und sozioökonomische Wandel der Gesellschaft ist mit einigen Schlagworten zu benennen:
„Weniger. Älter. Bunter“ 15 .
Die Bevölkerung nimmt ab, der Anteil der älteren Menschen steigt rapide an, ebenso die absolute und relative Anzahl der Menschen mit Migrationshintergrund. In der Sozialstruktur drückt sich das in Form einer steigenden Anzahl von Single-Haushalten - wobei darauf hinzuweisen ist, dass auch eine Zunahme von Witwen in höherem Alter mit einbezogen werden muss - und alleinerziehenden Eltern sowie so genannten DINKs (Double Income, no Kids) aus 16 .
2.2.2. Räumliche Auswirkungen
Der Strukturwandel hat auf das städtebauliche Nutzungsgefüge einen permanenten und tief greifenden Einfluss.
„Einerseits ändert sich die Bedeutung der einzelnen Grundfunktionen wie Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Erholung, Versorgung und Mobilität im Verhältnis zueinander kontinuierlich; andererseits ändert sich die Art und Weise, wie diese Grundfunktionen erfüllt werden, beispielsweise, wie sich die für die jeweilige Nutzung erforderlichen Räume/Flächen nach Dimension, Emissionen, Verkehrsaffinität und weiteren Eigenschaften konkret darstellen“ 17 .
Diese Veränderung geht mit einem unverminderten Landschaftsverbrauch einher; der Ausdruck „Flächenfraß“ erscheint indes angebrachter. Täglich werden über 100 Hektar Land für Wohn-, Gewerbe- und Verkehrszwecke auf bis dato unbebauter Fläche neu besiedelt. Gleichzeitig liegen paradoxer Weise in den Agglomerationen über 40.000 Hektar brach 18 .
„(...) [Am] 19. April 2004 [wurde] unter dem Titel ‚Mehr Wert für die Fläche - das 30-Hektar-Ziel 2020’ die Empfehlung des ‚Rates für Nachhaltige Entwicklung’ zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Bundesregierung möchte die Inanspruchnahme von Flächen durch Gewerbe- und Wohnbauten sowie den Verkehr von derzeit 105 Hektar auf maximal 30 Hektar pro Tag
14 Bodenschatz 2003 (7): S.1 (Quelle: www.ceunet.de)
15 Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VI), vgl. dazu Klemmer 2002: S.12ff. 16 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XVII) und Eichener (1): S.1 (Quelle: www.inwis.de) 17 DIFU (2) 2003: S.4 18 Vgl. dazu Vesper, 29.10.03: S.1
15
reduzieren. Dies soll verhindern, dass in 80 Jahren die gesamte Fläche der Bundesrepublik baulich genutzt würde“ 19 .
Steigender Flächenverbrauch ist nach dem Zweiten Weltkrieg als Wohlstandseffekt zu betrachten, denn real steigende Einkommen drücken sich unmittelbar in privatwirtschaftlicher Bautätigkeit aus 20 .
Im Rahmen des Strukturwandels, der vielerorts mit dem Erliegen der Industrie verbunden ist, sind viele Flächen brachgefallen. Besonders flächenintensiv sind dem Bergbau folgende Industriezweige wie die Stahlindustrie. Diese ehemaligen Werke befanden sich nicht selten in direkter Nähe zur Innenstadt, zumindest aber in der Nähe des Wohnortes der Arbeiter. In vielen Städten stellen sie heute ein Makel im öffentlichen Stadtbild dar und warten weiterhin auf Revitalisierung und Nachnutzung. Diese Ruinen entwickeln durch eine Umkodierung dennoch einen gewissen Charme, denn häufig sind die Gebäude mit einer als schön empfundenen Architektur versehen, die beispielsweise im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscherpark kulturellen Nutzungen zugeführt wurden 21 .
Als unmittelbare Folge des Strukturwandels hat sich mit fortschreitender Zeit die Suburbanisierung beschleunigt und umfasst alle Lebensbereiche, denn die Flächenverfügbarkeit steigt mit dem Quadrat der Entfernung vom Stadtzentrum. In der ersten Phase ziehen zunächst zahlungskräftige Familien in die Vorstädte; Arbeitsplätze, Einkaufsangebote und Kultureinrichtungen befinden sich weiterhin in der Kernstadt. Ihnen folgen in der nächsten Phase Supermärkte mit Waren des täglichen Bedarfs, einzelne Fachmärkte und später qualitativ hochwertige Shopping Malls. In der dritten Phase verlagern sich die Wohnfolgeeinrichtungen wie Kindergärten und Grundschulen sowie weitere Einrichtungen der sozialen Infrastruktur. In dieser Zeit haben sich gewerbliche Betriebe noch billiges Bauland beschafft und expandieren weiter; Agglomerationsvorteile werden durch Gewerbeparks geschaffen. Als nächster Schritt verlegen Büronutzungen und Headquarters von Firmen ihre Sitze in die prestigeträchtigen, verkehrlich bestens angeschlossenen Vororte. Da sich nun ein Großteil der Bevölkerung an den Rändern der Städte konzentriert und alle anderen Nutzungen dort vorhanden sind, fehlen letztlich die kulturellen Einrichtungen, die in großen Dimensionen als Kunstwelten an der Peripherie errichtet werden 22 .
Als Folge davon, dass durch Suburbanisierung die Vororte wuchsen und die größten Bevölkerungszuwächse in diesen so genannten Edge Cities zu verzeichnen waren, sahen sich
19 www.baunetz.de (2)
20 Vgl. dazu Kiehl et al., 13.06.02: S.45
21 Vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XVIII), Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXV) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXI) 22 Vgl. dazu Altrock et al. 2002: S.55, Becker et al. 2003: S.48, Sieverts 1998: S.47 und Eichener (1): S.3 (Quelle: www.inwis.de)
16
die Betriebe, Einzelhandels- und Freizeiteinrichtungen gezwungen, ihre Arbeitsplätze zu verlagern und wanderten auf die „grüne Wiese“ ab, in deren Folge die Stadtzentren an Attraktivität verloren und verwahrlosten 23 . Neuerdings steht aber ein Wandel dieser Peripherie an:
„Deren monofunktionale, qualitativ wenig anspruchsvolle Strukturen lösen sich zunehmend von ihrer Abhängigkeit zur Kernstadt, gleichzeitig stehen sie nach jahrzehntelangem rapiden Wachstum erstmals zur Transformation an“ 24 .
Die räumlichen Auswirkungen des einzelhändlerischen Strukturwandels sind enorm. Unter beträchtlichen Druck geraten seit geraumer Zeit neben den Stadtteilzentren vor allem die Standorte der Nahversorgung. Innerstädtische 1a-Lagen florieren nicht mehr wie in früheren Zeiten. Selbst Standorte auf der „grünen Wiese“ sind nicht mehr das Non-plus-Ultra, seitdem kleinere und unattraktivere Standorte an Kundengunst verlieren 25 .
Als städtebauliche Missstände wurden vom am 06. November 2003 in Stockholm neu gegründeten Netzwerk für eine Städtebaureform Council for European Urbanism (CEU) folgende Herausforderungen identifiziert: unzulängliche Wohngebiete, Trennung der öffentlichen Funktionen auf der „grünen Wiese“, verschwindende Unterscheidbarkeit lokaler, regionaler und nationaler Besonderheiten, Abwertung des öffentlichen Raumes, Dominanz der automobilen Infrastruktur, inakzeptable Gestaltung von Fuß- und Radwegen sowie deren fehlende Netzstruktur, Vernachlässigung von Dörfern und deren Verfall sowie unmaßstäbliche Bauprojekte in historischen Stadtvierteln 26 .
2.2.3. Folgen im Bereich Wohnen
Der Strukturwandel hinterlässt auch im Bereich Wohnen seine Spuren. Seit einiger Zeit sind veränderte Gegebenheiten zu beobachten. Ursächlich hierfür sind neben dem Abbau von Arbeitsplätzen und der damit verbundenen erzwungenen veränderten flexibleren Lebensweise insbesondere die demografische Entwicklung zu benennen. Auswirkungen sind auf die Standortverteilung, Wohnungsnachfrage und die Struktur der Wohnungsangebote festzustellen 27 .
Lange Zeit war der Wohnungsmarkt ein Anbietermarkt, das heißt jede fertiggestellte Wohnung fand einen Abnehmer. Dies hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert, es sind kaum
23 Vgl. dazu Vieser 2000/01: S.2 und Eichener (1): S.1 (Quelle: www.inwis.de)
24 Siehe www.uni-weimar.de 25 Quelle: www.difu.de
26 Vgl. dazu Kegler (1): S.2 (Quelle: www.ceunet.de) 27 Vgl. dazu DIFU (2) 2003: S.5
17
noch Bewerber vorhanden und man hat mit zum Teil enormen Leerständen zu kämpfen. Die Gründe hierfür finden sich in der hohen Fertigungsrate von Wohnraum, insbesondere in den 1990-er Jahren, und der sich ändernden Demografie. Mittlerweile liegt die Geburtenrate bei 1,3 Kindern je Frau, wodurch sich einerseits die Bevölkerung verringert und zeitverzögert nach den geburtenstarken Jahrgängen 1955 bis 1965 die Haushaltsgröße abnimmt 28 . Im letzten halben Jahrhundert wurden maßgeblich Wohnungen für Familien gebaut, die Nachfrage nach diesen Wohnungen liegt aktuell bei nur noch etwa 25%. Senioren werden bald als stärkste Nachfragegruppe die jungen Familien überholt haben, die höchsten Zuwächse weisen die Haushaltstypen Singles, DINKs und Alleinerziehende auf 29 .
Ein großes Problem, mit dem sich der Wohnungsmarkt konfrontiert sieht, ist die künftige Abnahme der eigentumsbildenden Haushalte im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Die Wohnungspolitik und -wirtschaft sieht sich gezwungen umzudenken, was neben der Eigentumsbildung und Bestandsförderung, den sozialen Wohnungsbau und den Stadtumbau betrifft. Jedoch hat die sozialräumliche Konzentration von Problemgruppen in einzelnen Stadtquartieren in Deutschland ein bis dato niedriges Niveau im internationalen Vergleich 30 .
„Auf Grund des demografischen Wandels und sozioökonomischer Veränderungen steigt (...) der Anteil der Haushalte mit Zugangsschwierigkeiten (...). Während die Nachfrage nach preisgünstigem Wohnraum steigt, wird das Angebot an öffentlich gebundenen Wohnungsbestand durch das Auslaufen von Bindungen und die vorzeitige Rückzahlung von Fördermitteln immer kleiner. In Folge dessen kommt es in den verbleibenden Beständen zu einer räumlichen Konzentration sozial schwächerer Bevölkerungsgruppen und der Akkumulation von Problemen, die von diesen Mietergruppen in den Wohnungsbestand eingetragen werden“ 31 .
Es ist eine differenzierte Wohnungsnachfrage zu beobachten, die durch Zunahme von Single-Haushalten 32 (Verkleinerung der Haushalte) und Wohnfläche pro Person 33 sowie durch neue Wohnformen (Grundrisse, Multifunktionalität) mit veränderten Ansprüchen an das Wohnumfeld verursacht werden. Dabei steht ein nicht unerheblicher Leerstand einer gewissen Wohnungsnot in verschiedenen Teilmärkten gegenüber. Auf der Angebotsseite tritt ebenfalls eine Differenzierung zutage. Die Eigentümer oder Vermieter haben höhere Qualitätsansprüche und
28 Konstant bliebe die Bevölkerung bei etwa einer Geburtenrate von 2,1 Kindern je Frau (vgl. dazu Birg 2001: S.25). 29 Vgl. dazu Eichener et al.: S.1, Eichener (2), 05.05.03: S.11 und (3) 2003: S.2 sowie Benne et al. 2003: S.7 30 Vgl. dazu DIFU (2) 2003: S.5, Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II) und Eichener (1): S.1 (Quelle: www.inwis.de) 31 Pawlak 2003: S.6
32 Der Anteil der Single- und 2-Personen-Haushalte ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, laut zuletzt verfügbarer Zahlen von 2002 stellt sich die Aufteilung der Haushalte wie folgt dar: Single-Haushalte 36.7%, 2er-HH 33.7%, 3er-HH 14.2%, 4er-HH 11.1%, 5+-HH 4.2% (Quelle: www.destatis.de).
33 Laut zuletzt verfügbarer Zahlen von 2001 stehen jedem Einwohner 39.8qm zur Verfügung (Quelle: www.homecompany.de). Allein in Westdeutschland fiel die Steigerung folgendermaßen aus: 19.4qm in 1960, 30.4qm in 1980, 40.2qm in 2000 (Quelle: www.gesis.org).
18
bieten eigentumsfähige urbane Wohnungen und Häuser an, die mit einer Vielfalt von spezifischen Wohnangeboten (Nischen) kombiniert werden können 34 .
Durch den Rückzug der Bürger der Mittelschicht aus den Städten in die Vororte kam es zunächst zur Abnahme der Bewohnerdichte in den Innenstädten, was durch die Renaissance der Beliebtheit bei einigen Bevölkerungsschichten, die einen größeren Wohnraumbedarf aufweisen, noch verschärft wird. Nichtsdestotrotz ist eine steigende Nachfrage, die zum Teil nicht gedeckt werden kann, in den Innenstädten zu beobachten. Zahlungskräftige Haushalte drängen zurück in die Innenstädte, da sie von Suburbia aus den verschiedensten Gründen wie beispielsweise vom täglichen Stau auf den Zubringerstraßen und einer fehlenden wohnortnahen Infrastruktur enttäuscht worden sind. In diesem Zusammenhang wird oft von Gentrification gesprochen. Dies bedeutet die Vertreibung von angestammten Bewohnern der von Altbau geprägten Kernstadt durch die Yuppies (Young Urban Professionals) der Mittel- und Oberschicht und ist in der Stadtentwicklungspolitik nicht unumstritten 35 .
Der Vorteil der suburbanen Räume hingegen liegt in der Möglichkeit der Verwirklichung der eigenen Wohnwünsche, was in integrierten Lagen kaum möglich ist. In diesem Zusammenhang sind die im letzten halben Jahrhundert in Deutschland enorm angestiegene Wohnfläche und Eigentumsquote 36 als zwiespältiger Erfolg anzusehen, denn die Ausweitung des privaten Eigentums hat den größten Teil zur Suburbanisierung beigetragen 37 .
Festzuhalten bleiben demnach drei Hauptursachen für den Abwanderungsprozess: zum Einen das Preisgefälle von den Kernstädten zur Peripherie, zum Anderen das fehlende Baulandangebot in den Kommunen und zuletzt fehlende Qualitäten im Bestand und öffentlichen Raum 38 .
Folgende Konsequenzen haben die beschriebenen Entwicklungen für den Wohnungsmarkt: da die Wohnungsmärkte nicht an den Kommunalgrenzen aufhören, wird in immer mehr regionalen Märkten ein Angebotsüberschuss zu verzeichnen sein. Weil die Mieter inzwischen Wahlmöglichkeiten bei der Wohnungssuche haben, werden die nicht den Anforderungen entsprechenden Einheiten mit Leerständen abgestraft. Besonders stark wird dies die Massenbestände treffen. Trotzdem wird mit den Nischentrends der Neubau auch in gesättigten Märkten eine gute Chance haben. Da sich die Nachfrage ständig stärker nach sozialer
34 Vgl. dazu Vieser 2000/01: S.2 und DIFU (2) 2003: S.5
35 Vgl. dazu Laimer: S.2 (Quelle: www.derive.at), Bodenschatz (2) 2000: S.23, Schäfer: S.2 (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de), Eichener (1): S.4 (Quelle: www.inwis.de) und Siebel 2000: S.32
36 Dennoch ist Deutschland im internationalen Vergleich in 2001 nur unter den Schlusslichtern zu finden: 41% haben Wohneigentum, Spanien ist Spitzenreiter mit 86% vor Griechenland und Belgien mit 78% beziehungsweise 73%. In Deutschland hat das Saarland mit 56.9% den Spitzenplatz inne, NRW findet sich im unteren Drittel (39% und damit in etwa Bundesdurchschnitt), Berlin liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz mit 12.7% (vgl. dazu Gruß, 29.10.03: S.10f.). 37 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.146
38 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.IV) und Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VIII)
19
Schichtzugehörigkeit und Wertorientierung ausdifferenziert, wird sich das Angebot verschieden gestalten müssen 39 .
2.2.4. Folgen für Lebensstile und das soziale Leben
In diesem Abschnitt geht es um die Veränderungen, die sich in den verschiedenen Lebensstilen ausdrücken. Es ist zu beachten, dass es nicht mehr wie früher nur die Gruppen Alleinstehende, Familie mit Kindern und Ältere, sondern eine erhebliche Anzahl von Nischengruppen gibt, die sich schwer einer übergeordneten Einheit zuordnen lassen. Das oft zitierte „Schubladendenken“ geht mittlerweile an der Realität vorbei und auch die Wohnungen lassen sich nicht mehr pauschal für nur drei Nachfragegruppen anbieten, sondern müssen die Ansprüche gewisser Lebensstilgruppen befriedigen können 40 .
„Lebensstile bilden gemeinsame Verhaltensweisen oder Werthaltungen in einer Gesellschaft ab. Der Lebensstil trifft Aussagen über den Haushaltskontext, das Interaktionsverhalten, über Werte und Ziele, die Mediennutzung und das Freizeit- und Konsumverhalten verschiedener sozialer Gruppen“ 41 .
Der Lebensstil beziehungsweise die Lebensstile werden durch sichtbares Verhalten und handlungsleitende Orientierungen bestimmt und drücken sich durch Freizeitaktivitäten, kulturelle Geschmacksmuster und Lebensziele aus 42 .
Vor etwa 25 Jahren gab es neben der erwähnten klassischen Dreiteilung die kulturelle Codierung des urbanen und des suburbanen Lebensstils: junge Urbaniten wohnen im Altbau versus solides Wohnen im Neubau der Vorstadt. Die urbane Lebensweise wird als intellektualisiert und distanziert beschrieben und ist maßgeblich durch einen Alltag in privater und öffentlicher Sphäre gekennzeichnet. Auch der städtische Raum ist in diese Kategorien einzuteilen. Die suburbane Lebensweise hingegen ist geprägt vom Auto und Einfamilienhaus, welche zunächst in den Köpfen und dann in Wirklichkeit die reale Stadt ersetzt und damit wenig Bezug zur Kernstadt besitzt. Mittlerweile ist das Automobil nicht mehr nur der fahrbare Untersatz und „des Deutschen liebstes Kind“, es ist vielmehr einer der kommunikativsten Orte geworden: im Auto finden Geschäftsgespräche statt und Unterhaltungen mit der Familie, die sich sonst zuhause in die eigenen Zimmer zurückzieht, dort fernsieht und das Essen zu sich nimmt 43 . Dadurch existiert
39 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII), Kiehle, 29.01.04 (Anhang: S.XXVI), Eichener (3) 2003: S.2 und Neitzel 2003: S.5
40 Vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) 41 Zabel 2002: S.103 42 Vgl. dazu Schneider et al. 1999: S.14
43 Vgl. dazu Roost (1) 2000: S.25 und (2) 2002: S.25, Siebel 2000: S.31, Kegler (1): S.2 (Quelle: www.ceunet.de) sowie Price 1991: S.51
20
„(...) das Problem, dass wir uns lebensstilmäßig entscheiden müssen zwischen Urbanität oder nicht und es wenig Versuche bisher gibt, das miteinander zu verknüpfen, den Rand in die Stadt oder die Stadt an den Rand zu bringen“ 44 .
Ein Versuch, Lebensstile zu identifizieren, wurde 1996 unternommen. Dabei wurden folgende Gruppen definiert, welche in etwa gleichen Teilen in der Gesellschaft auftreten. Hochkulturell Interessierte sind zumeist Gutverdiener und leben zum größten Teil in großzügigem Wohneigentum im Ein- oder Zweifamilienhaus am Stadtrand, was auch nach Außen verdeutlicht wird. Arbeits- und Erlebnisorientierte hingegen sind sehr häufig Mieter in innerstädtischen Quartieren, die Ausstattung der Wohnung kann als praktisch und gemütlich bezeichnet werden. Expressiv Vielseitige sind zu gleichen Teilen preisbewusste Eigentümer und Mieter von Wohnungen, die jedoch relativ klein und zum Teil exklusiv sind. Qualitätsbewusste verfügen bemerkenswerter Weise über mittlere Einkommen und eine durchschnittliche Eigentumsquote, die Ausstattung der Wohnung jedoch ist überdurchschnittlich. Die zumeist gemieteten Wohnungen der Hedonisten sind vielfach unterdurchschnittlich ausgestattet, jedoch ist hier ein Trend zu Exklusivität und Individualität festzustellen. Häusliche wohnen zu gleichen Teilen in Eigentum und Mehrfamilienhäusern, deren Wohnungen durchschnittlich ausgestattet sind, jedoch sind Kabelfernsehen und eine altersgerechte Ausstattung häufiger vorhanden als bei den anderen Lebensstilgruppen. Einfach Lebende verfügen über kleine Wohnungen in Miethäusern, deren Inneneinrichtungen weder exklusiv noch persönlich sind, sondern praktisch und preiswert sein sollen. Sicherheitsorientierte pflegen einen sparsamen Lebensstil und wohnen zum größten Teil zur Miete. Traditionelle, meist sind dies verwitwete Frauen, leben zurückgezogen auf großer Fläche in unterdurchschnittlich ausgestatteten Wohnungen 45 .
Abb. 3: Lebensstile zwischen sozialer Lage und Werteorientierung 46
44 Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XX)
45 Vgl. dazu Schneider et al. 1999: S.14ff. und 158ff. sowie Zabel 2002: S.103f. 46 Quelle: Eichener (5), 28.01.04: S.17
21
Traditionsverwurzelte finden sich in der Unter- und Mittelschicht wieder und bauen auf Pflichterfüllung und Ordnung, hingegen finden sich die Konservativen mit denselben Werten zumeist in der Oberschicht wieder. Ein großer Teil der Unterschicht ist auf Konsum aus und wird als Konsum-Materialist bezeichnet. Die moderne Verkörperung dieses Lebensstils sind die „reinen“ Hedonisten. DDR-Nostalgiker bilden einen Querschnitt aus Unter- beziehungsweise Mittelschicht sowie Konsum-Hedonismus und Postmodernismus. Die Bürgerliche Mitte ist durch die konsumorientierte Mittelschicht geprägt. Als Experimentalisten bezeichnete Menschen gehören der Mittelschicht an und sind sehr modern eingestellt. Der konsumfreudige Teil der Oberschicht wird als Etablierte betitelt, während die moderneren als Postmaterielle und Moderne Performer bezeichnet werden 47 .
Weiterhin ist von liberal-intellektuellen Lebensstilen die Rede. Die postmoderne und pluralistischdemokratische Konsumgesellschaft bietet den Menschen eine größere Bandbreite an Lebensstilen und Wohnpräferenzen als die spießig-autoritäre Bundesrepublik früherer Tage. Die angesprochene Pluralisierung wird zum großen Teil durch eine erhöhte Freizeitorientierung ausgelöst, die ihrerseits durch eine gesunkene Arbeitszeit zu erklären ist 48 .
Das geflügelte Wort „Pluralisierung der Lebensstile“ drückt sich in gebauter Form dann folgendermaßen aus: ein spezieller Lebensstil erfordert auch ein bestimmtes Wohnumfeld. Es existieren neben den Siedlungen von Arbeiter-, Mittel- und Oberschichten auch Stadtquartiere mit Yuppie-, Bohème- oder grün-alternativem Charakter sowie ethnisch geprägte Milieus 49 .
„Den Begriff ‚Cocooning’ könnte man hierfür gebrauchen, welcher besagt, dass man versucht, das eigene Haus zu optimieren, zu komplettieren“ 50 .
Die Angewohnheit der Menschen, sich abzugrenzen und eine eigene Welt zu schaffen, drückt der soeben angeführte Begriff Cocooning aus. Eine hochtechnische Ausstattung des eigenen Heims mit Sauna, mehreren Bade- und Gästezimmern, Swimmingpool, Homecinema und ähnlich luxuriösen Besitztümern wird eine zunehmende Bedeutung erfahren 51 .
„Die Wohnformen von morgen werden zum bunten Spiegelbild der vielfältigen, individuellen Lebensstile. Flexibilität gewinnt auch im Wohnbereich an Stellenwert. Neue Kommunikationstechniken lassen Wohnen und Arbeiten näher zusammenrücken. Lebensqualität
47 Vgl. dazu Eichener (5), 28.01.04: S.17
48 Vgl. dazu Eichener 2003 (4): S.2f., Roost (2) 2002: S.5 und Sieverts 1998: S.66 49 Vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) und Eichener (1): S.5 (Quelle: www.inwis.de) 50 van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) 51 Vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV)
22
definiert sich zunehmend über Wohnkomfort. Dieses Komfortverständnis bezieht sich auch auf den wohnungsnahen Freiraum“ 52 .
Im Zeitalter der elektronischen und digitalisierten Massenmedien sind die Telearbeit, Telematik oder Telepolis sowie deren Anhänger und Verfechter wichtige Einflussfaktoren. Diese werden in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen und eine disperse Siedlungs- und Bürostandortstruktur hervorrufen. Urbanität als Lebensweise ist in Teilen ortlos geworden. Soziale Kontakte finden in immer häufigerer Form nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern durch das Telefonieren statt. Die durch den Strukturwandel hervorgerufene Suburbanisierung trifft einige Bevölkerungsgruppen ganz besonders: Frauen, finanziell und körperlich eingeschränkte Personen, ältere Menschen und in erster Linie Kinder. Diese Gruppen sind häufig auf das Automobil anderer angewiesen, da die Infrastruktur in Suburbia zumeist auf das Auto ausgelegt ist 53 . Die genannten Einflüsse und die Entwicklung von Familienverbänden zu individualistisch orientierten Kleinhaushalten haben jedoch eines zur Folge:
„Die alten, Halt und Sicherheit gebenden Familienstrukturen lösen sich auf - immer mehr Menschen haben keine Kinder, die im Alter für sie sorgen können. Es bedarf neuer Bindungen und heimatlicher Orte für Menschen, die in unsicheren Verhältnissen leben müssen (...). Alte Berufsbilder verschwinden, verlangt wird lebenslange berufliche Beweglichkeit“ 54 .
Mittlerweile sind weit über die Hälfte aller Singles weniger als 60 Jahre alt, welche einerseits immer neue Haushaltstypen erzeugen und andererseits wächst der relative und absolute Anteil weiterhin stark, was die Wohnungsmärkte und die Gesellschaft enorm beeinflusst 55 .
Der Strukturwandel hat mit der Erstarkung der Dienstleistungen und Internet-bezogenen Arbeitsplätze eine weitere, das soziale Leben stark beeinflussende Folge. Wie bereits erwähnt, sind die Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche und in den Informationstechnologien weit höher bezahlt als in der Produktion und auf der anderen Seite auch in der absoluten Anzahl nicht so hoch. Dieser seit Langem bestehende Trend lässt die Schere zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Haushalten weiter vergrößern. Die soziale Segregation und Polarisierung in Gewinner und Verlierer der Gesellschaft schreitet stark voran. Den Schwachen wird jedoch nicht mehr durch den Sozialen Wohnungsbau in dem Maße geholfen und auch die Eigenheimzulage wird gekürzt. Vielmehr bedient der Markt neben preisgünstigen Wohnungen das hochpreisige Segment 56 .
52 Reicher, 27.11.03: S.2
53 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.22,35,49 und 66, Wegener, 04.12.00: S.76ff., Siebel 2000: S.31 sowie CNU 2000: S.105 54 Sieverts 1998: S.74f., vgl. dazu ebd.: S.86 und Eichener (2), 05.05.03: S.6 55 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II)
56 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII), Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XIX,XXII) und Kiehle, 29.01.04 (Anhang: S.XXVI)
23
3. Zwischen Konzentration und Zersiedlung
Dieses Kapitel behandelt städtebauliche und stadtplanerische Ansätze im Umgang mit der Stadt. Dabei werden die Grundsätze der Europäischen Stadt, der so genannten Suburbia und Zwischenstadt sowie die Dezentrale Konzentration beschrieben.
In der Geschichte der Stadtplanung hat sich die Ansicht darüber, wie die räumliche Planung und Entwicklung, deren Strukturen und Prozesse gestaltet werden sollten, mehrfach gewandelt. Da es sich bei der Planung um einen äußerst komplexen Prozess handelt, sind zum Teil mehrere Leitbilder und Modelle zeitgleich entwickelt und angewandt worden. Städtebauliche Leitbilder fungieren als Vermittler zwischen Planung und Utopie 57 .
„Leitbilder sind in hohem Maße verinnerlichte, bildhafte Vorstellungen, die inhaltlich ganz unterschiedliche Lebensbereiche ansprechen können und sich durch erhebliche Prägekräfte auszeichnen, welche sie aus einer präzisen Ausbalancierung der beiden, prinzipiell einem inhärenten Widerspruch unterliegenden Dimensionen Machbarkeit und Wünschbarkeit beziehen. Als ihre drei wesentlichen Funktionen für Gesellschaft und Individuum lassen sich unterscheiden: Orientierung, Koordinierung und Motivierung, insbesondere die enge Verflechtung dieser Funktionen stellt die Grundlage dar für die Leitbildern innewohnende Fähigkeit, handlungsleitend zu wirken“ 58 .
3.1. Europäische Stadt
Europäische Urbanität kann mit drei Grundelementen definiert werden. Erstens die Hoffnung, als Städter ein besseres Leben zu führen, denn Stadtluft machte bekanntlich frei. Für die Bewohner der historischen Stadt bedeutete die schlichte Stadtzugehörigkeit einen enormen sozialen Aufstieg, man war nach einem Jahr der Flucht vor dem Lehnsherr ein Stadtbürger. Zweitens die Lebensweise, die sich im Gegensatz des täglichen Lebens in Privatheit und Öffentlichkeit ausdrückt. Und drittens die Zentralität mit dem Kontrast zwischen Stadt und Land. Das wichtigste Merkmal der mitteleuropäischen Stadt war die rechtliche und politische Autonomie, die Selbstverwaltung durch die Bürger und die Möglichkeit, Güter und Waren frei zu tauschen. Letzteres war zugleich die Gründungsfunktion: Markt und Handel an strategisch wichtigen Orten wie zum Beispiel an der Kreuzung von Handelsstraßen. Am Anfang der städtischen Kultur stand die Befreiung des Menschen vom Naturzwang. Die Stadt war und ist selbst heute noch ein
57 Vgl. dazu Kuder 2002: S.64
58 Sieverts 1998: S.120
24
revolutionärer Ort und Ausgangspunkt von Innovationen aller Art. Die Europäische Stadt ist somit zur Grundlage und zum Symbol der abendländischen Modernisierung geworden 59 .
„Die Stadt ist das großartigste und das komplexeste Artefakt, das die Menschen hervorgebracht haben“ 60 .
Dieses Leitbild ist gerade heute wieder für einen an den Prinzipien der historischen Stadt orientierten Städtebau aktuell. Es dient als Versinnbildlichung für eine Stadt der Nutzungsmischung, kleinteiligen Parzellenstruktur und ihren von Gebäudewänden gebildeten öffentlichen Räumen sowie als Stadt der kurzen Wege. Jahrhunderte lang diktierte der kurze Weg die Entwicklung und Organisation der Städte und ermöglichte in Verbindung mit einer kleinteiligen Mischung die Belebung des öffentlichen Raums. Nicht zuletzt war die historische Stadt deswegen so kompakt, weil sie sich immer wieder kriegerischen Angriffen ausgesetzt und eine Verteidigungsmauer möglichst vielen Menschen Schutz bieten musste. Stadterweiterungen erforderten die kollektive Anstrengung aller Bewohner und mussten schnellstmöglich erledigt werden 61 .
Die Hauseigentümer waren identisch mit den Bewohnern: im Erdgeschoss befand sich der Laden oder die Werkstatt, in den darüber liegenden Stockwerken die dazugehörigen Büros und Wohnräume. Das Wohnen im unmittelbaren Stadtzentrum war Prestigesache und blieb den wohlhabenden Kaufleuten vorbehalten. Die Stadtgestalt drückte sich durch einen klar erkennbaren Stadtrand aus. Dieser Rand wurde unbrauchbar, als die Kanone entwickelt wurde und Stadtmauern überflüssig werden ließ 62 .
Die traditionelle Stadt ist weniger ein analytischer Begriff als das städtebauliche Programm vergangener Zeiten. Heute meint das Leitbild der Europäischen Stadt zunächst eine Mitte mit einer Konzentration öffentlicher Gebäude um einen Marktplatz, in denen Geschichte und Tradition symbolisiert werden. Das Modell der moderaten Moderne ist auf den angewachsenen Einfluss der Stadtverwaltung zurückzuführen, die durch die Ansammlung von öffentlichem Bodeneigentum eine starke Mitsprache bei der räumlichen Nutzung erhielt. Die Wasser-, Energie- und Verkehrswirtschaft wurde in die Hände von öffentlichen Unternehmen gegeben, ebenso die Wohnungsversorgung. Das soziale Element des Wohnungsbaus spielt in der heutigen Diskussion um die Europäische Stadt keine Rolle, als aktuelles Phänomen treten
59 Vgl. dazu Siebel 2000: S.28f. und 33f. sowie Häußermann, 30.06.00: S.11
60 Siebel 2000: S.34
61 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S.24, Siebel 2000: S.28, CNU 2000: S.61; Sieverts 1998: S.23 und 28 sowie Becker et al. 2003: S.47 62 Vgl. dazu Häußermann, 30.06.00: S.11, Bodenschatz (7) 2003: S.1 (Quelle: www.ceunet.de) und Becker et al. 2003: S.47
25
hingegen die Privatisierung und der Verkauf von öffentlichem Eigentum an private Interessenten auf 63 .
Die kompakte Stadt des 19. Jahrhunderts mit ihrem lebendigen Beieinander von Wohnen und Arbeiten, Erholung und Verkehr, was auf einer kleinbetrieblichen Struktur von Handel und Gewerbe beruht, hinterlässt im Nachhinein jedoch einen fahlen Beigeschmack. Schiere Armut hat diese Dichte und kleinteilige Mischung erzeugt. Dunkelheit, mangelnde Hygiene und Krankheiten sind als Kehrseite von Kompaktheit und Mischung zu identifizieren. Sie war eine Stadt der persönlichen Abhängigkeiten, des Industrieproletariats und eines unterentwickelten Transportwesens 64 .
Wenn heute von der Europäischen Stadt gesprochen wird, ist die dicht bebaute und kompakte Stadt gemeint, die in den letzten beiden Jahrhunderten - und besonders im 19. Jahrhundertvoller Leben steckte und Urbanität symbolisierte. Die Metropolen London, Paris, Rom, Wien und Berlin wurden entwickelt, indem man sich an kleinteiliger Nutzungsmischung, historischen Straßenprofilen; Bebauungsdichten und Traufhöhen orientierte. Urbanität kommt nicht nur durch Dichte und Nutzungsmischung zustande, sondern setzt alltägliche Erlebnismöglichkeiten voraus. Die Europäische Stadt ist demnach das absolute Gegenbild der US-amerikanischen Stadt. Zwar ist beispielsweise Los Angeles eine heterogene Großstadt, Urbanität wird ihr jedoch aus den verschiedensten Gründen nicht zuteil 65 .
Die moderne und gebaute Version der Europäischen Stadt sieht hingegen weniger kompakt aus und ist weitaus einheitlicher gestaltet in Form von Plattenbausiedlungen, die sich von Sheffield bis nach Moskau über den ganzen Kontinent erstrecken. Das Leitbild der kompakten, urbanen, europäischen Stadt hat ausgedient; es ist antik geworden 66 .
„Unsere Städte (...) sind nicht mehr kompakt und begrenzt (...), sondern ergießen sich amorph und bruchlos in das Umfeld der nächsten Stadt. Stadt und Landschaft fließen konturlos ineinander“ 67 .
Die historische Gestalt der Stadt mit dem baulichen Gefälle von der Innenstadt zum Rand, dem klaren Gegensatz zwischen feudalem Umland und ummauerter Stadt hat sich grundlegend gewandelt und die Gesellschaft, die diese Stadtgestalt produziert hat, existiert nicht mehr. Mit der
63 Vgl. dazu Häußermann, 30.06.00: S.11
64 Vgl. dazu Siebel 2000: S.28f. und Aring 1999: S.16
65 Vgl. dazu Siebel 2000: S.28, Sieverts 1998: S.32, Eichener (1): S.4 und Bodenschatz (2) 2000: S.22 66 Vgl. dazu Kegler (1): S.1 (Quelle: www.ceunet.de) 67 Reicher, 27.11.03: S.6, vgl. dazu Fürst et al. 1999: S.71
26
Industrialisierung kam der „große Gleichmacher“ über die Stadt und die Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Städten nahmen rasant ab 68 .
„Das Leitbild der kompakten Europäischen Stadt ist eine rückwärtsgewandte Utopie. Dieses Leitbild realisieren zu wollen, hieße, die Hülle der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ohne die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu bauen“ 69 .
Die Rückkehr zur „guten europäischen Stadt“, die heutzutage allenthalben gefordert und mit der mittelalterliche Städtebilder und hochverdichtete gründerzeitliche Stadterweiterungen verbunden werden, beruht hauptsächlich auf Schlagworten wie der Rettung der historischen Stadt, Regionalismus, Heimatschutz und behutsamer Stadterneuerung, Nachhaltigkeit und Stadt der kurzen Wege. Es bleibt festzustellen, dass nur undemokratische Gesellschaften eine kompakte Stadt erzwingen können 70 .
3.2. Suburbia
Der Begriff Suburbia bezeichnet das Wachstum der Stadt weit über die kommunalen Grenzen hinaus und ist gekennzeichnet durch
„(...) die unstillbare Sehnsucht breiter Schichten (...) nach dem Einfamilienhaus im Grünen, nach einer Distanz zur hektischen, lauten, umweltbelasteten, zunehmend unsicheren kompakten Stadt, nach einer Nähe zur Natur, nach einer Gemeinschaft, die Sicherheit, Ruhe und soziale Homogenität verspricht“ 71 .
Der Prozess der Auflösung der europäischen Stadtgestalt begann im 19. Jahrhundert mit dem Auftritt der Industriegesellschaft. Die Gründe hierfür liegen im gestiegenen Wohlstand. Ein anwachsender Reichtum ermöglicht die Individualisierung, die unmittelbar kleinere Haushalte mit erhöhten Wohnflächenansprüchen produziert. In dieser bis heute andauernden Entwicklung sind die Kernstädte die großen Verlierer, denn die Stadtflucht und Verödung der Innenstädte halten unvermindert an. Mittlerweile zeigen sich in den USA und Europa ähnliche Tendenzen der Zersiedlung. Zwei Drittel der Bevölkerung wohnen dies- und jenseits des Atlantiks im dominanten Siedlungstypus namens Suburbia, einer Art Patchwork der Verinselung von urbaner Qualität 72. .
„Suburbia [leidet] an der Paradoxie, die Probleme der Inner City, denen sie zu entgehen suchte, durch ihren Erfolg selbst neu zu erzeugen. Dennoch ist die Zufriedenheitsbilanz - bezogen auf
68 Vgl. dazu Siebel 2000: S.28, Häußermann, 30.06.00: S.11 und Sieverts 1998: S.176
69 Siebel 2000: S.30, vgl. dazu Reicher, 27.11.03: S.6
70 Vgl. dazu Aring 1999: S.16, Bodenschatz (6) 2002: S.67 und Sieverts 1998: S.141 71 Bodenschatz (6) 2002: S.61
72 Vgl. dazu Siebel 2000: S.29, Burdack 2002: S.78, Sewing (2) 2002: S.30 und Bodenschatz (6) 2002: S.61
27
die Wohnung, das Wohnumfeld, die Nachbarschaft und die Sicherheit - insgesamt eher positiv“ 73 .
Die Suburbanisierung in Deutschland lässt sich in vier Phasen einteilen. Mit der Industrialisierung um 1860 begann die erste Etappe. Diese dauerte bis zum Ersten Weltkrieg an und fand in einer Zeit statt, die vom privaten Städtebau dominiert wurde. Die notwendige Voraussetzung war die Ausbreitung des schienengebunden Massentransportmittels in Form von Straßen- und Eisenbahnen. Hiermit ging eine funktionale Entmischung der Stadt einher, die durch die Neuanlage von Infrastruktur und Industriebetrieben im Umland der großen Städte unterstützt wurde. Das reiche Bürgertum setzte ein Zeichen mit der Auswanderung aus den Innenstädten, und so existierte schon Ende des 19. Jahrhunderts eine Menge an Villenvororten.
Als Sozial-Suburbia wird die zweite Phase zwischen den beiden Weltkriegen wahrgenommen, zu einer Zeit, als der sozialstaatliche Städtebau eine Hochphase erlebte. Ziel war es nun, weniger privilegierten Schichten die Vorzüge von Suburbia zu ermöglichen. Es wurden weniger Eigentumshäuser gebaut als Kleinhäuser zur Miete. Große Industrieunternehmen und kommunale Wohnungsunternehmen bezogen über die öffentliche Förderung Gelder und verpflichteten sich zum Bau einer Vielzahl von Wohnungen, die den damaligen Mindeststandards entsprachen. Es fand eine Ablösung des suburbanen privaten durch den surburbanen gemeinnützigen Städtebau statt. Auch in dieser Zeit war das Hauptverkehrsmittel weiterhin der Schienenverkehr.
Die dritte Phase begann nach dem Zweiten Weltkrieg und war gekennzeichnet durch die automobilorientierte Zersiedlung der Landschaft. Das Auto verdrängte den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) als Massenverkehrsmittel. Diese neue Mobilität verursachte einen enormern Suburbanisierungsschub, denn es war nahezu jeder Standort mit dem Auto erreichbar. Durch eine Politik, die sich dem Straßenbau und einer massiven Subvention des Einfamilienhausbaus verschrieben hatte, wurde dieser Sachverhalt zusätzlich unterstützt. Die Folge war eine Zersiedlung, die nur vereinzelt anspruchsvolle Siedlungen hervorbrachte. Meist entstand ein beziehungsloses Nebeneinander von Einfamilienhausgebieten und Quartieren des Sozialen Wohnungsbaus, denn neben der staatlichen Förderung von Eigenheimen spielte in den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auch die gemeinnützige Wohnungswirtschaft als Träger des suburbanen Wohnungsbaus eine entscheidende Rolle.
In einem seit etwa 20 Jahren andauernden Abschnitt spielt sich im Bewusstsein und Handeln der Planer die vierte Etappe ab, den Auswucherungen der Städte eine Planung entgegenzusetzen,
73 Sewing (2) 2002: S.34
28
die auf Stabilisierung und Stärkung der Städte abzielt. Im Zuge der bisherigen Suburbanisierung waren mit den Einwohnern viele Arbeitgeber und Freizeiteinrichtungen an die Peripherie gewandert. Mittlerweile sind die öffentlichen Kassen leer und der privat finanzierte Städtebau hat den gemeinnützigen verdrängt. Es wird oft die Rettung der Europäischen Stadt gefordert, die zusehends durch neue Entwicklungen und Projekte überformt wird. In dieser Situation kam dann die Diskussion auf, die als Zwischenstadt tituliert wird 74 .
„In ihrer heutigen Ausprägung sind die suburbanen Umlandbereiche mit großer Pro-Kopf-Flächeninanspruchnahme, ausgeprägter Autoorientierung und der Möglichkeit zur funktionalen Entmischung [beziehungsweise] zur Bildung homogener Inseln. Architektonisch sind sie geprägt durch die wechselnden Moden der Nachkriegsarchitektur. Zumeist dominiert das Einzelobjekt über den städtebaulichen Gesamtentwurf (...). Siedlungsentwicklung im Umland fand überwiegend auf einer rein pragmatischen Grundlage statt, wobei sich der Städtebau (...) auf die Bereitstellung und von Baugrundstücken und deren reibungslose Erschließung [reduzierte]“ 75 .
Das größte Problem, das mit der Suburbanisierung einhergeht, ist die soziale Segregation. Die Qualität der Sozialstruktur könnte unterschiedlicher nicht sein. Während sich in den Vororten die sozial, politisch, ökonomisch und kulturell aktive Bevölkerung konzentriert, fungieren die Kernstädte als Auffangbecken für die so genannten vier A’s: Arme, Arbeitslose, Alte und Ausländer 76 .
Suburbia ist von Beginn an ein Erzeugnis des privat finanzierten Städtebaus und damit das genaue Gegenteil der kompakten Innenstadt. Private Developer entwerfen für Suburbia städtebauliche Konzepte, um damit Geld zu verdienen. Das ist legitim und leicht zu erreichen. Die Unterstützung der Kommunen ist ihnen in den meisten Fällen sicher, denn einkommensstarke Haushalte, die sich Suburbia leisten können, sind in jeder Kommune willkommen 77 . Die fatale Folge dieser Entwicklung ist letztlich nur:
„Die Explosion der Stadt am Ende des 20. Jahrhunderts verwischt den einst so klaren Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Stadt und Natur“ 78 .
74 Vgl. dazu Bodenschatz (6) 2002: S.63ff.
75 Aring 1999: S.14
76 Vgl. dazu Siebel 2000: S.29 sowie Aring 1999: S.15 und 18 77 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI) 78 Geuze: S.1 (Quelle: www.kulturregion-stuttgart.de)
29
3.3. Zwischenstadt
Der Begriff Zwischenstadt wurde im Jahre 1998 in die Diskussion gebracht, als das gleichnamige Buch „Zwischenstadt zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land“ von Thomas Sieverts erschien. Er charakterisiert die Räume zwischen den Städten, die oft als Suburbia bezeichnet werden 79 .
„Es ist die Stadt zwischen den alten historischen Stadtkernen und der offenen Landschaft, zwischen dem Ort als Lebensraum und den Nicht-Orten der Raumüberwindung, zwischen den kleinen örtlichen Wirtschaftskreisläufen und der Abhängigkeit vom Weltmarkt“ 80 .
Die Voraussetzungen für heutige Planung und damit für die Akzeptanz der heutigen Welt sind die weltweite Arbeitsteilung der Wirtschaft, die Auflösung der kulturellen Bindekräfte der Städte und das engmaschige Durchdringen von Freiräumen und Siedlungsflächen, wobei der städtische Freiraum als Bindeglied fungiert. Diese Zwischenstädte sind keine „Zukunftsmusik“, sie sind im Wesentlichen bereits gebaut 81 .
Die Ursachen sind sowohl für die Suburbanisierung als auch für die Zwischenstadt ähnlich, wenn nicht gar die gleichen. Die Eisenbahn forciert eine sternförmig-lineare Ausdehnung der Stadt, das Automobil füllt dagegen die Fläche mit Nutzungen auf. Dennoch wird dieses Produkt der Zersiedlung Stadt genannt, obwohl abstraktere Wendungen wie beispielsweise Agglomeration, verstädterte Landschaft oder Metropolitan Region weitaus zutreffender sind. Dieses Siedlungsfeld, wie es passender Weise bezeichnet werden kann, vereint den Charakter von Stadt und offener Landschaft. Mittlerweile haben diese Orte mehrere Millionen Einwohner und sind über die ganzen Globus verteilt. Ihnen gemein ist die Eigenschaft, auf den ersten Blick diffus und ungeordnet zu wirken, kein eindeutiges Zentrum und ländliche Peripherie innezuhaben, sondern dafür mehr oder weniger funktional spezialisierte Distrikte, Netzwerke und Knotenpunkte zu sein. Aus den verschiedensten Gründen mögen sich diese Zwischenstädte entwickelt haben, sie alle sind letztlich nicht planlos, sondern wegen rationaler Einzelentscheidungen entstanden. Die Bauherren suchten auf Grund ihres vorgegebenen Siedlungsverhaltens zunächst Grundstücke, die einerseits bezahlbar und andererseits von der Kernstadt aus gut zu erreichen waren. Anfänglich wurden diese Grundstücke fast ausschließlich für Wohnzwecke genutzt. Mit der Zeit zogen Arbeitsplätze und Versorgungseinrichtungen nach und es entstanden unabhängige Städte,
79 Vgl. dazu Bodenschatz (6) 2002: S. 67
80 Sieverts 1998: S.7 81 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.8,18 und 66
30
die mit der Ursprungsstadt wechselseitige Beziehungen eingehen und in der Dynamik zum Teil die verarmten Kernstädte übertreffen 82 .
Die Kritik der heutigen Zeit richtet sich gegen die geringe Aktivitätsdichte und zu große Baumassen. Mittlerweile steht jedem Einwohner und Arbeitsplatz so viel Fläche zur Verfügung, die auf den Tag beziehungsweise das Jahr gesehen viel zu wenig genutzt werden. Das oft zitierte „Ende der Fahnenstange“ scheint noch nicht erreicht. Verringerte Arbeitszeiten mit den daraus resultierenden Freizeitblöcken, verkürzte Lebensarbeitszeit und die Verlagerung von Teilen der Arbeit in die Wohnung führen indes zu einer weiteren Ausweitung und Entmischung der Zwischenstadt 83 .
„Bisher wurde die Zwischenstadt als eigenständiges Gebilde und wichtige Aufgabe verdrängt: als namenloses Gebilde ist sie kein ‚Begriff’, politisch zerfällt sie in viele Einzelgemeinden und wird deswegen auch nicht als zusammengehöriges Politikfeld begriffen“ 84 .
Trotz der weltweiten Verbreitung hat die Zwischenstadt im Bewusstsein von Bewohnern und Politikern keine eigenständige Identität. Es gibt keine Konzepte für die Qualifizierung der Außenbezirke, die mittlerweile keine mehr sind. Die Herausforderung für den künftigen Städtebau liegt jedoch gerade in der Qualifizierung der suburbanen Peripherie. Die Begriffe, mit denen die so genannten Ränder heute bedacht werden, sind durchweg negativ: Siedlungsbrei, Speckgürtel, krebsartige Wucherungen, Siedlungswüste. Die Zwischenstadt ist nur über den öffentlichen Raum wahrzunehmen und zu begreifen, denn das ist ihr strukturelles Grundgerüst 85 .
Die Zwischenstadt lässt sich an fünf zentralen Parametern festmachen. Urbanität beschreibt im ursprünglichen Sinne eine tolerante und weltoffene Haltung der Bürger und wird heute zumeist mit einer dichten und belebten Stadt assoziiert. Zentralität stellt den Ort - das Zentrum - dar, von dem alle wesentlichen Entwicklungen ausgehen. Dichte wird unterteilt in bauliche Dichte (Fläche beziehungsweise Masse des umbauten Raumes pro Flächeneinheit), räumlich-visuelle Dichte (Grad der Erlebbarkeit) und soziale Dichte (Menge und Qualität der Kontakte). Mischung wird als unmittelbar wichtiger Bestandteil von Urbanität vorausgesetzt und unterteilt in Mischung im Gebäude selbst, in der Straße, im Quartier und in der Stadt. Der Begriff Ökologie - oder besser Stadtökologie - hat das unstrittige Ziel der nachhaltigen Entwicklung, was die möglichst verträgliche Einführung der Stadt in die Naturkreisläufe meint 86 .
82 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.13ff. und Fürst et al. 1999: S.70
83 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.21f. 84 Sieverts 1998: S.147
85 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.23,30,36 und 116, Bodenschatz (6) 2002: S. 67 sowie Aring 1999: S.15 86 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.32ff.
31
Als gegeben hinzunehmen ist die im Wesentlichen fertige Zwischenstadt. Die offene Landschaft ist insofern nicht mehr offen, da sie von der enormen Siedlungs- und Verkehrsfläche zerstückelt und bisweilen sogar eingeschlossen wird. Die Innenstädte sind zu riesigen Shopping-Centern, Bürozonen und - durch symbolbeladene Gebäude - zum Ziel von Lokal- und Ferntourismus geworden, die Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ versuchen, diese Urbanität nachzuahmen. Jedoch muss gesagt werden, dass die historischen Innenstädte nur noch einen Bruchteil der Stadt ausmachen. Die Peripherie hat mittlerweile eine Vielzahl an Attraktionen geschaffen. Typische Stadtbausteine der Zwischenstadt bilden einen schier endlosen Kanon an Großsiedlungen und riesigen Gewerbegebieten, Autobahnkreuzen und Rübenackern, Shopping Malls, Golfplätzen, Einfamilienhausidyllen und internationalen Flughäfen, aufgegebenen Hallen und Schuppen, wilden Kleingärten und Brachflächen, Diskotheken und Billigmärkten, Krankenhäusern, Fernleitungen sowie alten Gleisen und Bahndämmen 87 .
Die Vorteile einer Zwischenstadt sind indes nicht von der Hand zu weisen. Zwischenstädte sind von einer Kleinteiligkeit geprägt, wie sie unter dem Stichwort Funktionsmischung propagiert wird. Die vorhandene Polyzentralität wirkt zu starken Zentren entgegen. Auch die kulturelle Vielfalt, die sich in Form differenzierter Lebensstile ausdrückt, ist ein positives Merkmal. Möchte man die Gestalt der heutigen Lebensumwelt nicht akzeptieren, zeigt sich, dass theoretisch der Umbau der Zwischenstadt möglich ist 88 . Nimmt man an, dass die
„(...) ohnehin ablaufenden notwendigen Umnutzungen, Umbauten, Reparaturen, Erneuerungen, Anpassungen, Verlagerungen und Modernisierungsprozesse der Stadt (...) eine Veränderungsrate von ca. 2 bis 5% im Jahr ausmachen [, dann ließe sich] innerhalb einer Generation (...) eine Stadt erheblich umbauen, wenn die unzähligen einzelnen Maßnahmen perspektivisch auf einige wichtige gesellschaftliche Oberziele ausgerichtet würden“ 89 .
Die Zwischenstadt ist letztlich eine heterogene Landschaft mit einem chaotischen Formenreichtum geworden. Was die Wahrnehmung der Zwischenstadt und die Orientierung in ihr jedoch so schwierig macht, ist der Mangel an Prägnanz, Einfachheit, Stabilität, Regelmäßigkeit, Symmetrie, Kontinuität und Einheitlichkeit. Sobald Stadtregionen als in zunehmendem Maße einheitlicher Lebensraum begriffen werden, wird es möglich sein, die jeweils einzelnen Vorteile verschiedener Teilregionen zu begreifen und dort zu fördern. Dazu gehört auch eine identitätsstärkende und Halt gebende Ortsbezogenheit. Die sich verschärfenden ökologischen Probleme erzwingen eine regionale Kooperation. Gänzlich falsch ist daher der Streit
87 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.65f. und 106, Aring 1999: S.17, Bodenschatz (4) 2003: S.24, Sewing (2) 2002: S.34, www.uni-weimar.de sowie Geuze: S.1 (Quelle: www.kulturregion-stuttgart.de) 88 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.67f. 89 Sieverts 1998: S.67
32
eigensüchtiger Teilstädte um das größte Einkaufszentrum, den höchsten Wolkenkratzer oder die größte Freizeitanlage 90 .
In Deutschland finden sich die beschriebenen Merkmale - bauliche, ökologische und soziale Gegensätze - einer Zwischenstadt am ausgeprägtesten im Ruhrgebiet. Dort hat man mit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark gezeigt, wie mit dem Strukturwandel umgegangen werden kann. Es wurde mit dem Gasometer in Oberhausen, dem Landschaftspark Meiderich in Duisburg, dem Nordsternpark in Gelsenkirchen, dem Tetraeder in Bottrop oder der Jahrhunderthalle in Bochum eine Vielzahl an überregional bekannten, kulturellen Anziehungspunkten in einer Zwischenstadt initiiert und somit die Identität der Region gestärkt 91 .
3.4. Dezentrale Konzentration
Schon die Gartenstadtbewegung Anfang des letzten Jahrhunderts verfolgte in gewissem Maße dieses Leitbild, in dem Städte für 30.000 Bewohner geplant wurden. Diese waren klein beziehungsweise groß genug, um Fußläufigkeit zu ermöglichen und die Grundversorgung sicherzustellen sowie alle notwendigen öffentlichen Einrichtungen unterzubringen. Begründer war Ebeneezer Howard mit dem Werk „Garden Cities of To-Morrow“ aus dem Jahre 1898 92 .
In Deutschland wird heute unter Dezentralisierung eine von den Zentren ausgehende, geordnete Suburbanisierung verstanden, die auf ein hierarchisch gegliedertes Siedlungssystem abzielt 93 .
„Das Ordnungsprinzip der dezentralen Konzentration sieht die Herausbildung von Siedlungsschwerpunkten innerhalb der zusammenhängenden Siedlungsfläche einer Stadt oder Stadtregion vor. (...) Siedlungsschwerpunkte können sowohl Stadtkerne als auch in gewissem Umfang eigenständige Stadtteilzentren sein, die mit ihrem Angebot an Nahversorgung, Freizeitgestaltung, Wohnungen und Arbeitsplätzen einen Beitrag zur Verringerung der Pendlerverkehre leisten“ 94 .
Die hiermit verfolgten Ziele sind zum Einen die Entlastung großer Verdichtungsräume und zum Anderen die Stärkung agglomerationsferner Regionen. Innerhalb dieses, durch einen leistungsfähigen und ansprechenden ÖPNV verbundenen, Siedlungssystems soll ein durchgehend verknüpftes Straßen- und Fußwegenetz vorhanden sein, das eine höhere Dichte aufweist und Stadtzentren mit einer hohen Qualität an öffentlichen Räumen schafft 95 .
90 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.74ff. und 122 sowie Deiters 1996: S.640
91 Vgl. dazu Sieverts 1998: S.130ff. 92 Vgl. dazu Kegler (2): S.6 (Quelle: www.ceunet.de) 93 Vgl. dazu Kegler (2): S.1 (Quelle: www.ceunet.de) 94 Stadt Gladbeck (1) 2002: S.36
95 Vgl. dazu Deiters 1996: S. 637 und Sieverts 1998: S.119
33
Das hierarchische System beruht auf der Theorie der Zentralen Orte 96 . Walter Christaller gilt als der Begründer mit seinem Werk „Die zentralen Orte in Süddeutschland“ aus dem Jahre 1933. Diese Theorie ist im Kern eine neoklassische ökonomische Theorie und ordnet die Städte hinsichtlich ihrer Größe, Bedeutung und der Nachfrage nach Gütern als Einkaufsstandort ein. Jedes Gut hat eine gewisse Reichweite (Zentralität) und je mehr hochwertige Waren (Güter hoher Zentralität) an einem Ort angeboten werden, desto höher ist auch die Zentralität des Ortes. Demnach befinden sich Einrichtungen der einfachen Versorgung beispielsweise in der Nähe eines jeden Wohngebietes (Bäcker und Lebensmittelgeschäfte, Kindergärten und Schulen sowie praktische Ärzte), da sie eine vergleichsweise geringe Zentralität aufweisen. Monatlich benötigte Einrichtungen (Banken, Schwimmbäder) stehen auf der Hierarchie eine Stufe höher und sind meist in Bus- und Straßenbahnentfernung zu erreichen, sie weisen eine mittlere Zentralität auf. Spezialisierte Einrichtungen (große Kaufhäuser, spezialisierter Fachhandel) werden seltener aufgesucht und finden sich im Stadtzentrum. Zentrale Orte einer bestimmten Kategorie bieten jedoch nicht nur Güter des eigenen Ranges an, sondern auch alle darunter liegenden Stufen 97 .
Die Theorie der Zentralen Orte ist Basis des Leitbildes der Dezentralen Konzentration. Ende der 1980-er Jahre verzeichneten viele deutsche Städte positive Wanderungssalden auf Grund des politischen Umbruchs in Europa. Das folgende unkontrollierte und in Teilen unkontrollierbare Wachstum im suburbanen Raum und entlang von Verkehrsachsen insbesondere in Ostdeutschland war Anlass für Forderungen nach einem neuen Leitbild zur Steuerung dieser Entwicklung. Das damalige Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau bezog das Leitbild im Jahr 1992 in den Raumordnungspolitischen Orientierungs- und 1995 in den Raumordnungspolitischen Handlungsrahmen ein. Seitdem ist es ein wichtiger Baustein der Ziele hinsichtlich der künftigen Entwicklung von Stadtregionen 98 .
Die Bewahrung des historisch dezentralen Siedlungsmusters in Deutschland hatte die Forderung und Förderung eines Systems von Haupt-, Neben- und Unterzentren zur Folge, was sich im Bundesraumordnungsgesetz niederschlägt. In allen besiedelten Bereichen sind Verdichtung und Nutzungsmischung anzustreben. So wird eine verträgliche Stadtentwicklung gewährleistet. Dies beinhaltet auch den Ausbau von Städten im suburbanen Raum, die dann den Entwicklungsdruck auf die Agglomerationszentren verringern. Eine weitere Entlastung der Oberzentren soll durch den Aufbau von regionalen Städtenetzen erreicht werden, die sich durch Arbeitsteilung und
96 Grundlage der Theorie sind stark vereinfachte Annahmen, das heißt, es existieren keine räumlichen Unterschiede hinsichtlich Nachfrage und Produktion, die Bevölkerung ist gleichmäßig verteilt, auch die Eigenschaften eines jeden Individuums (Einkommen, Kaufkraft, Bedürfnisse) sind gleich, weiterhin ist das Verkehrsnetz gleichförmig und die Transportkosten verhalten sich direkt proportional zur Entfernung (vgl. dazu Schätzl 1996: S.69).
97 Vgl. dazu Blotevogel 1996: S.618, Deiters 1996: S.634 und 639, Schätzl 1996: S.74f. sowie Sieverts 1998: S.87 98 Vgl. dazu Fürst et al. 1999: S.63; Blotevogel 1996: S.617 und Aring 1999: S.100
34
Kooperation gegenseitig ergänzen. Freiräume sollen vor dem ökologischen Hintergrund erhalten und besonders geschützt werden.
Durch die gezielte Förderung dezentraler Standorte könnte der Entwicklung entgegengewirkt werden, dass einkommensschwächere Haushalte auf Grund steigender Mieten und Bodenpreise zunehmend an die städtischen Randgebiete gedrängt werden. Ebenso verhält es sich bei gewerblichen Nutzungen. Eine kleinteilige Strukturierung ist vor dem Hintergrund einseitiger Wirtschaftsstrukturen zu bevorzugen, da Branchenkrisen ganze Regionen in eine Abwärtsspirale zwingen können 99 .
Das Leitbild der Dezentralen Konzentration wird vornehmlich mit Umwelt- und Ressourcenschutz begründet, der die natürlichen Lebensgrundlagen erhält. Freiraumschutz und die Vernetzung der Freiräume wird durch eine Innenentwicklung in den Zentren erreicht. Darüber hinaus sollte in allen Standorten das Prinzip der kurzen Wege verfolgt werden, um weite Pendlerfahrten und Staus zu vermeiden und die Auslastung des ÖPNV zu erhöhen. Die positiven Einflüsse auf die Umwelt würden danach in der gesamten Region zu verbesserten Lebensbedingungen führen 100 .
Eine zunehmende Kritik an der Zentrale-Orte-Theorie hat eine Kritik an der Dezentralisierung zur Folge. Die starke Zentralisierung der Infrastruktur gleichzeitig mit kommunalen Gebietsreformen nimmt wenig Rücksicht auf die ländliche Bevölkerung. Dort greift das Prinzip nicht und vielerorts ist eine enorme Autoabhängigkeit zu konstatieren. Die Ausdünnung der Bevölkerung durch Suburbanisierung wird zusätzlich durch gestiegene Wohnflächenansprüche unterstützt. Heute ist Zentrale-Orte-Theorie realitätsferner denn je, da die Basisannahmen in der heutigen Gesellschaft überholt sind. Kritisiert wird der statische Charakter, der nicht auf Wachstum eingeht und eingehen kann. Damit ist das zentralörtliche Gliederungsprinzip weder geeignet, um überall gleichwertige Verhältnisse herzustellen, noch wird es der Realität der Zentrenstruktur in den Verdichtungsräumen gerecht. Es ist zu beobachten, dass eine Weiterführung der bisherigen Siedlungsstruktur forciert wird, die auf einer zu großen Anzahl von Zentren beruht. Da das Leitbild der Dezentralen Konzentration noch relativ jung ist, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht endgültig klären, ob sich mit den beschriebenen Grundsätzen und Zielen die derzeitigen automobilen und sozialen Probleme lösen lassen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass eine Konkretisierung des Leitbildes immer die lokal- und regionalspezifischen Gegebenheiten berücksichtigen muss 101 .
99 Vgl. dazu Fürst et al. 1999: S.63f.
100 Vgl. dazu Fürst et al. 1999: S.66 und Stadt Gladbeck (1) 2002: S.36
101 Vgl. dazu Jacobs 1993: S.120, Blotevogel 1996: S.617, 620ff. und 624ff., Deiters 1996: S.631ff. sowie Aring 1999: S.102f.
35
4. New Urbanism
Zunächst erfolgt eine Definition dieser Städtebaubewegung, daraufhin werden Ursprünge, Ziele, Grundsätze, Prinzipien und exemplarisch Umsetzungsbeispiele dargestellt. Den Abschluss des Kapitels bildet eine kritische Positionierung.
4.1. Definition und Ursprünge
Beim New Urbanism handelt es sich um eine US-amerikanische Städtebaubewegung. Während sich in Deutschland die Diskussion um Revitalisierung und Stabilisierung von Stadtteilen über die Leitbilder wie der kompakten Stadt und der Zwischenstadt abspielt, geht der New Urbanism seit den 1990-er Jahren diese Polarisierung an und versteht sich als Antwort auf die Zersiedlung, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern 102 .
Abb. 4: Sprawl 103
Jahre. Er sieht sich als Reaktion auf die Zersiedlung und möchte keine neuen Vororte schaffen, sondern Suburbia qualifizieren, das heißt die Peripherie aufwerten. Besonders wichtig ist die gleichzeitige Stabilisierung von innerstädtischen Quartieren durch Nachverdichtung und funktionale Mischung als gelungene Alternative zu den Suburbs. In den USA ist der New Urbanism im Gegensatz zu Europa weit über die Planerfachwelt hinaus bekannt 105 .
Ausgangslage und Entstehungsgrund dieser Reformbewegung ist der Urban Sprawl. Suburbia an sich ist ein dynamisches Gebilde, das durch keine feststehende Definition beschrieben werden kann, da es zu viele verschiedene Sichtweisen beinhaltet. Nun hat sich die Einstellung über die Suburbanisierung von Verleugnung hin zu Akzeptanz gewandelt, dass das unkontrollierte
102 Vgl. dazu Bodenschatz (6) 2002: S.70 und Oldiges: S.3 (Quelle: www.hausarbeiten.de)
103 Quelle: Schauz, 25.01.04: S.82 104 Bodenschatz (9) 2003: S.180
105 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S.24, (4) 2003: S.25, (6) 2002: S.70f. und (9) 2003: S.182
36
Wachstum ins suburbane Umland tatsächlich existiert. Die Symptome für die Suburbanisierung sind die Stadtflucht sowie die räumliche und zeitliche Ausdehnung der menschlichen Aktivitäten. Der New Urbanism hinterfragt die Gründe dafür und versucht, Antworten darauf zu geben. Die Gründe sind in der auf das Automobil ausgerichteten Planung zu sehen, die für einen Großteil der städtischen Missstände wie Flächenverbrauch, Verkehrsstaus, Zerschneidung von Stadt und Landschaft, Luftverschmutzung oder Verfall der Kernstädte verantwortlich gemacht wird. Als Gegenbild der Moderne möchte er gegen die nächtlich ausgestorbenen Zentren und - im Gegensatz dazu - die tagsüber menschenleeren Vorstädte angehen. Er kann als Bewegung betrachtet werden, den Mensch wieder in den Mittelpunkt der Planung zu rücken 106 .
Die Organisationsform des New Urbanism orientiert sich bewusst kritisch an den Kongressen für Neues Bauen 107 . Jedes Jahr trifft sich die Anhängerschaft in einer anderen amerikanischen Großstadt, wo über ein Hauptthema diskutiert wird. Der Gründungskongress fand 1993 in Alexandria, Virginia statt und beschäftigte sich mit den grundlegenden Prinzipien auf den Ebenen Nachbarschaft, Distrikt und Korridor. In Charleston, South Carolina wurde 1996 das Grundlagendokument „Charter of the New Urbanism“ 108 verabschiedet. Der nächste Kongress findet im Sommer 2004 in Chicago, Illinois zum Thema „The New City Beautiful“ statt. Während dieser Zusammenkünfte manifestieren sich neue Ansätze im Umgang mit der Stadt, den Zentren und Rändern sowie innerstädtischen Brachen. Die Teilnehmer an den Kongressen werden automatisch für ein Jahr Mitglieder des Congress of the New Urbanism (CNU) und erhalten die Mitgliederzeitschrift „New Urban News“, die neue Projekte, Debatten und Kritiken vorstellt. Der New Urbanism organisiert seine Mitglieder in Task Forces, die verschiedene Arbeitsbereiche wie Umwelt, Marketing und Finanzen beinhalten. Die Bewegung selbst agiert auch politisch und bindet starke Bürgermeister zur Allianzenbildung mit anderen Institutionen ein 109 .
Laut eigenen Angaben ist der New Urbanism die bedeutendste Planerbewegung dieses Jahrhunderts, der eine breite Bürgerschaft vertritt und sich aus leitenden Persönlichkeiten des öffentlichen und privaten Sektors, Gemeindeaktivisten und Fachleuten der unterschiedlichsten Fachbereiche zusammensetzt. Er sieht sich als internationale Bewegung mit dem Oberziel, das Design der gebauten Umwelt zu reformieren, um wieder städtische Qualitäten zu erreichen und eine bessere Zukunft für alle zu bauen. Dabei werden bewusst alle Maßstabsebenen berücksichtigt: neben komplett neuen Dörfern und Kleinstädten werden einzelne
106 Vgl. dazu Bodenschatz (6) 2002: S.74, Schemionek: S.1 (Quelle: www.uni-wuerzburg.de), Oldiges: S.3 (Quelle: www.hausarbeiten.de), Vieser 2000/01: S.2f. und Meuwissen, 22.-24.04.99: S.18f.
107 Die Kongresse für Neues Bauen = CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) wurden 1928 von Le Corbusier gegründet und führten bis 1956 zehn Kongresse durch, 1959 erfolgte dann die Auflösung. 1933 wurde in Athen auf dem 4. Kongress die „Charta von Athen“, eine wichtige programmatische Leitschrift für eine funktionelle Stadtplanung, verabschiedet (vgl. dazu dtv (1) 1994: S.59). 108 Das im Jahre 1999 erschienene Buch, welches die Charta erläutert, wurde vom CNU herausgegeben und ist in drei große Abschnitte mit jeweils neun Kapiteln unterteilt: Metropolis, City, Town - Neighbourhood, District, Corridor - Block, Street, Building. 109 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S.26f. und www.cnu.org
37
Nachbarschaften und Straßen, sogar Gebäude geplant und überplant 110 . Der New Urbanism hat sich
„(...) der Aufgabe verschrieben, die Beziehung zwischen Baukunst und Gemeinwesenentwicklung durch die Beteiligung der Bürger bei Planung und Gestaltung wiederherzustellen“ 111 .
4.2. Ziele, Grundsätze und Prinzipien
Die Ziele des New Urbanism überlagern sich in großem Maße mit Anschauungen, die in Europa schon seit Langem als selbstverständlich für „guten Städtebau“ erachtet werden: Nutzungs- und soziale Mischung, erhöhte bauliche Dichte und architektonische Vielfalt. Die Revitalisierung kann mit relativ kleinen Eingriffen geschehen, indem innerstädtische Nachverdichtung auf 15 Wohneinheiten je Hektar (statt der durchschnittlichen 1,5 Wohneinheiten in Suburbia) betrieben wird. Er orientiert sich an historisch gewachsenen Stadtgrundrissen und regionalen Traditionen der Gestaltung. Zudem sind innerstädtische Zentren gefordert, die eine große Anziehungskraft besitzen müssen. Grundlage der Siedlungen des New Urbanism sind fußgängerfreundliche Quartiere und die Unterstützung des ÖPNV, um Fahrten mit dem Auto drastisch zu verringern. Mit diesen Zielen geht die Stärkung des öffentlichen Raumes einher, der in den USA erstmals mit dem New Urbanism in der Planung eine definitive Berücksichtigung erhält 112 .
„Die Wiederbelebung der städtischen Plätze hängt von der Sicherheit und dem Schutz ab. Die Konzipierung von Straßen und Gebäuden sollte die Sicherheit der Umgebung verstärken. (...) Wesentliche Prinzipien hinsichtlich der öffentlichen Räume (...) sind Fußgängerfreundlichkeit, Offenheit und Zugänglichkeit, Sicherheit, Komfort und Wohlbefinden, Mischung der Verkehrsarten sowie eine räumliche Hierarchie vom regionalen Korridor über Hauptstraßen und Plätze bis hin zur suburbanen Nachbarschaftsstraße und Grünfläche“ 113 .
Durch den New Urbanism sollen maximal vernetzte Quartiere entstehen, die das Gegenteil einer Gated Community darstellen. Gated Communities sind meist von Entwicklungsgesellschaften errichtete, mit Wächterhäuschen versehene und durch Tore geschlossene Wohnanlagen für Besserverdiener, in der Regel Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen, die durch Miet- oder Kaufpreishöhe und spezielle Freizeitangebote eine Mindesthomogenität der Bewohnerschaft garantieren 114 .
110 Vgl. dazu www.newurbanism.org und in der Online-Version der Charta unter www.cnu.org/pdf/Charta_deutsch.pdf 111 Quelle: www.cnu.org/pdf/Charta_deutsch.pdf 112 Vgl. dazu Vieser 2000/01: S.3 und Bodenschatz (6) 2002: S.70 113 Bodenschatz (9) 2003: S.181 114 Vgl. dazu Zinganel 2003: S.29
38
Die Grundlage von Siedlungen des New Urbanism ist der Masterplan, der den Stadtgrundriss und die Anordnung von öffentlichen beziehungsweise privaten Grundstücken und Bauten festlegt. Die architektonische Ausgestaltung der Gebäude wird durch den Urban Code reglementiert. Diese planerischen Grundlagen werden in einem mehrtägigen Workshop, einer Charrette, erarbeitet. Dieses Verfahren bindet alle Akteure (Planer, Bauherren, Vertreter öffentlicher Institutionen und gesellschaftlicher Gruppen) ein und sichert Akzeptanz und Verständnis in der Bevölkerung. Bei der Realisierung der Projekte wiederholt sich die Dominanz des Städtebaus über die Architektur. Zunächst werden die Erschließung gesichert und die landschaftlichen Elemente angelegt, erst dann folgt die Bebauung 115 .
Die im Jahre 1999 erschienene Charta zum New Urbanism enthält konkrete programmatische Aussagen zum öffentlichen Raum. Parallel zu europäischen Leitbildern wie der Stadt der kurzen Wege werden hier Nutzungs- und soziale Mischung, architektonische Vielfalt, Fußgängerfreundlichkeit sowie eine Siedlungsstruktur, in der das Auto nicht das dominierende Verkehrsmittel ist, angestrebt. Demnach wird hier die Rolle der Fußgänger gestärkt, da eine explizite Gleichberechtigung von Fußgängern und Autofahrern bei der Planung formuliert wird. Innenstadtnahe Korridore sollen mit einem leistungsfähigen ÖPNV ausgestattet sein, damit eine Zentrums(wieder)belebung stattfindet und es eine wirkliche Alternative zum Automobil gibt 116 .
Der New Urbanism ist zwar eine junge Bewegung, jedoch greift er Ideen auf, die bis zu einem Jahrhundert alt sind. Die nordamerikanische Gartenstadtbewegung Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren Parks und den Verbindungswegen zur naheliegenden Natur hat einen nicht unerheblichen Einfluss, soll hier aber nur am Rande erwähnt bleiben 117 .
Folgende Prinzipien und Leitlinien verfolgt der New Urbanism bei der Projektentwicklung und zur Orientierung von Kommunalpolitik, städtischer Entwicklungspraxis, Stadtplanung und Umweltgestaltung. Alle Siedlungen sind so zu konzipieren, dass ein Großteil der täglichen Bedürfnisse innerhalb eines fußläufig erreichbaren Radius von wenigen Gehminuten befriedigt werden kann. Aus diesem Grund sind die Straßen in hohem Maße beispielsweise durch Bäume, verringerte Geschwindigkeit der passierenden Fahrzeuge und Unterordnung des Parkraumes durch rückwärtige Garagen und versteckte Parkplätze, fußgängerfreundlich zu gestalten. Ein feingliedriges Netz an Fußwegeverbindungen sichert die kleinteilige Erschließung und forciert das Zufußgehen. Ein verbundenes Straßennetz ohne Sackgassen optimiert die Verteilung des Verkehrs. Demnach hat in der Verkehrsplanung der Fußgänger Priorität vor dem Automobil 118 .
115 Vgl. dazu Bodenschatz (9) 2003: S.185
116 Vgl. dazu www.cnu.org/pdf/Charta_deutsch.pdf, CNU 2000, Bodenschatz (9) 2003: S.180 und Herbold et al. 2003: S.39 117 Vgl. Schäfer: S.17ff. (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de) 118 Vgl. dazu Meuwissen, 22.-24.04.99: S.19
39
Abb. 5: Bedeutung einer kleinteiligen Nutzungsmischung 119
großflächigen Stadtteilen oder Städten dar, die nur eine Nutzung aufweisen wie zum Beispiel Financial Districts.
Die durch den New Urbanism angestrebte Mischung bezieht sich sowohl auf die Stadt, den Stadtteil, das Quartier, den Baublock als auch auf die Gebäude. Er möchte einen angemessenen Mix von Büros und Geschäften, Mehrfamilienhäusern und lockerer Bebauung, kulturellen und Freizeiteinrichtungen und gliedert den städtischen Raum in kleinere, autonome Bezirke. Dies drückt sich in einer vielfältigen Architektursprache der Bautypen und Häuser aus. Ein kleinräumiges Nebeneinander verschiedener Besitzformen (Eigentum und Miete) und Parzellengrößen (Grundstückpreise) schafft Abwechslung in der Nachbarschaft 120 .
Besonderes Augenmerk bei New-Urbanism-Siedlungen wird auf die Qualifizierung von Architektur und Städtebau gelegt (Urban Code), die sich stark an der Ästhetik, den menschlichen Bedürfnissen und der Schaffung einer besonderen Identität des Ortes orientiert. Dies geschieht unter anderem durch die Platzierung repräsentativer öffentlicher Gebäude und Plätze. Diese traditionelle Struktur drückt sich durch eine begrenzte Stadtgröße von etwa einer Meile im Durchmesser aus und ist gekennzeichnet durch ein sichtbares Stadtzentrum und Stadtrand. Die Obergrenze für solch eine Stadt liegt etwa bei 10.000 Einwohnern oder 33 Hektar.
Eine angestrebte erhöhte bauliche Dichte ermöglicht den effizienten Einsatz von Ressourcen und damit eine gesteigerte Ausnutzung des Bodens, welche die Menschen wiederum zum Zufußgehen anregt, da die Wohnungen, Geschäfte und Arbeitsplätze nah beieinander liegen. Eine bauliche Dichte impliziert einen leistungsfähigen ÖPNV, der schienengebunden Städte und Gemeinden verbindet. Hiermit wird das Transit Oriented Development forciert, das heißt die Entwicklung von fußläufig erschlossenen Nachbarschaften um einen ÖPNV-Haltepunkt 121 .
119 Quelle: Vieser 2000/01: S.4
120 Vgl. dazu Vieser 2001/02: S.3 und Meuwissen, 22.-24.04.99: S.19 121 Vgl. dazu Vieser 2000/01: S.3f.
40
Der Aspekt der Nachhaltigkeit wird in den Projekten als sparsamer Umgang mit den endlichen Ressourcen Boden und Ölverbrauch, in geringen Umweltauswirkungen sowie den Stärken einer lokalen Produktion von Gütern und Waren gesehen. In diesem Zusammenhang ist auch die Stärkung von regionalen Eigenheiten zu nennen, die sich in Form von lokal zur Verfügung stehenden Baumaterialien ausdrückt.
Der New Urbanism betätigt sich demnach in verschiedenen Handlungsfeldern, um seine Ziele zu erreichen. Die wichtigsten Bereiche sind die Qualifizierung der Innenstädte und Suburbia (Urban beziehungsweise Suburban Infill), der Stadtumbau sowie die Reaktivierung von Brachflächen. Das Traditional Neighbourhood Development beinhaltet neben der Stadterweiterung auch den Siedlungsneubau und Umbau bestehender Quartiere. Damit soll die postmoderne Stadtlandschaft hochgradig vernetzt werden. Wenn die genannten Prinzipien in der Planung und Umsetzung von New-Urbanism-Projekten berücksichtigt werden, dann führt das zu einer erhöhten Lebensqualität für die Bewohner 122 . Letzten Endes
„(...) glauben die meisten New Urbanists, dass der Kampf gegen das Vorstadtmittelmaß, die soziale Verödung und die Umweltschäden gemeinsam mit Developern und Bauherren auf Basis realistischer Überlegungen ausgefochten werden muss. Sie halten sich wortwörtlich an Le Corbusiers Diktum: ‚Eine vernünftige Stadtplanung gibt kein Geld aus. Sie bringt Geld ein.’“ 123 .
4.3. Gestalterische Aspekte
Die gebaute Form des New Urbanism orientiert sich in gestalterischer Hinsicht stark an der neotraditionellen Architektursprache. Daher findet an dieser Stelle eine Auseinandersetzung mit den Stilrichtungen Historismus, Traditionalismus und Regionalismus statt, die sich zum Einen in der Charta und zum Anderen in der Projektumsetzung manifestieren.
4.3.1. Historismus
Historische Aspekte der Gestaltung sind in engem Zusammenhang mit den verschiedenen Nutzungen zu sehen. Im Kapitel über die Europäische Stadt ist auf verschiedene historische Elemente eingegangen worden.
Der Historismus ist zeitlich im 19. Jahrhundert etwa von 1820 bis 1910 anzusiedeln, wo ein großer Sprung in der Entwicklung der Städte zu verzeichnen war. Dieser wurde durch den Beginn
122 Vgl. dazu Schauz, 25.01.04: S.85ff., zu den Prinzipien des New Urbanism vgl. www.newurbanism.org.
123 Schäfer: S.20 (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de)
41
des Maschinenzeitalters und die fortschreitende Technisierung eingeleitet. Historismus bedeutet die Bezugnahme, das Zurückgreifen und die Besinnung auf historische Baustile und Kunstformen von der Antike bis zum Barock, aber auch der außereuropäischen Baukunst von Ägypten und Mesopotamien. Das schließt eine Wiederaufnahme verschiedener Stilelemente und die Neubelebung durch eigene Elemente mit ein. Die historischen Formen dienen in den meisten Fällen der Fassadengestaltung und damit der äußerlichen Repräsentation, während die Baukonstruktion durch den jeweils neuesten technischen Stand realisiert wird 124 .
„Insgesamt kennzeichnet aber der Historismus, der sich bis zum Ersten Weltkrieg als offizieller Repräsentationsstil erhielt, doch die Rückwärtsgewandtheit der offiziellen Kultureinstellung wie der dahinterliegenden gesellschaftspolitischen Haltung“ 125 .
Die Städte erfuhren einen großen Aufschwung. Aus den kleinteilig gemischten Quartieren gingen nach den Funktionen Wohnen, Arbeiten und Erholen getrennte Stadtteile hervor. Die Identität der Städte richtete sich zumeist auf zentrale Einrichtungen, Gebäude und Plätze. Der Marktplatz mit Rathaus und Kirche als Mittelpunkt lieferte ein solches Identifikationspotenzial. Die Architektur des Historismus ist durch Prestigebauten der Kaufleute aus dem Mittelalter und öffentliche Monumentalbauten geprägt. Alle Häuser dienten letztlich der Repräsentation ihrer Eigentümer und Bewohner. Architektonische Details in Form von Ornamenten und anderen geometrischen Verzierungen schafften eine große Abwechslung. Die Straßen, die häufig auf wichtige Gebäude oder Plätze zuliefen, waren von Bäumen gesäumt und ständig belebt.
Auch heute werden historische Komponenten in den Innenstädten wieder entdeckt. Kleine historisierende Elemente wie beispielsweise Laternen, Straßenschilder, Hausnummern, Zäune und Briefkästen erfahren eine große Renaissance und rufen bei Anwohnern und Besuchern positive Emotionen hervor. Die Restaurierung und Sanierung von historischen Bauten wird forciert, um insbesondere den Innenstädten ein touristisch vermarktbares Image zurückzugeben. Historismus bedeutet heute, den Charakter eines Hauses zu wahren, sich jedoch nicht vor einer architektonisch und kulturell ästhetischen Erweiterung zu verschließen. Eine Verbindung von Neu und Alt bedeutet eine qualitätsvolle Auseinandersetzung mit der Geschichte eines Ortes 126 .
Die Monotonie unserer heutigen Städte, welche sich in der Architektur in der gebauten Formel „Form follows Function“ ausdrückt, wurde schon in den 1960-er Jahren kritisiert.
124 Vgl. dazu Baumgart 1977: S.262f., Schwencke 1981: S.171, dtv (1) 1994: S.29, Reid 1995: S.420 und Bertelsmann 2002: S.310 125 Schwencke 1981: S.167 126 Vgl. dazu Schauz, 25.01.04: S.17 und 33
42
„Unter Aufgabe aller historisierenden Verkleidungen treten Vernunft und Abstraktion (Bedingungen der Technik) unverhüllt in Erscheinung und bestimmen den Charakter der Architektur“ 127 .
Die Kritik richtet sich gegen die Bild-, Symbol- und Zeichenlosigkeit der modernen Architektur, welche jegliche Ornamentik und bauplastischen Ausschmückungen rigoros ablehnt. Dies liegt auch in der Gleichheit der Nutzung von ganzen Orten begründet. Um eine Orientierung zu ermöglichen, müssen in verschiedene Richtungen Akzente gesetzt werden. Jane Jacobs kritisierte bereits in der ersten Auflage ihres Buches „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ die angesprochene Monotonie. Die New-Urbanism-Siedlungen versuchen, diesen Sachverhalt zu überwinden. Grundsätzlich ist eine zeitlose und dem Zeitgeist folgende Architektur erwünscht, jedoch gehen hier die Vorstellungen über architektonische Details weit auseinander und reichen von antiken griechischen und römischen Motiven bis hin zum Vorbild der Stadt des 19. Jahrhunderts: die Vordenker des New Urbanism Léon Krier und Peter Calthorpe orientieren sich an mediterranen Einflüssen beziehungsweise der kompakten Stadt 128 .
4.3.2. Neotraditionalismus
Der Neotraditionalismus hat durch den New Urbanism und insbesondere durch den vom weltweit agierenden Unterhaltungskonzern Disney gebauten Ort Celebration nahe Orlando in Florida (USA) kräftige Unterstützung erhalten. Der Begriff Neotraditionalismus geht aus einer Studie über Lebensstile und Konsumforschung dieses Unternehmens aus dem Jahre 1985 hervor und definiert ihn als eine wertbewusste und anspruchsvolle Konsumhaltung 129 .
Die breite Mittelschicht, die sich durch Fordismus und starke Nachkriegswirtschaft etabliert hat, weist einen Lebensstil auf, welcher auf einem Fortschrittsglauben beruht und sich an einer nostalgischen Vergangenheit und ökologischen Sensibilisierung orientiert. Dabei wird Nostalgie nicht mehr als sentimental und weltfremd, sondern als Sinnressource für die Stabilisierung des Lebensumfelds gesehen 130 .
Der neotraditionalistische Städtebau standardisiert den historischen Stadtgrundriss ebenso wie die Bautypologien und Formensprachen. Es herrscht ein unaufhebbarer Gegensatz zwischen Moderne und Tradition. Dieser Schritt zurück sei, so wird von Protagonisten behauptet, machbar und eine intellektuelle Antwort auf die heutigen Probleme. In diesem Zusammenhang wird die
127 Baumgart 1977: S.273
128 Vgl. dazu Jacobs 1993: S.132, Sieverts 1998: S.109 und 117 sowie Vieser 2000/01: S4 129 Vgl. dazu Sewing (1) 1998: S.359
130 Vgl. dazu Sewing (1) 1998: S.359f. und Schauz, 25.01.04: S.75
43
moderne Infrastruktur wie beispielsweise ein leistungsfähiges Verkehrsnetz und hochwertige Versorgungsmöglichkeiten als unterstützend akzeptiert. Neotraditionalismus kann aus diesem Grund als populistische Vermarktungsstrategie angesehen werden, um ein nostalgisches Konsumangebot - die Architektur - zu schaffen, die auf eine marktvermittelte Nachfrage durch einen breiten Geschmack der Mittelschicht abzielt und damit als konservativ zu bewerten ist 131 .
Die Ursprünge sind in der Gartenstadtbewegung zu finden, die um die vorletzte Jahrhundertwende die Stadtplanung in nicht unerheblichem Maße insbesondere in England beeinflusste. Stadtflucht als langanhaltendes Phänomen war der Grund für die Planung und Anlage kleinerer Städte für bis zu 30.000 Einwohner, die der Enge und Dichte der großen Städte entgehen wollten. Tatsächlich sind Elemente von Kleinteiligkeit, Grünflächen und ästhetischer Architektur im Neotraditionalismus zu finden 132 .
Eine Facette des Neotraditionalismus stellt der Klassizismus dar, welcher auf einer über die Renaissance aus der Antike entlehnten Ordnungslehre beruht. Architektonisch drückt dieser sich beispielsweise in Säulengebäuden und Kolonialarchitektur aus 133 .
Einer starken Medienpräsenz ist es unter anderem zu verdanken, dass sich der (amerikanische) Neotraditionalismus als modernisierende Kraft in Form von gebauten Siedlungen als Diskussionsgrundlage profilieren konnte 134 .
4.3.3. Regionalismus
Wichtiger Grundsatz des New Urbanism ist die Erhaltung und Stärkung der regionalen Eigenheiten. Dies geht mit der Schaffung von spezifischen Identitäten einher. Die als Regionalismus bezeichnete Bauweise beruht letztlich auf einer langen Tradition. Dies findet sich in sehr auffälliger Form in Europa, wo einzelne Regionen durch typische Häuser und Bautypen vom fachmännischen Auge identifiziert werden können. Der Regionalismus bildet demnach das Gegenbild zu einer Art internationalem Stil der Moderne. Verstärkt im letzten Jahrhundert sind auf der ganzen Welt Beton-Glas-Stahlgebäude entstanden, die wenig auf die jeweilige Geschichte des Ortes eingehen. Im Regionalismus werden traditionelle Materialien wie zum Beispiel Ziegel, Sandstein und Holz eingesetzt, die das Gesamterscheinungsbild einer Region ausmachen, weil diese Materialien vor Ort als Ressource zur Verfügung stehen. Eine traditionelle Formensprache, wie zum Beispiel Erker und Gesimse, unterstützt ebenso die regionalen Spezifika wie Siedlungs-
131 Vgl.dazu Sewing (1) 1998: S.362ff.
132 Vgl. dazu Sewing (1) 1998: S.366f. und Sewing (2) 2002: S.32 133 Vgl. dazu Schauz, 25.01.04: S.77 134 Vgl. dazu Sewing (1) 1998: S.371
44
und Gebäudetypologien, beispielsweise Fachwerkhäuser. Jede Region hat ein spezifisches Klima, das in den Gebäuden immer berücksichtigt wird; auch orientiert sich jede Siedlung an den topografischen Gegebenheiten. Der Regionalismus bedient sich einer Sprache der Alltagsarchitektur. Als regionalspezifisch konsequent umgesetzte New-Urbanism-Siedlung ist Civano in Arizona (USA) zu nennen, der sich an der Lehmarchitektur der Pueblos orientiert 135 .
In den Niederlanden beispielsweise setzt sich ein Architektenkollektiv gegen die so genannte „Verflachung der Baukultur“ ein. Dies geschieht durch Entwürfe für den jeweiligen Ort und das jeweilige Gebäude. Im Voraus gestaltete Elemente sind dort ebenso wenig erwünscht wie die Trennung von Grundriss und Fassade. Als Baumaterialien sind nur originäre Baustoffe zugelassen, Anstriche und Blendmaterialien sind nicht erlaubt. Alle Entwürfe und Modelle sind von Hand gemacht; der Computer oder Fotos von anderen Objekten sind als Visualisierungshilfe nicht gewollt, damit der einmalige Charakter eines jeden Bauwerks gewahrt bleiben kann. Um Unvoreingenommenheit von Wettbewerbsbeiträgen zu garantieren, sind alle Entwürfe anonym abzugeben, damit die Qualitäten objektiv beurteilt werden können 136 .
Wie sich im nächsten Abschnitt zu den realisierten Projekten des New Urbanism zeigt, sind die soeben beschriebenen Stilrichtungen Historismus, Neotraditionalismus und Regionalismus elementare Bestandteile der architektonischen Ausgestaltung der Gebäude. Es hat sich erwiesen, dass traditionelle Architektur die Kunden anspricht und somit verkaufsfördernd wirkt 137 .
4.4. Umsetzungsbeispiele
Seit dem ersten Referenzprojekt Seaside, Florida (USA) Anfang der 1980-er Jahre ist die Aktualität des New Urbanism ungebrochen. Selbst 1992 existierten offiziell erst fünf Projekte, 1998 waren es etwa 200 Vorhaben, heute sind über 400 Projekte in US-amerikanischen Städten und Suburbs realisiert oder in Planung. Ein Ende ist noch nicht in Sicht 138 . An dieser Stelle sollen exemplarisch jeweils ein bekanntes Beispiel aus den USA und den Niederlanden sowie einige Projekte aus Deutschland dargestellt werden. Seaside, Brandevoort und Kirchsteigfeld stellen Projekte auf der „grünen Wiese“ beziehungsweise am Stadtrand dar. Tacheles und Heiligendamm sind dagegen als Infill Development, das heißt die Wiedernutzung brachgefallener Standorte in bestehenden Ortschaften, zu verstehen.
135 Vgl. dazu Schauz, 25.01.04: S.128 und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXII)
136 Vgl. dazu Schauz, 25.01.04: S.134ff. 137 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXIII)
138 Vgl. dazu Schemionek: S.1 (Quelle: www.uni-wuerzburg.de) und www.taz.de (1)
45
4.4.1. Seaside, Florida (USA)
In Seaside im so genannten Sunshine State nahm der New Urbanism ab den frühen 1980-er Jahren seinen Anfang. Der Ort ist auch unter dem Namen Seahaven Island aus dem Kinofilm „Die Truman Show“ bekannt. 1982 begann der Immobilienverkauf, 1983 war der Urban Code definiert, auf dessen Grundlage die erste Nachbarschaft entstand. Die verantwortlichen Architekten sind gleichfalls die Protagonisten des New Urbanism: Andres Duany und Elisabeth Plater-Zyberk aus Miami in Zusammenarbeit mit Rob Krier, der seit der Projektrealisierung von Kirchsteigfeld seine Geschäfte von Berlin aus dirigiert.
Abb. 6 & 7: Architektur in Seaside 139
bestimmte Dachneigung aufzuweisen haben. Für Fenster ist ein quadratisches oder stehendes Format vorgeschrieben. Als symbolische Geste fungieren zum öffentlichen Raum hin gelegene Veranden. Weiterhin müssen alle Häuser in dezenten Pastellfarben gestrichen sein. Die privaten Parzellen sind sehr klein, groß angelegte Rasen- und Gartenflächen selten. Dafür sind alle Straßen mit Bäumen zu versehen.
Abb. 8: Stadtgrundriss von Seaside 140
139 Quellen: theseasideinstitute.org
140 Quelle: theseasideinstitute.org
46
Am ständig belebten Hauptplatz befinden sich alle wichtigen Einrichtungen wie Postamt, Markt-und Stadthalle, Kirche und eine Buchhandlung. Manche von ihnen haben jedoch keine Funktion inne und dienen lediglich als Symbol zur Identifikation. Die täglichen Besorgungen - von jedem Geschäft wie Bäcker, Fleischer, Gemüsehändler gibt es exakt eines - lassen sich bequem zu Fuß erledigen, denn der gesamte Ort ist innerhalb weniger Minuten durchquert. Sogar die Auswahl an ethnischen Restaurants ist bis ins Detail geplant.
Der öffentliche Raum spielt in Seaside eine bedeutende Rolle, der Fußgänger wird stark berücksichtigt und erhält neben dem Automobil eine zumindest gleichberechtigte Rolle. Die Autos sind gezwungen, langsam - 25 Meilen pro Stunde im Bereich des Hauptplatzes - zu fahren, es existieren wenige Parkplätze entlang der Straße. Stellplätze finden sich zum überwiegenden Teil in der rückwärtigen Garage oder hinter dem Geschäft. Lediglich im Bereich des Hauptplatzes gibt es gute Parkmöglichkeiten. Die angesprochene Fußgängerfreundlichkeit hat jedoch noch einen anderen Hintergrund: in Amerika ist es ein großer Luxus, zu Fuß gehen zu können und nicht durch Autos gestört zu werden 141 .
Seaside ist ein Ort, an dem es keinen Staub gibt, keine überdimensionierten Werbeplakate, keine Fast-Food-Restaurants und keine Tankstellen-Boulevards an der Ausfallstraße. Seaside verkörpert genau jenes Bedürfnis der Menschen nach Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit, wie es im Film thematisiert wird. Verhaltensregeln schreiben beispielsweise vor, dass tagsüber auf der Veranda Liegestühle zu stehen haben, die zur nächtlichen Ruhe wieder ins Haus geholt werden. Bei Nichtbeachtung dieses Verhaltenscodex ist eine finanzielle Strafe fällig.
Letzten Endes ist Seaside jedoch ein in vielerlei Hinsicht ein Erfolg. Zunächst wirtschaftlich: Seaside ist vollständig vermietet beziehungsweise verkauft. Sind die ersten Parzellen Anfang der 1980-er Jahre noch für 15.000 US-Dollar verkauft worden, ist der Preis eine Dekade später auf das 13-fache angestiegen und liegt nun bei 200.000 Dollar. Der Ort ist heute das bedeutendste Beispiel für neotraditionelle Stadtplanung. Seaside ist dicht bebaut, absolut fußgängerfreundlich und besitzt eine funktionale und soziale Mischung sowie architektonische Abwechslung 142 .
141 Vgl. dazu Meuwissen, 22.-24.04.99: S.5f. (Quelle: xarch.tu-graz.ac.at)
142 Vgl. dazu Steuteville: S.4 (Quelle: www.newurbannews.com)
47
4.4.2. Brandevoort (Niederlande)
Masterplan zeichnet das Büro Krier Kohl Architekten aus Berlin verantwortlich.
Abb. 10: Stadtgrundriss von Brandevoort 144
Brandevoort ist eine „neu-alte“ Kleinstadt mit etwa 6.000 Wohnungen in rund 1.500 Reihenhäusern. Die Dörfer bestehen zumeist aus freistehenden Einfamilien- und Doppelhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten sollen hier etwa 15.000 Menschen leben. Architektonisch stellt sich Brandevoort mit abwechslungsreichen Straßen, differenzierten einzelnen Häuschen und einer den Stadtkern („De Veste“) umgebenden Grünanlage dar, welche eine fiktive Stadtmauer abzubilden scheint und die Geschlossenheit einer mittelalterlichen Stadt simuliert. Die Bebauung ist im Innern hochverdichtet, es existiert ein direkter Bahnanschluss nach Eindhoven.
Abb. 11: Stadtzentrum „De Veste“
Kettenhäuser) ein abwechslungsreiches Ortsbild. In „Stepekolk“ beispielsweise wird das Brabantsche Landhaus thematisiert. In den anderen Ortsteilen besteht die Möglichkeit zur Einrichtung von Werkstätten und Gästehäusern 145 .
143 Quelle: www.brandevoort.nl
144 Quelle: www.brandevoort.nl
48
Abb. 12: Abwechslung in Brandevoorts Stadtbild 146
Der Urban Code Brandevoorts schreibt optische Auflockerung vor, die einen individuellen Eindruck in Form von unterschiedlichen Fassaden, Giebeln, Toren, Dachhöhen, Trauf- und Firsthöhen sowie Giebel- und Traufständigkeit vermitteln sollen. Ähnlich wie in Seaside sind die Häuser auch hier in freundlich-warmen Farbtönen gehalten. Flachdächer sind verboten, ebenso Sonnenkollektoren, Plastik oder Aluminium an den Fenstern und Türen. Pflastersteine haben ein festgelegtes Mindestmaß und selbst Regeln für Schornsteine sind auferlegt worden. Weiterhin dürfen keine Satellitenschüsseln, Reklametafeln und Briefkästen im Außenbereich angebracht werden. Bei Verstößen greift der Residents Council ein.
Helmond hatte früher ein negatives Image und die heutigen Bewohner Brandevoorts - allesamt Gutverdiener - sind zum großen Teil von dort in die neue Kleinstadt vor den Toren Helmonds abgewandert. Das Bild, das sich dem Besucher von Brandevoort bietet, ist das einer heilen Welt ohne Kriminalität und Drogen. Es mangelt jedoch an multikulturellen Einflüssen. Brandevoort ist eine Verkörperung der Pluralität der Lebensstile, was sich in exquisiten Pflanzkübeln mit Kugelbäumchen, elegant gestreiften Markisen und sonstigen Accessoires ausdrückt 147 .
Das Marketing hat in Brandevoort gute Dienste geleistet und demzufolge ist das Städtchen das Ergebnis einer äußerst avancierten Dienstleistungskultur, die den Bürger als Konsumenten ernst nimmt und seinem Verlangen nach romantischer Architektur Rechnung trägt. Nicht umsonst bewarben sich auf die ersten 40 Wohnungen circa 4.000 Familien 148 .
4.4.3. Kirchsteigfeld (Potsdam)
Das Projekt Kirchsteigfeld (1992 bis 1997) zählt zu den größten Wohnungsbauvorhaben, die nach der deutschen Wiedervereinigung in den jungen Bundesländern realisiert wurden. Heute beherbergt der Stadtteil am südöstlichen Stadtrand von Potsdam etwa 7.500 Einwohner. Die Projektleitung ist vom Büro Krier Kohl Architekten aus der benachbarten Hauptstadt organisiert worden, an der Umsetzung war jedoch eine Vielzahl anderer Architekten beteiligt.
Der Urban Code schreibt eine höchstens viergeschossige Blockbauweise vor, die durch Erker, Galerien, Balkone, Balustraden, Portici und abschließende Rundtürme aufgelockert wird. Ein
145 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (2) 2003: S.2f. und www.brandevoort.nl
146 Quelle: www.krierkohl.com 147 Vgl. dazu Neumann 2003: S.41ff.
148 Vgl. dazu Raith et al. (2) 2002: S.69f. und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XV)
49
übergeordnetes Farbkonzept soll die Verschiedenheit der Stadträume wie zum Beispiel das Zentrum oder die Dienstleistungszone verdeutlichen. Es sind sechs Farbfamilien zugelassen: rötlich, gelblich, weißlich, weiß, grau und blau.
Abb. 13: Grundriss von Kirchsteigfeld 149
angeordnet sind. Zwei Schulen, Kindergärten und Sportplätze vervollständigen diesen neuen Stadtteil von Potsdam.
Die adretten Häuser gruppieren sich um kreis- oder hufeisenförmige Plätze und reihen sich an von Bäumen gesäumten Straßen. Die drei Quartiere sind nach verschiedenen Nutzungen getrennt. So gibt es ein Wohngebiet, eine Dienstleistungszone und den zentralen Einkaufsbereich. Innerhalb der Gebäude findet wenig Mischung statt 150 .
Abb. 14 & 15: Zentrale Plätze in Kirchsteigfeld 151
In Potsdam ist auf einem ehemaligen Ackerland ein Stadtteil entstanden, der eine große Anzahl von symbolischen Räumen beinhaltet. Diese erinnern an historische Stadträume, jedoch findet sich dort wenig Urbanität wieder. In der dominanten Kirche beispielsweise findet sich nur zum geringen Teil Platz für zwei evangelische Gemeinden, der weitaus größte Teil wird von einer Bibliothek und einer Filiale der Volkshochschule belegt. Zwar ist dort ein im Vergleich zu den herkömmlichen suburbanen Siedlungsmustern geringerer Flächenverbrauch zu konstatieren,
149 Quelle: www.roeben.com
150 Vgl. dazu Neumann 2003: S.37, www.roeben.com und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) 151 Quellen: Schauz, 25.01.04: S.111 & luciensteil.tripod.com
50
jedoch ist die gesellschaftliche und ökonomische Spaltung in keiner Weise reduziert worden, denn die Gewinner 152 der Polarisierung grenzen sich mit dieser Siedlung ab.
Kirchsteigfeld muss sich jedoch auch anderen Problemen stellen. Der Stadtteil liegt nah am Stadtrand und daher ist die hohe Verdichtung fraglich. Der Ideologie des Entwurfes liegt ein einheitliches Bild in der Gestaltung und Ausstattung der Wohnungen zugrunde. Daher läuft die wirtschaftliche Vermarktung eher schleppend. Viele potenzielle Eigentümer fragen sich, warum ein hoher Kaufpreis gezahlt werden soll, wenn im Nachbarhaus ein subventionierter Mietpreis angeboten wird 153 .
4.4.4. Tacheles (Berlin)
Das Tacheles-Areal in Berlin-Mitte ist ein etwa 30.000 Quadratmeter großes Grundstück, welches zurzeit größtenteils unbebaut ist und sich zwischen Oranienburger, Johannis- und Friedrichstraße befindet. Die Planung für dieses Gelände ist mit einer ungewissen Zukunft verbunden, da sich erneut Rechtsstreitigkeiten mit den Nutzern der heutigen „Kunst-Ruine“ in einer öffentlich geführten Debatte ergeben haben. Der Investor Fundus aus Köln möchte das Projekt mit einem Immobilienfonds finanzieren, die bekannten Architekten sind in Miami ansässig: DPZ Duany Plater-Zyberk, die schon Anfang der 1980-er Jahre im amerikanischen Seaside bei der Entwicklung des New Urbanism eine Vorreiterrolle einnahmen.
Abb. 16: Kunsthaus Tacheles e.V. 154
betrieb die Allgemeine Elektricitäts Gesellschaft (AEG) die Hälfte des Hauses als Immobilie zur Produktpräsentation („Haus der Technik“), später übernahm das Naziregime das Gebäude. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude schwer beschädigt. Zu DDR-Zeiten war zunächst der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund untergebracht, dann der Sitz der Fachschule für Artistik, die Staatliche Ballettschule, Bezirksfilmdirektion, die Fachschule für Außenwirtschaft und das Kino
152 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXII)
153 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.X) 154 Quelle: eigenes Foto
51
„Camera“. Durch einen Fehler bei der Sprengung Ende der 1970-er Jahre blieb ein Gebäudeteil an der Oranienburger Straße stehen, das im Februar 1990 von Künstlern aus beiden Teilen der Stadt besetzt wurde und damit einen bevorstehenden Endabriss im April egalisierte. Mittlerweile ist das Tacheles-Areal zu einem Publikumsmagneten avanciert und zieht jährlich hunderttausende Menschen an, die diversen Ausstellungen, Vorführungen und dem Café im Erdgeschoss einen Besuch abstatten. Das Gebäude befindet sich heute in einem sicherheitstechnischen Top-Zustand. In der letzten Zeit ist das Kunsthaus Tacheles e.V. auf Grund von verschiedenen Räumungsklagen und ebenso vielen Abschlussveranstaltungen häufig in der Presse. Mittlerweile hat man sich mit dem Investor Fundus aus Köln für eine kooperative Zusammenarbeit über die Zeit des Umbaus hinaus entschieden, was sich in einem symbolischen Mietpreis von seinerzeit einer Mark für das gesamte Grundstück ausdrückt 155 .
Abb. 17: Entwurf für das Tacheles-Gelände 156
einen Direktauftrag an das Büro aus Miami“ 157 .
Abb. 18: Detailansicht Flatiron 158
Der Entwurf geht wenig auf die Geschichte des
Ortes ein und soll als historisches Viertel mit engen Gassen, Türmchen, Gesimsen, Erkern, Rundungen, Arkaden und einer Beaux-Artes- Architekturwiederentwickelt werden. Sämtliche Gebäudesockel sollen mit Naturstein verkleidet werden, die darüber liegenden Fassaden
sandfarben verputzt. Als Hauptattraktion ist eine kleinere Kopie des New Yorker Flatiron Buildings vorgesehen. Fünf kompakte sieben- bis zehngeschossige Gebäude gruppieren sich um
155 Vgl. dazu Joost: S.1 (Quelle: www.scheinschlagonline.de), www.eckert-chemnitz.de und www.cafe-zapata.de 156 Quelle: www.stadtentwicklung.berlin.de 157 Blume: S.3 (Quelle: www.derive.at) 158 Quelle: www.stadtentwicklung.berlin.de
52
mehrere Höfe ähnlich wie die Hackeschen Höfe am anderen Ende der Oranienburger Straße. Als Herzstück ist ein Shopping-Center geplant, das die Touristenattraktionen Friedrich- und Oranienburger Straße verbindet, weiterhin ist der Bau eines 250-Betten-Luxus-Hotels beabsichtigt. Urbanes Leben soll auf zwei kleineren Plätzen (Tacheles- und Augustplatz) stattfinden.
Ursprünglich war in der Planung ein Wohnanteil von 25% vorgesehen, dieser wird auch nach der heftigen öffentlichen Kritik sicherlich 35% nicht übersteigen. Aktuell sind 25.000 Quadratmeter Wohnfläche im Gespräch, etwa 160 Eigentumswohnungen von 80 bis 300 Quadratmetern in der Luxusklasse sind hier vorgesehen. Der Rest verteilt sich wie folgt: 35.000 Quadratmeter für Büros, 17.000 Quadratmeter für Einzelhandel und Gastronomie sowie das Fünf-Sterne-Hotel. Das heißt für die künftigen Bewohner, dass sie eine Minderheit in einem vor allem touristisch geprägten Gebiet sein werden und sich dadurch selbst wie Touristen verhalten. Die nötigen Stellplätze sind einer 850 Fahrzeuge fassenden Tiefgarage vorgesehen 159 .
Die Bauzeit wird mit drei Jahren veranschlagt, das Bauvolumen beträgt etwa 400 Millionen Euro, die Baugenehmigung ist erteilt, jedoch noch nicht abgeholt worden; falls gebaut wird, denn das ist im Moment nicht sicher. Der Investor möchte erst mit dem Bau beginnen, wenn über die Hälfte der Flächen vermarktet ist. Schließlich wird das Bauvorhaben seit einiger Zeit immer wieder verschoben, nachdem das Gelände im Jahre 1995 erworben und 1996 erste Pläne vorgelegt wurden. Ursprüngliche Termine für den Baubeginn waren das Jahr 2000 und der Sommer 2002. Der Höhepunkt der neuerlichen Auseinandersetzungen ist die Räumung des Kunsthauses, Kinos und Cafés im Dezember 2003, die jedoch noch kurzfristig abgewendet werden konnte 160 .
4.4.5. Ostseebad Heiligendamm
Den besten Überblick über Heiligendamm, im Volksmund „Weiße Stadt am Meer“ genannt, gewinnt man von der 200 Meter in die Ostsee hineinragenden Seebrücke. Heiligendamm ist das älteste Seebad Deutschlands und befindet sich unmittelbar in seiner Revitalisierung und Erweiterung. Der Immobilienfonds der Fundus-Gruppe ist platziert worden, der Masterplan stammt aus der Feder des New Yorker Architekten Robert Stern. Das Düsseldorfer Büro HPP Hentrich Petschnigg & Partner ist für die Umsetzung verantwortlich, die AMJ Design GmbH ist für die Innenarchitektur des von der Kempinski-Gruppe geführten Hotels zuständig. Im März 2004 wurde auf der weltgrößten Immobilienmesse in Cannes dem Gebäudeensemble in der
159 Vgl. dazu Wild: S.1f. (Quelle: www.gruene-berlin.de) und Sethmann (2): S.3 (Quelle: www.berliner-mieterverein.de) 160 Vgl. dazu Gäding, 16.10.03: S.25 und www.cafe-zapata.de
53
Tourismus-Kategorie der Immobilien-Award, der den Projektentwicklern und Architekten gewidmet ist, verliehen 161 .
1793 entdeckte der Herzog von Mecklenburg-Schwerin den Ort für sich als Seebad, wobei sich das gesellschaftliche Leben weiterhin im nahegelegenen Bad Doberan abspielte. Für die herzogliche Familie wurde 1814 bis 1816 das Kurhaus vom Architekten Carl Theodor Severin errichtet, die meisten anderen Gebäude des Hofbaurates Georg Adolph Demmler sind vom Berliner Klassizismus beeinflusst. Eines seiner markantesten Gebäude ist die Burg Hohenzollern aus dem Jahre 1843. In den 1870-er Jahren zwang eine wirtschaftliche Krise die Herzogsfamilie zum Verkauf, seitdem war das Seebad für das Bürgertum zugänglich. In dieser Zeit wurde das Grand Hotel und eine Erweiterung vom Haus „Mecklenburg“ errichtet. Eine Attraktion des Ortes liegt in der Schmalspurbahn „Molli“, die als älteste ihrer Art seit 1886 das Seebad anfährt. Während des Dritten Reichs nahm die Ferienorganisation der Deutschen Arbeitsfront Besitz von Heiligendamm. Ihr folgte im Zweiten Weltkrieg eine Kadettenschule der Marine. Zu DDR-Zeiten war Heiligendamm das Kurbad der Werktätigen, die Gebäude erfuhren eine starke Übernutzung und noch in den 1980-er einschneidende Umbauten. Die Burg Hohenzollern wurde als Symbol des vom Sozialismus überwundenen alten Systems in Haus „Glück auf“ umbenannt 162 .
1996 erwarb der Investor Fundus, der auch das Berliner Hotel „Adlon“ revitalisierte und für die Planung am Tacheles verantwortlich zeichnet, die gesamten Gebäude und 500 Hektar Land aus Bundesbesitz. Ein erster Versuch der Wiederbelebung durch einen Immobilienfonds scheiterte, der zweite hingegen wurde erfolgreich platziert. Im Juni 2003 eröffnete das 225-Betten-Luxus-Hotel nach Investitionen in Höhe von etwa 255 Millionen Euro, ein Viertel davon aus öffentlichen Zuwendungen. Gestalterisch sind sämtliche Umbauten während der DDR rückgängig gemacht worden. Das Gesamtensemble wurde von verschiedenen Architekten realisiert.
Abb. 19: Cottages an der Strandpromenade 163
jeweils rund 500.000 Euro den Besitzer wechseln, auf die Wohnungen kommen schon jetzt über 300 Bewerber 164 .
161 Vgl. dazu www.baunetz.de (1)
162 Vgl. dazu www.nextroom.at und www.all-in-all.com 163 Quelle: www.beepworld.de
164 Vgl. dazu von Raggamby, 27.05.00: S.45 und www.fundus.de
54
Abb. 20: Entwurf für Heiligendamm
Konferenz-Zentrum für 500 Teilnehmer einer Glaswand zum Wald als Highlight. Heiligendamm soll so zur Gesundheitsadresse erster Klasse ausgebaut werden. In unmittelbarer Nähe zum Zentrum ist die Anlage von etwa 100 Wohnungen der gehobenen Klasse vorgesehen, welche sich architektonisch an den klassizistischen Fassaden des Grand Hotels orientieren. Die nötigen Parkplätze sind in zwei Tiefgaragen geplant, die sich in der Nähe des Bahnhofes befinden sollen und den Besuchern der Hotelanlage und des Gesundheitszentrums vorbehalten sein werden.
Des Weiteren werden zwei Golfplätze und ein Reitsportzentrum (Umbau eines existenten Bauerngutes) etwa 1,5 Kilometer südlich des historischen Zentrums angelegt und durch eine Zweitwohnsitz-Siedlung des New Urbanism, welche als Gartenstadt tituliert wird, mit 500 repräsentativen und massiv aus Stein gebauten Villen komplettiert. Der Bau der Siedlung ist für die nächsten zehn Jahre geplant, die Planungen befinden sich noch im Anfangsstadium. Es existiert ein erster Entwurf, auf dessen Grundlage weiter gearbeitet wird 165 .
Die öffentliche Kritik an Heiligendamm richtet sich gegen den Investor, der den Erfolg des Hotels durch täglich bis zu 5.000 Touristen gefährdet sieht, welche Heiligendamm aufsuchen. Alle öffentlichen Straßen und Wege führen durch das Hotelgelände. Die erste Folge dieses öffentlichen Streits mündete in die Abriegelung des Ostsee-Fahrradweges, der nun an den beiden Ortseingängen endet. Eine Verlegung des Weges um Heiligendamm herum ist beschlossen und führt bei den Einheimischen zu Missstimmungen. Der Investor macht seine weiteren Investitionen in Heiligendamm davon abhängig, inwieweit auf seine Interessen eingegangen wird 166 .
165 Vgl. dazu www.morgenpost.berlin1.de
166 Vgl. dazu OZ, 24.07.03: S.3
55
4.5. Positionierung
Dieser Abschnitt setzt sich kritisch mit dem New Urbanism auseinander. Zunächst werden positive Aspekte herausgearbeitet, die kritischen Seiten werden anschließend erklärt.
4.5.1. Positive Ansätze
Der New Urbanism hat einen hohen städtebaulichen Anspruch, der sich im Einzelfall überprüfen lassen muss. Nur so lässt sich sagen, ob das konkrete Projekt als erfolgreich oder nicht bewertet werden kann. Dabei ist zu beachten, wie sich die Ausgangssituation gestaltet.
„Die Bewegung des New Urbanism ist gut organisiert und programmatisch ausdifferenziert - im Gegensatz zu den Traditional Urbanists in Europa“ 167 .
Dieser Aspekt stellt einen großen Vorteil dar, der New Urbanism ist demnach nicht irgendeine Bewegung, der sich ein paar Anhänger angeschlossen haben, sondern er agiert politisch, da sich starke Bürgermeister für ihn einsetzen, eine breite Bürgerschaft vertreten und bei der Planung beteiligt wird. Programmatisch hat er die Charta hervor gebracht, die einen festen Rahmen setzt und Spielraum für Interpretationen zulässt. Die nötige Flexibilität erreicht er durch seine Organisationsform (Kongresse), die eine permanente Diskussion und die Einbindung aller Teilnehmer (Planer, Politiker, Wirtschaftsfachleute) ermöglicht. Aus diesem Grund ist er nicht homogen, sondern streitet um das richtige Konzept 168 .
Allgemeine Ableitungen des New Urbanism machen deutlich, dass der New Urbanism in den USA und auch in den Niederlanden auf Grund seines Auftretens als öffentlichkeitswirksame und professionelle Vermarktungsstrategie der Developer sehr erfolgreich ist. Er fordert einen marktwirtschaftlichen Zugang zum Wohnungsmarkt und wird durch die erfolgreiche Vermietung und Verkäufe seiner Siedlungen bestätigt. Da der New Urbanism - objektiv betrachtet -Wohnräume in identitätsstiftender Nachbarschaft und in Abgrenzung vom bisher Dagewesenen anbietet, wird ihm die Fähigkeit zugesprochen, kundenorientiert zu bauen und die Bedürfnisse der Menschen ernst zu nehmen. Die Developer sind darauf bedacht, ihre Objekte zu vermieten oder zu verkaufen und legen sich in ihrer Vermarktungsstrategie nicht auf Alters- sondern auf Lebensstilgruppen fest, was einen letztlich größeren Markt erschließt. Daher ist der New Urbanism als sehr umsetzungsorientiert zu bewerten. Dies ist kritisch zu hinterfragen, da sich das Festlegen auf Lebensstilgruppen meist spezielle Einkommensklassen anzieht 169 .
167 Bodenschatz (8) 2003: S.3
168 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S. 22 und (4) 2003: S.25
169 Vgl. dazu EHSK, 02.06.03: S.3f., Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI,XXIII) und Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIII)
56
Durch die Popularität, welche der New Urbanism besitzt, kann er eine Diskussion über den Städtebau anregen, die in aller Öffentlichkeit geführt wird. Momentan stellt sich die Situation so dar, dass zumeist nur Planer und Architekten mit denselben Redewendungen unterschiedliche Meinungen vertreten, sich aber nicht zu einer eindeutigen Position bekennen. In Zukunft wird man sich entscheiden müssen, ob Pro oder Kontra New Urbanism 170 .
Als positiv ist das Beteiligungsverfahren der Charrette zu bewerten. Dieser mehrtägige Workshop bringt alle Beteiligten einer Planung zusammen und bindet neben Planern, Architekten, Politikern und Geldgebern auch die Bevölkerung in vorbildlicher Weise ein 171 .
Durch die Schaffung künstlicher, abgeschlossener Kleinstädte kann eine Steigerung der Kommunikation erreicht werden, was außerdem eine Steigerung des subjektiven Sicherheitsempfindens zur Folge hat. Der Wohnungsbau kann davon nur profitieren, wenn sich in gewissem Maße von sauberen und großen Prestigebauten verabschiedet würde 172 .
Der New Urbanism umfasst eine Vielzahl positiver theoretischer Ansätze. Das heißt nicht, dass sie praktisch nicht umgesetzt werden. Ein enormer Vorteil für diejenigen, die es sich leisten können, ist die Wertsteigerung der Grundstücke und Immobilien. Der Vorteil der Fußläufigkeit, der sich in den Transit Oriented Developments bietet, führt ohne Zweifel zu einer hohen Lebensqualität, wenn denn auch die Arbeitsplätze in der näheren Umgebung erreichbar sind und nicht mit dem eigenen Auto angesteuert werden müssen. Für Inhaber von Geschäften und Läden bedeutet eine höhere bauliche Dichte bei gleichzeitiger Fußgängerfreundlichkeit ein gesteigertes Potenzial an Kunden, die sich im öffentlichen Raum aufhalten. Für die Kommunen sind diese Siedlungen ein willkommenes Angebot an Wohnungen durch die Developer, da hierdurch eine relativ stabile Bewohnerschaft gehalten wird und die Steuergelder weiterhin in der Stadt bleiben 173 . Diese positiven Ansätze sind in jedem Einzelfall zu prüfen und können genauso gut ins Gegenteil umschlagen, wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird.
Der New Urbanism arbeitet nach dem Best-Practice-Verfahren. Sind zunächst die ersten Projekte experimentell gewesen, stehen die neuen Projekte ganz im Zeichen umfassender Erfahrungen. Die Medienpräsenz von Developern, Bauherren und sonstigen Involvierten hilft an dieser Stelle weiter. Ein weiterer Vorteil ist die implizierte Integration der drei Dimensionen der Gestaltung: Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung 174 .
170 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXII) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX)
171 Vgl. dazu Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) 172 Vgl. dazu Meuwissen, 22.-24.04.99: S.20 173 Vgl. dazu www.newurbanism.org
174 Vgl. dazu Bodenschatz (4) 2003: S.25 und Stojan 2003: S.2
57
4.5.2. Kritische Ansätze
New Urbanism befindet sich selbst heute noch im Anfangsstadium, auch wenn der Badeort Seaside bereits vor nunmehr 20 Jahren gebaut ist. Letztlich sind viele entstandene Produkte weiterhin umstritten; sie sind deshalb im Gespräch und als Thema für viele interessant. Selten ist ersichtlich, wie sich die neuen Vorstädte von den konventionellen Suburbs unterscheiden. Viele New-Urbanism-Projekte nutzen für die Errichtung einer neuen Siedlung innenstadtunabhängige Standorte und dehnen den suburbanen Gürtel weiter aus, anstatt innerstädtische Brachflächen zu reaktivieren. Sie täuschen Urbanität durch Ansiedlung von Infrastruktur an einem zentralen Platz vor und haben eine geringe bauliche sowie Wohndichte und erzeugen dadurch keine Mischung, wie es in der Charta festgeschrieben ist. Diese in sich zusammenhängenden Gebiete, sind zumeist nicht funktional mit dem restlichen Stadtgebiet verbunden 175 .
Der New Urbanism versteht sich als Antwort auf die Suburbanisierung und möchte dem entgegen steuern. Dies geschieht jedoch nicht dadurch, dass alte Kernstädte wiederbelebt werden, sondern durch die Schaffung - oder besser den Versuch - Urbanität in den Edge Cities herzustellen. Dadurch erfährt die Suburbanisierung einen weiteren Schub, denn Suburbia wird erneut für einen Teil der Menschen attraktiver 176 .
In den Vereinigten Staaten arbeitet der New Urbanism durchaus erfolgreich. Diese zumeist Großprojekte werden in Europa jedoch kritischer betrachtet. Der Tradition der Kleinteiligkeit folgend, ist es nicht wünschenswert, einigen großen Projektentwicklern das Feld zu überlassen und nach Gutdünken die Städte und Gemeinden mit übertriebenen Maßstäben in ihrer ästhetischen Erscheinung zu beeinträchtigen. Der Einsatz großer finanzieller Mittel darf nicht dazu führen, dass die Kommunen sich derart in die Abhängigkeit von Developern begeben, um Bewohner zu halten und Steuergelder zu sichern. Deswegen wird im New Urbanism und in den Siedlungen aus einem Guss keine adäquate Reaktion gesehen, um den aktuellen Tendenzen von Stagnation oder Stadtflucht erfolgreich entgegen treten zu können 177 .
Die zentrale Kritik richtet sich gegen den Namen der Reformbewegung. Momentan befasst sich die Diskussion mit den Grundlagen und Ausprägungen der Bewegung. Es mangelt an einer öffentlichen Stellungnahme Pro oder Kontra New Urbanism. Für die USA gilt dies vor dem Hintergrund der fehlenden Planungskultur und traditionellen Stadtgeschichte und ist durchaus nachvollziehbar. In Europa hingegen sind die beschriebenen Grundsätze seit geraumer Zeit angewandt worden und eben nicht neu. Für viele wiederum ist die Bezeichnung gänzlich
175 Vgl. dazu Bodenschatz (6) 2002: S.71, van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XVI), Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXIII), Herbold et al. 2003: S.40 und Schäfer: S.20 (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de) 176 Vgl. dazu Eichener (1): S.4 (Quelle: www.inwis.de) 177 Vgl. dazu EHSK, 02.06.03: S.3f.
58
unbekannt oder lediglich ein englisches Modewort. Bei näherer Betrachtung fällt immer wieder die Rückbesinnung auf europäische Bautraditionen und Grundbedürfnisse der Menschen auf. Das Thema Stadtumbau wurde seit den 1980-er Jahren im Rahmen der verschiedenen Bauausstellungen in Berlin und im Ruhrgebiet in weiten Teilen unumstritten erfolgreich behandelt 178 .
Als kritisch ist auch der historisierende Regionalismus in der Architektursprache zu bewerten, der jeglichen zeitgenössischen Bezug vermissen lässt. New Urbanism ist eine Kopie der europäischen Postmoderne, indem historische Formen ohne jede Kreativität rekonstruiert werden und dadurch die reale Geschichte verblasst. Schließlich ist das historisierende Element nichts als Fassade 179 .
„Das Heraufbeschwören einer idealen, lokal verankerten Gemeinschaft durch radikale städteplanerische Mittel (...) lebt allein von der suggestiven Kraft eines Symbolismus, der kein Korrelat außerhalb der eigenen Vorstellungskraft mehr findet. Hinter der Fassade der Mustergemeinde hat sich die ‚gute alte Stadt’ längst verflüchtigt und kann nur auf der grünen Uferwiese eben nur als Fassade, nicht als tragende Struktur neu errichtet werden“ 180 .
Das neotraditionelle Design auf der Maßstabsebene der Straße kann nicht in vollem Maße dazu beitragen, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft und Sicherheit zu erzeugen. Es beruht auf einer sozialen Homogenität und nicht auf sozialer Mischung. New-Urbanism-Siedlungen in den USA weisen beispielsweise keine intensiveren Nachbarschaftsstrukturen auf als die herkömmliche Suburbia. Es ist schwierig, den Anspruch nach Gemeinschaft durch Symbole und verniedlichende Elemente zu erfüllen. Öffentliche Räume, welche nicht genutzt werden - eben weil sie symbolhaft bleiben -, mit Symbolhaftigkeit zu gestalten, sind stark zu kritisieren. Sie dienen in keiner Weise dem traditionellen Alltagsleben, sondern können gerade noch als Tourismusziel herhalten 181 .
Abb. 21 & 22: Symbolhafte Gebäude (Rathaus & Wasserturm) ohne Funktion in Celebration, Florida (USA) 182
178 Vgl. dazu EHSK, 02.06.03: S.4, Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.IV), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.IX,X), Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI,XXII,XXIV), Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) und Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIII)
179 Vgl. dazu EHSK, 02.06.03: S.4, Veihelmann (2): S.1ff. (Quelle: www.scheinschlagonline.de) und Blume: S.1 (Quelle: www.derive.at) 180 Yajic: S.3 (Quelle: parapluie.de)
181 Vgl. dazu Rada: S.1f. (Quelle: www.uwe-rada.de), Veihelmann (2): S.3 (Quelle: www.scheinschlagonline.de), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.X) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXI) 182 Quelle: Schauz, 25.01.04: S.106
59
„Allerdings ist die Frage, ob man mit einer künstlichen Mitte (...) die natürliche Mitte wie in einer europäischen Stadt ersetzen kann“ 183 .
New Urbanism leistet aus den verschiedensten Gründen keinen wirklichen Beitrag zur Überwindung der dramatischen sozialen Segregation in den Ballungsräumen, was jedoch ein wesentlicher Anspruch der Bewegung ist. Bemerkenswert ist, dass der New Urbanism in einer Zeit der gesellschaftlichen Auflösung zutage tritt . In diesem Transformationsprozess gibt es nur Gewinner und Verlierer. Es ist auffällig, dass gerade in den Siedlungen des New Urbanism die so genannten Gewinner ein neues Heim finden und somit der gesamten Umwelt demonstrieren, welchen Status sie in der heutigen Gesellschaft einnehmen 184 .
„Trotz größerer gestalterischer Vielfalt bringt [er] (...) kaum Fortschritte in den von ihm errichteten Siedlungen hervor“ 185 .
Die Verpflichtung zur Schaffung kleiner, ethnisch und sozial homogener Kommunen gemäß der Leitlinien und Prinzipien des New Urbanism ist äußerst kritisch zu bewerten. Möchte sich der New Urbanism gegen die Gated Communities wenden, so wird die Entwicklung jedoch dahingehend unterstützt, wenn die Siedlungen des New Urbanism nur einer bestimmten Klientel - der finanziell Bessergestellten - zugänglich sind. Weiterhin ist auffällig, dass die Bewohner zumeist einer hochqualifizierten Akademikerschicht angehören, die teilweise ökologisch orientiert sind und gleichzeitig bestimmte konservative Vorstellungen wie Familie und Ordnung in sich tragen. Dadurch wird signalisiert, dass nur diejenigen hier wohnen und leben dürfen, die dieses Gedankengut teilen. Letzten Endes ist die Zielgruppe die weiße obere Mittelschicht, die sich in diesen Siedlungen vom Umfeld abgrenzt. Dennoch kann die erreichte Mischung als relativ innovativ gelten. Jedoch grenzen sich die Multimillionäre in den Gated Communities ab, hier entsteht die soziale Mischung in der Oberschicht in Form von verschiedenen Haushaltstypen, welche verschiedene Bautypen wie Einfamilienhäuser oder Apartments nachfragen. Ein soziales
183 van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XVI)
184 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI,XXIV), Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) und Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIII) 185 Fainstain: S.4 (Quelle: www.tu-harburg.de)
60
Nebeneinander, wie man es aus Europa kennt, wird in den amerikanischen New-Urbanism-Siedlungen jedoch selten erreicht 186 .
In der Praxis - und diese Kritik richtet sich auch gegen die Developer - ist es nicht geschafft worden, eine breite Ausdifferenzierung des Preisniveaus von Wohnungen zu verwirklichen. Das Argument der erhöhten Preise hat aber noch weitere Faktoren als die reine Nachfrage. Zum einen sind die öffentlichen Parzellen größer und die privaten kleiner als in herkömmlichen Suburbs. Der Eigentümer zahlt demnach die öffentlichen Grünflächen mit. Zum anderen sind die Baumaterialien in der Regel teurer als die standardisierten Werkstoffe der anderen Siedlungen. Ein weiteres Problem, das sich mit neuen Siedlungen einstellt, ist die totale Beplanung des gesamten Areals. Eine individuelle Weiterentwicklung ist nicht möglich, da von vornherein bestimmt wurde, was sich wie zu entwickeln hat. Brachflächen sind nicht existent und bieten demnach keinen Spielraum mehr für die Aneignung neuer Räume 187 .
Die Befürwortung maximaler Verknüpfung mit dem Umfeld wird in vielen Beispielen nicht optimal umgesetzt. Sehr oft ist nur eine Zugangsstraße die einzige Möglichkeit, eine (größere) Siedlung des New Urbanism zu erreichen, welche sich dadurch selbst isoliert. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorsatz, für kleinteilige Nutzungsmischung zu sorgen. Es sind im Zuge des New Urbanism viele Orte entstanden, welche nur eine Nutzung beherbergen, wie zum Beispiel Feriendörfer oder reine Wohnorte 188 .
Die innerstädtische Aufwertung durch einige Projekte bleibt jedoch eher marginal. Die Innenstädte können durch Freizeit- und Unterhaltungseinrichtungen wie zum Beispiel Tacheles eine leichte Belebung in sonst kriselnden Situationen erfahren, jedoch leiten sie keine strukturelle Verbesserung ein und stellen somit keinen Ausweg aus dem Dilemma der zunehmend zersiedelten und gesellschaftlich wie ökonomisch gespaltenen Großstadtregion dar. Anstelle dieser Ziele kommt es allzu häufig zu einer Abgrenzung von ganzen Schichten, welche durch Miet- und Kaufpreise Zugang zum New Urbanism haben 189 .
Um eine Aufwertung der Innenstädte zu erreichen, die mit dem New Urbanism in Verbindung gebracht wird, ist es notwendig, den so genannten Infill verstärkt zu betreiben. Infill Development meint die Umwandlung brachgefallener Areale des Großhandels und der Industrie in fußgängerorientierte Mischgebiete, was im Rahmen des Strukturwandels durchaus möglich erscheint. Ein populäres Infill-Projekt des New Urbanism aus den USA entpuppt sich bei näherer
186 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S.27, Yajic: S.2 (Quelle: parapluie.de), Veihelmann (2): S.1 (Quelle: www.scheinschlagonline.de), Schäfer: S.20 (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de), Rada: S.1 (Quelle: www.uwe-rada.de), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XVI) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXII)
187 Vgl. dazu Fainstain: S.5 (Quelle: www.tu-harburg.de), Bodenschatz (2) 2000: S.25 und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XVII) 188 Vgl. dazu Bodenschatz (2) 2000: S.27 189 Vgl. dazu Laimer: S.2 (Quelle: www.derive.at)
61
Betrachtung als reine Neuentwicklung: Mountainview in der Nähe von San Francisco. Hier ist auf der Fläche einer ehemaligen Shopping Mall Wohnungsbau realisiert worden, jedoch wurde das Grundstück vollständig geräumt und im neuen Quartier erinnert nichts an die vorhergehende Nutzung. Ein nachhaltiges Entwickeln von Industrie- oder Gewerbebrachen muss unbedingt die Geschichte des Ortes berücksichtigen und so viel Gebäude wie möglich integrieren. Dies ist beim New Urbanism in bisherigen Projekten noch nicht in befriedigendem Maße erreicht worden. Lediglich der Riverwalk in Downtown Milwaukee ist ein funktionierendes und bekanntes Beispiel innerstädtischer Revitalisierung, der in der Bevölkerung und Fachwelt positiv aufgenommen wird 190 .
Im New Urbanism wird häufig eine reine Vermarktungsstrategie gesehen, die zumindest eines kann: Geld einbringen. Nicht umsonst gibt es mehrere Developer, insbesondere in den USA, die in einer billigeren Version Pseudo-New-Urbanism bauen und damit den Geschmackssinn der Leute treffen 191 .
Für die Sicht des New Urbanism lässt sich folgendes Zitat anbringen, welches die Schwierigkeiten bei der Revitalisierung und den Anforderungen auf den Punkt bringt:
„Schließlich ist zu fragen, ob die angebotenen fußgängerfreundlichen Räume überhaupt genutzt werden. (...) In den neuen Downtowns wiederum entsteht ein Erlebnispark Großstadtzentrum, das durch das Automobil angesteuert wird und entsprechend mit Parkplätzen oder Parkhäusern ausgestattet ist. Wie weit dann dort der Fußgängerradius reicht, hängt von der Attraktion der Angebote wie der öffentlichen Räume ab“ 192 .
190 Vgl. dazu Kegler (2): S.3 (Quelle: www.ceunet.de) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXIII)
191 Vgl. dazu Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXIII) 192 Bodenschatz (9) 2003: S.188
62
5. Anforderungen an Revitalisierung
Dieses Kapitel stellt die Ansprüche an Revitalisierung aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Dabei werden nicht Gründe gesucht, sondern diverse Bedürfnisse veranschaulicht, welche sich bei der Revitalisierung ergeben. Für eine Wohnwelt der Zukunft sind diese Anforderungen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Revitalisierung zu verstehen.
5.1. Grundbedürfnisse und Ansprüche
„Wohnpräferenzen (...) lassen sich zum einen durch ihre Wohnwünsche und zum anderen durch die Wohnbedürfnisse bestimmen. Wohnwünsche sind dabei am Ideal orientierte und nicht unmittelbar handlungswirksame Zielvorstellungen [, während] Wohnbedürfnisse einen empfundenen Mangel ausdrücken, dessen Beseitigung angestrebt wird“ 193 .
Demnach sind diese Größen nicht feststehend und nicht immer einfach zu messen. Sie variieren zudem zwischen den einzelnen Gesellschaftsgruppen und stehen in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Stärke eines Haushaltes. In dieser Arbeit werden Wünsche und Bedürfnisse als Ansprüche und Anforderungen definiert, das heißt als die langfristig potenzielle Nachfrage nach Wohnraum beeinflussenden Faktoren. Bedürfnisse unterteilen sich in Grundbedürfnisse und darüber hinausgehende Bedürfnisse. Erst wenn die so genannten basic Needs erfüllt sind, können weitere Anforderungen befriedigt werden.
Basic Needs im Bereich des Wohnens sind Schutz vor Umwelteinflüssen wie Verkehrslärm und Smog, Rückzugsmöglichkeiten zum Alleinsein, Sicherheit vor Kriminalität, Beständigkeit etwa des sozialen Umfelds sowie Vertrautheit (Kontakte mit Freunden und Bekannten). Als zentrales Bedürfnis des Menschen ist die Abgrenzung in Form der Inbesitznahme eines Territoriums zu nennen, welches sich im starken Wunsch nach dem Eigenheim manifestiert. Auch das Wohlfühlen ist ein Grundbedürfnis, welches die Menschen haben. Kinder suchen dies bei ihrer Mutter und Erwachsene im Wohnumfeld. Dabei ist das Wohlfühlen mit einer gewissen Art von Reizen verbunden, welche für die einen weniger Ärger und andere wiederum das Aufeinanderprallen von verschiedenen Kulturen bedeutet. Ein weiteres basic Need stellt der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft dar, was auf eine bestimmte Art und Weise baulich-räumlich symbolisiert wird 194 .
193 Zabel 2002: S.97
194 Vgl. dazu Zabel 2002: S.100f., Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VIII), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XX)
63
5.2. Ansprüche der Nutzer
„Ja, das möchste, eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße: mit schöner Aussicht, ländlich, mondän, vom Badezimmer aus ist die Zugspitze zu sehn“ 195 .
Dieses Gedicht aus den 1920-er Jahren verdeutlicht die enormen Ansprüche, die wir - auch heutzutage noch - an unsere Wohnung haben. Diesbezüglich sind in den letzten 50 Jahren die Wohnflächenansprüche, damit der Wunsch nach ausreichend Raum und Abstand vom Nachbarn, geradezu linear angestiegen. Dieser Prozess wird jedoch so nicht fortsetzen. In naher Zukunft (2010) wird die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf etwa 45 qm betragen, was immer noch eine Steigerung von über 10% gegenüber dem Status Quo bedeutet. Ab dem Jahre 2030 ist mit einer Stagnation oder Sättigung um die 50 Quadratmeter zu rechnen 196 .
Die Bildung von Wohneigentum ist bei über 80% der Bevölkerung einer der wichtigsten Wünsche. Als unverzichtbares Element zur Altersvorsorge ist diese Form der Geldanlage als besonders hervorragende Investition einzustufen 197 . Als Idealwohnung betrachten wiederum etwa 80% das freistehende Einfamilienhaus. Hinzu kommen noch einmal 14% mit dem Wunsch nach einem Reihenhaus, so eine EMNID-Umfrage aus dem Jahre 1998 198 .
„Die Stärkung des Wohneigentums in den Kernstädten ist aus steuerlichen, sozialen und siedlungsstrukturellen Gründen sehr wichtig, wenn die Abwanderung von Haushalten mittleren Einkommens ins Umland der Kernstädte gebremst werden und die soziale Stabilität in den Wohnquartieren erhalten bleiben sollen“ 199 .
Fehlende und zu teure Grundstücke sowie ein zu geringes Eigenkapital der Bauwilligen sind die Hauptprobleme, mit denen sich die Gemeinden bei der Förderung von Wohneigentum konfrontiert sehen. Jedoch können die Kommunen diese derart unterschiedlichen Probleme nicht allein lösen, es sind an dieser Stelle einmal mehr Bund und Länder gefordert. Als wichtiger Ansatz sollte hier eine Förderung des Wohnungsbestandes gesehen werden. Bei geglückter Förderung, und damit Verbleib der Bevölkerung in den Städten, wird die Attraktivität der Städte als Wohnort erheblich gesteigert werden können 200 .
195 aus: Kurt Tucholskys „Schnipsel“
196 Vgl. dazu Troge, 29.10.03: S.7
197 Vgl. dazu Troge, 29.10.03: S.12 und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIII) 198 Vgl. dazu Zabel 2002: S.98 199 DIFU (1) 2002: S.99
200 Vgl. dazu DIFU (1) 2002: S.100 und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XV)
64
Auffällig bei der Standortwahl für neuzubildendes Eigentum ist die Attraktivität des Stadtrandes. Der überwiegende Teil der Innenstadtbewohner orientiert sich an der Peripherie; die dort schon Wohnenden tun dies zu fast drei Viertel. Immerhin ein Drittel der Landbevölkerung sehen als bevorzugten Wohnort den Stadtrand, während sie in ihrer jetzigen Lage sehr zufrieden sind. Das liegt zu einem gewissen Anteil auch daran, dass die Suburbs am ehesten in der Lage sind, auf menschliche Wünsche zu reagieren
und sich diesen anzupassen. Diesen Bedingungen müssen sich auch die Wohnungsmärkte stellen. Die meist naturnahen Gebiete der Suburbs bieten Ruhe, Sicherheit und einen hohen sozialen Status. Zudem bietet Eigentum Unabhängigkeit und die Möglichkeit zur Verwirklichung eigener Vorstellungen, auf die verschiedenen Lebensstile wurde in Kapitel 2.2.4 bereits eingegangen. Die Wohnwünsche der besserverdienenden Familien mit Kindern zielen auf viel Platz, Garten und Landschaftsnähe ab 202 . Junge, gutverdienende und freizeitorientierte Haushalte fragen hingegen verstärkt
„(...) urbanes Wohnen nach, das durch attraktive, unkonventionelle Bausubstanz mit interessanten Grundrissen, lebendiger Kulturszene und Gastronomie charakterisiert ist“ 203 .
So genannte Starter-Haushalte, zumeist junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren, suchen zentral gelegene Wohnungen, die zudem preiswert sind und einen attraktiven ÖPNV-Anschluss aufweisen 204 . Gefragt sind
„(...) Wohnungen, die Altbauqualitäten aufweisen, innenstadtnah liegen und großzügig bemessen sind, aber die andererseits nicht an einer Hauptverkehrsstraße oder nahe am Industriegebiet liegen, sondern durch glücklichen Zufall oder weil sie Produkte bürgerlichen Wohnungsbaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind und sich in einer ruhigen Lage, die naturräumliche Vorteile bietet, befinden. Das ist eigentlich eine der perfektesten Möglichkeiten zu wohnen (...)“ 205 .
201 Quelle: DIFU (2) 2003: S.7
202 Vgl. DIFU (2) 2003: S.7, Price 1991: S.51 und 55, Zabel 2002: S.99 sowie Sieverts 1998: S.48 203 Eichener (1): S.1 (Quelle: www.inwis.de), vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV,XV) 204 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II) 205 Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XX)
65
Nichtsdestotrotz ist ein ganz besonderer Wohnwunsch (Bedürfnis) auch weiterhin das Haus im Grünen und die Nachfrage nach Wohngebieten in Wald- und Wiesennähe ist ungebrochen. Die Identität einer Stadt beruht aber nicht nur auf der gebauten Umwelt, sondern auch auf der unbebauten, vegetativen Fläche. Aus diesem Grunde sollte die Landschaft nicht weiter als das Gegenteil der Stadt gesehen, sondern als gleichberechtigtes Element aufgefasst werden, die mit der Stadt eine Art Symbiose eingeht 206 .
Eine wichtige Forderung der Nutzer in wirtschaftlich schwachen Zeiten - aber nicht nur dann - ist das kostengünstige Bauen. Hier muss aus rein pragmatischen Gründen noch eine Rationalisierung stattfinden, denn Wohneigentum wird immer noch als zu teuer empfunden, auch wenn oder gerade deshalb die Märkte stagnieren. Ein anderer Vorteil der Verbilligung des Bauens ist das Ermöglichen von Anschluss- und Schnittstellen zum Ausland in einer globalisierten Welt und im europäischen Wettbewerbskontext 207 .
Als Standardausstattung der Wohnung wird mittlerweile die Verkabelung und Technisierung der Haushalte gesehen. Der Fernsehkonsum ist als enorm einzustufen und bei vielen Unternehmen ist ein Kabelanschluss in der Miete mit berücksichtigt. Anforderungen an das Wohnumfeld sind natürlich die Ausstattung mit Infrastruktur der Nahversorgung, Kindergärten, Schulen und Kommunikationsmöglichkeiten für Mütter 208 .
Eine Gruppe an Menschen ist besonders betroffen von den aktuellen Zuständen und Entwicklungen: die Kinder. Diese sind weitaus „bedürftiger“ als Erwachsene und haben einen relativ großen Radius um die Wohnung im Alltag, der sich zum großen Teil draußen abspielt, aber nicht ungefährdet ausgeübt werden kann. Das Fehlen von kindergerechten Wohnungen und Wohnumfeldern wird zum Teil auch für den stattfindenden Geburtenrückgang verantwortlich gemacht, der nicht nur auf die bauliche Situation (Spielplätze), sondern auch auf das Themen Sicherheit und Nachbarschaft zurückgeführt wird 209 .
5.3. Ansprüche an den Wohnungsmarkt
Die Wohnungsmärkte müssen in Zukunft dem Nachfrager, der zugleich als Kunde und eben nicht mehr nur als Bewohner gesehen werden muss, eine größere Definitions- und Entscheidungsmacht einräumen, denn der Charakter des Marktes hat sich grundlegend vom Anbieter- zum Nachfragemarkt gewandelt. Die Umsetzung von Zielen entspricht nicht immer den
206 Vgl. dazu Reicher, 27.11.03: S.3 und 5, Sieverts 1998: S.55 sowie van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIII)
207 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIII) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XIX) 208 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VIII), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXIX) 209 Vgl. dazu CNU 2000: S.106, Zabel 2002: S.97, Kiehle 2003: S.19 und am 29.01.04 (Anhang: S.XXVII)
66
Anforderungen der gewünschten Zielgruppe. In Zukunft wird hier die jeweilige Bevölkerungsgruppe stärker analysiert werden müssen, beispielsweise durch Befragungen 210 .
Um eine soziale Mischung hinsichtlich Alter und Einkommen zu erreichen, muss eine breites Spektrum an Wohnungen bereitgehalten werden, damit der aktuellen Tendenz der Verinselung und Homogenisierung von ganzen Stadtteilen entgegengewirkt werden kann. Einseitige, homogene Stadtquartiere entsprechen nicht mehr den gesellschaftlichen Anforderungen: Trabantenstädte, die nur als Schlafstädte dienen, sind nicht vereinbar mit der gewachsenen Verknüpfung zwischen Wohnen und Arbeiten der heutigen Dienstleistungsgesellschaft. Einkaufs-und Gewerbeparks gehen ebenso wenig konform mit den Bedürfnissen einer zunehmend freizeitorientierten Gesellschaft. Zufriedenheit mit der Siedlung hängt in großem Maße mit der Vollständigkeit der infrastrukturellen Ausstattung und den Möglichkeiten der Nahversorgung zusammen. Die Menschen wollen keine hochverdichteten Siedlungen, sondern überschaubare, kleinere Stadtteile und Quartiere mit nutzbaren Grünflächen. Diese sind zudem noch besser zu vermarkten als große, einheitliche Baugebiete 211 .
Das Massengut Wohnung 212 hat ausgedient. Lebensbiografien der Menschen ändern sich in der heutigen Zeit sehr schnell und die Wohnungsgrundrisse müssen sich daran schnell anpassen können. Eine Familienwohnung mit zwei Kinderzimmern wird nach einer Generation meist zu groß für die Eltern und daher muss die Möglichkeit bestehen, den Grundriss variabel zu gestalten. Das kann beispielsweise in Form von annähernd gleichgroßen Räumen, die sich flexibel zusammenschließen lassen oder etwa durch die Ausstattung in Einfach- oder Luxuswohnung per Katalog geschehen. Hier muss stärker auf die Kundenwünsche eingegangen werden 213 .
Aber nicht nur ein flexibler Grundriss der Wohnung wird unter Flexibilität zu verstehen sein, sondern auch die Flexibilität der Menschen: nicht nur die Wohnungen müssen anpassbar sein, sondern auch die Nutzer. Die erste Variante (flexibler Grundriss) kann sehr kostspielig sein, die zweite Variante (umzugsbereite Menschen) hingegen weniger. Die verschiedenen
210 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.III) und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIII,IX,XV)
211 Vgl. dazu Schäfer: S.9 (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de), www.uni-weimar.de, Eichener (1): S.4 (Quelle: www.inwis.de), Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.III), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VIII,X) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXII)
212 „Das Gut Wohnung war relativ homogen, mit einer Standardausstattung, die im Mietwohnungsneubau nur relativ geringfügige Qualitätsunterschiede kannte, und Standardgrundrissen, die durch Kölner Empfehlungen, DIN-Normen, Bauserien und Förderrichtlinien normiert waren: Funktionale Arbeitsküche, Elternschlafzimmer mit Platz für ein Doppelbett, zwei Nachttischchen, einen dreiflügeligen Kleiderschrank und - heute etwas antiquiert - eine Frisierkommode, ein bis zwei Kinderzimmer à 8 qm, kleines Bad, Diele und repräsentatives Wohnzimmer mit Platz für eine Couchgarnitur und einen Esstisch. Diese Standardgrundrisse wurden für die deutsche Standardfamilie, bestehend aus zwei Eltern und zwei minderjährigen Kindern, entwickelt. Dieses Produkt wurde in großen Mengen für einen Markt von anonymen Kunden produziert. Im Zuge der Marktveränderungen wird sich die Wohnungswirtschaft zumindest in Teilen von den Standardgrundrissen loslösen müssen. Die Standardfamilie mit zwei Eltern und zwei Kindern unter 18 Jahren stellt heute nur noch 8% aller Haushalte“ (Eichener et al.: S.1 [Quelle: www.inwis.de]).
213 Vgl. dazu Eichener et al.: S.1 (Quelle: www.inwis.de) und Höbel, 09.12.03 (Anhang: S.III)
67
Lebensabschnitte, die ein Mensch durchlebt, können nicht immer an ein und demselben Wohnort gelebt werden 214 .
„Jeder Mensch hat in seinem Leben im Moment sieben Jobs. Man kann an einer Hand abzählen, dass man das nicht alles an einem Ort, in einer Stadt machen kann. Der Zwang ist einfach da, flexibler, mobiler zu sein“ 215 .
Dem demografischen Trend der schnellen Alterung der Bevölkerung folgend, wird sich die Nachfrage nach seniorengerechten Wohngebäuden in naher Zukunft verstärken. Momentan existiert hier noch ein großer Nachfrageüberhang. Der Wohnungsmarkt wird hier verstärkt nicht nur Wohnraum anbieten müssen, sondern sich auch besonders stark auf die Bedürfnisse der Mieter einstellen müssen. Die Wohnungswirtschaft hat als Dienstleister zu fungieren und sollte verschiedene soziale Dienstleistungen, die unmittelbar mit dem Wohnen zusammenhängen wie zum Beispiel Hausmeister- und Handwerkerservice, Gebäudereinigung und Winterdienst neben dem eigentlichen Produkt Wohnung anbieten. Im sozialen-persönlichen Bereich bedeutet dies beispielsweise die Vermittlung von privaten Putzkräften, Hilfe beim Umzugsdienst, Babysitterservice, ambulante Pflegedienste oder die Einkaufshilfe. In diesem Zuge haben schon einige Wohnungsunternehmen Kooperationsverträge mit Trägern der freien Wohlfahrtspflege geschlossen 216 .
Es bleibt festzustellen, dass der Staat nicht in der Lage ist, neue Entwicklungen zu identifizieren und zu akzeptieren. Private Investoren und Wohnungsunternehmen hingegen beobachten die Lage aufmerksam und sind flexibel, denn sie müssen ihre Immobilien vermieten 217 .
Die aktuellen Tendenzen der Stagnation, des Rückgangs und der Überalterung der Bevölkerung zwingen den ansonsten konservativ und zeitversetzt reagierenden Wohnungsmarkt zu einer anderen Verteilung der Investitionen. Zunächst haben sich viele kommunale Bauträger aus dem Geschäft zurückgezogen. Für die Wohnungsunternehmen kommt das aber nicht in vollem Umfang in Frage, denn sie sitzen am Ort und haben Wohnungsbestände zu verwalten. Bemerkenswert ist die stabile Höhe der Investitionen seitens der Wohnungsunternehmen in den letzten zehn Jahren, jedoch hat sich die Gewichtung verschoben. Wurde früher zu zwei Dritteln in den Neubau investiert, so sind es jüngst lediglich ein Viertel, was mit der Aufwertung des Bestandes begründet werden muss 218 .
214 Vgl. dazu van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XX)
215 van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XIV)
216 Vgl. dazu Benne et al. 2003: S.7, Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II,III), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VI), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XV), Eichener (5), 28.01.04: S.5f. und Kiehle, 29.01.04 (Anhang: S.XXVII) 217 Vgl. dazu Price 1991: S.52 und Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII)
218 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII), van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XII) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XVII)
68
5.4. Ansprüche an den Standort
Neben den Nutzeransprüchen und den Anforderungen, die die Wohnungsmärkte in Zukunft zu erfüllen haben, existieren eine Vielzahl an Bedürfnissen an den jeweiligen Standort. Bei der Wohnungssuche und Wohnstandortentscheidung zählen nicht nur Wohnfläche und qualitative Ausstattung der Wohnung, sondern auch das Wohnumfeld wird mit gemietet oder gekauft 219 .
Der öffentliche Raum spielt dabei eine zentrale Rolle. Dieser wird für Fußgänger und Radfahrer attraktiv sein müssen, um akzeptiert zu werden; sie müssen sich dort wohlfühlen. Dies kann beispielsweise mit der Schaffung einer eigenen Identität des Ortes einhergehen. Wo immer möglich, muss der öffentliche Raum abwechslungsreich gestaltet werden. Dabei sollten die natürlichen Elemente wie Wasser und Grünbestand einbezogen werden, die eine objektive Qualität vermitteln. Das städtebauliche Erbe kommt hinzu und wird gepflegt und mit historischen Symbolen und Aufmerksamkeit stiftenden Neubauten verbunden. Demnach ist Identität immer konstruiert und durchaus mit Qualität gleichzusetzen, denn wenn von Identität gesprochen wird, ist immer die gelungene Identität gemeint. Nicht nur das unmittelbare Wohnumfeld ist bei Standortqualitäten zu berücksichtigen, sondern auch die Qualität der wohnungsnahen Infrastruktur und deren Erreichbarkeit mit dem ÖPNV 220 .
„Der Wunsch nach Orientierung legt die Vermeidung stereotyper Wiederholungen identischer Bauteile nahe“ 221 .
Hiermit begründet sich auch die Abneigung gegenüber dem Massenwohnungsbau in den alten und jungen Bundesländern, welche sich weiterhin mit einer konstanten Auszugswelle konfrontiert sehen. Abwechslung im Städtebau sollte vor diesem Hintergrund oberste Priorität haben. Weiterhin haben die Menschen das Bedürfnis nach kleinen und überschaubaren Nachbarschaften. Klingelschilder, auf denen man nicht auf Anhieb den Namen der bestimmten Person finden kann, sind abschreckend. Die Grundregel des Zusammenlebens ist: individuell, aber in Gemeinschaft leben. Die Menschen müssen das Gefühl haben, individuell zu wohnen, obwohl sie in einem verdichteten Quartier leben 222 .
Das Problem, mit dem sich die Vororte meist konfrontiert sehen, ist nicht nur die räumliche Distanz zu anderen Orten, sondern die zeitliche Entfernung. Kurze Wege sind hier kaum möglich, da die verschiedenen Zielpunkte meist weit auseinander liegen. Für die Peripherie stellt sich das als besonders wichtig heraus. Deswegen müssen Stadtplaner und Architekten sich darauf
219 Vgl. Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.III), Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII) und van Gool, 13.01.04 (Anhang: S.XII)
220 Vgl. dazu Bodenschatz (7) 2003: S.2 (Quelle: www.ceunet.de), Rada: S.2 (Quelle: www.uwe-rada.de), Düllo 2002: S.18 und Reicher, 27.11.03: S.3 221 Zabel 2002: S.102
222 Vgl. dazu Zabel 2002: S.102, Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.III), Sinz, 09.12.04 (Anhang: S.VIII) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XX)
69
konzentrieren, verschiedene Orte zu verbinden und nicht Aktivitäten zu bündeln. Die Mischung von Nutzungen und Aktivitäten ist eines der vordringlichsten Ziele heutiger Stadtplanung. Um das zu gewährleisten, muss eine große Anzahl von Läden und Einrichtungen, die nach Möglichkeit zu allen Tageszeiten besucht und genutzt werden, vorhanden sein 223 .
Für Vielfalt und Abwechslung und damit Urbanität in den Straßen und Bezirken in einer Großstadt sind folgende Voraussetzungen unerlässlich, sodass die Qualität einer Stadt gesichert ist:
„1. Der Bezirk als Ganzes (und so viele seiner inneren Teile wie möglich) [muss] mehr als einer primären Funktion dienen (...). Diese müssen die Gegenwart von Menschen sichern, welche sich nach verschiedenen Tagesplänen und zu verschiedenen Zwecken auf den Straßen bewegen (...).
2. Die meisten Baublocks müssen kurz sein, das heißt, es [muss] zahlreiche Gelegenheiten für Lang- und Querverkehr geben.
3. Der Bezirk [muss] Gebäude mischen, deren Alter und Zustand verschieden ist; auch alte Gebäude müssen in vernünftigem Verhältnis darunter sein, damit alle Gebäude hinsichtlich der wirtschaftlichen Rente (...) variieren. Diese Mischung [muss] ziemlich feinkörnig sein.
4. In einem Bezirk müssen genügend Menschen konzentriert sein, ganz gleich, aus welchem [Anlass] sich diese Menschen dort aufhalten; das schließt dichte Konzentration der Bewohner ein“ 224 .
Die Städte werden dauerhaft belebt, wenn es gelingt, durch architektonische und kulturelle Maßnahmen den öffentlichen Raum zugänglich zu gestalten. Fehlende Qualitäten im Bestand führen letztendlich zu Stadtflucht und Verödung, verhelfen den Vororten zu einem Boom an Wohnbauflächen und erzeugen zum Teil erheblich verlassene Quartiere in den Städten. Drohender oder eingetretener Leerstand sollte indes auch als Chance begriffen werden, neue Nutzungen vor allem für Kinder und Ältere zu etablieren und Qualitäten zu schaffen 225 .
5.5. Hinderungsgründe am Bestand
Zunächst muss an dieser Stelle der Begriff Bestand näher erläutert werden. Bestand meint das konkrete Objekt, wie zum Beispiel ein Wohnhaus oder brachgefallenes Gebäude aus Industrietagen, welches revitalisierbar erscheint. Unter Brachflächen sind demnach in dieser Arbeit innenstadtnahe Grundstücke zu verstehen, die im Zuge des Strukturwandels und dem damit verbundenen Rückzug der Industrie ohne Nutzung geblieben sind.
223 Vgl. dazu Price 1991: S.51,53 und Jacobs 1993: S.33
224 Jacobs 1993: S.95
225 Vgl. dazu Düllo 2002: S.21 und Kiehle 2003: S.18f.
70
„Wenn [man] Altlasten bis zu einer bestimmten Qualität nicht beseitigen kann, wird [die Fläche] als Wohnstandort nie in Frage kommen“ 226 .
Aus diesem Grund muss die oberste Priorität die Beseitigung von Altlasten sein. Als nächster Punkt ist die Denkmalpflege anzusprechen. Hier kann es problematisch sein, wenn bestimmte Bereiche nicht in ein Bebauungskonzept einzufügen sind, da spezielle Grundrisse oder Beleuchtungsverhältnisse nicht realisiert werden können. Hohe Gebäudedecken, die in Industriegebäuden auftreten, sind beispielsweise sehr problematisch 227 .
Jedes Haus und Gebäude, das für Wohnzwecke zur Verfügung steht, muss hinreichend flexibel sein, um sich den ständig ändernden Anforderungen anpassen zu können. Gleiches gilt für Gewerbebauten. Der wohnungsbezogene Freiraum ist ein entscheidendes Kriterium dafür, ob Nachbarschaften akzeptiert werden und muss aus diesem Grunde besonders gepflegt werden. Die architektonische Vielfalt und Ästhetik spielt hinsichtlich der Identifikation eine ebenso wichtige Rolle 228 .
Nichtsdestotrotz ist Neubau weiterhin wichtig, auch wenn in Zukunft weniger Haushalte als Nachfrager am Markt auftreten. Manche Bestände sind zu unflexibel, was sich in zum Teil enormen Leerständen ausdrückt, und müssen vom Markt genommen werden 229 .
Ein Problem, das sich in vielen innerstädtischen Quartieren äußert, ist die Verwahrlosung des Wohnumfeldes, was einen nicht unerheblichen Grund für Unzufriedenheit und den Auszug von Mietern darstellt. Es ist wünschenswert, dass manche Aufgaben auf die ansässigen Bewohner übertragen und diese damit mobilisiert werden. Hiermit wird eine gewisse Standortbindung erreicht, welche die Menschen zum Bleiben bewegen kann. Ein fehlendes Gemeinschaftsgefühl bei der Bewohnerschaft ist sehr hinderlich und sollte beispielsweise durch die Einrichtung von Nachbarschaftstreffs ermöglicht werden 230 .
Einzelne Gebäude oder Gebäudeteile treten sehr prägnant auf. Auf ehemaligen Industrieflächen mit Hausbestand müssen die Gebäude ein Stück weit zur Identifikation beitragen können. Das ist zum Einen gewährleistet, wenn die Fabrik oder der Standort gut in die Umgebung eingepasst ist. Zum anderen sind Backsteinfassaden von Fabrikhallen oder ähnlichem auch ästhetisch mittlerweile unumstritten. Das Wichtigste bei der Revitalisierung ist jedoch die Schaffung eines Gebrauchswertes bei der Umnutzung 231 .
226 Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.XI)
227 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.XII), Kiehle, 29.01.04 (Anhang: S.XXV) und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXII) 228 Vgl. dazu Reicher, 27.11.03: S.3 229 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII) 230 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VIII) und Kiehle 2003: S.19 231 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.V) und Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXV)
71
Eine Unsicherheit, die nicht unbedingt als Hinderungsgrund im Bestand zu bewerten ist, ist die Abwartehaltung diverser Unternehmen. Sind zwei Anbieter im gleichen Quartier am Markt, kann es sich schwierig gestalten, wenn beide Unternehmen nicht investieren. Diese Situation gleicht einem Gefangenendilemma, da zum Einen die eigenen Investitionen verpuffen können, während der andere Kosten gespart hat oder wenn der eigene qualitativ schlechtere Bestand abgerissen und dem Gegner damit zu einer Wertsteigerung seiner Gebäude verholfen wird. Die Unternehmen wären an dieser Stelle gut beraten zu kooperieren, wie es zurzeit zum Beispiel in Essen geschieht 232 .
Ein weiterer Hinderungsgrund, der auf die lokalen Wohnungsmärkte hemmend wirkt, ist eine negative Arbeitsplatzentwicklung. Die Wohnungsmärkte sind eng verknüpft mit der Wirtschaft. Arbeiter und Angestellte wohnen zumeist - oder wollen es zumindest - in der Nähe ihrer Arbeitsplätze. Die großen Pendlerströme im Ruhrgebiet mögen einen anderen Eindruck verschaffen, hier sind Pendler in nahezu alle Richtungen unterwegs 233 .
All diese Hinderungsgründe machen eines deutlich: die Revitalisierung innerstädtischer Brachflächen kann durchaus sehr kostspielig sein, wenn Altlasten beseitigt und Gebäude abgerissen oder umgebaut werden. Das kann einer wirtschaftlichen Nutzung stark im Wege stehen.
232 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII)
233 Vgl. dazu Sinz, 09.12.03 (Anhang: S.VII)
72
6. Alter Schlachthof in Gladbeck - ein Denkanstoß
Dieses Kapitel stellt das Gladbecker Areal des ehemaligen Schlachthofes als Denkanstoß für die weitere Bearbeitung in Bocholt dar. Zunächst wird ein Überblick über die Stadt und die aktuelle Situation am ehemaligen Schlachthof gegeben. Das Schlachthof-Gelände stellt sich als Einstiegsbeispiel günstig dar, da auf einer innenstadtnahen Brachfläche die Revitalisierung jüngst in Angriff genommen worden ist. Hinzu kommt die explizite Berücksichtigung der Grundsätze und Prinzipien des New Urbanism durch den Stadtbaurat. Der Entwurf eines Architekturbüros aus Düsseldorf bildet die Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem New Urbanism in Gladbeck.
6.1. Die Stadt Gladbeck
Gladbeck liegt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets im Übergangsbereich zwischen dem
Ballungsraum der Emscherzone und dem ländlich strukturierten Münsterland. Direkte Stadtnachbarn sind Dorsten, Gelsenkirchen, Essen und Bottrop. Administrativ gehört die Mittelstadt mit Stadtrechten seit 1919 zum Kreis Recklinghausen im Regierungsbezirk Münster und ist Mitglied im Kommunalverband Ruhrgebiet. In Gladbeck wohnen etwa 78.100 Menschen in circa 36.000 Haushalten. Der Einwohnerschwund der letzten Jahre hat sich in 2002 jedoch stark verlangsamt und ist derzeit zum Stillstand gekommen, Gladbeck verzeichnet einen Zuzugsüberschuss, der allerdings durch einen Sterbeüberschuss ausgeglichen wird. Vor allem ist der Zuzug durch die massive Ausweisung von neuem Bauland mit dem Programm „1.000 Bauplätze in Gladbeck“ forciert worden. Die Stadt weist auf rund 36 Quadratkilometern eine maximale Nord-Süd-Ausdehnung von zehn und eine Ost-West-Ausdehnung von sieben Kilometern auf, die Bevölkerungsdichte beträgt 2.177 Einwohner je Quadratkilometer 235,236 .
234 Quelle: eigene Darstellung
235 Die direkten Nachbarstädte Dorsten, Bottrop, Gelsenkirchen und Essen weisen Dichten von 480, 1.200, 2.739 und 2.798 Einwohnern je Quadratkilometer auf (Quelle: www.net-lexikon.de und www.dorsten.de).
236 Vgl. Stadt Gladbeck (1) 2002: S.5, RN Gladbeck 22.10.03: S.1, Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXIX), www.gladbeck.de und www.net-lexikon.de
73
In den 1870-er Jahren wurde auf dem Stadtgebiet erstmals Kohle gefunden. Die erste Zeche war „Graf Moltke“, auf der seit 1873 abgeteuft wurde. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und weiteren Zechenöffnungen um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wuchs daraufhin die kleine Dorfgemeinde zu einer mittelgroßen maßgeblich vom Bergbau bestimmten Industriestadt an. Zwei Drittel aller Beschäftigten waren 1910 direkt im Bergbau tätig. Die Großschachtanlagen mit ihren dazugehörigen Arbeiterkolonien umgaben wie Trabanten den ehemaligen Dorfkern, der zu einem Versorgungs- und Verwaltungsschwerpunkt ausgebaut wurde. Aus den Bergwerkssiedlungen haben sich heute eigenständige Stadtteile entwickelt. Die Bergarbeitersiedlungen wurden teils aus Backstein, teils aus traditionellem Fachwerk und nicht immer mit Genehmigung der Gemeinde- und Kreisbehörde errichtet. Die in anderen Städten des Ruhrgebiets typischen Gründerzeitviertel entstanden jedoch in Gladbeck nicht, da private Bauherren der massiven Siedlungstätigkeit der Bergwerksgesellschaften zur Beseitigung eines enormen Wohnraummangels wenig entgegenzusetzen hatten. Ab 1900 hielt die Gartenstadt-Idee Einzug in Gladbeck, seitdem wurden bei der Siedlungsentwicklung städtebauliche Konzepte zugrunde gelegt. In dieser Zeit entstanden durchgrünte, abwechslungsreiche Wohnsiedlungen mit geschwungenen Straßen, Platzfolgen und unterschiedlichen Haustypen im Stil des Historismus ebenso wie die bis heute das Stadtbild prägenden Alleen. Einen enormen Entwicklungsschub erlebte die Stadt durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit. Die Kohlekrise ab 1958 zwang die Stadt zur Ansiedlung neuer Industrien, wie zum Beispiel der chemischen Industrie. Die erste Zeche war zugleich die letzte, „Graf Moltke“ wurde 1971 geschlossen. Spätestens seitdem hat die Stadt mit der Arbeitslosigkeit und dem Strukturwandel zu kämpfen. Bei der kommunalen Neugliederung in NRW im Jahre 1975 kam die damalige kreisfreie Stadt zusammen mit Kirchhellen zur Nachbarstadt Bottrop. Jedoch war diese Zwangsehe von kurzer Dauer: bereits 1976 wurde Gladbeck wieder selbständig und gehört seitdem zum Kreis Recklinghausen 237 .
„Rückblickend führte die Umsetzung der städtebaulichen Leitbilder und Visionen jener Zeit - wie die Funktionstrennung und die Utopie der ‚autogerechten Stadt’ - zu einem Verlust an städtischer Identität und urbaner Vielfalt“ 238 .
237 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.7ff. und www.net-lexikon.de
238 Stadt Gladbeck (1) 2002: S.18
74
6.2. Situation am ehemaligen Schlachthof
Abb. 24: Historische Ansicht des Schlachthofes (etwa 1930) 239
Die stark angestiegene Bevölkerung Gladbecks erforderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Errichtung eines städtischen Schlachthofes, um die Versorgung der Einwohner zu sichern. 1908 wurde dieser in Betrieb genommen und bis nach
dem Zweiten Weltkrieg fanden mehrere Erweiterungen statt, der ausführende verantwortliche Erbauer war der einheimische Architekt Frese. Die Fassaden der meisten Gebäude auf dem Gelände waren aus Ziegel und wurden teilweise von hellen Putzflächen unterbrochen. 1999 wurde der Schlachthof aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt. Der 18 Meter hohe Wasserturm aus dem Jahre 1928 steht ebenso unter Denkmalschutz wie die Direktorenvilla und das Meisterwohnhaus an der Grabenstraße. Die Architektur dieser Gebäude ist vom Jugendstil geprägt 240 .
Abb. 25: Luftbild Schlachthof-Gelände 241
Grabenstraße begrenzt. Die Bundesstraße soll in Zukunft zur Autobahn 52 ausgebaut werden und in Nähe des Schlachthofgeländes in Tunnellage verlaufen. An der Grabenstraße verläuft eine Buslinie, die den nahegelegenen Busbahnhof mit einer Fahrzeit von drei Minuten erreicht. Der Bahnhaltepunkt Gladbeck-Ost liegt 500 Meter nördlich des Plangebietes, soll aber mit dem Oberhof verbunden und damit nach Süden verlegt werden. Die ÖPNV-Erschließung und Erreichbarkeit mit dem Motorisierten Individualverkehr (MIV) aus den Nachbarstädten Essen und Gelsenkirchen ist damit gegeben, die anliegenden Straßen sind sehr gut in das örtliche Fuß- und Radwegesystem eingebunden. Einzig die starke Verkehrsbelastung auf der Grabenstraße und der Verkehrslärm der Bundesstraße wirken beeinträchtigend 242 .
239 Quelle: Stadt Gladbeck
240 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.58 und Planlokal 2001: S.5 241 Quelle: Stadt Gladbeck
242 Vgl. dazu Planlokal 2001: S.6ff. und Stadt Gladbeck (1) 2002: S.82
75
Die angrenzenden Häuser an der Grabenstraße beherbergen überwiegend Wohnungen, aber auch vereinzelt Handwerks- und Gewerbebetriebe. Auf dem Grundstück des Schlachthofs stehen die Gebäude - wie bereits erwähnt - leer, die Gebäudesubstanz befindet sich in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand. Der Wasserturm ist momentan eingerüstet und wird renoviert; die Vorbereitungen für die Sanierung der beiden Villen laufen 243 .
Abb. 26 & 27: Direktorenvilla & Meisterwohnhaus 244
.3. Der Entwurf 6
ände eine detaillierte Bestandsaufnahme und Im Jahre 2001 wurde für das Schlachthofgel
Bausubstanzuntersuchung durch das Dortmunder Büro planlokal durchgeführt. Ein Gutachterverfahren im Frühjahr 2002 prämierte das Bau- und Nutzungskonzept der Düsseldorfer Architektengruppe Hofmann Syffus Knaack, auf dessen Grundlage die Detailplanung durchgeführt wurde. Im Integrierten Handlungskonzept aus dem August 2002 der Stadt Gladbeck ist für den Schlachthof eine wichtige städtebauliche Einzelmaßnahme vorgesehen, die eine Neubebauung unter Einbezug erhaltenswerter Bausubstanz vorsieht. Funktional soll das Gebiet
zu anderen Märkten in NRW sehr gut. Da hier weiterhin ein hohes Gladbeck im Vergleich
243 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.58, Planlokal 2001: S.13ff. und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXII)
244 Quellen: eigene Fotos
245 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.44a,59 und 72a 246 Quelle: planlokal 2001: Deckblatt
76
Baulandpotenzial herrscht und die Möglichkeiten in den Nachbarstädten begrenzt sind, kommen 70 bis 80% der Bauwilligen aus Essen und Gelsenkirchen sowie aus Bottrop und dem Münsterland. Bedingt durch eine hohe Nachfrage nach städtischem Wohnraum sah sich die Stadt Gladbeck angeregt, für diese innerstädtische Brachfläche eine neue Nutzung vorzusehen. So beschloss der Rat der Stadt Gladbeck im Herbst 2003, der Gründung der Gladbecker Wohn- und Gewerbepark Roter Turm GmbH zuzustimmen. Dieser Partnerschaft gehören die Volksbank Gelsenkirchen-Gladbeck und die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Gladbeck mbH 247 an. Avisierte Bauträger sind die Treuhandstelle für Bergmannssiedlungen aus Essen sowie die Volksbank Immobilien GmbH 248 .
Die Erwartung seitens des Stadtbaurates war ein abwechslungsreicher und spannender Entwurf. Dabei ist das keine Frage der Größe eines Gebietes: auch auf einer solch kleinen Fläche wie dem Schlachthof ist die Schaffung von attraktiven Stadträumen mit Signalwirkung nach und Erkennbarkeit von Außen möglich 249 . Der aktuelle Entwurf berücksichtigt dies nach Auffassung des Stadtbaurates in bester Weise, so der Stadtbaurat:
Konzept mit interessanten Raumfolgen „Die Grundkonzeption sieht ein klares städtebauliches vor, das sich in Bauabschnitte und Einzelgrundstücke parzellieren lässt“ 250 .
Abb. 29: Entwurf für das Schlachthof-Gelände 251
252 und einer Nachfrage durch allgemein demografischen Trend der Überalterung der Bevölkerung
247 „Die GWG - Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH, ist die Wohnungsgesellschaft der Stadt Gladbeck. Sie ist Eigentümerin von über 2.000 Mietwohnungen und rund 30 gewerblichen Objekten. Ihre Aufgaben sind die Verwaltung der Mietobjekte, der Bau und Verkauf von preiswerten Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen und die Betreuung von Bauvorhaben für Dritte. Die GWG übernimmt städtebauliche Planungen, Sanierungen und Projektentwicklungen. Neben der Stadt ist die Ruhrkohle AG Minderheitsgesellschafter (5.2%). Der Aufsichtsrat setzt sich zusammen aus Vertretern des Rates der Stadt Gladbeck, einem Mitglied der Mieterbeirates und einem Vertreter der Ruhrkohle AG. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist der Baudezernent der Stadt Gladbeck“ (Quelle: www.gwg-gladbeck.de). 248 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.59, RN Gladbeck 14.10.03: S.1 und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXIX,XXXII) 249 Vgl. dazu Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXI) 250 Stadt Gladbeck (1) 2002: S.59 251 Quelle: Architektengruppe Hofmann Syffus Knaack
77
verschiedene Bauträger folgend sind zu einem gewissen Anteil an den insgesamt 70 bis 80 Wohneinheiten altengerechte Wohnungen vorgesehen. Der Preis für eine Wohneinheit im Schlachthofquartier wird nach Einschätzungen des Stadtbaurates zwischen 200.000 und 230.000 Euro betragen. Sämtliche Wohnungen sind nach Süden oder Westen ausgerichtet und erfahren damit optimale Belichtung. Momentan läuft die Bauleitplanung und Abrissvorbereitung, Baubeginn und Erstbezug sind im Jahre 2005 zu erwarten 253 .
Auf dem Gelände des Schlachthofs besteht eine Vielzahl von Möglichkeiten des Wohnens. Hier können beispielsweise das Mehr-Generationen-Wohnen, das altengerechte Wohnen oder das familienfreundliche Wohnen etabliert werden. Damit erreicht dieser Entwurf viele Zielgruppen. So ist in Gesprächen auf der Baumesse Gladbeck zu erkennen gewesen, dass sich gerade Ältere über das zukünftige Angebot informiert haben und sich vorstellen können, Suburbia wieder zu verlassen und in die Innenstadt zu ziehen, so lange es die physische Kondition noch zulässt 254 .
Abb. 30: Gesamtüberblick (Modellfoto) 255
n das Thema Auto mit gleichzeitig vorsichtigem Heranführen a 256 .
Abb. 31: Ansicht Grabenstraße 257
252 25.4% der Gladbecker Bevölkerung sind momentan 60 Jahre und älter, Tendenz steigend (vgl. dazu RN Gladbeck 22.10.03: S.1). 253 Vgl. dazu Stadt Gladbeck (1) 2002: S.59, RN Gladbeck 14.10.03: S.1 und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXII) 254 Vgl. dazu Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXI) 255 Quelle: Stadt Gladbeck
Der Giebel des nordwestlichsten Hauses dient als Raumabschlusskante an der Wilhelm-/ Grabenstraße und setzt ein Signal zur Haupterschließungsstraße der Innenstadt. An dieser Stelle der Bebauung existiert ein Durchgang zum Hauptplatz am Roten Turm.
Abb. 32: Platz am Roten Turm (Modellfoto) 258
. Der Hauptplatz ist geprägt durch den Kolonnaden durchziehen das gesamte Quartier h Außengastronomie. Durch den Wasserturm, einen Brunnen und an warmen Tagen auc Arkadengang gelangt man hinter dem Roten Turm in die nächste Gasse, die in einen weiteren kleineren Platz mündet.
vor. Im Haus selbst können weiterhin das Apartment für die Großmutter oder eine Einliegerwohnung integriert werden 260 .
258 Quelle: Stadt Gladbeck
Abb. 35: Denkmalgeschützte Fassade 261
vorgegeben sind. Die ausführenden Architekten haben dennoch freie Hand. Besonderes Flair erhält das Gebiet weiterhin durch verschiedene industrielle, zudem denkmalgeschützte Gebäude, die im neuen Plan Berücksichtigung fanden. Die Landmarke Wasserturm wurde schon erwähnt, des Weiteren sind die beiden bestehenden Stadtvillen an der Grabenstraße zu nennen. Die Fassade am hinteren Platz wird ebenso als erhaltenswert eingestuft. Alle anderen Gebäude sind nicht erhaltenswert und stehen dem Gesamtkonzept der Kleinteiligkeit entgegen. Insgesamt ist der Plan auf der „3. Baumesse Bau! Gladbeck“ im Herbst 2003 von der Presse und auch von Besuchern positiv aufgenommen worden. Der Entwurf versteht sich als deutsches Paradebeispiel des New Urbanism 262 .
6.4. New Urbanism in Gladbeck
Die Prinzipien des New Urbanism sind in Kapitel 4 dargelegt worden. Der Baurat der Stadt verbindet mit der Städtebaubewegung die Punkte der Wiederentdeckung des traditionellen Stadtraumes in einer dichten, kompakten, durchmischten und räumlich spannenden Stadt in Verbindung einer ortsbezogenen Architektur mit Fußgängerfreundlichkeit und Stärkung des ÖPNV. All diese Punkte sind im vorliegenden Entwurf für das Schlachthof-Gelände berücksichtigt worden 263 . In Zukunft soll sich
„(...) Gladbeck zur Modellstadt eines neuen Städtebaus entwickeln. Die Politiker der Stadt haben sich jedenfalls dafür entschieden, zukünftig nach den Prinzipien des New Urbanism an die Qualitäten der traditionellen Stadt anzuknüpfen“ 264 .
Für den Weg zu einer schöneren Stadt sind zwei Oberziele im Integrierten Handlungskonzept aufgestellt worden. Zum einen soll die Individualität des Stadtbildes erhalten und gepflegt werden. Zum anderen hat sich die Stadtplanung für alle Belange des Ortsbildes einzusetzen; dies
261 Quelle: eigenes Foto
262 Vgl. dazu RN Gladbeck 14.10.03: S.1 und Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXXI) 263 Vgl. dazu Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) 264 Stojan 2003: S.8
80
betrifft unter anderem Fragen zur Bauberatung, Gestaltung von Werbeanlagen oder Sicherung und Qualifizierung von Grün- und Freiflächen 265 .
i Als regionaltypisches Element in der Architektur st in Gladbeck der Ziegelstein als primäres Baumaterial identifiziert worden, der im Wiederaufba u nach dem Zweiten Weltkrieg einen starken Einfluss gewonnen hatte. Dieser soll auch in den neu zu errichtenden Häusern Verwendung finden. Der Urban Code, welcher für Siedlunge n des New Urbanism das städtebauliche Regelwerk darstellt, findet sich in Form der Materi al- und Gestaltliste. In diesem Zuge sind in
Gladbeck Gestaltungssatzungen auf lokaler Ebene beschlossen und Beratungsstellen eingerichtet worden, die das individuelle Erscheinungsbild der Stadt und ihren Quartieren sichern 266 .
Das neue Schlachthofgelände geht in Form von umgenutzten und sanierten Gebäuden und Fassaden auf die Geschichte des Ortes ein. Mit dem Projekt „Roter Turm“ sieht sich die Stadt Gladbeck als Vorreiter für den New Urbanism in Deutschland. Innenstadtnahe Revitalisierung einer industriellen Brachfläche mit traditioneller Architektur (Plätze, Gassen, Kolonnaden, Erker, Giebel und rustikale Backsteinmauern) geben dem Viertel ein urbanes Flair, welches zugleich tomobilfreiheit gekennzeichnet ist. Hier sollen die theoretischen durch eine weitgehende Au rundsätze des New Urbanism verwirklicht werden. G
gen in Gladbeck ist das Gutachterverfahren, bei denen Ausgangspunkt für sämtliche Planun
mehrere Büros eingeladen werden und verschiedene Vorschläge für ein bestimmtes Gebiet erarbeiten. Diese Gutachterausschüsse arbeiten im Sinne des für den New Urbanism typischen Charrette-Verfahrens, indem durch Workshops verschiedene Gruppen am Planungsalltag
sich im Planverfahren befand, ist die Gartensiedlung an der Wielandstraße. Die Planung wurde
S.9 265 Vgl. dazu Stojan 2003:
266 Vgl. dazu Stojan 2003: S.9 und am 17.02.04 (Anhang: S.XXX,XXXI) 267 Vgl. dazu Stojan, 17.02.04 (Anhang: S.XXX) 3: S.9 268 Quelle: Stojan 200
81
gestoppt und anstelle des ursprünglich vorgesehenen Mischgebietes entsteht nun eine Arrondierung an das Wohngebiet, denn die direkte Umgebung ist ausreichend mit Versorgungseinrichtungen ausgestattet 269 .
Abb. 37: Ersatzgebäude Rathauserweiterung 270
Die zwei Waschbetontürme des Rathauses aus
den 1970-er Jahren sind mit Asbest belastet, und ein herkömmliches Sanierungsverfahren hätte zu keiner befriedigenden Lösung geführt. Daher hat sich der Rat der Stadt zum Abriss n. Am Willy-Brandt-Platz soll nun ein entschlosse
historisch gestalteter Platz entstehen, der die Freifläche einfasst und mit Arkaden ausgestattet ist 271 .
Der Gladbecker Stadtbaurat sieht im New
Urbanism die Möglichkeit, die Stadt für die Bürger weiter zu entwickeln. Als wesentliches Element der Städtebaubewegung wird dabei der öffentliche Raum wahrgenommen. Als auffälliges as Schlachthof-Gelände als auch für den gestalterisches Element sowohl beim Entwurf für d
Erweiterungsbau des Rathauses treten die Arkaden zutage, welche nach Meinung des Baurates als besonders schön empfunden werden und Urbanität ermöglichen, wenn die angrenzenden Nutzungen einen regen Publikumsverkehr erzeugen.
Kritisch zu hinterfragen bleibt jedoch, wie im Kapitel 4 verdeutlicht, das Label New Urbanism. o nellem Städtebau geschuldet und tragen der folgenden Letztendlich sind die Entwürfe dem traditi Aussage Rechnung:
„Das ist ganz einfach der Verkaufserfolg. D ie Wohnungen und Gebäude müssen verkaufbar und vermietbar sein“ 272 .
269 Vgl. dazu Stojan 2003: S.9
270 Quelle: Stojan 2003: S.11 271 Vgl. dazu Stojan 2003: S.11
7. Textilfabriken an der Industriestraße in Bocholt
Dieser Abschnitt geht auf das Bocholter Areal der innerstädtischen Textilfabriken ein. Zunächst werden die städtischen Rahmenbedingungen beschrieben. Daraufhin wird die Industriestraße in verschiedenen Tiefen beleuchtet, um anschließend Stärk d en und Schwächen sowie Chancen un Risiken detailliert darzustellen.
7.1. Die Stadt Bocholt
Die Stadt Bocholt liegt im westlichen Münsterland nahe der niederländischen Grenze. Im
Norden grenzt die Region Ooster Gelderlande (Niederlande) direkt an das Stadtgebiet, im Osten ist es die Stadt Rhede, im Süden die Stadt Hamminkeln (Kreis Wesel) und im Westen die Stadt Isselburg. Administrativ gehört das Mittelzentrum zum Kreis Borken im Regierungsbezirk Münster. Als kreisangehörige Stadt ist Bocholt heute die bevölkerungsreichste Stadt im Kreis Borken und belegt im Münsterland Platz 2. In Bocholt wohnen etwa 74.000 lten. Binnen zehn Jahren hat Bocholt 4,3% an Bevölkerung Menschen in circa 30.000 Hausha
hinzugewonnen, hier liegt die Stadt nur im Durchschnitt der Mittelzentren in Nord-Westfalen 274 . Die Bevölkerungsdichte der 119 Quadratkilometer großen Stadt beträgt 622 Einwohner je Quadratkilometer 275 .
Zur Sicherung des Bistums Münster nach Westen hin wurde Bocholt 1222 mit Stadtrechten ausgestattet. Im 14. und 15. Jahrhundert erblühte die Stadt vor allem durch das Handwerk, nach überstandenen Pestjahren und 30-jährigem Krieg im 17. Jahrhundert mussten die Bocholter nach dem Westfälischen Frieden ärmlich von Landwirtschaft leben. Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Baumwolle eingeführt und seitdem ist die Stadt mit diesem Wirtschaftszweig eng verbunden.
273 Quelle: eigene Darstellung
Die Industrialisierung der Textilfabrikation setzte in Bocholt im Jahre 1852 mit der Einführung der Dampfmaschine ein und bescherte der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, was zu vielen weiteren Textil-Firmengründungen wie Spinnereien, Webereien, Rauhereien oder Färbereien führte. Zeitweise existierten über 60 Betriebe, die unmittelbar der Textilindustrie zugerechnet werden. Auch der Eisenbahnbau wurde forciert. Verschiedene Bahnlinien nach d Münster wurden zwischen 1878 und 1910 eingeführt. In den Wesel, Winterswijk, Borken un
970-er Jahren wurden die Verbindungen nach Winterswijk (Niederlande) und in den 90-er 1 n t. Einzig die Linie nach Wesel ist heute noch existent. Im Jahre 1923 Jahre nach Rhede gekapp
erhielt Bocholt den Status einer kreisfreien Stadt und behielt diesen bis zur kommunalen der Weltwirtschaftskrise mussten elf Webereien, eine Neugliederung in NRW 1975 bei. In Spinnerei sowie ein Ausrüstungsbetrieb schließen 276 .
de wirtschaftlich ein Hauptsitz de Baumwollindustrie mit vielen „Bocholt wur r westfälischen
Betrieben mittlerer Größe. Daneben hatten sich seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts dustrie und Gerberei, seit 1941 auch Elekt elt“ 277 . Eisenin ro- und Metallindustrie angesied
en 1960-er Jahren außerdem der Telefon- und Im Rahmen des Strukturwandels sind in d men. Das deutsche Großunternehmen Siemens ist in den jüngsten Apparatebau hinzugekom j Tagen edoch in den Schlagzeilen, da es den Standort Bocholt, der immerhin schwarze Zahlen schreibt , aus Kostengründungen nach Ungarn verlegen möchte und damit 4.000 Arbeitsplätze in der Region wegfallen würden.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Bocholt zu 85% zerstört, der Wiederaufbau auf historischen Grundrissen war erst im Jahre 1962 abgeschlossen. Aus dem Schutt der zerstörten Häuser bauten die Einwohner eine Radrennbahn - der Grundstein für die Fahrradfreundlichkeit dieser Stadt. Zuletzt erhielt Bocholt im Jahr 2004 den ersten Preis als Fahrradstadt in der Kategorie der Kommunen bis 100.000 Einwohner; im Gesamtranking musste man nur Münster den Vortritt lassen 278 .
„Avantgardistische architektonische Leistungen wie die Terrassenhäuser im Stadtteil Löverick oder die Erzengel-Siedlung (beide 60er Jahre), wie das 1978 vollendete neue Rathaus mit Kulturzentrum am Berliner Platz, das Bahia-Freizeitbad (1993) oder die 2000 eröffneten Shopping-Arkaden Bocholt gingen einher mit Großbauvorhaben wie der Aa-Regulierung, dem Aa-See-Bau oder der Industrialisierung im Industriepark (...)“ 279 .
: S.257, Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXV) www.bocholt.de 276 Vgl. dazu Bertelsmann 2001 und www.lwl.org 277 Siehe www.bocholt.de
278 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXV) und www.bocholt.de 279 Siehe www.bocholt.de
84
Seit 1992 ist eine Abteilung der Fachhochschule Gelsenkirchen in Bocholt ansässig, hier können mittlerweile verschiedene Studiengänge belegt werden. An die Fachhochschule schließt sich der Technologiepark mit dem 2002 eingeweihten Innovations- und Gründerzentrum an. Heute stellt sich Bocholt als Mittelpunkt zwischen den Oberzentrum Münster, dem Ballungsraum Ruhrgebiet und den niederländischen Wirtschaftszentren Arnheim, Nimwegen und Enschede dar. War die Stadt noch vor wenigen Jahren insbesondere auf Textil- und Bekleidungswirtschaft konzentriert, so ist die Branchenstruktur heute breiter gestreut: hinzu kamen beispielsweise die Elektrotechnik und der Maschinenbau 280 .
7.2. Makroanalyse (Stadt Bocholt)
Die Makroanalyse auf Stadtebene beleuchtet die Rahmenbedingungen und örtlichen Gegebenheiten. Zunächst wird die Erreichbarkeit der Stadt nach verschiedenen Verkehrsträgern untersucht, um dann weitere städtische Daten und Funktionen auszuwerten.
7.2.1. Erreichbarkeit
Abb. 38: Erreichbarkeit der Stadt Bocholt 281
Enorme Bedeutung für Bocholt hat die Bundesstraße 473 als südliche Ausfall- und Verbindungsstraße ins Ruhrgebiet. Vom Stadtzentrum sind es etwa 12 Kilometer zum Anschluss an die Bundesautobahn A3 (Arnheim
Oberhausen), was einer ungefähren Fahrzeit von 20 Minuten entspricht. Die A3 ist die einzige Autobahn in der näheren Umgebung, die nächsten Oberzentren Münster ber die Bundesstraße 67 und die und Duisburg sind ü
Autobahn 3 zu erreichen. Die B67 durchläuft das Stadtgebiet in West-Ost-Richtung, aktuell laufen Planungen für eine Südtangente (B67n). Dieser Lückenschluss im Stadtgebiet ist unbedingt erforderlich, um die Innenstadt vor einem Verkehrskollaps zu bewahren und zu entlasten. Der Flughafen Düsseldorf International ist von Bocholt in etwa einer Stunde mit dem Auto und in etwa anderthalb Stunden mit der Bahn zu erreichen, die Reisezeit zumindest mit dem Automobil ist
280 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIV), www.bocholt.de und www.fh-gelsenkirchen.de
281 Quelle: www.bocholt.de
85
vertretbar 282 . Die regionale Erreichbarkeit von Bocholt per Automobil ist insgesamt als angemessen zu bewerten.
Anders stellt sich hingegen die Lage beim Schienengebundenen Personennahverkehr (SPNV) dar. Momentan besteht lediglich ein Bahnanschluss mit einem Regionalzug nach Wesel. Die Fahrzeit dorthin beträgt rund 25 Minuten. In den letzten Jahrzehnten wurden diverse Strecken in die Nachbarstädte stillgelegt, eine für ein Mittelzentrum schlechte Position. Das nächste Mittelzentrum Borken ist per Bahn nicht erreichbar, diese Verbindung wird mit Bussen bedient. Gleiches gilt für die Erreichbarkeit von Emmerich. In der Stadt wird über eine Wiedereröffnung iner Bahnstrecke nach Rhede nachgedacht, dennoch stehen die Chancen auf eine Umsetzung e
t ist die Erreichbarkeit mit der Bahn als ungenügend zu aus Kostengründen schlecht 283 . Insgesam
bewerten, die stündliche Verbindung nach Wesel ist nicht ausreichend.
Der stadtinterne ÖPNV beruht auf einem so genannten Stadtbus-System als ein auf das Zentrum m 30-Minuten-Takt ausgelegtes Liniennetz mit Rendezvous-Haltestelle in der Stadtmitte. I verkehren die Hauptlinien wochentags bis etwa 19:00 Uhr, an Samstagen bis 16:00 Uhr. Zu den nderen Zeiten bedient ein Anruf-Sammel-Taxi das Stadtgebiet bis 00:45 Uhr 284 . Für eine Stadt a G gebot als angemessen zu bezeichnen, jedoch könnte das Angebot der dieser röße ist das An Taxis ausgedehnt werden.
Abb. 39: Au sgeschilderte regionale Radwanderwege 285
Wie eingangs erwähnt, ist Bocholt die
fahrradfreundlichste Stadt der Städte unter 100.000 Einwohnern. Bocholt verfügt über ein 200 Kilometer langes Netz an Fahrradwegen; das Fahrrad ist ein vollwertiges und leistungsfähiges ist die schnellste Fortbewegungsart. Transportmittel. Besonders im Innenstadtbereich ist es zume glich. Die Stadt ist seit jeher ein Ort Ein Umstieg in den ÖPNV ist am Busbahnhof problemlos mö
der kurzen Wege. Rund drei Viertel der Bevölkerung wohnen in einem Radius von 3,5 Kilometern zum Stadtkern, welcher damit fußläufig in einer halben Stunde erreichbar ist 286 . Für Radfahrer
und Fußgänger ist Bocholt sehr gut zu begehen beziehungsweise zu „erfahren“, da das Fahrrad eine günstige Alternative darstellt und die Entfernungen im Stadtkern allesamt zu Fuß zu erledigen sind.
282 Quelle: IHK Nord-Westfalen 2003: S.18f. und www.bocholt.de
283 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXV) 284 Quelle: www.stadtbusbocholt.de 285 Quelle: www.kreis-borken.de 286 Quelle: www.bocholt.de
86
Abb. 40: Modal Split der Stadt Bocholt 287
festzustellen, dass der Anteil der Fußwege stark rückläufig ist und der des MIV stark zunimmt 288 .
7.2.2. Bevölkerung und Arbeitsmarkt
Die Stadt Bocholt hat seit Langem einen kontinuierlichen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Dabei liegt das Münsterland im Zuge der Suburbanisierung in den letzen 30 Jahren deutlich über hnitt des Kreises dem Landesdurchschnitt NRW, die Stadt Bocholt jedoch unter dem Durchsc Borken 289 .
Ein weiteres leichtes Ansteigen der Bevölkerungszahl ist wahrscheinlich 290 . Einerseits liegen die r Sterberate, andererseits ist ein relativ Geburtenzahlen seit längerer Zeit absolut über de konstanter Wanderungsgewinn zu verzeichnen. Boc holt ist demnach bei der Bevölkerung als der Kinder unter 10 Wohnort sehr beliebt. Jedoch ist zu folgendes zu beobachten: der Anteil Altersstufen relativ konstant geblieben. Bei Jahren ist in den letzten 25 Jahren in den jeweiligen zu verzeichnen, bei den Twens nach den Teenagern sind jedoch deutliche Verluste
zwischenzeitlichen Hochphasen ebenfalls. Die als Eigentum bildende identifizierte Altersgruppe der 30 bis 45-Jährigen 291 ist in Bocholt stark vertreten und wächst seit knapp 20 Jahren konstant. Alle anderen Altersklassen, und gerade die der Rentner, weisen beträchtliche Zuwachsraten auf, sodass in Zukunft dem allgemeinen Trend folgend die Senioren einen immer größeren Prozentsatz der Bocholter Bevölkerung ausmachen werden 292 .
Die Situation am Arbeitsmarkt stellt sich als mittelmäßig dar. Aktuell liegt die Arbeitslosenquote ei Jahren allerdings lag sie noch unter 5%. Begründet werden kann dieser bei 7%, vor dr
287 Quelle: Kreis Borken et al. 1991: S.8
288 Vgl. dazu Kreis Borken et al. 1991: S.5 und 8
289 Vgl. dazu Stadt Bocholt (3) 2003: Kap.2 und IHK Nord-Westfalen 2003: S.5
Sachverhalt mit einem zum Teil noch ausstehenden Strukturwandel und der allgemeinen e wirtschaftlichen Lage in D utschland. Zwar hat die ehemalige Hauptbranche der Textil- und Bekleidungsindustrie mit An teilen von ehemals 30% am gesamten verarbeitenden Gewerbe schon einen Großteil ihr er Arbeitsplätze abgebaut, dafür haben andere Zweige wie beispielsweise Elektrotechn ik und Maschinenbau an Bedeutung hinzugewonnen. Dennoch hat das produzierende Ge werbe einen überproportionalen Anteil gegenüber den Dienstleistungsarbeitsplätze n. Die Wirtschaftsstruktur der Stadt ist demzufolge mittlerweile nicht mehr so stark abhängig von der Entwicklung im Bekleidungssektor. Alles in allem genießt Bocholt eine hohe Arbeitsplatzdichte pro Einwohner 293 .
.2.3. Zentralörtliche Funktion 7
ngsplan dargestellt. Dabei teilen sich die Funktionen, Zentrale Orte werden im Landesentwicklu
welche diese Orte ausüben, in die Häufigkeit der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen auf. Der Grundlogik zufolge kann nicht an allen Orten alles angeboten werden. Ein Unterzentrum sichert die Grundversorgung der Bevölkerung, ein Mittelzentrum bedient den mittelfristigen und en Bedarf, ein Oberzentrum hingegen ist hochspezialisiert. Bocholt ist im aperiodisch
Landesentwicklungsplan als Mittelzentrum dargestellt. Diese haben eine Mindestgröße von 40.000 Einwohnern aufzuweisen, einen gehobenen Bedarf an Waren und Gütern zu befriedigen und müssen innerhalb einer Stunde mit dem ÖPNV erreichbar sein. Diese Bedingungen sind im Fall Bocholt erfüllt, jedoch beim ÖPNV stark eingeschränkt gültig.
In der Realität stellt sich die Situation jedoch völlig anders dar. Das nächste Oberzentrum ist die Stadt Duisburg im westlichen Ruhrgebiet und mit etwa 65 Kilometern sehr weit entfernt. Bocholt selbst hat im Verflechtungsbereich eine Versorgungsfunktion von einer viertel Million Menschen und erlangt damit die Bedeutung eines Oberzentrums. Viele Einrichtungen, die in einem Mittelzentrum nicht vorhanden sein müssen, sind in der Stadt existent, wie zum Beispiel mehrere Kreditinstitute, größere Einkaufszentren und Kaufhäuser, die Fachhochschule, mehrere nießt dadurch in der Bevölkerung Berufskollegien und eine Mehrzweckhalle. Die Stadt Bocholt ge ein hohes Ansehen in der Region 294 . Die Bedeutung Bocholts als Zentrum im westlichen Münsterland über die Grenzen in die Niederlande täuscht jedoch darüber hinweg, dass die verkehrliche Anbindung und Erreichbarkeit der Stadt lediglich durch das Automobil über die währleistet ist, erhebliche Einschnitte sind in den letzten Jahren Autobahn und Bundesstraßen ge beim ÖPNV getätigt worden.
293 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIV) und Stadt Bocholt (1) 1983, (3) 2003 und Ergänzungen
7.2.4. Einzelhandel
Die Situation im Einzelhandel ist maßgeblich an der überörtlichen Bedeutung der Stadt beteiligt. Ein großes Marktforschungsunternehmen aus Nürnberg hat im Jahre 2002 eine Studie veröffentlicht, welche Kaufkraft- und Zentralitätskennziffern untersuchter Städte darstellt. Die Kaufkraft beschreibt das zur Verfügung stehende Nettoeinkommen pro Person, die Zentralitätskennziffer ist ein Maß für die Attraktivität einer Stadt und stellt dar, ob ein Kaufkraftzufluss oder -abfluss zu verzeichnen ist.
Den Bewohnern der Stadt Bocholt steht im Städtevergleich relativ wenig einzelhandelrelevantes Geld zur Verfügung. Jedoch liegt Bocholt bei der Zentralität unangefochten auf Platz 1 mit 48 Punkten. Sogar Einkaufsstädte wie Düsseldorf und Essen mit Kennziffern von 123 und 112 1
Punkte sind bundesweiter Durchschnitt), das heißt, es fließt werden weit zurückgelassen (100
erhebliches Kapital in die Geschäfte in Bocholt. Für Bocholt bedeutet dies eine enorme wirtschaftliche Stärke über die Stadtgrenzen hinaus, denn aus benachbarten Städten wird Geld abgezogen 295 .
Bocholt profitiert in diesem Maße von einer Attraktivität der verschiedenen Geschäfte. In der Stadt sind neben integrierten mittleren Einkaufs-Centern und Kaufhäusern eine Vielzahl kleinerer Fachgeschäfte ansässig, die ein abwechslungsreiches Einkaufen in unmittelbarer Nähe fußläufig oder mit dem Fahrrad ermöglichen. Die Auswahl in den Läden und Geschäften selbst hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Als Einkaufsstandort ist Bocholt in der Region mit Abstand selbst wird die Innenstadt und bei 18,7% beliebter als alle anderen Orte im Umkreis. In der Stadt das dortige integrierte Einkaufszentrum „Arkaden“ bevorzugt 296 .
Die Lage des Bocholter Einzelhandels kann als äußerst zufriedenstellend bewertet werden: das Angebot ist differenziert, die Parkplatzsituation wird als günstig eingeschätzt und die Vielfalt von Filialen und Fachgeschäften nebeneinander verstärkt das Bild einer florierenden Stadt.
7.2.5. Wohnungsmarkt
Derzeit herrscht in Bocholt ein ausgeglichenes Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt nach einem Bauboom in den 1990-er Jahren, dem eine enorme Nachfrage nach Wohnraum zugrunde lag. Die Mietpreise haben sich in den letzten Jahren nur marginal erhöht. Bocholt ist in vielerlei Hinsicht mit Wohnraum gut ausgestattet, was sich in einer großen fast 2,5 Personen pro Wohneinheit und etwa 50 Quadratmeter Belegung pro Haushalt mit
295 Vgl. dazu www.bocholt.de
296 Vgl. dazu Stadt Bocholt (2) 2002: S.14ff. und www.bocholt.de
89
Wohnfl che pro Kopf a ä usdrückt. Diese Zahlen liegen weit über dem Landesdurchschnitt NRW.
Auch in der Eigentumsquote ist Bocholt überdurchschnittlich angesiedelt: mehr als die Hälfte aller Bocholter wohnen im Eigentum. Insgesamt leben in Bocholt etwa 90% der Bevölkerung in eigentumsähnlichen Wohnformen, das heißt in Ein- und Zweifamilienhäusern 297 .
Tab. 3: Haushaltsgrößen in Bocholt 298
Die erwähnte durchschnittliche Haushaltsgröße (2,47 Personen) belegt den großen Anteil an Pärchen- und Familienhaushalten mit einem Kind, die über die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Wenn man die Familien mit zwei Kindern hinzu zählt, sind fast drei Viertel der Bocholter berücksichtigt. In Großstädten beispielsweise liegt der Anteil von Single-Haushalten zum Teil bei einem Drittel und damit doppelt so hoch wie in Bocholt.
„Trotz der Ausgeglichenheit ist eine gewisse Lust auf neue Wohnformen zu spüren. Stärker werden auch Produkte nachgefragt, die es noch nicht gibt. So sind zentrumsnahe Wohnungen gefragt, beispielsweise für Singles oder Pärchen. Ebenso verhält es sich beim betreuten Wohnen. Zwar ist hier noch nicht die große Nachfrage, aber die Menschen denken an die Zukunft und ziehen in infrastrukturell besser ausgestattete Wohngegenden, auch wenn dort die Wohneinheiten kleiner sind“ 299 .
Tab. 4: Haushaltsnettoeinkommen in Bocholt 300
Die als wichtige Zielgruppe identifizierten Haushalte mit einem Einkommen zwischen 1.500 und .500 Euro 301 sind in Bocholt ausgesprochen stark vertreten. Fast zwei Drittel aller Haushalte 2
Einkommen. Diese Gruppe ist für Wohnungsanbieter besonders verfügen über ein solches
interessant und wird auf dem Wohnungsmarkt stark umworben.
Für veränderte Wohnwünsche und deren Abhilfe hat sich in Bocholt die Tauschbörse etabliert, wo man Wohnungsangebote und -gesuche aufgeben kann. Dies ist als Ressourcen und Platz sparende Alternative entwickelt worden und arbeitet sehr erfolgreich. Beispielsweise geben ältere
297 Vgl. dazu Stadt Bocholt (3) 2003: Kap.4 und (4) 2003: S.3, Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIV) sowie www.bocholt.de 298 Quelle: Stadt Bocholt (2) 2002: S.8, eigene Darstellung 299 Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIV) 300 Quelle: Stadt Bocholt (2) 20 02: S.9
301 Vgl. dazu Höbel, 08.12.03 (Anhang: S.II)
90
Menschen an, dass sie gerne wieder stadtnah wohnen möchten, da die Kinder aus dem Haus und die Wohnung oder das Haus zu groß geworden sind. Auf der anderen Seite fragen junge Familien mit Kindern verstärkt mehr Wohnraum und Platz für die Kinder zum Spielen nach, als dass dies die zentralen Wohnungen bieten können 302 .
Für den Wohnungsmarkt in Bocholt ist nach Auswertung der verfügbaren Zahlen der Statistiken ngsaufbau, Haushaltsgrößen und Einkommen sowie nach Aussagen des über Bevölkeru nnerstädtischen Wohnraum vorhanden. Stadtbaurates eine Nachfrage nach i
striestraße 7.3. Situation an der Indu
An dieser Stelle erfolgt eine Beschreibung der aktuellen Situation an der Industriestraße. Für die weitere Bearbeitung des Themas ist das Verständnis für die lokale Situation wichtig, um später Stärken und Schwächen sowie Chancen und Risiken herausarbeiten zu können.
Abb. 41: Textilfabriken an der Industriestraße(Luftbild) 303
Nutzungsintensität von innerstädtischen Industrieflächen in Bocholt verringert, so dass heute in Teilen Leerstand zu verzeichnen ist. Die Gebäude der Firma auf dem nördlichen Teilstück werden nicht mehr zu Produktionszwecken genutzt, sondern dienen dem Textilunternehmer als n insgesamt drei verschiedene Lager. Auf der südlichen Fläche sind beziehungsweise ware
Unternehmen ansässig. Der Betrieb Ibena arbeitet erfolgreich und denkt über einen Umzug ins Ausland nach. Der Unternehmer auf dem mittleren Grundstück hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen und das Gelände zwischenzeitlich an die Firma Herding vermietet. Jedoch hat dieser jüngst den Mietvertrag gekündigt und arbeitet wieder auf seiner ursprünglichen Fläche. In
302 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXIV)
303 Quelle: Stadt Bocholt
91
absehbarer Zeit wird jedoch für die gesamte Fläche mit der Niederlegung sämtlicher industrieller Produktionen zu rechnen sein 304 .
Etwa 13.000 Autos passieren täglich die als Kreisstraße eingestufte Industriestraße in beide Richtungen, dabei ist ein relativ hoher Anteil an Lastkraftwagen zu beobachten. Die Verkehrsbelastung ist als mittel einzustufen. Quelle und Ziel sind die Innenstadt, südöstlich gelegene Stadtteile sowie ein dortiges Gewerbegebiet. Diese Straße stellt eine wichtige en nach Osten und Querstraße zwischen dem Innenstadtring und der Verbindung der Ausfallstraß üden dar 305 . S
2: Abb. 4 Westfälisches Textilmuseum 306
bevorzugt im südlichen Bereich einen zentralen Standort als Ausstellungs- und Aktionsfläche.
7.4. Mikroanalyse
Die Mikroanalyse untersucht das Areal der Textilfabriken auf verschiedene Aspekte. Zunächst wird hier die Erreichbarkeit, dann das Bau- und Planungsrecht überprüft, zum Schluss werden Auflagen des Immissions- und Denkmalschutzes analysiert.
304 Vgl. dazu Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXV)
305 Quelle: Paßlick, 04.03.04 (Anhang: S.XXXVI) und eigene Beobachtung 306 Quelle: eigenes Foto
92
7.4.1. Erreichbarkeit
Abb. 43 44 & : Stadtplan der Stadt Bocholt (Ausschnitt) & Nähe zum Bahnhof 307
historischen Stadtkernes. Dieser wird dur ch den City-Straßenring auf den ehemaligen Stadtwällen umgeben und ist über die Haupts n (Winterswiijk, Borken, traßen aus allen Richtunge
Hamminkeln und Emmerich) erreichbar. Richtung gelangt man von der Bundesstraß Uhlandstraße in das Plangebiet, südlich von der Autobahn 3 ber den Mühlenweg und die Königsmühle. Mit dem SPNV ü
ist das Areal ebenso gut zu erreichen, da der Bocholter ho r Entfernung liegt. Jedoch ist die Bahn f in fußläufige
Bedienhäufigkeit zu beklagen. In die Innenstadt gelangt man bequem innerhalb weniger Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad über den Fuß- und Radweg entlang der Aa. Das real an der Industriestraße ist innerstädtisch und regional A
mit allen Verkehrsmitteln insgesamt sehr gut zu erreichen.
Die Verkehrsbelastung der Industriestraße ist - wie erwähnt - als mittel einzustufen, die angrenzenden Straßen sind weitaus höheren Autoströmen ausgesetzt. Der benachbarte Bereich des Innenstadtrings zwischen Münster- und Kaiser-Wilhelm-Straße weist die in Bocholt höchste
307 Quellen: Stadt Bocholt & eigenes Foto
93
Belastung mit 25.000 Autos pro Tag auf. Im Verlauf des Mühlenwegs (südöstliche Tangente der Industriestraße) passieren zwischen 11.500 und 14.000 Fahrzeuge den Korridor. An der Einmündung der Industriestraße in Richtung östliche Ausfallstraße (Münsterstraße) sind 21.000 Autos täglich unterwegs 308 .
7.4.2. Bau- und Planungsrecht
Abb. 45: Flächennutzungsplan der Stadt Bocholt (Ausschnitt) 309
eindeutig dem Gewerbebetrieb zugehörig sind und sich diesem in baulicher Gestalt unterordnen.
Die direkte Nachbarschaft ist demzufolge als Gewerbe, Mis ch- und Kerngebiet dargestellt; ich. Die „Zwischenschaltung“ von Wohnnutzung in unmittelbarer Nähe ist rechtlich nicht mögl ohnfunktion nicht einzuschränken. Gewerbe- und Mischgebieten ist deshalb notwendig, um die W erheblich belästigenden Betrieben In Gewerbegebieten sind gemäß § 8 BauNVO neben nicht stellen und ausnahmsweise Geschäfts-, Büro und Verwaltungsgebäude, Tank 6 und 7 BauNVO) erlauben Vergnügungsstätten erlaubt. Misch- und Kerngebiete (§§ esentlich stören, beziehungsweise Wohnhäuser und Gewerbebetriebe, die das Wohnen nicht w alen Einrichtungen der Wirtschaft, die Unterbringung von zentralen Handelsbetrieben und zentr ewährleistung der verschiedenen Verwaltung und Kultur. Letztlich dienen diese Abstufung der G Nutzungen nebeneinander.
Nördlich der Aa sind das Westfälische Textilmuseum und die Overbergschule angesiedelt und als Gemeinbedarfsflächen laut § 5 BauGB (Baugesetzbuch) deklariert.
308 Quelle: Telefongespräch mit Herrn Schliesing (Fachbereich Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Stadt Bocholt) am 22.03.04. 309 Quelle: Stadt Bocholt
94
Bei der Revitalisierung des Gebietes muss beim Abriss oder einer Nutzungsänderung der Gebäude der FNP geändert werden, da innerstädtische Nutzungen wie zum Beispiel Wohnen, Dienstleistung und Kultur in einem Industriegebiet nur bedingt zulässig sind. Eine angestrebte Mischung der aufgezählten Nutzungen ließe sich beispielsweise in einem Misch- oder Kerngebiet u msetzen.
7.4.3. Denkmäler und lokale Besonderheiten
Abb. 46, 47, 48 & 49: Erhaltenswerte Gebäude und Fassaden 310
Fabriken wurden Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und dementsprechend sind die Fassaden kunft ist es denkbar, bei einer mit dem zeittypischen Baumaterial Backstein ausgestattet. In Zu Neubebauung des brachgefallenen Geländes Fassaden und Gebäude unter Denkmalschutz zu
baulichen Verfassung. Als Ruinen sind diese noch nicht zu bezeichnen. Bei einer Revitalisierung üft werden, welche Gebäude zu erhalten sind. Der Charme dieser sollte daher behutsam gepr
Architektur ist unbestritten vorhanden, da die Bauten in einer Zeit entstanden sind, in der sich die Maxime „Form follows Function“ noch nicht endgültig durchgesetzt hatte, sondern repräsentative seigentümers einen hohen Gründe für die Außenwirkung eines Unternehmens oder Hau Stellenwert einnahmen.
310 Quelle: eigene Fotos
95
Abb. 50: Typische Dachform 311
in dieser Zeit entstandenen Industriebauten weisen eine ähnliche Architektur mit aufgesetzten Gauben auf.
Abb. 51: Schornstein als Landmarke 312
sichtbar: ein Schornstein auf d nördlichen und einer auf der südlichen Fläche. Di jedem Punkt in der näheren Umg und können dem künftigen besonderen Wiedererkennungswert beschaffen die Backsteingebäude vom Fußwe einzusehen. Sie vermitteln einen Dimension ehemaliger Produktionsflächen und strahlen überdies eine vormals erfolgreiche wirtschaftliche Aktivität aus. Die arken müssen im Gesamtbild erhaltenswerten Landm hervorgehoben werden.
Abb. 52: Direktes Umfeld 313
311 Quelle: eigenes Foto
312 Quelle: eigenes Foto 313 Quelle: eigenes Foto
96
und Radweg vom Aa-See durch die Innenstadt bis in westlich gelegene Stadtviertel vorhanden, welcher von vielen Einheimischen zur Erholung genutzt wird und ein ganz besonderes Flair vermittelt.
h Südlich der Industriestraße ist im FNP eine Fläc e gekennzeichnet, welche mit Altlasten behaftet ist. Aus diesem Grunde kommt dort derzeit eine N utzungsänderung für Wohnzwecke im Zuge der Revitalisierung des Textilfabriken-Geländes n icht in Frage. Bis 1980 wurde auf dem Betriebsgelände mit chemischen Erzeugnissen a ller Art gehandelt. Auf dem Grundstück wurden über einen langen Zeitraum mit erheblichen Men gen umweltgefährdender Stoffe umgegangen.
Bei Bodenluft- und Grundwasseruntersuchungen wurde eine Belastung des Untergrunds mit n halogenierten Kohlenwasserstoffen festgestellt. Grundwasserbelastungen sind leichtflüchtige
darüber hinaus auch auf dem Bereich des ehemaligen städtis chen Lagerhofes nachgewiesen. Derzeit wird der Schaden auf dem Gelände des st ädtischen Bauhofes saniert. Beide Flächen n als Altlastenfläche gekennzeichnet. Auch sind im Flächennutzungsplan und im Bebauungspla h und industriell genutzt. Es ist daher davon die übrigen Flächen werden seit langer Zeit gewerblic n ist. Diese weist, wie Untersuchungen auf auszugehen, dass flächig eine Auffüllung vorhande nteile auf. Lokal sind Bodenbelastungen Teilflächen zeigen, Bauschutt-, Schlacke- und Asche nicht ausgeschlossen werden. Unter nachgewiesen und können auch für weitere Flächen lässigen gewerblichen Nutzungen und des Berücksichtigung der gegenwärtigen und künftig zu heitsgefährdung erkennbar 314 . hohen Versiegelungsgrades ist derzeit keine Gesund
7.5. SWOT-Analyse
Die der SWOT-Analyse vorausgehende beziehungsweise zugrunde liegende Stärken-Schwächeetriebswirtschaftslehre Anfang der 1980-er Jahre für die Raumforschung Analyse wurde aus der B
t seitdem Anwendung in der Stadtplanung. Ziel dieser Analyse ist es, die übernommen und finde
Gebietes herauszuarbeiten. Die SWOT-Analyse kommt ebenfalls Stärken und Schwächen eines aus dem betriebswirtschaftliche n Bereich und ist geeignet, die eigene Situation und die eines Konkurrenten einzuschätzen, um daraufhin Maßnahmen zur Stärkung des eigenen Unternehmens zu initiieren. Da s Akronym SWOT bedeutet: Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Ch ancen) und Threats (Gefahren/Risiken). Die SWOT-Analyse ist die Basis für strategische Entwic klungskonzepte 315 .
Bei der örtlichen Bestandsaufnahme und der Auswertung der statistischen Daten wurden verschiedene Stärken und Schwächen sowie Chancen und Risiken deutlich, die für die Entwicklung von Maßnahmen und Handlungsempfehlungen eine wichtige Basis darstellen. Diese werden im Folgenden in tabellarischer Form zusammengefasst, um im nächsten Abschnitt Wohnwelt der Zukunft darauf eingehen zu können. Stärken sind auszubauen und Schwächen abzubauen, um Chancen zu nutzen und Risiken zu vermeiden. Die Analyse berücksichtigt auch die für das Gebiet an der Industriestraße relevanten städtischen Bedingungen.
Tab. 5: Stärken und Schwächen 316
316 Quelle: eigene Darstellung
98
Tab. 6: Chancen und Risiken 317
Sowohl bei der Gegenüberstellung von Stärken und Schwächen als auch von Chancen und Risi ass die positiven Seiten zum Teil deutlich überwiegen. Für das Gebiet an ken ist auffällig, d
der Industriestraße ist die Ausgangslage für eine italisierung auf Grund positiver erfolgreiche Rev stadtnahen Potenzial einer Brachfläche städtischer Rahmenbedingungen und dem innen
besonders günstig. Schwächen sind auf städtischer Ebene im Prinzip lediglich die mangelnde E e SPNV, um eine Wiederb lebung stillgelegter Strecken ist es auf Grund rr ichbarkeit mit dem e der anges ion jedoch schlecht bestellt. Risiken werden ebenfalls im pannten finanziellen Situat z urwandel g se durchaus um Teil noch bevorstehenden Strukt e hen, welcher die Arbeitslosigkeit ans ss der FNP jedoch geändert werden, damit verschiedene teigen lassen kann. Zunächst mu rden können. Nutzungen etabliert we
Anhand dieser Analysen ist es nun möglich, im folgenden Abschnitt die Stärken auszubauen und nen. Chancen müssen n den Schwächen zu begeg ge utzt und Risiken abgebaut werden.
317 Quelle: eigene Darstellung
99
7.6. Wohnwelt der Zukunft
e mit der innenstadt Dieser Abschnitt beschreibt ein Konzept, wi nahen Fläche an der . Ausgehend von der Analyse Industriestraße umgegangen werden kann und sollte der Stärken und Schwächen und der Beachtung vo an n und Risiken, ist es beabsichtigt n Ch ce , eine
Handlungsempfehlung in Form von durchfü n aßnahmen zu geben. hrbare M
unächst muss der Begriff Wohnwelten defin e en, der im Titel der vorliegenden Arb Z iert w rd eit und
die es Unterkapitels erscheint. Woh s nwelten werden als die Anforderungen an das Wohnen und
das Wohnumfeld verstanden. Hierbei werden die Faktoren berücksichtigt, die letzten Endes die Wo nortentscheidung bei der Standortsuche in ssen. Wichtig is h bee flu t, dass sich dabei nicht nur
auf eine bestimmte Nische festgelegt wird, son er die Mehrheit angesprochen werd d n en soll. In
Bocholt ist der Mittelstand die größte Bevö uppe, wenn man die Einkommen z lkerungsgr ugrunde
leg . Die allgemeinen Anforderungen an Re ier g sind bereits dargestellt worde t vitalis un n. In diesem
Abschnitt geht es jedoch um die konkrete Fl äche der Textilfabriken an der Industriestraße in holt. Boc
Ziel dieses Konzeptes einer Wohnwelt ist die Stärkung der Stadt als Wohnstandort. Die Bürger sollen dazu veranlasst werden, ihren Wohnort weiterhin in der Stadt zu suchen. Innenstadtnahe Wohnorte sind gefragt und dieser Nachfrage sollte durch die Entwicklung der Grundstücke für Wohnzwecke entsprochen werden. Wie sich in der kritischen Auseinandersetzung mit dem New Urbanism angedeutet hat, ist der New Urbanism nur bedingt geeignet, das Wohnen in der Zukunft stärker zu beeinflussen. Daher wird das nachfolgende Konzept nicht auf einen Zusammenhang zwischen dem New Urbanism und der Stadt Bocholt eingehen, letzte Abschnitt dieses Kapitels setzt sich damit auseinander.
Die verschiedenen Analysen (Makro-, Mikro-, SWOT-Analyse) haben letztlich ergeben, dass die Ausgangsposition für eine erfolgreich e Revitalisierung des Geländes ausgesprochen günstig ist.
Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung durchzuführenden Maßnahmen und dem dazugehörigen Zeithorizont, dabei bedeutet die Reihenfolge eine Prioritätensetzung. In den folgenden Absätzen wird das Konzept erläutert.
Grundvoraussetzung des Konzeptes ist die kurzfristig durchführbare Umwidmung des Areals im FNP vom Industriegebiet in ein Kern- oder zumindest Mischgebiet. Nur dann wird es möglich sein, eine breite Nutzungsvielfalt zu etablieren. Dieses Gebiet beherbergt momentan Industrieunternehmen in einer der zentralsten Lagen. Dieser Zustand wird als unzureichende Nutzungsart im Stadtgefüge betrachtet und muss beseitigt werden.
Um auf dem Grundstück empfindliche Nutzungen wie zum Beispiel das Wohnen umzusetzen, ist zunächst eine Untersuchung auf Altlasten durchzuführen. Das sollte unmittelbar vor und nach Aufgabe der industriellen Produktion geschehen.
Als sehr wichtiger Aspekt stellt sich auf Gesamtstadtebene die äußerst schlechte Erreichbarkeit und hier besonders die Taktung mit dem SPNV dar. Das Textilfabriken-Gelände betrifft es insofern, als dass der Bahnhof im unmittelbaren fußläufigen Einzugsbereich liegt. Für ein är heraus, was wiederum die niedrigen Anteile Mittelzentrum stellt sich diese Situation als prek
des ÖPNV im Modal Split begründet. Der niedrige Anteil ist aber nicht nur Folge sondern zugleich auch Ursache der geringen Akzeptanz. Der Stärkung des ÖPNV steht allerdings die politische Durchsetzbarkeit gegenüber, da es um die Finanzlage der Stadt und der Bahn schlecht bestellt ist, was die mittel- und langfristige Wiederbelebung von Schienenwegen anbelangt. Ansonsten
318 Quelle: eigene Darstellung
101
ist die innerstädtische ÖPNV-Erreichbarkeit zu allen Zeiten gesichert, da zu besonders später und früher Stunde Anru en. f-Sammel-Taxis zur Verfügung steh
sierung von erhaltenswerten Gebäuden 319 Abb. 53: Katalogi
nnen oder aber einer U im Wege stehen. Eine Art Zukunft weiter genutzt werden kö mnutzung ebäudebestands ist eine hohe men und kurzfristig Katalogisierung des G Priorität einzuräu durchführbar.
muss ein neuer Weg beschritten werden, der sich vom üblichen Bei der Revitalisierung en untersc elmehr ist es erstrebenswert, planerischen Alltag mit Top-Down-Entscheidung heidet. Vi
a Marketingaspekte in Zukunft eine größere Rolle spielen werden, Kooperationen mit d
Marketingstrategen einzugehen, die den Markt kennen. Diese sind Experten und wissen von verschiedenen Zielgruppen, welche am Wohnungsmarkt beteiligt sind. Die in Bocholt installierte Tauschbörse ist dahingehend ein richtiger erster Schritt. Die Identifikation von Zielgruppen, in Bocholt sind dies die eigentumsbildenden Haushalte im Alter von 30 bis 45 Jahren sowie die und 3.000 Euro, bildet die mittleren Einkommensgruppen mit Geldmitteln zwischen 1.500
Mehrheit der Bevölkerung ab. Zum Teil gibt es hier sicherlich auch Überschneidungen zwischen den Alters- und Einkommensgruppen, da sollte das Marketing ansetzen. Diese frühzeitige t von fundamentaler Bedeutung, da diese die Auslotung der Interessen von Zielgruppen is
späteren Nutzer sein werden. Eine Beteiligung nur um der Beteiligung Willen muss als der falsche Weg eingeschätzt werden. Die Bürger müssen als solche ernst genommen und in allen Phasen der Planung eingebunden werden. Ein attraktives Wohnangebot für die beschriebene Zielgruppe könnten beispielsweise Maisonnette-Wohnungen sein.
An dieser Stelle kann der New Urbanism mit der Charrette ansetzen. Dieses Instrument ist sehr gut geeignet, die Probleme und Wünsche der Bevölkerung und aller anderen Akteure zu identifizieren. Im nächsten Kapitel wird hierauf näher eingegangen.
Für eine Überplanung sollten mehrere Büros zu einem Wettbewerb eingeladen werden, die verschiedene Vorschläge für die Bebauung und Nutzung des Grundstückes unterbreiten. Für das
319 Quelle: Stadt Bocholt
102
Textilfabriken-Areal ist es wünschenswert, auf die positiven Erfahrungen mit dem Gutachterverfahren zurückzugreifen. Planer und Architekten nehmen eine zentrale Rolle bei der Neubebauung ein. Es ist für die Architekten durchaus reizvoll, Alt und N eu miteinander in einem
Bauwerk oder Baukomplex zu verbinden. Eine individuelle I entifikation mit dem Standort muss d
ten Gebäudes und das Baumaterial erreicht werden. Der spezifische Charme eines althergebrach es geschickt einzufangen und Backstein üben eine unschätzbare Faszination aus, die kten, welche sich mit gelungenen einzubinden gilt. Häuser sind die Visitenkarten der Archite saden setzen Kontraste in der Arrangements verewigen können. Die vorhandenen Fas en und auch die Industriegebäude Umgebung. Ein Großteil der Wohnhäuser und Gewerbebaut
auf dem nördlichen Teilstück sind schmucklos gehalten und wirken eher abstoßend. Hier ist es wünschenswert, Abwechslung im öffentlichen Raum in Form von abwechslungsreichen Giebeln und Stirnseiten der Häuser zu schaffen.
Momentan ist die Querung der Aa im Plangebiet nur an zwei Stellen möglich, zum einen am Innenstadtring und zum anderen an der Uhlandstraße in Richtung Aa-See. Die stillgelegte Bahnstrecke ist zwar noch mit einem Brückenbauwerk vorhanden, jedoch befindet sich dieses in einem verwahrlosten Zustand. Ein kleinteiliges Fußwegenetz erfordert daher die Anlage von weiteren Querungsmöglichkeiten. Diese Bauwerke sind an mindestens zwei weiteren Stellen einzurichten, um einen gegenseitigen Bezug herzustellen. Anderenfalls würden zwei getrennte Quartiere entstehen.
Die aktuelle Situation des Verkehrs an der Industriestraße stellt sich durch eine mittlere Belastung mit einem relativ hohen Anteil an Lastkraftwagen dar. Durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 30 kann zum einen die Lärmbelastung und zum anderen die Gefahr durch schnellen Durchgangsverkehr verringert werden. Für eine zukünftige Entwicklung des Geländes nördlich der Industriestraße und deren Nutzung von Anwohnern aus dem südlichen Bereich ist eine gefahrlose Überquerung der Industriestraße Grundvoraussetzung. Die ästhetische Komponente einer Straße sollte durch eine Begrünung hervorgerufen werden, im Moment hat die Industriestraße den Charakter einer Straße i m Gewerbegebiet und ist mit
wenig öffentlichem Grün ausgestattet. In diesem Zuge sollte über die Rückstufung der Kreisstraße K1 und der Sperrung für Schwerlastverkehr nachgedacht werden. Die benachbarten Straßen Uhlandstraße und Mühlenweg bergen Kap azitäten zur Aufnahme von Verkehr.
An der Industriestraße bietet sich die in Bocholt einmalige Chance, vorhandene Landmarken wie zum Beispiel die Schornsteine der Fabriken als Identifikationspunkt zu begreifen. Diese müssen
sind sie durch ihre bauliche Höhe weithin sichtbar. Dem bei der Bevölkerung zum Teil schlechten Image, die die Textilindustrie inne hat, muss durch ein gutes Marketing entgegen gewirkt werden. Es hilft nicht, wenn die Fläche komplett leergeräumt wird und somit eine neue Bebauung nicht auf die Geschichte des Ortes eingeht. Das negative Image, was Industriebrachen zuweilen anhaftet, muss umgekehrt werden in eine neue Art von Adresse, denn das Areal ist zumindest innerstädtisch bekannt. In anderen Städten, vor allem im Ruhrgebiet, sind mit der Umnutzung von Gebäuden aus Industrietagen positive Erfahrungen gesammelt worden. Das Marketing sollte bei der Bekanntheit der Gebäude und Fläche ansetzen. Das Textilmuseum nördlich der Aa kann dabei als Vorbild dienen. Dort ist in eine ehemalige Fabrik eine Kultureinrichtung eingezogen, welche mittlerweile eine regionale Bedeutung erlangt hat. Die besondere Industriearchitektur wurde ins Konzept integriert und geht mit gutem Beispiel voran. Die Räumlichkeiten auf dem nördlichen Grundstück sind indes zu klein geworden für die gewachsenen Besucherströme und Anforderungen. Das Textilmuseum denkt mittlerweile über einen Ortswechsel und eine Erweiterung in unmittelbarer Nachbarschaft nach und möchte auf südlicher Seite in zentraler Lage eine Filiale gründen.
Abb. 54: Industriestraße 5 320
Aufgabe zu meistern.
Der Innenentwicklung ist in jedem Fall der Vorzug vor der „grünen Wiese“ zu geben. Die Potenziale zur Baulückenschließung und der Brachflächenrevitalisierung sind gegeben. Die Vorteile liegen in der Einsparung von Erschließungskosten und Ressourcen auf Grund geringerer Neuversiegelung, was wiederum dem Kleinklima zugute kommt. Beim weiteren Verkauf der ten Flächen sind erhöhte Bodenpreise im Vergleich zum Umland zu erzielen, die der aufbereite
attraktiven Lage im Stadtgebiet geschuldet sind. Für den Kunden (Investor) bedeutet dies eine höhere Rendite bei Einsparung der Kosten für die Erschließung. Am zu erwartenden
320 Quelle: eigenes Foto
104
Verkaufserfolg wird sich die Stadt Bocholt messen lassen können, denn die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnen und sonstigen Nutzungen ist auf Grund der Zentralitätsstufe und der zu erwartenden Entwicklung der Bevölkerungszahlen gewährleistet. Weiterhin würde das Umfeld durch eine gelungene Arrondierung gestärkt.
Brachflächen eignen sich hervorragend als innerstädtische Abwechslung des Stadtbildes und als Erholungsmöglichkeit, wenn sie ausreichend gesichert sind. Der spezifische Charme eines zerfallenden oder zerfallenen Gebäudes, einer Ruine, wirkt in jedem Fall. Viele dieser Gebäude sind eines Denkmals wert und sollten als solche eingestuft und behandelt werden. Auf der Fläche an der Industriestraße stellt sich die Situation nur in Teilen so dar. Die Gebäude sind in der Regel auf den ersten Blick gut erhalten und bedürfen nur einer geringen Instandhaltung, wenn sich Verwendung für sie findet. Dennoch ist nicht die totale Beplanung vorzuziehen, auch eine Ruine wirkt anziehend und gibt Raum zur eigenen - ungeplanten - Entwicklung.
Die vorhandenen Stärken auf Gesamtstadtebene wie der überdurchschnittliche Einzelhandelsbesatz und die hohe Arbeitsplatzzentralität werden durch eine Neuansiedlung von Wohnungen und kleinteiligen Nutzungen ausgebaut. Es ist darauf zu achten, dass sich auf dem ein Großunternehmen ansiedelt, welches mit einer hohen Versiegelung Filetstück der Stadt k c wenig andere Nutzungen zulässt. Die übers haubare, kompakte City darf nicht durch die Aufweichung und Verlagerung von Nutzungen aus de r Innenstadt heraus aufgegeben werden. Bei vielen Bewohnern macht gerade dies die Beli ebtheit von Bocholt aus. Die innenstadtnahe Lage führt zu einer weiteren Stärkung und Auslastung der städtischen Geschäfte und Infrastruktur. Durch ein weiteres Angebot an Wohnraum wird sich auch der Gesamtmarkt
entspannt halten und die Mieten und Bodenpreise nich t überdurchschnittlich anwachsen lassen. Bocholts großes Plus, die Fahrradfreundlichkeit, wird durch ein neues innerstädtisches Quartier
beziehungsweise durch die Ergänzung vorhandener Wohnviertel weiter gestärkt.
ten Jahren eine stabile Bevölkerungsentwicklung erlebt und heute ist ein Bocholt hat in den letz
gewisser Siedlungsdruck auf die Kernstadt zu verzeichnen. Daher bietet es sich an, innenstadtnah ein neues Wohnquartier mit besonderen Qualitäten zu entwickeln. Wohnen und Wohnumfeld sind hierbei als Einheit zu begreifen. Herauszuheben als Stärke der Gesamtstadt ist die Möglichkeit der kurzen Wegebeziehungen. Das Areal an der Industriestraße fungiert als zentrales Bindeglied zwischen der City und dem Übergang zur freien Natur am Aa-See.
Das Areal liegt in einer landschaftlich reizvollen Umgebung, in der direkten Nachbarschaft fehlt es allerdings an Freiflächen. Hier muss eine angemessene Durchgrünung eingeplant und der momentane hohe Versiegelungsgrad abgebaut werden. An das Naherholungsgebiet um den Aa-
See sollte angeknüpft werden. Dem Gelände an der Industriestraße und der südliche Umgebung mangelt es an qualifizierten Grünflächen im Wohnnahbereich. Das mag zum einen an stark befahrenen Straßen liegen, andererseits in Ermangelung von genügend Freiflächen. Der Aa-See ist als Naherholungsgebiet zwar erreichbar, jedoch durch Hauptverkehrsstraßen, ein Gewerbegebiet und einen großen Parkplatz insbesondere im südlichen Bereich abgeschirmt. Erholungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten an der frischen Luft und „direkt über die Straße“ fehlen. Das neue Quartier muss diese Qualitäten erfüllen. Als Nischenangebot kann das Thema Wohnen am Wasser starke Akzente setzen und das Gebiet zur Aa hin öffnen, denn momentan ist das Gebiet durch Mauern und hohe Hecken vom Stadtflüsschen isoliert. Der „Riverwalk“ von der Innenstadt zum Aa-See stellt sich in der heutigen Situation lediglich als Fußwegeverbindung dar, die Nutzungen rechts und links vom Weg bleiben unberücksichtigt und sind nur in den seltensten nstigen Begrenzungen Fällen einsehbar. Es ist wünschenswert, die benachbarten Hecken und so zu öffnen, damit der reine Fußweg nicht als Transitraum für Fußgänger und Radfahrer mit den beiden Endzielen Innenstadt und Aa-See genutzt wird, sondern darüber hinaus auch andere Ziele erreicht werden.
Ein zentrales Element für das Wohnen ist der Übergangsbereich vom privaten in den öffentlichen Raum zu sehen. Es ist enorm wichtig, Rückzugsmöglichkeiten im halböffentlichen Raum zu schaffen, die von den Bewohnern auch genutzt werden und nicht als „tote“ Räume ein stilles Dasein fristen.
„Eine Wohnwelt, die den Bewohnern zugesteht, primitive Lebensbedürfnisse zu haben und nicht nur schicke Cafés und Töpferwarenladen bevorzugt, wird lebenswert sein und kann vom Markt getragen werden“ 321 .
Aus diesem Grunde sollte eine kleinteilige Nutzungsmischung gefördert werden. Großformate bieten ein langweiliges Bild und werden zumeist von nur wenigen unterschiedlichen Zielgruppen aufgesucht. Die neue Bebauungsstruktur an der Industriestraße sollte dies gewährleisten können und kein Shopping-Dienstleistungs-Wohn-Center unter einem Dach von einer großen Investorengruppe sein. Die Merkmale des Quartiers wie beispielsweise die wassernahe Lage und historischen Fassaden der Industriearchitektur stellen eine besondere Qualität dar, mit deren Vorzügen es behutsam umzugehen gilt.
ein noch Ein schlecht zu kalkulierender Faktor für die zukünftige Entwicklung der Stadt ist ausstehender Strukturwandel. Die Wirtschaft hat schon einige Arbeitsplätze abgebaut und sich von der Abhängigkeit von nur einem bedeutenden Industriezweig befreit, jedoch sind weiterhin
321 Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI)
106
ein überdurchschnittlicher Anteil der Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe tätig. Hier sind in Zukunft weitere Rationalisierungen zu erwarten, die nicht vollständig im tertiären (und quartären) Sektor kompensiert werden können. Dieser Situation ist man sich in Bocholt bewusst und es wird daraufhin viel Geld in die Entwicklung des Technologie- und Gründerzentrums investiert. Dennoch sind zu wenig Dienstleistungsarbeitsplätze vorhanden, eine sich verschlankende Verwaltung lässt keine neuen Arbeitsplätze zu. Daher sollte am kulturellen Sektor angesetzt werden, wo sich an der Industriestraße die Chance bietet, dieses zu verwirklichen.
Die aktuelle Bevölkerungspyramide lässt einen schnelleren Überalterungsprozess der Bevölkerung erwarten. Dieser Bundestrend ist im Münsterland nicht so stark ausgeprägt, weil im Zuge der Suburbanisierung verstärkt junge Haushalte umsiedelten und die geburtenstarken Jahrgänge noch einige Zeit einen starken Einfluss haben werden. Zukünftig wird auch Bocholt von einer verstärkten Nachfrage nach seniorengerechtem Wohnraum betroffen sein.
Verschiedene Elemente, wie sie Verwendung bei der Neubeplanung des Schlachthof-Geländes in Gladbeck fanden, sind auch in Bocholt denkbar. Ein zentraler Platz mit Gastronomie und Brunnen ist hier möglich und erzeugt eine Abwechslung auf der Fläche. Dieser würde in räumlicher Nähe zur Aa einen besonderen Reiz ausüben und als Anziehungspunkt im Gebiet fungieren können. Die gestalterischen Elemente wie durchgehende Arkaden sind von Fall zu Fall zu prüfen. Um die Geschichte des Ortes zu verdeutlichen, sollten verschiedene Fassaden erden. aufgenommen w
Im Anschluss an eine Revitalisierung der Fläche nördlich der Industriestraße sollte auch mit der Überplanung des südlichen Bereiches begonnen werden. Die Stärken und Schwächen sind die Voraussetzungen für die Anlage eines erweiterten zentralen ähnlich gelagert und Wohngebietes sind ebenso günstig.
7.7. New Urbanism in Bocholt
Aufbauend auf der Analyse des New Urbanism und dem Interview mit dem Bocholter Stadtbaurat ergibt sich ein zweigeteiltes Bild über den New Urbanism in Bocholt. Eine Übertragbarkeit der doch unwahrscheinlich beziehungsweise lässt nur in Städtebaubewegung auf Bocholt ist je
geringem Maße „Erfolg“ vermuten. Die beschriebenen positiven Ansätze lassen sich nur zum Teil übertragen.
Dem New Urbanism wird die Fähigkeit zugesprochen, kundenorientiert zu bauen. In diesem Zusammenhang entstehen dann zumeist Quartiere, die gestalterisch auffallen und Identität der
Bewohner mit Wohnumfeld stiften. Anzuzweifeln ist jedoch das Label New Urbanism, unter welchem diese Siedlungen vermarktet und errichtet worden sind, womit auf den Abschnitt Wohnwelt der Zukunft verwiesen wird, denn das Marketing ist ein entscheidender Aspekt bei der Entwicklung von Quartieren. New Urbanism ist eine Vermarktungsstrategie, die den Leuten erfolgreich eine heile Welt verspricht. Dennoch ist in den Siedlungen alles beplant und es bleibt nichts dem Zufall überlassen.
In Bocholt wird der New Urbanism demnach kein Thema sein können. Traditionelle Architektur ist in Westfalen das kleinere Haus, sei es das Bauern- oder Stadthaus, aus Backstein. Dieses zu reproduzieren macht keinen Sinn. Das westfälische Ortsbild ist von kleineren und abwechslungsreichen Häusern geprägt, welche keine Auflockerung in Form von historisierender Architektur benötigen. Die Gebäude orientieren sich in ihrer Ausgestaltung an der traditionell westfälischen Bauweise und sind damit, wenn man so will, eigentlich schon per De finition New
Urbanism. Es bleibt festzuhalten, dass der Begriff New Urbanism eine Rückbesinnung auf Qualitäten im Wohnungs- und Städtebau und der Stadtplanung, wie sie lange Zeit in Europa durchgeführt wurden, darstellt und aus diesem Grunde dieses Label nur ein „neumodischer“ Ausdruck bleibt.
Als positives Element des New Urbanism ist die Beteiligung der Akteure zu beurteilen. Das Charrette-Verfahren ist durch seine Struktur als Vorbild der Bürgerbeteiligung einzustufen. Hier werden in einem frühzeit igem Stadium, wo noch nichts entschieden ist, Ideen zu Papier gebracht.
Alle Akteure sind absolut gleichberechtigt und die Planung eines Quartiers bleibt nicht allein den Experten vorbehalten. Die andere - häufig verbreitete - Vorgehensweise geht nicht selten an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Die Bürger müssen als solche begriffen und ernst genommen werden. Auch wenn sie keine Experten auf planerischem Terrain sind, sind sie
zumindest im Alltag ständig mit dem Geplanten konfrontiert und können sich sehr wohl eine Meinung bilden über Schönheit und Hässlichkeit der Umgebung. Dieses Potenzial aufzugreifen und die Wünsche der Bevölkerung einzufangen und abzubilden, ist der enorme Vorsprung im
Planungsverfahren der Charrette. Nicht zuletzt ist die künftige Vorstellung über ein bestimmtes Gebiet, hier das Areal an der Industriestraße, damit auch politisch legitimiert. Das Charrette-Verfahren in Bocholt könnte in Kooperation mit einem Marketingbüro eingeleitet werden, welches zuvor die Zielgruppen identifiziert hat. Jedoch sollten letztendlich alle Personen „zugelassen“ werden, die Interesse an diesem Workshop bekunden. Der Tagungsort sollte in unmittelbarer Nachbarschaft der Industriestraße liegen, so dass eine räumliche Verbindung zum zu beplanenden Areal und auch eine Ortsbegehung stattfinden kann. In diesem Fall bietet sich ein aufgegebenes und technisch sicheres Gebäude an, was bis vor Kurzem noch genutzt wurde. Mit
der Charrette kann ein erster Kontakt mit zukünftigen Bewohnern, Einzelhändlern und Gastronomen eingegangen werden. Im Rahmen der Werkstatt sollten keine Vorgaben getätigt werden, welche das Ideenpotenzial für die zukünftige Nutzung und Entwicklung einschränken.
Als positives Merkmal ist dem New Urbanism die Integrationsfähigkeit von Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung zugesprochen worden. Diese drei Fachdisziplinen müssen gleichberechtigt nebeneinander auftreten und dürfen für sich nicht einen alleinigen Führungsanspruch in der Berücksichtigung ihrer Belange erheben. Nur so kann daraus eine erfolgreiche Revitalisierung oder Neuentwicklung jedweder Flächen resultieren. Darüber hinaus müssen im Planungsprozess so viele Fachressorts wie möglich integriert werden. Daraus ergibt sich zwar eine gewisse Komplexität, diese muss jedoch handhabbar sein. Die Lösung dieses Problems sollte durch Gleichberechtigung aller Beteiligten und nicht durch Hierarchien erlangt werden.
Entgegen aller kritischen Stimmen zum New Urbanism soll in absehbarer Zeit eine Industriebrache westlich der Bocholter Innenstadt mit dem Label New Urbanism in Zusammenhang gebracht werden. Es ist angestrebt, auf dem ehemaligen Produktionsstandort ein Wohngebiet zu entwickeln, welches sich an den Grundsätzen und Prinzipien des New rt. Dies ist von der Stadt explizit avisiert. Danach möchte man herkömmlichen Urbanism orientie
Städtebau mit einer Siedlung des New Urbanism vergleichen und gegenüberstellen, welche Vorteile und Akzeptanz der jeweiligen Vorgehensweise bei der Planung in der Bevölkerung gegeben sind.
8. Übertragbarkeit des New Urbanism
Dieses Kapitel geht nach der Bearbeitung spezieller Beispielstädte wieder eine Ebene höher, das heißt hier wird der New Urbanism auf seine Übertragbarkeit ganz allgemein behandelt. Zunächst geht es um die direkte Anwendbarkeit, danach um mögliche Ansätze zur Bekämpfung der Zersiedlung.
Der New Urbanism ist in seiner Reinform nicht auf Deutschland übertragbar. Der Sprawl gestaltet sich hierzulande anders als im Ursprungsland USA. Die Peripherien sind dort viel weiter gewuchert und die Innenstädte in der Nachkriegszeit weit stärker verfallen, die amerikanische Gesellschaft ist außerdem einen bedeutenden Schritt weiter in der Individualisierung. Auch nur sind die Deutschland ist ein stark suburbanisiertes und individualisiertes Land, Gemeindegrenzen durch flächenhafte Eingemeindungen weit nach Außen verschoben worden und die Einfamilienhausgebiete drängen sich am Rand dieser kommunalen Grenzen. Das Phänomen, das sich mit den Bewohnern der New-Urbanism-Siedlungen beobachten lässt, ist, dass diese nicht aus der Stadt in die Siedlungen flüchten, sondern aus der Suburbia, da sie von der dort herrschenden Monotonie enttäuscht worden sind und nun eine Siedlungsform suchen, die Stadt sozusagen simuliert. Kurios ist in diesem Zusammenhang zu sehen, dass die Generation, welche hauptsächlich für den Sprawl gesorgt hat, ihn gleichzeitig bekämpft.
kann und muss als Herausforderung verstanden werden, eine eigenständige „New Urbanism
europäische Städtebaureformbewegung zu profilieren“ 322 .
Auf Grund dieser Tatsachen hat sich im November 2003 die selbständige Organisation CEU gegründet, welche sich um die Beseitigung städtebaulicher Missstände bemüht. Der New Urbanism versteht sich als Antwort auf die Zersiedlung und sucht nach Lösungsmöglichkeiten für die Bevölkerung beziehungsweise bietet neue Siedlungen in einem identitätsstiftenden Wohnumfeld an. New Urbanism kann und sollte bei fehlenden Qualitäten im Reihenhaus- und Mietwohnungsbestand ansetzen, denn diese Wohngebiete sind zumeist monofunktional und mit wenig Infrastruktur ausgestattet.
Durch die Gründung des CEU wird - und das nicht nur auf europäischer Ebene - eine Diskussion in Gang gebracht, die sich mit der gebauten Umgebung auseinandersetzt. Hier werden in Zukunft Kriterien und Richtlinien aufgestellt werden, anhand derer es möglich sein wird, Schönheit und Unverwechselbarkeit von Städten zu identifizieren. Der New Urbanism ist auf Grund seiner Organisationsform ständig in den Medien präsent und verhilft der Städtebaubewegung zu enormer Popularität in den Vereinigten Staaten. In Europa und Deutschland könnte dies durch
322 Bodenschatz (2) 2000: S.31
110
das U ebenfalls erreicht werden. Gewiss w CE ird durch eine größere Bekanntheit nicht nur beim
Fachpublikum ein weiteres Interesse hervorgerufen, was letztlich eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Gut Stadt bewirkt.
Im Moment bedeutet die Entwicklung beim New Urbanism in den meisten Fällen Neubau auf der e“ für enttäuschte Suburbaniten. Jedoch ändert sich am Status dieser Personen „grünen Wies
nichts, wenn in den nächsten suburbanen Siedlungsring abgewandert wird. Stattdessen sollte das Infill Development gezielt forciert werden. Innerstädtisch sind vielerorts enorme Potenziale in Form von Brachflächen existent, wie sie auch im Rahmen dieser Arbeit behandelt wurden. Es ist wünschenswert, so eine Entwicklung aufzugreifen, fortzuführen und dem Flächenverbrauch Einhalt zu gebieten. Der Kostenfaktor spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
„Im Bauwesen muss eine Politik verantwortungsvoller Ressourcennutzung vor allem beim Bestand ansetzen und den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes berücksichtigen: Verlängerung der Nutzungsdauer sowie eine in ökologischer und ökonomischer Hinsicht zielführende Um- und Weiternutzung für die existierenden Bauten und Anlagen müssen das Ziel sein. Die Umweltbelastungen und Kosten, die über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks anfallen, liegen für einen Neubau pro Quadratmeter Nutzfläche im Schnitt um den Faktor 4 höher als bei einer Um- und Weiternutzung“ 323 .
Quintessenz dieser Aussage ist, dass nicht allein der Neubau Sinn macht, sondern durch ch eine Qualifizierung von Suburbia Arrondierungen bestehender Wohngebiete oder und dur weitaus höhere positive Effekte erzielt werden.
Der New Urbanism ist so erfolgreich, weil er einen Re-Import von der Stadt in die Vorstädte bedeutet. Dies geschieht durch eine architektonische Bildsprache, welche von der Vorstellung urbanen Lebens geprägt ist. Befragungen haben ergeben, dass 70% der Bevölkerung gerne in traditioneller Architektur wohnen wollen, demnach lieber in einer gelungenen künstlichen Atmosphäre als in einer schrecklich realistischen 324 .
he der Bevölkerung ist auf deutscher Ebene die Charrette ein Für die Identifizierung der Wünsc
sinnvolles Instrument, welches der New Urbanism entwickelt hat. Die Charrette ist übertragbar und wünschenswert als Beteiligungsform. Mittlerweile kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgegriffen werden. Es hat sich bestätigt, dass im Rahmen von Charrette-Verfahren eine hohe Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung mit der örtlichen Planung erreicht wird. An dieser
323 MSWKS (3) 2002: S.3
Stelle sei auf den Absatz zum Verfahren aus dem vorherigen Abschnitt New Urbanism in Bocholt verwiesen, welcher für Deutschland genauso gilt.
In seiner derzeitigen Art und Weise des Auftretens ist der New Urbanism in Deutschland nicht nötig, da die hiesige Vorgehensweise seit Jahren selbstverständlich ist und die Instrumente etabliert sind. Der New Urbanism ist aus diesem Grunde ein amerikanisches Phänomen, das so hier nicht funktioniert. Die Grundsätze und Prinzipien, wie sie erläutert wurden, sind letztlich traditioneller europäischer Städtebau und aus europäischer beziehungsweise deutscher Sicht nicht neu. Für amerikanische Verhältnisse ist europäische Urbanität, wenn sie so ausgelegt wird, ein Gegensatz zum bisherigen Städtebau, der weniger gelenkt und geplant verwirklicht wird als in Europa. Die Tradition vom gemischten und kompakten Bauen wird in Ameri ka inszeniert in Form
von verspielter Architektur, hinter der die Nutzungen zum Teil Fassade bleiben. Die Urbanität wird letztlich nur vorgetäuscht und das Zusammenleben durch eine totale Überplanung und unnötige Vorschriften und dem Absprechen von Entscheidungsfreiheit eingeschränkt.
New Urbanism ist folglich für Deutschland kein geeignetes Instrument, die Zersiedlung nachhaltig zu stoppen, da er in seiner Reinform nicht auf Deutschland übertragbar ist. Dennoch muss es gelingen können, mit dem New Urbanism - oder welchen Namen eine adäquate europäische Städtebaubewegung auch immer tragen mag - die Bürger zu binden oder in die Städte
zurückzuholen, wenn dortige Qualitäten im Wohnumfeld verbessert werden.
Für die Zukunft der Städte müssen neue Leitbilder entwickelt werden, die der Stadtflucht und dem Flächenverbrauch Einhalt gebieten. Hier müssen nicht nur der Wohnbereich, sondern
ebenso alle anderen Nutzungen wie Einzelhandels-, Freizeit- und Kultureinrichtungen berücksichtigt werden. Der andauernde Trend „höher, schneller, weiter“ muss beendet werden. Stattdessen ist eine Qualitätssteigerung vonnöten, die sich nicht in immer größeren Dimensionen ausdrückt. Größe täuscht nur allzu oft über Qualität hinweg. Die endliche Ressource Boden muss effizient ausgenutzt werden, darf jedoch nicht üb erbeansprucht werden. Ein vernünftiges
Verhältnis der Überbauung zu Anzahl der Nutzer variiert von Fall zu Fall und kann an dieser Stelle nicht verallgemeinert werden.
Die Eindämmung der Zersiedlung sollte aus verschiedenen Gründen am Preisniveau ansetzen. Zunächst einmal ist das beliebteste Bauland im Grünen immer noch das günstigste. Das existente Preisgefälle von der Innenstadt zur Peripherie liegt in der Verfügbarkeit der Flächen begründet, jedoch wird somit auch die Suburbanisierung vorangetrieben. Um der Stadtflucht zu begegnen, sollte innerstädtisch attraktiver Wohnraum in verdichteter Umgebung geschaffen werden. Es gilt, alle möglichen Potenziale zur Nachverdichtung aufzuspüren. Eine erhöhte
Auslastung der ansässigen Infrastruktur wäre die Folge und würde Kosten sparen, die ansonsten beim peripheren Neubau entstanden wären.
Die neuen Leitbilder sollten im Diskurs mit Institutionen und Einrichtungen entwickelt werden, die primär keinen planerischen Alltag bewältigen müssen und dadurch etwas Abstand zu den herkömmlichen Instrumentarien besitzen. Umgesetzt werden müssten diese durch Projekte mit Experimentcharakter, nicht nur durch so genannte Leuchtturmprojekte. Beispielsweise Universitäten und verschiedene Landeseinrichtungen sind hier die besonders wichtigen Diskursteilnehmer, welche auch mit öffentlichen Mitteln ausgestattet sind, denn diese Projekte sind aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem freien Markt nicht finanzierbar. So scheint es jedoch möglich, neue Sichtweisen und Lösungsvorschläge zu erhalten, die es auf andere Weise so nicht geben könnte.
Mittlerweile stellt sich die Situation am Wohnungsmarkt so dar, dass der Konsument - der Kunde - wählen kann, wo er wie in welcher Umgebung leben möchte. Das Produkt Wohnung hat sich schlicht gewandelt und sucht Nachfrager beziehungsweise der Kunde stellt Anforderungen, die es zu befriedigen gilt. Aus diesem Grunde wachsen die Städte in die Fläche. Der Sachverhalt, warum dieser oder jener Standort bevorzugt wird, muss untersucht werden. Erst wenn dieser Schritt getan und herausgefunden wurde, warum gerade an dieser Stelle eine olle des Marketings Nachfrage herrscht, wird man darauf reagieren können. Oben wurde die R angesprochen. Das Marketing, also das Bekanntmachen von Standorten und anderen Angeboten, leistet einen enormen Beitrag für die Wirtschaft.
Bei der Neuentwicklung von Wohnquartieren sind folgende Punkte zu beachten. Die Erschließung mit dem Auto ist auch weiterhin wichtig, jedoch sollte der Fußgänger gestärkt werden. Kurze Straßenabschnitte, weiche Kurven, Begrünung am Straßenrand drosseln auf natürliche Weise die Geschwindigkeit der Autofahrer und bannen so zum Teil die Gefahr für Kinder. Eine Anbindung an bestehende Nutzungen und Quartiere muss in jedem Fall gewährleistet sein, ein engmaschiges Raster an Fußweg- und Radfahrverbindungen sichert die tbeziehungen zulassen, so dass Vernetzung mit dem Wohnumfeld. Ein Gebiet sollte viele Sich
eine Identifikation mit dem Standort stattfinden kann. Ein abwechslungsreiches Erscheinungsbild von Siedlungen trägt dazu bei.
Momentan arbeitet der New Urbanism in großem Maße auf bisher unversiegelten Flächen, das heißt am Rande der Städte. Wie vorangehend erwähnt, sollte eine Art Baulücken- und Brachflächenkataster dazu dienen, Flächenpotenziale zur Innenentwicklung aufzudecken. Vielerorts passiert dies bereits und aktuell ist das Leitprojekt „1.000 Baulücken“ der
Landesinitiative „StadtBauKultur NRW“ abgeschlossen. Hier ging es darum, die Bevölkerung zu ermutigen, Nutzungs- und Bebauungsvorschläge von vorhandenen Baulücken zu unterbreiten. Dieses Projekt erfuhr eine breite Resonanz, sodass über eine Neuauflage nachgedacht wird.
Denn Brachflächen sind wichtige Flächen, wenn sie revitalisiert werden. Die Potenziale sind vielfältig. Es muss nicht immer alles wieder bebaut werden und über entsprechende Durchgrünung sollte auf jeden Fall nachgedacht werden. Wenn dies nicht möglich erscheint, sollten die so gewonnenen peripheren Standorte gesichert und einer naturnahen Freizeitnutzung zugeführt werden. Hier greifen jedoch auch keine Ansätze des New Urbanism. Es existieren etablierte politische Instrumente wie zum Beispiel der Städtebauliche Vertrag, Vorhaben- und Erschließungsplan und die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme gemäß ff. BauGB. §§ 11ff. und 165
9. Fazit
Der Strukturwandel hat erhebliche Auswirkungen auf sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gehabt. Besonders stark waren die Folgen für die räumliche Entwicklung, die mit einer enormen Einkommens- und Wohlstandssteigerung einhergingen. Für den Großteil der Bevölkerung waren größere Wohnungen und Wohneigentum finanzierbar. Die mangelnde Flächenverfügbarkeit in den Städten konnten jedoch die Vorortgemeinden ausgleichen. Die ehemaligen Standbeine der Industrie waren einem Wandel unterworfen, in Folge dessen viele Arbeitnehmer ihre Anstellung verloren, die in den neuen Technologien nicht vollends kompensiert wurden. Viele Standorte und Produktionsflächen, die nicht selten innenstadtnahe Lagen aufwiesen, liegen heute brach. Im Zuge der beschriebenen Entwicklungen sind die Städte in die eute ist dieser Trend nicht endgültig gestoppt worden. Fläche gewachsen und bis h
Es ist mittlerweile nicht mehr zu leugnen, dass unsere Gesellschaft einen stark suburbanisierten Charakter aufweist. Wenn auch Amerika in Zersiedlung und Individualisierung Europa einen Schritt voraus scheint. Suburbia ist überall: Entfernungen werden häufig nicht mehr in Kilometern, sondern in Zeiteinheiten gemessen. Galten früher als Zielgruppen am Wohnungsmarkt die Alleinstehenden, die Familien mit Kindern und Ältere, so sind die Nachfrager heutzutage nicht mehr strikt in diese drei Gruppen einzuteilen. Die Lebensstile sind weitaus kleinteiliger und nicht mehr nur nach dem sozialen Status, sondern weiterhin nach Einkommen, Freizeitverhalten und Weltanschauungen differenziert.
Hier setzt die amerikanische Städtebaubewegung New Urbanism an, die sich der Bekämpfung des so genannten Urban Sprawls verschrieben hat. Wie sich jedoch gezeigt hat, ist der New Urbanism ein amerikanisches Phänomen. Dort ist er medienwirksam inszeniert worden und weit über das Fachpublikum hinaus bekannt, was in Europa noch nicht eingetreten ist. Der Name des Programms trägt hierzulande nicht zur Diskussion bei, sich mit der Zersiedlung der Landschaft auseinander zu setzen. New Urbanism hat für Europa traditionelle Sicht- und Bauweisen sowie Umsetzungsstrategien aufgenommen.
„Auf Grund der Tatsache, dass die USA von allen Industrienationen das am wenigsten geplante und staatlich regulierte Land sind mit der geringsten Planungskultur und -tradition, ist es ein zu stark auf den Markt ausgerichtetes System, das versucht diese Widersprüche und Bedürfnisse zu lösen und zu befriedigen“ 325 .
In Europa und Deutschland jedoch ist das nicht hilfreich, wenn dadurch Entwicklungen wie auf dem Tacheles-Gelände in Berlin oder in Seaside forciert werden. Die Kritik richtet sich hier
325 Roost, 15.01.04 (Anhang: S.XXI)
115
ein ig gege deut n die Gentrification von Arealen, die seit Jahrzehnten in einem stabilen Umfeld liegen, und gegen den enormen Geldeinsatz, das in die Projekte fließt. Es ist nicht wünschenswert, dass bestimmte Quartiere lediglich einer bestimmten Bewohnerschicht zugänglich sind, die sich nur durch eine gute finanzielle Ausstattung dieses leisten können. Weiterhin ist die Historisierung zu kritisieren, welche eine heile Welt durch zum Teil absurde Regeln wie im Falle Seaside durch den Verhaltenscodex vorgaukelt. Der Suburbanisierung wird nicht entgegen gewirkt, wenn den Menschen eine traditionelle Architektur verkauft wird, die zum Teil ohne Funktion bleibt.
Die Revitalisierung von innerstädtischen Brachflächen unterliegt vielseitigen Einflussfaktoren wie beispielsweise den Anforderungen der Nutzer und des Wohnungsmarktes. Es hat sich gezeigt, dass in jedem Fall das Wohnen nicht separat vom Wohnumfeld betrachtet werd en kann. Die
wechselseitigen Beziehungen zwischen der Wohnung und der Umgebung sind besonders wichtig, wenn Gebiete attraktiv und lebendig - urban - zu gestalten sind, um die Bevölkerung einerseits in den Städten zu halten und andererseits in die Städte zurückzuholen. In diesem Zusammenhang sind die Bedürfnisse der Bürger stärker als bisher zu berücksichtigen; nicht umsonst hat sich der Wohnungsmarkt vom Anbieter- zum Nachfragemarkt entwickelt.
Der Denkanstoß, welcher durch die Bearbeitung des Gladbecker Beispiels gegeben wurde, verdeutlicht, dass unter dem Label New Urbanism die traditionelle Bauweise und Rückbesinnung auf historische Elemente versta nden wird. Jedoch bleibt anzumerken, dass in Deutschland
weiterhin wenig offizielle Siedlungen des New Urbanism realisiert sind oder sich im Planungsstadium befinden. Wie gezeigt wurde, sind diese Prinzipien schließlich in der hiesigen Planung seit Jahren etabliert und werden in erster Linie nicht mit dem New Urbanism in Verbindung gebracht. Daher ist eindeutig zu erklären, warum eine „Nominierung“ des Schlachthof-Geländes als Beispiel für den New Urbanism stattgefunden hat. Eine breite Bekanntheit dieser Städtebaureformbewegung ist auf Grund einer fehlenden Medienpräsenz noch nicht erreicht worden. Auch in Gladbeck wird ein Großteil nichts mit dem Begriff New Urbanism anfangen können. Letztendlic h ist es wichtiger, dass sich die künftigen Bewohner dort
wohl fühlen und mit ihrer neuen Wohnumgebung identifizieren. Es spielt insofern keine Rolle, dass die aufgestellten Leitlinien des New Urbanism berücksichtigt wurden.
Die Stadt Bocholt, welche eine stabile Entwicklung in Bevölkerung und Wirtschaft durchläuft und auch weiterhin wahrscheinlich durchlaufen wird, wenn auch der Strukturwandel zum Teil noch
bevorsteht, hat mit ihrer innerstädtischen Brachfläche von Textilflächen an der Industriestraße ein großes Potenzial zur Stärkung der Stadt. Eine Wohnwelt der Zukunft, wie sie in Bocholt
schaffen, welche die künftigen Nutzer (Anwohner, Gewerbetreibende und Besucher) auch annehmen. Hiermit geht die Identifizierung der verschiedensten Bedürfnisse einher. Explizit ist hier die Bevölkerungsstruktur zu berücksichtigen, welche sich in verschiedene Zielgruppen, beispielsweise nach Einkommen und Alter, aufteilt. Die Ausgangslage in Bocholt für eine erfolgreiche Revitalisierung mit anschließender hoher Auslastung der geschaffenen Flächen für Wohnen, Handel, Gewerbe, Kultur und Freizeit ist denkbar gut. Jedoch gilt auch für Bocholt, dass der New Urbanism als Markenzeichen eine untergeordnete Rolle spielen wird. Die herkömmlichen Instrumente zur Planung und Umsetzung funktionieren sehr gut. Allerdings ist es wünschenswert, dass in der Herangehensweise bei der Identifizierung von Bedürfnissen, Ansprüchen und Wünschen der zukünftigen Nutzer eine stärkere als bisher übliche Beteiligung von Akteuren erfolgt. Generell sollten zu allen Zeitpunkten sämtliche Akteure über den Stand der Planung informiert sein, sowie die Planung beeinflussen und in die Umsetzung eingreifen können. Die Charrette als Einstieg ist ein geeignetes Instrument dafür. Die Betreuung der Umsetzung sollte durch ein Marketingbüro gewährleistet sein, welches nah am Markt arbeitet.
Zur Übertragbarkeit des New Urbanism wurde an verschiedenen Stellen der Arbeit eingegangen. uropa wird Auf Grund der Andersartigkeit der Zersiedlung der Gesellschaften in Amerika und E man ihn nicht ohne Weiteres übertragen können. Der New Urbanism arbeitet bis dato auf verschiedenen Ebenen. Während in Amerika eine große Popularität zu verzeichnen ist, bleibt in Europa die Diskussion zumeist dem Fachpublikum vorbehalten. Die umgesetzten Elemente, die die Siedlungen des New Urbanism ausmachen wie zum Beispiel Erker und Türmchen in einem traditionellen Baustil zielen nicht selten auf eine Bevölkerungsschicht ab, die sich in diesen Siedlungen von ihrer Umwelt abgrenzen, was sich in baulich-architektonischer Form ausdrückt. Weiterhin ist der Anspruch, den Kampf gegen den Sprawl aufzunehmen, nicht korrekt umgesetzt, wenn die neuen Ortschaften an der Peripherie der Städte liegen und dadurch einen weiteren Schub an Suburbanisierung auslösen. Es fehlt in verstärktem Maße an Infill-Develeopment- Projekten.Brachflächen bieten hierfür enorme Potenziale, an denen der New Urbanism ansetzen kann. Die Methodik der Bewegung (Charrette) ist durchaus ein Element, was so in Europa und Deutschland verstärkt Anwendung finden kann und sollte, um eine breite Akzeptanz und ein tiefer gehendes Verständnis von Planung zu erreichen.
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis
11. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Lfd. N r. ng Seite Bezeichnu
Abb. 1 10 Aufbau der Arbeit
Abb. 2 Strukturwandel im Vier-Sektoren-Modell
Abb. 3 Lebensstile zwischen sozialer Lage und Werteorientierung
Abb. 4 36 Sprawl
Abb. 5 r kleinteiligen Nutzungsmischung 40 Bedeutung eine
Abb. 6 46 Architektur in Seaside
Abb. 7 46 Architektur in Seaside
Abb. 8 46 Stadtgrundriss von Seaside
Abb. 9 devoort 48 Erreichbarkeit von Bran
Abb. 10 t 48 Stadtgrundriss von Brandevoor
Abb. 11 48 Stadtzentrum „De Veste
Abb. 12 devoorts Stadtbild 49 Abwechslung in Bran
Abb. 13 50 Grundriss von Kirchsteigfeld
Abb. 14 Zentraler Platz in Kirchsteigfeld
Abb. 15 50 Zentraler Platz in Kirchsteigfeld
Abb. 16 51 Kunsthaus Tacheles e.V.
Abb. 17 ände 52 Entwurf für das Tacheles-Gel
Abb. 18 Detailansicht Flatiron
Abb. 19 omenade 54 Cottages an der Strandpr
Abb. 20 damm 55 Entwurf für Heiligen
Abb. 21 ktion in Celebration, Florida (USA) 59 Symbolhaftes Rathaus ohne Fun
Abb. 22 asserturm ohne Funktion in Celebration, Florida (USA) 59 Symbolhafter W
Abb. 23 hnlage beim Erwerb von Wohneigentum 65 Gewünschte Wo
Abb. 24 a 1930) 75 Historische Ansicht des Schlachthofes (etw
Abb. 25 Gelände 75 Luftbild Schlachthof-
Abb. 26 Direktorenvilla
Abb. 27 76 Meisterwohnhaus
Abb. 28 Landmarke Wasserturm
Abb. 29 Entwurf für das Schlachthof-Gelände
Abb. 30 Gesamtüberblick (Modellfoto)
Abb. 31 Ansicht Grabenstraße
Abb. 32 Platz am Roten Turm (Modellfoto)
Abb. 33 Blickbeziehung am südlichen Platz (Skizze)
Abb. 34 Blickbeziehung am südlichen Platz (Modellfoto)
Abb. 35 Denkmalgeschützte Fassade
Abb. 36 Gartensiedlung Wielandstraße
Abb. 37 Ersatzgebäude Rathauserweiterung
119
12. Literatur, Artikel und Vorträge
Diese Übersicht beinhaltet neben Literatur auch Artikel und Vorträge aus dem Internet. Dabei in den Fußnoten jedoch nur die Domain. Bei mehreren wurde der vollständige Pfad angegeben, es nfolge aufgenommen worden. Titeln ein Autors sind sie in chronologischer Reihe
,U.:
V
Altrock
itskre in: Arbe is Stadterneuerung an deutschsprachigen Berlin (2002), S.17-38
U./ Kunze,R. Altrock,
itskre in: Arbe is Stadterneuerung an deutschsprachigen Hochschul 002 Berlin (2 ), S.55-60
.:
Su
Aring,J
burbia - Postsuburbia - Zwi
großen Städte (1999) g.) 1 Raumordnung; Hannover 995 : Handwörterbuch der
ARL
(H
nder
ischen Sozialforschung; de Gruyter, Berlin (1995)
,P.:
Methoden der empir
Attesla
U.:
Klein-Amerika am Tacheles. Fundus-Gruppe baut ab Sommer ein neues Stadtviertel;
Aulich,
0.01 in: BZ, 1 .02, S.23
art,F
77)
.:
Stilgeschichte der Architektur; DuMont, Köln (19
Baumg
,H./ J Becker
t/ Zü Stuttgar rich (1999)
Becker,S./ Humpert,K./ Brenner,K.:
Fraktale Gesetzmäßigkeiten der Urbanisation;
2/20 46-49 in: polis 03, Juli 2003, S.
,D./ L Benne
IS (H in: InW g.): Newsletter Ausgabe Oktobe
sman Bertel
n Verlag
(Hg.): Das neue Ber
2002/ (2001/ 2003)
.:
Die
Birg,H
en (20 Münch
ogel, H.H.:
Zentrale Orte: Zur
Blotev
Raumordnungsp rmatio in: Info Blume,J.:
Die Integration des Subkulturellen in New Disneyworld - New Urbanism am Tacheles; (Quelle: www.derive.at/deriveNo6/Blume_Subkulturell.htm , Zugriff am 16.09.03) Bodenschatz,H. (1): Wanderungen der Berliner City: Pläne - Wirklichkeiten - Interpretationen; in: von Petz,U./ Schmals,K.M. (Hg.): Metropole, Weltstadt, Global City: Neue Formen der Urbanisierung; Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.60, Dortmund (1992), S.317-342 Bodenschatz,H.
(2): New Urbanism - Die Neuerfindung der amerikanischen Stadt; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.22-31 Bodenschatz,H./ Kegler,H.:
Städtebaureform auf Amerikanisch - Projekte des New Urbanism; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.42-59 Bodenschatz,H.
(3): Himmel und Hölle: Suburbia in Deutschland; Vortrag in der Reihe „Oetken-Dialog“ in Oldenburg, 29.06.01 Bodenschatz,H. (4): Europäische Stadt, Zwischenstadt und New Urbanism; in: Planerin 3/2001, September 2001, S.24-26 Bodenschatz,H. (5): Städtebaureform in den USA; in: BBR (Hg.): 2001. 2002. Bau und Raum Jahrbuch; Tübingen (2002)
Bo schatz,H.
(6): Plädoyer für eine Qualifizi
den
erung von Suburbia in Deutschland;
in: Arbeitskreis Stadterneuerung an deutschspr achigen Hochschulen (Hg.): Jahrbuch Stadterneuerung 2002; Berlin (2002), S.61-76
Bodenschatz,H. (7): Perspektiven des Stadtumbaus;
in: architektur.aktuell 6/2003 (Quelle: www.ceunet.de/stadtumbau.htm, Zugriff am 22.02.04) Bodenschatz,H. (8): Traditional Urbanism in contemporary Practice; in: StadtBauwelt 160, 48/2003, S.3
Bodenschatz,H. (9): Urbanität statt New Urbanism? Verlust oder Neudefinition des öffentlichen Raums in den suburbanisierten Stadtregionen diesseits und jenseits des Atlantik;
in: Arbeitskreis Stadterneuerung an deutschsprachigen Hochschulen (Hg.): Jahrbuch Stadterneuerung 2003; Berlin (2003), S.179-190 r Burdack,J.: Massy-Sacley, Tres Cantos, Chimki-Selenograd: Neue Wachstumsräume am Rande europäische Metropolen;
in: Arbeitskreis Stadterneuerung an deutschsprachigen Hochschulen (Hg.): Jahrbuch Stadterneuerung 2002; Berlin (2002), S.77-92
rff,F./ Hatzfeld,U./ Uttke,A. / Schauz,T./ Utku,Y.: NRWurbanism; Konzeption für einen Kongress, Burgdo
Gelsenkirchen/ Düsseldorf/ Dortmund (2004) 1993) Calthorpe,P.: The next american Metropolis; Princeton Architectural Press, New York ( 1) Calthorpe,P./ Fulton,W.: The regional City; Island Press, Washington,D.C./ Covelo/ London (200 he New Urbanism; McGraw-Hill, New York (2000) CNU (Hg.): Charter of t g; Davy,B.: Raum - Mythen - Normative Vorgaben als Identitätsbildun
in: Thabe,S. (Hg.): Räume der Identität - Identität der Räume; Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.98, Dortmund (1999), S.59-75 lassischen Deiters,J.: Die Zentrale-Orte-Konzeption auf dem Prüfstand. Wiederbelebung eines k Raumordnungsinstruments?; ng, 10/1996, S.631-646 in: Informationen zur Raumentwicklu nchen (1994) dtv (1) (Hg.): dtv-Atlas zur Stadt. Von den ersten Gründungen bis zur modernen Stadtplanung; Mü dtv (2) (Hg.): Baugesetzbuch; München (1999) ndlagen, Methoden, Anwendungen; Rowohlt Taschenbuch, Diekmann,A.: Empirische Sozialforschung - Gru Reinbek (1998) hresbericht 2002; Berlin (2002) DIFU (1) (Hg.): Ja Positionen DIFU (2) (Hg.): Berichte 1/03 - Informationen über Projekte, Veröffentlichungen, Veranstaltungen und des DIFU; Berlin (2003)
Duany,A.: Eine Gegenrede - Nichts als Vorurteile!; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.36-41 d the Decline of the American Duany,A./ Plater-Zyberk,E./ Speck,J.: Suburban Nation - The Rise of Sprawl an Dream; North Point Press, New York (2000)
Duden Verlag (Hg.): Der kleine DUDEN - Fremdwörterbuch; Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich (1991) Düllo,T.: Dauer im Wechsel, dauernder Wechsel; Mitte! Die City-Offensive in: Initiatoren des Projektes „Ab in die Mitte! Die City-Offensive NRW“ (Hg.): Ab in die NRW 2002; Münster (2002), S.16-21 n Haus der EHSK: NRWurbanism; Protokoll der Veranstaltung „Vorgespräch NRWurbanism“ im Europäische Stadtkultur in Gelsenkirchen, 02.06.03 Eichener,V. (1): Die Stadt der Zukunft; /htm/aktuelles/aktu_u_zukunft.html (Quelle: www.inwis.de , Zugriff am 17.09.03)
Eichener,V./ Schauerte,M.: Kundenorientierung in der Wohnungswirtschaft; h_wirt.html (Quelle: www.inwis.de/htm/aktuelles/aktu_u_wo , Zugriff am 17.09.03)
Eichener,V. (2): Warum schrumpfen Städte? Bevölkerungsrückgänge und Wohnung sleerstände in westdeutschen
Städten; Vortrag während der Auftaktveranstaltung „Stadtumbau West“ in Bremen, 05.05.03; (Quelle: tm/aktuelles/Zuk_Test.pdf www.inwis.de/h , Zugriff am 17.09.03) entiale für die Wohnungswirtschaft;
Eichener,V.
(3): Demographischer Wandel - Risikopot in: InWIS (Hg.): Newsletter Ausgabe Oktober 2003, S.2-3
Eichener,V.
(4): Zukunft des Wohnens - Zukunft der Wohnungsgenos
chaften „Innovativ in die Zukunft“ in Würzburg, 17.11.03; der deutschen Wohnungsgenossens
(Quelle: www.inwis.de/htm/aktuelles/Genossenschaften-ZukV2.pdf, Zugriff am 04.01.04) Eichener,V. (5): Zukunft des Wohnens - Demographische und wirts chaftliche Herausforderungen für den
Wohnungsmarkt und die Stadtentwicklung; Vortrag in Wien, 28.01.04; (Quelle: /aktuelles/Wien-Wohnen.pdf www.inwis.de/htm Zugriff am 09.02.04)
Eue,R.: Die Truman Show - Und wieder ein schöner Tag im Paradies; elt 145, 12/2000, S.78-81 in: StadtBauw
Fainstain,S.: Neue Richtungen in der Planungstheorie; g.de/sb3/objekt/planungsrundschau/planungsrundschau_02/kurz_sfnridp.htm (Quelle: www.tu-harbur , Zugriff am 17.09.03)
Stadtmarketing auf des Gelingen eines Strukturwandels haben?; Feldhofer,F. (Hg.): Welchen Einfluss kann ein Facharbeit, Gymnasium „Bonnstraße“ Hürth (2001);
(Quelle: www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/sok/14676.html, Zugriff am 17.09.03) Fundus-Gruppe (Hg.): Grand Hotel Heiligendamm - Eine Legende mit Zu kunft; Fundus Fonds 34, Kurzexposé, Köln (2001);
(Quelle: www.fundus.de/pub/ff34_expose_2001.pdf, Zugriff am 21.02.04 )
Fürst,F./ Himmelbach,U./ Potz,P.: Leitbilder der räumlichen Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert - Wege zur Nachhaltigkeit?; Berichte au s dem Institut für Raumplanung Nr. 41, Dortmund (1999) am Tacheles Gäding,M.: Aus Klein-Amerika wird nichts. Die Pläne der Fundus-Gruppe für das Johannesviertel bleiben vorerst in der Schublade; in: BZ, 16.10.03, S.25
Gebhardt,H.: Forschungsdefizite und neue Aufgaben der Zentralitätsforschung; , S.691-698 in: Informationen zur Raumentwicklung, 10/1996 Geuze,A.: Sittin’ on dock of the bay;
(Quelle: www.kulturregion-stuttgart.de/offenraeume/texte/geuze.htm, Zugriff am 18.02.04) Golding,D.: Wohnungsbau auf Brachflächen - Umsetzung wohnungspolitischer Ziele bei der Revitalisierung industrieller Brachflächen; Diplomarbeit, Universität Dortmund (1999) Gratz,R.B./ Mintz,N.: Vo m Stadtrand zurück; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.66-67 Gruß,H.-U.: Trotzdem bauen!; Impulsvor trag auf der Veranstaltung „Nicht mehr bauen? Noch mehr bauen? Anders bauen! Stadtbaukultur auf neuen Wegen“ in Berlin, 29.10.2003
Gutachterausschuss für Grundstückswerte im Kreis Borken (Hg.): Grundstücksmarktbericht 2001 für den Kreis Borken; Borken (2001)
Hartfiel,G.:
Wörterbuch der Soziologie; Kröner, Stuttgart (1982)
Häußermann,H./ Siebel,W.:
Neue Urbanität; Suhrkamp, Frankfurt (1987)
Häußermann,H.:
Wie die europäische n Städte immer amerikanischer werden; in: SZ, 30.06.00, S.11
Hennings,G./ Müller,S.:
Konfiguratione n des Raumes - Kunstwelten;
in: Thabe,S. (Hg.): Räume der Identität -Dortmund (1999), S.95-113
Herbold,I./ Tieth,J.C.: Stadtverfall und Stadterneuerung in Washington,D.C. a m Beispiel der H-Street NE; Vertiefungsentwurf, Universität Dortmund (2003)
Hoidn,B.: Es war einmal...; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.20-21
IHK Nord-Westfalen (Hg.): Mittelzentren in Nord-Westfalen. Positionsbe stimmung im Standortwettbewerb; Münster (2003)
menarbeit von Klein- und Mittelbetrieben in der Inderfurth,W.: Möglichkeiten der überbetrieblichen Zusam
westfälischen Textilindustrie. Dargestellt am Beispiel der Stadt Bocholt; Dissertation, Universität Köln (1967) ie Entwicklung des
Ipsen,D.:
Was trägt der Raum zur Entwicklung der Identität bei? Und wie wirkt sich diese auf d Raumes aus?; 8, in: Thabe,S. (Hg.): Räume der Identität - Identität der Räume; Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.9 Dortmund (1999), S.150-159 eig/ Wiesbaden (1993)
Jacobs,J.:
Tod und Leben großer amerikanischer Städte; Vieweg, Braunschw
Joost,C.:
Quo vadis, Tacheles? Zum Stand der Dinge auf dem Tachele
(Quelle: www.scheinschlagonline.de/arch
Katz,P.: The new Urbanism - toward an Architecture of Community; McGraw-Hill, New York/ San Francisco/ Washington (1994)
Kegler,H. (1): CEU - ein europäisches Netzwerk für Städtebaureform ist gegründet worden; (Quelle: www.ceunet.de/ceu.htm, Zugriff am 22.02.04)
Kegler,H. (2): New Urbanism - Bewegung und Strategie für die postmoderne Stadt; (Quelle: www.ceunet.de/postmodern.htm, Zugriff am 22.02.04) Kiehl,M./ Papanikolaou,G.: Siedlungsfläche - auf Zuwachs programmier t?; Vortrag im Seminar „Theorien der Bodenwertbildung“ am 13.06.02, Universität Dortmund;
(Quelle: www.raumplanung.uni-dortmund.de/rwp/LehreRwp/SS02/Boden_Vortrag_Dosch_Kiehl_Papanikolaou_ 061302.pdf, Zugriff am 16.12.02) Kiehle,W.: Kommunale Wohnungspolitik und Bodenmanagement;
in: ILS NRW (Hg.): Stadt-Entwicklung zwischen Wachstum und Schrumpfung. ILS-Schriften Bd. 188; Dortmund (2003), S.17-20
Klemmer,P.:
Wir werden weniger, älter und bunter - demographische Herausford
in: VdW Rheinland Westfalen e.V. (Hg.): 1. Forum Wohnungswirtschaft am 22./23 Zukunft, wenn...“ - Dokumentation Band 2; Düsseldorf (2002) , S.12-24
Kohlhaas,R.: Was ist eigentlich aus dem Urbanism geworden?; in: Arch+ 132, Juni 1996, S.40-41 Krätke,S.: Berlin: Umbau zur neuen Metropole;
in: von Petz,U./ Schmals,K.M. (Hg.): Metropole, Weltstadt, Global City:
Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.60, Genius Loci; Krause,K.-J.: Sicherung und Pflege des
in: Thabe,S. (Hg.): Räume der Identität - Identität der Räume; Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.98, Dortmund (1999), S.38-58
Kreis Borken/ Stadt Bocholt/ Stadt Borken
(Hg.): Mobilität im Kreis Borken. Verhalten, Einschätzungen, olt/ Borken (1991) Chancen für den ÖPNV; Boch
Krieger,A.:
Wessen Urbanism eigentlich?; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.32-35 ezeigt am Beispiel der
Kuder,T.:
Städtebauliche Leitbilder -Begriff, Inhalt, Funktion und Entwicklung, g
2002) Funktionstrennung und -mischung; Dissertation, Technische Universität Berlin (
Laimer,C.:
Last Exit Disneyland?; (Quelle: www.derive.at/archiv/deriveNo3/Laimer_Disneyland.htm, Zugriff am 17.09.03) Lejeune,J.-F.: Die Wurzeln d es New Urbanism; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.70-77 nd the Roads not taken; University of Texas Press (2001) Marshall,A.: How Cities work: Suburbs, Sprawl, a
Meckseper,C./ Siebenmorg en,H. (Hg.): Die alte Stadt: Denkmal oder Lebensraum?; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (1985) bar Meuwissen,J.: New Urbanism; Vortrag auf der Veranstaltung „1. Grazer Wohnbaukongress: Wohnbau...halt 24.04.1999; bis“ in Graz, 22.-
(Quelle: xarch.tu-graz.ac.at/home/hschmied/projects/university/wohnbau%20ue/meuwissen/meuwissen.htm, Zugriff am 17.09.03)
MSWKS (1) (Hg.): Nachhaltige Stadtentwicklungsprojekte umsetzen - Landesweiter Wettbewerb 1999 in Nordrhein-Westfalen; Düsseldorf (2000)
MSWKS (2) (Hg.): Memorandum StadtBauKultur NRW; Düsseldorf (2001) Denkmalkommission Nordrhein-Westfalen; Düsseldorf (2002) MSWKS (3) (Hg.): Bericht der tation; MSWKS (4) (Hg.): Stadt macht Platz - NRW macht Plätze - Landeswettbewerb 2002 - Eine Dokumen Düsseldorf (2002) sseldorf (2002) MSWKS (5) (Hg.): Beiräte für Stadtgestaltung in Nordrhein-Westfalen, Beispiele aus der Praxis; Dü MSWKS (6) (Hg.): Shopping_Center_Stadt - Urbane Strategien für eine nachhaltige Entwicklung; Düsseldorf (2003)
Müller,S.:
Nachindustrielle Großstadt oder Industrieprovinz: Wie modern ist das Ruhrgebiet h
dt, Global City: Neue Formen der Urbanisierung; in: von Petz,U./ Schmals,K.M. (Hg.): Metropole, Weltsta Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.60, Dortmund (1992), S.353-363 smarktprognose?; Neitzel,M.: Mikrosimulation: Ein neues Instrument zur Wohnung in: InWIS (Hg.): Newsletter Ausgabe Oktober 2003, S.5 Neumann,N.: Brüder im Geist von gestern; in: art 5/03, S.36-43 Norquist,J.O.: You can’t build a City on Pity; in: StadtBauwelt 145, 12/2000, S.78-81 d New Urbanist?; Bericht, Technische Universität Berlin (2000); Oldiges,V.: An ol
(Quelle: www.hausarbeiten.de/rd/faecher/download/arc/7800.html, Zugriff am 17.09.03)
Opaschowski,H.W.:
Deutschland 2010. Wie wir morgen leben - Voraussagen der Wissenschaft zur Zukunft unserer Gesellschaft; Mairs Geographischer Verlag, Hamburg (1997)
OZ:
Zoff in der „Weißen Stadt“; 24.07.03, Nr.170/51.Jg., S.3 ose;
Pawlak,T.:
Das Instrument der Mietersozialprogn
3, S.6 in: InWIS (Hg.): Newsletter Ausgabe Oktober 200 ße
Planlokal
(Hg.): Städtebaulicher Entwurf und Nutzungskonzept für das Schlachthofgelände an der Grabenstra in Gladbeck; Dortmund (2001) Price,C.: Das Ungewisse - Die Freude am Unbekannten; Interview mit Philipp Oswalt; in: Arch+ 109/110, Dezember 1991, S.51-55 Rada,U.: Die Zukunft der Stadt; Interview mit Harald Bodenschatz; (Quelle: www.uwe-rada.de/themen/zukunft4.html, Zugriff am 17.09.03) Raith,F.-B./ Schenk,L. (1): Geschichte als Vorbild?; in: Planerin 01/2002, März 2002, S.48-50
Raith,F.-B./ van Gool,R. (2): Planungsstrategien nach dem Poldermodell; in: Arch+ 162, Oktober 2002, S.68-73 Raith,F.-B./ Hertelt,L./ van Gool,R . (3): Inszenierte Architektur; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/ München (2003)
ortrag auf der Veranstaltung „Stadtumbau West - Intelligentes Reicher,C.: Leitbilder für schrumpfende Städte; V Schrumpfen“ in Gelsenkirchen, 27.11.03 Reid,R.: Bauwerke - ein Reiseführer; Weltbild, Augsburg (1995) Roost,F. (1): Die Disneyfizierung der Städte; Leske + Buderich, Opladen (2000)
Roost,F. (2): Berliner Plattenbauten now; in: dérive 7/2002, S.4-7
RN, Lokalredaktion Gladbeck: Gassen und Kolonnaden; 14.10.03, S.1 RN, Lokalredaktion Gladbeck: Stadtflüchtlinge können jetzt zurückkehren; 18.10.03, S.2 adbeck: Wanderungsverlust gestoppt; 22.10.03, S.1 RN, Lokalredaktion Gl Schäfer,I.: New Urbanism; 0483/6.htm , Zugriff am 17.09.03) (Quelle: rcswww.urz.tu-dresden.de/~cf32 Schätzl,L.: Wirtschaftsgeographie 1; Schöningh, Paderborn (1996) 5.01.04, Universität Schauz,T.: Postmoderne, Regionalismus, Traditionalismus oder New Urbanism; Vortrag am 2 Dortmund
er Einfluss des New Urbanism in US-amerikanischen Stadtregionen; Dissertationsvorhaben, Schemionek,C.: D Universität Würzburg;
(Quelle: www.uni-wuerzburg.de/geographie/schemionek.pdf, Zugriff am 17.09.03)
Schneider,N./ Spellerberg,A.: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und räumliche Mobilität; Leske + Buderich, Opla den (1999) ensraum Schwencke,R.: Grundzüge der Stadtentwicklung und des Städtebaus in Deutschland. Der städtische Leb als Lernbereich; päd.-extra Buchverlag, Bensheim (1981) tadt Gladbeck am 09.01.04; Schwerhoff,E.: Rede zum Neujahrs- und Wirtschaftsempfang; Bürgermeister der S (Quelle: www.elport.de/pls/elport/docs/FOLDER/GLA/RATHAUS/HERZLICH_WILLKOMMEN/ NEUJAHRSEMPFANG.PDF (Zugriff am 13.03.04) Sethmann,J. (1): Es würde alles echt ausse hen - Eine Diskussion über die Adlonisierung des Tacheles-Geländes; 01/04_2001/texte/10.html (Quelle: www.scheinschlagonline.de/archiv/20 , Zugriff am 16.09.03) own Kitsch-Town; Sethmann,J. (2): New Urbanism. Downt
(Quelle: www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0901/090124.html, Zugr iff am 18.02.04)
Sewing,W. (1): Zwischen Hochkultur und Populärkultur: Neotraditionalismus in den USA und Großbritannien; in: Die alte Stadt 4/98, S.359-371 Sewing,W. (2): Suburbia takes Command; in: IMS 2/02, S.29-38
Sewing,W. (3): No more Learning from Las Vegas; in: Arch+ 162, Oktober 2002, S.26-29 Siebel,W.: Wesen und Zukunft der europäischen Stadt; in: DISP 141, 2/2000, S.28-34
Sieverts,T.: Zwischenstadt zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land; View eg, Braunschweig/ Wiesbaden (1998)
Stadt Bocholt (1) (Hg.): Struktur und Entwicklung der Beschäftigung seit 1950; Bocholt (1983)
Stadt Bocholt (2) (Hg.): Einkaufsstadt Bocholt. Vergleichsstudie Dezem ber/Januar 99/00 und 01/02; Bocholt (2002)
Stadt Bocholt (3) (Hg.): Statistische Inform ationen 2003. Bestand, Struktur und Entwicklung; Beiträge zur Stadtentwicklung und Statistik, Heft 1/2003, Bocholt (2003) Stadt Bocholt (4) (Hg.): Mietspiegel 20 03 für nicht preisgebundenen Wohnraum im Bereich der Stadt Bocholt; Bocholt (2003) Stadt G ladbeck (1) (Hg.): Integriertes Handlungskonzept Gladbeck-Innenstadt; Gladbeck (2002) Stadt Gladbeck (2): Exkursion nach Helmond - Dokumentation/Zusammenstellung der Reise des Bauausschusses Gladbeck (2003)
Steuteville,R.: The New Urbanism: An alternative to modern, automobile-oriented planning and de velopment;
(Quelle: www.newurbannews.com/AboutNewUrbanism.html, Zugriff am 16.02.04)
Straatmann,F.
(1): Die Bedeutung der Tex
(Quelle: Straatmann,F. (2): Besonderheiten der Textilindustrie;
(Quelle: www.fb1.uni-siegen.de/uvm/geschichte/textil2.html, Zugriff am 06.02.04) Straatmann,F. (3): Auswirkungen des Strukturwandels auf die Textilindustri e; (Quelle: www.fb1.uni-siegen.de/uvm/geschichte/textil3.html, Zugriff am 06.02.04) Straatmann,F. (4): Die Strategien der Textilunternehmen; (Quelle: www.fb1.uni-siegen.de/uvm/geschichte/textil4.html, Zugriff am 06.02.04) ehr bauen? Noch mehr bauen? Anders Troge,A.: Im Kreislauf bauen; Vortrag auf der Veranstaltung „Nicht m bauen! Stadtbaukultur auf neuen Wegen“ in Berlin, 29.10.03
.: Grundlagen der Raumordnung und Landesplanung; Arbeits- und Informationsblätter zur Vorlesung, Turowski,G Universität Dortmund (1998) tatt Freifläche geplant; Veihelmann,T. (1): Truman Show am Tacheles. Amerikanisches Bürgerstadtidyll s (Quelle: www.scheinschlagonline.de/archiv/2000/12_2000/texte/08.html, Zugriff am 18.02.04) Veihelmann,T. (2): Schöne neue alte Stadt - „New Urbanism“ in der Berliner Städtebaudiskussion; Interview mit Sewing; Werner
(Quelle: www.scheinschlagonline.de/archiv/2001/05_2001/texte/13.html, Zugriff am 17.09.03) Vesper,M.: Grußwort auf der Veranstaltung „Nicht mehr ba uen? Noch mehr bauen? Anders bauen! Stadtbaukultur auf neuen Wegen“ in Berlin, 29.10.03
Vieser,D.: New Urbanism; Seminar „Stadterneuerung“, 2000/2001, Universität Karlsruhe; er/Downloads/Studienarchiv-files/Architektursoziologie/ (Quelle: archinoah.tu-berlin.de/ArchiNoah/FTP-Serv NewUrbanism.pdf, Zugriff am 17.09.03)
von Petz,U./ Schmals,K.M. (Hg.): Metropole, Weltstadt, Global City: Neue Formen der Urbani sierung;
Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Nr.60, Dortmund (1992), S.1-20 von Raggamby,N.: Sanierungsbeginn im Seebad Heiligendamm; in: BZ, 27.05.00, S.45
Wallerius,M.: Ursachen und Folgen des Strukturwandels; her/hausarbeit/gem/17054.html (Quelle: www.hausarbeiten.de/faec , Zugriff am 16.02.03)
Roter Turm wird offenbar der Renner; 13.10.03, S.WGL01 WAZ, Lokalredaktion Gladbeck: Baumesse: rlesungsmaterialien Wintersemester 2000/01, Universität Wegener,M.: Siedlungsentwicklung und Verkehr; Vo Dortmund
Wild,H.: Ein Hauch von New York am Tacheles; ew-York.html , Zugriff am 18.02.04) (Quelle: www.gruene-berlin.de/mitte/aktuelles/Tacheles-N Yajic,R.: Kleinstadt, ganz groß;
(Quelle: parapluie.de/archiv/stadt/kleinstadt, Zugriff am 17.09.03) Zabel,I.: Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf den Immobilienmarkt; Diplomarbe it, Universität Dortmund (2002)
Zinganel,M.: New Urbanism zwischen Agoraphobie und künstlichem Paradies; 12/2003, Juli-September 2003, S.27-32 in dérive
13. Internetlinks
Das Datum des Zugriffs bei den angegebenen Internetlinks bezieht sich auf den jeweils letzten n, dass hier nicht alle URL-Zugriff auf die Webpage. An dieser Stelle wird darauf hingewiese P e verwendeten Artikel und fade angegeben worden sind. Der Übersichtlichkeit halber sind all fad aufgenommen worden. Vorträge aus dem Internet im vorigen Abschnitt mit dem jeweiligen P die In den Fußnoten der Diplomarbeit werden aus Gründen der Übersichtlichkeit nur H führlichen Pfade sind in diesem Kapitel auptdomänen ohne Datum angegeben, die aus a ngegeben und eindeutig zuzuordnen.
de.wikipedia.org (Zugriff am 15.03.04)
luciensteil.tripod.com/katarxis02-1/id20.html (Zugriff am 18.02.04) 1.de/archiv2003/030530/beilage/story607140.html morgenpost.berlin (Zugriff am 22.02.04) super.tacheles.de (Zugriff am 22.02.04) theseasideinstitute.org (Zugriff am 16.02.04) www.3sat.de/kulturzeit/themen/62285/ (Zugriff am 18.02.04) www.all-in-all.com/3663.htm (Zugriff am 23.04.04) (1) www.baunetz.de/db/news/index.php?news_id=78210 (Zugriff am 30.03.04) (2) www.baunetz.de/db/news/index.php?news_id=78394 (Zugriff am 23.04.04) www.beepworld.de/members3/kuehlungsborn-ferienwohnung/heiligendamm.htm (Zugriff am 23.04.04) www.bocholt.de (Zugriff am 15.03.04) www.brandevoort.nl (Zugriff am 22.02.04) www.cafe-zapata.de/presse041203.html (Zugriff am 18.02.04) www.CEU-net.org (Zugriff am 22.02.04) t.de www.ceune (Zugriff am 22.02.04) www.cnu.org (Zugriff am 21.04.04)
www.difu.de/seminare/difu-seminare-anzeige.php3?id=207 (Zugriff am 09.02.04) www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab11.htm (Zugriff am 22.11.03) www.dorsten.de/Standort/Daten.htm (Zugriff am 13.03.04) itz.de/gse/spezial/Rueckbaupart.htm www.eckert-chemn (Zugriff am 18.02.04)
www.fh-brandenburg.de/~hoeft/toolbox/swot.htm (Zugriff am 21.03.04)99999 www.fh-gelsenkirchen.de/standorte/bocholt.html (Zugriff am 14.03.04) www.fundus.de (Zugriff am 22.02.04)
www.gesis.org/Dauerbeobachtung/Sozialindikatoren/Daten/System_Sozialer_Indikatoren/keyindik/ W004.pdf (Zugriff am 21.11.03) www.gladbeck.de (Zugriff am 13.03.04) www.gwg-gladbeck.de (Zugriff am 10.11.03)
www.homecompany.de/wohnungen/iptc-tmn-20020204-14-dpa_1565536.nitf.htm (Zugriff am 21.11.03) www.ils.nrw.de (Zugriff am 22.02.04)
www.inwis.de (Zugriff am 21.02.04)
www.kempinski-heiligendamm.de/de/index.php?sub_akt=presse (Zugriff am 23.04.04) www.krierkohl.com (Zugriff am 22.02.04)
www.kreis-borken.de/da_vermessung/toporadwander.html (Zugriff am 15.03.04) www.liebfrauen.de/kontakt/innenstadtplan_bocholt.pdf (Zugriff am 14.03.04) www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/presse/mai_august/Der_LWL/Presse/Mitteilungen/1024048692_0/index2_html (Zugriff am 12.03.04) www.net-lexikon.de (Zugriff am 21.03.04) www.newurbanism.org/pages/416429/index.htm (Zugriff am 17.09.03) www.newurbannews.com/germany.html (Zugriff am 22.02.04) www.nextroom.at/article.php?article_id=5343 (Zugriff am 15.02.04) www.roeben.com/html/kirchsteigfeld.html (Zugriff am 19.02.04) www.stadtbusbocholt.de (Zugriff am 15.03.04)
www.stadtentwicklung.berlin.de/bauen/grosse_projekte/de/tacheles.shtml (Zugriff am 20.02.04) www.stadtmarketing.muenchberg.de/pdf/Staerken-Schwaechen-Analyse.pdf (Zugriff am 20.03.04) (1) www.taz.de/pt/2001/03/03/a0191.nf/text (Zugriff am 20.02.04) (2) www.taz.de/pt/2004/01/08/a0213.nf/text (Zugriff am 21.02.04) www.tourist-mv.de/tourist-mv/badewasser/241a.htm (Zugriff am 21.02.04) www.uni-weimar.de/architektur/staedtebau1/lehre/WS/entwurf/aufgaben.htm (Zugriff am 17.09.03) www.urban21.de/raumordnung/siedlung/links.htm (Zugriff am 17.09.03)
Arbeit zitieren:
Johann Christoph Tieth, 2004, Wohnwelten der Zukunft - New Urbanism als Lösung?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Streitfall 'Hermannsschlacht': Die politischen Ambitionen des ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 47 Seiten
Abrechnung mit der Theodizee. Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Ch...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Das Klima von Mittel- und Süddeutschland
Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Herzog Ernst und die monstra des Orients
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 23 Seiten
Sündenfall, Zufall, Geburt, Katastrophe und die „alte“ und „neue“ Ordn...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Forschungsarbeit, 28 Seiten
Der Oberrheingraben und seine unterschiedlichen Naturräume
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Seminararbeit, 28 Seiten
Wasserkreislauf und Wasserbilanz, Abflusstypen.
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Seminararbeit, 19 Seiten
Herzog Ernst B zwischen Fiktionalität und Faktizität
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 15 Seiten
Die historische Entwicklung der Novelle bis ins 19. Jahrhundert (Bocca...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 18 Seiten
"Michael Kohlhaas": Die Wendung ins Mystizistische – ein erz...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 15 Seiten
Schillers 'Kabale und Liebe' als bürgerliches Trauerspiel
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Warum das Schreiben das Denken neu konstruiert
Walter J. Ongs Werk „Oralität ...
Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Benutzung von Lehrplänen in Deutschland
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 15 Seiten
Das Theodizee-Motiv in Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili&q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Zwischennutzung von Brachen - Neue Perspektiven für die schrumpfende S...
Raumwissenschaften, Stadt- und Raumplanung
Ausarbeitung, 47 Seiten
Franz Kafka, Der Prozeß - Zwei Lesarten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Seminararbeit, 12 Seiten
Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 8 Seiten
Härtling, Peter - Ben liebt Anna - Analyse des Buchs nach literaturwis...
Bachelorarbeit, 14 Seiten
Johann Christoph Tieth hat den Text Wohnwelten der Zukunft - New Urbanism als Lösung? veröffentlicht
Johann Christoph Tieth hat einen neuen Text hochgeladen
Urban Landscape: New Tendencies, New Resources, New Solutions
Agata Losantos, Daniela Santos Quartino, Bridget Vranckx
The Transatlantic Collapse of Urban Renewal: Postwar Urbanism from New...
Christopher Klemek
Research in Urban Sociology: New Directions in Urban Sociology Vol 4
Hutchison Ray Hutchison, Ray Hutchison, Ray Hutchison
Critical Urban Studies: New Directions
Jonathan S. Davies, David L. Imbroscio, Clarence N. Stone
0 Kommentare