Situation ähnlich wie die Wetterverhältnisse. Es ist kalt und winterlich. In dem Gespräch
findet es schon keinen Halt, nun rutscht es stetig ab und findet auch mit den Händen keinen
Halt (Bezug auf Zeile glatte Wolle seiner Handschuhe…). Ein interessanter Aspekt sind die
Redewendungen des Vaters. Er bietet im verbalen Bereich keinerlei Bezugspunkt. Wenn man
seine Sprache wirken lässt fällt eine Versachlichung des Kindes auf. Als Argument führe ich
hier die Tatsache an, dass das Kind als Kind und nicht als Junge, Mann oder gar namentlich
angesprochen wird.
In dieser Art der Ansprache schwingt ein hohes Maß an Alltäglichkeit und Abstand mit. Beide
wollen diesen Abstand überwinden, verfehlen aber jede Möglichkeit dazu.
Die Zeile … bringt einen Koffer ins Spiel. Dieser Koffer ist als Symbol für die Trennung
einzuordnen. Er stellt für einen kurzen Augenblick dar, wie belanglos sämtliche
Umwelteinflüsse und Gespräche in diesem Moment sind. Der Koffer wird zu einem
Reizpunkt für das Kind. Es spürt ihn an seinem Knie. Eine derartige Belanglosigkeit kann nur
dann erwähnenswert sein, wenn sich damit ein Gefühl oder eine Ablenkung verbindet.
In der Zeile … wird das Heimatdorf Gratte sehr unsympathisch beschrieben. Sie fahren
„durch eine Straße mit eckigen unfrisierten Gärtchen, und Gratte sah nur noch wie ein
dicker dunkler Pickel aus“. Durch diese methaporische Beschreibung wird das Dorf
unfreundlich und verlassenswert. Beinahe unangenehm. Es rückt in den Hintergrund. Im
Gegensatz dazu wirkt zunächst die neue Heimat. Der Wald von Laurich wirkt zunächst
erfrischend und wird vom Vater angepriesen. Er preist den Wald als tolles Spielgebiet und als
außerordentliches interessantes Abenteuergebiet an. Unterdessen empfindet das Kind den
Vater als Belastung. Seine übertriebene Anpreisung sorgt für Unbehagen. Die kalten Bäume
und ein alltägliches, reizloses Bild eines Mädchens dass sich die Fingernägel reinigt könnten
auch in der verlassenen Heimat stehen. Die örtliche Veränderung ist offensichtlich unnötig.
Zumindest dann wenn man den Erlebniswert des Ortes auswertet. Für das Kind ist dieser
Wald, diese Gegend sehr kalt, unsympathisch und ähnlich abweisend wie Gratte.
Da das Kind sich phlegmatisch verhält und das Gespräch wenig vorankommt, nutzt der Vater
die Möglichkeit sich über einen Rad fahrenden Jungen zu ereifern. Er breitet vor seinem Kind
die Möglichkeiten von starken Jungen aus. Es wird in dieser Phase der Versuch
unternommen, dass Kind an Erwartungen zu binden, ein Idealbild als Vorbild zu erschaffen
und einen emotionalen Kontakt zu dem fetten Jungen der auf dem Fahrrad sitzt und
schwitzend fährt herzustellen. Dies schlägt ebenfalls fehl. Der dicke Junge erzeugt beim Kind
nur Ekel und ein hohes Maß an Abneigung. Als Bezug dazu wird die eindeutige und kurze
Beschreibung herangezogen, die Worte „fetter Junge, schwitzendes und bläuliches Gesicht,
farblose Zunge“ sind der Eindruck den der Junge für das Kind verkörpert. Im Gegensatz dazu
steht die Begeisterung des Vaters. Die Kommunikation der beiden ist weiter erheblich gestört.
Als Antwort des Kindes auf die Begeisterung des Vaters folgt erneut eine phlegmatische
Antwort („Ich weiß nicht“). Nach dieser Antwort merkt dass Kind, dass es scheinbar eine
geringe Macht über den Vater hat. Dieser bekommt glasige Augen und bestätigt damit die
große Distanz. Das der Vater sich dieser kurzen Antwort und der unkooperativen Haltung des
Kindes etwas annimmt wird durch sein folgendes Verhalten bestätigt. Er stärkt seine superiore
Position in dem er die moralische Keule herausholt und an die nicht vorhandene Mutter
erinnert. Mit diesem Ausspruch („…vergiss nicht die Liebe Deiner Mutter“) wird das Kind in
eine defensive Haltung gedrängt. Es muss gegen einen Prozess ankämpfen der gegen eine
vom Vater beanspruchte Größe stattfindet. Die Mutter wird als eine moralische Instanz
eingesetzt und stützt den Vater. Es wird die Frage aufgeworfen, ob diese Mutter noch existent
ist. Eine Mutter würde mit Sicherheit die Fahrt zu dem Internat begleiten. Fraglich ist, ob die
Mutter verstorben oder auf anderem Wege weit entfernt wurde. Ein Hinweis darauf erschließt
sich mir aus dem Text heraus nicht.
In den nächsten Zeilen vergleicht der Vater sein Kind mit dem dicken Jungen und appelliert
an Kameradschaft und Konkurrenz. Die Enttäuschung des Kindes über dieses Verhalten des
Vaters ist erkennbar und wird durch eine schlaffe Körperhaltung begleitet.
Im weiteren Verlauf der Kurzgeschichte wird das Reiseziel sichtbar. Es wird beschrieben,
dass das Internat von der Abbildung in einem Prospekt abweicht. Erneut muss das Kind eine
Enttäuschung ertragen und merkt, dass seine Vorstellung nicht unbedingt in der Realität
vorhanden sein muss. Hier liegt eine Manipulation vor. Diese wurde durch die Glorifizierung
des Vaters und einen qualitativ hochwertigen Prospekt gestützt.
Das der Vater sich erneut mit Schönfärberei beschäftigt wird in der Zeile „“ deutlich. Er
glorifiziert die Umgebung und das mögliche Angebot der Umgebung. In diesen Zeilen wird
von den sportlichen Werten gesprochen. Das Kind bekommt zum ersten Mal ein männliches
Wesen zugedacht. Damit wird dem Leser bewusst, dass Gabriele Wohmann ein Kind für die
Geschichte ausgewählt hat, dass schmächtig ist. Dessen geschlechtliche Zuordnung wird
einmalig an dieser Stelle vorgenommen, das Kind dürfte sehr zart und unjugendlich sein. Es
ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass ein einschneidendes Ereignis (Tod der
Mutter) einen Entwicklungsrückstand unterstützt haben könnte. Dieser soll nun durch einen
Internatsaufenthalt eingeholt werden.
So bekommt der Internatsaufenthalt eine stützende Funktion. Die gotische Gratte kann an
dieser Stelle als Basis eingesetzt werden. Ich ziehe somit das Dorf Gratte als nie
verschwindende Größe für das Fortkommen im Leben des Junges hinzu und nehme das
Internat als Stück dieser Stütze.
Nach dem der Vater seinem Kind eine maskuline Veranlagung zugestanden hat, wird in den
nächsten Zeilen beschrieben, wie ein Sportplatz auf das Kind wirkt. Der hohe Zaun, eine
einheitlich schwarz wirkende Kindermasse und die planlose Bewegung der Kinder erzeugen
eine dunkle Gefängnisatmosphäre.
Die Kinder spielen mit einem eiförmigen Ball. Dieser wird in der Phantasie des Kindes zu
einem schwerfälligen, schwarzen Vogel. Dieser Vogel kann seine Schwerfälligkeit durch eine
Veranlagung oder eine Krankheit erhalten haben. Der Ball erhält in dieser Phase eine
besondere Bedeutung. Zum einen kann er als Unglücksbringer gedeutet werden. Raben oder
Krähen wurden wegen ihres Aussehens und des Rufens lange als Unglücksboten gesehen.
Von wenigen nordischen Völkern als Götterboten verehrt konnten sie aber auch als
unheimlich betrachtet und werden in vielen Kindermärchen als unsympathische Todesvögel
beschrieben. Eine hohe Lebenserwartung und ein hoher Erfahrungsschatz der Vögel besorgten
ihnen einen unheimlichen Ruf, der bei Kindern Bewunderung und Abneigung auslösen kann.
So kann das Kind in der Kurzgeschichte den empfundenen Gefängnishof mit einem
Todesvogel ausschmücken oder den Götterboten nutzen. Dieser kann dem Kind einen Weg in
die Realitätsflucht bieten.
Es kann mit dem Vogel vor dem flüchten und dem erzieherischem Einfluss des Vaters und der
Umgebung entfliehen.
Die Zeile „“ bedeutet eine Chance zur Umkehrung der superioren Position. Als der Vater sein
Kind berührt, verspürt dieses eine Gefühlswallung. Es möchte die Handschuhe ausziehen und
dem Vater eine lange aufgestaute Zuneigung offenbaren. Das Kind schafft nicht den Sprung
aus der emotionalen Zwickmühle und verbleibt in der Situation der gestörten Kommunikation
und Gefühlswelt.
Während das Kind gedanklich weiter mit dem Ball spielt bleibt der Vater ebenfalls in seinem
Gesprächsmuster. Seine moralische Wortwahl („Behalte all das in Erinnerung", sagte der
Vater. "All das Schöne und Liebe, das deine Mutter und ich dir zu geben versucht haben. Und
wenn's mal trübe aussehen sollte, denk zum Beispiel an heut Nachmittag. Das war doch ein
richtiger lustiger Ausflug. Denk immer an heut Nachmittag, hörst du? An alles, an die
Wäffelchen, an Wicklers Schau, die Plattform, an den Jungen auf dem Fahrrad) erinnert an
eine erzieherische Maßnahme (im Imperativ abgehalten!). Erst als das Kind Begreift, dass es
bislang eine sehr beschränkte Sicht auf die Situation des Vaters hatte erkennt es die
Schwachpunkte der „Vater-Kind-Beziehung“. Sofern man dem Kind unterstellt, dass es durch
das Wort „es“ begriffen hat, das der Vater nur einen positiven Lebensweg für sein Kind
möchte und es geprägt hat und weiter prägen möchte kann man ergänzen, das dass Kind seine
inferiore Rolle als lernende Rolle wahrnimmt. Ob es sich zu einem Mann im Sinne der
Vorstellung von Muskeln und Kraft entwickelt bleibt offen. Sofern es diesen Weg nicht
nimmt bleibt es in seiner Unförmigkeit ein egozentrisches „es“. So bald eine Veränderung des
Kindes stattfindet wird sich auch die Vater-Kind-Beziehung zu einer Vater-Sohn-Beziehung
verändern.
Diese Kurzgeschichte ist weder im Mannschen Stil noch kafkaesk geschrieben. Sie folgt
einem kurzen und schnörkellosen Erzählstrang. Dieser lässt zwar verschachtelte Sätze zu, hält
diese aber in einem kleinen Rahmen der nicht ad infinitum ist.
Die Rhetorischen Fähigkeiten der Personen werden nicht konkret beschrieben. Es wird
lediglich lesbar, dass die Gestik selten vorkommt und manchmal Gestenlos gesprochen wird.
Der Vater wird seine Rhetorik im Bereich der „Deckelung“ (Handflächen bestimmend nach
unten) einsetzen, während das Kind aufnimmt und mit hängenden oder greifenden Händen
Unsicherheit oder Verärgerung verarbeitet.
Eine Typzuordnung fällt mir in dieser Geschichte recht schwer. Weder der Vater noch sein
Kind sind eindeutige kinästhetische, auditive oder gar visuelle Typen. Der Gesprächsfluss des
Vaters wird durch mangelnde Gestik begleitet, erhält aber durch Augenbewegungen eine
Möglichkeit zur Deutung. In den meisten Passagen wird er auf der (aus der Sicht des
Betrachters!) linken Ebene agieren. D. h. er wird mit Augenbewegungen auf die linke Seite
Bilder konstruieren (schönfärben!) und Gefühle konstruieren. Diese Augenbewegung macht
seine Anstrengung deutlich, die er benötigt um seinem Sohn die Situation freundlich zu lügen.
In einer Situation wird er allerdings auf der rechten oberen visuellen Ebene eine Information
abrufen. Sofern seine Aussage zur eigenen Schulzeit nicht gelogen war bewegt er sich hier in
dem abrufenden Bereich. Zum Ende könnte ein innerer Dialog auf der unteren kinästhetischen
Ebene erfolgen.
Unterdessen wirkt das Kind in einer starren Welt. Es wird wenig Rührung zeigen und nutzt
nur in der Vogelpassage die die visuelle Ebene (oben rechts) um den Ball als Vogel aus dem
Gedächtnis abzurufen.
Eine kulturelle Beeinflussung wird durch das europäische Bild eines „im Saft stehenden
Mannes“ beschrieben. Muskeln, Sport, Familie, Kameradschaft und Konkurrenz werden zu
einer Summe addiert die einen Mann streitbar und erfolgreich macht. Ein Kind wird zum
Mann und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Es wird wehrhaft.
Arbeit zitieren:
Henning Kober, 2004, Wohmann, Gabriele - Analyse des Ländlichen Lebens, München, GRIN Verlag GmbH
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